5. Baiern, Oestreich, Tirol.

Wesentlich verschieden von allem bisher Behandelten ist das Gesamtbild

der ~bairischen Malerei~. In der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts

rauh und derb, in schwesterlicher Verwandtschaft mit der Holzplastik,

einheitlich geschlossenen Charakters, unberührt so von nordischen wie

südlichen Einflüssen, ist sie ein treues Spiegelbild bajuvarischer

Stammesart und eine beredte Zeugin gegen die oft gehörte Behauptung,

der Naturalismus der deutschen Malerei verdanke insgesamt flämischem

Import sein Dasein. Erst gegen die Mitte des Jahrhunderts verändert

sie langsam bei einzelnen Meistern ihr knorriges Gesicht, aber es ist,

wenigstens in den östlichen Teilen des Landes, nicht ein von Gent oder

Brügge herüberstrahlendes Licht, das diesen Wandel hervorruft, sondern

ein schwacher Wiederschein italienischer Kunst, der, vornehmlich von

Padua her, über Südtirol und Salzburg zu ihr drang.

Am längsten und zähesten hat sich Rauheit und Urwüchsigkeit, ohne eine

Spur idealer Verklärung, in den ~westlichen Gebieten~ Baierns erhalten,

im Isarthal, besonders in München selbst.

Ein schlagendes Beispiel dieser Art ist eine ~Kreuzigung~ aus

~Benediktbeuern~, die sich jetzt in ~Schleissheim~ unter Nr. 68

befindet und die etwa um die Mitte des Jahrhunderts entstanden

sein mag. An graussigen Details, schauerlichen Höllenfratzen und

Pferdeschnuten wird hier das denkbar Mögliche geleistet, aber bei

all ihrer Uebertreibung sind diese grimassierten Gesichter von einer

geradezu unheimlichen Lebenswahrheit. Die Gruppe der drei Verschwörer

oder was es sonst für bassermannsche Gestalten sind, die vor dem Kreuze

stehen, namentlich der in der Mitte mit dem weissen Schnurrbart und den

buschigen Brauen, dann der wilde Kerl zu Pferde, der in der kühnsten

Verkürzung über eine Armbrust aus dem Bilde heraus auf den Beschauer zu

zielen scheint, wird man nie wieder vergessen, wenn man einmal ihnen

gegenüber gestanden hat.[52]

[Illustration: ~Teilbild aus der Kreuzigung

von Benediktbeuern.~

Schleissheim.

Nach besonderer Aufnahme.]

Einen ähnlich übertriebenen, man darf wohl sagen scheusslichen

Naturalismus zeigen die ~Passionsbilder~, die ~Gabriel Mächselkircher~

1480 für das Kloster von Tegernsee gearbeitet hat, jetzt in

~Schleissheim~, Nr. 73 und 74. Diese Karikaturen — der bartlose

Christuskopf darf von dieser Bezeichnung nicht ausgenommen werden

— sind hier umso widerlicher, als sie sämtlich wie in einen fahlen

Leichenton getaucht erscheinen. Nicht minder krasse Physiognomien hat

er auf zwei ~Altarflügeln~ angebracht, die gleichfalls aus Tegernsee

stammen und jetzt in der Bildersammlung von ~Burghausen~ unter Nr. 9

und 10 aufbewahrt werden. Die Entkleidung Christi vor der Kreuzigung,

Nr. 10, ist brutaler sicherlich nicht in dem wildesten Passionsspiel

einer rohen Volksmenge vorgeführt worden. Dagegen sind die abgesägten

Kehrseiten dieser beiden Flügel, ebenda Nr. 11 und 12, ~Enthauptung~

und ~Bestattung des h. Sigismund~, mit der von ferne an Konrad Witz

erinnernden Behandlung der Architektur und Landschaft, von einer so

auffälligen Ruhe und verhältnismässig würdigen Auffassung, dass man

wohl geneigt sein kann, hier eine andere Hand als die Mächselkirchers

zu vermuten.

