7. Franken.

Die Wandlung vom starren typischen Stile des frühen Mittelalters zu

einer individuellen Belebung der Menschendarstellung fällt auch in der

fränkischen Malerschule in das erste Drittel des 15. Jahrhunderts,

und dasjenige Werk, welches den Uebergang von der einen zu der

andern Kunstweise bereits vollzogen zeigt, ist der ~imhofsche Altar~

in St. Lorenz zu Nürnberg, entstanden zwischen 1418 und 1422. Nach

ihm vervollkommnet und entwickelt sich die fränkische Malerei in

stetigem, ununterbrochenem Vorwärtsschreiten, bis sie in Albrecht Dürer

das Höchste erreicht, was ihr nach Massgabe der ihr innewohnenden

künstlerischen Kraft zu erringen möglich war.

Nordische und südliche Einflüsse, die in Köln und an anderen Orten das

deutsche Kunstschaffen aus seiner natürlichen Bahn geworfen hatten,

dienten im 15. Jahrhundert den Malern von Nürnberg nur dazu, sie in der

ihnen angeborenen Richtung zu bestärken und zu fördern. Kein Nürnberger

Künstler, der dauernd seine Stammesart verleugnet, kein unruhiges

Tasten, kein Hinundwiederschwanken von einem Leitbild zum andern,

bei aller Verschiedenheit der Individualitäten dieselben festen,

klaren, auf den ersten Blick zu erkennenden Grundbilder, dieselbe

psychologische Wurzel ihres innersten Wesens, und infolgedessen die

nahe Stilverwandtschaft und der gemeinsame Eindruck, welchen alle Werke

fränkischer Malerei jener Zeit in dem Beschauer hervorrufen.

Und dieser Gattungseindruck ist der einer grundechten, bodenwüchsigen

Kunst, in der ~deutsche Art~ mit ihren Vorzügen, aber auch mit ihren

Mängeln, am schärfsten und am vielseitigsten sich ausprägt. Wohl fehlt

ihr Beschaulichkeit, Poesie, Anmut und Harmonie der Kölner und das

sinnige Wesen und die traulich-gemütvolle Behaglichkeit der Schwaben,

oder richtiger, alle diese Seiten des deutschen Charakters werden

gewaltsam unterdrückt durch einen verstandgeborenen, unerbittlichen

Wirklichkeitsinn und eine scharfe Naturbeobachtung, die freilich gar

zu oft an der Schale der Dinge haften bleibt, anstatt in ihr Inneres

hineinzudringen, über bedeutungslosen Formen den schönen Abglanz

übersieht und die allem Geschaffenen innewohnenden Phantasiewerte

nicht herauszufühlen vermag. Dagegen ward ihr jene Gabe zu teil, in

der allein die Vorbedingungen zu dem höchsten künstlerischen Schaffen

enthalten sind: ein leidenschaftliches Temperament und eine dramatische

Gefühls- und Gestaltungskraft, die sich kaum genug thun kann im

Ausdruck der von innen nach aussen strömenden Empfindungen.

Köln mit seiner zarten Poesie und Nürnberg mit seinem heftigen

Pathos bezeichnen die beiden Pole alles künstlerischen Gestaltens in

Deutschland, was dazwischen liegt sind Abwandlungen der einen oder der

andern Art. Beide sind grundverschieden voneinander und doch zugleich

im tiefsten Grunde verwandt, etwa wie zwei wesensungleiche Schwestern

einundderselben Mutter. Lei lo vedere, e me l’ ovrare appaga, sie freut

am Schauen sich, wie ich am Wirken, — was Lea von ihrer Schwester

Rahel im Purgatorium (XXVII, 108) sagt, das könnte mit gutem Fug auch

Nürnberg anwenden auf Alt-Köln. Beschaulichkeit — Schaffensdrang,

Kontemplation —, Aktivität, zwei uralte Gegensätze und dennoch ~beide~

Aeusserungen ein und derselben Volksseele, beides Lebensbedürfnisse des

germanischen Stammes. Wer vermöchte zu sagen, welches das deutscheste

ist?

Die fränkische Malerei hat sich, was die Formengebung betrifft, an der

Plastik herangebildet, und ihr Abhängigkeitsverhältnis insbesondere zur

Holzskulptur lässt sich bis zu den ungelenken Werken verfolgen, die aus

Wohlgemuts vielseitigem »Atelier für bildende Kunst« hervorgegangen

sind. Auf dem Gebiete der Komposition und der Farbe war Wegweiserin

die Malerschule von Prag, demnächst die von Flandern, Brabant und

Holland, zu der feineren Belebung aber der menschlichen Physiognomie

ist sie ganz von selbst in den Wogen jener in den ersten Dezennien des

15. Jahrhunderts über ganz Deutschland sich ergiessenden geistigen und

sozialen Strömung geführt worden, die mit immer wachsender Stärke das

bereits in den Karolingertagen angebahnte, dann mehrfach unterbrochene

und immer wieder von neuem begonnene Werk mächtig förderte: die

Persönlichkeit aus der Menge emporzuheben und ihr auch in der

Kunstdarstellung einen für sich gesonderten Platz zu verschaffen.

Von den Werken fränkischer Kunst,[59] die noch vor dieser neuen Zeit

liegen und die alten Typen noch hölzern, unvermittelt nebeneinander

stehend, in zeichnerischem Umrissstil vorführen, müssen hier,

wenigstens summarisch, ihrer Donatorenbildnisse halber die folgenden

erwähnt werden.

[Illustration: ~Schmerzensmann mit Stifter.~ Heilsbronn.

Nach Thode, Malerschule von Nürnberg.]

Aus der Mitte des 14. Jahrhunderts ein ~Christus als Schmerzensmann

in~ der Münsterkirche zu ~Heilsbronn~. Zu seinen Füssen kniet betend

die im verkleinerten Massstab gehaltene Figur des Stifters: miserere

mei deus. Nach einer über dem Spruchband befindlichen Inschrift der

»Apt Friedrich von Hirzlach«. So bedeutend, feierlich und eindrucksvoll

die überlebensgrosse nackte Christusgestalt wirkt, so unbedeutend und

nichtssagend der Abt: das Inkarnat dieses hölzernen Püppchens ist genau

in demselben grünlichen Verwesungston gegeben, wie die Unterschenkel

des Heilands, und seine Züge lassen kaum eine Spur des Porträtartigen

erkennen.

Mit der Jahreszahl 1370 ist in derselben Kirche eine Tafel mit

~Christus~ bezeichnet, welcher auf seine Wunden, ~Maria~, die auf

ihre entblösste Brust zeigt, daneben ein in kleinerem Massstabe

gebildeter Stifter, in rotem, hermelingefütterten Mantel, roter Mütze

mit Hermelinbesatz, mässig spitzen Schnabelschuhen, grauem Kinn- und

Backenbart, angeblich der Leibarzt Magister Mengotus (?). Spruchbänder

neben allen drei Figuren. Goldgrund. Sehr übermalt.

Gleichfalls in ~Heilsbronn~ eine Tafel mit ~Maria~ und dem Kinde. In

einem besonderen Abschnitt darunter der im Ornat vor einem Betstuhl

kniende, 1365 gestorbene Bertholdus, Burggraf von Nürnberg, Bischof

von Eichstädt und Kanzler Kaiser Karls IV, ein Sohn des Burggrafen

Friedrichs IV. Ueber ihm ein Spruchband: Mater Dei, miserere mei. Diese

Tafel ist nach einer Inschrift bereits 1477 erneuert und wohl auch

später übermalt.

Im ~germanischen Museum~, No. 88, eine ~heilige Katharina~ mit einem

kleinen Donator, den man für einen sechszehnjährigen Knaben halten

möchte; etwa von 1400. Ebenda No. 89 eine ~heilige Elisabeth~, die

einem auf den Knien heranrutschenden Krüppel ein Gewandstück reicht.

Sollte sich in dieser einigermassen porträtartig gebildeten Missgestalt

etwa der Stifter dargestellt haben?

Aus dem ersten Jahrzehnt des 15. Jahrhunderts ~Christus in der

Glorie in S. Lorenz~, ~Nürnberg~, darunter die Stifterfamilie. Eine

Inschrift enthält die Worte: »1406 starb Paulus Stromer und sein

huisfrau ym grossen sterben der pestlentz.« Im germanischen Museum

No. 93 das ~Epitaph der Klara Holzschuherin~, nach einer Inschrift zu

schliessen von 1426. Zu Füssen der heiligen Katharina, der Patronin der

Wissenschaften, die Stifterin. (Die Hände sind grösser als der Kopf!)

Bei allen den vorgenannten Stifterbildnissen ist das Bestreben der

Handwerker-Maler ersichtlich, eine gewisse Profilähnlichkeit der

Dargestellten zu erreichen, auf eine auch nur annähernde Charakteristik

haben sie wohl von vornherein verzichtet. Nicht unwichtig für die

Entstehung dieser Bildnisgattung ist auch hier die Thatsache, dass

einige der frühsten Donatorenbilder ~nicht~ im verkleinerten Massstabe

erscheinen. (Vergl. hierzu die Anmerkung auf S. 60).

[Illustration: ~Burggraf Friedrich V. und seine Söhne.~ Heilsbronn.

Nach Stillfried-Alcantara, Altertümer des Hauses Hohenzollern.]

Am Schlusse dieser älteren Gruppe ist noch ein interessantes

Familienbild zu nennen, das aus dem Jahre 1398 stammen soll, aber

später vollständig übermalt ist. Es befindet sich hoch an einer Wand

in der Münsterkirche von ~Heilsbronn~ und ist, wie mir scheint, mit

Leimfarben auf Holz gemalt (nach Sighart S. 408 »Wandbild«, nach Dr.

Julius Meyer, Hohenzollern-Denkmale in Heilsbronn, 2. Auflage S. 16

»Fresko«). In zwei Gruppen, die ähnlich angeordnet sind wie die Stifter

auf Altaruntersatz oder Predella, stellt es die Familie des ~Burggrafen

Friedrich V. von Nürnberg~ dar. In der einen kniet in voller Rüstung

der Burggraf mit seinen beiden Söhnen Johann III. und Friedrich VI.

(demselben, den Kaiser Sigmund 1415 mit der Mark Brandenburg belehnte).

Auf dem Spruchband Friedrichs V. die Worte: Sancta Trinitas, unus Deus,

miserere mei, auf dem des ältesten Sohnes Johann: Ora pro me, sancta

dei genetrix; auf dem des ersten Brandenburger Kurfürsten, der den

zollernschen Wappenschild mit beiden Händen hoch emporhält: Miserere

mei Deus secundum magnam misericordiam. Die zweite Gruppe zeigt die

Gemahlin des Burggrafen, Elisabeth, Landgräfin von Thüringen, mit

neun Töchtern, unter ihnen, am weitesten von der Mutter entfernt, die

älteste Tochter Elisabeth, seit 1374 mit dem Kurfürsten Ruprecht von

der Pfalz vermählt, dem nachmaligen deutschen König. Beide Fürstinnen

haben Spruchbänder. Die Form dieser in ikonographischer Beziehung sehr

bemerkenswerten Familienbilder ist nur unter der Annahme verständlich,

dass sie einst in den Zwickelfeldern bezw. über den Bögen der

Kirchenwand angebracht waren. Ueber ihre künstlerische Qualität ist der

Uebermalung wegen nichts zu sagen. —

Mit den vier Flügelbildern des ~deichslerschen Altars~ in Berlin, No.

