»Und?«
»Sie war einen Augenblick froh und sagte: 'Das wußte ich ja!' Und dann
ist sie still geworden und hat diese übertriebene -- ich meine, sie hat
ihre Kinder von da ab mit ganz ausschließlicher Zärtlichkeit behandelt.
Und als ich -- ich dachte doch, man müßte ihr ein bißchen helfen -- sie
ist so ängstlich und im besten Sinne des Wortes förmlich, und ich wollte
Ihnen auch gern Nachricht geben ...«
»Kurz und gut?« sagte Seckersdorf erregt.
»Ja, sie ist sehr böse auf mich geworden und hat mir verboten, je mit
Ihnen über sie zu sprechen.«
»Ihnen verboten?« wiederholte Seckersdorf ratlos. »Ernsthaft verboten?
Aber Sie selbst sagten mir doch ...«
Er sah Maggie beinahe so hilflos an, wie Gertrud es oft tat. In diesem
Augenblicke empfand sie für ihn etwas von der Zärtlichkeit, die sie der
Schwester entzogen hatte.
Ihr wortloses Mitgefühl tat ihm wohl. Er nahm ihre herabhängende Hand
und hielt sie fest.
»Sie sind gut, Fräulein Maggie!« sagte er leise. »Aber, bitte, sagen Sie
mir, was heißt das? Sagen Sie es offen. Das ist doch sonderbar. Gertrud
hat ja mit mir kein Wort darüber gesprochen, Sie meinten jedoch ... Und
ich sah es ihr ja auch an ...«
»Denken Sie um Gottes willen nicht schlimmer von der armen Gertrud,« bat
Maggie weich. »Sehen Sie, sieben Jahre verheiratet und meiner Meinung
nach unglücklich --«
»Natürlich!« sagte Seckersdorf mit Überzeugung. »Alle Welt weiß, wie
schamlos Ihr Schwager ... Verzeihung ...«
Maggie machte eine abwehrende Bewegung.
»Ja wohl! Aber doch bin ich nicht sicher, ob Kurowski nicht trotzdem
eine große Zuneigung für Gertrud hat. Die Kinder liebt er sicherlich. Es
werden jetzt auch Briefe zwischen ihnen gewechselt, obgleich Gertrud
Papa und mir gesagt hatte ... Nein, ich will nicht weiter sprechen. Es
klingt beinahe so, als ob ich Gertrud anklage, daß sie, wie sie sagt,
eine anständige Frau bleiben will.«
Da richtete Seckersdorf sich auf, und sein Gesicht überschattete sich
mit einem hochmütigen Zuge des Befremdens.
»Hat sie das gesagt?« fragte er kurz. »Hab' ich sie etwa ... Aber das
kann ja nicht sein. Fräulein Maggie, erinnern Sie sich unseres ersten
Zusammentreffens?«
Sie nickte eifrig. »Schelten Sie mich, ich war voreilig in meiner --«
das Wort ging doch nicht ganz glatt über ihre Lippen -- »meiner Liebe zu
Gertrud. Ich sag' Ihnen ja auch, innerlich hat sich sicher bei ihr
nichts geändert. Aber vergessen Sie nicht, sie war nie sehr mutig, und
jetzt ist sie acht Jahre älter und elend und Mutter und --«
Ein zärtlich mitleidiges Lächeln löste seine Lippen, die er vorhin fest
aufeinandergepreßt hatte.
»Und Sklavin eines rohen Mannes gewesen,« fuhr Maggie fort, und warf
einen hastigen Blick auf Seckersdorf, der ein nervöses Zucken bei ihren
Worten nicht bemeistern konnte.
Nun nickte er ein paarmal sorgenvoll mit dem Kopf.
»Es mag ja Wahnsinn sein, nach acht Jahren anknüpfen zu wollen, eine
zerrissene Sache,« sagte er fast schüchtern. »Es ist wahr, Fräulein
Maggie, aber ... aber ich hab' sie jetzt fast noch lieber als damals.