Derb und karikiert sind auch die Köpfe, welche ~Uelrich Fuetrer~ 1457

auf seiner ~Kreuzigung~, ~Schleissheim~, No. 71, gemalt hat. Nur die

Fleischtöne und das goldig blonde Haar sind in Farben gegeben, die

Figuren selbst sind in einem weisslich grauen Ton gehalten, der die

Steinskulptur nachahmen will.

Während bei allen diesen Werken keine Spur eines fremdländischen

Einflusses zu entdecken ist — allenfalls könnte man vielleicht an

Anregungen aus dem benachbarten Franken denken —, kommt in den Arbeiten

des Hofmalers ~Hans Olmendorfer~ (1460 bis 1518) die bairische Eigenart

nicht mehr ganz unverfälscht zum Ausdruck, doch wäre es wohl gewagt,

bei ihm die persönliche Kenntnis italienischer Kunst vorauszusetzen.

In der gotischen Kirche des ~bairischen Nationalmuseums~ steht ein von

ihm 1492 für die ehemalige Franziskaner-Kirche gemalter ~Altar~ von

mächtigen Abmessungen. Das Hauptbild stellt die Kreuzigung dar. Die

Figuren sind ohne das geringste Gefühl für Gruppierung, Linienführung

und Farbenwirkung bunt und wahllos nebeneinander gestellt, aber ihre

Physiognomien sind lebendig und individuell, ohne grimassiert zu sein.

Irgend welche Lokalgrössen scheint Olmendorfer ebensowenig wie die ihm

vorangegangenen Malermeister als Assistenten der Handlung porträtiert

zu haben, dagegen hat er den Stifter des Altars, den 1508 gestorbenen

Herzog Albrecht IV. (III.), den Weisen, im Alter von 45 Jahren, kniend

in ritterlicher Rüstung und mit mässig langen Schnabelschuhen, und

seine etwa 40 Jahre alte Gemahlin Kunigunde, Tochter Kaiser Friedrichs

III., in reichem Brokatkleid und weisser Haube auf den Aussenseiten der

Flügel in schlichten und lebensvollen Bildnissen dargestellt.

Edler und monumentaler als dieser ist der angeblich auch von ihm

gemalte ~Altar~ der Kirche von ~Blutenburg~ bei München von 1491, wenn

auch — der gross und mächtig wirkende Kopf Gott Vaters ausgenommen

— die Charakterisierung der Gestalten schwächlicher ist. Es ist

das nicht der einzige Fall, wo ein deutscher Künstler, dem der

Wirklichkeitssinn gewissermassen im Blute liegt, zu einer Verwässerung

des Wesensausdrucks gelangt, wenn er sich um eine ideale Auffassung

der Dinge bemüht.

[Illustration: ~Porträt des Herzogs Sigmund.~ Schleissheim.

Nach besonderer Aufnahme.]

Ein vortreffliches ~Porträt des~ 1439 geborenen ~Herzogs Sigmund von

Baiern~ in ~Schleissheim~, No. 86, wird dort gleichfalls Olmendorfer

zugeschrieben. Brustbild, Kopf in dreiviertel Wendung nach rechts,

ohne Hände, hellgelber Hintergrund. Das schwarze Gewand mit rotem

Aufschlag von weichem, wolligem Stoff lässt den Hals frei, auf welchem

eine schwarze Schnur sichtbar ist. Das Kleinod oder Amulett, das sich

wohl an ihrem Ende befinden mag, verbirgt sich unter dem Gewand,

das Haar umschlingt ein netzartiges Tuch. Der starkknochige Kopf ist

mit Hilfe brauner Schatten gut gerundet. Die leicht mit dem Pinsel

gezeichneten Hautfalten, besonders jene an den äusseren Augenwinkeln,

deuten auf ein Alter von etwa vierzig bis fünfundvierzig Jahren.

