6. Der Holzschnitt und der Kupferstich.

Obgleich in einem näheren Verwandtschaftsverhältnis zur Malerei als das

Erz-, Stein- oder Holzbild und die Medaille, hat der Holzschnitt und

Kupferstich für die vorliegenden Untersuchungen doch keine grössere

Bedeutung als jene. Denn nicht nur dass die grossen Meister des 15.

Jahrhunderts sich entweder von dem Holzschnitt ferngehalten (die Schule

von Alt-Köln) oder ihm einen untergeordneten Wert beigemessen haben und

dass seine und des Kupferstiches Sonnenhöhe erst mit Albrecht Dürer

anhebt, sind die beiden Künsten für das Menschenbildnis verfügbaren

Mittel an und für sich dürftigere und unzureichendere, als diejenigen

ihrer älteren Schwester, die auch des Lebens farbigen Abglanz

wiederzugeben vermag. Den auf die Fläche projizierten Kopf für das Auge

wieder zu runden und von dem Untergrund zu lösen, sodass der Beschauer

gleichsam mit um ihn herumtasten kann, dem Blicke den Glanz oder die

Mattigkeit eines bestimmten Seelenzustandes zu geben, die Eigenschaften

der Epidermis zur Geltung zu bringen, Wangen und Lippen den Fleischton

des Lebenden, dem Haar seine Kraft, seine Ueppigkeit, seinen Schimmer

oder Sprödigkeit, Starre und Leblosigkeit zu geben, je nachdem, das

sind Schwierigkeiten, die in einer zeichnerischen Kunst zu bewältigen

nur den grössten beschieden gewesen ist, in höchster Vollendung

vielleicht nur einem — Rembrandt in seinem Radierwerk.

[Illustration: ~Mahohmet II.~

Aus der Schedelschen Weltchronik.]

Die Anfänge des ~Holzschnittes~ reichen weit in das 14. Jahrhundert

zurück. Die ersten der noch ganz rohen Arbeiten in der neuen

Technik wurden als Einzelblätter hergestellt, später zu sogenannten

xylographischen Bilderbüchern mit erklärendem Text vereinigt, von denen

die Armenbibeln, welche als Ersatz der früher an den Kirchenwänden

gemalten Augenbibeln dienen sollten, die bekanntesten sind. Diese

sowohl wie die Holzschnitte des 15. Jahrhunderts, von denen der älteste

datierte von 1423 ist, stehen an künstlerischem Werte bedeutend

hinter den Werken der gleichzeitigen Tafelmalerei zurück. Während

hier am Ober- und Niederrhein schon frühzeitig ein fast modernes

Empfinden anklingt (Konrad Witz, Lochner), sind jene noch völlig

in mittelaltriger Befangenheit versunken, kindlich und unbeholfen,

ohne Schatten, ohne Modellierung, ohne eine Spur von Perspektive.

Ein leiser Fortschritt ist erst nach der Mitte des 15. Jahrhunderts,

nach Gutenbergs Erfindung, zu bemerken, aber auch jetzt, trotzdem

nun auch wirkliche Künstler, vornehmlich in Oberdeutschland, sich

mit der bisher von Handwerkern geübten Technik beschäftigten und

ungeachtet einer Fülle auf den Markt geworfener illustrierter Drucke,

welche die »demokratische Bilderlust« des Volkes kaum befriedigen

konnten, behalten die Holzschnitte noch lange Zeit ihren archaischen,

lehrhaften und den Schönheitssinn schwerlich befördernden Charakter

bei. Auf ~Wolgemut~ und die Seinen, unter denen sich auch ~Wilhelm

Pleydenwurff~ befindet, gehen die Illustrationen der ~Schedelschen

Weltchronik~ (1493) und wohl auch die des ~Schatzbehalters~ (1491)

zurück: wenig erfreuliche Massenarbeiten, in der Weltchronik über

zweitausend Bilder, deren tiefe künstlerische Stufe — man bedenke,

dass der Peringsdörffer Altar schon einige Jahre vorher gemalt war —

nur eine Erklärung in dem ungebildeten Marktplatz-Publikum findet,

für das jene Bücher gewiss in erster Linie bestimmt waren. Wohl

begegnen uns individuelle, selbst individuell-charakteristische Köpfe

in der langen Folge der Götter, Göttinnen, Kaiser, Könige, Propheten,

Weisen oder sonstigen historischen oder sagenhaften Persönlichkeiten,

aber mit welch schwachem künstlerischen und technischen Können

ist diese Individualisierung und Charakterisierung gegeben! Eine

Porträtähnlichkeit ist, auch wo sie möglich gewesen wäre, nur selten

angestrebt worden: um »Machomet der Türcken kayser« darzustellen (Bl.

