4. Oberrhein, Schwaben, Schweiz.

Während am Niederrhein das angeborene Streben nach naturgetreuer

Wiedergabe der menschlichen Erscheinung, wie es in den Werken Wilhelms

von Herle zu Tage getreten war, gar bald erlahmte und die Kunst zu

einer schwächlichen, wenn auch durch das Licht der Schönheit veredelten

Individualisierung führte, die am vollendetsten in dem Dombild Meister

Stephans ihren Ausdruck fand, bewirkte die nämliche Triebkraft in der

~oberdeutschen Kunst~, hier jedoch sich nicht verzehrend, sondern

wachsend in der Bethätigung, eine malerische Ausdrucksform, die sich

fest und ehrlich an die herbe Realität der Erscheinung anschloss

und erst nachdem sie diese in der ernsten Arbeit eines Jahrhunderts

zu meistern gelernt hatte, sich wieder von den Zufälligkeiten der

Wirklichkeit befreite und schliesslich zu einer Verallgemeinerung und

Vereinfachung der menschlichen Gestalt und Physiognomie gelangte, zu

dem eigentlichen Idealismus der deutschen Kunst, der sich in die Namen

Dürer und Holbein zusammenfassen lässt.

In Oberdeutschland aber so gut wie am Niederrhein entwickelte sich

der mittelaltrig gebundene Typus zu einer der Natur der Dinge näher

kommenden, freieren Form schon ehe die niederländische Kunst ihren

Siegeszug durch Deutschland begann.

Am ~Oberrhein~ scheint bereits in den Jahren des Konstanzer

Konzils, 1414 bis 1418, eine hochentwickelte Buchillustration auf

die Tafelmalerei von Einfluss gewesen zu sein; von dieser haben

wir allerdings mehr auf litterarischem Wege als durch eigene

Anschauung Kunde, denn die Werke selbst sind fast ausnahmslos in

den Reformationsstürmen vernichtet worden. Als angesehene Wand- und

Tafelmaler der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts werden dort Hans

Heinrich ~Tieffental~ von ~Schlettstadt~ genannt, der 1418 einen

Malauftrag vom Rat zu Basel erhielt, ~Lauwlin~, der in den vierziger

Jahren in der Baseler Karthause thätig war, und Hans ~Hirtz~,

verstorben vor 1466, »dessen Kunstfertigkeit in der Malerei durch

herrliche und stattliche Bilder in seiner Heimat Strassburg wie auch an

anderen Orten bezeugt wird.«

[Illustration: ~Aus Mosers Magdalenenaltar zu Tiefenbronn.~

Nach e. Photographie d. Kunsthist.

Gesellschaft für photogr. Publikat. 1899.]

Von einem schwäbischen Meister, dessen Heimat nicht fern vom Oberrhein

gelegen ist, sind wir so glücklich ein von ihm selbst datiertes und

bezeichnetes Altarwerk zu besitzen: es ist das ~Lukas Moser von

Wil~ und sein aus sechs Tafeln bestehender ~Magdalenenaltar~ in

~Tiefenbronn~ mit der bekannten Inschrift »Schrie, Kunst, schrie,

und klag dich sehr, din begert jectz niemen mer« und der Jahreszahl

1431. Der Altar ist 1898/99 von Hauser in München restauriert worden.

Die Beschreibung der traulich-gemütvollen Bilder ist in jeder

Kunstgeschichte zu finden.[40]

Für unsere Untersuchungen von Wichtigkeit ist die Frage: sind die

Physiognomien der Dargestellten auf diesem frühen Werke typische oder

individuelle und, wenn das letztere der Fall ist, sind sie volkseigen

oder verdanken sie fremden Mustern ihr Dasein?

Ohne Zweifel hat Lukas Moser die Vorbilder zu seinem Magdalenenaltar

nicht lediglich in den früheren oder zeitgenössischen Werken der

Buch-, Wand- und Tafelmalerei gefunden, sondern das, was an ihnen neu

erscheint, in der Natur selbst. Nur bei den Lebenden konnte er den

psychologisch feinen und interessanten Ausdruck gesehen haben, den

er beispielsweise in den Köpfen der drei Bischöfe wiedergegeben hat.

Auch einige der weiblichen Heiligen der Legendenbilder, einige Köpfe

auf der Predella und ein Gesicht in dem Gastmahl des Pharisäers sind

durchaus als persönlich zu bezeichnen. Vortrefflich und sicherlich

dem Leben abgelauscht ist das Moment des Schlafens der müde auf den

Stufen des Königspalastes zu Marseille hingesunkenen Reisenden zum

Ausdruck gebracht worden. Reber[41] macht auf die eigentümliche

gequetschte Bildung der schiefgestellten Ohren mit den nach hinten

gezogenen Läppchen aufmerksam, die ebenfalls als Beweis seines auch das

Nebensächliche aufmerksam beobachtenden Naturstudiums gelten darf.

Was die Frage nach den »Einflüssen« betrifft, so muss zunächst

zugegeben werden, dass man beim ersten Anblick der Gemälde an die

oberdeutsche Illuminierkunst erinnert wird, und schliesslich, wo

hätte auch anders der Künstler aus »Weil der Stadt« den Stoff, die

Komposition und die allgemeine Farbenanordnung seines Werkes hernehmen

sollen! Bei längerer Betrachtung jedoch, und wenn man gleichzeitig

über jenen selbstbewussten und eine gewisse Lebens- und Weltkenntnis

voraussetzenden Spruch nachdenkt, wird man zu der Anschauung geführt,

es müsse dieser Meister doch etwas mehr von der Welt gesehen haben als

das Kirchlein seiner Vaterstadt. Man denkt zunächst an Köln und die

dortige Schule. Aber die Aehnlichkeit ist doch keine so zwingende,

als dass sie nicht auch in dem gleichen Wesen der Zeit begründet sein

könnte, auf dessen geheimnisvolle Mitarbeit bereits hingewiesen worden

ist. Auch führt die Technik des Bildes nicht nach dem Niederrhein,

sondern scheint, wie Prof. Hauser glaubt, auf die Uebung in einer

italienischen Werkstatt hinzudeuten. (Die in ganz dünner Tempera

gemalte Tafel ist übrigens vor Auftrag des Kreidegrundes mit Pergament

überzogen worden.)

Wenn man im Angesicht des Bildes diesen Gedankengang weiter verfolgt,

so kann man sich der Annahme nicht verschliessen — die auch durch

Bayersdorfers Autorität gestützt wird —, dass der Meister, mittelbar

oder unmittelbar, durch die oberitalienische Kunst, etwa durch die

Gentiles da Fabriano oder Pisanellos beeinflusst worden ist. In diesem

Falle ständen wir hier vor einer der ersten, allerdings sehr schwachen

Spur italienischer Vorbilder bei einem oberdeutschen Maler, der, von

den heimischen Miniaturen ausgehend und dabei aufmerksam die Natur

studierend, sich sonst im allgemeinen selbständig entwickelt hat.[42]

Weder Romanisches noch Flämisches aber kann ich in dem 1445

datierten, viel besprochenen und leider namenlosen Bilde No. 1 in

~Donaueschingen~, ~Paulus und Antonius~, entdecken. Der Meister dieses

Gemäldes muss seine Vorbilder ausser in der Natur in einer rein

deutschen Kunst gefunden haben, und sollte er, was recht gut denkbar

ist, mit der Lukas Moserschen Richtung irgendwie in Beziehung stehen,

so hat er jedenfalls das, was in dem Tiefenbronner Altar flüchtig an

Italienisches gemahnt, nicht mit übernommen. Wunderbar scharf und

lebendig sind die Köpfe der beiden alten Einsiedler individualisiert,

wetterharte, faltige, trockene Gesichter, selbst die Zufälligkeit einer

Warze ist von dem Modell getreulich auf die Wange des heiligen Antonius

übertragen worden. Die Modellierung allerdings ist schwach, die Köpfe

wirken flächenhaft. Den Schein des Körperlichen zu erwecken, hatte

Moser jedenfalls besser verstanden.

Was aber das Donaueschinger Bild zu einem der merkwürdigsten und

interessantesten der gesamten deutschen Frühkunst macht, das sind,

nebenbei bemerkt, nicht die Eremiten, sondern die Landschaft, in der

sie sich befinden. Ein solcher stimmungsvoller »Ausschnitt aus der

Wirklichkeit« war, ausser etwa von dem sogleich zu erwähnenden Konrad

Witz, weder vorher noch lange Zeit nachher gegeben worden, und dem Sinn

für Farbenharmonie gegenüber, der aus dem Ineinanderstimmen der Töne

spricht (und das trotz dem Goldgrund der Luft!), müssen einem selbst

koloristisch so vorzügliche Schöpfungen, wie etwa die des Meisters des

heiligen Bartholomäus, gleich Mosaikarbeiten erscheinen. Schade, dass

ein Maler mit solch’ zartem Gefühl für fein zusammengehaltene Farben,

man möchte beinahe sagen mit solchen Rembrandtaugen, in mittelaltriger

Bescheidenheit seinen Namen nicht wie Moser, vielleicht ebenfalls mit

einem ihn charakterisierenden Kernwort, auf den Rahmen des Bildes

geschrieben hat. Zu einer Vermutung über die Stätte seiner Wirksamkeit

kann vielleicht die ummauerte Stadt Veranlassung geben, die sich mit

ihrem Turm und ihren roten Ziegeldächern farbig in dem grünlichen

Wasser des Flusses spiegelt: Dr. D. Burckhardt machte mich s. Z. darauf

aufmerksam, dass das massige Stadtthor dem alten Spalenthor von Basel

gleicht, jedoch ohne den jetzigen Vorbau, der 1445 auch noch nicht dort

gestanden hat.