1207 bis 1210, dem ~imhofschen Altar~ auf der Imhof-Empore in S. Lorenz

und dem ~Bamberger Altar~ im bairischen Nationalmuseum, Zimmer No. 9,

beginnt die ~neue~ Kunstrichtung mit einer mehr körperlichen Bildung

der menschlichen Gestalt und einer auf Reflexion und Naturbeobachtung

begründeten Belebung und Differenzierung der Physiognomien. Thode

weist diese drei Altäre ein und derselben Künstlerhand zu, nämlich

der des Meisters ~Berthold~, als dessen Vorläufer er den »Meister der

przibramschen h. Familie« und den »Meister von Wittingau« bezeichnet,

welche beide unverkennbar aus der Prager Schule hervorgegangen sind.

Was auf dem ~deichslerschen Altar~, wohl von 1419, namentlich in

dem kräftig gebildeten, bartlosen, ausdrucksvollen Kopf des Petrus

Martyr, als ein schüchterner Versuch erscheint, das tritt in grösserer

Vervollkommnung auf dem ~imhofschen Altar~, zwischen 1418 und 1422, in

die Erscheinung. Gross und würdevoll sind hier die Köpfe sämtlicher

Heiligen behandelt, in voller Rundung heben sie sich von dem blauen

Hintergrund ab, beinahe jeder einzelne individuell-charakteristisch,

weit entfernt jedenfalls von der dekorativen Typik des 14.

Jahrhunderts, künstlerisch verallgemeinert allerdings auch sie und

in den Einzelheiten noch nicht an das lebende Vorbild erinnernd. Die

Stifter, ein Mann und drei Frauen, je zwei Figuren auf einem Flügel,

mittelgross, sind noch in der herkömmlichen Weise nebensächlich,

mehr als Symbole denn als individuelle Porträts behandelt. Noch

lebendiger und energischer erscheinen die Physiognomien auf dem

dramatisch bewegteren und nach Abmessung und künstlerischem Werte

bedeutenderen ~Bamberger Altar~ vom Jahre 1429, der in dem neuen

Nationalmuseum in München sehr wirkungsvoll aufgestellt ist und

namentlich bei Morgenbeleuchtung vortrefflich zur Geltung kommt. Hier

hat der Meister sich durch den Gegenstand, die Kreuzigung und andere

Passionsszenen, nicht zu gewaltsam übertriebenem Gefühlsausdruck und zu

grimmassierten Köpfen hinreissen lassen, sondern in ruhigem Masshalten

die in dem Stoff nun einmal enthaltene wilde Leidenschaft durch edle

Gesichtsbildungen gedämpft und so den ganzen Vorgang gewissermassen

in eine ideale Sphäre gehoben. Gerade diese Verklärung des Grausigen

veranlasst mich Sempers Vermutung zuzustimmen, dass in diesem Werke

italienische Einflüsse zu sehen sind, vermittelt vielleicht durch von

Süden hergekommene Wandmaler, denn wo die deutsche Kunst zu dieser Zeit

~selbständig~ vom Typus sich losringt, sehen wir sie ihre ~ersten~

Schritte nach der Naturwahrheit hin in der Regel in das Gebiet des

Hässlichen nehmen.

Von fränkischen Tafeln aus den dreissiger und vierziger Jahren, die

Thode der späteren Richtung Meister Bertholds zuschreibt, erwähne ich,

wiederum nur der Stifter willen, die folgenden:

~Tod der Maria~, ~S. Lorenz~, Führer No. 11, mit dem 1433 verstorbenen

Donator Hans Glockenton. (»Von einem geringen Schmierer«, Vischer.)

~Geburt Christi~, ~germanisches Museum~ No. 95, vermutlich von 1434.

Auf einem schildförmigen, einst um eine Säule gebogenen Bilde in

schlechter Erhaltung, Donator und Donatrix Prünsterer und Prünsterin.

Italienische Einflüsse sind hier sehr wahrscheinlich. (Thode: Gentile

da Fabriano.)

~Die imhofsche Madonna~, ~S. Lorenz~, Führer No. 16, wohl aus den

dreissiger Jahren. In einem Halbkreis unter der Gottesmutter und

zu ihr emporblickend, jedoch durch ein ornamentiertes Band von der

Hauptdarstellung geschieden, die zahlreiche imhofsche Familie in

verkleinertem Massstabe.

~Der Deokarusaltar~, ~ebenda~, Führer No. 19, wohl von 1437, mit zwei

kleinen Stiftern aus der Familie Volkamer.

~Das Epitaph der Klosterfrau Gerhaus Ferin im bairischen

Nationalmuseum~, die Stifterin von Johannes dem Evangelisten dem

Christkinde empfohlen. Alle diese Stifterbildnisse sind handwerksmässig

ausgeführt, in mehr oder weniger verkleinertem Massstabe, ein

Fortschritt nach der Richtung des Porträtartigen ist gegen die früheren

kaum zu bemerken, am ehesten noch bei der Imhoffamilie.

Aus der Mitte des Jahrhunderts ist als ein vermutlicher Schüler

Bertholds der geringere Meister des ~Wolfgangaltars~ zu nennen,

vielleicht ein Lehrer Wohlgemuts (Vischer), von dem das ~germanische

Museum~ in einem Raum neben der »Kirche« unter No. 441 eine

~Gedächtnistafel~ des 1449 bei Fürth gefallenen ~Anton Christian Imhof~

aufbewahrt. Das Bildnis des Verstorbenen, der in voller Rüstung kniend

und betend erscheint, ist als solches völlig wertlos.

Eine neue Phase der fränkischen Schule wird mit dem ~Meister des

tucherschen Altars~ eingeleitet, den Thode mit dem Meister ~Pfenning~

der Wiener Kreuzigung identifiziert. (Vergl. S. 138.) Ein ganz

hervorragender Künstler, der an Glut der Farbe, an dramatischer

Ausdruckskraft und an Lebenswahrheit alles bisher in Nürnberg

Geleistete weit übertrifft.

[Illustration: ~Mittelbild des tucherschen Altars

in der Frauenkirche.~ Nürnberg.

Nach Thode, Malerschule von Nürnberg.]

[Illustration: ~Maria als Himmelskönigin.~ Heilsbronn.

Nach Thode, Malerschule von Nürnberg.]

Der tuchersche Altar in der Frauenkirche, in den vierziger Jahren

entstanden, ist das Werk eines starken, leidenschaftlichen

Temperaments, das, mit einem unerbittlichen Wirklichkeitsinn begabt,

Empfindungsausdruck und Naturwahrheit der abgeklärten Bildschönheit

voranstellt. Das ist bodenechte deutsche Kunst. Alle Grundstoffe sind

bereits hier enthalten, die, zu höherer künstlerischer Reife gelangt,

uns in der grossen Nürnberger Malerei des nächsten Jahrhunderts wieder

begegnen. Auch das Physiognomische hat einen Schritt vorwärts gethan.

Man muss diese Köpfe, besonders die der Apostel, mit denen des um ein

Jahrzehnt älteren Bamberger Altars vergleichen, um die Wandlung zu

erkennen. Matt und konventionell erscheinen dort selbst die besten

gegenüber der Mannigfaltigkeit, Lebendigkeit und Charakteristik

der Physiognomien auf dem tucherschen Altar mit ihren feurigen,

durchdringenden Blicken.

Die ~pfenningsche Kreuzigung~ in ~Wien~, No. 1462, in der Thode,

allerdings unter entschiedenem Widerspruch anderer, wie schon gesagt,

den Meister des tucherschen Altars erkennt, ist auf der Schabrake eines

Schimmels bezeichnet: »D. Pfenning 1449 als ich chun«, die gleiche

Jahreszahl befindet sich auch auf einer der Fahnen der Kriegsknechte.

Das Bild erinnert in seiner gedrängten Anordnung, seinem Figuren- und

Lanzenreichtum an Darstellungen desselben Gegenstandes in Tiroler und

bairischer Kunst, doch steht es künstlerisch auf einer viel höheren

Stufe als diese. In den Köpfen der Männer ist derbe, doch nicht

gemeine Lebenswahrheit ausgedrückt. Der vollwangige Mann in vornehmer

Tracht auf dem Maulesel zur Linken könnte recht wohl das Porträt eines

geistlichen Würdenträgers sein, ein charakteristisches, wenn auch kein

sehr schmeichelhaftes. Bezeichnend ist es für die ruhige Stimmung

des Ganzen, dass die traditionelle Gruppe der wüsten würfelnden

Henkerknechte nicht mit aufgenommen worden ist.

Von Werken, welche Thode dem Meister Pfenning zuschreibt, ist vor

allem ~Maria als Himmelskönigin~ in der Münsterkirche zu ~Heilsbronn~

zu nennen. Unter ihrem prächtigen, mit einem kostbaren Perlensaum

besetzten Mantel haben sich die Cisterzienser Mönche, dreissig an

der Zahl, mit ihrem Abt geflüchtet. Alle seine künstlerische Kraft

hat der Meister der feierlichen Erscheinung der fast lebensgrossen

Gottesmutter zugewendet und dem nackten Kinde in ihrem Arm, das einen

am Faden flatternden Stieglitz hält. Die von späterer Hand stark

übermalten Köpfe der kleinen Mönchsgestalten sind nach altem Brauche

nebensächlich behandelt, am besten der bartlose Kopf des Abtes vorn

links, in dem wir wahrscheinlich den Stifter Ulrikus, genannt Kötzler

von Volkersan, vermuten dürfen, der zwischen 1435 und 1463 die Würde

des Abtes bekleidete. (Ueber die Gruppe der Schutzmantelbilder vergl.

S. 210 flg.) Auch auf diesem Bilde ist übrigens die Holztafel vor

Auftrag des Kreidegrundes mit Leinwand überzogen worden, wie an einigen

beschädigten Stellen zu erkennen ist.

Ferner vermutlich gleichfalls von Pfenning: Ein kleiner Altar mit

Doppelflügeln, die ~hallersche Stiftung~, in ~S. Sebald~ mit Stiftern.

Links ein Mann und eine Frau mit dem Wappen der Haller und Valzner,

rechts ein Mann mit zwei Frauen und dem Wappen der Haller, Koler und

Seckendorf.

