Maggie befreite sie von der Decke, zog ihr den Mantel aus und nahm ihr
den Hut ab. Sie ließ es sich gefallen.
Maggie hätte sie gern in die Arme genommen, aber sie wagte es nicht und
fürchtete sich auch. Sie ging nach der Glocke.
»Was willst du?« fragte Gertrud lebhafter, in Angst.
»Aber, Kind, heut' ist es schon zu spät, heut' kannst du nicht mehr
fort. Du hast auch Fieber, ja, du hast Fieber, und ich will nach der
Jungfer ...«
Gertrud hielt sie fest.
»Ich habe einen Wagen gehört,« sagte sie bang. »Ist mein Mann etwa da?«
»Nein, nein, -- wie sollte er?« sagte Maggie bebend. »Wie kommst du
darauf?«
»Mir fiel ein, er könnte mit seinem Brief zugleich abgefahren sein --«,
sie schob ihr den Brief zu, der auf dem Tisch lag.
Maggie nahm ihn an sich.
»Die Auklapper waren es,« sagte sie. »Sie wollen dich gern sehen. Aber
du wirst nicht können, nicht? Du mußt zu Bett, ja?«
Gertrud antwortete nicht und starrte schweigend in die Lampe. Maggie
klingelte.
»Die gnädige Frau ist nicht wohl, helfen Sie ihr,« bedeutete sie die
eintretende Jungfer.
»Das geht wieder vorbei,« flüsterte die ihr zu. »Das war ebenso, als die
gnädige Frau mit den Junkern fortging.«
Maggie war beruhigt. Gott sei Dank, das also wenigstens war nicht ihre
Schuld. Aber ihre ganze Selbstherrlichkeit schrumpfte doch zusammen bei
dem Anblick des gebrochenen Weibes, dem die letzte Hoffnung genommen
war.
Ehe sie die Gäste von dem Unwohlsein Gertruds unterrichtete, überflog
sie den Brief Kurowskis.
Auf den hin also hatte die arme Gertrud sich entschlossen, an
Seckersdorf zu schreiben. Lieber Gott, es war doch ein Elend!
Aber schließlich ... fielen die Karten nicht von selbst? Sie brauchte
gar nicht mehr hinterlistig zu handeln, es machte sich alles von allein.
Sie hat es ja gewußt, daß Kurowski sich auf nichts einlassen würde.
Gertrud hatte eben verspielt.
Sie sprach nach dem Aufbruch der Auklapper nur flüchtig mit dem Vater.
»Man wird doch an Kurt drahten müssen,« meinte der. »Weiß Gott, ob sie
uns nicht ernstlich krank wird, und dann wird er uns hinterher Vorwürfe
machen. Besorge du das.«
Maggie nahm die Feder in die Hand, aber dann schüttelte sie den Kopf.
»Nein, setze du das Telegramm auf,« sagte sie zögernd. »Ich schreibe
unterdessen nach Friedland an den Doktor.«
Der Oberförster überlegte, die Brauen schief ziehend, eine Weile, dann
faßte er das Telegramm ab, in dem er seinen Schwiegersohn wegen
plötzlicher Erkrankung Gertruds heimrief.
Gertrud wurde aber gar nicht krank. Sie stand am nächsten Morgen auf und
setzte sich ans Fenster, wie gestern. In ihr war eine große, stumpfe
Ruhe. Lähmend hatte es sich auf ihr Denken gelegt. Das bißchen
Lebensenergie, das vor kurzem in ihr erwacht war, überspann sich mit
einer ihr bisher unbekannten Gefühllosigkeit, und um sie herum wogte es
in gleichmäßigem, brandungsartigen Rauschen, als wollte es sie
einwiegen.
»Ich habe zuviel aushalten müssen,« dachte sie ab und zu, »und dies ist
wohl der Rückschlag.«
Nur den Weg, von dem gestern das Romitter Fuhrwerk gekommen war, behielt
sie unbewußt immer im Auge. Wenn ein Wagen aus dieser Richtung
vorbeifuhr, richtete sie sich auf und sah ihm nach, um sich dann wieder
seufzend in ihren Lehnstuhl zurückzukauern und weiterzudämmern.
So verging der Vormittag. Der Arzt kam. Sie antwortete auf alle seine
Fragen ganz vernünftig, erklärte sehr müde zu sein und niemand sehen zu
wollen.
Doktor Hahn, der sie von klein auf kannte und liebhatte, sprach von
starker Blutarmut und schwerer Nervenüberreizung und erkundigte sich
nach etwaigen Gemütsbewegungen.
Der Oberförster, der innerlich seiner Gewohnheit nach jede
Verantwortlichkeit von sich abwies, schimpfte auf Kurowski und
verschonte auch Maggie mit Vorwürfen nicht. Der Arzt schüttelte den
Kopf, gab Schlafmittel, empfahl äußerste Ruhe und versprach
wiederzukommen.