Ich möchte sie wieder schön und froh haben, und ich dachte, wie Sie
damals so sprachen, das sollte mir auch wieder gelingen. Wenn sie frei
sein würde ... Doch Gott soll mich bewahren, sie zu bereden oder zu
verleiten, wenn sie es für Sünde hält. Recht hat sie ja auch, rein und
gut wie sie ist. Nein, ich bin nicht sentimental oder überspannt. Was
nicht geht, das geht nicht. Ich hatte mich ja auch schon damit
abgefunden ... Bloß ...«
Er legte die große, weiße Hand übers Gesicht, als wollte er es in diesem
Augenblicke nicht sehen lassen.
Maggie war mit einem Male gar nicht wohl zumute. Wie ein Stich durchfuhr
sie der Gedanke: »Was tust du da?« Und gleich hinterher: »Was willst du
selbst mit diesem großen Kinde, das so ganz erfüllt von der anderen
ist?«
Es fehlte nicht viel und sie hätte eingelenkt. Aber da kam der
Oberförster hinein, und man setzte sich zum Essen.
Seckersdorf machte liebenswürdig und ohne etwas von seiner Erregung zu
verraten, den Wirt Nur seine Augen hatten einen zerstreuten, bekümmerten
Blick und suchten fragend und vorwurfsvoll Maggie, wenn sie eine heitere
Bemerkung machte, sich mit dem Vater herumstritt und ihn mit allen
möglichen Dingen neckte.
»Ich will dich zerstreuen, dir über diese Stunde hinweghelfen,« sagten
ihm dann ihre mit einem Male dunkel werdenden Blicke, und er antwortete
darauf mit einem schwachen Lächeln. Sie wiederum fühlte, daß ihr
Mitleid ihm gut tat, und spielte ihre Rolle mit Befriedigung weiter.
Das Essen war mäßig, die Weine gut. Man hielt sich also ans Trinken, die
Herren natürlich, und dank Maggies Munterkeit -- »sie ist immer so«,
bemerkte der Oberförster -- schien die kleine Tafelrunde bald in
fröhlichster Stimmung. Auch Seckersdorf lachte viel. In einer großen
Steigerung seines Wesens, die ihm selbst fremd war, wurde er fast
redselig.
»Ich hab's nicht gedacht, daß ich noch so sein kann,« gestand er
ehrlich. »Aber, gnädiges Fräulein verstehen es, einen vergnügt zu
machen. Ich habe das schon damals bei den Waldlackern gemerkt.«
»Das findet Gertrud auch immer,« sagte sie, wie in Gedanken, und fuhr
dann leicht zusammen, heimlich überlegend. »Ob er nun nicht vergleicht?«
Bei dem Namen, der ihm alles wieder in das Gedächtnis rief, machte er
zwar ein trübseliges Gesicht, aber Maggie triumphierte doch.
»Ihre Frau Schwester ist nicht so heiter?« fragte er höflich.
»Gott bewahre,« sagte der Oberförster an ihrer Stelle mit mehr Betonung
als nötig gewesen wäre. »Die war immer nur zum Ansehen und zum
Hätscheln. Na ... ihr Mann setzt das ja fort. Denken Sie, tausend Mark
Taschengeld gibt er ihr monatlich; das will was heißen für unsere, das
heißt meine Verhältnisse, wo unsereins sich schindet und plagt, um die
paar Tausend das ganze Jahr zu verdienen und davon Haushalt und alles
übrige zu bestreiten!«
Von da aus kam die Rede auf dienstliche Verhältnisse, auf Beamtentum und
Grundbesitz, und was der Wechsel des Gesprächs damit in Verbindung
brachte.
Maggie sah dabei nicht mit dem üblichen interessierten Blick höflicher
Damen von einem zum andern, hier und da eine zustimmende Bewegung
machend, sondern sie redete eifrig mit. Sie grübelte nie viel, aber ihre
unbefangene Beobachtungsgabe, ihre sichere Art, passende Worte für ihre
Gedanken zu finden, ließen sie viel weltkluger scheinen, als sie war,
und da sie zuweilen einen echt weiblichen, sachlichen Schnitzer mit
unterlaufen ließ, kam sie bei den Männern trotzdem nie in den Verdacht
einer verpönten Gelehrsamkeit.