In ~S. Lorenz~, vierte Kapelle rechts, Führer No. 9, ~Kaiser Heinrich,

Kunigunde und der heilige Laurentius~ empfehlen dem Heiland, einem

Schmerzensmann von plumpen, herkulischen Gliedern, den kleinen,

krüppelhaft gebildeten und auf den Knien rutschenden Stifter in

geistlicher Tracht. Es wäre recht interessant, zu erfahren, wer der

geistliche Herr war, der in solcher Gestalt und mit einem so grossen

Aufwand an vornehmen Schutzpatronen sich hier darstellen liess. (Vergl.

auch S. 150.)

In der ~Johanniskapelle~ des gleichnamigen Friedhofes in ~Nürnberg~ ein

koloristisch sehr schöner kleiner ~Altar~ mit masslos übertreibender

Darstellung des Schmerzes in einzelnen Köpfen und über die Natur

gesteigerten Schergenfratzen, doch in anderen Szenen, vor allem in der

Gruppe um Maria, von ergreifendem Ausdruck der Empfindung.

Eine Schule hat der Meister des tucherschen Altars in Nürnberg nicht

gemacht, nur einige ganz untergeordnete Zunftmenschen scheinen sich an

sein Vorbild gehalten zu haben. Dagegen glaubt Thode seinen Einfluss

bei drei Künstlern ausserhalb Frankens gefunden zu haben, es sind dies:

Der ~Meister des Altars in der Reglerkirche zu Erfurt~ aus der Mitte

des Jahrhunderts. Ein wildes, leidenschaftliches Temperament auch er,

aber ohne Mass und Ziel, ein Künstler, der das denkbar mögliche an

karikierender Uebertreibung der Physiognomien leistet, der, selbst

im höchsten Grade erregt, seine Erregung auf den Beschauer überträgt.

Mit einem Gefühl des Missbehagens wendet man sich von ihm ab, trotz

seiner malerischen Qualitäten, zu denen eine in fränkischer Kunst in

dieser Weise nirgends zu findenden Ausnutzung der Belichtung zur Hebung

der Bildwirkung zu rechnen ist. Aber sein Lichtexperiment hat etwas

Gewaltsames, Gesuchtes, man merkt ihm die Absicht an und gelangt so zu

keiner eigentlichen Freude an dem Effekt. Wie ganz anders empfindet man

doch vor den zwar auch noch unvollkommenen, aber aus echtem Malerherzen

kommenden Belichtungsversuchen eines Konrad Witz oder Hans Multscher.

~Der Breslauer Meister von 1477~, der das grosse und reichgegliederte

Altarwerk im Museum der schlesischen Altertümer gemalt hat; ich habe

ihn bei der schlesischen Schule erwähnt. (S. 146.)

Der ~Meister der Kreuzigung in der Frauenkirche zu München~. Ein,

soweit das schlechte Licht der Kirche eine Beurteilung gestattet, recht

schwaches, temperamentloses Werk. —

Um die Mitte des 15. Jahrhunderts tritt nun auch in die Bahnen der

fränkischen Schule die grosse nordisch-germanische Kunst der Eyck und

ihrer Nachfolger. Ihr Erscheinen bezeichnet eine neue Phase, keine

grundstürzende Aenderung in der Malerei von Nürnberg. Selbständig

hatten sich hier, wie an allen Kunststätten Deutschlands, die Meister

von der mittelaltrigen Typik befreit und waren, vielleicht teils aus

Ueberdruss an den alten schematischen Formen, also durch Reflexion,

teils durch das Studium der Wirklichkeit zu einer lebensvollen

Menschendarstellung geführt worden. Aber ihr Schaffen war bestimmt

durch die auf autodidaktischem Wege erworbenen Fähigkeiten einzelner

und eigenwilliger Persönlichkeiten, es fehlte ihr Ordnung und Gesetz,

an denen eine tüchtige und verlässliche Schule sich heranbilden konnte.

Bei der mit jedem Individuum von neuem zu beginnenden Selbstbelehrung,

war die fränkische Kunst bisher gewissermassen in einzelnen wilden,

wenn auch prangenden Trieben in die Lüfte geschossen, aber das Holz

ihres Stammes hatte die Jahresringe nicht angesetzt, die ihr Ausdauer,

Festigkeit und die Kraft eines grossen Musters gegeben hätten. Ordnung

und Gesetz kamen ihr nun von Flandern, gleichzeitig mit einem neuen

künstlerischen Prinzip und mit neuen technischen Mitteln, Ordnung und

Gesetz, denen man sich willig unterordnete, die man jedoch nicht, wie

am Niederrhein, als unwandelbaren Kanon hinnahm, sondern die man nach

der Eigenart des Volksstammes abwandelte.

Der erste grosse Meister der neuen Epoche ist ~Hans Pleydenwurff~,

dessen künstlerische Erscheinung scharf und klar aus dem Sammelbegriffe

Wolgemut herausgehoben zu haben, das bleibende Verdienst des Verfassers

der Malerschule von Nürnberg ist. 1451 taucht sein Name zum ersten Male

in den Bürgerlisten auf, 1472 ist er gestorben.

[Illustration: ~Kreuzigung von Pleydenwurff.~ München, Pinakothek.

Nach einer Photographie der Verlags-Anstalt Bruckmann.]

Das Physiognomische in den Werken Hans Pleydenwurffs erinnert

auffällig an jenen niederländischen Künstler, der den Nürnbergern

geistesverwandter gewesen ist als die ruhig abgemessenen Meister des

Genter Altars, an Roger van der Weyden. Aber bei demselben Grundzug

individuellen Wollens haben seine Gesichter doch ein ganz eigenartiges

Gepräge, das vorher in Franken nicht zu finden war und das von nun an

für seine und die spätere Wolgemut-Schule bezeichnend wird: breitere

Kopfformen als früher, langgezogene, oft gebogene Nasen, schwere, ein

wenig gesenkte und wie aus Leder geschnittene Lider und ein Ausdruck,

der die Mitte hält zwischen männlicher Kraft und, vornehmlich bei

Wohlgemut, grämlichem, oft weinerlichem Ernst und zahnschmerzartiger

Wehleidigkeit. In seinem Hauptwerk, der ~Kreuzigung in München~,

No. 233, Klass. Bilderschatz, 398, erscheinen, ausser den Köpfen,

die man schlechthin als pleydenwurff-wolgemutische Typen bezeichnen

kann, einzelne von entschieden porträtartigem Aussehen, nicht bei

den Frauen, wohl aber bei den Männern, so u. a. bei dem in scharfem

Profil nach rechts gewandten Kopf des einen Schimmel reitenden, vom

Rücken gesehenen Mannes in rotem, pelzverbrämten Wams, auf dessen

turbanartigem Kopfputz einige verschnörkelte Buchstaben, wohl J. P.,

Johannes Pleydenwurff, angebracht sind.

Auf einer zweiten ~Kreuzigung~, die sich im ~germanischen Museum~ unter

Nr. 100 befindet, Klass. Bilderschatz 350, weniger tief, warm und

leuchtend im Ton als die Münchner, kniet vorn in hellgrüner Pelzmosette

mit Fuchsschwänzen (?) besetzt und weissem Untergewand in kleiner Figur

der Stifter, ~Kanonikus Schönborn~ von Würzburg. Auch hier ist das

Stifterbildnis noch flüchtig behandelt, doch ist die Aehnlichkeit mit

dem eigentlichen Porträt des Kanonikus sofort zu erkennen.

Dieses ~Porträt~, No. 101 des germanischen Museums, gleichfalls von

J. Pleydenwurff, ist ein meisterliches Kabinetstück der Sammlung. Die

Annahme des »Wegweisers für die Besucher« des Museums von 1896, dass

dieses Porträt vielleicht eine Studie für das Donatorenbildnis der

Kreuzigung sei, ist völlig unwahrscheinlich. Jenes ein drittel Meter

hohes und ein viertel Meter breites Brustbild ist bis aufs Kleinste mit

liebevoller Sorgfalt durchgearbeitet und ist jedenfalls nur um seiner

selbst willen in wiederholten Sitzungen nach dem Leben gemalt worden,

während das kniende Figürchen auf der Kreuzigung recht wohl einem

flüchtigen Erinnerungsbilde sein skizzenhaftes Dasein verdanken kann.

[Illustration: ~Porträt des Kanonikus Schönborn.~ Nürnberg.

Nach Photographie.]

Der alte Herr in violetter, pelzbesetzter Damastschaube mit dem

feinen, von grauweissen Haar umkränzten Gelehrtengesicht schaut hellen

Blickes in dreiviertel Wendung nach links über das geschlossene Buch

in losem grünen Umschlag hinweg, das er in seiner Linken hält, mit

dem Daumen die soeben gelesene Stelle festhaltend, die Lippen halb

geöffnet, als lausche er aufmerksam den Worten eines nicht sichtbaren

Sprechers. Ein erstes und in solchem Grade einziges Auftreten des

~Momentanen~ in Ausdruck und Gebärde auf einem unabhängigen Porträt

des 15. Jahrhunderts! Alter und geistige Arbeit, nicht gemeine Sorge

und körperliches Leid, haben wie mit feinem Griffel ihre Spuren in

das lebensprühende Antlitz des Greises gegraben. Die Ausführung ist

bei aller detaillierender Peinlichkeit kaum mehr zeichnerisch,

sondern weich und malerisch, und der Kontur verschwimmt leicht in der

blauen Farbe des Grundes. Leider wird die Bildwirkung durch den noch

mittelaltrig beschränkten Rahmenraum beeinträchtigt: das richtige

Verhältnis zwischen der Figur und dem Luftkörper, in welchem sie

gedacht ist, hat der Maler noch nicht gefunden.

Von andern Werken Pleydenwurffs sind hier zu nennen:

Ein ~Altarwerk~, von dem ein Flügel mit der Vermählung der heiligen

Katharina und einer mit der Geburt Christi sich in ~München~, No. 234

und 234a, ein anderer mit der Auferstehung und einer mit Christus am

Kreuz sich in ~Augsburg~, No. 130 und 131, befindet. Auf der Geburt ein

Stifter — die kniende Figur ist nicht grösser als der Kopf Marias —,

auf der Auferstehung eine Stifterin, beide mit dem Wappen der Landauer

(?). Auf der Tafel mit Christus am Kreuz soll ein porträtartiges

Gesicht in der Männergruppe Aehnlichkeit mit Michel Wolgemut haben;

eine Gestalt in der Auferstehung, der aufschauende Armbrustschütze

links, erinnert an eine Figur auf der Nürnberger Kreuzigung.

Malerisch das bedeutendste ist jedenfalls die Vermählung der heiligen

Katharina, — aber sind diese beiden herrlichen Gestalten der Maria

und der Katharina wirklich nürnbergisch? Auch der lichtdurchflutete

Raum mutet so wenig fränkisch an, eher wird man an einen Meister der

Bodenseeschule gemahnt.