Maggie ging blaß und finster herum. Sie dachte, wenn man Seckersdorf
benachrichtigte und zu Gertrud führte, würde diese sicherlich gesund
sein. Statt seiner kam jetzt Kurt. Was würde nun geschehen?
Gertrud würde einfach zugrunde gehen. Durch ihre, der Schwester Schuld.
War sie stark genug, das zu tragen? Ihre Gedanken irrten zu den
Herrschern, die über Leben und Tod von Verurteilten zu entscheiden
haben, und sie schauerte zusammen. Sie hatte Momente, in denen sie sich
ebenso gebrochen fühlte, wie Gertrud da oben. Sie litt unter dem Zuviel
an Energie, wie jene an dem Mangel, und keine von ihnen fand irgendwo
einen Halt; auch die fromme Gertrud nicht, die nach Kindergewohnheit
doch noch morgens und abends betete.
In einem Augenblick besonders starker Gewissensangst, in dem sie ihre
ganze Heiratsidee verwünschte, setzte sie sich an den Schreibtisch und
schrieb ein paar Zeilen nach Romitten, in denen sie den »Freund« bat,
Gertruds wegen herüberzukommen. Dann nahm sie das Kursbuch in die Hand
und rechnete aus, wann Kurt eintreffen könne. Darüber versäumte sie, den
Brief abzuschicken. Aber dennoch war ihr, als könnte sie nun Gertrud
leichter in die Augen sehen, und sie ging hinein.
Gertrud saß wie vorhin da, mit großen, stillen Augen auf den Fahrweg
blickend.
Sie war überirdisch schön, ganz ohne verhärmten oder verängstigten
Ausdruck in dem reinen Gesicht.
»Wie eine Tote,« dachte Maggie und trat zitternd näher.
»Trude!«
»Was willst du?«
Maggie kauerte sich auf die weißen Felle an Gertruds Stuhl.
»Trude, ich hab' an Seckersdorf geschrieben. Soll er kommen?«
Gertrud hob den Kopf, der dadurch in einen Sonnenstreifen geriet und
selbst zu leuchten schien.
»Warum?« fragte sie. »Um ihm Gelegenheit zu einer neuen Zusammenkunft
mit dir zu geben? Geh, Maggie. Ich will euch alle nicht sehen.«
Maggie sprang trotzig auf und ging weg. Also Seckersdorf brauchte nicht
herzukommen. Ihr konnte es recht sein. Sie hatte in einer Anwandlung von
Sentimentalität mehr tun wollen, als klug war. Denn abgesehen von sich
selbst, wie hätte man wohl Kurowski gegenübertreten sollen?
Und mit Kurowski war nicht umzuspringen wie mit dem Vater oder gar dem
gutmütigen Seckersdorf.
Aus Kurts Brief an Gertrud, den sie noch bei sich trug, sprach
wahrhaftig der »Herr und Meister«, den er ihr zeigen wollte. Eigentlich
war ein solcher Mann doch viel interessanter als einer, der in der
großen schönen Welt umherzieht und in allem Genießen durch die
Erinnerung an ein »weißblondes Köpfchen« gestört wird!
Bitterkeit, Unzufriedenheit und Bangen um Gertrud erfüllten sie ganz.
Dazu war auch das ganze Hauswesen verstört. Die Kinder spielten in dem
entfernten Eckzimmer, der Vater hatte sich in Tabaksrauchwolken
versteckt, und mit Fräulein Perl war gar nicht zu reden. Die weinte um
Gertrud, ihren Liebling, den sie nicht eine Viertelstunde ungestört
ließ; und wenn sie wieder hinausgeschickt worden war, verkündete sie im
ganzen Hause, es würde sicherlich bei Gertrud ein Typhus ausbrechen.
Welch ein Unterschied gegen gestern! Und was war denn eigentlich viel
geschehen seitdem?
Nachmittags kam eine Depesche von Kurowski, die seine Ankunft für den
übernächsten Mittag anmeldete und sich Nachricht über Gertruds Befinden
auf den Berliner Bahnhof Friedrichstraße ausbat.