Die Lippen sind negerartig wulstig gebildet. Der Fleischton zeigt

ein dunkles Braun. Herzensgüte und Empfänglichkeit für alles Gute

und Schöne, Sinnlichkeit, Leichtsinn und ein Hang zur Trägheit, all

das Menschliche, Allzumenschliche in der Natur dieses wittelsbacher

Sonderlings ist in seinem Porträt zum Ausdruck gebracht. »Ihm war

wohl mit schönen Frauen,« erzählt ein zeitgenössischer Chronist, »mit

weissen Tauben, Pfauen, Meerschweinchen, Vögeln und allerlei seltsamen

Tierlein, auch mit Saitenspiel«. Erst achtundzwanzig Jahr alt entsagte

er der Regierung, nach seinen eigenen Worten »infolge der Blödigkeit

seines Leibes, nicht gern Mühe und Arbeit tragend und mehr geneigt

sich ein geruhigtes Wesen ohne alle Bekümmernis zu machen«. Die in

wunderlichem Latein wohl später hinzugefügte Inschrift besagt, dass der

Herzog damals in Obermenzing (Blutenburg) seinen Wohnsitz hatte.

Andere Künstler, die mit bestimmten Werken des westlichen und

nördlichen Baierns in Beziehung zu bringen wären, sind mit ihren Namen

nicht bekannt. Immerhin bedürfen einige Bilder dieser Ignoti hier einer

kurzen Erwähnung.

Spätestens aus dem Anfange des 15. Jahrhunderts, wenn nicht schon

aus früherer Zeit, stammt ein ~Altar von Weildorf~, der sich

jetzt in der ~Klaren-Kirche~ von ~Freising~ befindet. Der Inhalt

und die Darstellungsformen dieser kleinen Tafelbilder, sowie die

vollen rundlichen Gesichter der heiligen Personen, die recht wenig

individuelle Belebung verraten, erinnern an die Giotto-Schule. Das wäre

nun allerdings eine sehr frühzeitige Befruchtung von oberitalienischer

Seite her, und man ist deshalb geneigt gewesen, hier, wie bei einigen

ähnlichen Bildern des Freisinger Klerikerseminars, kölnische Einflüsse

anzunehmen. Ich persönlich kann dieser Ansicht nicht zustimmen, trete

vielmehr Riehl bei, welcher die kölnische Verwandtschaft als eine

rein äusserliche ansieht, die er aus dem geheimnisvollen Faktor der

»Zeitstimmung« erklärt. Dagegen glaube ich doch, dass hier mittel- oder

unmittelbar ein giotteskes Muster wirksam gewesen ist.

Wie schwierig es ist, die gerade in Süddeutschland so häufig sich

kreuzenden Kunstweisen klar zu erkennen, das beweist der ~Pähler Altar~

im ~bairischen Nationalmuseum~. Ob dieser mehr eigenes Leben als der

Weildorfer zeigende, wohl aus dem dritten Jahrzehnt des 15. Jahrhundert

stammende Altar der bairischen, der bairisch-salzburgischen, der

fränkischen oder der niederdeutschen Kunst zuzuschreiben sei, oder ob

er sogar von »dem letzten grossen Vertreter der Prager Schule«, von dem

Meister von Wittingau herrührt (Thode), darüber gehen die Ansichten

weit auseinander.

Bemerkenswert seines Stifterbildnisses wegen ist der mittelste von drei

in der ~Trausnitz-Kapelle~ von ~Landshut~ aufgestellten ~Altären~: ein

schlicht-handwerkliches, aber gewiss recht ähnliches Porträt des 1450

gestorbenen Heinrichs des Reichen, der hier sein Motto spricht: Wult

Gott. Derselbe Fürst erscheint übrigens mit den gleichen Zügen auf

einem 1447 bezeichneten Glasgemälde in dem nahen Innkofen.[53]

Ein anderer bairischer Fürst, dem wir schon auf dem grossen Altar von

Olmendorfer begegnet waren, Albrecht IV. (III.), ist auf einem ~Altar~

des alten Münsters in ~Moosburg~ dargestellt. (Zwischen Landshut

und Freising gelegen.) Er erscheint hier im Kreise der Moosburger

Kapitelherren und in Begleitung seiner drei Söhne. Sämtlich recht gute

Porträts. Das Werk stammt allerdings aus einer etwas späteren Zeit als

Olmendorfers Altar, denn es ist aller Wahrscheinlichkeit nach von dem

zwischen 1494 und 1526 in Landshut thätigen Hofmaler ~Hans Wertinger~

ausgeführt worden.[54]

