Die Anfänge bildnisartiger Schöpfungen auf dem Gebiete der deutschen
Malerei sind in den Handschriften zu finden. Bereits die ältesten der
uns bekannten Buchillustrationen enthalten figürliche Darstellungen.
Anfangs vereinzelt und in roher und kindlicher Auffassung, später,
in seltsamen Verschnörkelungen und Verzopfungen, sind sie nichts
anderes als ein häufig wiederkehrendes, rein ornamentales Schema,
das Symbol einer menschlichen Gestalt, und selbst da, wo in den
besseren Arbeiten aus charakteristischen Attributen oder einem
beigeschriebenen Namen ersichtlich ist, dass mit diesem Symbol eine
ganz bestimmte Persönlichkeit gemeint ist (Dedikationsbild, Autoren-
und Schreiberporträt), kann von einem menschlich-individuellen Zug noch
nicht gesprochen werden. So hat sich, um nur eines der zahlreichen
Beispiele aus früher Zeit zu nennen, in einer Handschrift des achten
Jahrhunderts, (St. Gallen, Stiftsbibl., Hs. 731) der Schreiber
derselben, Wandelgarius, abkonterfeit, aber die Linien, welche seine
Physiognomie bezeichnen sollen, unterscheiden sich schlechterdings
nicht von denen der anderen Köpfe dieser Handschrift.[3]
[Illustration: Selbstbildnis des Schreibers Wandelgarius.
St. Gallen, Stiftsbibliothek.
Nach Museum 3. Jahrg.]
Einen grossartigen Aufschwung nimmt die Buchmalerei zu Beginn des
~karolingischen Zeitalters~,[4] dem Bildnis allerdings kommt er
zunächst noch nicht zu Gute. War auch der runde Römerkopf nach lebendem
Muster in ein zartes Oval gewandelt worden, ein Oval, das übrigens
seinerseits gar bald zur Manier werden sollte, war auch schon in
einigen Aeusserlichkeiten, und zwar nicht nur in der Tracht und
den Attributen, sondern auch in der ungefähren Kenntlichmachung des
Lebensalters und in Farbe und Schnitt des Bart- und Haupthaares, das
Bestreben ersichtlich, die einzelnen Persönlichkeiten voneinander zu
unterscheiden, so erscheinen die Dargestellten doch noch immer ohne
irgend eine individuelle Bildung in den einzelnen Gesichtsteilen und
sind schliesslich doch den Typen der frühchristlichen Kunst noch recht
nahe verwandt.
Aber noch in die Lebenszeit Karls des Grossen fallen die ersten
schüchternen Versuche, der Realität der Physiognomie ein wenig näher
zu kommen, so z. B. in den kleinen Profilköpfen der ~Alcuinbibel~ in
Bamberg, und augenfälliger wird der Fortschritt in den Bildnissen
der ~leges Barbarorum~, die in prächtig ausgestatteten Handschriften
die kurz nach dem Tode des Kaisers gesammelten, im karolingischen
Reiche geltenden Volksrechte enthalten. In dem ihnen beigegebenen
Bilderschmuck sind die einzelnen Gesetzgeber in grossen Vollbildern
dargestellt, unter ihnen auch Karl der Grosse selbst in authentischem
Porträt. In den ältesten dieser Handschriften, in der 829 bis 832
in einer Schreibstube zu Fulda angefertigten Sammlung, stimmt das
Bildnis des Kaisers — wie aus einer im Cod. 84 der herzoglichen
Bibliothek zu Gotha befindlichen Kopie hervorgeht —, in der freilich
nur ganz allgemein angedeuteten Aussen- und Innenzeichnung, mit der
ausführlichen Personalbeschreibung Einhards überein: ein runder dicker
Kopf, glattes Kinn und Schnurrbart, auffällige Merkmale, die in noch
schärferer Ausprägung die berühmte Reiterstatuette im Museum Carnavalet
zu Paris zeigt.[5]
In der bald nach 840 ausgeführten Darstellung ~Kaiser Lothars~ in dem
Evangeliar in Paris, Bibl. Nat. Ms. lat. 266, abgebildet bei Bastard,
peintures et ornements des Manuscrits etc., Paris 1832–69, erinnert
allerdings Gestalt und Haltung des mit gespreizten Knien thronenden,
auf das Szepter gestützten Kaisers an die zum starren Schema gewordenen
frühchristlichen, in letzter Linie römischen Vorbilder, auch ist das
Auge noch übergross gebildet und von ganz allgemeiner Formengebung,
aber die kräftige Nase und der energische Mund mit den ein wenig in
die Höhe gezogenen Winkeln geben der Physiognomie etwas persönliches,
den leisen Schimmer eines besonderen Lebensausdruckes, der den
Fürsten doch ein wenig von seiner Umgebung, einem typisch gebildeten
Wappenträgerpaar, unterscheidet.