Eine ~Anbetung der Könige~, ~germanisches Museum~ No. 125. Der greise

König, der dem Christkinde die Hand küsst, ist gewiss ein Porträt und

zeigt eine entfernte Aehnlichkeit mit dem Kanonikus Schönborn, sodass

man es hier vielleicht mit einer Wiederholung desselben in noch höherem

Lebensalter zu thun hat.

Eine ~Vermählung der heilgen Katharina~, ~ebenda~, No. 104. Der

Stifter, gleichfalls ein Kanonikus, wird dem Christkind durch den

heiligen Bartholomäus empfohlen. Der den weltlichen Freuden anscheinend

nicht abholde geistliche Herr in der Mitte der Vierziger ist gegen den

Brauch von derselben Grösse wie die Heiligen und, soweit die starke

Uebermalung ein Urteil erlaubt, mit derselben Sorgfalt wie diese

ausgeführt. Die Tafel ist einundeindrittel Meter hoch und fast einen

Meter breit, — ein »Empfehlungsbild« im Sinne der grossen italienischen

Malerei.

Ein ~Altarbild in Szczepanów~, Galizien, von 1470, wird neuerdings

von Weisbach[60] gleichfalls dem J. Pleydenwurff zugeschrieben. Es

ist hier der Stifter wegen zu nennen, die, in verkleinertem Massstabe

und mit zwei Spruchbändern versehen, mindestens so gut ausgeführt zu

sein scheinen, wie der Schönborn auf der Nürnberger Kreuzigung. Die

drei Figuren sind nach Weisbachs Untersuchungen wahrscheinlich: der

plebanus Stanislaus Zabka, nobilis de domo Prussy, dieser am weitesten

links, und die beiden andern Angehörige der Familie Prussy. Bei dem

lebhaften Verkehr Nürnbergs mit dem deutschen Osten erscheint es nicht

ausgeschlossen, dass Pleydenwurff, wie 1462 in Schlesien, so auch 1470

persönlich in dem damals noch germanischen Polen gewesen ist.

Von einem unbekannten Zeitgenossen Pleydenwurffs, der ihm

auch künstlerisch nahe steht, befindet sich im Westchor der

~Sebalduskirche~, im Halbdunkel der Peterskapelle, ein 1453 von der

Nürnberger Patrizierfamilie ~Löffelholz~ gestifteter ~Altar~, dessen

kindlich freundliche runde Köpfe eine gute Naturbeobachtung, aber kein

allzu ernstes Eindringen in die Tiefe der Persönlichkeit bekunden.

Auf der Predella die kleinen knienden Stifter mit den Wappen der

Löffelholze, Dietner, Stromer und Sachsen, sowie die Stifterinnen mit

denen der Löffelholze, Zingel, Kress und Stromer. In diesem nicht sehr

bedeutenden Werke glaubt man den frühsten Einfluss des Genter Altars in

fränkischer Kunst zu erkennen.

Dem Meister des Löffelholzschen Altars schreibt Thode auch ein in sechs

Teile zerlegtes ~Altarwerk~ in zwei verschiedenen Kapellen des linken

Seitenschiffes von ~S. Lorenz~ zu, mit Darstellungen aus der Legende

der heiligen Katharina, und sieht in einer Figur auf der Unterredung

mit dem Könige »ein ausgezeichnetes, ungemein lebendiges Porträtbildnis

(vielleicht des Malers selbst)«.

Was die Köpfe Pleydenwurffs von denen seines berühmten Nachfolgers

~Michel Wolgemut~ unterscheidet, liegt, wie schon gesagt, weniger im

Formalen, als in dem seelischen Ausdruck, und schon an diesem allein

erkennt man in den meisten Fällen, mit welchem von den beiden Meistern

man es zu thun hat.

Pleydenwurffs Menschen gehören wahrlich nicht einer geistig

hervorragenden Welt an — ein Kopf wie der Schönborns steht ganz

vereinzelt —, ihr Gedankeninhalt ist ein beschränkter und sie ermangeln

jeglicher seelischen Monumentalität, aber wenigstens geben sie sich

natürlich und wollen nicht anders scheinen, als sie sind. Wolgemuts

Gestalten entstammen derselben geistigen Atmosphäre, aber sie bemühen

sich, ein Empfindungsleben und eine Würde zu heucheln, die ihrem innern

Wesen fremd sind. Gemacht-anmutig neigen sie das Haupt zur Seite,

geziert schieben sie die Unterlippe hervor und wehmütig lassen sie

die Mundwinkel herabsinken. Im Grunde sind seine Mädchen doch recht

einfältige Jungfräulein, deren breite Kopfformen das Gehirn eines

Kanarienvogels zu bergen scheinen, und seine Männer gleichgiltige,

knechtischstumpfe, innerlich hohle Gesellen.

Aber Wolgemuts Menschen sind nicht nur spiessbürgerlich beanlagte

Philister ohne einen Anflug idealer Lebensfreude, sondern sie

sind zuweilen auch unliebenswürdige Grillenfänger, hinter deren

»ausstaffiertem Schmerz und trüben Augenbrauen« wir »Leerheit oder

schlechtes Herz« vermuten.

Lionardo ermahnt in seinem Buche von der Malerei (No. 74) den Künstler,

dass er die Mängel seiner eigenen Person herausfinde, sie kennen lerne

und sich hüte, sie etwa auch auf seine Schöpfungen zu übertragen.

Wolgemuts Physiognomie ist uns aus Dürers vortrefflichem Porträt[61]

in der Münchner Pinakothek, Klass. Bilderschatz 650, bekannt. Wenn

man diese lebhaften Augen und die feinen, anfangs recht ansprechenden

Züge lange Zeit betrachtet hat und dann, wie es mir ergangen ist,

hinter dieser biederen Miene den klugen und arbeitstüchtigen,

aber herzenskalten, nüchternen, phantasielosen, eigensinnigen und

eigennützigen Geschäftsmann erkannt hat, so wird man sich kaum des

Gedankens erwehren können, es habe der Meister, Lionardos Warnung zum

Trotz, die eigenen Charakterfehler in die Gebilde seines geschäftigen

Pinsels mit hinüber genommen.

Diese gallige »Neigung zu fast bitterer Schärfe«, die uns so häufig

die Freude an Wolgemuts Bildern verdirbt, ist vielleicht sogar in

einem Werke seines grossen Schülers wiederzufinden: in Dürers Porträt

Friedrichs des Weisen in Berlin,[62] — einer der seltenen Fälle, wo

man, wenn man so sagen darf, die Nabelschnur zu erkennen glaubt, die

den Meister mit des Wolgemuts Haus »gegenüber den Schildröhren« verband.

Von diesem Gesammturteil über das Physiognomische in Wolgemuts

Werken sind, wie ich gern zugebe, einige wenige Köpfe ausdrücklich

auszunehmen, — die malerischen Qualitäten des Meisters, insoweit man

ihm solche zugestehen will, werden von dem Tadel seiner Typen überhaupt

nicht berührt.

~Michel Wolgemut~ ist 1434 (?) in Nürnberg geboren worden, hat sich

1472 mit der Witwe H. Pleydenwurffs verheiratet, in seine Werkstatt

trat 1486 Dürer ein, erst 1519 ist er verschieden, »am sant enders tag

fru ee dy sun awff gyng«.

Sein »wohlgestaltet« Hauptwerk, zum grössten Teil eigenhändig

ausgeführt — später beschränkte sich seine Thätigkeit auf das

allgemeine Entwerfen seiner zahlreichen Aufträge, die Verteilung der

Arbeit an die Gehilfenschar und das Einziehen der Gelder —, ist der

~Zwickauer Altar~ vom Jahre 1479, koloristisch jedenfalls das beste

was er jemals geleistet hat. Hier hat er uns auch auf einem der

Flügel ein wirkliches »Assistenzbild« geliefert: in den trachtlich

freier behandelten Männergestalten des Sippenbildes,[63] je zwei zur

äussersten Linken, je zwei zur Rechten, Kleophas, Salomo, Alpheus und

Zebedäus, sind sicherlich Porträts zu erkennen und zwar vielleicht die

vier bei der Bestellung des Hochaltars massgebend gewesenen Personen

»merten römer, hauptmann zu zwickaw, rath pavel strödel, bürgermeister

caspar sagner und thomas vilberer alterleute«. Eine Ueberlieferung

bezeichnet eines derselben, das des hinten links eine Rolle in der

Hand haltenden, als ein Selbstbildnis Wolgemuts; eine Aehnlichkeit mit

dem alten Wolgemut, wie ihn Dürer gemalt hat, ist jedenfalls nicht zu

entdecken.

Auch auf dem Flügel mit der Anbetung der Könige scheint der kniende

kahlköpfige Kaspar ein Porträt zu sein.

Das frühste Werk von Wolgemuts Hand und dasjenige, dem er seinen

heute nicht mehr recht verständlichen Ruhm wohl verdankt, ist der

mit 1465 bezeichnete ~Hofer Altar~, jetzt in der ~Pinakothek~, No.

229 bis 232. Wenn auch auf diesen vier nicht geradezu unerfreulichen

Tafeln der Anschluss an H. Pleydenwurff in einem gewissen allgemeinen

Schönheitsgefühl und in einer verhältnismässigen Mannigfaltigkeit

der Physiognomien sich ausspricht, so tragen doch Männer sowohl

als Frauen schon den Stempel langweiliger Oede auf ihren Stirnen.

Je weiter Wolgemut im Alter und der Routine vorwärts schreitet,

umsomehr verschärft sich das Mal der geistigen Armut seiner Geschöpfe,

aber gleichzeitig werden seine Frauen umso gezierter und umso

vornehmthuender grilliger, misanthropischer und leichenbitterhafter

seine Männer. Der ~Altar~ der Pfarrkirche zu ~Hersbruck~, aus den

letzten Jahren des Jahrhunderts, scheint, nach den Reproduktionen zu

schliessen, eine wahre Musterkarte unliebenswürdiger und abstossender

Gesichter zu enthalten.

[Illustration: ~Sippenbild aus dem Zwickauer Altar~ von Wolgemut.

Nach Photographie.]

Wie die Idealgestalten Wolgemuts, so zeigen auch seine porträtartig

gemeinten Stifterbildnisse dieselbe geistige Missernte, doch mag

das Odium ihrer Urheberschaft bei der Mehrzahl wohl nicht den

Meister treffen, sondern irgendwelchen seiner derben Gesellen.

Eine Befriedigung seines künstlerischen Ehrgeizes hat ja, wie wir

gesehen haben, überhaupt kaum je ein altdeutscher Maler in dieser

Bildnisgattung gesucht.

