Während wir keines der bisher genannten mittelaltrigen Werke der
Buch- und Wandmalerei sich über das Handwerkliche erheben sehen,
verdienen die in Deutschland während des 13. Jahrhunderts entstandenen
plastischen Menschenbildungen in einer Reihe mit den grössten
künstlerischen Leistungen aller Zeiten und aller Völker genannt zu
werden, nicht eben in ihrer Eigenschaft als Abbilder des wirklichen
Lebens, wohl aber als freie, ideale Schöpfungen von gewaltigster Kraft
und zwingender Wirkung, und wenn auch das plastische Bildnis nicht in
den Rahmen dieser Betrachtungen gehört, so rechtfertigt doch wohl seine
nahe Verwandtschaft mit dem malerischen hier eine flüchtige Erwähnung.
Die Geburtsstätte der romanischen Skulptur in Deutschland ist
bekanntlich in den alten sächsischen Landen zu suchen. Schon seit dem
Beginn des 11. Jahrhunderts, seit den Tagen Bernwards von Hildesheim,
war hier Erzguss und Steinbildnerei lebhaft betrieben worden, und
aus diesen Anfängen einer noch wesentlich zu dekorativen Zwecken
arbeitenden Kunst, entwickelte sich um die Mitte des 12. Jahrhunderts
ein grosser monumentaler Stil, dessen Ruf gar bald die lokalen Grenzen
überschritt und dessen Schöpfungen in alle Lande gingen; bis Augsburg,
Gnesen, Nowgorod, vielleicht auch bis Verona lassen sich ihre Spuren
verfolgen.[16]
Im östlichen Sachsen, wohin die Bildnerschule aus der Harzgegend
allmählich ihren Mittelpunkt verlegt hatte, entstanden zum Beginn des
13. Jahrhunderts die grossartigen Triumphkreuze von ~Wechselburg~
und ~Freiberg~, die Statuen Heinrichs des Löwen und seiner Gemahlin
Mathilde im Dome von ~Braunschweig~ und gegen 1270 die Stifterfiguren
im Dome zu ~Naumburg~. Mit einem Schlage erscheint hier all das
Kindlich-Rohe und Unbeholfene überwunden, das uns in den gleichzeitigen
Darstellungen der menschlichen Gestalt im Buche wie an der Kirchenwand
entgegengetreten war. Mit freiem Blicke haben diese Künstler ins Leben
geschaut und das, was sie dort fanden, mit tüchtigem technischen Können
im Bildnisse wiedergegeben, oft auch, wie die Braunschweiger, mit einem
grossen Zug idealer Verklärung. Für die Fülle aller Einzelheiten, deren
Beobachtung und Wiedergabe das Bild erst zum eigentlichen Porträt
stempelt, haben sie allerdings noch ebensowenig den Blick besessen,
wie diejenigen, welche um dieselbe Zeit Portale und Façaden der
südwestdeutschen Kirchen schmückten.[17]
[Illustration: ~Markgraf Ekkehard und seine Frau Uta.~
Naumburg, Dom. Nach Schmarsow und Flottwell.]
Das gleiche, im Grunde genommen nicht eigentlich deutsche Streben
nach typischer Schönheit wie bei den Braunschweigern, jedoch von
einem noch höheren Schwunge der künstlerischen Gesamtauffassung
getragen, bekunden die Werke jener ganz hervorragenden Meister, die
an dem steinernen Bilderschmuck des ~Bamberger Domes~ gearbeitet
haben. In den machtvollen Prophetenköpfen der älteren Gruppe, allen
voran in dem des kahlköpfigen Jonas — »eine Vorahnung dessen, was
Dürer in manchen seiner Porträts giebt« (Voege) —, ist zudem bei
aller Idealität eine Naturwahrheit und Schärfe der Charakteristik
erreicht worden, wie man sie sonst in der gesamten deutschen Kunst
romanischer Periode vergeblich suchen wird. »Gross in der Anlage,
ausserordentlich eindrucksvoll durch die hochgetürmte Frisur der Haare,
zeigen die Züge eine bestimmt ausgeprägte Eigenart, die an porträthafte
Darstellungen gemahnt.«[18] Von geringerer Stärke der Charakteristik,
dagegen an idealer Auffassung den Propheten noch überlegen und von
gleicher technischer Meisterschaft, stellen sich die Köpfe der
Figuren der jüngeren Gruppe dar, die in den achtziger Jahren des 13.
