Seite 149, Zeile 12: »Aus der Mitte des 14. Jahrhunderts.«

Zur Einleitung.

Der bei aller Lust am Fabulieren den Völkern germanischer Abstammung

tief eingewurzelte Wirklichkeitssinn kommt in der deutschen Malerei

als das Bestreben zum Ausdruck, allen Dingen der Erscheinungswelt

ihr wesenseigenes Gepräge zu geben: der Landschaft, dem Innenraum

und demjenigen Objekte, das aller Dinge Mass ist, dem Menschen, —

~Individualisierung und Charakterisierung ist die treibende Grund- und

Urkraft der deutschen malenden Kunst~.

Männertypen und, mit einem gewissen zeitlichen Abstand folgend, auch

Frauentypen, in den frühesten Tagen der Schilderkunst den antiken

Prachthandschriften naiv und getreulich nachgebildet, erhalten bald

zum mindesten einen Hauch germanischen Wesens; das in ihnen nur ganz

allgemein angedeutete gewinnt durch das Korrektiv der Wirklichkeit

seine besondere Gestaltung, und selbst dem bereits in scharf

ausgeprägter Gattungsform aus der Fremde übernommenen wird nach eigenem

Bilde eine neue Erscheinungsform gegeben. So wandelt sich der runde

Römerkopf in ein zartes Oval, und auf germanisches Vorbild deutet das

gewellte Haar, der kleine und zierliche Mund, dessen Unterlippe oft

stark hervorgehoben wird, die langgezogene Nase und die grossen runden

Augen.

Aber nur langsam und nicht mit gleichmässig zunehmender Kraft wachsen

Beobachtung und Wiedergabe der Wirklichkeit. »Auf dem eingeschränkten

düsteren Pfaffenschauplatz des medii aevi« konnte das Auge des

Künstlers nicht weltsichtig werden; um es weit und hell zu öffnen,

bedurfte es des gewaltigen Umschwunges aller wirtschaftlichen,

sozialen und politischen Verhältnisse, wie er mit dem Ausgange

des Mittelalters hereinbrach. Nun erst erscheinen im Buch und auf

der Malertafel, anfangs noch schüchtern, dann mit immer grösserer

Sicherheit, Landschaft, Innenraum und Menschen in ihrer ästhetischen

Realität, so wie sie durch das Medium der deutschen Künstlerseele

erschaut und von ihr nachempfunden wird, — und nun beginnt auch die

eigentliche ~Geschichte des Porträts~.

Die tausendjährige Kunst eines Volkes lässt sich freilich nicht mit

einer Generalsentenz abfertigen: der Grundzug der Individualisierung

der Erscheinungswelt ist einer deutschen Schule während der Jahre

ihrer herrlichsten Blütezeit überhaupt nicht zu eigen gewesen, und das

Wollen und die Fähigkeit, das aus fremdem Volkstum Entlehnte mit Geist

vom eigenen Geiste zu beleben, hat die gesamte deutsche Malerei, von

Adam Elsheimer und einer Anzahl gut bürgerlicher Porträtmaler absehen,

in den zwei Jahrhunderten, die auf Dürers und Holbeins Tode folgten,

entbehrt.

Dass die zarten Seelenmaler von Alt-Köln bis auf den Meister des

Marienlebens sich von der nüchternen Wirklichkeit fern hielten, ist

aus der Stimmung der Zeit und des Ortes zu erklären, in der sie ihre

Werke schufen. In Köln schlug das Herz der deutschen Mystik. Nicht

umsonst hatte hier Tauler und seine Schülerschar gelehrt, der Weg

zu Gott gehe durch die Empfindung, nicht durch den Verstand, durch

stilles Beharren, nicht durch Handeln, und die Befriedigung des

irdischen Daseins sei in demutsvoller Entsagung und Entselbstung zu

suchen, nicht in verzehrendem und nutzlosem Kampfe. Der behagliche

Wohlstand der Stadt und die sorglos heitere Gemütsart seiner Bewohner

— das Ergebnis einer glücklichen Mischung romanischer und germanischer

Elemente und bis auf den heutigen Tag in mancher Aeusserung des

Volkslebens erkennbar — kamen der allgemeinen Verbreitung einer solchen

Weltanschauung zu statten, und so ist es nicht zu verwundern, dass aus

dieser Grundstimmung heraus Werke geschaffen wurden, die uns wie in

einen geheimnisvollen Charfreitagszauber hineinführen, die aber mit der

Alltäglichkeit und herben Realität der Dinge nichts zu thun haben.