Auf einem ~Epitaphium~ für ~Frau Margareth Wilhelm Hallerin~,

~germanisches Museum~ No. 115, wo um das Sterbebett Marias elf

missmutige, mürrische Apostel versammelt sind[64] (eine freie Benutzung

des schongauerschen Stiches, der auch auf einer Tafel des Hersbrucker

Altars zum Vorbild gedient hatte), befindet sich auf einem besonderen

Abschnitt unter der Hauptdarstellung ein höchst uninteressantes Ehepaar

nebst karikaturenhafter Nachkommenschaft mit den Wappen der Haller und

Groland. Die Tafel ist mit 1487 bezeichnet. Frau Margareth trägt hier

bereits das kunstvoll über ein Drahtgeflecht zusammengelegte Kopftuch,

ähnlich wie es Dürer auf seinen Trachtenbildern von 1500 schildert.

In ~S. Lorenz~, vierte Kapelle links, Führer No. 15, ein

~Schmerzensmann~ zwischen Philippus und Jakobus, zu seinen Füssen

ein in etwas grösserem Massstabe als üblich gebildeter Stifter in

der Tracht eines Kanonikus, vielleicht der 1484 verstorbene Leonhard

Spengler. Ebenda noch einige andere Tafeln mit kleinen unbekannten

Donatoren.

Der in der Sammlung von ~Bamberg~ unter No. 21 bis 23 als Wolgemut

bezeichnete ~Altar~ ist wohl von einem späteren, aber ganz

hervorragenden Schüler des alten Nürnberger Meisters gemalt. Die

Stifterinnen unter dem Kruzifixus, der Krönung und der Beweinung, von

den Hauptbildern durch eine Leiste getrennt, gehören nach den Wappen

und der beigeschriebenen Todesnachricht mit den Jahreszahlen 1483, 1494

und 1521 der Familie Volkamer an.

In Wolgemuts vielbeschäftigter Werkstatt hat eine stattliche Schar

zum Teil sehr tüchtiger Gehilfen gearbeitet, in welcher die neuere

Forschung einige ganz bestimmte künstlerische Individualitäten zu

erkennen glaubt. Der persönlichste von allen und an Begabung dem

Meister überlegen, scheint ~Wilhelm Pleydenwurff~, der Sohn des Hans

Pleydenwurff, gewesen zu sein, der um die Mitte des Jahrhunderts

geboren und in jungen Jahren 1494 gestorben ist. Er hat mit seinem

Stiefvater Wolgemut die schedelsche Weltchronik mit Holzschnitten

illustriert, und es ist Thodes Verdienst, durch scharfe Stilkritik die

besseren Arbeiten des ersteren von denen des letzteren geschieden zu

haben. Auf Grund dieser Untersuchungen weist Thode, allerdings nicht

ohne Widerspruch, dem Wilhelm Pleydenwurff eine Anzahl grösserer Werke

zu, die bisher allgemein für wolgemutisch gegolten haben, vor allem

weitaus die meisten der Darstellungen auf der berühmten »Tafel in der

Augustiner-Kirche gegen die Schustergasse, welches (das Gemälde) der

Peringsdorffer hat machen lassen.«

Der ~Peringsdörffer Altar~, 1488 gestiftet, befindet sich jetzt im

~germanischen Museum~, No. 107 bis 114, Klass. Bilderschatz 759,

zwei Tafeln in ~S. Lorenz~, Führer No. 12 und 18. Es ist ein anderer

Geist als der wolgemutische, der aus diesen Bildern spricht, ein

höheres Schönheitsgefühl, ein intimeres Naturstudium und eine freier

schweifende Künstlerphantasie. Die Pinselführung ist schwungvoller

und fliessender, und wenn auch seine Malweise noch immer etwas

mosaikartiges beibehalten hat, so ist doch die modellierende Kraft der

Farbe zu einer gewissen Rundung der Körper benutzt worden, wie nur

irgend von einem der grössten Meister von Alt-Köln.

Aber der wichtigste Unterschied gegen Wolgemuts Arbeiten besteht im

Physiognomischen. In den Zügen der Heiligen und der Nebenpersonen

dieser wie in einer Welt des Traumes geschauten Handlungen ist nichts

von erheuchelter Empfindung, nichts von Geziertheit oder hämischem

Spiessbürgersinn zu bemerken. Das wüste Volk der Schergen ausgenommen,

sind es naive, reine, sanfte, kindlich heitere Wesen, lebendig und

lebenslustig, nicht aus gedankenloser Oberflächlichkeit, sondern

vielleicht gerade weil sie das Tiefste gedacht haben. Und auch die

Mitarbeiter am Peringsdörffer Altar sind dem Meister auf seinem höheren

Fluge gefolgt (die Tafel in S. Lorenz, No. 12, ist bezeichnet R. F.

1487), denn das Ganze macht einen völlig einheitlichen Eindruck; auch

sie müssen an das Göttliche ihrer Heiligen ~geglaubt~ haben, während

man den Schöpfungen des berühmten Werkstatt-Oberhauptes anfühlt, dass

sie mit nüchternem, kühlen Herzen und gleichgiltig geschäftiger Hand

gemalt worden sind, aus keinem anderen Grunde, als weil ihre Besteller

nun einmal die altgewohnten biblischen Stoffe verlangten.

Ein Stifterbildnis drängt sich glücklicherweise auf keiner der Tafeln

die Harmonie der legendarischen Erzählung störend ein, aber die

Vermutung, dass in dem feinen Jünglingskopf des die Madonna malenden

heiligen Lukas W. Pleydenwurff uns ein Selbstbildnis hinterlassen hat,

liegt wohl nicht allzufern. Vielleicht darf auch ein auf der Heilung

des Besessenen im Hintergrunde stehender junger Mann für das Porträt

jenes Gehilfen angesprochen werden, welcher die Veit-Bilder zu malen

hatte.

[Illustration: Der ~h. Lukas, die Madonna malend~.

Vom Peringsdörffer Altar. Nürnberg, German. Museum.

Nach Photographie.]

Von einem mehr zeichnerisch als malerisch beanlagten Schüler Wolgemuts

(aber nicht, wie Vischer meint, Hans Raphon), sind die Decken- und

Wandmalereien eines Zimmers des ~Goslarer Rathauses~ ausgeführt

worden. Der Künstler hält sich im allgemeinen an den wolgemutischen

Stil, doch zeigen seine kräftigeren Männerköpfe und die Behandlung

der Gewänder, dass er bereits die Frühwerke Dürers gekannt hat.

Auch in diesem Werk trägt ein lebensvoll erfasster Kopf entschieden

porträtartige Züge, und zwar der eines vor der Himmelskönigin knienden,

schwarzgekleideten Mannes, bartlos, eine Warze auf der Wange, mit

energischem Mund, Adlernase und kühl und verständig blickendem Auge, —

einer Ueberlieferung nach der Bürgermeister Johann Papen von Goslar.

Gleichfalls nicht von Wolgemut selbst, obwohl ihm bis auf Seidlitzs

Untersuchungen allgemein zugeschrieben, ist der ~Dreikönigsaltar~

in der Kirche von ~Heilsbronn~, so genannt nach der geschnitzten

Hauptdarstellung auf dem Schreine, von 1502 oder 1503. Der nicht

gerade bedeutende Meister dieses Altars übertrifft dennoch Wolgemut an

Schönheitsgefühl sowie an Mannigfaltigkeit und Individualität seiner

Gestalten; am nächsten scheint er, wie Thode hervorhebt, dem Wilhelm

Pleydenwurff zu stehen. Auch er hat offenbar Dürers Frühwerke gekannt.

Auf den Rückseiten der äusseren Flügel befinden sich in besonderen

Abschnitten unter den heiligen Vorgängen recht gute und ikonographisch

interessante Stifterbildnisse, und zwar: unter der Kreuzigung Friedrich

IV, Markgraf von Brandenburg, zweiter Sohn des Kurfürsten Albrecht

Achilles aus erster Ehe, gestorben 1536, im Harnisch mit den Insignien

des Schwanenordens geschmückt, begleitet von einem Vasallen, welche das

markgräfliche Wappenschild und den Helm seines Lehnsherrn trägt, und

seinen neun Söhnen, welche später den Vater »wegen Geistesblödigkeit«

der Regierung entsetzt haben; unter der Messe des heiligen Gregors

seine Gemahlin Sophie, eine Tochter König Kasimirs von Polen,

gekennzeichnet durch den roten Schild mit dem silbernen Adler, nebst

ihren acht Töchtern, sämtlich uniform in rote, schwarzgesäumte Mäntel

gekleidet.

Dem Meister des Heilsbronner Altars werden von Thode, der ihn als

möglicherweise identisch mit Hans Traut bezeichnet, noch einige

unbedeutende Werke zugeschrieben. Eines von diesen, die Malereien auf

dem kleinen ~Gregor-Altar~ der ~Heilsbronner Kirche~, zeigt auf der

Staffel mit der Beweinung Christi einen gänzlich übermalten Stifter,

wahrscheinlich Johann Wenk, der von 1518 bis 1529 Abt von Heilsbronn

gewesen sein soll. Auf einem Spruchband: Miserere mei deus secundum

magna misericordiam mea(!).

Der Meister des 1508 für die Pfarrkirche von ~Schwabach~ gelieferten

~Altars~ — die Ausführung des Schnitzwerkes und der Malereien war

Wolgemut übertragen worden, aber ausser der Staffel (nach Seidlitz

auch der Predigt des Johannes) hat er selbst wohl nichts daran gemalt

— steht ganz unter dem Banne Dürers, ja seine Nachahmung des grossen

Vorbildes streift schon fast die Manier. Die Figuren sind von einer

quecksilbernen Lebendigkeit, aber ihre Erregung berührt unangenehm,

da sie nicht der Ausdruck einer von innen nach aussen strömenden

Leidenschaft ist, sondern der bewussten Absicht des Malers, die

Aufmerksamkeit des Beschauers auf sich zu ziehen, ihr Dasein verdankt.

Die kleinen, auf langen Körpern sitzenden Köpfe »haben eine so hastige,

jähe Art zu schauen, dass die Blicke gleich Blitzen über die Bildfläche

zu schiessen scheinen« (Thode).

[Illustration: Vom ~Schwanenaltar der Gumbertuskirche~. Ansbach.

Nach Stillfried-Alcantara, Altertümer des Hauses Hohenzollern.]

Zum Schluss dieser Gruppe sei noch einer in ikonographischer

und trachtlicher Beziehung bemerkenswerten Schöpfung eines

Wolgemutschülers gedacht, des ~Schwanenaltars~ in der Ritterkapelle

der ~Gumbertuskirche~ zu ~Ansbach~ von 1484, angeblich von einem

Jakob Mühlholzer aus Windsheim. Im Schrein ein Holzbild der Madonna,

auf dem linken Flügel die Verkündigung, auf dem rechten die Anbetung

der Könige und auf der Predella der Kurfürst Albrecht Achilles von

Brandenburg († 1486) mit zwei männlichen Begleitern und seiner

Gemahlin, der Kurfürstin Anna, nebst einigen Frauen in hohen runden

Hauben und einem Hündchen, wie ein solches auch auf dem Sarkophag

der Fürstin in Heilsbronn zu sehen ist. Auf der Rückseite des sehr

übermalten Altars die Himmelskönigin, unter deren von Engeln gehaltenen

Mantel fünf kurfürstliche Prinzen und fünf Prinzessinnen knien, — ein

Maria-Schutz mit besonderer Beziehung zu einer fürstlichen Familie.