256 b) wird einfach der Kopf Kaiser Johannes VII., Palaeologus, nach

einer Medaille Vittore Pisanos im Gegensinn kopiert, für den Kaiser

Maximilian wird irgend eine beliebige Jünglingsfigur vorgeführt,

und dass auch der Beschauer nicht im entferntesten daran dachte,

die Züge des Bildnisses mit der im Text gegebenen Lebens- und

Charakterbeschreibung zu vergleichen und eine Uebereinstimmung beider

zu prüfen, geht daraus hervor, dass ihm angemutet werden durfte, ein

und dieselbe abstossende Henkerphysiognomie, das eine mal als Hektor,

das andere mal als Jonas, Pitacius, Zeno, Terencius, Valentinius,

hinzunehmen, oder einen anderen, übrigens recht interessanten Kopf

gleichzeitig für Thales, Hypokrates, Xenokrates, Plutarch und andere

Philosophen.[23]

Von höherem Kunstwerte als diese von dem Nürnberger Buchdrucker

Koburger herausgegebenen Bücher sind die etwa gleichzeitig in Basel

erschienenen, mit Holzschnitten versehenen Prachtdrucke, vor allem

das »~Buch des Ritters vom Thurm~« (1493) und Sebastian Brants

»~Narrenschiff~« (1494). Wer die ausführenden Künstler waren, ist

umstritten. Daniel Burckhardt — Dürers Aufenthalt in Basel. München

und Leipzig 1892 — nimmt den Bilderschmuck des ersteren ganz, den

des letzteren teilweise für Dürer in Anspruch. Wie dem auch sei,

Oberdeutsche waren diese Künstler gewiss und zwar stark unter

Schongauers Einfluss; jedenfalls haben sie durch sorgfältige und klare

Zeichnung und zarte malerische Empfindung erreicht, ihren Köpfen mehr

Lebenswahrheit, Ausdruck und feinere Unterscheidung zu verleihen, als

das Wohlgemut und seinen Genossen gelungen war.

Von unabhängigen Einzelbildnissen der Holzschneidekunst ist mir nur

eins bekannt, welches sich, rot, grün und gelb bemalt, im britischen

Museum befindet und bezeichnet ist: »der türgisch kayser«. Nach

Schreiber, Manuel de l’Amateur u. s. w. No. 2008, zwischen 1480 und

1490 in Augsburg geschnitten. Mit dem altitalienischen Kupferstich

des Berliner Kabinets, El gran Turco, welcher auf die vorher erwähnte

Medaille Vittore Pisanos zurückgeht, hat dieser Holzschnitt übrigens

nichts gemein.

Schreiber erwähnt ferner unter No. 2014 das Einzelporträt eines

gepanzerten Ritters, der in ganzer Figur unter einer Bogenwölbung

steht, vermag aber den jetzigen Besitzer nicht anzugeben. Er nennt es

»oberdeutsch, gegen 1480«.

Eine dem Stifterbildnis der Tafelmalerei entsprechende Darstellungsform

des Menschen, knieend zur Seite der Gottesmutter oder eines Heiligen,

ist auf Holzschnitten des 15. Jahrhunderts hin und wieder zu finden,

ohne dass jedoch von einer Porträtähnlichkeit der Betreffenden

gesprochen werden darf. —

[Illustration: »~der türgische kayser~«.

Holzschnitt. Britisches Museum.

Nach besonderer Aufnahme.]

Etwa ein halbes Jahrhundert jünger als der Holzschnitt, aber früher

als dieser höheren künstlerischen Zwecken dienstbar gemacht, ist der

~Kupferstich~. Die Geisslung Christi im Berliner Kabinet ist der

erste, welcher mit einer Jahreszahl versehen ist, 1446, der älteste

sicher zu datierende überhaupt. Er ist nebst einer Folge anderer

Passionsdarstellungen, sogen. Renouviersche Passion, in Süddeutschland

aufgefunden und aller Wahrscheinlichkeit nach auch dort gestochen

worden. Die Jahreszahl 1446 allein verweist Vasaris Erzählung von

der »Erfindung« Finiguerras ins Fabelreich, jedoch sprechen auch

andere Gründe für das Vorangehen Deutschlands in der Uebung des

Kupferstechens.[24]

Verglichen mit dem Holzschnitt vertritt der Kupferstich die vornehmere

und feinere Kunst und diejenige der vielseitigeren technischen

Möglichkeiten und reichtönigeren Ausdrucksmittel. Wiederum ist es

Albrecht Dürer, der sie hoch über alles emporhebt, was das 15.