Weniger einfach ist die Erklärung des allgemeinen Verschwindens jeder

Individualisierungskraft nach dem goldenen Zeitalter der deutschen

Malerei, nach der Mitte des 16. Jahrhunderts. Das Wort von der

»Erschöpfung« darf man füglich nicht gelten lassen, denn es setzt einen

Kraftaufwand voraus, der nicht vorhanden war, wenigstens nicht bei

einer Mehrheit der Künstlerschaft. Auch das Gesetz von der psychischen

Ermüdung ist in dem gegebenen Falle nicht anwendbar. Das Verlangen nach

Abwechselung, dessen nervöse Heftigkeit unser modernes Kunstschaffen

so stark beeinflusst, stellte sich in jenen Zeiten erst dann ein, wenn

alle Ausdruckmöglichkeiten einer Kunstweise thatsächlich erschöpft

waren, und so gut in Italien auf Michelangelo ein Bernini folgen konnte

und folgen musste, so gut hätte man erwarten müssen, dass der Dürersche

Realismus — oder richtiger Idealismus, denn so darf man ihn wie jede

hohe Kunstweise nennen — noch eine zweite Blüte ansetzen, noch eine

Steigerung, und bestehe sie auch in einer Uebertreibung nach Seite des

Manierierten oder selbst des Grotesken, erfahren werde.

Ich vermag in dem Absterben des nationalen Wirklichkeitssinns und

der an seine Stelle tretenden Fremdländerei nichts anderes zu sehen,

als eine ~pathologische Erscheinung~, wie sie zu Zeiten auch in dem

Kunstschaffen anderer Völker zu beobachten ist und die ein Analogon in

der Kleinwelt des Individuums hat: gleichwie im Leben des Einzelnen

Stimmungen auftauchen, in denen sein Denken und Fühlen durch Einflüsse,

welche seinem inneren Wesen durchaus unangemessen sind, aber die starke

Kraft der Anziehung besitzen, vorübergehend aus der ursprünglichen Bahn

geworfen wird, so wenden sich auch ganze Volksgemeinschaften mitsamt

ihrem künstlerischen Gestalten kürzere oder längere Zeiträume hindurch

willenlos von ihrem eigenen Wesen ab und geben sich ohne Widerstand

fremdem Geiste hin. Gefeit gegen die Sucht der Nachahmung ist kein

Volk, hat doch selbst die so bodenwüchsige italienische Kunst ihre

»flämische Zeit« gehabt.

Warum aber, so muss man sich auch nach diesem Erklärungsversuch

fragen, hat bei uns der kranke Körper, um in dem einmal gewählten

Bilde zu bleiben, so langer Zeit bedurft, den Krankheitsstoff

wieder auszuscheiden? Warum währte gerade in Deutschland fast

zwei Jahrhunderte lang der fremde Götzendienst, wo Schönheit und

Pathos romanischer Formen- und Farbengebung erstrebt und doch

nicht im entferntesten erreicht wurde, wo der angeborene Sinn für

Lebenswahrheit und Charakteristik in tiefen Schlaf versunken schien

und wo schliesslich das in seiner Wirkung so verheerende Beispiel

Michelangelos und noch mehr das seiner Nachfolger in romanischen

und flämischen Landen mit ihrer aufgebauschten, aber innerlich

hohlen Rhetorik die letzten Reste einer ruhigen und sachlichen

Wirklichkeitsdarstellung erstickte?

Eine tendenziös-katholische Geschichtsschreibung sieht die Ursache

des traurigen Niedergangs und seiner Dauer in der reformatorischen

Glaubensbewegung und der ihr folgenden Glaubensspaltung. Gewiss,

nachdem das Wort von der Rechtfertigung durch den Glauben einmal

den Rahmen des »Mönchsgezänks« überwachsen und ganz Deutschland

zu einer Stellungnahme für oder wider gezwungen hatte, musste

naturgemäss der nun entbrennende, in der Geschichte bisher unerhörte

Geisteswaffenkampf kunstfreundliche Bestrebungen in den Hintergrund

drängen. Zugegeben also, dass der ~Beginn~ des Niedergangs in einem

gewissen ursächlichen Zusammenhang mit der grundstürzenden Lehre des

Erfurter Augustinermönches steht, dass aber für die ~Dauer~ desselben

andere Umstände entscheidend gewesen sein müssen, das beweist ein Blick

auf den Werdegang der benachbarten und so nahe verwandten holländischen

Kunst, die durch die nämlichen Glaubenskämpfe und gleichfalls durch

»antikisch-welsche Art« hindurch aus schliesslich siegreichem

protestantischen Geiste heraus das Kunstideal aller germanischen Stämme

zur höchsten Vollendung geführt hat.