Interessant als porträtartig gemeinte Bildnisse sind die drei mit

1494 bezeichneten ~lebensgrossen Halbfiguren~ der Stifter der Abtei

Benediktbeuern, der im 8. Jahrhundert gestorbenen Brüder Landfried,

Waldram und Eliland, ~Schleissheim~, No. 87. Ungewöhnlich für jene

Zeit ist hier, nebenbei bemerkt, dass der Stab des Abtes Landfried

einen starken scharf abgegrenzten Schlagschatten auf die Wand des roten

Hintergrundes wirft.[55] Prof. Sepp beklagt sich in seinem Büchlein

»Merkwürdiges an der Bahn von Wolfratshausen nach Kochel«, München

1898, dass die Bildnisse der für die Geschichte Baierns so wichtigen

Söhne des Agilolfingers Theodebart, von Meisterhand gemalt, »jüngst aus

der Pinakothek herausgeworfen worden sind«.

Am Schlusse der westbairischen Kunstthätigkeit ist noch zweier

~Wandgemälde~ mit porträtartigen Darstellungen zu gedenken. Das eine

ist ein ~Gruppenbild~ in der Kirche von ~Hoflach~ bei Alling, 4 km

von Bruck bei München entfernt, im Jahre 1442 zum Andenken an den

Sieg der Herzöge Ernst, Albrecht und Wilhelm bei Ingolstadt (1422)

über ihren Vetter Ludwig den Gebarteten gestiftet. (Eine Kopie im

bairischen Nationalmuseum.) In hellen Wasserfarben zeigt es die drei

Herzöge in voller Rüstung vor der h. Sippschaft kniend, hinter ihnen

den heiligen Georg mit der Kreuzesfahne, den Patron des bairischen

Hauses, dann in dichtgedrängter Schar die Adelsgeschlechter der Gegend

mit ihren Feldzeichen, einen Bürger von München mit dem Stadtwappen,

dem »Münchner Kindl«, und einen Tross von Bogenschützen und Buben

mit Piken und Armbrüsten. Die Gesichter sind sämtlich bartlos und

kaum voneinander unterschieden. Das Ganze, aus dem noch heute ein Zug

mittelaltrig frommer Demut spricht, ist flächenhaft gemalt, sodass

es mehr wie ein ausgespannter Teppich wirkt, als wie ein Gemälde.

Trotz der modernen Uebermalung wegen der Anordnung der Figuren sehr

interessant. (Abbildung S. 217.)

Das andere, zur Gruppe der ~Reihenporträts~ gehörig (vergl. S.

216), befand sich früher im »~alten Hof~« von München und stellte

eine Folge von bairischen Fürsten mit ihren vermeintlichen Ahnen

dar. Die einzelnen Bilder sind jetzt auf eine Wand des bairischen

Nationalmuseums übertragen, Zimmer No. 15, aber wohl durch ein Versehen

der Arbeiter nicht in ihrer chronologischen Rangordnung aufgeklebt

worden: die von der Mitte aus gerechnet rechts stehenden gehören

nach links und umgekehrt. Unter jedem der stehenden und in voller

Lebensgrösse gebildeten Fürsten befindet sich sein Wappen, Name und

eine kurze, nicht immer wohlwollende Charakteristik, so unter dem

vollständig vom Rücken gesehenen Karl Martell, »ein schnöder Bankert

und Wüterich«. Die in Tempera gemalten Bilder, vierzehn an der Zahl,

müssen, nach Sighart, bald nach 1466 ausgeführt sein. Sie sind stark

modernisiert, aber ihre lebendige und abwechslungsreiche Gruppierung

ist bemerkenswert; der Porträtwert ist gleich Null.

In dem weiter östlich gelegenen Alpengebiete des reichen Erzstiftes

~Salzburg~ ist die Belebung der menschlichen Physiognomie noch

frühzeitiger festzustellen als in der Münchner Gegend, aber die

dort vorherrschende Richtung nach dem roh Naturalistischen und

Fratzenhaften scheint hier keinen Boden gefunden zu haben.