Jahrhunderts entstanden sein mögen und bereits gotisches Empfinden
bekunden, wenigstens im Ganzen betrachtet, denn unter sich sind sie
wiederum recht verschieden: welch ein Wesensunterschied zwischen der
Heimsuchung, jener strengen und herben Maria und Elisabeth, die,
obgleich geboren aus dem neuen Geiste des staufischen Zeitalters,
doch in Gewandung und Formenbehandlung ihre antike Herkunft bezeugen,
und den holden, graziösen und doch so unnahbar hoheitsvollen, echt
gotischen Gestalten der Kirche und Synagoge, dem in höfischer
Zeittracht erschienenen vornehmen Fürstenpaar oder der traumhaften,
weltentrückten, schwanenritterlichen Erscheinung des Reiters.[19]
[Illustration: ~Kopf des Reiters.~ Bamberg, Dom.
Nach Weese, Bamberger Domskulpturen.]
Müssen wir auch die Bamberger Skulpturen künstlerisch höher bewerten
als die ~Naumburger~, so kommt doch bei diesen die Annäherung an das
nüchtern Porträthafte mehr zum Ausdruck als bei jenen, wie das ja auch
der den Bildwerken zu Grunde liegende Gedanke rechtfertigt: hier ein
realistisch-monumentaler, dort ein idealkirchlicher. Vor den Markgrafen
und Edelfrauen im Naumburger Dom haben wir das Gefühl, vor einem
einfachen, tüchtigen, bodenwüchsigen Menschengeschlecht zu stehen,
das in seiner wahren, ein wenig hausbackenen Alltagserscheinung im
Gedächtnis der Nachwelt fortzuleben wünscht; vor Kaiser Heinrich und
dem Reiter dagegen empfinden wir, dass diese Menschen mit Vorbedacht
der Wirklichkeitswelt entrückt, oder vielmehr durch eine Art visionärer
Begeisterung des Künstlers über die Natur gehoben wurden, dass es
Urbilder sind aus dem Reiche des Ideal-Schönen, wie sie ähnlichen
Geistes sich etwa im Sonnenschein perikleischen Zeitalters entfaltet
hatten, voll »stiller Einfalt und schlichter Grösse«, — trotz des
Belvedereschen Apolls und seines Propheten.[20]
Teils der Richtung der Bamberger Meister, teils jener der sächsischen
Schule folgen eine grosse Anzahl von ~Grabsteinen~ aus der nämlichen
Zeit, die einen mit geringerer, die andern mit stärkerer Neigung zum
Porträtartigen; die letztere gewinnt im 14. und noch mehr im 15.
Jahrhundert, der naturalistischen Strömung in allen Künsten folgend,
die Oberhand, freilich auf Kosten des künstlerischen Inhalts, jedoch
sind es jene Grabfiguren, in denen uns die ersten wirklichen Porträts
begegnen.
[Illustration: ~Peter Parler.~
Prag, Dom. Nach Museum, 3. Jahrg.]
Einzelbildnisse, welche nicht als Grabfiguren, sondern als
Ehrendenkmäler im modernen Sinne bestimmt waren, sind auch noch im
15. Jahrhundert verhältnismässig selten; als eines der vorzüglichsten
sei die Büste des grossen Baumeisters ~Peter Parler von Gmünd~ in der
Chorgallerie des Prager Domes aus dem Jahre 1390 genannt, die erste
ganz lebenswahre Porträtdarstellung eines deutschen Künstlers.[21]
Man hat zuweilen, wie schon angedeutet, die Blütezeit der nordischen
Plastik des 13. Jahrhunderts, bei welcher vornehmlich auch an die
französische zu denken ist, mit jener des perikleischen Zeitalters
verglichen, und wenn anders es statthaft ist, die Blutsverwandtschaft
in artibus zweier so weit voneinander entfernten Epochen zu verfolgen,
so muss sich einem von selbst die Frage aufdrängen, welche Rückwirkung
die Kunst der besten sächsischen und Bamberger Meister, um uns auf
deutschem Boden zu beschränken, auf ihre Schwesterkunst, auf die
Malerei gehabt hat.