Jahrhundert in ihr geleistet hatte.

Der ~Meister der Spielkarten~, »ein Geistesverwandter Lochners« und

wie dieser wohl ebenfalls in Köln, vielleicht schon in den dreissiger

Jahren thätig (Lehrs) und der ~Meister E. S.~ von 1466, dieser

wahrscheinlich ein Oberdeutscher, der jedoch nordischen Einfluss

erfahren haben mag, waren die ersten, die mit ihrer Grabstichelarbeit

den Bannkreis mittelaltriger Befangenheit durchbrachen und mit einer

erstaunlich rasch erlangten technischen Sicherheit ihren Köpfen

Ausdruck und Gedankeninhalt gaben. Dem Laienpublikum, auch dem

künstlerisch gebildeten, steht heute das Werk dieser so jugendlich

frischen und doch so mimosenhaft zarten Meister freilich noch fern,

für jetzt erfreuen sich erst ~Schongauers~ Stiche der allgemeinen

Anerkennung. (Geb. wahrscheinlich zwischen 1434 und 1445, gest. 1491,

Schüler Casper Isenmanns zu Kolmar; sein Werk umfasst 115 Blätter.)

Die Vorzüge dieses an Geist und Empfindung überreichen Meisters,

der Schatten gleichsam, den die kommende Riesengestalt Dürers

vorauswarf, liegen allerdings auf einem anderen Gebiete, als dem der

Individualisierung und des scharfen, charakteristischen Herausarbeitens

der menschlichen Physiognomie. Fleissig nach der Natur hat er

gezeichnet, aber es scheint, als haben seine Studien auf dem Wege zum

Bilde, zum Kupferstich und noch mehr zum Gemälde, etwas von ihrem

Wesensausdruck verloren, als seien dort die scharfen, klaren Züge

der Zeichnung in jenen verallgemeinerten Typus verschwommen, den wir

gewöhnt sind als »Schongauerisch« zu bezeichnen: einer seltsamen

Mischung von deutsch-bäuerlicher Herbheit und spätmittelaltriger

Idealität, Sonnenreinheit des Herzens, blumenhafter Unschuld und ein

wenig gemachter Geziertheit. Das Dresdener Kabinet besitzt eine

Federzeichnung von ihm (publiziert von Woermann, Handzeichnungen alter

Meister im Kgl. Kupferstichkabinet. Dresden No. 11), offenbar nach

der Natur gefertigt, »vielleicht für einen Schergen«, die deutlich

die Einbusse an Wirklichkeit vom Studienblatt zur Ausführung im Bilde

zeigt: in dem gesamten Schongauermalwerk wird man vergeblich nach einem

ähnlich individuell-charakteristischen Kopfe suchen.

In derselben Sammlung befindet sich übrigens auch eine andere

Handzeichnung Schongauers, das Brustbild eines jungen Mädchens mit

schönem, geflochtenem Haar und faltigem Kopftuch, das wohl als Porträt

gemeint ist, jedoch nur beweist, wenn anders es wirklich von ihm

herrührt, wie fern dem Meister im Grunde diese Art der Kunstübung

stand. (Publ. ebenda, No. 10. »Nicht Wohlgemut, wie Scheibler meint.«)

Kraft und Wucht der Charakteristik war ebensowenig dem genialsten,

eigenartigsten und gedankentiefsten von allen Stechern des 15.

Jahrhunderts gegeben, dem lebendigen, heissblütigen, sprühenden

~Meister des Amsterdamer Kabinets~. Auch sein Einfluss ist vielleicht

in Dürers frühen Zeichnungen zu erkennen, »wiewohl das rheinisch Spitze

und Dünne, was diesem anhaftet, bei Dürer ins Derbe, Knorrige und

Struppige gewendet erscheint« (Vischer, S. 175). Seine zart und leicht

skizzierten Köpfe sind von einem individuellen Reiz, wie es nur wenige

Meister der Griffelkunst verstanden haben, ihn ihren Werken zu geben,

aber eigentliche Porträts hat er nicht gestochen. Seine Begabung lag

auf dem Gebiete der freien Erfindung, der schrankenlos schweifenden

Phantasie. Eine gewaltsame Intensität des Blickes, die dazu gehört,

einem Menschen bis tief in das Innerste zu sehen, ihm gewissermassen

bis auf das Mark der Knochen zu durchschauen, war ihm nicht zu eigen, —

die volle Erfassung einer Persönlichkeit, wie sie Dürer im Pirckheimer

oder Holzschuher vor uns hingestellt hat, war seinem leichten Naturell

versagt. Wir werden ihm später unter den Malern am Mittelrhein wieder

begegnen.

