6. Sachsen und Schlesien.

Die Malerei dieser beiden Länder ist im wesentlichen von der Nürnbergs

abhängig, wenigstens in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Um

aber die Reihe der deutschen Malerschulen mit geringer künstlerischer

Produktion zum Abschluss zu bringen, sei ihrer bereits jetzt mit

wenigen Worten gedacht.

In ~Sachsen~, wo die Bildschnitzerei es zu einer hohen Entwickelung

gebracht hatte, erhebt sich die von den Miniaturen, bez. von Nürnberg,

teilweise auch von den Niederlanden beeinflusste Tafelmalerei bis

auf Lukas Cranach kaum über das zünftige Handwerk. Eigentliche

Kunstwerke, wie sie in Hof, Zwickau und Erfurt zu sehen waren, sind

nicht von heimischen Meistern gefertigt worden. Das Bestreben nach

bildnismässiger an Stelle der typischen Darstellung ist jedoch auch

hier schon im ersten Drittel des 15. Jahrhunderts erkennbar.

Das frühste Beispiel eines solchen, allerdings sehr schwachen

Versuches, ist ein wohl aus der Jahrhundertswende stammender ~Altar~

aus ~Topfseifersdorf~, jetzt im Grossen Garten-Museum zu Dresden, No.

496a.

Schlechte Stifterbildnisse finden sich auf sächsischen Altären

häufig, doch sind, wenigstens bei den frühen, die Persönlichkeiten

selten festzustellen. (Ein 1429 gestorbener Graf Heinrich von

Wernigerode mit seiner Gemahlin auf einem Gemälde in der Sammlung

des Bibliothekgebäudes in Wernigerode; — auf einem 1486 bezeichneten

Altarflügel aus der Schlosskirche zu Stolpen, jetzt im Grossen

Garten-Museum in Dresden, No. 84, der Meissner Bischof Johann V. von

Weissbach u. a.)

Einzelbildnisse scheinen nicht erhalten zu sein.

Als ein kostbarer Schatz wird in Sachsen mit Recht der ~Domaltar

in Meissen~ betrachtet. Ob jedoch der ausführende Künstler ein

einheimischer war, das hat die Forschung noch nicht mit Sicherheit

feststellen können. Was Vertiefung des Ausdrucks, Ernst der

Auffassung und monumentale Grösse betrifft, hat er in der gesamten

niederländischen und deutschen Kunst des 15. Jahrhunderts kaum seines

Gleichen, den Genter Altar ausgenommen. Am wenigsten dürfen wir

einen Künstler wie Herlin in ihm vermuten, wie einige wollen, aber

auch nicht, wie Scheibler, Hugo van der Goes. Thode[58] tritt mit

Entschiedenheit und gewichtigen stilistischen Gründen dafür ein, dass

kein anderer als der junge Dürer ihn gemalt haben könne, und zwar kurz

nach seiner ersten italienischen Reise, etwa 1494 oder 1495. Da diese

Zuweisung jedoch nur von einer Minderheit gebilligt worden ist, muss

wohl bis auf neue dokumentarische Enthüllungen der Meister des Meissner

Dombildes, um ein Wort Justis zu gebrauchen, im Limbus der Namenlosen

verbleiben.

[Illustration: ~Meissner Dombild.~ Mittelstück.

Nach einer Photographie von Brockmann, Dresden.]

Das Mittelbild des Altars stellt die Anbetung der Könige dar (in

meisterhafter Beschränkung ohne Josef und ohne die Hirten), auf jedem

Flügel schreitet, in lebhaftem Gespräch begriffen, ein Apostelpaar. Die

Köpfe sind von ganz ungewöhnlicher Tiefe des geistigen und seelischen

Ausdrucks, die der Apostel, vor allem des Philippus und Jakobus d. Ä.

»von innen herausgebildet und von innen geschaut, Personifikationen

bestimmter Temperamente« (Thode), der Marias von einer Herbheit und

Strenge und doch zugleich edlen Würde, ist mit keiner der sonst für die

Gottesmutter üblichen Typen verwandt, es sei denn, von ferne mit dem

jener ernsten Maria auf dem dürerschen Altar in Dresden. Die Züge des

ältesten knienden Königs geben uns offenbar das Porträt des Stifters.

In Meissen sieht man in dem ehrwürdigen, bartlosen, recht wohlgenährten

Greis mit dem spärlichen Haar den Fürstbischof Sigmund von Würzburg,

Herzog zu Sachsen, der in dem dortigen Dom bestattet ist und mit dessen

Bildnis auf der bronzenen Grabplatte er manche Aehnlichkeit hat.

Schnaase bestreitet zwar auf Grund der nicht geistlichen Tracht des

Königs diese Annahme, aber schliesslich hätte der Bischof bei diesem

besonderen Vorgang doch recht wohl den königlichen Hermelin tragen

dürfen.

* * * * *

Die Kunst ~Schlesiens~ steht mit der in dem benachbarten Böhmen von

Karl IV. ins Leben gerufenen, später mit der fränkischen, in enger

Beziehung. Ein frühes Tafelbild reicht jedoch schon in das Jahr

1309 zurück. (Vergl. S. 205). Etwa vom Jahre 1340 ist ein im Dom

von ~Breslau~ aufbewahrtes Bild mit der ~heiligen Jungfrau~ und dem

Donator, dem Bischof Prczecislaus. Das erste datierte und das erste

wirkliche Kunstwerk jedoch ist der für die ~S. Barbarakirche von

Breslau~ gemalte ~Altar~ von 1447, jetzt im Museum für schlesische

Altertümer. Ganz vortrefflich ist in diesem hervorragenden Werke

der Schein der Körperlichkeit der Figuren erreicht worden. Bei den

Nebenpersonen, von denen einige slavischen Charakter zeigen, ist die

Befreiung von dem mittelaltrigen Typus mit vollster Entschiedenheit

durchgeführt worden. Von flandrischem Einfluss ist in diesem auch

koloristisch prächtigen Werke noch nichts zu verspüren. Haben wir es

hier mit einer auf schlesischem Boden weiter entwickelten böhmischen

Kunstweise zu thun oder, wie Thode glaubt, mit der Arbeit eines

Künstlers, der sich in Nürnberg an frühen Arbeiten des grossen Meisters

des tucherschen Altars gebildet hat? (Vergl. S. 158.) Die Kenntnis

der Kunstweise Rogers lässt ein 1468 von Dr. Peter von Wartenberg

gestifteter ~Flügelaltar~ voraussetzen, jetzt in der Sakristei des

~Domes von Breslau~, mit gutem Bildnis des Stifters, sowie einige

andere im Museum für schlesische Altertümer aufbewahrte Altargemälde.

Dagegen erinnert an fränkische Kunst der ~Marienaltar in der

Elisabethkirche~ mit einer zahlreichen Stifterfamilie und der ebenda

befindliche ~Altar~ der Familie ~Prockendorf~.

Im allgemeinen gilt für die schlesische Kunst dasselbe wie für die

sächsische: an künstlerischem Wert sind die Bildschnitzarbeiten den

malerischen erheblich überlegen.

Das Bildnis bei den altdeutschen Meistern bis auf Dürer · 第 21 / 67 题