Phidiasische und polykletische Gedanken, Kompositionen und Formengebung
klingen uns aus jenen Wandbildern Roms und der Vesuvstädte entgegen,
welche wir auf die grossen verlorengegangenen Muster jonischer
Tafelmalerei des 5. Jahrhunderts zurückführen müssen, und das von
den Bildhauern und Erzgiessern des Blütenalters griechischer Kunst,
soweit wir sehen können, zum ersten Male aufgestellte Schönheitsideal
tritt uns auf den herrlichen Vasen attischen Ursprungs entgegen, — ist
in deutscher Malerei ein Echo der Meisterwerke von Braunschweig und
Bamberg zu finden? Nach meiner allerdings vielleicht unzulänglichen
Kenntnis mittelaltriger Werke, namentlich auch der Elfenbeinreliefs,
muss diese Frage verneint werden. Der geschickten Miniatoren zierlich
spielende Kunst kann der Kleinheit ihres Massstabes wegen kaum in
Betracht kommen, ebensowenig die mosaizierende Glasmalerei um der
Dürftigkeit ihrer Ausdrucksmittel willen, der Wandmalerei war die Gotik
gerade im Begriff ihr Lebenslicht zu verlöschen, überdies wurde sie
offenbar von so minderwertigen Arbeitern betrieben, dass man in ihr den
künstlerischen Reflex eines Genies nicht suchen darf: die Tafelmalerei
allein wäre befähigt gewesen, den von der Plastik gegebenen Impuls
aufzunehmen. Sie hat es bekanntlich nicht gethan. Dass sie am Ende des
13. Jahrhunderts sich noch im puppenhaften Zustande befand, erschwerte
ihr naturgemäss, dem von der Bildhauerkunst gewiesenen hohen Flug
~sofort~ zu folgen, aber dass es ihr damals möglich gewesen wäre, ihre
Flügel zum mindesten zu entfalten, dafür sprechen Analogien in der
Entwickelungsgeschichte einzelner Kunstübungen anderer Länder: aus
den Kinderschuhen heraus hat die griechische Malerei mit Polygnot
den gewaltigen Sprung gethan, und die niederländische mit van Eyck,
was in Deutschland fehlte, das war ein aus verwandter Kunstgesinnung
herausgewachsenes Genie, eine künstlerische Kraft von der Stärke jener
beiden kühnen Wager, welches für die Befruchtung durch ein grosses
Muster empfänglich gewesen wäre, und so schlummerte in den Augen der
Handwerker-Maler die unvergleichliche Skulpturenwelt der deutschen Dome.
Im 15. Jahrhundert ist, wie gesagt, die Plastik realistischer geworden
— das Wort in dem nun einmal landläufig gewordenen Sinne genommen[22]
—, und wenn sie auch nunmehr mit der Malerei eng verbunden einhergeht,
gleich wie diese in Italien mit der Goldschmiedekunst, so hat sie doch
nicht einmal in ihrer auf Naturwahrheit gerichteten Tendenz die Kraft
eines zwingenden, die Nacheiferung erweckenden Musters besessen und
keine absolut neuen Wege ihrer Atelierschwester gewiesen. Selbst dort,
wo ihre Spur am deutlichsten zu verfolgen ist, in der fränkischen
Malerschule, macht sich ihr Vorbild doch nur in Aeusserlichkeiten, wie
in der Schärfe des Konturs, der knochigen und eckigen Gliedmassen,
der Steifheit der bauschigen Gewänder u. dergl. bemerkbar, während
anderseits auch, ganz im allgemeinen, von einem umgekehrten Verhältnis
gesprochen werden könnte, insofern in den schon bedenklich die Region
der Wachsfigurenkabinete streifenden Holzschnitzereien der Altäre des
15. Jahrhunderts die malerischen Tendenzen nicht zu verkennen sind. —
Die am Ende des Jahrhunderts einsetzende Nachblüte der Bildhauerkunst
und ihre Rückwirkung auf die Malerei hat uns hier nicht mehr zu
beschäftigen.