Wie dieser unbekannte Meister schon ahnungsvoll hinübergreift in

jenes Reich der lichtdurchwobenen Farbe, das mit vollem Bewusstsein

erst im 17. Jahrhundert von dem germanischen Volke der Holländer

gefunden werden sollte, so schreitet neben ihm ein anderer durch

die mittelaltrige Welt, ähnliche Farben- und Lichtoffenbarungen in

der Brust, einsam und wohl auch unverstanden, dessen Spuren in der

Gegenwart verloren gehen mussten, wie Schneeflocken, die im Meere

zerfliessen, weil auch er einer von denen war, die für ihre Zeit zu

früh gekommen waren, — ~Konrad Witz~ von Basel.

Allerdings nicht auf dem Gebiet, das uns hier vornehmlich beschäftigt,

ging er die Bahn, die vor ihm kein Wager bereitet hatte, sondern auf

einem, das seinen Weggenossen noch ein verlorenes Paradies war, auf

dem der Landschaftsmalerei. Er ist es, der in seinem ~Wunderbaren

Fischzug~, ~Genf~, Musee archäologique, der deutschen Kunst das erste

wirkliche Landschaftsporträt gegeben hat. Konrad Witz, ich folge hier

D. Burckhardts Angaben, stammt aus Rottweil in Schwaben, wurde 1434

Meister der Zunft zum Himmel in Basel, ist 1444 in Genf und 1446

wieder in Basel thätig, woselbst er 1454 gestorben ist. Ein schwacher

Anklang italienischer Kunst in seinen Werken weist vielleicht auf

eine Beziehung zu Lukas Moser hin, aber auch Niederländisches, worauf

die Belichtungsversuche seiner Interieurs hindeuten, scheint er schon

gekannt zu haben, vielleicht durch Vermittelung jenes gleichfalls mit

dem Lichte ringenden rätselhaften Meisters von Flémalle, der wohl 1438

in Basel gewesen ist, denn eine Reise nach dem Norden — erst 1432 war

der Genter Altar aufgestellt worden — scheint nicht anzunehmen zu sein.

[Illustration: ~Tafelbild von Konrad Witz mit dem Kardinal de Brogny.~

Genf. Nach einer Photographie.]

Die Köpfe seiner monumentalen, meist reich gewandeten und in tiefen

satten Farben gemalten Gestalten, die er nicht mehr scharf umreisst,

sondern sanft in den Hintergrund übergehen lässt, sind plastisch

gerundet, individuell nach dem Leben gebildet, deutschderb, oft

hässlich, aber niemals grimassenhaft. Auf den vier in Genf befindlichen

Bildern sind die Gesichter, wie die Abbildungen zeigen, und nur diese

sind mir bekannt, so stark übermalt, dass man schwer nach ihnen

urteilen kann. Sehr würdevoll aber erscheint auf einem derselben der

etwa vierzigjährige, wohlgenährte Kardinal Jan de Brogny,[43] Bischof

von Genf, welcher von S. Peter der thronenden Madonna empfohlen

wird, — ein Stifterbild in voller Lebensgestalt, also ein merkwürdig

frühzeitiger Bruch mit der herkömmlichen Däumlingfigur.

Auf einem in ~Neapel~ befindlichen Bilde, ~die heilige Familie~ mit

S. Barbara und S. Katharina, trägt ein im Vordergrund rechts kniender

Mann, der dem Christkind einen Apfel darreicht, fast porträtartige

Züge. Der Vorgang spielt sich im Innern des Baseler Münsters ab,

und hier, wie auch auf einem Bilde in Strassburg, No. 1, Klass.

Bilderschatz 1237, wird der Blick des Beschauers mit erstaunlicher

Kunst in die Tiefe des Raumes geführt, an dessen Begrenzung ein

Durchblick auf eine Strasse gegeben ist, die beinahe wie in modernem

Freilicht gemalt erscheint.

Die Köpfe auf den in ~Basel~ befindlichen Bildern, No. 65 bis 72 b,

sind mehr typisch verallgemeinert als persönlich, so namentlich der

Feldherr Antipater, Julius Cäsar und Melchisedek, dagegen nähern sich

die der Nebenfiguren auf der Kreuzigung, No. 72 b, dem Porträtartigen,

und die Synagoge, No. 66, ist sicherlich getreu nach einem lebenden,

übrigens nicht jüdischen Modell gearbeitet.

Zu den wenigen Werken, auf welche die zeitfremde Kunst Konrad Witzes

eingewirkt zu haben scheint, gehört vielleicht das vorgenannte Bild in

Donaueschingen und zwei Bilder in ~Basel~, ~der h. Georg~, den Drachen

erlegend, und ~der h. Martin~, seinen Mantel mit einem Armen teilend,

No. 85 und 86, doch sind hier die Gesichter nicht so sorgfältig

durchgearbeitet, die Gestalt in Haltung und Gebärde noch etwas

mittelaltrig-unbeholfen, und das Zusammenstimmen der Farben deutet auf

ein geringeres Feingefühl.

Nach der Mitte des 15. Jahrhunderts wird ~Kolmar~ ein Mittelpunkt

der oberrheinischen Kunst. Was vorher in der freien Reichsstadt auf

dem Gebiete der Tafelmalerei geleistet worden ist, entzieht sich

unserer Kenntnis bis auf wenige Bilder, welche das Museum im alten

Dominikanerkloster Unterlinden in Kolmar aufbewahrt. Von diesen Resten

sind hier nur die Flügel des ~Stauffenberger Altars~, No. 157 bis 160,

zu erwähnen, welche noch in der ersten Hälfte des Jahrhunderts gemalt

sein müssen und weder durch die eigenartige Richtung der Bodenseeschule

noch durch niederländischen Realismus beeinflusst sind. Auf einem

derselben, Christus am Kreuz, No. 160, kniet ein Stifter und eine

Stifterin mit dem Wappen der Stauffenberge, — typisch und nebensächlich

behandelte Figuren, kaum mit einer Spur des Porträtartigen.

[Illustration: ~Die Geisselung von Isenmann.~ Kolmar.

Nach einer Photographie.]

Etwa um 1465 beendete ~Kaspar Isenmann den Hochaltar für S. Martin

in Kolmar~, von dem sich heute sieben Bilder, Passionsszenen, im

Museum befinden, No. 137 bis 143. So roh diese Arbeiten sind,

bedeuten sie doch einen gewaltigen Sprung nach der Richtung des

Individuell-Charakteristischen, an dem jedoch weder die Haltung und

Bewegung der Figuren noch die Bildung des Nackten beteiligt ist. Die

Köpfe aber mit ihren hervorspringenden Backenknochen, den grossen

Mäulern mit den wulstigen Lippen und dem brutalen Ausdruck sind

das Höchste, was an gemeinem Naturalismus die Kunst des Oberrheins

hervorgebracht hat, übertrumpft wird es überhaupt nur noch durch

einige hagebüchene Machwerke der bairischen Kunst. Isenmann zeigt sich

hier als ein Fanatiker der Wahrheit, man könnte auf ihn anwenden,

was Till Eulenspiegel der Wirtin zu Nugenstädten erklärte: die

Wahrheit zu sagen sei sein Gewerbe. Und was er für wahr hält, ist

tierische Hässlichkeit. Seine Knechte und Schergen erinnern uns an

jenes arbeitsscheue, lüderliche und lichtfeindliche Gesindel unserer

modernen Millionenstädte, wie es etwa in den nächtlichen Spelunken der

Hasenheide oder in Whitechapel sein Wesen treibt.

Hat man es hier mit heimischer Art zu thun, vielleicht mit einer

Weiterentwickelung handwerklicher Passionsbilder, die uns verloren

gegangen sind? Auf dem ersten Anblick könnte man zu dieser Vermutung

geführt werden, aber die teilweise Anwendung der »Oeltechnik« zu so

früher Zeit spricht doch vielleicht für Janitscheks Annahme, dass

Isenmann persönlich in den Niederlanden gewesen ist. Möglich, dass

die dortigen Wirklichkeitsbestrebungen eine verwandte Saite in ihm

berührt und ihn zu seinen masslosen Uebertreibungen verleitet haben.

Ohne Vorbehalt kann man sich jedenfalls Janitscheks Schlussurteil

anschliessen, dass »Isenmann im ganzen in dem rauhen, bis zum Burlesken

derben Realismus der Heimat stecken blieb, der aus dem geistlichen

Schauspiel und den tollen Fastnachts-Mummereien sich seine Modelle

holte«.

Wie gerade der feine, man möchte sagen musikalische ~Martin Schongauer~

aus einer solchen lärmenden Werkstatt hervorgehen konnte, ist nur

begreiflich, wenn man annimmt, Isenmann habe auch weniger laute und

brutale Bilder als die genannten Passionsszenen gemalt, und in der That

lässt die Betrachtung seiner verhältnismässig recht edeln und ruhigen

Grablegung einen solchen Schluss nicht ungerechtfertigt erscheinen.

Schongauer gilt allgemein als der einzige wirkliche »Künstler« der

oberrheinischen Schule des 15. Jahrhunderts, und wenn man hierbei

die lebensvolle und zarte Liniensprache seiner Kupferstiche im

Auge hat, kann man sich diesem Urteil gewiss anschliessen. Aber so

bedeutend auch seine koloristischen Fähigkeiten sind (der köstliche

blühende Rosenhag auf der Madonna in St. Martin), an harmonischer

Zusammenstimmung übertrifft ihn meinem Empfinden nach doch der Meister

des Donaueschinger Bildes und Konrad Witz, dieser wenigstens auf

einzelnen seiner Werke.