Sämtliche Mitglieder, männliche wie weibliche, tragen die Insignien

des 1440 von Kurfürst Friedrich II. von Brandenburg, dem »Markgrafen

mit den eisernen Zähnen«, gestifteten Schwanenordens. Was die elegante

Jugend des ausgehenden 15. Jahrhunderts an Wunderlichkeiten des

Kleiderschnittes und bunten Farbenzusammenstellungen geleistet hat,

davon geben die Gewänder der fünf Prinzen eine vortreffliche Anschauung.

Innerhalb und ausserhalb Nürnbergs sehen wir die fränkische Malerschule

jetzt und noch bis in das 16. Jahrhundert hinein, unter dem Einfluss

Wolgemuts und seiner Schüler. Mancher porträtartige Kopf und zahllose

Stifterschwärme begegnen uns auf diesen derben und hausbackenen Werken,

von denen sich eine beträchtliche Anzahl in den Sammlungen von Würzburg

und Bamberg befindet. Namen der Donatoren sind nur in den seltensten

Fällen zu ermitteln und schliesslich lohnt es sich auch wohl kaum der

Mühe, sie ihrer wohlverdienten Vergessenheit zu entreissen.

* * * * *

Dass in der fränkischen Schule die eigentliche Porträtkunst häufiger

als anderwärts gepflegt worden ist, darf nach der verhältnismässig

grossen Zahl der uns aus den letzten Jahrzehnten des 15. Jahrhunderts

gerade von ihr hinterlassenen Einzelbildnisse wohl angenommen werden,

auch würde einen solchen Schluss ihre Neigung zum Individuellen

und Charakteristischen schon aprioristisch gestatten. Monumentale

Repräsentationsbilder, in denen das Besondere mit dem Allgemeinen

verbunden erscheint, wird man von der fränkischen Schule ebenso wenig

wie von einer anderen deutsch-mittelaltrigen erwarten dürfen. Die

kleinen Brustbilder, für niedrige, schlecht erleuchtete Räume und für

den engsten Familienkreis bestimmt, begnügen sich, die äusseren Züge

und alle Zufälligkeiten in der Physiognomie des Dargestellten schlecht

und recht wiederzugeben, in die Tiefe seines Wesens hinabzusteigen

oder auch nur den Wiederschein eines Gedankens auf seinem Antlitz zum

Ausdruck zu bringen, darauf erheben sie keinen Anspruch. Bei einem so

tiefen Niveau der Porträtkunst ist es natürlich recht schwierig, in

dem Bilde die Hand desjenigen zu erkennen, der es gemalt hat, verbirgt

sich so doch selbst in den Porträts der grossen Meister des 16.

Jahrhunderts mit bestimmt ausgesprochener Eigentümlichkeit gar so oft

die Persönlichkeit des Darstellers hinter der des Dargestellten.

Mit Sicherheit ist es im Vorstehenden nur möglich gewesen, das Porträt

des Kanonikus Schönborn einem bestimmten Meister zuzusprechen, dem Hans

Pleydenwurff. Es sollen nun hier diejenigen genannt werden, welche

mit grösserer oder geringerer Wahrscheinlichkeit als »wolgemutisch«

bezeichnet werden dürfen.

1. Ein ~Liebes- oder Ehepaar~ in halben Figuren im Amalienstift zu

~Dessau~, bez. 1475.

Die junge Frau mit grossen, derben Gesichtszügen, breiter und hoher

Stirn, zurückgehendem Untergesicht und gedankenleeren Augen ist ein

echt wolgemutischer Typus. Sie hat die Unterarme mit dem langen

Handrücken und den wulstigen Fingern übereinandergelegt, die rechte

Hand — ein überraschend feiner Zug — ein wenig geöffnet, wie die leise

Andeutung eines Gedankens, der in einer Bewegung nach dem Ringe hin

sogleich zur Auslösung kommen wird, den ihr der junge Gatte zwischen

Zeigefinger und Daumen in recht natürlichem Gestus darreicht. Dieser,

ihr Partner, ist in eleganter modischer Tracht erschienen. Das Hemd

ist tief am Halse ausgeschnitten, der kurze Aermel des Obergewandes

ist weit aufgeschlitzt. Das Haar trägt er frei auf die Schultern

herabwallend, nach vornehmer Sitte der Zeit, so wie es uns von Dürers

Selbstbildnis in der Pinakothek her bekannt ist, und kokett sitzt

auf dem Haupt das mit dem Reiherstutz geschmückte Barett. Sinnliche

Kraft und männliche Entschlossenheit spricht aus den groben Zügen,

der starken, gebogenen Nase und dem festgeschlossenen Mund, doch

eine scharfe, vom Nasenflügel zu den Mundwinkeln herab sich ziehende

Falte, die so manchen wolgemutischen Männerkopf kennzeichnet, giebt

dem Gesicht einen Beigeschmack von herber Bitterkeit. Das Paar

steht vor einer schlichten Architektur, die zwei Ausblicke in

landschaftliche Ferne zeigt. Im ganzen genommen ein vortrefflich mit

dem Pinsel gezeichnetes Bild von ausserordentlicher Lebendigkeit und

Lebenswahrheit.

[Illustration: ~Ehepaar in Dessau.~

Nach Springer, Handbuch der Kunstgeschichte.]

2. ~Brustbild eines alten unbärtigen Mannes~ in schwarzem Rock und Hut.

~Germanisches Museum~ No. 119. Dreiviertel Ansicht nach links, ohne

Hände, auf blauem Grund. Eine recht mässige, handwerkliche Arbeit. Der

Dargestellte hat mit dem eben genannten Mann in Dessau eine entfernte

Aehnlichkeit, nur ist sein Ausdruck geradezu unfreundlich und verärgert.

[Illustration: ~Porträt des H. Perckmeister.~ Nürnberg.

Nach Photographie.]

3. ~Bildnis des Hans Perckmeister.~ ~Germanisches Museum~ No. 119a.[65]

Am oberen Rande die Inschrift: Als man MCCCCLXXXXVI Jar zählt,

was Hans Perckmeister LX Jar in der Gestalt. Kopf in dreiviertel

Wendung nach rechts. Beide Hände sind angegeben, die rechte hält

einen Rosenkranz, die linke ruht auf der Handwurzel der rechten.

Schwarzer Rock und schwarze Mütze, unter der das graue spröde Haar,

detailliert, nicht als Masse behandelt, bis zum Halsansatz herabfällt.

In die trockene, pergamentene Haut, unter der alles Fett verschwunden

ist, besonders in der Umgebung der tief eingesunkenen Augen, scheint

langdauernder Gram oder körperliches Leid tiefe Linien und Furchen

gegraben zu haben. Schmerzlich sind die Mundwinkel herabgezogen,

nicht nur in einer momentanen Bewegung, nicht nur in den Tagen, da

er dem Maler gesessen hat, sondern sie erscheinen gewissermassen wie

erstarrt, wie versteinert in diesem Zustand. Die betreffenden Muskeln,

die Depressiores angeli oris, haben sich verstärkt und verhärtet in

oft geübter Thätigkeit. Aber nicht nur Gram oder Schmerz muss die

Nervenkraft in jene Muskeln geleitet haben, sondern ein Motor, der im

Gemüt des Alten gelegen haben mag: ein galliges, missgünstiges, ein

Sixtus Beckmesser Temperament, das ihn oft in Stimmungen versetzt hat,

wie jene war, in der er im Bilde erscheint, — ob freilich auch hier

der Maler etwas von seinem eigenen Wesen hat einfliessen lassen, sei

dahingestellt. Die Zeichnung ist, wie stets bei Wolgemut, fest und

energisch.

4. ~Brustbild eines Mannes~ in mittleren Jahren. ~Bairisches

National-Museum~, Zimmer No. 11, am Fenster. Bez. 1501. Kopf

dreiviertel nach rechts, blauer Grund. Die schwarze Schaube ist vorn

geöffnet und lässt ein weisses Unterkleid mit dunklen Querstreifen

sichtbar werden. Der Hals ist mit einer Kette geschmückt, den Kopf

bedeckt eine Mütze von Pelzwerk, in der Hand hält er einen Münzstempel.

Der Ausdruck ist derselbe unliebenswürdige wie beim Perckmeister, mit

dem der Dargestellte überhaupt eine gewisse Familienähnlichkeit hat.

Die Zeichnung ist scharf und hart, das Inkarnat gelbbräunlich, von

ungesundem Aussehen.

5. ~Brustbild einer Frau~ in den zwanziger Jahren. ~Ebenda.~ Gegenstück

zu dem vorigen. Bez. 1501. Kopf dreiviertel nach links, dunkelgrüner

Grund. Die Hand hält eine rote Nelke. Sie trägt ein rotes Kleid,

welches Hals und oberen Teil der Brust frei lässt, mit goldener

Schliesse und reichem Goldbesatz. Hals und Brust, deren unterer Teil

von einem weissen Hemd bedeckt ist, sind mit Ketten behangen. Zeichnung

und Inkarnat wie beim vorigen, der Ausdruck aber ist bei weitem

freundlicher und sympathischer. Beide recht mässige Bilder, nach Thode

vielleicht von einem Schüler Wilhelm Pleydenwurffs.

6. ~Brustbild einer Frau~ in mittleren Jahren. ~Ebenda.~ Zimmer No. 12.

Fast lebensgross, derbe Züge, hellgrüner Grund. Die Hände sind ruhig

übereinander gelegt, das Haar bedeckt eine gelblich-weisse runde Haube,

an den Schläfen treten die Zöpfe hervor. Auf dem unter dem Ausschnitt

sichtbaren Untergewand ein Schmuckstück.

7. ~Bildnis der Ursula Hans Tucher~, geb. Harsdorffer. ~Kassel~,

No. 2. Am Rande, rechts unten, die Jahreszahl 1478, deren Echtheit

jedoch bestritten wird. Die Tucherin ist 1504 gestorben. Brustbild,

Kopf dreiviertel nach links, einfarbiger rot-brauner (übermalter)

Hintergrund. Oben die Aufschrift: Ursula Hans Tucherin. Die seit 1481

verheiratete, ziemlich junge Frau im grünen Kleide mit goldener

Verschnürung, das Haar von einer grossen, gebauschten Haube bedeckt,

die durch ein besonderes Kinntuch gehalten wird, blickt ernst aus

dem Bilde heraus. Die zierlich gelegten Finger der aristokratisch

feinen Rechten halten eine Nelke. Thausing, der begeisterte Verehrer

Wolgemuts, schreibt darüber in seinem Dürerwerk S. 81: »Das Ganze

ist unendlich anziehend und liebenswürdig behandelt; die Farbe ist

vollkommen unverändert geblieben, reizend hell, voll Schmelz, fast

reiner noch als bei Roger van der Weyden, der Kopf von der zartesten

Modellierung, die Zeichnung der Hand wunderbar vollendet«.