»Wenn Gertrud das hört, rafft sie sich auf und läuft fort, elend wie sie
ist,« meinte Maggie. »Das Beste wäre schon, wir überlassen alles
Kurowski.«
Der Oberförster war sehr einverstanden damit. Und so blieb denn, da man
selbst Fräulein Perl nicht traute, die Nachricht zwischen Vater und
Tochter. Aber ihnen beiden war böse zumute, und merkwürdigerweise
glaubte jeder sich von dem andern angeklagt und verurteilt. Wenn Maggie
den Vater voll und finster ansah, las der von ihrem Gesicht eine lange
Rede herunter: »Du alter Herr, Vater einer solchen Tochter, der Tochter
der Frau, die dir einmal lieber war als die ganze Welt, die eine Fülle
von Lebensglück und Glut über dich rauhen Mann ausströmte, -- statt ihr
Kind nun in der großen Not ans Herz zu nehmen und es zu schützen,
treibst du es zu dem Wüstling zurück, der seine Umarmungen zwischen ihr
und dem Abschaume ihres Geschlechtes teilt ... vor dem sie in Todesangst
zittert ...«
Und auch Maggie wand sich förmlich unter den Anklagen, die sie selbst
aus den Blicken des Vaters las und von seinem Standpunkt aus sich selbst
machte, bis sie schließlich einmal von dem gewohnten Platz ihm gegenüber
aufstand und sagte: »Weißt du, Papa, wir beide sollten uns nun schon
lieber nicht so kriegsbereit ansehen. Wir wollen ja gewiß das Beste,
aber die Verhältnisse sind eben stärker als wir.«
Dieser Gemeinplatz leuchtete dem Alten ein, und er war gerade im
Begriff, beruhigt eine kleine Wanderung zu unternehmen, als sich die Tür
öffnete und Gertrud eintrat. Ein Gespenst hätte die beiden nicht so
erschrecken können, als die schöne, ernste Frau, die in ihrem langen
weißen Schlafrock plötzlich vor ihnen stand.
»Um Gottes willen, Gertrud!« stotterte der Vater. »Wird dir das nicht
schaden? Weshalb rufst du uns nicht?«
»Mir ist ganz wohl, Papa,« sagte Gertrud, aber ihre leise Stimme klang
rauh. »Ich sah den Depeschenboten vorhin über den Weg kommen. Hat Kurt
telegraphiert?«
»Bewahre,« log der Oberförster. »Ich soll morgen nach Brasnicken zum
Essen. Ganz plötzliche Sache. Aber willst du dich nicht setzen? Maggie,
sorge für das Kind.«
Maggie kam näher. Sie bewunderte den Vater und war gespannt, wie er sich
herausreden würde, wenn Gertrud die Depesche sehen wollte.
Aber daran dachte die gar nicht. Mit ihren klaren Augen sah sie den
Vater dankbar an und nickte beruhigt.
»Ich geh' nun wieder hinauf. Schickt mir die Kinder, ja?« sagte sie.
In diesem Augenblick fühlte Maggie ein Überfluten alles Guten in sich.
Sie sprang auf Gertrud zu und streckte ihr die Hand entgegen. Es wollte
aus ihr hervorsprudeln: »Glaub' uns doch nicht, wir betrügen dich ja.
Aber ich will nun nicht mehr -- komm -- komm ...«
Ein guter Blick von Gertrud, und sie hätte das alles gesagt und die
Schwester in ihren Schutz genommen. Aber Gertrud sah an ihr vorbei und
nahm die gebotene Hand nicht.
Da packte sie ebenso schnell Zorn und Verachtung gegen so viel Hochmut
und Einfalt, die sie doch eben noch Reinheit und Stolz genannt hatte,
und sie sah Gertrud so böse an, daß diese zusammenschauerte.
»Ich geh' schon,« murmelte sie und eilte nach der Tür.
Der Vater wollte sie zurückhalten, aber sie achtete nicht darauf.
Sie hatte sich aus dem schweren Nervenanfall, der sie in die trostlose
Willenlosigkeit versetzt hatte, ein wenig aufgerafft, so weit, daß sie
sich sagte: »Ich muß fort von hier, ehe Kurt kommt. Und da ich nun nach
dem, was ich von Hans und Maggie erfahren, weiß, daß keiner mir helfen
wird, muß ich allein sorgen.«
Geld hatte sie vorläufig ja genug, an das »Später« brauchte sie noch
nicht zu denken. Nur fort von hier, wo man sie verachtete, verriet und
aus dem Wege wünschte.
Sie rief die Jungfer und ordnete das Packen an.
»Aber gnädige Frau können doch so elend nicht nach Hause,« warf die
bescheiden ein. »Und die Mamsell muß doch da auch erst alles besorgen.«
»Laß, laß,« sagte Gertrud gepeinigt und hielt sich die Hände vor die
Ohren. »Pack nur für alle Fälle!«
»Aber gnädige Frau sehen so furchtbar müde aus ... Und die Unruhe hier
mit dem Packen,« meinte die Jungfer und sah mit ihren guten Hundeaugen
besorgt ihre geliebte Herrin an.
»Ja, das ist wahr,« antwortete Gertrud, wie immer nachgebend. »Unruhe
möcht' ich im Zimmer jetzt nicht haben. Packe dann wenigstens, was
draußen ist. Ich bin wirklich sehr müde. Hilf mir!«
Und er kommt ja noch nicht, dachte sie ruhiger. Sonst ginge Papa morgen
nicht fort. Und anmelden tut er sich bestimmt, wegen des Fuhrwerks ...
Oder sollte er von Laukischken aus ...?
Sie kam nicht weiter in ihren Gedanken. Die Schlafpulver, die sie
bekommen hatte, fingen an zu wirken, und so schlummerte sie ein und
vergaß für viele Stunden ihre ganze bittere Not.