In der Geschichte des Bildnisses bezeichnet Schongauer einen

Fortschritt nach der Seite der idealen Verallgemeinerung und

Vereinfachung der menschlichen Erscheinung, zu der die deutsche Kunst

einige Jahrzehnte später thatsächlich gelangen sollte, nicht aber nach

der Richtung individueller Charakteristik.

Schongauer, eines Kolmarer Ratsherrn Sohn, geboren zwischen 1434 und

1445, dessen Thätigkeit in die siebziger und achtziger Jahre des 15.

Jahrhunderts fällt — gestorben ist er 1491 in Breisach —, nahm seinen

Ausgang offenbar vom Meister E. S., lernte von Isenmann die Lust an

bäuerisch-derben Gesichtsbildungen, kam dann unter den Einfluss der

Niederländer, besonders Rogers, von dem er sich jedoch bald wieder

befreite, und gelangte schliesslich durch ernstes Naturstudium zu einem

eigenen, originalen Stil. Doch nicht lange hat er diesen beibehalten,

denn am Ende seiner Laufbahn sehen wir ihn in einen Manierismus

verfallen, der seine letzten Werke, vor allem aber die seiner zahllosen

Schüler und Nachahmer, nicht eben vorteilhaft kennzeichnet. Verfolgen

lässt sich der hier skizzierte Entwickelungsgang nur an der Hand seiner

Kupferstiche, eigenhändige Gemälde sind nur wenige von ihm erhalten.

Sein frühstes Tafelbild ist bekanntlich die überlebensgrosse ~Madonna

im Rosenhag~, ~S. Martin~, ~Kolmar~, Klass. Bilderschatz 56, auf der

Rückseite angeblich mit 1473 bezeichnet, von der sich eine interessante

Wiederholung in kleinem Format, echt, aber in einer, wie mir scheint,

an Fälschung grenzenden Uebermalung in der Sammlung Sepp in München

befindet, Klass. Bilderschatz 332, — ein strenger, herber, echt

flandrischer Typus, mit der hohen, gewölbten, unproportionierten Stirn,

den unbedeckten Schläfen und dem wenig entwickelten Hinterkopf.

In der gleichfalls noch in den siebziger Jahren entstandenen, im

allgemeinen wenig erfreulichen ~Passion~, ~Kolmar~, No. 115 bis

130, deren Eigenhändigkeit übrigens bestritten wird, begegnen uns

neben flandrischen auch solche Typen, die jene Kaspar Isenmanns ins

Milde und Ruhige, gewissermassen ins Normale übersetzt zeigen. Ueber

das Handwerksmässige erhebt sich die Kreuzesabnahme, mehr noch die

Grablegung. Zu dem auf beiden Bildern mit ähnlichen Gesichtszügen

auftretenden Josef von Arimathia in seinem prächtigen, roten,

goldgestickten und pelzverbrämten Rock könnte recht gut einer der

vornehmen geistlichen Herren der alten Reichsstadt das Vorbild gegeben

haben.

[Illustration: ~Burgkmair,

Kopie eines Selbstbildnisses des Malers Schongauer.~

München, Pinakothek.

Nach einer Pigmentphotogr. d. Verlags-Anst. Bruckmann.]

Aus der Reifezeit des Meisters mögen die Innenseiten der Flügel des

~Isenheimer Altars~, ~Kolmar~, 132 bis 135, herstammen, auf deren einem

die grossartige, monumentale Gestalt des h. Antonius bemerkenswert ist,

Klass. Bilderschatz 1226, wenn sie auch einer tieferen Erfassung des

inneren Lebens ermangelt. Wie wenig Begabung oder Neigung der Maler

Schongauer für das Bildnis gehabt hat, zeigt der kleine, neben dem

Heiligen kniende, völlig konventionelle Stifter in schwärzlich grünem

Mantel mit dem blauen Antonitenkreuz und dem Wappen des Johann Orlinc,

Präceptors von Isenheim zu seinen Füssen.

Dass er sich selbst der Einzeldarstellung für würdig erachtet hat,

unter Verzicht auf den Schutz seines Patrons, ist bekannt. Ob dieses

~Selbstbildnis~ ein gutes Porträt gewesen ist, lässt sich nicht mehr

entscheiden, denn wir besitzen nur eine ~Kopie~ desselben von der Hand

des jungen ~Burgkmair~, ~München~, No. 220, nach einer Notiz auf der

Rückseite im Jahre 1488 angefertigt. Auf dem Bilde selbst befinden

sich links oben die Worte: Hipsch Martin Schongauer Maler 1483 oder,

wie andere lesen, 1453. Ist die letztere Jahreszahl die richtige, sie

stimmt besser als die erstere zu dem, was über das Datum seiner Geburt

bekannt ist, so hätten wir hier die Kopie des frühsten Selbstbildnisses

eines Malers vor uns, eines der frühsten unabhängigen Porträts

überhaupt.

Die Burgkmairsche Arbeit zeigt ein Brustbild in dreiviertel Ansicht

nach links, ohne Hände, das harmonisch fein mit dem einfarbigen

Hintergrund zusammengestimmt ist. Der jugendliche, etwas bäurische

Kopf, in dessen Zügen ein schwermütiger Ernst und nicht die leiseste

Spur einer Lebensfreude zu lesen ist, wird von einer schwarzen,

barettartigen Mütze bedeckt. Ueber dem braunen Rock wird der Kragen

eines Unterkleides sichtbar. Zu beiden Seiten der Schultern fällt ein

shawlartiges Tuch vorn über die Brust herab (oder die Enden eines

Barettbandes?).

Einige anmutige und trauliche Mariendarstellungen des ausgebildeten

schongauerschen Stiles kommen hier, weil der Welt der Wirklichkeit weit

entrückt, nicht in Betracht.

Von ~Werkstatt-, Schul- oder sonst Schongauer~ nahe verwandten ~Werken~

erwähne ich die folgenden, ohne eine kritische Sichtung meiner

Aufzeichnungen oder den Versuch einer zeitlichen Rangordnung zu wagen:

Stark realistische Köpfe auf einem ~Flügelaltar~ in ~Berlin~, No. 562.

Auf dem Mittelbild, Christus am Kreuz, ist das Stifterfigürchen genau

so gross wie der Totenschädel am Fusse des Kreuzesstammes.

Auf einer ~Anbetung der Könige~ in ~Kolmar~, No. 98, einem sehr

mittelmässigen Bilde, ist der kniende Kaspar gewiss ein Porträt.

Fein detaillierte Köpfe auf dem sogenannten ~Schongaueraltärchen~ im

~Ulmer Münster~.

~Mariä Verkündigung~, ~Donaueschingen~, No. 12. Zu Füssen der

heiligen Jungfrau kniet ein Donator in langem, roten Kleide mit

Pelzbesatz, vor ihm das Heiligenberg-Wardenbergische Wappen, in

kindlich-handwerksmässiger Ausführung.

~Landenbergischer Altar~, ~Karlsruhe~, No. 43. Auf einem Flügel der

Stifter Hugo von Hohenlandenberg, Bischof zu Konstanz. (1496 bis 1532.)

Von ~Einzelporträts~, welche allenfalls auf die Werkstatt Schongauers

zurückgehen könnten, ist mir nur eines bekannt. Es befindet sich

in ~Augsburg~, No. 40, und ist dort als »Oberrheinisch von 1492«

bezeichnet: Brustbild eines bartlosen jungen Mannes, nach links, in

violettem Wams, braunem Ueberkleid, schwarzer Mütze, in der Hand ein

rotes Paternoster. Oben links die Zahlen 1462 und 1492. Eine spätere

Inschrift auf der Rückseite enthält die Worte: Hans Leyckmann, Maler

dem Gott Gnad Martin Schongauer facibat (!). Eine recht tüchtige, doch

keineswegs bedeutende Arbeit.

Etwa um 1520 gewinnt auch in der Kunst des Oberrheins der dürersche

Einfluss die Oberhand.

* * * * *

Unter den schwäbischen Städten hatte sich bereits vor der Mitte des

15. Jahrhunderts ~Ulm~ als ein Hauptort oberdeutscher Kunstthätigkeit

hervorgethan, insbesondere ist eine Malerwerkstätte weit berühmt

gewesen, welche mit dem Bildschnitzer Hans Multscher in irgend welcher

Beziehung gestanden hat, falls dieser phänomenale Meister nicht etwa

selbst ihr Haupt gewesen ist.

~Hans Multscher~ hatte 1458 für die Pfarrkirche von ~Sterzing~ in Tirol

jenen grossartigen ~Schnitzaltar~ geliefert, dessen gemalte Flügel,

im ganzen zehn Darstellungen, von Hauser in München 1898 vortrefflich

restauriert, im Rathaus von Sterzing aufbewahrt werden.[44] Da es, wie

gesagt, zweifelhaft, wenn auch sehr wahrscheinlich ist, dass Schnitzer

und Maler ein und dieselbe Person sind, schlägt Reber vor, den

Künstler, welcher den malerischen Teil ausgeführt hat, bis auf weiteres

den Maler des Multscherschen Altarwerks zu nennen.[45]

[Illustration: ~Die schlafenden Jünger auf dem Oelberg~,

von Multscher. (Teilbild.)

Nach e. Photographie d. Kunsthistor. Gesellsch. für photogr.

Publikat. 1898.]