Das Bild hat (trotz Thausing) offenbar durch Reinigung und Uebermalung

sehr gelitten. In seinem heutigen Zustand ist es schwer, die Hand des

Malers zu erkennen. Am ehesten könnte man an W. Pleydenwurff denken.

Die Behandlung ist, im Gegensatz zu der daneben hängenden Elisabeth

Niclas Tucherin, malerisch, d. h. auf Farbenwirkung berechnet, nicht

zeichnerisch. Die Gesichtstöne sind rosig, die Konturen und die

Uebergänge von einer Fläche zur andern zart und weich, besonders in den

Teilen abwärts der Augen; Brauen und Wimpern sind durch leise Schatten

angedeutet, kein Härchen ist einzeln gezeichnet.

Früher pflegte man Wolgemut ferner noch die drei 1499 datierten

Porträts der tucherschen Familie zuzuschreiben, und zwar die ~Elisabeth

Niclas Tucherin~ in ~Kassel~ und ~Hans Tucher~ und seine Gattin

~Felicitas~ in ~Weimar~[66]. Seit man auf dem Bildnis der Elisabeth

unter dem Firniss das echte Dürer-Monogramm entdeckt hat, werden

auch die beiden anderen Tucherbilder wohl allgemein dem grossen

Meister zugesprochen. Ihre technische Behandlung ist im Grunde die

gleiche. Die Augen mit ihren scharf geschnittenen Lidern, den einzeln

angegebenen Brauen- und Wimperhaaren und der auffälligen Hervorhebung

der Thränenkarunkel, die starken Backenknochen, die Landschaft des

Hintergrundes mit dem niedrigen, hellgrünen Buschwerk und den bei den

weiblichen Porträts genau übereinstimmenden dicken, flockigen Wölkchen,

lassen mit Bestimmtheit auf einunddieselbe Pinselführung schliessen.

Auch die allgemeine Anordnung der Bildnisse ist bei allen dreien die

gleiche: Brustbild, Kopf in dreiviertel Ansicht vor reichgemusterter

Tapete, Ausblick auf Landschaft, und die nur zum Teil aus dem Rahmen

emportauchende Hand hält einen Ring, bez. eine Blume. Auf Dürer weist

das »mantegneske« in der Bildung und dem rötlichbraunen Ton der Hände,

und der Energie des Lebensausdrucks in allen drei Porträts wäre damals

ein anderer Meister schwerlich fähig gewesen. Das Bildnis des Hans

Tucher muss geradezu als ein unmittelbarer Vorläufer des Oswald Krell

bezeichnet werden.[67]

[Illustration: ~Porträt des Hans Tucher~ von Dürer. Weimar.

Nach Photographie.]

Ganz allgemein der Gruppe Wolgemut-Pleydenwurff und Konsorten möchte

ich die folgenden Bildnisse zuweisen:

Zwei Brustbilder auf Vorder- und Rückseite einundderselben Tafel

im Besitze des ~Geheimrats Lippmann~ in ~Berlin~, 1490 datiert,

»mit fränkischer Derbheit gezeichnet«. Auf der einen Seite ein

~bartloser Mann~ mit einer Nelke in der Rechten, im Hintergrund

ein landschaftlicher Ausblick durch ein Fenster, auf der anderen

Seite ein ~bärtiger Mann~ auf Goldgrund, der einen Pfeil hält

(Sebastian?). Ich selbst kenne die Bilder nicht. Das Werk über die

Renaissance-Ausstellung in Berlin 1898 S. 30, schreibt sie dem

Vorgänger Dürers zu, »mag man ihn nun Pleydenwurff oder Wolgemut

nennen«; auch sollen sie an die Art der Stiche des Meisters W. B.

erinnern (Friedländer).

~Porträt des Konrad Imhof~ in der ~Rochus-Kapelle~ des gleichnamigen

Friedhofes zu ~Nürnberg~. Bez. aetatis 23 anno 1486, mit einer

Inschrift, welche sich auf die Aufstellung des Bildes in der genannten

Kapelle bezieht.

Brustbild, Kopf ein wenig nach links gewendet, einfarbiger Grund. Die

linke Hand hält eine Blume. Der Dargestellte trägt einen grünen, an

den Aermeln geschlitzten Samtrock. Lange blonde Locken fallen tief

auf die Schultern herab. Das Inkarnat ist frisch und rosig, die Farbe

überhaupt kräftig und die Zeichnung fein und sicher. Ernst, aber offen

und frei blickt der vornehme junge Mann ins Leben, in dem er gewiss ein

reiches Mass des Schönen und Lebenswerten geschaut hat. Schon um dieser

Auffassung willen kann es Wolgemut, wie Seidlitz will, kaum gemalt

haben, eher könnte man mit Thode an den liebenswürdigen W. Pleydenwurff

denken.[68]

Eine ~Kopie~ oder ~Wiederholung~ desselben Porträts, in kleinerem

Massstabe, trocken und schwächer in der Farbe, befindet sich in einem

Glasschrank des ~bairischen National-Museums~. Bez. Conrat Im Hof XXIII

jar 1486. Das Bild hat nach Art der Klappaltärchen zwei Flügel, auf

dem einen das Familienwappen, auf dem andern eine auf einer Konsole

stehende, von einem roten Mantel umwallte, halb nackte Frauenfigur.

Auf Grund dieser allegorischen Gestalt sollte man meinen, dass die

Ausführung später als 1486 erfolgt sei, vielleicht von Jakob Elsner

(Thode, S. 195).

[Illustration: ~Porträt des Konrad Imhof.~ Nürnberg, Rochus-Kapelle.

Nach einer Photographie, mit Erlaubnis des Herrn Hans Stegmann.]

In demselben Glasschrank das ~Porträt einer Frau~ in den dreissiger

Jahren. Brustbild mit Händen auf neutralem Grund. Nicht hervorragende

Arbeit. Das Gesicht ist mager und prägt sich leicht ein durch seine

mächtige Nase und die auffällig stark gebildete Unterlippe. Der Kopf

ist von einem weissen Tuch mehrfach umschlungen. Auf dem goldenen

Saum der roten Jacke Buchstaben, von denen ich nur die auf dem Aermel

befindlichen lesen konnte: MARTHA.

[Illustration: ~Doppelbildnis im baier. National-Museum.~ München.

Nach Below, Städtewesen und Bürgertum.]

~Doppelbildnis~ im ~bairischen National-Museum~, Zimmer No. 11, am

Fenster. Bez. 1479. Brustbild eines Mannes in der Mitte der Vierziger

und einer jungen Frau, auf leuchtendem, rotem Grunde. Die Köpfe

sind einander zugewendet, aber sie blicken sich nicht an, sondern

schauen zum Bilde hinaus. Der Mann, bartlos, den Rock bis zum Halse

geschlossen, das Haupthaar tief auf den Nacken herabfallend und von

einer Kappe in Form eines abgestutzten Kegels bedeckt, mit hagerem

Gesicht und grossen braunen Augen, hat eine feierlich ernste Miene

angenommen. Wollte man nach modernen Begriffen dieses gewiss ganz

naive Werk beurteilen, so würde man sagen, der Dargestellte habe

diesen Ausdruck gewählt, als der Würde des Momentes entsprechend, in

welchem er der Nachwelt überliefert werden sollte. Es liegt etwas

Gezwungenes in diesem Blick, das uns von modernen Photographien her

bekannt ist. Die Frau, ein weisses Tuch mehrfach um den Kopf gewunden,

dessen eines Ende über die linke Schulter auf die Brust herabfällt

und dann auf der rechten Schulter wieder aufgenommen wird, mit vollem

runden Gesichtchen und leicht gebogenem Näschen, schaut unbefangen,

lebhaft, freundlich und voller Jugendlust in die schöne Welt hinaus.

Zwei ganz vortreffliche Porträts, besonders das weibliche.

[Illustration: ~Porträt des Jörg Ketzler.~ Augsburg.

Nach Photographie.]

Eines der wenigen Porträts des 15. Jahrhunderts, von denen der Autor

mit Bestimmtheit bezeichnet werden kann, besitzt die Galerie von

~Augsburg~ unter No. 139. Es ist das ~Bildnis des Jörg Ketzler~ aus

Nürnberg, gemalt 1499 von dem in der Hauptstadt Frankens thätigen

Illuministen und Porträtisten ~Jakob Elsner~, gestorben 1546 (?).

Brustbild, der Kopf in dreiviertel Ansicht nach links, einfarbiger

Grund. Oben, zu beiden Seiten des Kopfes, die kalligraphischen

Initialen J und K. Auf der Rückseite folgende Inschrift: »Auff d. 10.

maio Im 1471 Jar pin ich Jorg Ketzler d. Elter (geb.) von meiner mutter

selige genant Katharina vnd mein vatter Seliger genant petter Ketzler.

vnd das Nebenbildt ist von Jacob Elsner noch mir abgemolt worden auf

den 10 luyo (Juli) Im 99 Jar also das ich eben auff die Zeyt gewesen

bin 28 Jar vnd 9 wochen ich Jörg Ketzler bürger zu Nüremberg kost 7 fl

2 d.«

Der junge Mann ist in ein rotes Unterkleid mit karminfarbenen Aermeln

gekleidet, darüber ein ärmelloser brauner Mantel, auf dem bis auf die

Schultern herabwallenden dunkelblonden Lockenhaar sitzt eine schwarze

Kappe, deren Krempe an der Seite heraufgeschlagen ist. Eine Schnur um

den nackten Hals, die wohl ein Kleinod oder Amulett trägt, verschwindet

unter dem Brustteil des Unterkleides, die auffallend kleinen Hände

halten den Rosenkranz, die hellblauen, wässrigen Augen schauen rechts

seitwärts aus dem Bild heraus. Die Zeichnung ist sorgfältig und

sauber ausgeführt, die Gesichtsteile stehen im richtigen Verhältnis

zueinander, misslungen ist nur die organische Verbindung zwischen Hals

und Kopf. Eine plastische Rundung ist durch die zähe und trockene Farbe

nicht erreicht worden. Der Ausdruck der sympathischen Physiognomie ist

noch ein wenig befangen. Von Dürers Frühkunst scheint der Meister noch

nicht berührt zu sein. Thode findet in Kolorit und Auffassung eine

Beziehung zu W. Pleydenwurff. Er zitiert S. 194 über ihn eine Stelle

aus Neudörfers »Nachrichten«: »Dieser Elsner war ein sehr angenehmer

Mann bei den ehrbaren Bürgern, des Lautenschlagens verständig,

derhalben ihn auch die grossen Künstler im Orgelschlagen, welche waren

Sebastian Imhof, Wilhelm Haller und Lorenz Staiber lieb haben, waren

mit Anderen ihrer Gesellen täglich um und bei ihm. Er conterfeiet

sie auch und illuminiret ihnen schöne Bücher und machet ihnen ihre

Wappen und Kleinot, damit sie vom Kaisern und Königen begabt waren, in

ihre Wappenbrief«. — Bayersdorfer schreibt Elsner noch einige andere

Porträts zu, die mir leider nicht bekannt sind.