Wahrscheinlich der einzige Stecher, der sich mit dem Porträt

beschäftigt hat und dessen Thätigkeit jedenfalls noch in das 15.

Jahrhundert fällt, ist der schwäbische ~Meister mit dem Zeichen W

[ornament] B~.[25] Die von ihm bis jetzt bekannten vier vortrefflich

gezeichneten und klar gestochenen Porträtköpfe sind die folgenden:

Brustbild einer jungen Frau. Sie steht in einem Zimmer, Kopf und Blick

nach halblinks gewendet. Haube und mehrfach geschlungenes Tuch um

das Haar, das Ohr freilassend. Um den Hals eine Kette. Unbezeichnet:

Berlin, Kupferstichkabinet. Hochätzung bei Lippmann, der Kupferstich,

S. 33. P. II 270. 61.

[Illustration: ~Brustbild einer jungen Frau~

vom Meister W. [ornament] B.

Berlin, Kupferstichkabinet. Nach Lippmann.]

Brustbild eines alten, bartlosen Mannes, im Zimmer hinter einer

Brüstung stehend. Von vorn, den runzligen Kopf nach rechts geneigt.

Turbanartiges Tuch um den Kopf. Pendant zu dem vorigen. Monogramm

unter der Brüstung. Hamburg, Kunsthalle. Duschem (der diesen Kopf

irrigerweise für den einer alten Frau hielt), Voyage S. 376.

Brustbild einer reich gekleideten jungen Dame, hinter einer Brüstung.

Kopf nach links gewendet, den Blick gesenkt. Schwerer, dicker Zopf,

Haube mit einem Kleinod. Meisterhafte Behandlung des Fleisches. Links

Ausblick durch ein Fenster auf einen in Wasser stehenden Turm. »Ein

Glanzstück der Kupferstichkunst, von einen sehr grossen Meister«

(Lehrs). Monogramm auf der Brüstung. Hamburg, Kunsthalle.

(Alle diese drei Stiche werden in Naumanns Archiv VI (Harzen) dem

Zeitblom zugeschrieben.)

(Heliogravüren in der Publ. der Int. Chalk. Gesellschaft 1890, No. 14

bis 16.)

Brustbild eines bartlosen Mannes mittleren Alters, nach rechts, hinter

einer Brüstung. Tuch mehrfach um den Kopf geschlungen. Rechts und links

herabfallendes Lockenhaar. Eine Warze auf der Nase. Rechts Ausblick

durch ein Fenster auf bergige Landschaft mit einer befestigten Stadt am

Flussufer. Pendant zu dem vorigen. Unbezeichnet. Basel, Kunstsammlung.

Paris, Bibl. nat. Paris, Rothschild.

(Naumanns Arch. VI (Harzen). P. II 363. 58. Lehrs, der Meister des

Amsterdamer Kabinets 3. 3. Nicht publiziert.) —

Stifterbildnisse oder diesen ähnliche Darstellungsformen sind mir auf

Stichen des 15. Jahrhunderts nicht bekannt.

Zweiter Teil.

1. Allgemeine Betrachtungen über das Werden und Wandeln des Bildnisses

in der Tafelmalerei.

Die ältesten Dokumente der Tafelmalerei gehen bis in das 12. und 13.

Jahrhundert zurück. Ihre Erstlinge, die wir wohl in das 9. Jahrhundert

verlegen dürfen, hat ein vorwärtsschreitender Kunstgeschmack der

Nachgeborenen als wertloses Gut vernichtet. In der Hauptsache für

Antependium und Altaraufsatz bestimmt und beschränkt auf das religiöse

Stoffgebiet, hat sie, gleich der Wandmalerei und zäher als die

beweglichere Kunst der Illuministen, bis etwa zum dritten Jahrzehnt des

15. Jahrhunderts an den altherkömmlichen Typen festgehalten. Nur gegen

das Ende dieser Epoche hin macht sich, dem Vorgange der Buchmalerei

folgend, eine Vorfrühlingsstimmung der neuen Zeit auf ihren Tafeln

bemerklich: mit einem gleichsam schüchtern auf die Natur schielenden

Blicke bahnt sich eine neue Darstellung, zunächst des menschlichen

Umrisses an, — sowie sie gefunden ist, wird sie allerdings sofort

ihrerseits wieder zur Konvention. Diese Neuerung erstreckt sich nur

auf die Gestalt, vor dem Physiognomischen macht sie Halt: im Schwunge

des Körpers, in einer künstlichen Biegung der Hüften, einer seitlichen

Neigung des Kopfes und in der Gebärde suchen die Maler Leben und

innerliche Empfindung der Dargestellten zum Ausdruck zu bringen, soweit

eine solche freiheitliche Bewegung der unduldsame Charakter der Gotik

gestattete und sie das durch den alles beherrschenden Vertikalismus

geradezu hypnotisierte Auge überhaupt als zulässig erachtete.