[Illustration: Kaiser ~Lothar~. Paris, Bibl. Nat. Nach Bastard.]
Auch das Bildnis ~Karls des Kahlen~ auf dem Widmungsblatt der etwa um
dieselbe Zeit entstandenen Bibel dieses Kaisers, Paris, Bibl. Nat. Ms.
lat. 1, abgebildet bei Janitschek, »die reifste Frucht karolingischen
Kunstgeistes« (ebenda S. 40) scheint zum mindesten in der Bildung des
Untergesichts etwas dem Originale eigentümliches geben zu wollen.
Lothar und Karl der Kahle sind uns noch in einigen anderen
Handschriftbildern erhalten und stets soll, nach Lamprecht, der
Beschauer ihre Persönlichkeit wiedererkennen, — ein Beweis, dass
hier der Kreis des Typischen nach der Richtung des Individuellen
überschritten ist und wir uns thatsächlich in der Morgendämmerung einer
Porträtkunst befinden.
Auf einer erheblich höheren Stufe als in den karolingischen Bildnissen
sehen wir die Miniaturmalerei auf dem Gebiete des porträtartigen auch
während der folgenden, von byzantinischer Kunst mehr oder minder
beeinflussten Jahrhunderte nicht. Unter der Herrschaft der ~Ottonen~
setzt sich wohl der Aufsaugungsprozess der frühchristlichen Typen
fort und auch bei den Nebenpersonen ist ein schwacher Versuch der
Individualisierung zu bemerken, aber dieses Individualisieren wird
mehr in energischen und ausdrucksvollen Gebärden gesucht, als in der
Differenzierung der Gesichtszüge, ja diese werden häufig wieder beinahe
ornamental behandelt.[6]
Wohl das bedeutendste Bildnis dieser Kaiserreihe, dessen Porträtgehalt
sich mit den besten der Karolingerzeit messen darf und das sie alle
an feiner künstlerischer Ausführung übertrifft, das des letzten,
~Heinrichs II.~, besitzt die Hof- und Staatsbibliothek zu München
in einer aus dem Bamberger Dom stammenden, der Regensburger Schule
zugeschriebenen Handschrift, Cod. lat. 4456 Cimelia 60.[7] Der bärtige
Kaiser, von ungewöhnlich vornehmer Haltung, ist in ganzer Figur stehend
dargestellt, zu seiner Seite je ein Heiliger, über ihm der krönende
Christus.
[Illustration: ~Heinrich II.~ München, Hof- und Staatsbibliothek.
Nach besonderer Aufnahme.]
Im Uebrigen sind die verhältnismässig besten Bildnisse aus dieser Zeit
in den aus Reichenauer und Trierer Kunstbestrebungen hervorgegangenen
Handschriften enthalten.
In den ersten Jahrzehnten des 11. Jahrhunderts beginnt, bei steigender
Produktion, der Verfall der künstlerischen Buchillustration. Die
fränkischen Kaiser erscheinen bei ganz schwacher Individualisierung
als derbe, leidenschaftliche, aber recht plumpe und ungeschlachte
Gestalten, fast ohne eine Spur der alten Imperatorenwürde, und selbst
in der Zeit des abermaligen Aufschwunges der Buchmalerei nach der Mitte
des 12. Jahrhunderts, der dem neuerwachten geistigen Leben auf dem
Fusse folgte, wo die Heldensagen germanischer Vorzeit gesammelt und
zu dem mächtigen Sange der Nibelungen vereinigt wurden, wo die Blüte
des Volksepos und der höfischen Dichtung sich zu entfalten begann,
schreitet die Entwickelung des Bildnisses nur wenig vorwärts.