Alle Kraft der Charakteristik hat der Meister in die Köpfe seiner

Figuren gelegt, sowohl in die edlen, würdigen Gesichter auf dem

Marienleben, als auch in die tierisch-gemeinen Henkerfratzen auf den

Passionsszenen. Die Gruppe der Jünger auf dem Oelbergbilde gehört

zu dem Bedeutendsten, best Beobachteten und psychologisch Feinsten,

was die deutsche Kunst im 15. Jahrhundert hervorgebracht hat. Das

so unendlich schwierige Motiv des Schlafens erscheint hier in einer

künstlerischen Vollendung, die noch über Lukas Mosers bereits

erfolgreichen Versuch in dieser Richtung hinausgeht. (Vergl. S. 97.)

Aber nicht von dem Meister aus Wil der Stadt, auch nicht von Brügge

oder Köln hat dieser Maler seine Anregungen erhalten. Sucht man nach

Anknüpfungspunkten, so findet man sie in deutscher Kunst am ehesten

entweder bei den perspektivischen und ausgesucht feinen Lichtmalereien

Konrad Witzes oder, und mit grösserer Wahrscheinlichkeit, bei den

Meistern oberitalienischer Kunst, die Multscher in ihren nördlichsten

Ausläufern bei seinem Aufenthalt in Tirol kennen lernen konnte.

Ein dornengekrönter ~Christus in Schleissheim~ von 1457, No. 52, aus

dem Kloster Wängen in Ulm stammend und ein ~Dreifaltigkeitsbild~ in

der Sakristei des ~Ulmer Münsters~, letzteres durch Restauration

arg entstellt, gehören wohl demselben Meister an (Bayersdorfer).

Auf beiden befinden sich nebensächlich behandelte, kleinfigürliche

Stifterbildnisse. Thode spricht Multscher noch eine Reihe anderer Werke

zu, so die Grablegung und die herrliche Reitergruppe der heiligen

Könige mit ihrem Gefolge, Stuttgart, No. 477 und 488, dort Herlin

genannt.

In der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts begegnet uns in Ulm ein

anderer vielgeschätzter und vielbeschäftigter Meister, der früher

gemeinhin als der Gründer der Ulmer Schule bezeichnet wurde, ~Hans

Schühlein~, geb. um 1440, gest. 1505, also jedenfalls erheblich

jünger als der Maler des multscherschen Altarwerkes. Nach seinem

Hauptwerk zu urteilen, dem koloristisch sehr bedeutenden ~Hochaltar~

in ~Tiefenbronn~, hat er niederländische oder niederrheinische,

gewiss auch fränkische Bilder gekannt. Die Köpfe der ein wenig

an Holzschnitzarbeiten erinnernden Figuren sind individuell und

ausdrucksvoll, porträtartig mutet keiner von ihnen an.

Auch sein berühmter Schüler und seit 1483 sein Tochtermann, »der

deutscheste der deutschen Meister«, ~Bartholomäus Zeitblom~, geb. nach

1450, gest. gegen 1518, hat die Weiterentwickelung des eigentlichen

Bildnisses nicht gefördert. Eine bei allen seinen Gestalten sich

stets gleich bleibende Würde, Strenge und demütige Frömmigkeit,

bei den Frauen mit Anmut und Lieblichkeit gepaart, verleiht ihnen

etwas Typisches und lässt sie wie die Glieder einer einzigen Familie

erscheinen, in der gute schwäbische Sitte, Bedächtigkeit und ein wenig

Langeweile zu Hause waren. Die immer wiederholten Schädelformen zeigen

die alemannische Bildung, die Backenknochen treten stark hervor, die

Wangen sind schmal, die Nasen auffällig gross und in der Regel nach der

Spitze zu leicht gerötet.

Von seinen Werken — das meiste befindet sich in den beiden Stuttgarter

Museen —, ist zunächst der ~Altar~ aus der Kirche auf dem ~Heerberge~

von 1497 zu nennen, ~Stuttgart~, Altertümersammlung, auf dessen

Rückseite, von Ranken und einem Spruchband vielfach umwunden und in all

dem wuchernden Dekorations-Schlingwerk dem flüchtigen Blicke leicht

sich entziehend, der Meister sein eigenes Brustbild angebracht hat.

Er erscheint hier als ein knapp Fünfzigjähriger, in langem Bart- und

Haupthaar, auch er mit jener stattlichen Nase, die er seinen Heiligen

zu geben liebt, in ernster, aber gemütvoller Auffassung, sinnenden

Ausdrucks und bescheidener Handwerkermiene, — als Porträt recht

unbedeutend.

[Illustration: ~Zeitbloms Selbstporträt.~

Stuttgart, Altertümersammlung.

Nach einer Photographie von Hoefle, Augsburg.]

In der ~Neithartkapelle des Ulmer Münsters~ eine seltsame ~Pietà~ von

1501, wohl ein Werkstattbild, unter welcher sich eine imago mortis,

eine aus Bändern, Sehnen und Gebein geflickte Halbnatur befindet,

eine Schärpe um die Schulter geschlagen, an deren Ende wütend ein

Hündchen zerrt und zu deren Seiten, geschlechterweise geordnet, Stifter

und Stifterinnen mit den Wappen der Neithart, Kraft und Ehingen

knien. Möglich, dass unter ihnen uns ein Bildnis des s. Z. berühmten

Terenz-Uebersetzers Hans Neithart und des tapferen Ritters Georg von

Ehingen überliefert worden ist.

Ein vortrefflicher ~Altarflügel~ in der ~Sammlung Sepp~ in ~München~

mit drei Stiftern, einem Manne und zwei Frauen. Der Mann, ein recht

gutes Porträt, trägt in der Linken eine wächserne menschliche Hand, die

er vermutlich zum Dank für eine glückliche Genesung der Gottesmutter

auf einem (nicht mehr vorhandenen) Mittelbilde darbringt, die erste der

Frauen trägt ihr in gleicher Weise ein aus Wachs gebildetes Kindlein

zu, — das einzige Weihgemälde grossen Stils, das mir aus dem 15.

Jahrhundert bekannt ist.

Porträtartige Teilnehmer an einer heiligen Handlung scheint Zeitblom

nicht gemalt zu haben, allenfalls könnte ein bartloser Mann auf einer

ihm in ~Strassburg~, No. 5, zugeschriebenen ~Grablegung~ den Anspruch

erheben, für das Bildnis eines Zeitgenossen gehalten zu werden.

In der ~Galerie Harrach~ in ~Wien~ befindet sich unter No. 360 ein

~Porträt~ »Deutsche Schule«, welches wahrscheinlich von Zeitblom

herrührt. Es stellt auf einfarbigem Grunde einen bartlosen Mann in

dreiviertel Ansicht nach rechts dar, in schwarzem Gewand, langem

dunklem Haar und ziemlich grosser Nase, auf der eine Warze sitzt. (Mir

nur in der Photographie bekannt.) —

In dem Pracht und Luxus liebenden und schon aus diesem Grunde der Kunst

einer neuen Zeit leicht zugänglichem ~Augsburg~, wurde gegen 1460 der

Meister geboren, durch welchen das Menschenbildnis zu einer Grösse und

zugleich Intimität der Auffassung gelangen sollte, wie sie bis dahin

noch nie von einer deutschen Künstlerhand erreicht worden war: ~Hans

Holbein~, zum Unterschied von seinem grossen Sohne später ~der Aeltere~

genannt.

Seine Porträtskizzen, und nur auf diese, nicht auf die Köpfe seiner

ausgeführten Bildwerke gründet sich sein Porträtistenruhm, in der

Mehrzahl allerdings ziemlich spät geschaffen, im ersten und in der

Mitte des zweiten Jahrzehntes des 16. Jahrhunderts, sind von einer

bisher ungekannten Lebenswahrheit und Feinheit der Charakteristik,

dabei so malerisch, flott und sicher mit dem Silberstift gezeichnet,

zum Teil mit Benutzung von Rötel und Weiss, dass sie neben den besten

Leistungen der Griffelkunst aller Zeiten genannt werden dürfen. Diese

weit über hundert Blätter, welche sich auf die Sammlungen von Berlin,

Basel, Weimar und einiger anderer Orte verteilen, sind in Deutschland

überhaupt die ersten, welche dem modernen Auge eine rein ästhetische

Freude gewähren, die ersten jedenfalls, bei denen das historische

Interesse des Beschauers völlig hinter dem künstlerischen zurücktritt.

Mancher dieser dem Gedächtnis leicht sich eingrabender Köpfe begegnet

uns in dem Malwerk des Meisters wieder, geschaffen aber hat er sie

gewiss nicht zum Zwecke der späteren Verwendung, vielmehr teils um der

Persönlichkeiten und Physiognomien selber willen, teils aus Freude

über die eigene Fähigkeit, sie so meisterlich mit dem Stift auf das

Papier hinwerfen zu können, — den alten Kaiser Max, wie er ihn gewiss

oft in seiner lieben Reichsstadt einherreiten sah, Kunz von Rosen,

den kurzweiligen Rat, den stattlichen Bürgermeister Artzt, die Herren

Fugger, die köstlichen Mönche des Klosters St. Ulrich, Junker, Bürger,

Handwerker, auch etliche ehrbare und minder ehrbare Weiblein, kurz alle

die wechselnden Erscheinungen augsburgischen Lebens und Treibens, die

einem geistvollen Flaneur der flüchtigen Momentaufnahme wert erschienen

sein mochten.[46]

[Illustration: ~Lienhard Wagner.~

Silberstiftzeichnung von Holbein d. Ä.

Nach Philippi Kunst d. 15. u. 16. Jahrh. Teil. II.]

Als Zeichner nimmt Holbein seinen Ausgang, gleich wie Dürer,

bei Schongauer, aber Verschiedenheit der Individualität und des

Stammescharakters führt beide zu weit voneinander getrennten Zielen,

und während Dürer auch im gemalten Bildnis die deutsche Kunst zu einem

ihrer höchsten Gipfel emporhebt, bleibt der ältere Holbein, wo die

Farbe mitspricht, ein suchender, unvollkommener und unbefriedigender

Meister, seinem Sohne den Ruhm des grössten Porträtmalers Deutschlands

überlassend.