* * * * *
Das Wetter hatte sich plötzlich geändert. Die Wolken waren verflogen,
der Himmel weit und blaß, die Sonne matt und kühl. Ein scharfer Wind
schien ihre gelben Strahlen auseinanderzujagen, ehe sie unten ankamen.
Der Weg war trocken, in den Wagengleisen hatte sich Eis angesetzt, und
an der Windseite der Fichtenstämme am Waldrand glitzerte es und rann
widerwillig sich lösend in schimmernden Tropfen herab.
In solchem Wetter, dem unerwünschtesten für Landtouren, kam Herr von
Kurowski nach zweistündiger Fahrt auf den eisglatten Wegen in der
Oberförsterei an.
Er war ein großer, zur Korpulenz neigender Mann. Jede seiner raschen
Bewegungen ein Ausdruck höchster Lebensenergie und Selbstzufriedenheit,
jedes Zurückwerfen des Kopfes ein Zeichen unermessensten Hochmutes, das
Antlitz mit breiten Backenknochen, einem sehr gepflegten dunklen
Vollbart, starker Nase und kleinen, sehr scharfen Augen, ein
Rassegesicht. Intelligent und raubtierartig.
Ungeduldig sprang er von dem ungefederten Wagen, auf dem er hergefahren
war, die Treppe hinauf dem Oberförster entgegen, mit dem er jahrelang
kein Wort gewechselt hatte.
»Nun, wie steht's?« fragte er in seinem harten, kurländischen Dialekt.
»Besser, besser, -- aber sie erwartet Sie nicht. Sie war zu elend, wir
durften ihr nichts von Ihrer Ankunft sagen.«
Kurowski schob ihn mit einer Handbewegung fast zur Seite.
»Die Jungen? Ah ...!«
Maggie trat ihm entgegen.
Er begrüßte sie, küßte feurig ihre Hand, und, als sie groß und wie in
Gedanken zu ihm aufsah, auch ihren Mund.
Maggie erschrak vor ihm. Er sah ihr in die unsicher blickenden Augen und
lief dann den Jungen entgegen, die mit lautem Jubelgeheul auf ihn
zustürmten.
Er herzte sie, sagte ihnen ein paar derbzärtliche Worte und schob sie
zur Seite.
»Wo ist sie denn?« fragte er. »Wollen Sie mich zu ihr führen, Maggie?«
Maggie schoß das Blut siedendheiß durch den Körper. »Seien Sie sehr gut
mit ihr,« bat sie stockend -- »sie ...«
Ihr Schwager sah sie aus zusammengekniffenen Augen, halb verwundert,
halb ironisch an. Maggies Trotz bäumte sich auf unter diesem Blick.
»Gehen Sie nur allein zu ihr,« sagte sie kurz, »und übernehmen Sie die
Verantwortung.«
Kurowski blieb im Hausflur stehen.
»Was machen Sie denn für Umstände, Schwägerin? Selbstverständlich will
ich mit meiner Frau allein reden. Zeigen Sie mir nur den Weg. Sie können
ja nachkommen.«
Er lief die Treppe hinauf, sie folgte langsam.
Gertrud selbst, durch die harten Tritte erschreckt, öffnete die Tür.
Entsetzt, mit ausgestreckten Händen blieb sie stehen und fand keine
Worte.
»Na, sieh' mal,« -- Kurowski faßte sie an den Schultern und zog sie ins
Zimmer -- »laß dich mal anschauen ... Schön wie der Tag steht sie mir
da, und der Alte depeschiert, als ob's Matthäi am Letzten wäre.«
Gertrud machte sich los und zuckte in einem Nervenschauer.
»_Sie_ haben dich gerufen?« fragte sie ungläubig.
»Aber natürlich. Ich wäre sonst erst Ende der Woche gekommen. Und nun
sag' mal, Kind, was ...?«
»Nichts, nichts ... nichts,« sagte Gertrud hastig, und ihr weißes
Gesicht fing an zu glühen. »Ich bin gesund, ich werde mitkommen, wenn du
willst, Kurt. Gleich -- gleich ... Ich will bei dir auch nicht bleiben,
aber zunächst komme ich mit. Laß mich nicht eine Stunde länger hier.«
Kurowski sah nach Maggie, die mit gesenktem Kopf in der Tür stand.
»So, so,« sagte Kurowski. »Ihr habt euch gezankt ... Und recht kräftig,
scheint mir. Also bitte, Maggie, was ist los? Schnell!«
Er trat auf Maggie zu. Gertrud zog ihn zurück.
»Kurt, eine ehrliche Antwort bekommst du von ihr nicht. Und vom Vater
auch nicht. Ich bitte dich noch einmal, frage nicht und nimm mich gleich
mit. Gleich. Die hier sind froh, wenn wir weg sind.«
Kurowski faßte seine Frau unter das Kinn, bog ihren Kopf zurück und sah
ihr nachdenklich in das erregte Gesicht.