Seckersdorf sah sie zuletzt voll verehrender Bewunderung an.
»Was bist du für ein Mädel?« übersetzte Maggie sich seine Blicke. »Gut,
klug und temperamentvoll.«
Man verplauderte sich beim Kaffee. Es wurde schon dämmrig, als der
Oberförster an den Aufbruch dachte.
»Schade,« meinte Maggie. »Ich hätte so gern das interessante alte Haus
gesehen. Da gibt's sicherlich Schätze über Schätze.«
»Viel altes Gerümpel,« sagte Seckersdorf. »Aber falls Sie sich dafür
interessieren, würde es mir eine große Ehre sein, wenn mir vielleicht
ein andermal ...«
Maggie wollte freudig darauf eingehen, aber nach kurzem Zögern
schüttelte sie doch den Kopf.
»Vielleicht, wenn meine Schwester wieder in Laukischken ist,« erwiderte
sie, den Vater fragend ansehend. »Wir lassen sie nicht gerne viel
allein, und sie will ohne ihren Mann nirgends hingehen.« Beide Männer
wurden ernst, und der Abschied gestaltete sich kühler, als er nach den
behaglichen Stunden wohl hätte sein müssen.
Die Herren besprachen vor dem Abfahren noch flüchtig einiges
Geschäftliche, Maggie machte es sich in dem Familienhalbwagen bequem,
und dann ging's fort.
»Empfehlen Sie mich angelegentlich Frau von Kurowski,« sagte Seckersdorf
zum Schluß sehr steif.
* * * * *
Gertrud hatte den Vormittag verträumt. Es waren kaum bewußte Grübeleien,
denen sie sich hingab: Vergangenheit und Zukunft zogen in hastigen,
unklaren Bildern an ihr vorüber.
Tränen stiegen ihr in die Augen und versiegten wieder schnell, sobald
sie auf die Jungen sah, die vor dem Fenster trotz des fein sprühenden
Regens herumspielten.
Ihr war eigentümlich zumute. Sie wußte ganz genau, daß sie Seckersdorf
liebte, wie sie ihren Mann verabscheute, daß sie Maggie fürchtete, ja
beinahe verachtete; aber hinter all diesen starken und bewußten Gedanken
regte sich mit vorahnendem Kältegefühl einer, der an Pflicht und
Verantwortlichkeit, an Sichselbstverlieren, an Ausharrenmüssen mahnte,
und alte Bibelsprüche, ehemals gedankenlos gelernt und hergesagt,
bekräftigten ihn jetzt. Doch der Sieg blieb ihm nicht. In die
Selbstvorwürfe und Vorschriften rief Hans Seckersdorfs nie vergessene
Stimme hinein: »Gertrud, komme zu mir!«, und dann schloß sie die Augen
und träumte sich trotz allem mit süßem Schauer an seine Brust und klagte
ihm alles und sagte: »Denk' du für mich und sorge, daß ich das Rechte
tue. Hilf mir, hilf mir, du Einziger, Liebster!«
Aus diesem Empfinden rüttelte sie sich wieder auf und sagte sich voller
Gram, daß sie, auch wenn das heiß Ersehnte sich ihr erfüllen sollte,
nicht mehr imstande sein würde, zu vergessen und neu zu erleben. Wie
Herbstschauer überflog es sie. Und dann durchbrach von neuem alles eine
unvernünftige Sehnsucht, jetzt in diesem Augenblick mit ihm durch den
Wald zu gehen, an ihn geschmiegt und von ihm geschützt vor dem grauen
Regenwetter. Oder auch nur neben ihm, wie Maggie es sicherlich jetzt
tat.