Welcher Art in Deutschland auf dem Gebiete der Malerei thatsächlich die

inneren Hemmungsfaktoren waren, wird der rückschauende Blick wohl nicht

eher klar erkennen, als bis wir nach dem Entwickelungs-Sturm und -Drang

der Gegenwart wirklich zu einer grossen neudeutschen Malkunst gelangt

sein werden, denn erst auf der Höhe übersieht man den zurückgelegten

Weg.

Deutlicher als die inneren, liegen die äusseren Umstände zu Tage,

die für das lange Darniederliegen der Malerei verantwortlich gemacht

werden müssen: noch im 16. Jahrhundert die Zusammenbrüche der grossen

oberdeutschen Handelshäuser, der Ausschluss Niederdeutschlands vom

Weltverkehr und die im Gefolge der Reformation und Gegenreformation

wütenden Kriegsstürme, welche die Nachfrage nach Bildern auf ein

geringes Mass herabdrückten und auch nicht das bescheidenste

Mäcenatentum aufkommen liessen, dessen die Kunst zu allen Zeiten

bedarf, und im 17. Jahrhundert der mit einer allgemeinen Verwüstung,

einer grenzenlosen Verarmung und Verrohung endigende dreissigjährige

Krieg, nach welchem nun abermals, wie durch einen gebrochenen Damm

hindurch, eine fremde Kultur, diesmal vom Westen her, sich über

Deutschland ergoss.

Aber alle diese gewaltsamen Störungen sind nicht imstande gewesen,

die Urkraft der deutschen malenden Kunst zu vernichten. Leise schon

in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts — Chodowiecki, Anton

Graff, Christian Leberecht Vogel —, mitten in einer klassizistischen

Reaktion, die im Wechsel der Leitbilder ihr Heil zu finden wähnte

und von der lärmenden Aufdringlichkeit und gespreizten Unnatur

der Welschen zur »edlen Einfalt und stillen Grösse« der Hellenen

geflüchtet war, vernehmlicher am Anfange des neunzehnten, klingt

uns wieder ein altvertrauter Laut aus deutschen Bildern entgegen.

In den Werken der Nazarener hebt er an, und in denen Alfred Rethels

einerseits und Moriz Schwinds andererseits tritt der deutsche Genius

aus seiner zweihundertjährigen Verfinsterung hervor, die Ausländerei

ist überwunden und die Quellen der Kunst entströmen von neuem der

heimischen Erde.

Und wie steht es heute? Die Namen Menzel, Thoma, Böcklin sind in

Aller Munde und zeugen laut dafür, dass unser Kunstideal, trotz aller

zeitweiligen und mächtigen Gegenströmungen, seine Wurzeln tief in

das eigene Volkstum gesenkt hat. Wenn wir die Säle unserer modernen

Riesenausstellungen durchwandern, dürfen wir es freudig bekennen:

in der Fülle dieser Werke, so stark auch fremde Kunstgedanken das

ruhige Schaffen unserer Meister durchkreuzen und ihnen infolge eines

unerhörten Austausches von Kunstschöpfungen aller Nationen von Amerika

bis Japan, in Originalen und Nachbildungen, immer neue Farben-, Licht-

und Formempfindungen vor die Augen geführt werden und so mächtig auch

die alle Welt umspannende, aufs höchste gesteigerte und komplizierte

Arbeit am Webstuhle des Gedankens ihre Phantasie zu neuen, noch nie

dagewesenen Gebilden reizen muss, — in diesen schier unübersehbaren

Gemäldescharen kommt die ~deutsche Art~, hier stärker, dort schwächer,

hier mit ihren guten, dort mit ihren minder guten Eigenschaften, immer

und immer wieder zum Durchbruch.

Freilich, was ist deutsche Art?

Es giebt Begriffe, die verstandesmässig zu erklären das Wort versagt.

Kann man den Geist in Dürers Marienleben durch die Retorte treiben

oder den Holbeins Darmstädter Madonna zerlegen wie den Sonnenstrahl

durch das Prisma? Und dennoch sei der Versuch gewagt, das wahre Wesen

deutscher Art in seine Grundstoffe aufzulösen, sei es selbst auf die

recht nahe liegende Gefahr hin, dass, während wir die Teile in der Hand

haben, uns das geistige Band entschwindet.