In jenem denkwürdigen dritten Dezennium jedoch ist eine Wandlung der

künstlerischen Auffassung zu beobachten, die als ein Markstein in der

Geschichte der deutschen Malerei bezeichnet werden muss: der Blick der

Maler wendet sich ab von den Typen der älteren Buchillumineure und

den »gotischen« Vorbildern auf der Kirchenwand und geht mit voller

Entschiedenheit auf den Urquell aller Kunst, auf die Natur zurück. An

allen Orten, fast gleichzeitig und unabhängig voneinander, gleichsam

aus unsichtbaren Keimen einer neuen Luftströmung sich entwickelnd,

treten individuelle Gestalten mit individuellen Gesichtszügen in den

Tafelbildern auf, wie man sie vordem nie geschaut hatte, in Köln,

in Niedersachsen, am Oberrhein, in Schwaben, Franken, Tirol, hier

vereinzelt wie ein schüchterner, unbeholfener Versuch, dort zahlreicher

und in vollendeten Persönlichkeiten von Mark und Bein.

Von nun an wächst das Streben nach Wirklichkeit mehr und mehr,

verwandelt in Gestalten von leibhaftiger Lebensform die aus

Ueberlieferung und Konvention geborenen Schemen und führt schliesslich,

mächtig gefördert durch die Kunst Italiens einerseits und die

Flanderns andererseits, zur vollen Aufnahme der äusseren Natur, wie

sie sich dem neu erschlossenen, aber mit Bewusstsein auswählenden

und nach Neigung komponierenden Künstlerauge darbot, bei der einen

Stammesgruppe mit stärkerer Betonung des ästhetisch Anmutenden, bei

der anderen mit gleichwertiger Wiedergabe aller Zufälligkeiten, oft

gerade mit Hervorhebung des Herben und Hässlichen, ja selbst zuweilen

des Grausigen und Abstossenden, — führt zu dem grossen Phänomen der

Wiedergeburt der Natur, zu dem mehr oder minder verklärten sogenannten

~Realismus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts~, aus welchem

heraus die nach dem höchsten Idealismus, im reinsten Sinne des Wortes,

ringende Kunst eines Dürers und eines Holbeins sich erheben sollte.

Italien und vor allem Flandern, Giotto, Gentile, Mantegna und van Eyck,

Roger und Bouts, wer könnte sich vor der Thatsache verschliessen, dass

sie die deutsche Malerei des 15. Jahrhunderts, um ein berühmtes Wort

zu gebrauchen, »in den Sattel gehoben« haben, reiten aber konnte sie

aus eigener, nicht aus entlehnter Kraft. Die Vorbedingungen hierzu

trug sie bereits in sich, das beweist ihre selbstständige Entwickelung

auf anderen Gebieten, vor allem im Buchornament, dann aber auch die

erstaunliche Schnelligkeit, mit der die Maler, den fremden Anregungen

folgend, das mittelaltrige dekorative Prinzip aufgeben, und nicht zum

mindesten die ersten, gleichsam tastenden Emanationen einer neuen Weise

der malerischen Auffassung und Wiedergabe der Wirklichkeit, die vor

dem südlichen oder nordischem Einflusse datiert werden müssen. Wer

die bescheidenen Dorfkirchen und einsamen Kapellen, die Herrensitze

und die abseits von der grossen Verkehrstrasse gelegenen Sammlungen

durchwandert — denn dort, und nicht in den grossen Staatsgalerien

liegen die Erstlingswerke der deutschen Tafelmalerei —, der wird

vor manches Bild geführt werden, das die Merkmale des Anfanges oder

der Mitte des 15. Jahrhunderts trägt und doch schon in einzelnen

Zügen die neue Zeit präludiert, ohne dass irgend eine Beziehung zu

einem romanischen oder niederländischen Thema zu entdecken ist.

