1. Die Anfänge des Bildnisses.

Die Anfangstermini bestimmter Kunstbestrebungen entziehen sich einer

genauen Fixierung. Abgesehen davon, dass die weitaus grösste Anzahl

der für die Entwickelung einer jeden Kunst notwendigen Dokumente, wenn

deren Geburtsstunde von unseren Tagen durch einen längeren Zeitraum

getrennt ist, unseren Blicken verborgen bleibt, ist es unmöglich,

das erste Auftauchen eines Kunstgedankens zeitlich mit Sicherheit zu

bezeichnen, weil, ehe eine künstlerische Neuerung klar und deutlich,

in greifbar zwingender Gestalt in einem Werke erscheint, sie meist

schon in einem oder mehreren der vorangegangenen leise angedeutet,

gleichsam präludierend, enthalten ist. Omne vivum e vivo, auch in der

Kunst fallen die Ideen nicht fix und fertig vom Himmel herab wie das

Palladium auf die Burg von Athen, sondern sie reifen langsam im Laufe

der Jahre vom Keime der Frucht entgegen. Und besonders die Wandlung

des Menschenbildnisses vom Symbol durch den Typus zur lebensgleichen

Erscheinung vollzieht sich so allmählich, dass der über Jahrhunderte

rückwärts schauende Blick die sanft verschwimmenden Uebergänge kaum zu

erkennen vermag.

Aber die Schwierigkeit der Forschung nach dem Protoplasma einer

künstlerischen Idee wird noch durch einen anderen Umstand ganz

erheblich verstärkt. Um die ein Objekt belebenden Gedanken

herauszufühlen — und nur so können wir über ihre chronologische

Rangordnung urteilen —, müssen wir uns in die seelischen Empfindungen

und die ästhetischen Anschauungen hinein versetzen, die das Zeitalter

beherrschten, welches das betreffende Werk geschaffen hat. Wollen wir

die uns völlig fremde Sprache verstehen lernen, in der beispielsweise

ein an religiöser und bildnerisch gestaltender Kraft und an

Naivität so reiches Jahrhundert wie das fünfzehnte sich künstlerisch

ausdrückt, so gilt es nicht nur unsere ethischen und ästhetischen

Ueberzeugungen bei Seite zu werfen, sondern auch sich der Intensität

des modernen Blickes zu entäussern. Wir haben uns nachdrücklich zu

vergegenwärtigen, um bei dem Beispiel aus dem Quattrocento zu bleiben,

dass der frühmittelaltrige Künstler so gut wie der spätmittelaltrige

nicht im entferntesten daran gedacht hat, sich in seinen Darstellungen

naturgetreu mit dem wirklichen Leben messen zu wollen, sondern dass er

nur bemüht gewesen ist, allerdings mit einer gegen die Renaissancezeit

hin von Generation zu Generation steigenden Kraft der Beobachtung, die

Sprache seiner Kunst und die der Wirklichkeit einander zu ~nähern~,

— sie zu ~identifizieren~, wie das der französische Naturalismus mit

Gustav Courbet an der Spitze gewagt oder wie es bereits vor mehr als

zwei Jahrtausenden Zeuxis mit seinem Traubenkunststück und Apelles

mit dem Streitross Alexanders unternommen hat, das hat ihm wahrlich

fern gelegen. Auch dem spätmittelaltrigen Künstler war das Studium der

Natur nichts anderes, als ein Mittel zu dem Zwecke, sich klarer und

verständlicher als seine stammelnden Vorgänger auszusprechen, und hätte

Goethe in dem Zeitalter Meister Wilhelms von Köln gelebt, das bekannte

Wort von den beiden Möpsen wäre niemals gefallen.

Die Unzulänglichkeit der Dokumente, das langsame Reifen einer

künstlerischen Idee und die Schwierigkeit eines objektiven Wertmessers

für vergangene Kunstschöpfungen, das sind die Gründe, aus welchen man

sich auch bei der zeitlichen Bestimmung des ~ersten Bildnisses~ mit

einem nur annähernden Terminus a quo begnügen muss, und einen noch

grösseren Spielraum wird man walten lassen müssen, wenn es sich um das

erste Auftreten des ~Bildnisartigen~ handelt. Je nach dem der Einzelne

Bildnis und Bildnisartiges scharf oder weniger scharf unterscheidet,

werden jene beiden Termini näher oder ferner beieinander stehen. —

Jedes Kunstschaffen beginnt mit Typenbildung. Langsam ringt es sich

zum Besonderen hindurch. Die Bildwerke assyrischer, griechischer und

etruskischer Kunst, sowie die der sogenannten Naturvölker sprechen

für diesen Werdegang. Von der ältesten Kunst allerdings, von der

ägyptischen, haben uns die Ausgrabungen bisher noch nichts aus jener

Zeit zu Tage gefördert, die man bei anderen Völkern die archaische

zu nennen pflegt, denn die ersten plastischen Menschenbildungen,

aus dem vierten Jahrtausend, führen uns bereits in den vollendeten

Stil hinein? Aber dass der »Dorfschulze« im Museum von Gise und der

»Schreiber« im Louvre eine unermessliche Reihe von Vorgängern gehabt

haben, an deren Spitze eine typische Figur gestanden hat, das ist

nach Analogie des Werdens alles anderen Kunstschaffens mit Sicherheit

anzunehmen.