Aber dennoch darf diese Periode der Buchmalerei in unseren
Betrachtungen nicht übergangen werden. Wir sind mit ihr bei jener
für das gesamte Mittelalter so bedeutungsvollen Zeit angelangt, wo
die starre Gebundenheit der Geister einer freieren Gestaltung des
Kulturlebens weicht, bei jenem Scheidepunkt, der das Mittelalter in
zwei Hälften gliedert, von denen die zweite in ihren künstlerischen
Darstellungen »gleichsam die Mitte hält zwischen der massiven Typik
der Vergangenheit und dem ausgeprägten Individualismus des 16.
Jahrhunderts«.[8]
Und wenn auch, wie gesagt, das eigentliche Bildnis in dieser Epoche,
keine wesentliche Förderung erfährt, so wird doch von nun an der
Gesamteindruck der Handschriften-Illustration ein ganz anderer, indem
in den schlanken Figuren, den jetzt wieder mehr rundlich werdenden,
nicht mehr manierirt ovalen Köpfen, dem kleinen Mund mit den vollen
Lippen und dem hellblonden, bis auf die Schultern herabwallendem
Haupthaar, wenigstens scheinbar, eine ganz entschiedene, bisher
unerhörte Zuwendung der Maler zur Naturbeobachtung zum Ausdruck kommt.
Auch in der Technik tritt eine bemerkenswerte Wandlung ein: neben
der Deckfarbenmalerei kommt von jetzt an wieder mehr und mehr die
mit Wasserfarben arbeitende Federzeichnungsmanier, die seit dem 11.
Jahrhundert vernachlässigte Gouachetechnik, in Aufnahme, aus der sich
später die deutsch-nationale Richtung, wie sie Janitschek nennt — ob
mit Recht oder Unrecht, sei dahin gestellt —, entwickeln sollte.[9]
Alle diese Züge, Deckfarbenmalerei noch neben der Federzeichnung
hergehend, sind in der berühmtesten Handschrift dieser neuen Zeit, in
dem wohl 1175 entstandenen ~Lustgarten der Herrad von Landsberg~ zu
finden. Das Manuskript ist bei dem Brande der Strassburger Universität
vor nunmehr dreissig Jahren zu Grunde gegangen, doch sind Abbildungen
und Bausen erhalten.[10] Ein Fortschritt in der Differenzierung der
Physiognomien ist allerdings auch hier noch kaum erkennbar. Einige
der männlichen Köpfe, Petrus, Paulus, Herodes, Pilatus, streifen zwar
beinahe schon das Individuell-Charakteristische, aber die weiblichen,
mit ihrem einförmigen und ältlichen Ausdruck, der durch eine grünliche
Schattierung noch verstärkt wird, und den starren, leblosen Augen,
machen den Eindruck einer grenzenlosen Leere. Sehr bedeutungsvoll
sind die Hände, ganz schematisch dagegen die Füsse behandelt. Die
porträtartig gemeinte Darstellung der congregatio religiosa auf dem
letzten Blatte der Handschrift entbehrt jeglicher individueller Züge:
die 46 Stiftsfrauen und die 12 Laienschwestern sind thatsächlich nur
durch die beigefügten Namen voneinander zu unterscheiden, kaum dass man
eine Verschiedenheit des Lebensalters erkennen kann.
Auch die oft als früheste Bildnisse bezeichneten Landgrafen und
Landgräfinnen von Thüringen, Könige und Königinnen von Ungarn und
Böhmen, nebst zwei Erzbischöfen, in dem im folgenden Jahrhundert
entstandenen berühmten ~Psalterium des Landgrafen Hermann~, Stuttgart,
Hofbibl. Bibl. fol. No. 24, und dem der ~heiligen Elisabeth~, Cividale,
Museum — eine »Mischung von eindringendem Naturalismus und veredeltem
überkommenen Stil« (Janitschek S. 141), — sind nicht im entferntesten
Porträts in unserm Sinne.[11]
Kaum mehr des Bildnisartigen ist in den Handschriften der folgenden
Zeit zu entdecken, weder in derjenigen Richtung, welche ich mit
Janitschek als die deutsch-nationale bezeichnet habe, noch in der
höfisch-französischen. Von den bekannteren der ersteren Gruppe seien
erwähnt: die wohl noch am Ende des 13. oder am Anfange des 14.
Jahrhunderts begonnene ~Wellislausbibel~, fürstlich Lobkowitzische
Bibliothek zu Prag, die Bilderchronik der ~Romfahrt Kaiser Heinrichs
VII.~ und seines Bruders ~Balduin~, Koblenz, Staatsarchiv, aus der
ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts, und die in mehreren Abschriften aus
demselben Jahrhundert erhaltene ~Weltchronik des Rudolf von Hohenems~.