Holbein d. Ä. steht mit seinem Schaffen in dem Grenzgebiet zweier Welt-

und Kunstanschauungen. Er wurzelt mit seiner Jugendkraft in dem zur

Neige gehenden Mittelalter, und die Malerschulen vom Oberrhein und

Flandern, diese durch Alt-Köln vermittelt, geben seinem künstlerischen

Wesen die erste Richtschnur. Bald jedoch entwickelt er sich zu

selbstständiger, kräftiger und vielseitiger Eigenart, und bereits über

der Mittagshöhe seines Lebens angelangt, erreicht ihn die italienische

Renaissance mit ihren neuen Formen- und Farbenidealen. Sie muss einen

tiefgehenden Eindruck auf ihn gemacht haben, aber er besass trotz

seiner fünfzig Jahre noch Aufnahmefähigkeit, Spannkraft und Biegsamkeit

genug, sich von dieser Offenbarung nicht erdrücken zu lassen, sondern

das Neue mit dem vorhandenen Alten zu verarbeiten und in seinem letzten

Werke zu herrlicher Gestaltung ausreifen zu lassen. Eine auch nur

allgemeine Würdigung des Meisters, der sowohl in der alten deutschen

Wirklichkeitsdarstellung als auch in der neuen, das Wahre durch das

Schöne verklärenden Kunstrichtung so Grosses geleistet hat, muss hier

unterbleiben. Es handelt sich für uns nur um seine Thätigkeit als

Bildnismaler, vor allem um den Porträtgehalt seiner Tafelbilder, der

grösser ist als bei irgend einem anderen der schwäbischen Meister.

[Illustration: ~S. Pauls-Basilika~ von Holbein d. Ä. Augsburg.

Nach einer Photographie.]

Schon auf seinem frühsten bekannten Bilde, dem ~Weingartnerschen Altar~

von 1493, jetzt im ~Augsburger Dom~, erheben einzelne Köpfe auf den

ersten Blick den Anspruch auf Porträtähnlichkeit so z. B., wie bereits

Schnaase bemerkt hat, der Priester bei der Darstellung Christi. Auf

der 1499 vollendeten, ganz handwerklichen ~Gedenktafel für Veronika,

Walpurga und Christina Vetter~, ~Augsburg~, Nr. 61, sind ausser den

Bildnissen der bejahrten Stifterinnen in den Passionsdarstellungen

noch manche porträtartige Gestalten zu bemerken. (»Die Flüchtigkeit

der Behandlung wird durch den geringen Preis von 26 Gulden erklärt.«

Woltmann. — Aber sollte man es hier nicht vielleicht mit einer

Werkstattarbeit zu thun haben?) Die gleich wie dieser Epitaph für

das reiche Katharinenkloster gemalten ~Basilikenbilder~, jetzt in

der Galerie von ~Augsburg~, enthalten eine Fülle ganz vortrefflicher

Porträts, von denen leider nur wenige zu identifizieren sind. Auf der

Basilika S. Marie Maggiore ist auf dem rechten Seitenbild mit der

Enthauptung der h. Dorothea, Nr. 64, die seitwärts kniende Nonne

Dorothea Rehlinger die Stifterin des Bildes. Das Jesusknäblein,

welches, mit einem durchsichtigen Hemdchen bekleidet, der Märtyrerin

einen Korb mit Rosen darreicht, soll ein Porträt des vierjährigen Hans

Holbein d. J. sein. Zu der vom Rücken gesehenen sitzenden Gestalt im

Hauptbild der Basilika S. Paolo, Nr. 68, Klass. Bilderschatz 1387,

wohl von 1504, ein offenbares Porträt von reizend pikanter Wirkung,

wenn auch, oder vielleicht gerade weil, das Gesicht dem Beschauer

abgewendet ist, hat wahrscheinlich Veronika Welser, die Stifterin,

als Modell gedient. Auf der Rücklehne des Stuhles, auf welchem die

weltlich gekleidete junge Frau mit dem schönen, entblössten Nacken

sitzt, liest man das Wort Thekla, den Namen jener heiligen Märtyrerin,

den die nachmalige gelehrte Priorin vor ihrer Klosterzeit geführt haben

soll. Auf dem linken Seitenbild der Pauls-Basilika, Nr. 69, Klass.

Bilderschatz 1405, hat sich der Maler selbst mit seinen beiden Söhnen

Hans und Ambrosius als Zuschauer bei der Taufe S. Pauli abgebildet.

Der Meister erscheint hier im langen Pelzrock, baarhaupt, langen Haar

und grossen Vollbart, der die Oberlippe frei lässt, — als Künstler,

der sich um die Mode der Zeit nicht kümmert. Die Rechte hat er auf den

Kopf des jungen, stämmigen, etwa sechsjährigen Hans gelegt, die Linke

deutet über Ambrosius hinweg nach dem Vorgange hin. Der Kopf des Vaters

trägt den schlichten, ehrlichen, freimütigen und doch bescheidenen

Ausdruck, wie auf der bekannten 1515 datierten Silberstiftzeichnung

des Musée Condé zu Chantilly; die Köpfe der Kinder stimmen mit der

Rötel-Zeichnung von 1511 im Berliner Kabinet recht wohl überein. Aus

der Aehnlichkeit der absonderlichen Profilbildung des etwa achtjährigen

Ambrosius mit der gleichfalls in der Seitenansicht gegebenen Frau

in spitzer burgundischer Haube, welche links als Zeugin der Taufe

erschienen ist, hat man in dieser porträtartigen Figur die Gattin

des Malers vermutet, der gewöhnlichen Annahme nach eine Schwester

Hans Burgkmairs. Der junge Hans Holbein begegnet uns ferner als etwa

fünfjähriger Knabe in der ~Speisung der Viertausend~, Nr. 66, linkem

Seitenbilde einer von ~Ulrich Walter~ 1502 gestifteten ~Gedenktafel~,

wo der kleine Bursche zur Seite Christi in rotem Rock und Ledertasche,

einen grossen Fisch in der Hand, einherläuft.[47] Schliesslich ist hier

noch das Selbstbildnis des gealterten Meisters auf seiner herrlichsten

Schöpfung, dem ~Sebastiansalter~ vom Jahre 1515 in ~München~ zu

nennen, wo er mit bittender Gebärde zur Seite der heiligen Elisabeth

erscheint. Klass. Bilderschatz 15.

Aber mit diesen wenigen nachweisbaren Persönlichkeiten ist die Reihe

der von Holbein als Teilnehmer an heiligen Vorgängen dargestellten

Zeitgenossen nicht beendet. Auch auf den grossen ~Passionen~ in

~Frankfurt~ und ~Donaueschingen~, auf dem ~Kaisheimer Altar~ in

~München~, von letzteren beiden einige Abbildungen im Klass.

Bilderschatz, sowie auf dem ~Stammbaum Christi~ und dem ~Stammbaum der

Dominikaner~, jetzt im städtischen Museum von ~Frankfurt~, ist gewiss

mancher Kopf von den Zeitgenossen als Porträt erkannt worden, aber die

Celebrität des Dargestellten war wohl nicht bedeutend genug, um seinen

Namen der Nachwelt zu überliefern.

Von seinen zahlreichen Stifterbildnissen, denen er in der Regel

denselben Massstab wie den heiligen Personen gegeben hat und die

infolge seines grösseren malerischen Könnens das Holzschnitzartige

verloren haben und den Originalen gerechter werden, als die der

meisten seiner Vorgänger und seiner Mitstrebenden, wenn sie auch

immerhin noch nebensächlich behandelt erscheinen, sind zu erwähnen:

Auf der ~Beschneidung Christi~ des ~Kaisheimer Altares~ der kniende

Abt Georg zu Kaisheim, ein ganz besonders lebendiger Kopf. Auf der

schon erwähnten ~Gedenktafel~, welche ~Ulrich Walter~ im Jahre 1502

seinen hochwürdigen Töchtern Anna und Maria, Priorin bez. Küsterin

des Katharinenklosters, für den Kreuzgang desselben gestiftet hat,

und zwar auf dem rechten Seitenbild mit der Heilung des Besessenen,

No. 67, dreizehn weibliche Mitglieder der walterschen Familie, unter

ihnen die Mutter, Frau Barbara, geb. Riedler, nebst zwei Dienerinnen,

und auf dem linken, Nr. 66, der Speisung der Viertausend, neun

männliche Mitglieder, vorn der greise Stifter Ulrich Walter selbst, im

Pelzrock, den Rosenkranz haltend. Von diesen Figuren sind die Mehrzahl,

namentlich auf der Männerseite, nicht nur vortrefflich in der Farbe

modelliert, sondern müssen auch als Konterfeie »der ganzen walterschen

Freindschaft«, und die bestand beim Tode des Seniors aus nicht weniger

denn 133 lebenden Kindern, Enkeln und Urenkeln, viel Freude bereitet

haben.

[Illustration: ~Epitaph d. Bürgermeisters Schwartz von Holbein d. Ä.~

Augsburg, Privatbesitz.

Nach einer Photographie von Hoefle, Augsburg.]

