3. Das Bildnis in der Wandmalerei.

Ebensowenig wie in der im Grunde genommen doch handwerklichen Kunst

der deutschen Illuministen bis zum Beginn des 15. Jahrhunderts werden

wir in den uns erhaltenen Bildnissen der mittelaltrigen Wandmalerei

eigentlichen Porträts begegnen. Im Zwange altchristlicher und

byzantinischer Ueberlieferung und ohne anregendere Muster als die

winzigen Figürchen in den Büchern der Klostermönche, treten uns die

frühsten menschlichen Gestalten an den Wänden heiliger und profaner

Gebäude gleich einer körperlosen, rein flächenhaften Verzierung

entgegen, »überbügelt, als planimetrische Ornamentalisierung«

(Vischer). Die ältesten Zeugnisse dieser Dekorationskunst stehen

uns freilich nicht mehr vor Augen: nichts aus der Zeit des grossen

Begründers der abendländischen Kultur, der, wie Nithard ihm nachrühmt,

ganz Europa voll des Segens, der von ihm ausging, zurückliess, nichts

aus der Zeit der Nachfolger aus seinem Geschlechte. Dass Karl der

Grosse mehrfach dargestellt worden ist, wissen wir aus den Chroniken,

so sah man ihn thronend und mit der Siegerkrone geschmückt u. a. in

seiner Pfalz zu Ingelheim und dem Kaiserpalaste zu Aachen; erhalten ist

uns keines dieser Bildnisse. (Vergl. hierzu S. 21.)

Erst aus ottonischer Zeit besitzen wir das erste Denkmal der

Wandmalerei in der etwa ums Jahr 1000 entstandenen ~Bilderfolge der

Georgskirche zu Oberzell~ auf der Reichenau.

[Illustration: ~Heilung des Wassersüchtigen.~ Wandgemälde in Oberzell.

Nach Borrmann, Aufnahmen mittelalterlicher Wand- und Deckenmalereien.]

Leidlich erhalten sind nur zwei grosse Darstellungen an der Aussenseite

der Westapsis: Kreuzigung und jüngstes Gericht, letzteres bekanntlich

in ikonographischer Beziehung von grösstem Interesse. Die an den

Oberwänden des Langschiffes befindlichen Bilder sind arg beschädigt;

sie sind jedoch glücklicherweise nicht restauriert worden, sondern

werden z. Z. von beweglichen modernen Nachbildungen bedeckt, die durch

einen einfachen Mechanismus leicht entfernt werden können, sodass die

Betrachtung der Originale möglich ist.[14] In der Darstellung der

Physiognomien ist, soweit sich das heute noch beurteilen lässt, der

Zusammenhang mit den römisch-altchristlichen Vorbildern ersichtlich,

jedoch zeigen die Kopfformen bereits das in der Karolingerzeit von der

Buchmalerei angenommene Oval.

Irgend etwas Individuelles ist in den Gesichtern noch nicht zu

entdecken, und jener Hauch des Lebens, der uns von den Oberzeller

Wänden herab entgegen zu wehen scheint, rührt lediglich von der

ausdrucksvollen Sprache her, die Haltung, Gehaben und Gebärden der in

Tunika und Chlamis einherschreitenden Figuranten reden.

Eine etwas grössere Annäherung an die Wirklichkeit und ein

erfolgreicheres Ringen, die alten Typen zu verlebendigen und zu

verdeutschen, ist in den zwischen 1151 und 1156 entstandenen Gemälden

der ~Unterkirche von Schwarz-Rheindorf~ bei Bonn zu beobachten, und

zwar ist hier das Persönliche nicht mehr einzig und allein durch eine

kräftige Gebärdensprache ausgedrückt, sondern auch — weniger bei

den Hauptpersonen, bei denen überhaupt die Tradition am spätesten

durchschnitten wird, als bei den untergeordneteren Teilnehmern der

Handlung —, ein schüchterner Versuch gemacht worden, die Physiognomien

selbst ein wenig zu differenzieren; jedenfalls ist in den Gesichtszügen

der vier Kaiser ein individualisierendes Bestreben nicht zu verkennen,

wenn auch nicht mit dem Erfolge, dass ihre Deutung auf eine bestimmte

Persönlichkeit möglich wäre.

Die einige Jahrzehnte später geschaffenen Malereien am Gewölbe des

Kapitelsaales der ~Abtei Brauweiler~ (eine Wegstunde von Löwenich

bei Köln entfernt), sowie die Bilder an den Wandflächen der ~Kölner

romanischen Kirchen~ aus dem 13. Jahrhundert, in neuerer Zeit

zumeist restauriert, auch die in den gleichzeitig entstandenen des

benachbarten ~Westfalens~, zeigen gegenüber denen von Schwarz-Rheindorf

eher eine Abnahme als ein Wachstum der Kraft oder des Willens zu

individualisieren.

Stärker als in den Rheingegenden kommt das Persönliche der

Gesichtsbildung in der Wandmalerei ~Sachsens~ zur Geltung, wo der

romanische Baustil seine vollendetste Ausbildung erlangt und wo die

früh gepflegte Plastik, trotz ihrer ursprünglich von der Antike

ausgehenden Richtung, den Sinn für die Wirklichkeit zeitig geweckt

hatte.

Das wichtigste Denkmal auf sächsischem Boden sind die zu Anfang des 13.