Von den letzteren kenne ich nur das in Donaueschingen aufbewahrte
Exemplar. Es ist in Deckfarbenmalerei auf Goldgrund ausgeführt, wird
aber trotzdem aus technischen und stilistischen Gründen von Janitschek
der deutsch-nationalen Richtung zugeteilt.
[Illustration: ~Gottesurteil.~
Aus einem Benediktionale des Presbyters Haeimo. Lambach.
Nach besonderer Aufnahme.]
Im Physiognomischen ist hier wie in dieser ganzen Gruppe wenig mehr
als der Altersunterschied gegeben, aber innerhalb der Altersklassen
gleichen sich die Gesichter ausserordentlich. Eine seelische Belebung
ist nirgends zu finden, — derselbe konventionelle freundliche Ausdruck
bei dem, der gespiesst oder gehenkt, wie bei dem, der liebevoll
begrüsst oder umarmt wird.[12]
Die von der französischen Illustrationstechnik ausgehende Manier,
am besten repräsentiert durch die ~Weingartnersche Liederchronik~
im Besitze der Könige von Würtemberg, nach 1280 entstanden, und der
grossen ~Heidelberger Liederhandschrift~, sogenannte »Manessische
Handschrift« in der Heidelberger Bibliothek, etwa aus derselben Zeit,
bietet kein wesentlich anderes Bild: es sind dieselben regelmässig
ovalen, schematisch gebildeten Kopfformen und derselbe weichliche,
nichtssagende Ausdruck, — in der Heidelberger Handschrift allerdings
wenigstens mit einem Hauche individuellen Lebens. —
Wir haben gesehen, dass von den Karolingertagen bis zur ersten
Hälfte des 14. Jahrhunderts in der Kunst des Menschenbildnisses
kein erheblicher Fortschritt gemacht worden ist. Eine gründliche
Untersuchung der zahllosen Handschriften historischen Inhalts, welche
porträtartig gemeinte Darstellungen enthalten, würde zweifellos das
Ergebnis unseres flüchtigen Ueberblickes bestätigen. Es würde sich
hierbei hauptsächlich um zwei Gruppen handeln, um diejenigen Chroniken,
welchen Brustbildnisse der Könige oder der fürstlichen Aussteller der
Urkunden in kleinen Medaillons beigegeben sind, und um solche, in denen
derartige Medaillonbildchen durch verbindende Linien zu Stammbäumen
vereinigt erscheinen. Ganze Einzelfiguren kommen nur selten vor,[13]
die Ausbildung dieses Darstellungsmotivs bleibt der englischen
Buchmalerei überlassen.
Clemen kommt in seiner vortrefflichen Monographie der Bildnisse Karls
des Grossen in einem Exkurs wohl mit Recht zu dem Resultat, dass es
sich bei allen diesen mittelaltrigen Porträtdarstellungen in der
Hauptsache um die Ausbildung eines allen mehr oder weniger gemeinsamen
Schemas handelt.
Erst gegen die Mitte des 15. Jahrhunderts gewinnt das Persönliche
in den Gesichtern der Handschriften das Uebergewicht über das
Schematische und über den Typus, ja schon seit etwa 1410, in
burgundisch-französischen Handschriften sogar noch einige Dezennien
früher, ist der Beginn der neuen Richtung zu beobachten. Sie verbreitet
sich mit einer erstaunlichen Schnelligkeit über alle deutschen
Schreibstuben, und in kurzer Zeit wird eine solche bildnisartige
Lebendigkeit der Köpfe erreicht, dass man nun von einem wirklichen
Abbild des Lebens, nicht mehr von einer konventionellen Bildersprache
reden darf.
Aber mitten in diesen grundstürzenden Wandel der künstlerischen
Anschauung, der in der Tafelmalerei ein oder zwei Jahrzehnte später
eintritt und dort des Nähern behandelt werden soll, fällt die
allgemeiner werdende Verbreitung des Holzschnittes und Kupferstichs,
jener beiden Künste, die in Verbindung mit dem Buchdruck der mühsamen
Deckfarbenmalerei und auch der flotteren Federzeichnung bald ein Ende
bereiteten.