Das beste aber an feiner malerischer Behandlung und individueller

Bildung und Differenzierung der Physiognomien hat Holbein in

dem ~Epitaph~ des 1478 hingerichteten ~Bürgermeisters Ulrich

Schwartz~ vom Jahre 1508, im Besitze der Familie von Stetten in

~Augsburg~, geleistet. Fünfunddreissig Personen, unter ihnen der

Bürgermeister, sein Sohn Ulrich und dessen drei Frauen (die dritte,

ihn überlebende, Anna Friess, ganz vorn), noch nach althergebrachter

Weise angeordnet, aber jede einzelne von selbständiger Bedeutung und

mit dem Bewusstsein des Wertes ihrer Persönlichkeit, nicht mehr die

mittelaltrige Beterschar, die dem Gotte gegenüber nur als Symbol des

Menschengeschlechtes zu erscheinen wagt, — »eine Musterversammlung

protziger, kräftiger Menschen« (Janitschek). Hier hat der alte Meister

gezeigt, wie er mit jugendlicher Triebkraft sich den Idealen einer

neuen Zeit zugewandt hat. Leider ist das Bild sehr beschädigt, doch

scheut der jetzige Besitzer, vielleicht mit Recht, die Gefahren einer

Restaurierung.

Es wäre gewiss interessant zu erfahren, wie der ältere Holbein sich

dem unabhängigen Einzelporträt gegenüber verhalten hat. Woltmann I,

87 erwähnt das ~Porträt~ eines jungen, blühenden, blonden, bärtigen

jungen Mannes, in Pelzkleid und Pelzhaube, eine Schriftrolle in der

Hand, aus dem Jahre 1513 im Besitze des Grafen ~Lanckoronski~ zu ~Wien~

und S. 88 das ~Bildnis~ eines Mannes aus derselben Zeit, der einen

silbernen Becher in der Rechten hält — den Hintergrund bildet eine

Renaissance-Architektur —, ehemals im ~Palazzo Manfrin~ zu ~Venedig~.

Die Bilder, ich habe sie leider nicht selbst gesehen, sollen weit

hinter dem zurückbleiben, was man nach seinen Skizzen erwarten könnte.

Andere sichere Porträts scheinen von ihm nicht bekannt zu sein, sei es,

dass sie sich unter der handwerklichen Ware der Provinzialsammlungen

verbergen, sei es, dass der Meister überhaupt wenig Aufträge dieser

Art erhalten hat. Das ~Porträt~ eines jungen Mannes im roten Rock und

rotem Barett auf blauem Grunde in ~Darmstadt~, welches Janitschek

ihm zusprechen wollte und das Woltmann als mutmassliche Arbeit des

Ambrosius Holbein aufführt, gilt neuerdings wohl allgemein als

ein frühes Werk des jüngeren Holbein. — Das in ~Stuttgart~ unter

Nr. 500 der Schule des älteren Holbein zugeschriebene freundliche

~Kinderköpfchen~ auf grünem Grund, eine pausbackige, sächsische

Prinzessin mit roten Haarflechten und golddurchwirkter Haube, gehört

wohl der cranachschen Werkstatt an, und das ebenda unter No. 515

derselben Schule zugewiesene ~Brustbild~ einer betenden Frau ist

schwerlich deutschen Ursprungs.

Nachdem er den Sebastiansaltar geschaffen hatte, hört man wenig mehr

von Holbeins künstlerischer Thätigkeit, und ein Werk von ihm ist von

nun an nicht mehr nachweisbar. Er hatte in seiner bürgerlichen Existenz

Schiffbruch gelitten, konnte seinen städtischen Verpflichtungen nicht

nachkommen, und die Schuldklagen gegen ihn häuften sich mehr und mehr.

Im Jahre 1524 wird er als verstorben erwähnt. So teilte er dasselbe

Künstlerlos mit so manchem grossen Meister, mit Franz Hals, Ruisdael,

Vermeer und Rembrandt, mit denen er freilich wenig mehr gemein hat als

das Unterliegen im Kampfe um Anerkennung und Belohnung von seiten

der Mitlebenden, denn dem wirklichen Talente gegenüber erscheint er

schliesslich doch nicht mehr als ein Meister zweiten Ranges — die

herrliche Schöpfung des Sebastiansaltars ausdrücklich ausgenommen —,

ein Vorarbeiter auf einer Bahn, auf der ein Grösserer als er das Ziel

erreichen sollte.

Von den in Augsburg neben Holbein d. Ä. thätigen Künstlern

zeichnet sich ~Leo Frass~, der eines der Basilikenbilder für das

Katharinenkloster gemalt hat, durch tüchtige, aber künstlerisch nicht

gerade bedeutende, grobknochige und unerfreuliche Charakterköpfe aus,

~Gumbolt Giltlinger d. Ä.~ dagegen, thätig als Tafelmaler seit 1481,

gestorben 1522, durch wenig tief erfasste und etwas ausdruckslose

Ateliergesichter. Auf seiner ~Anbetung der Könige~, von der sich

ein bezeichnetes Exemplar im Besitz des Landgerichtsrats Hoffmann

in ~Augsburg~, ein anderes im ~Louvre~ befindet, No. 2739, Klass.

Bilderschatz 189 und 1203, scheinen einige Personen des königlichen

Gefolges die Züge bestimmter Persönlichkeiten zu tragen. Eine Anbetung

der Könige in der ~Augsburger Galerie~, No. 102, ist nach dem Katalog

mutmasslich eine Replik des jüngeren Giltlinger, möglicherweise ist

dort in dem zweiten König, Balthasar, ein Porträt des Anton Fugger

gegeben.

Augsburgischer Kunstweise verwandt sind die in dem dortigen

~Maximilians-Museum~ aufbewahrten Darstellungen der ~Geburt~ und

der ~Anbetung der Könige~, »Schwäbisch um 1480«; auf letzterer sind

vielleicht sämtliche drei Könige Porträts.[48] Italienischer Einfluss

ist auf allen diesen Werken zu erkennen.

Die Besprechung der Thätigkeit ~Hans Burgkmairs~ liegt ausserhalb

des Rahmens dieser Betrachtungen, denn schon in den frühsten

seiner bedeutenderen Arbeiten, den Basilikenbildern, die er in den

ersten Jahren des 16. Jahrhunderts neben dem älteren Holbein im

Katharinenkloster malte, zeigt er sich als auf dem Boden der neuen

Zeit stehend, als ein Künstler der Renaissance, zu welchem er sich

durch die Kenntnis oberitalienischer, besonders venetianischer

Malerei herangebildet haben mag. Die von ihm als fünfzehnjähriger

Knabe ausgeführte Kopie des schongauerschen Selbstbildnisses ist

schon erwähnt worden (S. 105), hier mag noch ein zwei Jahre später

gemaltes Porträt genannt werden, also aus einer Zeit, wo er noch

unter dem Einflusse der deutschen, und zwar der elsässischen Kunst

steht. Es ist das der in ~Schleissheim~ unter No. 141 befindliche,

1445 geborene ~Geiler von Kaisersberg~. Das Brustbild ohne Hände,

vor dunkelblau-grünem Hintergrund, in schwarzem, bis zum Hals

geschlossenen Rock und hoher, fezartiger schwarzer Mütze, der Kopf, in

dreiviertel Ansicht nach rechts, zeigt die Hand eines Anfängers, der

noch ganz in mittelaltriger Kunstübung wurzelt. Die Züge des scharf

konturierten Kopfes sind hart und metallen, und die zahlreichen und

tiefen Gesichtsfurchen geben ihm einen ängstlichen und bekümmerten

Ausdruck. Die Lippen sind schmal und ein wenig geöffnet, ihre

Umrisslinien scharf, wie mit dem Messer ausgeschnitten. Der Fleischton

ist schmutzig-gelbraun. Ohne einen bestimmten Gegenstand zu fixieren,

ist der leere, beinahe gespenstische Blick in die Ferne gerichtet.

Von dem Geiste der gewaltigen Persönlichkeit des Kanzelredners,

»der helltönenden Posaune von Strassburg«, des gedankenreichsten

und feinsten Menschenkenners seiner Zeit, der damals in seinem

fünfundvierzigsten Jahre stand, ist in dieser kindlich-befangenen

Arbeit wenig zu verspüren.

[Illustration: ~Porträt des Geiler von Kaisersberg~,

von Hans Burgkmair, Schleissheim.

Nach besonderer Aufnahme.]

* * * * *

In ~Nördlingen~, wohin er von Rothenburg gekommen war, malte 1462

~Friedrich Herlin~, ein Schwabe von Geburt, wahrscheinlich aus Ulm

stammend, den ~Hochaltar für die Georgskirche~. Auf den ersten Blick

erkennt man den Nachahmer der Niederländer, insbesondere Rogers,

dessen Einfluss von nun an in Schwaben der herrschende wird. Zu einer

selbständigen künstlerischen Ausdrucksform, wie z. B. Schongauer,

der auch bei den Flamen studierte, hat er es niemals gebracht. Das

Technische, die Leuchtkraft der Farbe und die feierliche Komposition

hat er seinen Vorbildern erfolgreich abgesehen, aber den Schein der

Körperlichkeit vermag er seinen Gestalten nicht zu verleihen. Seine

Figuren mit den langgezogenen Gesichtern, den langen und breiten

Nasenrücken und den scharfgeschlitzten, nach den äusseren Winkeln

stark heruntergezogenen Augen, wirken hart und erinnern an flache

Holzschnitzreliefs. Auch seinen Stifterbildnissen, die übrigens als das

beste bezeichnet werden müssen, was er überhaupt zu geben imstande war,

haftet dieser Mangel an. Aber er hat sie sorgfältiger behandelt als die

Mehrzahl seiner schwäbischen Malergenossen, und dass er sie da, wo sie

mit heiligen Personen zu einer Handlung vereinigt sind, von derselben

Grösse darstellt wie diese, ist ein künstlerischer Fortschritt und ein

Beweis für ein verändertes Verhältnis des Menschen zu Gott, für eine

Befreiung von dem mittelaltrig-dumpfen Herdengefühl, zu dem Herlin,

vielleicht dank der auf seiner niederländischen Reise erhaltenen

Anregungen, recht wohl sein Scherflein beigetragen haben mag.