Die Hauptschwierigkeit unserer Analyse besteht in der auffälligen

Verschiedenheit der deutschen Stämme nach Geistes-, Charakter- und

Gemütsbeanlagung und in den Schwankungen, denen auch diese wiederum im

Laufe der Jahrhunderte unterworfen waren, vor allem aber in der Auswahl

derjenigen Volksschicht, auf welche wir, als der jeweiligen Trägerin

der echten deutschen Art, unseren Urteilsspruch begründen wollen.

Beim besten Willen kann ein solcher nicht anders als im höchsten

Grade subjektiv sein, und auch abgesehen von diesem Mangel, ist es

schlechterdings nicht zu vermeiden, dass Einzelzüge der zu gebenden

Begriffsbestimmung nicht für ~alle~ Gaue und nicht für ~alle~ Zeiten,

noch weniger für ~alle~ Gesellschaftsklassen zutreffend erscheinen.

Ein Bild von deutscher Art kann daher nur einen beschränkten

Aehnlichkeitsanspruch erheben, etwa wie ein modernes »Sammelbild«, das

durch Uebereinanderphotographieren von Individuen einer Gattung auf ein

und derselben lichtempfänglichen Platte entstanden ist, und von dem man

ja auch nur die grossen und allgemeinen Züge in Uebereinstimmung mit

denen jedes Einzelnen erwarten wird.

Um mit dem, was ~nicht~ deutsche Art ist, zu beginnen, — so

vereinfachen wir uns die Arbeit der Zergliederung, indem wir zunächst

die das Objekt verhüllenden Schalen entfernen, — deutsch ist nicht

alles, was jemals innerhalb der Reichs- und Sprachgrenzen von einem

Deutschen geschaffen worden ist, auch wenn es uns aus diesem oder

jenem Grunde recht wohlgefallen mag. Deutsch ist jedenfalls nicht,

was schablonenhaft und unverarbeitet fremder Kunst entnommen ist,

— das Brandenburger Thor, die Propyläen, die Glyptothek. Auch das

fremdem Geiste Nachempfundene, sofern es nicht zuvor durch das

belebende Stahlbad heimischen Wirklichkeitssinnes gegangen ist, kann

nicht deutsch genannt werden, selbst wenn Generationen, die unter

dem bannenden Einfluss eines grossen fremdländischen Kunstschaffens

gestanden, es als eigene Kunst betrachtet haben — die Werke eines

Raphael Mengs, eines Carstens und seiner Nachfolger —, oder wenn

einzelne Individuen oder eine Mehrheit solcher, in denen ein

undeutscher Sinn für das Prächtige und Prunkende das feine Gefühl für

den heimlichen Reiz des Schlichtheimischen verwischt hat, das, was doch

nur ein tönendes Erz und eine klingende Schelle ist, als den Gipfel

alles Künstlerischen preisen, — so manches Heroendenkmal unserer Tage.

Ein positives Kennzeichen deutscher Art, wie sie in der bildenden

Kunst zum Ausdruck kommt oder doch zum mindesten nach Ausdruck ringt,

ist ~die Kraft der Individualisierung und Charakterisierung~ aller

Dinge der Erscheinungswelt, der »Wesensausdruck«, wie das von Henry

Thode für diese beiden Elemente geprägte Wort lautet. Ein jeder

deutscher Künstler ist gewissermassen ein Akkumulator dieser beiden

Kräfte: was je von den Karolingerzeiten bis auf den heutigen Tag mit

Feder, Stift oder Pinsel geschaffen worden ist, findet durch sie seine

Erklärung, seine Rechtfertigung oder seine Entschuldigung, sie sind die

bedeutsamsten aller Triebe, weil sie nicht erworben, sondern angeboren

sind, sie sind das Thema, von dem die nun folgenden Einzelmerkmale die

Variationen sind.[1]