Wenn die schlichten Handwerker-Künstler, die jene Tafeln schufen,

»Anregungen« von anderer Seite als der Natur erhalten haben, und das

darf man wohl bei allen voraussetzen, so gewiss nur von dem Werke des

nächsten Nachbars oder dem Bilderschmuck einer schönen Handschrift der

Ortskirche, — die Fäden allerdings, die von Bild zu Bild führen, sind

oft so spinnenhaft zart, dass sie samt den Punkten, wo sie angeknüpft

sind, dem forschenden Auge sich entziehen.

Wir müssen hier einen Moment innehalten und uns die Frage vorlegen,

warum gerade in den ersten Jahrzehnten des 15. Jahrhunderts und nicht

zu einer anderen Zeit der ~Wandel vom Typischen zum Individuellen~

eintritt.

Im Mittelalter, so lautet die landläufige Antwort, fühlte der Mensch

sich als Herdentier, er erkannte nur seine Zugehörigkeit zu einer

bestimmten Rasse, einem Volke und allenfalls einer politischen Partei,

er suchte und fand demgemäss seinen Wirkungskreis lediglich als

Mitglied seines Standes oder seiner Korporation; erst mit dem 15.

Jahrhundert begann sich in ihm das Bewusstsein zu bilden, dass er auch

als Individuum eine gewisse Bedeutung habe, — er »entdeckte« sich

innerhalb der Masse als Persönlichkeit. Bevor der Mensch sich nicht

selbst als ein der Einzeldarstellung würdiges Objekt betrachtete,

vermochte er nicht, andere nach seinem Bilde zu formen, sondern durfte

sich wohl mit einer symbolischen oder einer konventionell-typischen

Wiedergabe seiner Zeitgenossen begnügen.

Das ist gewiss richtig, es fragt sich nur, ob der mittelaltrige Mensch

sich wirklich erst zu jener Zeit »entdeckt« hat?

Man sagt uns, der analoge Vorgang, d. i. das Hervortreten der

Persönlichkeit, vollziehe sich zu dem nämlichen Termine auch auf

demjenigen Gebiete, dem wir in erster Linie unser Wissen von der

Vergangenheit verdanken, dem der ~Geschichtsschreibung~, und man sieht

in diesem Umstand eine zweite Bestätigung dafür, dass die sogenannte

Entdeckung des Menschen thatsächlich zu Anfang des 15. Jahrhunderts

gemacht worden sei.

Nun ist allerdings die historische Darstellung der Begebenheiten bis

zu diesem Zeitpunkt entweder ein kritikloses Aneinanderreihen von

mehr oder minder glaublichen Geschehnissen und Fabeln aus fernen

Jahresläuften, die der Leser nicht selbst kontrollieren konnte, oder

sie behandelt in kurzer, nüchtern registrierender Form die Kämpfe

des Reichsadels mit den Städten und die der alten Geschlechter mit

dem emporstrebenden Bürgertum. Von einem Erfassen der geistigen

Persönlichkeit, von einer kritischen Schilderung ihres Wesens oder

einer empirisch-psychologischen Begründung ihres Handelns ist keine

Rede. Auch diejenige Art der Geschichtsschreibung, welche die

Beobachtung der eigenen Persönlichkeit, die Innenschau, zum Untergrund

und zur Voraussetzung hat, die ~Selbstbiographie~, ist mit einer

Ausnahme, der Karls IV., erst im 15. Jahrhundert entstanden.[26]

Diese Thatsachen sind nicht zu leugnen, folgt aber aus ihnen mit

Notwendigkeit, dass der Mensch die Gabe der Selbstbeobachtung und somit

das Bewusstsein von dem Werte seiner Eigenexistenz schlechterdings

nicht auch schon früher besessen haben kann? Wird er sofort, nachdem

dieses Bewusstsein in ihm erwacht ist, zum Pinsel und zur Feder

gegriffen haben, um seine Freude über das neue Gefühl zu bekunden?

Mit anderen Worten: muss Erkenntnis unbedingst zusammenfallen mit dem

sichtbaren Ausdruck derselben in Bild und Wort?