In der ~städtischen Sammlung von Nördlingen~ hängen u. a. ~zwei

Flügel~ des schon erwähnten ~Georgsaltares~, auf dem einen sechs

männliche, auf dem anderen vier weibliche Mitglieder der Familie

des reichen Nördlinger Bürgers Jakob Fuchshart. In einem von zwei

Fenstern erhellten Raume kniet, von den übrigen abgesondert, der greise

Stifter mit weisser Perücke. Ein aus dem Groben gearbeiteter Kopf mit

schlichtem, nicht unintelligentem Ausdruck, wie man ihn wohl noch heute

in schwäbischen Städten mit vorwiegend landschaftlichem Charakter

antrifft, hinter ihm seine Söhne, jeder einzelne in seiner besonderen,

nicht gerade gewinnenden Eigenart gekennzeichnet. Die vier Frauen knien

in naturholzfarbenen Betstühlen vor einem ausgespannten oliven-grünen

gemusterten Teppich, drei in Schwarz, eine in Rot gekleidet, nach der

Sitte der Zeit den Kopf von grossen, blendend weissen, gestreiften

Tüchern haubenartig umschlungen. Das Inkarnat ist heller als bei den

Männern, auch sie sind, wiederum ein Fortschritt, ebenso vortrefflich

individualisiert wie jene.

[Illustration: ~Flügel des Georgsaltars von Herlin.~ Nördlingen.

Nach Photographie.]

Auf einem dreiteiligen ~Altar~ von 1488 in derselben Sammlung kniet,

nicht auf dem Flügel, sondern auf dem Mittelbilde, unmittelbar vor der

Gottesmutter mit dem Kinde, die Familie des Stifters: gleichfalls recht

gute Porträts, in denen eine örtliche Ueberlieferung, der freilich

Schnaase widerspricht, Herlin selbst mit den Seinen erkennen will.

Klass. Bilderschatz 1376.

In der städtischen Sammlung befindet sich ferner ein ~Ecce Homo~

von 1468, vor welchem im Betstuhl, einen langen Pelzmantel um die

Schultern, der Stifter kniet: Hans Genger, Kirchenbaupfleger und Bürger

von Ulm, dieser jedoch, wie noch einige andere herlinsche Donatoren in

Nördlingen, in der alten nebensächlichen Art und verkleinerter Gestalt

behandelt.

In der ~Jakobskirche von Rothenburg~, die übrigens auch einen 1466

bezeichneten Altar Herlins besitzt, wird in der jetzt leider gänzlich

verwahrlosten Blutkapelle ein vortreffliches Bild der ~Maria mit dem

Kinde und der h. Barbara~, bez. 1467, aufbewahrt, das mit grosser

Wahrscheinlichkeit demselben Meister zuzuschreiben ist (dort Wolgemut

genannt). Die in der Kirchentracht mit vier blonden, blühenden Kindern

erschienene Stifterin, in nur wenig verkleinertem Massstabe, ist

besonders sorgfältig behandelt. Neben ihr ein Wappen mit einem Einhorn.

An einigen beschädigten Stellen des Bildes ist zu erkennen, dass die

Holztafel vor Auftrag des Kreidegrundes mit Leinwand überzogen war.

Dieses Hilfsmittel, um etwaige beim Trocknen des Holzes entstehende

Sprünge von vornherein zu verbergen, ist mir, nebenbei bemerkt,

auf Werken des 15. Jahrhunderts mehrfach begegnet, besonders auf

altkölnischen Bildern. Zuweilen sind auch Sprünge, die schon vor dem

Bemalen im Holz vorhanden waren, mit Werg ausgestopft.

Gleichfalls nicht ganz sicher von Herlin ist ein ~Epitaphium~ einer

Frau Müller in der ~Georgskirche~ zu ~Nördlingen~, am alten Rahmen

mit 1463 bezeichnet, welches Christus am Kreuz zwischen Maria und

Johannes und die Stifterfamilie zeigt. — Einen, nach der Abbildung

im klassischen Bilderschatz 1220 zu schliessen, vortrefflichen

Stifter, ein Brustbild, das unten mit dem Rahmen abschneidet, eine

höchst seltene Darstellungsweise, mit dem h. Christophorus und dem

h. Sebastian in der ~Sammlung Marcuard~ in ~Florenz~, habe ich im

Original nicht gesehen. — Dass der Nachahmer Rogers Einzelporträts

gemalt hat, ist anzunehmen, aber nicht nachzuweisen. In keiner Sammlung

wird ihm ein Porträt zugeschrieben. Vielleicht aber dürfte auf ihn

ein im Besitz des Herrn Dr. ~A. Burckhardt-Burckhardt~ in ~Basel~,

früher in der Sammlung des Grossherzogs von Baden, befindliches

~Brustbild~ zurückgeführt werden, das mit der Jahreszahl 1488

bezeichnet ist. Der gut detaillierte, an einigen Stellen übermalte

Kopf, den eine haubenartige Mütze bedeckt, gehört einem hoch in den

Dreissigen stehenden Manne an. Beide Hände sind sichtbar, die linke

ruht auf einer Brüstung, die rechte, mit ihren spinnenbeinartigen,

knochenlosen, widerlichen Fingern, die man sich scheuen müsste zu

berühren, hält einen Zirkel, — also wohl ein Mathematikus. Die

dunkelgemusterte Wand des Hintergrundes ist links für einen Ausblick

in die Landschaft geöffnet; allerdings ist es nicht unmöglich, dass

dieser Teil der Staffage von späterer Hand hinzugemalt worden ist. Den

Hinweis auf die vermutliche Urheberschaft dieses in der Farbe guten,

in der Modellierung ziemlich schwachen Werkes verdanke ich Dr. Daniel

Burckhardt.

[Illustration: ~Männliches Porträt.~

Im Besitz von Dr. A. Burckhardt in Basel.

Nach besonderer Aufnahme.]

* * * * *

Die Kunst der übrigen am Oberrhein und in Schwaben thätigen Maler

wird vornehmlich von Schongauer, Zeitblom und dem älteren Holbein

bestimmt. Für die Geschichte des Menschenbildnisses sind sie kaum von

Interesse. Der vielgenannte ~Meister von Sigmaringen~, hauptsächlich

vertreten in den Sammlungen von Sigmaringen und Donaueschingen — ein

gutes Bild auch in Schleissheim No. 136, jedenfalls ~nicht~ von dem

Meister des Amsterdamer Kabinets —, obwohl noch im 16. Jahrhundert

thätig, zeigt bei guter Naturbeobachtung doch nur Typen, die uns von

Zeitblom her bekannt sind. Eine kleine, steife Stifterin auf dem Bilde

No. 33 in Donaueschingen, in der Tracht der Dominikanerinnen, ist

ganz unbedeutend. Auf eine nahe Verwandtschaft mit demselben Meister

weisen die Bilder von ~Klaus Strigel~ hin — der ganz hervorragende

Porträtmaler Bernhard Strigel gehört mit seinen Hauptwerken bereits dem

neuen Geiste des 16. Jahrhunderts an —; dem älteren Holbein nahe steht

der Maler der »~Blaren-Tafel~« aus der Kapelle des Spitals S. Augustin,

jetzt im ~Rosgarten-Museum zu Konstanz~, den Tod Mariä darstellend,

übermalt, mit einem recht ungeschickten, hölzernen Stifter,

(Diethelm?); zeitblomsche Typen zeigt ein grosser ~Altar~ von 1498 in

~Mittelzell~ auf der Reichenau, auch manches in der Neidhartkapelle des

~Ulmer Münsters~.

Alle diese meist sehr mittelmässigen Bilder aufzuführen, ist zwecklos,

ich erwähne nur die folgenden, die ein gewisses ikonographisches

Interesse haben:

In der ~Heidelberger Schlosssammlung~ unter No. 370 die ~Stiftung des

Rosenkranzordens~: Drei von Rosenkränzen umrahmte Darstellungen, auf

der rechten ein vornehmer Mann in goldbrokatenem Gewande, dem ein

Dominikanermönch von der Kanzel herab den Rosenkranz überreicht. Das

scharf im Profil genommene Gesicht des ersteren, bartlos, mit Adlernase

und Lockenhaar, hat einige Aehnlichkeit mit einem in derselben Sammlung

befindlichen Porträt Friedrichs des Siegreichen (No. 416). Sonach

könnte das Bild vielleicht zum Danke für das von diesem Fürsten 1476

in Heidelberg erbaute Dominikanerkloster (an der Stelle des heutigen

Friedrichsbaues) gestiftet worden sein. Bemerkenswert ist übrigens

hier die treffliche Bewältigung der Perspektive bei ungewöhnlich hohem

Augenpunkte. Die Herkunft des Bildes ist unbekannt.

[Illustration: ~Stiftung des Rosenkranzordens.~

Heidelberg, Schloss, städtische Sammlung. Teilbild.

Nach einer Photographie von Edmund von König.]

Ein ~Schnitzaltar~ in der Pfarrkirche von ~Dettlingen~,

Hohenzollern,[49] gestiftet 1491, zeigt recht gute Donatorenbildnisse:

auf dem rechten Flügel Burkhard von Ehingen zu Diessen in voller

Rüstung zu Füssen des h. Christophorus, auf dem linken Flügel seine

Hausfrau Barbara von Neuneck kniend vor der Madonna mit dem Kinde.

Beide sind von derselben Grösse wie die Heiligen.