Da ist zunächst ~Innerlichkeit~ und ~Schlichtheit~ zu nennen. Sein,

nicht Scheinen, Natur, nicht Attitüde, Gehalt, nicht Gehaben, Wahrheit,

nicht erheucheltes Wesen. Wie der Deutsche das Leben zu führen

wünscht, das spiegelt sich wieder in den Werken seiner Kunst, in

allen Schöpfungen der echten Meister, von jenem Unbekannten an, der

die Tristanbilder an die Wände des Schlosses Runkelstein malte, bis

zu Lucas Cranach, in Elsheimers gemalten Poesien und in den Tafeln

der Nazarener bis zu denen Spitzwegs, Uhdes, Thomas, Steinhausens,

Haiders und wie die Neudeutschen alle heissen. In lebender und lebloser

Staffage wollen sie nichts anderes geben, als die rein sachliche

Verwirklichung eines künstlerischen Gedankens. Das sind einfache,

schlichte Leute, die uns dort begegnen, nicht über die Natur in eine

unverständliche Sphäre hinausgehobene Uebermenschen, sie schauspielern

nicht in der Bewegung und sie posieren nicht in der Ruhe, ihre Gebärden

entsprechen just dem, was sie mit ihnen ausdrücken wollen.

Aber diese Schlichtheit schliesst ~Reichtum der Formen und des Inhalts~

nicht aus. Die stoffliche Ueberlastung des deutschen Bildes hat

bekanntlich Michelangelo bei Dürer und dessen Landsleuten getadelt, und

soweit diese Bemängelung sich auf die grossen Tafeln bezieht, muss man

ihr zustimmen, anderseits jedoch verdanken wir auf Nebengebieten der

Malerei gerade dieser nie versiegenden Gestalten- und Gedankenfülle

die herrlichsten Schöpfungen. Welch ein unermesslicher Reichtum an

entzückenden Ideen und köstlichen Einfällen ist allein in Initialen

und Randzeichnungen des deutschen Buches niedergelegt, und wie wären

ohne jenen Ueberschuss an persönlichem Gefühl und Phantasie die

tausende und abertausende von Handzeichnungen, Holzschnitten, Kupfern

und Drucken entstanden, in denen uns eine ganze Welt der tiefsten

und eigenartigsten Gedanken entgegentritt, reichhaltiger als sie das

Kunstschaffen irgend eines anderen Volkes hervorgebracht hat?

Meister in der Beschränkung der Erscheinung wie der Italiener bis zu

den Tagen des Manierismus, ist der Deutsche allerdings nicht, und was

ihm in Ornament und graphischen Künsten zum Vorteil war, das wird ihm

auf dem farbigen Tafelbild zum Verderben. Sein so leicht erregbares

Gefühlsleben lässt ihn hier die von dem Sinn für das Edle und Schöne

gezogenen Schranken rücksichtslos durchbrechen, und eine überströmende

Phantasie, verbunden mit einem Uebermass von Gestaltungskraft, treibt

ihn nur all zu oft, auf einer einzigen Tafel zu geben, was ihn zur

Stunde bewegt, — eine verschwenderische Summe von Einzelheiten, die

recht wohl den Stoff zu einem Dutzend Bildern geben konnten. Man denke

nur, um ein Beispiel anzuführen, für welches Michelangelos Tadel gewiss

berechtigt ist, an die deutschen Darstellungen der Passionsszenen:

wie oft verwirrt hier nicht die stoffliche Menge die Klarheit und

Uebersichtlichkeit des Vorganges und wie häufig vernichtet die jeder

gesetzmässigen Ausdrucksform spottende Anordnung der Figurenmassen

die malerische Wirkung der Bilder. Die Tafel, und sei sie noch so

gross, ist zu klein für das, was die Meister auf ihr erzählen wollen,

denn nicht nur Dürer, sondern auch alle die anderen, die Burgkmair,

Altdorfer, Cranach, Spitzweg, Richter, Klinger, Böcklin, inwendig ist

ein jeder »voller Figur«.

