5. Die Schaumünze.

Ebensowenig wie das plastische Bildnis, gehört streng genommen die

Medaille in den Kreis dieser Betrachtungen, umsoweniger als ihre

Blütezeit beginnt, wo diese Arbeit abschliesst. Und doch muss auch

ihrer mit ein paar Worten wenigstens gedacht werden, denn was

Bedeutung, Beliebtheit und Verbreitung betrifft, steht sie unter allen

Porträtdarstellungen mit an erster Stelle und von keiner ist sie an

intimhäuslichem Wert für die deutsche Bürgerfamilie lange Zeit hindurch

übertroffen worden.

Vorbildlich für das deutsche gemalte Porträt des 15. Jahrhunderts ist

die Medaille oder Schaumünze — ein Erinnerungszeichen an irgend welche

Begebenheit oder Person — allerdings nicht gewesen. Nur im Holzschnitt

ist zuweilen eine Spur ihres Daseins zu bemerken. Die vortrefflichen

italienischen Schaumünzen der Quattrocento, für einen auserwählten

Kreis vornehmer Personen geschaffen, können unmöglich in grösserer

Anzahl ihren Weg über die Alpen genommen haben, denn sonst müssten sie,

wenn auch nicht dem Maler, so doch zum mindesten dem einen oder dem

anderen der grossen Bildschnitzer Anregung zu ähnlichem Kunstschaffen

gegeben haben: thatsächlich geht später Medaille und Schnitzkunst

in Deutschland zusammen, wie schon das Material der sorgfältig

bemalten oder vergoldeten Modelle beweist, die nicht wie in Italien

aus vergänglichem Thon oder Wachs, sondern aus Holz oder Stein als

Kunstwerke von selbständigem Werte gearbeitet wurden. Als zu Beginn des

16. Jahrhunderts die deutsche Medaille sich allgemeiner zu verbreiten

begann, konnte sie dem Maler nicht mehr viel neues lehren.

[Illustration: ~Tiroler Thaler.~

Nach Sallet, Münzen und

Medaillen.]

Die älteste deutsche Münze, welche als das Prototyp der Medaille

gelten darf — die mittelaltrigen Geldmünzen können der geringen Grösse

ihres Massstabes und ihrer wenig künstlerischen Ausführung wegen hier

nicht in Betracht kommen, ebensowenig die Porträtsiegel, die schon die

Merowinger geführt haben —, ist der 1484 in Hall geprägte sogenannte

~Tiroler Thaler~ mit dem Brustbild ~Erzherzogs Sigismund~, im Panzer

mit Krone und Streitkolben, in Profilstellung und kleinlicher, recht

minderwertiger Ausführung. Ihr Vorbild mag wohl in Italien zu suchen

sein (Schlosser, die Entwickelung der Medaille. Wiener Numismatische

Zeitschrift. 26. Band, Jahrgang 1894), nach anderen (Karl Domanig in

derselben Zeitschrift, 24. Band) ist sie ganz von selbst »aus der

Bildschnitzerei herausgewachsen«, die eigene Erfindung eines deutschen

Künstlers. Wie dem auch sei, sicher ist, dass die deutsche Schaumünze

sich vom Ende des 15. Jahrhunderts an künstlerisch unabhängig von der

italienischen entwickelt hat, dass sie ihr völlig fern steht und dass

sie sich obendrein sogar ihren eigenartigen deutsch-nationalen Stil

treulich bewahrt hat, nachdem die Malerei schon längst in romanischem

Fahrwasser schwamm.

Der Gebrauch der »Privatmedaille« hat sich etwa um 1510 in

Süddeutschland eingebürgert, allgemein wird die Sitte, sich

medaillenartige Bildnisse anfertigen zu lassen und sie mit seinen

Freunden auszutauschen, wie unsere Grossväter mit ihnen die Silhouette

wechselten und wir die Photographie, erst um 1518. Die Hauptplätze

ihrer Erzeugung werden nunmehr Augsburg und Nürnberg, namentlich in

letzterer Stadt gelangt diese Art der Porträtkunst zu hoher Blüte. Dass

auch ~Albrecht Dürer~ als der ersten einer in dieser Kunst sich mit

Erfolg versucht hat, darf wohl jetzt, trotz Thausings gegenteiliger

Ansicht (Dürer, 2. Auflage, Leipzig, 1884. II. 51) als ausgemacht

gelten. (Sallet, Münzen und Medaillen, Berlin, 1898.) Es sind dies die

Schaumünzen mit dem Kopf jenes Modells, welches er auf Zeichnungen und

Stichen für manche seiner Mariendarstellungen und für die Lukretia

in München benutzt hat und welches wohl identisch sein mag mit Agnes

Frey, ferner die mit dem Porträt seines Vaters, des M. Wohlgemuts

und vielleicht auch eine mit dem Kopfe Jakob Fuggers. Uebrigens wird

man auf den ersten Blick sehen, dass diese gegossenen Medaillen eine

Ausnahme von der oben angegebenen Regel machen: sie hängen mit der

Malerei und nicht mit der Schnitzkunst zusammen.

An künstlerischem Wert steht die deutsche Medaille der italienischen

nach. Hatte sie sich in Italien zu einem Kunstwerk ausschliesslich

für die vornehmen Stände entwickelt, so blieb sie in Deutschland

ein bescheidenes Stück des kleinen, aber lieb gewonnenen Hausrats

der Bürgerfamilie, und wurde dort das Bild des Fürsten, berühmter

Persönlichkeiten und besonders auch durch Schönheit oder Geist

hervorragender Frauen ruhmrednerisch der Nachwelt übermittelt,

so war es hier des schlichten Hausherrn oder seiner Frau

Konterfei, das Kind und Kindeskindern auf dem »Schaupfennig« zu

verwandtschaftlich-freundlichem Gedenken hinterlassen wurde.

Eine liebevoll sorgfältige Behandlung und ein fleissiges Natur- und

Modellstudium ist bei den besseren deutschen Medaillen nicht zu

verkennen, aber von dem grossen Zuge der italienischen trennt sie eine

schwunglose Auffassung, eine hausbackene Nüchternheit und auch eine

gewisse Unbeholfenheit der Technik.

Als im 17. und 18. Jahrhundert die Medaillenkunst zur Hofkunst wurde,

verlor die Schaumünze ihre herzgewinnende Schlichtheit: sie wurde

vornehm und »klassisch«, d. h. unpersönlich und langweilig und hörte

schliesslich auf, überhaupt ein Werk der Kunst zu sein. Erst in unseren

Tagen regen sich in ihrem Bereiche wieder neue und verheissungsvolle

Triebe.

Das Bildnis bei den altdeutschen Meistern bis auf Dürer · 第 15 / 67 题