Der Entwickelung nach der Richtung des Persönlichen war eine deutsche
Malerschule zeitlich ein wenig vorausgeeilt: die Schule von Prag.
Aber trotz ihrer vielversprechenden Anfänge war ihr mitsamt dem
goldenen Zeitalter Böhmens nur ein kurzes Leben beschieden gewesen,
und die Spuren ihres Daseins, die sich vielleicht später bei einer
anderen Künstlergruppe, der fränkischen, verfolgen lassen, sind wohl
eher in der Komposition, in der Gewandbehandlung, in den kräftigen,
starkknochigen Typen und in dem auffällig energischen Ausdruck
des Auges zu erkennen, als in der weiteren Ausbildung des fein
unterscheidenden Individuell-Charakteristischen. Doch müssen wir mit
wenigen Worten bei ihr verweilen, denn sie ist die erste wirkliche
deutsche Malerschule und hat die ersten bedeutenden, freilich noch
recht nüchternen Bildnisköpfe auf der Malertafel hervorgebracht.
Deutsche waren die Mitglieder der 1348 gegründeten Prager Malerzeche
ihrer Geburt und Gesinnung nach, wenigstens die Mehrzahl, und die
deutsche Richtung war in ihr die überwiegende. Das Fremdländische,
welches hier wie auch in anderen deutschen Kunstschulen dem Heimischen
neue Bahnen gewiesen hatte, es mächtig durchdrang und zweifellos gern
und willig aufgenommen wurde, kam ihr zum Teil von der französischen
Buchillustration, vor allen Dingen aber von der italienischen Wand-
und Tafelmalerei. Französische Illumineurs waren an den Hof des
Luxemburgers berufen worden, auch kommt ein französischer Meistername
zu zweien Malen im Buche der Prager Zeche vor, und dass italienische
Meister in Prag gearbeitet haben, ist nach einigen noch erhaltenen
Werken, namentlich der Freskomalerei und des Mosaiks, ausser aller
Frage. Ob freilich der vielgenannte Tommaso da Modena, gen. Mutina,
selbst in Böhmen gewesen ist oder ob der viel herumwandernde Karl IV.
Bilder von ihm bei seinem wiederholten Aufenthalt in Italien von dort
mitgebracht hat, ist noch nicht aufgeklärt.[29]
Am beredetsten spricht das deutsche Element aus den Resten der
~Wandmalerei~ in der ~Kollegiatkirche Mariä Himmelfahrt~ und aus
den auf einer fortlaufenden Holztäfelung gemalten Bildern der
~Kreuzkapelle~ der auf steilem Felsenberge in der Schlucht des
Beraunthales »in geheimnisvoll-priesterlichem Charakter« erbauten
~Burg Karlstein~. Als Hauptmeister derselben werden die pictores
imperatoris, die Hofmaler ~Nikolaus Wurmser~ und ~Theodorich von
Prag~ genannt. Auf die Wandmalereien, die dem elsässischen Künstler
zuzuweisen sein dürften, ist schon hingewiesen worden. (S. 33.) Von
den über hundert auf Holz gemalten Bildern der Kreuzkapelle, die mit
Theodorich von Prag, thätig von 1348 bis 1375, in Verbindung gebracht
werden müssen, sind mir nur die in der Kaiserlichen ~Gemäldesammlung~
zu ~Wien~ unter Nr. 1460 u. 1461 befindlichen Halbfiguren des heiligen
~Ambrosius~ und des heiligen ~Augustinus~ bekannt (letzterer abgebildet
bei Janitschek): breitschulterige Gestalten mit starkknochigen Köpfen,
gedrungenen Hälsen und mächtigen Nacken. Die klobigen Nasen mit den
breiten Rücken, die wulstigen Lippen und die kräftig gebildeten
Backenknochen scheinen an das slavische Volkstum zu erinnern, das
den Meister umgab, dem er jedoch selbst, wie schon sein Name sagt,
nicht wohl angehört haben kann. In der Wiedergabe aller Einzelheiten
der äusseren Erscheinung erkennt man das Festhalten an ein lebendes
Modell, zum mindesten an ein äusserst lebhaftes Erinnerungsbild an
ein solches, und da in den beiden Heiligen auch neben dem Gedanken,
der sie zur Stunde beherrscht, etwas von ihrem bleibenden inneren
Wesen zum Ausdruck kommt, dürfen sie wohl als die ersten individuell
charakteristischen Bildnisköpfe der deutschen Malerei grösseren Stiles
bezeichnet werden.
Aus welcher Kunst ist Theodorich von Prag emporgewachsen? Eine
czechische hat es anscheinend nicht gegeben,[30] von den Miniaturen
ist sein monumentaler Stil weit geschieden, die deutsche Tafelmalerei
konnte ihm, wie auch die handwerkliche Wandmalerei, nur geringe
Anregungen bieten, so kann als Ausgangspunkt seines Schaffens wohl
nur die italienische Kunst angenommen werden, und zwar die Giottos
und seiner Nachfolger. Bei der Besprechung einzelner Werke der
bairischen und tiroler Schulen werden wir später auf die nämliche
Wurzelgemeinschaft geführt werden.