Dieselbe im Gehirn des Künstlers unaufhörlich nach schöpferischer

Gestaltung drängende Kraft erklärt auch die Vorliebe der deutschen

Maler für ~dramatische Bewegung~ ihrer Stoffe und daher — im Gegensatz

zu den Italiern, die sich ihnen nur selten zuwandten — die Bevorzugung

solcher Scenen aus der christlichen Heilsgeschichte und der Legende, in

denen sich starke Affekte zum Ausdruck bringen liessen und wo nun gar

oft, in farbiger Realität wiederum störender als in der gemilderteren,

noch mehr abstrakten Uebertragung auf Holzschnitt oder Kupfer, der

Vorgang ins Masslos-Leidenschaftliche, Stürmische, Gewaltsame,

Graussige, ja ins Aesthetisch-Unmögliche gesteigert erscheint. Man

muss diesen Bildern Mangel an Stil vorwerfen, aber im Grunde genommen

sind sie, von erschreckenden Uebertreibungen wie sie namentlich die

bairische Kunst zeigt abgesehen, dem naiven Empfinden des deutschen

Volkes doch entsprechender, als die vornehmkühlen und abgemessenen,

wenn auch so unendlich formvollendeteren und harmonischer verlaufenden,

deshalb ästhetisch viel höher zu bewertenden Darstellungen derselben

Motive in italienischer Kunst. Aehnlich ergeht es übrigens dem

unberührten Volkssinn mit den Prachtbauten der Renaissance gegenüber

seinen heimischen zum Himmel emporstrebenden Domen, die mitsamt ihrem

Reichtum an krausen, spielenden, lustigen Zierformen schliesslich

dasselbe Ausdrucksmittel eines übersprudelnden, tiefinnerlichen

Gefühls- und Phantasielebens sind, das selbst dem toten Steine Seele

und Bewegung, ja Gebärde, Sprache und Ton verleihen möchte.

~Bewegung~ und ~Fülle~, ein und derselben Triebkraft entsprossen und in

allen Werken deutscher bildender Kunst sich offenbarend, sie scheinen

thatsächlich ein inneres Bedürfnis unseres Volkes zu befriedigen. Man

beobachte die Besucher unserer öffentlichen Kunstsammlungen und achte

darauf, welchen Bildwerken sie ihre Aufmerksamkeit zuwenden: unter den

Gemälden sind jedenfalls die dramatisch bewegten und die stofflich

reichen die grössten Magnete. In Köln vor Lochners jüngstem Gericht

drängen sich allsonntäglich die Beschauer, während desselben Meisters

»Madonna im Rosenhag«, schräg über, einsam, nur von ihrer kleinen

Engelschar bewundert, in all ihrer himmlischen Herrlichkeit thront.

Solange der Betrachter der Bilder sich von der Vision des Künstlers

mit fortreissen lässt und die alte Schwiegermutter Weisheit das

zarte Seelchen Phantasie noch nicht beleidigt, ist jenes Bedürfnis

nach einem bewegten und reichen Stoff noch nicht geradezu als

unkünstlerisch zu bezeichnen, aber es steht bereits hart an der

Grenze, wo der Weg hinüber zum Kunstwidrigen führt; in unserm Kölner

Beispiel, das vertausendfacht werden könnte, ist die Scheidelinie

schon überschritten: das Motiv des Interesses entspringt hier nicht

ästhetischem Geniessen, sondern einer Befriedigung des Intellekts, der

Neugier, der Lust am Wunderlichen, — einer Schwäche, die Goethe so

hübsch in die Worte der gefangenen Trojanerinnen zusammenfasst: »Hören

möchten wir am liebsten, was wir gar nicht glauben können.«

Und nun müssen wir verallgemeinern: der Germane, der Holländer

ausdrücklich ausgenommen, betrachtet ein Bild gar zu häufig lediglich

mit dem Verstande, dem er als Gehilfen das Gefühl und allenfalls die

Empfindung beigestellt, nicht, wie der Romane, mit dem für das Schauen

doch in erster Linie geschaffenen Organ, dem Auge. Eine Funktion aber,

die nicht geübt wird, verkümmert, und die Folge ist, dass die Kraft des

Formen- und Farbensinnes der Deutschen und der ihnen blutsverwandten

Völker schwächer ist, als die der Romanen.

Doch mit einer verstandsmässigen Durchforschung des Bildes und aller

seiner Einzelheiten begnügt sich der Germane noch nicht, er verlangt

auch, dass der Inhalt des Gemäldes sein Wissen bereichere, ihn

womöglich belehre. Vor lauter faustischem Erkenntnistrieb sieht er oft

das Bild als solches überhaupt nicht mehr, er wird ihm gegenüber zum

Bildungsfanatiker oder zum Moralisten, je nach dem Stoff, in den er

sich hineingewühlt hat, und — auch der Künstler ist ein Teil des Volkes

— in Zeiten, wo solch ein Insektengeist herrscht, um ein Wort des so

schnell vergessenen Rembrandt-Deutschen zu gebrauchen, entstehen jene

»Richtungen«, lehrhafte, novellistische, ethnographische, tendenziöse,

moralisierende, die mit der Kunst wenig mehr als den Namen gemein haben.

Das ist die Kehrseite der Medaille, die auf ihrer Schauseite den

stolzen Namen Phantasie trägt.