Ich glaube nicht. Wie stumme Dichter durch die Welt gegangen sind

Jahrhunderte vor Homer und wie noch heute Poeten leben, die »keine

Zeile schreiben, und vielleicht die besten«, ebensogut mögen Maler und

Menschenkenner ins Grab gestiegen sein, ohne dass einer von ihnen auf

den Gedanken kam, seinen Empfindungen Dauer zu verleihen. Und warum

beruft man sich gerade auf die Geschichtsschreibung? Ist nicht auch

die Kunst des Schauspielers (bez. die des dramatischen Dichters) »der

Spiegel und die abgekürzte Chronik der Zeit«? Wollte man in ihr nach

der »Entdeckung des Menschen« forschen, so würde man sie sicherlich

nicht im 15. oder 16. Jahrhundert finden, denn weder in den rohen

Fastnachtscherzen und den geistlichen Weihnachts-, Passions- und

Osterspielen, noch in den bürgerlichen Possenaufführungen ist den

Darstellern die Möglichkeit zu einer psychologischen Vertiefung ihrer

Rollen gegeben. Wann wird auf diesem Gebiete der Typus überwunden? Mit

Garrik, Schröder oder vielleicht erst in unseren Tagen? Oder warum

sollte man nicht auch etwa so folgern dürfen: die älteste und die alles

umfassendste der Kunstwelten ist die der Musik, — ehe nicht das in

Tonlinien malende, charakterisierende Menschenbildnis gefunden war,

darf von einem innersten Erfassen der Persönlichkeit nicht gesprochen

werden? Aber wohin kämen wir mit diesem Termin!

Und wie stimmen nun vor allem mit dieser Menschenentdeckung im 15.

Jahrhundert die Naumburger Stifterfiguren und die ihnen folgenden

individuell-charakteristischen Grabdenkmäler überein? Sieht man

in den Naumburger Bildnisköpfen mehr als »den blos äusserlichen

Individualzusammenhang der Muskelpartien« (Lamprecht), und zwar das

Gepräge eines ganz bestimmten geistig-persönlichen Ausdrucks, so wird

man nicht umhin können, bei ihren Urhebern eine Erkenntnis von dem

Eigenwert des Individuums vorauszusetzen.

Diese Beispiele, die reichlich vermehrt werden könnten, sollten nur

darthun, dass eine Beweisführung auf Grund der Geschichtsschreibung

für den vorliegenden Fall eine willkürliche ist, zum mindesten eine

einseitige, dass überhaupt der Terminus a quo des Individualismus

ein verschiedener sein muss je nach dem, was man unter diesem gar

nicht zu begrenzenden Begriffe versteht, und schliesslich, was so

häufig übersehen wird, dass die Darstellungsformen des Menschen in

zeitlich und örtlich nebeneinanderliegenden Kunstgebieten einen recht

verschiedenen Grad der Lebenswahrheit zeigen können.

Es ist somit die Erzählung von der Entdeckung der Menschen meines

Erachtens nach etwa folgendermassen zu formulieren: Ein Verständnis

für die Bedeutung des Menschen als Sonderexistenz, gleichsam im

Dämmerschein ihres selbstgegossenen Lichtleins erschaut, war bei

einzelnen Individuen seit den Karolingertagen, bei begrenzten

Bildungsgruppen seit der Stauferzeit vorhanden, mit ein wenig mehr

Klarheit überträgt es sich gegen den Ausgang des Mittelalters auf

die breiteren Massen des Volkes und tritt mit dem Beginn des 15.

Jahrhunderts, zuerst noch recht bescheiden und grobzügig, in Bild und

Wort auf den Pergamenten der geschichtsschreibenden Pfaffenscharen und

der städtischen Chronisten in die Erscheinung und ein wenig später auf

den Tafeln der unzähligen Handwerker-Meister, die in der Hauptsache den

Malerstand jener Zeit vertraten.

Die am Eingange gestellte Frage hätte demnach folgende Beantwortung

zu erhalten: Alles entsteht nach Gesetz. Es mag daher eine innere

Notwendigkeit vorhanden gewesen sein, dass der Wandel vom Typischen

zum Individuellen gerade am Anfang des 15. Jahrhunderts erfolgt ist,

zu erkennen aber ist sie nicht, und ich bezweifele, dass, wenn jene

entscheidende Wendung in der Entwickelungslinie der Malerei bereits

hundert Jahre früher eingetreten wäre, sie der heutigen historischen

Betrachtung unvermittelter und daher wunderbarer erscheinen würde. Zwei

Fälle sind recht wohl denkbar, die einen solchen früheren Eintritt

erklären würden: die That eines mit starker Anschauungskraft begabten

Genies, welches die von einer andern Kunst, der Plastik, bereits

gefundenen Ausdrucksformen malerisch verwirklicht hätte oder eine

rascher als thatsächlich entstandene »Unlust an den alten Typen«, von

der ich sogleich sprechen werde.