In der ~Stuttgarter Gemäldesammlung~ unter No. 518 bis 520 eine

merkwürdige, 1489 bezeichnete Tafel mit vierundzwanzig kleinen, wie

vergrösserte Buchillustrationen erscheinenden Darstellungen einer

wunderlichen ~Legende~. (Wichtig für die Datierung der schongauerschen

Stiche B. 17 und B. 22, die hier kopiert sind. Lehrs.) Auf den zwei

Seitenbildern dieser Tafel sind die Stifter gemalt, und zwar sehr

bemerkenswerterweise erscheinen sie hier zum ersten Male in ~ganzer

stehender Figur~ von etwa einem Meter Höhe und ohne von einem

Schutzpatron begleitet zu sein. Auf dem einen Seitenbild Herzog Wolf

von Schwaben, eine edele Jünglingsgestalt in reicher, goldbrokatener

Tracht, den Herzogshut auf dem herabwallenden Goldhaar, ein

Kirchenmodell in der Hand haltend, auf dem anderen Seitenbild seine

jugendliche Gemahlin Juditha von Flandern, in rotem, grüngesäumten

Gewand, mit der hohen, durch Drähte gestützten burgundischen Haube,

über welcher ein zarter weisser Schleier gelegt ist. (Ein spätes

Beispiel für das Vorkommen dieser etwa seit 1440 nachweisbaren

Kopfbedeckung.) Beide Figuren sind mit feinem koloristischen Sinn auf

dunkeln Grund gemalt. Die Bilder werden in Stuttgart »Schwäbische

Schule« genannt; aber sollten diese vornehmen, liebenswürdigen

Erscheinungen nicht doch vielleicht von einem flandrischen oder

burgundisch-französischen Maler herrühren?

In derselben Sammlung unter No. 501 »unbekannter Meister« ein

Doppelbild, ~Anbetung der Weisen~ und ~Beschneidung Christi~, mit

zwei Seitenbildern, auf dem einen der württembergische Graf Ulrich

der Vielgeliebte, in hellbrauner Plattenrüstung, einem Perlenreif mit

Reiherstutz auf dem roten Lockenhaar, recht gut individualisiert,

auf dem andern seine drei Gemahlinnen, diese kaum voneinander zu

unterscheiden. Die unpatronisierten Stifterfiguren sind hier grösser

als die Heiligen der beiden Mittelbilder.

Schliesslich seien noch zwei lebensgrosse, unpatronisierte ~Bildnisse

in ganzer stehender Figur~ erwähnt, welche einst die Flügel eines

Altars der Hauskapelle in der Stallburg zu Frankfurt a. M. gebildet

haben und sich jetzt unter No. 75 und 76 im ~städelschen Kunstinstitut~

befinden. Auf den nach 1788 angefertigten Rahmen beider ist der Name

der Dargestellten, ihr Alter und das Jahr der Anfertigung angegeben.

Das eine ist das Porträt des fünfunddreissigjährigen Frankfurter

Patriziers Claus Stalburg vom Jahre 1504, das andere das seiner

Gattin, der zwanzigjährigen Margarethe Stalburgerin, gleichfalls von

1504. Die Bilder sind von dem aus Schwäbisch-Gmünd gebürtigen Maler

~Jerg Ratgeb~ hergestellt und lassen bereits den dürerschen Einfluss

erkennen. (Eigenartige Passionsdarstellungen desselben Meisters in der

Stuttgarter Altertümer-Sammlung.)

* * * * *

Unabhängige Porträts aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts, der

oberrheinischen oder schwäbischen Richtung angehörend, finden sich

vereinzelt in den Sammlungen Deutschlands und Oesterreichs. Ich erwähne

die folgenden:

Zwei recht handwerksmässige »~Klappbilder~«, nach Art der Diptychen,

zum Aufstellen oder zur Aufbewahrung in einer Lade bestimmt, im

gotischen Zimmer des ~Baseler historischen Museums~. Beide mit 1487

bezeichnet, auf der Innenseite der einen Klappe das Brustbild der

Dargestellten auf blauem Grund: einmal ein weltlich gekleidete junger

Mann, eine Blume in der Hand haltend, das andere Mal ein Mönch; auf der

Innenseite der anderen Klappe in beiden Fällen ein Totengerippe.

In der ~städtischen Sammlung zu Mainz~ unter No. 444 ein 1482

datiertes ~Porträt~ des Ulmer Dombaumeisters Moritz Ensinger, links

oben ein Wappenschild mit zwei Zangen, rechts oben die Jahreszahl.

Brustbild auf rotem Grund, der Kopf in dreiviertel Ansicht nach links.

Der Dargestellte, der eine hohe schwarze Mütze trägt, mag in der

Mitte der Vierziger stehen. Der Ausdruck des hohlwangigen, schlecht

rasierten Handwerkergesichts ist, im Gegensatz zu den sonstigen

spätmittelaltrigen Bildern, völlig unbefangen, aber gleichgiltig,

beinahe gelangweilt. Die Ausführung ist unfrei, zeichnerisch, nicht

malerisch, und ohne jede Kraft der Formen und Farben. Schwerlich von

einem bedeutenden Meister.

Ein anderes, einem unbekannten Ulmer Maler zugeschriebenes ~Porträt~

befindet sich in ~Stuttgart~ unter No. 503. Brustbild eines Mannes in

mittleren Jahren mit feinen Gesichtszügen, ohne Hände, auf dunkelgrünem

Grund. Er trägt unter der offenstehenden schwarzen Schaube einen

braunen Rock, den Kopf bedeckt ein schwarzes Barett. Sauber mit dem

Pinsel gezeichnet. Wohl vom Ende des 15. Jahrhunderts.

In der ~Stuttgarter Altertümersammlung~ das ~Brustbild~ einer

Augsburgerin Welser, geb. Ungelter, von etwa 1500, — eine junge,

gesunde, frisch aussehende Frau mit reich gestickter Haube auf rotem

Grunde. Die Freude des 16. Jahrhunderts an kostbarem Geschmeide ist

schon hier an Ketten und Ringen zu erkennen.

In der städtischen Sammlung auf dem ~Heidelberger Schloss~, No. 416,

ein recht gutes ~Brustbild~ Kurfürst Friedrichs I. von der Pfalz (1449

bis 1476), im Brokatrock mit Hermelinbesatz, roter Mütze, auf schwarzem

Grunde. Die gänzlich verzeichneten Hände halten ein Blatt Papier oder

einen Brief. Manches, insbesondere die Haarbehandlung, erinnert an

den viel späteren Baldung, doch kann das Bild immerhin noch im 15.

Jahrhundert gemalt sein. Die Porträts unter No. 417 und 418 sind freie,

aber schlechte spätere Handwerkerkopien desselben Bildes.

* * * * *

Es erübrigt nun noch am Schlusse der oberrheinischen und schwäbischen

Schulen kurz auf zwei ~schweizer Maler~ hinzuweisen, die für die

Geschichte der Entwickelung des Bildnisses in der vordürerischen Zeit

von einiger Bedeutung sind: Hans Herbst, in dessen Werkstatt vermutlich

Holbein der Jüngere gearbeitet und der den männlich schönen Lehrmeister

porträtiert hat,[50] und Hans Fries, den eigenartigen, bäurischderben

Maler von Freiburg.

~Hans Herbst~ ist 1468 geboren, war um die Wende des Jahrhunderts der

gefeiertste Künstler in Basel und ist erst 1550 im Alter von 82 Jahren

gestorben.

Im Besitze des Herrn Dr. ~Stückelberg~ in ~Basel~ befindet sich

das ~Brustbild~ eines etwa fünfundzwanzigjährigen Mannes, das

durch eine alte Inschrift und die Identität der Persönlichkeit mit

der des Londoner Porträts mit grosser Wahrscheinlichkeit als ein

~Selbstbildnis~ des Malers beglaubigt sein soll. Ich selbst habe das

Werk nicht gesehen. D. Burckhardt[51] sagt von ihm: Die Färbung ist

ziemlich kräftig, von einem hellgrünen Hintergrund hebt sich der mit

einem roten Barett bedeckte Kopf trefflich ab. Das Gesicht ist flach

mittels leichter brauner Schatten modelliert. — Auf Grund dieses Bildes

schreibt Burckhardt dem gleichen Meister ein ~Porträt~ bei Herrn

~Merian Thurneysen~, ~Basel~, und zwei ~Porträts~ im ~Baseler Museum~

zu, Nr. 92 und 93. Diese letztgenannten beiden Bildnisse, bereits dem

16. Jahrhundert angehörig, vor einfarbigem Hintergrund, wenig bedeutend

im Ausdruck, kräftig in der Farbe, doch etwas hart in der Modellierung,

scheinen mir auf einen späten Vertreter der schongauerschen Richtung

hinzuweisen. Bayersdorfer hält sie für Arbeiten Baldungs.

Von ~Hans Fries~, geb. 1465, thätig zumeist in seiner Vaterstadt,

gest. um 1520, sind mir weder Porträts noch Stifterbildnisse bekannt,

doch muss sein Name um der urwüchsigen Kraft seiner Gestalten, die an

die des älteren Holbeins beinahe heranreicht, ja oft schon an Dürer

gemahnt, mit denen der grossen Menschenbildner seiner Zeit genannt

werden. (Germanisches Museum Nr. 172 bis 177, zwei Tafeln im Freiburger

Museum, ein 1506 datiertes Gemälde des Franziskaner Klosters zu

Freiburg, von dem sich zwei Flügel in Schleissheim befinden, Nr. 137,

Klass. Bilderschatz 1573, und mehreres in Basel, Nr. 45 bis 52.)

Das Bildnis bei den altdeutschen Meistern bis auf Dürer · 第 19 / 67 题