Ein anderes Kennzeichen deutscher Art ist die herzliche ~Freude an

der Natur~, die sich schon frühzeitig, nachdem einmal der Gold- oder

einfarbige Grund überwunden war, in der intimen und liebevollen

Behandlung der Landschaft im Bilde ausspricht. Gewiss klingt uns

auch aus den Werken der niederländischen und der italienischen

Quattrocentisten eine der deutschen verwandte Lust an all der goldenen

Herrlichkeit der Natur entgegen, aber ein feiner Unterschied besteht

doch. Ganz so kindlich und naiv wie die alten deutschen Meister sind

sie nicht. Schon in den Anfängen der Landschaft, schon bei van Eyck

und Botticelli, ist zu beobachten, wie ein angeborener Sinn für die

malerische Wirkung und das künstlerisch Abgeklärte, der den Deutschen

in minderem Grade zu eigen ist, sie zu einem gewissen Komponieren und

zu einer wenn auch nur geringen Steigerung der Effekte führt, die man

bei den Altkölnern und den frühen Oberdeutschen vergeblich suchen wird.

Der Deutsche, und hier sei wiederum eine Abschweifung vom Künstler zu

seinem Volke gestattet, betrachtet von vornherein die Natur mit andern

Augen als der Romane, selbst mit andern, als sein nächster germanischer

Verwandter an den Rheinmündungen und der Schelde. Aufmerksamer als

dieser beobachtet er das Naheliegende, nicht das Ferne. Wohl machen

auch auf ihn die grossen Linienzüge der Landschaft, die weiten Fernen,

die Gebirgsmassen und die über ihnen sich aufbauende Architektur der

Wolken ihren gewaltigen Eindruck, aber im Grunde genommen ergötzt er

sich doch mehr an dem ~Kleinkram~ der Natur, der am Rande des Weges,

den er tritt, sich ausbreitet, an dem goldenen Käfer, der am grünen

Halme emporstrebt, der wogenden Alge im krystallhellen Bächlein,

der Eidechse, die im Sonnenstrahle schillert und blitzt, und an dem

unerschöpflichen Farben- und Gestaltenreichtum der Blumenwelt — eine

Fähigkeit des Genusses, die Alfred Lichtwark einmal als das köstliche

Erbteil einer endlosen Reihe von Generationen bezeichnet.

Dieses Naheleben ist es, das sein Auge von jeher entzückt hat, und

mit ihm vor allem beschäftigt er sich auf seinen Spaziergängen,

die ihn vom lärmenden Treiben der Stadt hinwegführen und die ihm

heimlichere Freuden gewähren als den andern ihre Promenade, Passegiata

oder walking tour. Auch der deutsche Handwerksbursche, der Bruder

Straubinger, der mit seinem Wanderstock und Ranzen auf allen Strassen

der bewohnten Erde zu finden ist, vertieft sich ja bekanntlich gar so

gern in alles Wunderliche, das in seiner Nähe kreucht und fleucht, und

selbst die typische Figur des Knaben mit der grünen Trommel und dem

Schmetterlingsnetz verdankt dem gleichen Interesse ihr Dasein.

Ganz besonders aber ist es der deutsche Wald mit allem Organischen,

das geheimnisvoll in ihm lebt und webt, dessen Zauber es dem Deutschen

angethan hat und den er einst so gern, bevor noch nüchterne Forschung

der Märchenherrlichkeit ein Ende gemacht hatte, mit redenden Tieren,

Zauberern, Zwergen und Feen belebte, mit Schätze bewachenden Drachen

und Land und Leuten verderblichen Lindwürmern. Und was der Maler aus

den deutschen Wäldern mit heimgebracht hat, das klingt uns wieder

aus den Werken der grossen Koloristen des 16. Jahrhunderts — von

den Neudeutschen, vor allem Böcklin, ganz zu schweigen —, aus den

phantastischen Busch- und Baumgebilden Grünewalds, aus Altdorfers

romantischen Waldeinsamkeiten und Cranachs träumerischen Hainen. Ja man

darf wohl Robert Vischer Recht geben, wenn er den tiefgehenden Einfluss

des Waldes sogar »in der Welt von ausdrucksvollen Fältchen um die alten

Augen, in all den holprigen, zwizerlichen Formen« der Greisenköpfe

Dürers erkennt.