»Bleib oben, Kind,« sagte er dann freundlich. »Ich werde alles
besorgen.«
Mit leisem Pfeifen ging er die Treppe langsam hinunter. Maggie folgte
ihm. Sie wollte doch den Vater nicht allein mit diesem Manne lassen, der
seine brutale, unberechenbare Rücksichtslosigkeit nur für den Augenblick
unter ironischer Freundlichkeit versteckte.
Natürlich würde er Gertruds kopflose Übereilung ausnutzen. Es war ja
auch gut so. Doch nun, da sie den Schwager wiedergesehen hatte, fühlte
sie mit Bangigkeit, was sie Gertrud angetan hatte, und daß es jetzt für
immer zu spät wäre, es gutzumachen.
Ihre Bahn war frei. Aber sie hatte Gertrud zugrunde gerichtet.
Verzagt trat sie hinter Kurowski in die Stube des Vaters, auf einen
großen, geräuschvollen Auftritt gefaßt.
Aber Kurowski sah sie nur beide belustigt an und begann ein ganz
gleichgültiges Gespräch über die Schönheiten der Riviera.
Der Oberförster ließ es eine Weile über sich ergehen, dann brauste er
auf.
»Herr, wollen Sie mich zum Narren halten? Was ist also mit meiner
Tochter?«
»Ach so,« sagte Kurowski und streckte ihm beide Hände entgegen. »Nun,
Sie haben mir ja einen hübschen Dienst erwiesen. Sie haben sie so
schlecht behandelt, daß sie sich schleunigst in meine Arme stürzt,
nachdem sie mir brieflich kurz und bündig erklärt hatte, daß sie sich
scheiden lassen will ... Schönen Dank also, alter Herr ... Übrigens
werde ich natürlich dahinterkommen, wer es gewagt hat, meine Frau zu dem
Entschluß der Scheidung aufzuhetzen ...«
Maggie sprang auf. »Ich ... ich,« rief sie voller Empörung. »Ich hab'
sie beredet ... ich habe Seckersdorf ...« Sie hielt erschrocken inne und
konnte seinen funkelnden Blick nicht mehr aushalten ...
Kurowski sah sie in drohendem Erstaunen an.
»Und trotzdem ruft ihr mich eiligst her?« fragte er.
»Ja, ich dulde so etwas nicht,« schrie der Oberförster. »Eine
verheiratete Frau! Aber ebensowenig laß ich mir einen Zwang auferlegen.
Maggie und ich verkehren, mit wem wir wollen ... Und es schließlich mit
dem Seckersdorf verderben ...«
»Papa,« unterbrach Maggie ihn, hochrot vor Scham und Zorn.
Er schwieg. Kurowski sah von ihm zu Maggie. Er fing an den Zusammenhang
zu ahnen und lächelte höhnisch.
»Nun, ich werde meine dumme kleine Frau einmal scharf ins Gebet nehmen.«
»Sie werden sie nicht quälen,« rief Maggie heiser.
Kurowski lachte. »Sie soll Brautmutter spielen, wenn Sie Hochzeit mit
Seckersdorf machen ... Übrigens, Glück haben Sie mit Ihren Mädels,
Papa.«
Er konnte das alles ja nur aufs Geratewohl sagen, doch Maggies
totenblasses Gesicht und ihre zornfunkelnden Augen enthüllten ihm die
ganze Wahrheit.
»Also noch einmal,« sagte er weiter zu den schweigend Dastehenden. »Mag
nun vorgefallen sein, was da will, euch beiden bin ich dankbar. Ich
hatte mich doch etwas vergaloppiert, der Gertrud gegenüber, und so
gleicht sich das nun aus, und ich hab' meinen kleinen Spaß obendrein.«
»Ich werde in jedem Fall Gertrud schützen,« sagte der Oberförster mit
starker Betonung. Und dachte in diesem Augenblick auch, daß er das tun
würde.
»Sicher, sicher,« höhnte sein Schwiegersohn. »Aber für heute bitte ich
um die Familienkutsche nach dem Bahnhof. Und schönen Dank für die
Gastfreundschaft ... Gertrud wird doch fahren können?«
»Ich glaube,« sagte Maggie tonlos. Der Oberförster ging selbst hinaus,
um die nötigen Anordnungen zu treffen. Er fürchtete Gertrud ins Gesicht
zu sehen und dachte doch mit einem Gefühl banger Erleichterung, daß nun
ja alles gut wäre.
Eine Stunde später saß Gertrud wohlverpackt mit ihrem Manne und den
Kindern in dem alten Verdeckwagen. Der willenskräftige Mann, die schöne
Frau, die er sorgsam stützte, die lebhaften, zärtlichen Knaben, das
alles gab das Bild eines vollendet glücklichen Familienlebens. Und doch
war Gertrud die Beute einer hoffnungslosen Verzweiflung. Mit weinenden
Augen sah sie an der Biegung des Weges noch einmal auf das alte Haus
zurück, in dem sie gehofft hatte eine Zuflucht zu finden. Jetzt erst war
sie ganz einsam und schutzlos geworden. Enttäuscht in den noch einmal
erwachten Glückshoffnungen, verraten vom Vater und Schwester, sollte sie
das doppelt zerbrochene Leben weiterführen, vereint mit dem Mann, vor
dem sie hatte fliehen müssen ...