Was sie wohl sprächen? Wie Maggie es anfinge, sie zu verdrängen? Eine
trostlose Eifersucht machte sie elend. Abenteuerliche Entschlüsse
sprangen in ihr auf, wie sie ihm schreiben, mit ihm zusammentreffen, was
sie ihm sagen würde ... Sie verflatterten, kaum entstanden. Neue
Ratlosigkeit fing an sie zu martern, die Stunden vergingen, es wurde
Mittag und niemand kam heim. Sie aß schließlich mit Fräulein Perl und
den Kindern und fing wieder ein schüchternes Gespräch über unglückliche
Ehen an, über Frauen, die sich allein ihr Brot verdienten, und so
allerlei, was ihr durch den Kopf ging.
Dann kam die Mittagspost. Sie brachte ihr die Antwort ihres Mannes aus
Nizza. Zitternd schloß sie sich damit in ihr Zimmer ein, als ob Kurt
Kurowski seinen Worten auf dem Fuße folgte, und lange konnte sie sich
vor Angst nicht entschließen, den Umschlag zu öffnen. Es waren kaum zwei
Seiten. Ihr Herz stand fast still, als sie sie las.
»Mein liebes Kind!
Es wird Zeit, daß ich heimkomme, um mit Dir ein deutliches Wort zu
reden. Vorläufig so viel: Ich will durchaus nicht zurücknehmen, was
ich Dir oft gesagt habe, nämlich daß Du mir als Frau und Gefährtin
nicht genügst. An ein Auseinanderlaufen, weil Dir Deine alte
Liebschaft wieder den Kopf verdreht hat, ist aber nicht zu denken.
Skandal gibt's bei den Kurowskis nicht, und die Jungen werden's
nicht erleben, daß ihr Vater und ihre Mutter vor die Gerichte
kommen. Verstanden? Sollte es dem Seckersdorf eingefallen sein, in
meiner Abwesenheit bei Dir herumzuscharwenzeln, so werde ich ihn mir
kaufen. Und Du nimm Dich in acht und schreib mir nicht noch einmal
so unsinniges Zeug. Herzukommen brauchst Du nun nicht, ich werde
mich mit der Heimkehr beeilen und Dir den Herrn und Meister zeigen,
wenn Du etwa nicht Order parieren solltest. Im übrigen keine
Feindschaft und keine Gefühlsduselei.
Kurt.«
Gertrud warf sich schluchzend über ihr Bett. Sie fühlte sich wieder ganz
unter der Zuchtrute der vergangenen sieben Jahre. Alle Sonnenstrahlen,
die sie schüchtern in weiter Ferne aufblitzen gesehen hatte,
verschwanden, und das trostlose Laukischker Elend breitete wieder seine
grauen Flügel um sie.
»Was tue ich nur, was tue ich nur?« fragte sie sich immerzu. »Wer hilft
mir? Wo soll ich hin? ... Hans! Hans!«
In ihrer Not und Verlassenheit konnte Gertrud gar keinen Gedanken
fassen; und zum ersten Male packte sie eine entsetzliche Angst, daß Hans
Seckersdorf vielleicht doch nicht kommen würde, ohne daß sie ihn rief.
Und da rang sie sich zuletzt den Entschluß ab, ihm ein Wort zu
schreiben.
Wie eine Verworfene kam sie sich dabei vor. Aber sie wußte sich keinen
anderen Rat, und sie fürchtete sich vor ihrem Mann noch mehr, als vor
dieser Zudringlichkeit gegen Seckersdorf.
»Er hat mich ja lieb, und er kommt gewiß gleich,« dachte sie. Und sie
schrieb unter strömenden Tränen in ihrer hübschen, korrekten
Schulmädchenhandschrift:
»Lieber Freund, ich bin in großer Herzensangst. Und da Maggie mir
gesagt hat, daß Sie mir noch die alte Freundschaft bewahrt haben,
bitte ich Sie, mir zu helfen. Denken Sie nicht schlecht von mir, ich
bin so verlassen, und Sie sind der einzige, an den ich mich wenden
kann. Mit vielen Grüßen Ihre Gertrud Kurowski.«
Diese Zeilen legte sie in einen Umschlag und schrieb die Adresse darauf.
Ein Eilbote sollte es nach Romitten besorgen. Und dann wäre alles gut,
er würde kommen und ihr sagen, was sie tun müßte.