Nachdem nun allerdings einmal der Weg vom Typischen zum Individuellen

in den ersten Jahrzehnten des 15. Jahrhunderts in einer oder

wahrscheinlich in mehreren Malerwerkstätten gleichzeitig betreten

worden war, konnte das Neue in der bildnismässigen Darstellung infolge

der damals zum Gemeingut gewordenen Anschauung, dass der Mensch auch

ausserhalb Stand und Korporation etwas bedeute — und darauf schrumpft,

wie wir gesehen haben, das Wort von der Entdeckung des Menschen

zusammen —, zu keiner anderen Zeit eine gleich erstaunlich schnelle

Verbreitung erfahren. —

Können wir den Zeitpunkt des Wandels der künstlerischen Auffassung nur

ungenügend begründen, so ist es uns eher möglich, ~das treibende Motiv~

desselben aufzudecken. Wie schon an anderer Stelle gesagt worden ist,

beginnt die Belebung des starren Typus in der ~Buchmalerei~, und zwar

in den Werken der französisch-niederländischen Illumineure. Von diesen

geht sie rasch in die deutschen Handschriften über, und ihrem Vorbilde

folgt wenige Jahrzehnte später die Tafelmalerei. Es handelt sich also

darum, das Leben und Bewegung auslösende Moment dort zu finden, wo es

zuerst in die Erscheinung tritt.

Jede neue Geschmacksrichtung pflegt sich auf zweierlei Art aus

der herrschenden zu entwickeln: entweder nach dem Gesetze der

Uebereinstimmung, indem man die Abwechselung lediglich durch Steigerung

des in dem alten Geschmacke bereits enthaltenen Reizes zu erreichen

strebt — auf Michelangelo folgt Bernini — oder nach dem Gesetze des

Kontrastes, indem man sich gerade nach einem starken Gegensatz zu

der zum Ueberdruss gewordenen Richtung umsieht, — nach dem Rokoko

der Empirestil. Der nicht mehr zu überbietenden Steifheit des Typus

gegenüber konnte nur das letztere Gesetz zur Anwendung kommen, und

in der That scheint es das Suchen nach dem Kontrast gewesen zu

sein, welches zunächst den Umriss und dann die Binnenzeichnung der

menschlichen Gestalt belebt hat.

Wie dieser Vorgang im einzelnen sich abgespielt haben mag, das

versucht Friedrich Carstanjen[27] etwa in folgender Weise auszuführen:

Das Neue, was uns als Lebenswahrheit in der Tafelmalerei des 15.

Jahrhunderts begegnet, hat in der voraufgehenden Buchmalerei seine

Entwickelungsvorstufen gehabt. Dort erscheint es uns wie eine

plötzliche Zuwendung zur Natur, jedoch ist es im Affekt des Schaffens

selbst, ohne einen Blick auf die lebende Wirklichkeit, lediglich als

eine Folge der psychischen Ermüdung an dem Anschauen des immer und

immer wieder gemalten Bilderschmucks gefunden worden. Die alten Typen

hörten allmählich auf, Gegenstand lebhafter psychischer Erregung zu

sein, und das anfänglich mit ihnen verbundene Lustgefühl schlug in das

Gegenteil um. Unlust war die Voraussetzung der grossen Veränderung,

nicht Naturoffenbarung, nicht Inspiration; ihr folgt die Lust am

anderen und somit zur Veränderung, dieser verband sich das Suchen nach

der Anderslösung, das Finden der Neulösung und schliesslich die Freude

am gefundenen Neuen. Dieses Neue, mit dem die Buchmaler der Natur sich

näherten, ohne es eigentlich beabsichtigt zu haben, bestand zunächst

in der Belebung der Silhouette, der sich sehr bald die Detaillierung

der von dieser umgrenzten Fläche anschloss. Detaillierung aber ist

Ausdrucksvermehrung und zugleich der erste Schritt zur Modellierung.

Jetzt erst, nachdem in dieser weltabgewendeten Malstubenarbeit

grössere technische Fortschritte gemacht worden waren, steigerte sich

auch die Intensität des Blickes für die Natur und — ich übergehe die

Zwischenstufen— am Ende der Entwickelungsreihe steht der Realismus

der Tafelmalerei des 15. Jahrhunderts. So etwa Carstanjen, dessen

Grundgedanken ich mich anschliesse, nur dass ich bei dem »Suchen nach

der Anderslösung«, wobei das künstlerische Schauen, also das Auge, sich

entwickelte, der notwendigerweise nebenhergehenden Naturbeobachtung

eine gleich grosse Bedeutung beimessen möchte, wie dem Ringen nach

neuen Ausdrucksmitteln.[28]

Das Bildnis bei den altdeutschen Meistern bis auf Dürer · 第 16 / 67 题