Dabei fiel ihr in all dem trostlosen Jammer, in dem auch ihre Kinder ihr
vollkommen gleichgültig waren, ein Merkwürdiges auf: Sie hatte mit
einmal keine Angst mehr vor ihrem Mann.
Seit diesem Abschiedstage, an dem Maggie übrigens voller Reue und
Sehnsucht hinter der verlorenen Schwester herweinte und dem kühler
denkenden Vater heftige Vorwürfe machte, daß er jene so ruhig dem
»Scheusal Kurowski« überlassen habe, ging in der Oberförsterei alles
seinen früheren Gang. Aber das alte Behagen schien aus dem Hause
gewichen. Leben und Poesie waren mit Gertrud und den Kindern
fortgezogen, und eine unerträgliche Nüchternheit breitete sich überall
aus. Und doch konnte das nur Einbildung sein. Man hatte jahrelang so
wie jetzt gelebt und nichts vermißt. Die Entfernung von Gertrud war die
gleiche, und dennoch, wie anders schien alles!
Der Oberförster hatte in diesen Tagen viel mit Versteigerungen und
Terminen zu tun und kam immer müde und verärgert heim. Nachbarbesuche
blieben aus, der schlechten Wege halber. Und so waren die beiden Frauen
nachdenklich und schweigsam viel für sich. Das konnte nicht so bleiben,
sagte sich Maggie eines schönen Morgens. Es war nun genug gegrübelt und
getrauert, und hohe Zeit, auf ihren alten Plan, um den sie sich mit so
vielem belastet hatte, ernsthaft zurückzukommen. Und von da an ging
alles wie am Schnürchen.
Sie teilte Seckersdorf mit, daß Gertrud wieder in Laukischken wäre und
bat ihn, schleunigst herüberzukommen. Der Vater war natürlich an dem
bestimmten Tage nicht zu Hause, und Fräulein Perl hatte mit der
Festschlächterei zu tun. So konnte Maggie unbeachtet dem »armen Freunde«
ihr volles Herz ausschütten und ihn zu trösten versuchen.
Das war eine merkwürdige Szene. Hans Seckersdorf trug es mit männlicher
Fassung. Er hatte mit stiller Trauer den ihm plötzlich wieder so nah
gerückten Jugendtraum verflattern gesehen. Ihm war immer weh zumute,
wenn ihm der Name Gertruds durch den Kopf schwirrte, und er lebte mit
dem Bewußtsein, daß er sich auf höchstes Lebensglück keine Hoffnung mehr
zu machen habe. Das war nun einmal so und nicht zu ändern. Wenn Gertrud
gewollt hätte, wäre es wohl möglich gewesen, alle Schwierigkeiten zu
besiegen, und er hätte sie auf seinen Händen dafür durchs Leben
getragen. Aber er konnte ihr keinen Vorwurf daraus machen, daß sie die
einmal übernommene Pflicht heilig hielt, und er mußte sie noch mehr
verehren darum.
Das alles und mehr sagte er Maggie in schlichten Worten, aus denen die
tiefste Empfindung und reinste Ehrlichkeit leuchtete. Und sie, -- sie
sah mit den rotgeweinten Augen scheu nach dem Papierkorb, aus dem sie
Gertruds zerrissenen Brief an ihn hervorgeholt und zusammengesetzt
hatte. Der kleine Zettel war ihr dumm und kindisch vorgekommen. Jetzt
bei Seckersdorfs Worten klang ihr die rührend unbeholfene Bitte, die er
enthalten: »Helfen Sie mir doch,« schrill durch die Seele. Heiße Tränen
flossen ihr über das Gesicht. Seckersdorf sah sie aus seinem trüben
Sinnen heraus voller Verwirrung an.
»Fräulein Maggie ... Sie weinen?« Er stockte.
Sie schluchzte weiter. »Ach, sehen Sie, daß Gertrud sich solch ein
Glück durch ihre Furchtsamkeit verscherzt hat, daß auch Sie darunter
leiden müssen ... Und dann die ganze Trennung von ihr ... Es war
unbegreiflich, furchtbar ... Sie warf sich dem entsetzlichen Menschen
geradezu in die Arme ...«
Und sie erzählte alles, wie jemand, der die inneren Vorgänge nicht
kannte, die äußeren auffassen mußte. Danach war freilich die arme
Gertrud ein schwächliches Kind, ohne echtes Empfinden, Wachs in der Hand
dessen, der sie am besten zu kneten verstand. Sie nahm ihr nicht viel
von ihrer Art, aber gerade das Wesentlichste überging sie, die
unendliche Herzensgüte, die strahlende Reinheit ihres Wesens und die
scheue Vornehmheit, die sich vor jedem Antasten ihrer innersten Gedanken
zurückzog, und betonte ausschließlich die große Ängstlichkeit, das
Unselbständige, Schwankende, das ihr eigen war und gewiß -- wie Maggie
hervorhob -- einen großen Reiz an Gertrud bildete, nur daß das alles
nicht standhielt, sobald das praktische Leben in Frage kam.