Auf einer von dem Domprobst ~Johannes Rauchenberger~ für die

Kapuzinerkirche zu ~Salzburg~ gestifteten ~Votivtafel~, jetzt in

drei Teilen im Klerikerseminar in ~Freising~, die vor dem Jahre 1429

gemalt sein muss, da Rauchenberger noch im Chorherrngewand dargestellt

ist, während er nach diesem Jahre die bischöflichen Insignien tragen

müsste, sind die Köpfe der in Formen- und Gebärdenauffassung noch ganz

altertümlich gebildeten Heiligen von einer Lebendigkeit, wie sie um

diese Zeit schwerlich am Niederrhein oder in Schwaben zu finden ist.

Aus diesem Grunde scheinen mir Riehl und Semper im Recht zu sein, wenn

sie hier nicht, wie man wohl auf den ersten Blick geneigt sein möchte,

mit Janitschek kölnische, sondern italienische Vorbilder vermuten,

— eine Ansicht, für welche auch die geographische Lage der Stadt

und ihr lebhafter Verkehr mit Oberitalien spricht. Der tiefe warme

Farbenton der anmutigen, lieblichen Tafel rührt wohl von einer späteren

Uebermalung her.

Aus der Mitte des Jahrhunderts sind mir keine Werke bekannt. Ein

grossartiger ~Altar~ in ~Grossgmain~ am Untersberge, den der sogenannte

Meister von Grossgmain 1499 vollendet hat, zeigt in seinen sehr

bedeutenden individuell-charakteristischen Köpfen keine Verwandtschaft

mit der Rauchenberger Tafel, dagegen soll er in einer nahen Beziehung

zu vier Passionsszenen der Wiener Gemälde-Galerie, No. 1473 bis 1476,

stehen, von denen drei mit den Buchstaben R. F. (Rueland Frühauf?)

und den Jahreszahlen 1490 bezw. 1491 bezeichnet sind. Mir sind beide

Vergleichsobjekte nur in Abbildungen gegenwärtig.

* * * * *

Auch die ~östreichischen~ Maler haben sich verhältnismässig früh vom

Banne des starren Typus befreit. Wie im Salzburgischen war auch in den

östreichischen und steirischen Nachbargebieten, es kommen hauptsächlich

Wien und Graz in Betracht, durch Lage und Handelsbeziehungen der

italienischen Kunst der Zugang erleichtert. Und ihr Einfluss ist nicht

zu verkennen, ebensowenig jedoch der des grossen in den Niederlanden

aufgestellten Musters und das seltsamerweise schon zu einer Zeit,

wo in Gent und Brügge räumlich näher gelegenen Kunstplätzen das

Schaffen der Eyck und ihrer Nachfolger noch ignoriert worden ist, —

vorausgesetzt, dass die Datierung 1446 auf einem ~Kreuzigungsbilde~

in ~Klosterneuburg~, bez. [ornament] (N. D.), wirklich echt ist.

Die schöne Gruppe der beiden Marien und Johannes ist bei Schnaase

abgebildet.

Im Zweifel ob eyckscher Einfluss oder nicht, kann man bei der

~Kreuzigung Meister Pfennings~ in der Wiener Galerie sein, welche als

Entstehungsjahr 1449 nennt, doch scheint für eine wenn auch flüchtige

Kenntnis niederländischer Werke das von diesem Meister gewählte Motto

»als ich chun« zu sprechen, das er wohl Jan von Eyck entlehnt hat. Ich

habe die pfenningsche Kreuzigung, Thodes Zuweisung folgend, bei der

fränkischen Schule erwähnt. (Vergl. S. 156 der Meister des tucherschen

Altars.)

Von dem Wiener Maler ~Wolfgang Rueland~, der nach der Mitte

des Jahrhunderts mehrfach erwähnt wird und von dem sich vier

~Passionsszenen~ und acht Bilder seiner Werkstatt oder Schule in

~Klosterneuburg~ befinden, rühmen Schnaase und Janitschek, dass er

neben karikierten Gestalten auch solche von hoher Schönheit gegeben

habe, — auf einem der Schulbilder Leopold der Heilige und seine

Gemahlin.