Der Auffassung und dem Stile Theodorichs sehr nahe stehend ist der
~Christus am Kreuz~ der ~Wiener Gemäldesammlung~, Nr. 1472, dort
Wurmser genannt, gleichfalls aus Karlstein stammend; ferner verwandt,
doch von geringerer Ausführung, das ~Altarwerk~ in der Veitskirche zu
~Mühlhausen am Neckar~, Württemberg, welches 1385 von einem Reinhard
von Mühlhausen zum Andenken an seinen in Prag verstorbenen Bruder
Eberhard gestiftet worden war, mit den knienden Figuren des Reinhard
und des Eberhard, und ein grosses ~Votivbild~ aus Raudnitz, jetzt
im ~Rudolphinum~ zu ~Prag~, Nr. 687, Klass. Bilderschatz Nr. 397,
wohl ebenfalls aus den achtziger Jahren, mit den knienden Figuren
Karls IV. und seines Sohnes Wenzel und, auf dem unteren Theile, des
kunstfreundlichen Erzbischofs Očko von Wlaschim. Die thronende Madonna,
heilige und profane Personen sind auf diesem von Očko gestifteten
Bilde in ein und demselben Massstabe gebildet,[31] Karl und Wenzel
tragen die Krone, der Erzbischof die Mitra und in den Händen die
crux archiepiscopalis; an der bunten Tracht des jugendlichen Prinzen
sind die langen, von den Oberärmeln herabfallenden Pelzstreifen
bemerkenswert, eine Mode, die um das Jahr 1370 aufgekommen war. An die
lebenatmende Kraft der Heiligen Ambrosius und Augustinus reichen diese
porträtartigen Bildnisse jedoch nicht im entferntesten heran.
[Illustration: ~Votivbild aus Raudnitz, Rudolphinum. Oberer Teil.~
Nach einer Photographie von J. Löwy, Wien.]
Während das starke Temperament Meister Diedrichs die Sprache der
oberitalienischen Vorbilder in die eigene übertrug und somit Werke
von selbständiger Bedeutung geschaffen hat, die mit vollem Rechte
für deutschen Geistes genommen werden dürfen, zeigt sich in einigen
andern der damals in Böhmen entstandenen Bilder und Mosaiken der fremde
Einfluss so wenig verarbeitet, dass man wohl kaum in der Annahme irrt,
sie seien von italienischen Künstlern ausgeführt worden; für die
Geschichte des Bildnisses sind sie überdies belanglos. Aus ihrer Gruppe
sei nur das 1371 vollendete ~Mosaikbild des jüngsten Gerichts~ über
dem südlichen Querhausportale des ~Prager Domes~ hier erwähnt — von
dem ausdrücklich gesagt wird, es sei more graeco ausgeführt —, weil
es, allerdings in roher Arbeit und schlechter Erhaltung, die Bildnisse
des Kaisers und seiner Gemahlin enthält, meines Wissens das einzige
Beispiel der Darstellung lebender Personen damaliger Zeit in dieser
Kunstweise.
Ueber einen im südlichen Böhmen am Ende des 14. und Anfang des 15.
Jahrhunderts thätig gewesenen Maler ist die bisherige Forschung noch
nicht zu einem abschliessenden Ergebnis gelangt, im allgemeinen
wird er jedoch für die deutsche Richtung in Anspruch genommen. Von
seinen ältesten Werken besitzt die Stiftskirche zu ~Hohenfurth~
ein ~Marienbild~, von welchem sich eine 50 bis 60 Jahre spätere
Kopie in der ~Minoritenkirche~ zu ~Krumau~ befindet, ferner in der
~Bildergalerie des Stiftes Hohenfurth~ eine ~Madonna~ mit dem Kind
und einem porträtartigen Stifter, einen Mönch in der ursprünglich
schwarzen Ordenstracht der Cisterzienser (später weisse Kutte und
schwarzes Skapulier), aus dessen Händen das Spruchband mit den Worten
miserere mei deus emporflattert, und ein ähnliches ~Marienbild~ in der
Dominikanerkirche zu ~Budweis~. Sämtliche vier Bilder sind von einer
hölzernen Rahmendekoration umgeben, welche mit Engel, Heiligen- und zum
Teil Propheten- und Donatoren-Figuren geschmückt ist.[32]
Thode spricht demselben Meister auch die Reste eines aus Wittingau
stammenden ~Altarwerks~ zu, jetzt im ~Rudolphinum~ zu Prag, »das
offenbar zu den bedeutendsten Schöpfungen der böhmischen Schule
gehörte« und sieht in ihm, den er als ~Meister von Wittingau~
bezeichnet, den Träger des böhmischen Einflusses in die Schule von
Nürnberg, insbesondere denjenigen Meister, welcher die Kunstrichtung
des Meisters des Imhofschen Altars in entscheidender Weise bestimmte.
Nachdem das Hussitentum in Böhmen alle Kultur vernichtet hatte, geriet
die Prager Malerschule in der Spätzeit des 15. Jahrhunderts unter den
Einfluss Wolgemuts und seiner Werkstatt, ohne es jedoch von nun an zu
bedeutenden Leistungen zu bringen.