Jahrhunderts gemalten und trotz ihrer unglücklichen Erneuerung noch

immer mächtig wirkenden Bilderfolgen im ~Dom zu Braunschweig~,— im

Vorfrühling der neuen Kunstanschauung, die gewaltsam die Fesseln der

Ueberlieferung zu sprengen versucht und mit dem Grossen, Grandiosen

und Monumentalen das Anmutige, Weiche und Zarte zu vereinigen

strebt. Am eindringlichsten vielleicht verkündet die hereinbrechende

Sinneswandlung der eigenartige und vortreffliche Naturbeobachtung

verratende Tanz der Herodias im Chor, sowohl in den ungemein lebendigen

Bewegungsmotiven, als auch in der holden Empfindsamkeit der, auch vor

der Restauration wie es scheint, recht gut voneinander unterschiedenen

Physiognomien. Die Kaisergestalten an den Pfeilern des Langhauses sind

leider nicht mehr erhalten, sodass wir nicht urteilen können, ob in den

Braunschweiger Gemälden schon etwas wirklich Porträtartiges gegeben war.

Im ~Süden Deutschlands~ und ~in Oesterreich~ scheint wenig

Hervorragendes auf dem Gebiete der dekorativen Raumkunst geleistet

worden zu sein, das bedeutendste wohl im Dom zu ~Gurk~ in Kärnten,

aus der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts, wo sich im Ausdruck der

Köpfe zum mindesten ebensoviel Eigenleben zeigt, wie in denen der

besten gleichzeitigen Buchmalerei, mit der die dortigen Wandbilder

überhaupt aufs engste verwandt sind. Unterhalb der thronenden Madonnen

zwei Stifter: der Dompropst Otto und der Bischof Dietrich von Salzburg

(1251–1279).

Zu einer freieren Entwickelung, etwa wie seit Giottos bahnbrechender

Thätigkeit in Oberitalien, konnte die deutsche Wandmalerei und mit ihr

das Menschenbildnis auch in der Folgezeit nicht gelangen, denn die

von Westen her einziehende Gotik mit ihrer Vernichtung der grossen

Mauerflächen, die den Maler »zu machtvollem Herumfahren geradezu

herausforderten« (Vischer), verzichtete auf ihre Mitwirkung bei

Ausschmückung des Gotteshauses zu Gunsten einer anderen Kunst, der

~Glasmalerei~. An die Stelle der Mauer, welche bisher den ganzen Schub

des Gewölbes aufzunehmen hatte, waren die Strebepfeiler getreten,

und der zwischen ihnen verbleibende Raum wurde durch hohe Fenster

geschlossen, deren dekorativer Schmuck jener nun neu aufblühenden

Technik anheimfiel. Anfangs im Charakter des Teppichstils, im 14.

und 15. Jahrhundert auch in den Aufgaben der eigentlichen Malerei

und der Plastik sich versuchend, bietet sie zwar reiches Material

für eine Ikonographie der spätmittelaltrigen Bildnisse; da sie aber

nie eine selbständige, noch weniger eine führende Stelle gespielt

hat, darf ihre Besprechung in einer Studie, die sich nur mit den

Hauptentwickelungsstufen der Menschendarstellung beschäftigt, samt der

des Mosaiks, der Weberei und Stickerei wohl unterbleiben.

Die Ungunst der Raumverhältnisse in der gotischen Kirche, anfänglich

auch die Bilderfeindschaft der strengen und einflussreichen

Cisterzienser, ist, wie gesagt, die Ursache gewesen, weshalb die

Wandmalerei in ihrem handwerklichen Zustand verharrte, denn geübt

worden ist sie an den ihr verbliebenen Gewölbekuppen, Vorhallen, in

Kapellen und Kreuzgängen bis tief in Renaissancezeit hinein, mehr als

man bisher anzunehmen geneigt war, wie das die zahlreichen Entdeckungen

farbiger Bilder unter der weissen Tünche unduldsamer Zeitläufte

beweisen, die gerade in unsern wissensbegierigen Tagen fort und fort in

den verschiedensten Gegenden Deutschlands gemacht werden. Aus dieser

gotischen Periode seien hier nur die zu Anfang des 14. Jahrhunderts

entstandenen Wand- und Decken-Gemälde in der im Uebergangsstil erbauten

Deutschordenskirche zu ~Rammersdorf~ im Siebengebirge erwähnt, die

mit dem Abbruch der Kirche zu Grunde gegangen sind: Bausen und

Aquarellkopien, die im Berliner Kupferstichkabinet erhalten sind,

lassen vermuten, dass hier, namentlich im Jüngsten Gericht, wenigstens

bildnisartig gemeinte Köpfe dargestellt waren; ferner in Böhmen, aus

der Zeit Karls IV., wo in der 1357 vollendeten ~Kollegiatkirche Mariä

Himmelfahrt der Burg Karlstein~ Szenen aus der Apokalypse, allerdings

in schlechtem Zustande, und in der Katharinenkapelle, die einen

abgesonderten Raum der Kirche bildet, einige authentische, selbständige

Bildnisse des Kaisers als Gnadenempfänger, seiner dritten Gemahlin

Anna von Schweidnitz und seines Sohnes Wenzel erhalten sind,[15] die

vielleicht mit dem Strassburger Maler Nikolaus Wurmser in Beziehung

gebracht werden mögen. Was sonst noch in Deutschland und der Schweiz

an Wandbildern zu finden ist, einschliesslich der profanen Malerei

in der Burg Runkelstein bei Bozen aus dem letzten Jahrzehnt des 14.

Jahrhunderts, hat für die Weiterentwickelung des Bildnisses keine

Bedeutung. Einzelne porträtartige Darstellungen des 15. Jahrhunderts

werden im Kapitel der Tafelmalerei bei den betreffenden Lokalschulen

behandelt werden, doch mag schon im voraus gesagt sein, dass die

gesamte vaterländische Wandmalerei nicht ein einziges individuelles

Bildnis hervorgebracht hat, das auch nur annähernd mit einem der

besseren italienischen verglichen werden dürfte.

Das Bildnis bei den altdeutschen Meistern bis auf Dürer · 第 13 / 67 题