Künstlerisch sehr bedeutend und mit einer Anzahl porträtartiger Köpfe

ist der in Wien gearbeitete ~Altar eines unbekannten Meisters in der

Spitalskirche zu Aussee~, 1449 von Kaiser Friedrich III. gestiftet.

Der offenbar steirische Künstler — er giebt sogar den Flügeln der

Engel die grün und weissen Landesfarben — scheint nach seinen Typen

und nach seiner Technik zu schliessen bereits unter eyckschem Einfluss

gearbeitet zu haben.

In der Kunst von ~Graz~ kommt gleichfalls eine Mischung südlicher und

nördlicher Einflüsse zum Ausdruck. Ein Vorwiegen des ersteren bekundet

die mit 1457 bezeichnete ~Kreuzigung~ aus der Sakristei des ~Grazer

Domes~ durch die verhältnismässig gute Wiedergabe der nackten Körper

und durch eine Fülle individuell-charakteristischer Gestalten, von

denen die eine oder die andere gewiss als das Porträt eines Mitlebenden

anzusprechen ist. An der Feldflasche eines Kriegers der Name »Laib«.

Bayersdorfer schreibt das Dombild übrigens dem Meister Pfenning zu, den

er für einen Oestreicher, nicht für einen Franken hält.

Nicht von Italien beeinflusste Künstler vermutet Janitschek in den

Malern des ~Flügelaltars~ in ~Köflach~ mit dem Stifterbildnis des

Ritters von Graden und seiner Hausfrau, des ~Stadtrichterbildes~

im ~Grazer Stadthause~ mit der Jahreszahl 1478 — wohl des ältesten

Gruppenbildes einer städtischen Behörde, Richter und Beisitzer sind

amtierend dargestellt und sämtlich Porträts, im Hintergrund, ein

Memento für die Richter, das jüngste Gericht — und des ~Votivbildes~

des Jörg Rottel Freiherrn von Talberg, um 1505, in der landschaftlichen

~Gemäldegalerie von Graz~.

Lediglich der dargestellten Persönlichkeiten halber nenne ich noch die

folgenden östreichischen Bilder des 14. und 15. Jahrhunderts:

Auf der Rückseite des aus dem 12. Jahrhundert stammenden ~Verduner

Altars~, des berühmten Kunstwerkes der rheinischen Emailschule, über

dem Grabe Leopolds des Heiligen in ~Klosterneuburg~, die ältesten

Tafelgemälde Oestreichs, bald nach 1322 angefertigt und 1863

restauriert: auf einem Bilde mit dem Kruzifixus der kniende Probst

Stephan von Sierndorf.

Rudolf IV., der zuerst den Titel Erzherzog führte, als Donator auf

einem ~Altar~ von 1360 im ~St. Klara-Kloster~ zu Wien.

Von Leopold III., der in der Schlacht bei Sempach 1386 fiel, ein sehr

altes ~Porträt~, vielleicht aus dem Anfange des 15. Jahrhunderts, im

Kloster ~Königsfelden~.

In der ~Spitalkirche zu Obdach~ in Steiermark ein ~Holztafelbild~ mit

dem heiligen Florian und Kaiser Friedrich III., beide in ganzer Figur

und beide mit Heiligenschein. Noch bei Lebzeiten des Kaisers gemalt,

der Obdach zum Schutze gegen die Türken befestigt hatte.

* * * * *

Echt deutsch, wie das Land selbst, ist alles, was von der ~Tiroler

Malerei~ geschaffen ist, und ihre Entwickelung hat im allgemeinen

denselben Gang genommen wie die der oberdeutschen Kunst. Aber als

Grenzland zwischen Deutschland und Italien wird sein künstlerisches

Schaffen schon frühzeitig durch romanische Einflüsse bestimmt, die an

Stärke zunehmen, je frischer und unmittelbarer ihre Vermittelung war,

also je näher die Maler ihren Wohnsitz der Landes- und Stammesgrenze

hatten. Leider ist das meiste, was sich einst an beweglichen

Kunstgegenständen in Tirol befunden hat, entweder zu Grunde gegangen

oder nach den benachbarten Ländern verschleppt worden.