Sie ruhte aus in dem Gedanken, -- aber ihre Kinder anzusehen wagte sie
nicht mehr.
Mit einer kleinen Handarbeit, an der sie flüchtig herumstichelte, setzte
sie sich an das Fenster der Wohnstube, von dem aus sie den Weg übersehen
konnte. Erst wenn der Vater und Maggie zurück waren, sollte ihr Bote,
der älteste Junge des Kutschers, nach Romitten gehen. Ihr war
eingefallen, daß der Vater und Maggie ihn auf ihrem Heimweg durch den
Wald treffen und anhalten möchten. Sie sagte dem Stubenmädchen also
Bescheid, ließ sich auch den Jungen kommen, um ihm ihre Weisungen
einzuschärfen. »Es handelt sich um eine Geschäftssache,« erklärte sie
verlegen dem Mädchen und dem Burschen, und fand das sehr überlegt von
sich. Aber zugleich dachte sie voll Widerwillen: »Solche kleinen
Winkelzüge werde ich nun wohl öfters machen müssen ...«
Endlich kamen die Erwarteten zurück. Maggie sprach sehr viel, erzählte
ausführlich alles Äußere ihres Zusammentreffens mit Seckersdorf,
beschrieb Romitten und ihren Aufenthalt dort, gesucht heiter und sich
hauptsächlich an Fräulein Perl wendend. Gertrud, doppelt erregt wie sie
war, ließ doch äußerlich ruhig alles über sich ergehen. Denn der Vater
beobachtete sie, während Maggie erzählte. An dieser selbst glaubte sie
hier und da ein spöttisches Lächeln wahrzunehmen.
Wie qualvoll war das alles! Sie floh in Gedanken weit fort aus diesem
einst so geliebten Hause. Gott sei Dank, ihr Brief war nun unterwegs,
und morgen vielleicht wußte sie, wohin und was tun.
Während des Hin- und Hersprechens trat das Stubenmädchen ein und
wartete, bis man sie bemerken würde.
Gertrud sah teilnahmslos an ihr vorbei; in demselben Moment nahm sie
aber wahr, daß Lina mit fragendem Blick an ihr hing. Sie fuhr zusammen.
»Was gibt's?« fragte der Oberförster und sah sich um.
Das Mädchen kam näher.
»Ich wollte nur fragen, ob der Romitter Kutscher nun nicht gleich den
Brief mitnehmen kann, -- oder soll doch der Fritz gehen?« sagte sie halb
zu Gertrud gewandt.
Die wurde totenblaß. Sie winkte dem Mädchen, hinauszugehen. Der
Oberförster stand auf.
»Welchen Brief?« fragte er unwirsch.
»Von der gnädigen Frau,« sagte das Mädchen schüchtern.
Der Oberförster kniff die Augen zusammen.
»Überhaupt nicht mehr nötig. Wir kommen ja von Romitten. Bring' den
Brief her!«
Eine große Stille entstand.
Gertrud sagte sich immerzu: »Ich muß protestieren, ich muß meinen Brief
abschicken.« Aber ihre Lippen zitterten und brachten kein Wort vor.
Der Oberförster stand von ihr abgekehrt und wartete auf das Zurückkommen
des Mädchens. Maggie sah mit gespannter Neugier in Gertruds Gesicht, und
Fräulein Perl begriff überhaupt nichts. »Hast du denn nach Romitten
geschrieben, Herzchen?« fragte sie ahnungslos.
Gertrud schwieg.
Lina trat mit dem Brief in der Hand ein. Der Oberförster nahm ihn ihr ab
und winkte ihr hinaus.
Er sah den schmalen gelblichen Umschlag lange an, dann zerriß er den
Brief, ohne ihn zu öffnen, und warf ihn in den Papierkorb.
»Pfui!« sagte er, sich vor Gertrud aufpflanzend. »So etwas tut meine
Tochter! Was wolltest du von ihm? Heraus damit! Was soll er? Was willst
du von ihm ... Schämst du dich nicht?«
Ja, Gertrud schämte sich, als hätte sie ein unsühnbares Verbrechen
begangen. Sie wußte vor Entsetzen gar nicht mehr, wo sie war. Sie fühlte
sich ganz zerbrochen und dachte nur. »Fort, fort! Oder lieber noch
sterben!«
Sagen konnte sie nichts.