[Illustration: ~Porträt eines jungen Mannes.~

Nürnberg, German. Museum.

Nach Photographie.]

Von Einzelbildnissen, welche ich keiner bestimmten Künstlergruppe

zuzuweisen vermag und von denen bei einigen selbst die fränkische

Herkunft nur vermutungsweise behauptet werden darf, erwähne ich die

folgenden:

~Bildnis eines blonden jungen Mannes im germanischen Museum~, No.

99. Brustbild, der Kopf ein wenig nach links gewendet und zur Seite

geneigt, auf einfarbigem Grunde. Nach dem Katalog: Schule von

Nürnberg um 1460. Der vornehme Jüngling in schwarzer halbgeöffneter

Moiréschaube, die das Pelzfutter sehen lässt (die erste Stufe einer

Entwickelungsreihe, die bei dem kostbaren Pelzwerk des Holzschuhers

endigt!), eine schwarze Kappe auf den blonden, nicht gerade üppigen

Haaren, macht den Eindruck eines Zwanzigjährigen, — nach den müden,

knochenlosen Händen freilich, die mit der Rechten ein Ringlein halten,

müsste man einen Greis in ihm vermuten. Augen, Nase und Wangen sind

völlig konventionell gegeben, aber das Untergesicht, besonders

der etwas sinnliche, schwellend-weiche Mund ist ausserordentlich

persönlich. Der Ausdruck ist kindlich, naiv und schüchtern, der einer

liebenswürdigen und zur Liebe geschaffenen Persönlichkeit, nicht der

eines Wirkers grosser Thaten. Ein Illustrator schillerscher Balladen

fände hier das Vorbild für Fridolin, den frommen Knecht der Gräfin von

Savern.

Zwei handwerklich gemalte Köpfe in einer der südwestlichen Kapellen der

Frauenkirche in München, wohl vom Ende des Jahrhunderts:

~Meister Heimeran, Zimmermeister der Frauenkirche~ und ~Jörg Ganghofer

von Haselbach, Baumeister der Frauenkirche~ von 1468 bis 1488. Beide

in dreiviertel Ansicht auf einfarbigem Gründe und sehr übermalt.

Vielleicht, dass wir es hier mit einem Münchner Lokalmaler zu thun

haben. Kopien im bairischen National-Museum, Zimmer No. 11.

~Zwei Nürnberger Patriziertöchter~ auf einer Tafel, daneben die Wappen

der Tucher und Schlüsselfeld und die Jahreszahlen 1476 und 1467, in der

Schlosssammlung von ~Heidelberg~ No. 385. Rote Mäntel, grosse weisse

Hauben. Vielleicht sind es die Frauen eines Führer von Haimendorf,

dessen Wappen sich zwischen den beiden befindet. Offenbar sind diese

Figuren, gleichwie das folgende Brustbild, aus einem grösseren

Gemälde herausgeschnittene Stifterbildnisse. Einfache, anspruchslose

Arbeiten. Der frische rote Fleischton der Wangen und Lippen ist später

hinzugemalt.

~Männliches Brustbild~ ohne Hände, ~ebenda~, noch nicht katalogisiert.

Aermelloser, pelzbesetzter Ueberrock. Wappen der Führer von Haimendorf.

Das eigentümliche Inkarnat ist wohl die Folge des Durchdringens der

Untermalung. Vielleicht aus demselben Gemälde geschnitten wie die

vorigen.

Ein ~männliches Brustbild~ ohne Hände in der ~Wiener Akademie~, No.

571. Der Dargestellte trägt auf dem langen, lockigen Haar einen Reif.

Erinnert an den Mann des Liebespaares in Gotha. Der Name »Schilther«

oben links und eine kniende Figur mit der Jahreszahl 1394 rechts sind

spätere Zuthaten.

[Illustration: ~Porträt der Hoferin.~ London.

Nach Photographie.]

~Bildnis einer Patrizierin~ in den dreissiger Jahren. ~London~,

National-Galerie No. 722. Brustbild. Kopf dreiviertel nach rechts,

einfarbiger Grund. Eine wohl später hinzugefügte Inschrift sagt, dass

die Dargestellte eine »geborene Hoferin« sei. Sie trägt eine mächtige

weisse Haube, auf der sich, ein lustiger Malerscherz, eine schwarze

Stubenfliege niedergelassen hat. (In der Abbildung nicht zu erkennen.)

Die rechte Hand ist auf die Brust gelegt, die linke hält das Blümlein

Vergissmeinnicht, beide Hände sind aristokratisch schmal, die Finger

der linken erscheinen auffällig lang. Die Augen blicken frei aus dem

Bilde heraus, fast mit dem Schimmer einer momentanen Belebung, der

Fleischton ist hell gehalten. Das Bild wurde früher in London Sigmund

Holbein genannt, Scheibler denkt an Wolgemut, für den es doch wohl zu

gut ist, jetzt ist es im Katalog als deutsche Schule des 15. bis 16.

Jahrhunderts bezeichnet.

Fränkisch, aber vielleicht schon mit Dürer in Beziehung zu bringen,

sind die folgenden Porträts:

~Männliches Bildnis in der Sammlung Ferroni~, jetzt im Cenacolo di

Fulgino, ~Florenz~. Brustbild, einfarbiger Hintergrund. Der in den

mittleren Jahren stehende Mann von grauer, ungesunder Gesichtsfarbe mit

viereckigem schwarzen Barett auf den lang herabfallenden Locken, trägt

eine schwarze Jacke, die am nackten Halse verschnürt ist. Das Bild, in

der Augengegend übermalt oder restauriert, hat bereits den Umschwung

von der gebundenen, steifen Art der älteren Porträts zu der neuen

freien Auffassung mitgemacht. In der Sammlung Ferroni wird es Dürer

genannt, Vischer will es Wolgemut zusprechen, Voll wird, wie er mir von

Florenz aus schreibt, in der Malweise an Dürers Porträt seines Bruders

in München von 1500 erinnert und glaubt, es sei vielleicht die Kopie

von einem Werke des Meisters.

~Brustbild eines jungen Mannes im germanischen Museum~, No. 204. Nach

dem Katalog vermutungsweise ein Werk Dürers aus seiner Lehrzeit. Es

zeigt auf dunklem Grunde einen Jüngling in langem, blonden Lockenhaar,

der in der Rechten ein Vergissmeinnicht (?) hält. Bekleidet ist er

mit hellblauem, schlitzärmligen Wams mit gesticktem Vorstoss, braunem

Ueberkleid und roter Kappe. Das Haar ist wellig und wallend, aber hart

und metallen. Die Hände sind ausserordentlich lebendig und scharf

gegliedert. Seidlitz, Zeitschrift für bildende Kunst 1883, hielt das

Bild für wolgemutisch, Vischer wird durch Hände und Lippen »an den

mit Baldung identifizierten Meister der Erschaffung der Eva«, ebenda,

erinnert. Die Züge des halb nach rechts gewendeten Kopfes sind nicht

unsympathisch und verraten ein gutmütiges, etwas schelmisches Wesen.

[Illustration: ~Porträt des Pacimondanus.~ Basel, Museum.

Nach einem Kohledruck von Braun, Clement & Co. in Dornach i. E.,

Paris und New-York.]

~Porträtartiges Brustbild~ eines etwa 45 Jahre alten Gelehrten in

~Basel~, No. 73. Nach einer Inschrift in grossen Renaissanceminuskeln:

~Pius Joachim~. Auf der Rückseite des Bildes befindet sich die

Angabe, dass der Dargestellte der Professor Pacimondanus ist (also

Friedberg). Den Kopf, um den Heiligen anzudeuten, umgiebt ein goldener

Strahlenkranz, der seltsam mit der realistisch derben, völlig

porträtartigen Physiognomie kontrastiert. Auf der groben weissen

Wollperücke, welche breit die Stirn umkränzt, sitzt eine hellgraue,

trefflich behandelte Pelzmütze. Bekleidet ist er mit einem schwarzen

Rock, der mit einem schmalen dürftigen Pelzstreifen verziert ist. Das

Gesicht, in gleichmässig rosarotem gesunden Fleischton gehalten, ist

dreiviertel nach rechts gewendet. Die kräftigen Farben sind sorgfältig

ineinander vertrieben und alle Gesichtsteile vorzüglich modelliert. Die

kleinen, kurz- und dickfingrigen Hände mit lederartiger Haut halten den

Rosenkranz. An schlichter, einfarbig brauner Wand, die den Hintergrund

bildet, hängen einige Briefschaften und eine schwarzgefasste

Klemmerbrille, darüber sitzt eine Fliege. — Ueber den Meister des

Bildes ist viel gestritten worden. Früher hielt man ihn allgemein, sehr

mit Unrecht, für Schongauer, Bayersdorfer hat an ein Frühbild von Dürer

gedacht, Dr. Burckhardt sprach mir gegenüber die Vermutung aus, es

könne von Fouquet sein, was bei den vielfachen Beziehungen der Baseler

Professoren zu Frankreich nicht unmöglich wäre; in diesem Falle müsste

es auch dort gemalt sein. Zunächst muss das interessante Bild noch ein

Rätsel der Kunstgeschichte bleiben.

[Illustration: ~Porträt im Besitz des Grossherzogs von Hessen.~

Nach besonderer Aufnahme.]

~Brustbild eines jungen Mannes~ im Besitze des ~Grossherzogs von

Hessen~. ~Darmstadt, Schloss~. Stammt aus der Sammlung des Prinzen

Wilhelm von Preussen. Er wendet den Kopf halb nach links. In der

Rechten der Rosenkranz. Dunkle Schaube, die vorn offen steht und ein

quergestreiftes Unterkleid sichtbar werden lässt. Um dem Hals eine

Schnur, die zwischen Unterkleid und Brust verschwindet. Der Hintergrund

wird durch eine offene Landschaft gebildet. Das Porträt ist mit spitzem

Pinsel und dünnem Farbenauftrag sorgfältig gezeichnet, bis auf den

unteren Teil, der flüchtig und überhaupt misslungen ist. (Aermel,

Hände.) Auf der Rückseite befinden sich mehrere Notizen aus späterer

Zeit: »Soll Albrecht Dürer sein, als er jung war« und ferner: »Von

der Hand Newpauer«. In Darmstadt wird das Bild als ein Werk Dürers

bezeichnet; ich schliesse mich dieser Auffassung an und glaube, dass es

zeitlich nur wenig den Tucherporträts in Weimar vorausgeht.

Dritter Teil.

Das Bildnis bei den altdeutschen Meistern bis auf Dürer · 第 22 / 67 题