Zwei grosse Malergruppen sind in Tirol zu unterscheiden: die von

Innsbruck einerseits, die von Bozen, Brixen und Bruneck andererseits.

Die ~Innsbrucker Gruppe~ ist die künstlerisch unbedeutendere. Eine

Anzahl ihrer Werke wird im Ferdinandeum der Hauptstadt aufbewahrt. Für

die Geschichte des Bildnisses sind sie belanglos. Derjenige Maler,

welcher einst als der hervorragendste der Innsbrucker galt, ~Hans

Multscher~, hat sich neuerdings als ein Ulmer Schwabe erwiesen. (Vergl.

S. 107.)

An Wert und Zahl ihrer Werke weit überlegen ist ihr die zweite Gruppe.

Die Reihe der bedeutenden ~Brixener Maler~ eröffnet der ~Meister~ mit

dem ~Skorpion~ (Semper), der zwischen 1435 und 1464 thätig gewesen

ist. Das Typische erscheint bei ihm bereits völlig überwunden. Seine

derben, bäurischen, aber sehr lebendigen Köpfe lassen in ihrer leise

idealisierenden Verklärung die Kenntnis veronesisch-paduanischer

Malerei voraussetzen. (Wandgemälde in den Kreuzgängen der Domkirche

zu Brixen, Kreuzigung im Ferdinandeum zu Innsbruck, Kreuzigung

im Klerikerseminar zu Freising von 1464, letztere vielleicht ein

Schulwerk.)

Von den Werken ~Jakob Sunters~, gleichfalls aus Brixen und Mitarbeiter

an dem Bilderschmuck des Kreuzgangs, rühmt Janitschek Empfindung und

sorgsame Charakteristik des Stifterbildnisses auf einer ~Grablegung~

von 1470, im dritten Gewölbejoch.

Von den in ~Bozen~ thätigen Malern sind nur Wandgemälde in einigen der

umliegenden Dorfkirchen erhalten, die, nach Riehl, vermuten lassen,

dass ihre Verfertiger unmittelbar in der Kapella dell’ Arena studiert

haben.

Der grösste aber von allen Tiroler Meistern, ja einer der ersten

deutschen Maler des 15. Jahrhunderts schlechthin, ist der zumeist in

seiner Vaterstadt ~Bruneck~ im Pusterthal thätig gewesene ~Michael

Pacher~, geboren zwischen 1430 und 1440, gestorben 1498.

In der Geschichte des Bildnisses muss ihm ein besonderer Platz

eingeräumt werden, obgleich nicht ein einziges Porträt von ihm

bekannt ist. Er ist es, von den grossen Meistern der erste, der den

Weg zu einem immer mehr und mehr übertreibenden, die zufälligen

und unwesentlichen Einzelheiten immer peinlicher hervorhebenden

Naturalismus der oberdeutschen Kunst ~nicht~ verfolgt. Er

verallgemeinert, wo diese sich in Details verliert. Die Ergebnisse

eines fünfzigjährigen Naturstudiums seiner Vorgänger macht auch er sich

zu nutze, aber er verwendet sie nicht zu kleinlicher Stillebenarbeit,

sondern zu einer grossen und machtvollen Herausarbeitung dessen, was

seelisch und physisch gewaltig ist in der menschlichen Erscheinung.

Aus seinem eigenen Geiste heraus schafft er seine Gestalten, nicht

so wie sie die Natur zufällig gebildet hat mit ihren Fehlern und

Mängeln, sondern so wie er glaubt, dass sie sein müssen, um diejenigen

Qualitäten zu verkörpern, die er mit ihnen ausdrücken will,

wirkungsvoll und verständlich in ihrer weisen Beschränkung, fähig

derjenigen Lebensäusserungen, die wir in dem gegebenen Falle von ihnen

zu erwarten berechtigt sind, — ein Vorläufer der beiden grössten

deutschen Idealisten des kommenden Jahrhunderts, denen der Naturalismus

nicht Ziel, sondern Mittel ist, und nur als solches hat er schliesslich

überhaupt eine Berechtigung.