Die Entwickelungsgeschichte der Ahnen, so lehrt uns die biologische

Wissenschaft, wiederholt sich in der jedes einzelnen Menschen: auch

ihm beginnt die Reihe der Lebendigen mit Typen. Dem Kinde sind die

in sein eng begrenztes Gesichtsfeld eintretenden Menschen nichts

anderes als allgemeine Grundbilder der Erscheinungen — noch vermag

es nicht den Vater von der männlichen Gattung überhaupt zu sondern

—, erst mit fortschreitender Entwickelung des Apperceptionsvermögens

und mit Häufung der Erfahrungsfälle verdichten und klären sich diese

von ihm gewissermassen stilisierten Menschengestalten zu bestimmten

Persönlichkeiten.

Der langsame Gang von der primären Handlung des Typisierens zu der

des Individualisierens lässt sich auch noch auf höheren Lebensstufen

beobachten: wenn fremde und ferne Volksangehörige — Chinesen, Malayen,

Südsee-Insulaner oder dergleichen, — zum ersten Male und flüchtig

seinem Blicke sich darbieten, macht sich der Mensch in seiner

Vorstellung ein Grundbild, d. h. einen Typus, von jenen seinem Auge

ungewohnten Erscheinungen, und erst wenn er diese wiederholt und

in grösserer Anzahl in seiner Umgebung sieht, wird sein Blick für

das Individuelle eines jeden dieser Einzelwesen geschärft, die er

schliesslich ebenso gut zu unterscheiden lernt, wie die Angehörigen

seiner eigenen Rasse. Nicht anders ergeht es ihm, wenn jene Fremden

im Bilde ihm entgegen treten, und es gehört beispielsweise schon ein

recht langer Verkehr mit Utámaros entzückenden Japanerinnen dazu, die

einzelnen liebenswürdigen Geishas voneinander zu unterscheiden.

Aber die Entwickelung des Menschenbildnisses und die des Menschen zeigt

noch eine zweite Uebereinstimmung: ~das Kind, wie es dort in der Wiege

sein animalisches Dasein führt, ist selbst ein Typus~. Lang, unendlich

lang im Verhältnis zu der Kürze seines Erdenlebens, ist der Weg, den

es bis zur physischen Persönlichkeit zurückzulegen hat, bis eine Welt

von seelischen Erregungen, bis Lachen und Weinen, Liebe, Eifersucht,

Verdacht, Missgunst, Neid, Erstaunen, Erkennen und Nachdenken ihre

Spuren dauernd in sein Antlitz eingegraben haben und ihm sein

individuelles Gepräge geben.

Wenn die Kunst einmal auf jener Stufe angelangt ist, wo ihr

das allgemein Menschliche nicht mehr genügt, so beginnen ihre

Differenzierungsversuche bei denjenigen Gliedern oder Teilen der

menschlichen Gestalt, welche ihrem noch schwachen technischen

Können den geringsten Widerstand entgegensetzen. Der für den

besonderen Ausdruck der menschlichen Physiognomie bedeutsamste Teil

ist das Auge und seine nächste Umgebung, aber er ist gleichzeitig

der am schwierigsten zu bildende. Deshalb hebt nicht bei ihm die

individualisierende Arbeit des Künstlers an, sondern bei den für den

Gesamteindruck erst in zweiter Linie wichtigen Teilen, bei dem Mund,

demnächst bei der Nase und dem Kinn.[2] In dem berühmten Hermenkopf

des Perikles, nach einem Original des Kresilas, von dem sich das beste

Exemplar in London befindet, mit Unrecht oft als das erste griechische

Porträt bezeichnet, ist das Auge noch ganz allgemein behandelt und

unterscheidet sich nicht von dem der früheren Götter- und Heldentypen,

wohl aber ist die Bildung des Mundes eine ganz individuelle; erst ein

Bildnis vom Ende des 5. Jahrhunderts, aus der Zeit und nach der Art

des Demetrius von Alopeke, das des Euripides, darf ein Porträt im

eigentlichen Sinne genannt werden, weil hier zum ersten Male auch das

Auge und der in diesem Organe sich vollziehende Lebensvorgang, das,

was wir mit dem Namen Blick bezeichnen, neben einer Fülle von anderen

Einzelheiten, eminent persönlich und gleichzeitig auch charakteristisch

erscheint.

[Illustration: ~Perikles.~

London, British Museum.

Nach Photographie.]

Denselben Werdegang wie das plastische hat auch das auf die Fläche

projizierte, das gemalte Bildnis genommen. Auf die ältesten der uns

erhaltenen Denkmale darf hier nicht exemplifiziert werden, nicht

auf die gräco-italischen Bildnistafeln und nicht auf die in grosser

Anzahl in Pompeji gefundenen Porträts, denn beide Gruppen zeigen nicht

das Entstehen, sondern das Ausleben einer bereits hoch entwickelten

Kunst. Stellt man sich jedoch eine Bildnisreihe zusammen wie etwa die

folgende: die Herrschergestalten in den karolingischen Handschriften,

das Bild Richards II. in der Westminsterabtei, Roger van der Weydens

angeblichen Karl den Kühnen im Museum zu Brüssel, die frühen Bildnisse

Dürers und am Ende desselben Meisters Holzschuher in Berlin, so

wird man erkennen, dass in der Malerei die Individualisierung der

Gesichtsteile denselben Weg genommen hat, wie in der Plastik.

[Illustration: ~Euripides.~

Neapel. Nach Sybel, Weltgesch. der Kunst.]

Das Bildnis bei den altdeutschen Meistern bis auf Dürer · 第 11 / 67 题