Gewiss finden wir in der Landschaft der deutschen Malerei nicht nur

ein Gefühl für das Kleine und Nahe, sondern auch für die Wirkung der

grossen majestätischen Linie, für die weite, den Blick ins Unendliche

führende Ferne und seit den letztvergangenen Dezennien auch für die

feinen Reize der Luft- und Lichtstimmungen, aber es ist dieses Gefühl

weder ein angeborenes, wie es etwa die Kraft der Charakterisierung ist,

noch ist es unmittelbar aus dem Anschauen der Natur geboren, wie das

für die Kleinwelt auf Wiese und im Wald, sondern es hat sich auf einem

mittelbaren Wege entwickelt: durch das Studium fremden Kunstschaffens.

Dort, bei den Italienern und den Holländern, lernte der deutsche Maler,

den ihm so lieben Kleinkram der Natur zu Gunsten der Gesamtwirkung

des Bildes zu beschränken, das Nebensächliche dem Wesentlichen

unterzuordnen und die Summe aller Einzelerscheinungen zu einer einzigen

Harmonie zusammenzuschliessen; das wunderbare Geheimnis des paysage

intime, »das zarteste Kind unseres Jahrhunderts«, wurde ihm aus dem

Walde von Barbizon offenbart, was er dann alledem aus eigenem deutschen

Geiste hinzugegeben hat, das bleibt natürlich sein ungeschmälertes

Verdienst.

Aber um das Wesen einer Kunst ganz zu verstehen, muss man sie in

ihren Anfängen belauschen, und die kostbaren Dokumente aus dem

Kindesalter unserer Malerei scheinen im Vergleich mit den Erstlingen

der niederländischen und italienischen, auf einen treuherzig-ehrlichen,

aber etwas kleinlichen Sinn (das herabsetzende Beiwort nicht absolut,

sondern relativ genommen) der deutschen Meister in der Auffassung der

Landschaft hinzudeuten.

Den Mangel eines grossen Zuges, ja die Spur einer fast das

Pfahlbürgerliche streifenden Gesinnung, ist auch bei den altdeutschen

Meistern des ~Porträts~ nicht zu verkennen, und seine Wandlung nach

Seite des Grossartigen und Grossen scheint sich noch langsamer zu

vollziehen, als bei den Landschaftern. Von den beiden grössten

deutschen Bildnismalern konzentriert der eine, Dürer, alle seine

unvergleichliche Kraft der Charakteristik fast ausschliesslich in

den Köpfen und auch diesen, selbst aus seiner besten Zeit nach der

niederländischen Reise, haftet noch ein wenig die peinlich-objektive

Naturbeobachtung an, die einer freien, gleichsam in die Ferne gerückten

Auffassung der ganzen Persönlichkeit hinderlich ist, und der andere,

Holbein, von dem man wohl sagen kann, dass auch er das Porträt zu

einem der »Phänomene des Weltganzen« erhoben habe, steht innerhalb

der deutschen Malerei auf so einsamer Höhe, dass eine allgemeine

Betrachtung auf ihn nur als auf eine Ausnahme von der Regel hinweisen

kann; zudem hat er bei seiner im wesentlichen englischen Klientenschaft

das deutsche Porträtwerk nicht bereichert.

Thatsächlich besitzen wir von unsern grössten Männern, weder von

Luther, noch von Goethe, noch von Wagner, noch von Bismarck, ein diesen

kraftvollen, kerndeutschen Persönlichkeiten wirklich entsprechendes

Bildnis.

Doch das Bekenntnis dieses Mangels greift bereits weit über das Ziel

dieser Studie hinaus. Es war lediglich die Absicht, in der Einleitung

zu einer Arbeit, die das deutsche Bildnis zum Gegenstand hat und

in deren Verlauf das Beiwort ~deutsch~ mit den unterschiedlichsten

kunstbegrifflichen Hauptwörtern verbunden erscheint, eine Erklärung

dieses so bedeutungsvollen Epithetons zu geben. Erschöpfen lässt es

sich nicht, das letzte Wort muss das Kunstwerk selber sagen. Aber

Klarheit darüber, was volkseigen ist und was fremdem Empfinden sein

Dasein verdankt, muss ein jeder sich verschaffen, wenn anders er zu

einem richtigen Verhältnis nicht nur zur altdeutschen Malerei, sondern

vor allen Dingen auch zu den Meistern unserer eigenen Zeit gelangen

will.

Erster Teil.

Das Bildnis bei den altdeutschen Meistern bis auf Dürer · 第 10 / 67 题