Der Oberförster wurde dunkelrot.
»Wirst du reden?« schrie er.
Da trat Maggie zur Schwester.
»Quäle sie doch nicht unnütz, Papa,« sagte sie. »Schließlich kann sie
doch tun und lassen, was sie will.«
»Nicht in meinem Hause,« rief der Oberförster erregt, »nicht in meinem
Hause. Soll ich mich auf meine alten Tage durch euch verflixte
Frauenzimmer um meine Reputation bringen lassen? ... Die eine läuft
hinter dem Menschen her, daß es ein Skandal ist, die andere schreibt ihm
Liebesbriefchen. Und ich, der Vater, sehe gefällig zu und halt's Maul zu
dem ganzen Treiben, nicht wahr?«
»Es ist kein Liebesbrief, Papa,« sagte Gertrud heiser. »Du erlaubst
wohl, daß ich mich entferne. Ich werde ... überhaupt bald fortgehn ...«
Sie taumelte hinaus.
Der Oberförster lief erregt im Zimmer umher. »Wenn bloß der Kurowski
wieder da wäre.«
Maggie war tief erregt. So ganz leicht schien es doch nicht, zu einem
Ziel zu gelangen, dem sich Hindernisse solcher Art entgegenstellten.
Sie lief in ihr Zimmer hinauf und weinte. Über Gertrud, über sich, über
das ganze Leben.
Zum ersten Male seit der Vokeller Gesellschaft vermißte sie Gertrud. Sie
hätte zu ihr hineinstürzen mögen und sich ausschreien. Vielleicht auch
lachen über die ganze verfahrene Geschichte und einfach sagen: »Trude,
sei gut ... du sollst ihn wieder haben.«
Und doch, nein -- das würde sie nicht. Was fiel ihr denn überhaupt ein?
Wollte sie nun auch anfangen sentimental zu werden?
Gute und böse Gedanken überstürzten sich in ihr und versetzten sie in
einen Zustand fiebernder Unruhe. Einmal war es, als ob die ganze
Berechnung, auf die sie ihr künftiges Leben gründen wollte, eine falsche
sei, als ob sie verlieren würde, auch wenn sie's erreichte, Frau von
Seckersdorf zu werden. Und eine fremdartige Angst packte sie. Aber dann
verspottete sie sich selbst und verhärtete sich in ihren Grübeleien über
Energie und die Berechtigung, ohne moralische oder sonstige Bedenken ihr
Schicksal selbst zu schmieden. Zuletzt, wenn sie sich die ganze
Situation überlegte, war diese Ungeschicklichkeit Gertruds ein rechter
Segen für sie. Gertrud hatte einmal geschrieben, sie würde es vielleicht
auch wieder tun, sie war also nicht ein wehrloses Opfer. Sie führte ihre
Sache und kämpfte, wie sie, Maggie, selbst. Und der Schwester Position
war die günstigere. Es hieß also sich zusammennehmen, anstatt zu
träumen. Und nun, einmal in der Wirklichkeit, dachte sie an ihren
natürlichen Bundesgenossen, ihren Schwager.
Ohne den Inhalt seiner letzten Briefe an Gertrud zu kennen, war sie doch
überzeugt, daß er sich schon aus äußerlichen Gründen zu einer Scheidung
nicht entschließen würde. Sie selbst erwog diese auch noch einmal und
redete sich die Ansicht ein, daß es zweckmäßiger und vernünftiger wäre,
wenn die Ehe nicht getrennt würde. Sie hatte sich nur durch Gertruds
klägliche Flucht und Heimkehr zu einer falschen Auffassung verleiten
lassen ... Man hätte Gertrud ernsthaft zureden sollen, energischer gegen
ihren Tyrannen aufzutreten, nötigenfalls ihr dabei helfen müssen,
anstatt --
Mitten in diesem Gedankengang sprang sie ärgerlich aus dem Winkel auf,
in dem sie sich zusammengekauert hatte.