Sie, Maggie, hätte ja, robust und tatkräftig wie sie war, gern geholfen,
wenigstens anfangs, als Gertrud noch zugänglich war. Dann weinte Maggie
wieder und war gar nicht zu beruhigen, und Hans Seckersdorf konnte trotz
allen Forschens nicht herausbekommen, warum es zwischen ihnen allen zu
einem Bruch hatte kommen müssen.
Desto mehr erfuhr er über Maggies Ansichten und wie sie gehandelt hätte,
wenn sie Gertrud gewesen wäre. Da das, abgesehen von allem anderen, sehr
schmeichelhaft für ihn war, zeigte er lebhaften Anteil an allem, was sie
sagte. Er wehrte ihr Lob ab, er nahm Gertrud fast leidenschaftlich in
Schutz, aber zugleich mußte ihn doch der Gedanke beschäftigen, wie schön
es gewesen wäre, wenn die Frau, die er nun einmal lieb hatte, in
gleicher Weise für ihre Liebe eingetreten wäre.
In den nächsten Tagen trafen sie auf einem großen Diner in Auklappen
zusammen. Sie saßen weit voneinander und konnten sich auch zufällig im
Laufe des Abends nicht allein sprechen. Maggie merkte wohl, wie ihn das
beunruhigte, wie zerstreut er mit seiner Tischdame sprach, wie seine
Blicke sie suchten, und welch ein liebes, leises Lächeln über sein
ernstes Gesicht flog, wenn ihre Blicke sich trafen.
In solchen Augenblicken schlug Maggies Herz in einer stürmischen
Zärtlichkeit für ihn, und sie dachte: »Gott sei Dank, ich bin ihm
wirklich gut.« Aber trotzdem hatte sie doch Selbstbeherrschung genug,
ihm an diesem Abend vorsichtig aus dem Wege zu gehen.
Darauf kam er, wie sie richtig berechnet hatte, am nächsten Tage zu
Pferde, »einer Forstangelegenheit wegen«, blieb zum Kaffee und ritt erst
abends wieder fort.
Das nächstemal kam er ohne Vorwand, und von da ab öfter und öfter.
Da wurde in des Oberförsters und Fräulein Perls Gegenwart natürlich nur
wenig von Gertrud gesprochen. Da konnte sie wieder die alte, frohe
Maggie sein, nur ein klein wenig gedämpfter, und mit einem warmen,
kameradschaftlichen Ton für ihn, der dem schlichten, weichen Manne
unendlich wohltat. Und dann regte das temperamentvolle Leben, das
kraftsprühende Sichausgeben, die unbändige Lebenslust in ihr
Seckersdorf, der still und müde geworden war, ersichtlich an.
»Weiß Gott, wie es kommt, Fräulein Maggie,« sagte er einmal, »auch wenn
man sehr ernsthafte, traurige Dinge mit Ihnen bespricht ... Man versöhnt
sich ordentlich mit ihnen, findet es gut, daß man sie erlebt hat ...«
»Was für ernsthafte Dinge besprecht ihr denn, wenn man fragen darf?«
fragte der Oberförster darauf, mit einem Versuch, sie zu necken.
Da sahen sich die beiden groß an und schwiegen befangen.
Alles in allem war das Leben in dieser Zeit schön. Mit dem Gedanken an
Gertrud war Maggie bald fertig geworden. Einmal hatte diese einen
kühlen, bläßlich zufriedenen Brief geschrieben, nach dem es ihr gut zu
gehen schien, und dann wurde auch alles widrige Grübeln übertäubt durch
den großen Reiz, diese Tage der Spannung auszukosten. Immer das Ziel vor
Augen, halb Komödie spielend, halb ehrlich, immer in der Beklommenheit
junger heißblütiger Menschen bei häufigem Alleinsein, immer in der
Erwartung der Entscheidung und doch instinktiv sie hinauszögernd.
Es verging schließlich kein Tag mehr, an dem man sich nicht sah, und von
Gertrud wurde immer weniger gesprochen. Vergessen hatte er sie noch
nicht; Maggie kannte den wehmütig scheuen Blick längst, der in Gedanken
an sie sein Gesicht belebte, aber auch der kam seltener.
Einmal liefen sie in den Garten hinaus, eine Vogelspur festzustellen.
Seine schmalen Gänge waren unter dem Schnee scharf gefroren. Maggie
glitt aus, Seckersdorf stützte sie, und sie lag eine Sekunde fest an ihn
gelehnt.