Wohl hätte eine so auf das Einfache und Grosse gerichtete künstlerische

Gesinnung die Aufnahme einer wirklichen Porträtwelt in seine biblischen

Darstellungen keineswegs ausgeschlossen. Man denke an die zahlreichen

Bildnisse, die in Italien in verwandtem Geiste auf Altargemälden

geschaffen worden sind, aber sei es, dass ihm geistig und körperlich

geeignete Individuen in seinen Alpenthälern nicht zur Verfügung

standen, sei es, dass die Auftraggeber nicht den Wunsch hatten, in

unmittelbarer Nähe der Heiligen zu erscheinen oder sei es, dass seine

Kraft doch nicht ausreichte, das zufällig gegebene Modell so zu

kopieren und doch zugleich neu zu schaffen, wie es im einzelnen Falle

seinen grossen Zielen völlig Genüge gethan hätte: thatsächlich dürfte

in keiner seiner Gestalten ein Porträt zu erkennen sein.

Pachers Hauptwerk ist der grosse ~Altar~ zu ~St. Wolfgang~ am

Wolfgangsee im Salzkammergut, nach mehr als vierjähriger Arbeit

1481 vollendet. Schnitzwerke sowohl als Gemälde sind von gleicher

Meisterschaft, jedoch weisen die plastischen und die malerischen

Arbeiten so grosse stilistische Verschiedenheiten auf, dass die

alte Annahme von dem Bildschnitzer und Maler Pacher neuerdings

mit Recht bestritten wird.[56] Während die ersteren sich als eine

folgerichtige, selbständige und unbeeinflusste Weiterentwickelung

der deutschen Schnitzkunst darstellen, zeigen die letzteren in der

Anordnung der Gruppen, in der Farbengebung, den feinen Lichtwirkungen,

der körperlichen Rundung der Figuren und in der Linearperspektive

deutlich das Muster der von Squarcione und Mantegna geschaffenen

paduanischen Kunst.[57] Da jedoch der ganze Altar wie von einem

einzigen einheitlichen Willen aufgebaut und geschmückt erscheint,

muss angenommen werden, dass Pacher, als Vorstand der Brunecker

Malerwerkstatt, mit eigener Hand zwar nur den Bilderschmuck der Flügel

ausgeführt hat, die Skulpturen jedoch unter seiner persönlichen Leitung

und nach seinen Entwürfen von einem ihm an künstlerischer Kraft

ebenbürtigen Schnitzmeister angefertigt worden sind.

[Illustration: ~S. Stefan~ Almosen spendend,

vom Meister des Neustifts. Augsburg.

Teilbild. Nach Photographie von Hoefle, Augsburg.]

Pacher hat gleich so mancher eigenartigen künstlerischen Persönlichkeit

keine Schule gemacht. Immerhin sind aus seiner Werkstatt einige

bedeutende Werke hervorgegangen. Von seinem Sohn ~Friedrich~ besitzt

das Klerikerseminar zu ~Freising~, Zimmer des Erzbischofs, eine höchst

seltsame ~Taufe Christi~, — Johannes in überlebensgrosser Gestalt, eine

bäurisch-kräftige, fast könnte man sagen gewaltthätige Erscheinung,

anders als alles, was man sonst an Darstellungen des einsamen Büssers

gewöhnt ist.

Sehr nahe dem Michael Pacher steht der Meister eines grossen ~Altars~

aus dem Augustiner-Chorherrnstift von ~Neustift bei Brixen~, dessen

Teile jetzt in den Galerien von München, Schleissheim, Augsburg

(vier Tafeln abgebildet im Klass. Bilderschatz) und bei Prof. Sepp

in München aufbewahrt werden. Die Einzelfiguren auf den Flügeln sind

überlebensgross und wirken mächtig und monumental, so Jakobus und

Stefanus bei Prof. Sepp, Ambrosius und Hieronymus, Augsburg, No. 145

und 146, vor allem aber die heiligen Kirchenlehrer Papst Gregor und

Augustin in München, No. 297a und 297b, als kraftvolle Repräsentanten

der streitenden Kirche. Auch hier weist der trübe, graue, squarcineske

Ton auf die oberitalienischen Vorbilder.

Das Bildnis bei den altdeutschen Meistern bis auf Dürer · 第 20 / 67 题