Wozu in aller Welt spielte sie sich selbst diese Komödie vor? Etwas tun
mußte sie. Schreiben wollte sie an Kurowski. Er sollte nach Hause
kommen. Gertrud wäre im Begriff ihnen fortzulaufen, und dann wäre der
Skandal fertig.
Heiß von allem Denken setzte sie sich an den Schreibtisch, als man sie
abrief. Nachbarbesuch war gekommen, die Auklapper Normanns, ein lustiges
altes Ehepaar, dem man besonders nahestand. Maggie atmete erleichtert
auf. Der Brief, der unangenehm und schwer abzufassen war, mußte also
noch aufgeschoben werden.
Sie wusch sich rasch und lief hinunter, die Gäste zu begrüßen.
Wie Menschen aus einer andern Welt erschienen sie ihr heute. Und doch
saßen sie behaglich und herzlich wie sonst in den gewohnten Ecken,
tranken Grog wie sonst um diese Zeit, schwatzten gemütlich und neckten
Maggie wie sonst.
Der alte Herr, dick geworden, mit ein paar sorgfältig hinaufgekämmten,
schwarzen Haarsträhnen, ein freundlich ironisches Lächeln um den breiten
Mund, war ehemals der Schwerenöter des Kreises gewesen. Seine Frau, lieb
und sanft, hatte viel leiden und sich viel grämen müssen. Heute nannten
sie sich »Papa« und »Mama«, sahen beide friedlich und fertig aus, und
hatten gegenseitige kleine Aufmerksamkeiten für einander, um sich das
Leben leicht zu machen.
Das war wohl der übliche Ausklang aller traurigen und frohen
Ehemelodieen.
Maggies Gedanken flogen um zwanzig Jahre vorauf zu Gertrud und Kurowski
und dann zu sich selbst und Seckersdorf. Ihr wurde ganz schlecht dabei,
und sie fühlte wieder die alte, rasende Sehnsucht in sich aufsteigen,
auszuschöpfen, zu genießen, solange sie noch jung und ihre Nerven noch
dafür empfänglich waren.
Die Freunde fanden den Oberförster verstimmt und Maggie still. Man fing
an, sie zu necken, der Name Seckersdorfs fiel, und da die Auklapper alte
Freunde waren, machten sie auch eine Anspielung auf Gertrud und die
Erbschaft, die Maggie da anzutreten scheine.
»Herrgott!« rief der Oberförster dazwischen. »Wo bleibt denn eigentlich
die Gertrud? Vor euch braucht sie sich doch nicht zu verkriechen? Sieh
mal nach, Maggie.«
Maggie ging zögernd hinaus. Lina behauptete, die gnädige Frau zu
derselben Zeit wie das Fräulein benachrichtigt zu haben.
Maggie ging also hinauf.
Als Gertrud auf ihr Klopfen nicht antwortete, machte sie die Tür leise
auf.
Die rotverschleierte Lampe brannte auf dem Tisch, auf dem Gertruds
Schreibsachen lagen. Sie selbst saß am Fenster.
Maggie trat zu ihr. Sie war zum Ausgehen angekleidet, hatte sich aber in
eine weiße Decke gewickelt und sah zum Fenster hinaus.
Der Mond schien gelb durch die graugrünen Wolken, die in Streifen und
Fetzen über den Himmel zogen. Gertrud sah in dem unheimlichen Licht fahl
und starr aus. Sie wandte sich gar nicht um.
Maggies Herz zog sich zusammen.
»Was willst du tun? Wo willst du hin?« fragte sie zitternd.
»Fort,« sagte Gertrud, ohne sie anzusehen.
»Wohin?«
Gertrud zuckte die Achseln. »Du, ich wollte weg,« sagte sie, »aber mich
friert so.«
»Es ist, als ob sie den Verstand verloren hätte,« dachte Maggie
entsetzt.
»Komm doch vom Fenster fort,« sagte sie beherrscht. »Es zieht so.«