Er preßte sie heftig an sich, dann ließ er sie schnell los, sah sie mit
maßlosem Erstaunen an und schüttelte den Kopf. Sie waren beide verlegen
und konnten auch später im Zimmer in kein rechtes Gespräch mehr kommen.
Solche kleine Zwischenfälle wiederholten sich, ohne daß es zu einer
Aussprache kam. Der Oberförster fing an, verstimmt zu werden, wenn
Seckersdorf erschien, auch Maggie wurde zuweilen die Zeit etwas lang.
Aber sie blieb vorsichtig, und zog sich eher zurück, als daß sie ihm in
seiner Unbeholfenheit einen Schritt entgegengekommen wäre.
Darüber kam das Weihnachtsfest näher. Seckersdorf sollte dazu nach
Sachsen zurück, und dann wollte er mit seinem Onkel beraten, ob er dort
oder hier in Ostpreußen seinen dauernden Wohnsitz nehmen würde.
Eines Nachmittags, der Oberförster war hinausgegangen, und man hörte
sein Schelten von dem Hof her, erzählte Seckersdorf Maggie davon,
während er im Zimmer umherging. Sie saß mit einer Bescherungsarbeit am
Fenster. Bei seinen Worten kam ihr zum erstenmal seit ihrer
Bekanntschaft eine furchtbare Angst, daß sie sich am Ende verrechnet
haben könnte. Wenn er so unbefangen von seinem Fortgehen sprach, wenn
ihn nichts fesselte ... Sie wurde totenblaß vor Erregung und Bangigkeit.
»Was ist Ihnen, Maggie?« fragte er herzlich, »Sie sehen nicht gut aus.«
Sie schüttelte mit einem traurigen Lächeln den Kopf. »Also Sie gehen
bestimmt?« fragte sie beklommen und legte ihre Arbeit fort.
Er trat zu ihr in die Fensternische. Sie sahen sich einen Augenblick an,
fragend, warm, schwer atmend.
Sie sprang hastig auf und streifte ihn dabei. Er zuckte zusammen.
»Maggie?« sagte er unsicher.
»Was?«
»Kann das sein?«
»Was?« fragte sie noch einmal leise.
»Ist das möglich, daß wir -- uns gut sind?«
»Ich glaube,« sagte sie mit hellem Aufjauchzen.
Da griff er nach ihr; sie warf sich an seine Brust, und sie küßten sich,
wie Verdürstende, die sich endlich, endlich satt trinken.
So wurde Maggie Hagedorn Hans Seckersdorfs Braut.
* * * * *
Für Gertrud hatten sich die Tage in Laukischken nach der letzten
furchtbaren Zeit zu Hause erträglich gestaltet.
Als sie an dem ersten Abend, durch die Vorsorge ihres Mannes, das ganze
raffiniert luxuriöse Wohnhaus erleuchtet und warm vorfand, überkam sie
zunächst ein Gefühl von rein körperlichem Wohlbehagen.
Sie wunderte sich, daß das nach solchen Erlebnissen und im Kampf mit
solchen Entschlüssen möglich sein konnte, aber es war so. Ihr Mann,
teils aus Berechnung, teils aus Launenhaftigkeit, ließ sie in Ruhe,
nachdem er einmal den Versuch gemacht hatte, sie über die Einzelheiten
ihres Zerwürfnisses mit den Ihren auszufragen.
»Ich möchte nicht darüber sprechen,« hatte sie kühl erwidert, und
schließlich gar, als er in seiner alten Art herrisch und spottend sie
doch dazu hatte zwingen wollen, gesagt, daß sie sich nicht mehr als
seine Frau betrachte, und aufrecht halte, was sie ihm geschrieben hatte.
Er hatte ihre Worte ins Lächerliche gezogen, sie aber dann ein paar Tage
ganz unbehelligt gelassen.
Und als sie äußerlich gleichmütig und kühl, bei aller innerlichen
Zerbrochenheit, Morgen und Abend vergehen ließ, ohne sich ihm gegenüber
zu ändern, hatte er, dem ein solcher Zustand unerträglich schien, eine
große Aussprache herbeigeführt.
Er hatte ihr die Folgen einer Scheidung klargemacht, bei der eine Frau
immer den Kürzeren zog.
Dann hatte Kurowski ernsthaft mit ihr gesprochen, wie noch nie im Leben.
Er hatte ihr gesagt, daß er prinzipiell in eine Trennung einwilligen
würde, ihr dann aber den Vorschlag gemacht, der Kinder wegen noch einmal
zu versuchen, mit ihm zusammen zu leben, wie es sich für zwei
praktische, nüchterne Leute, die nach außen hin Verpflichtungen haben,
geziemte. Er wollte ihr vor der Welt keine Veranlassung mehr geben, sich
zu beklagen, von ihr nichts verlangen, als was sie ihm gutwillig gäbe,
und sich nur die Freiheit seiner Wege vorbehalten.
Die klare und eindringliche Art seiner Auseinandersetzungen war eine
Wohltat für Gertrud gewesen und hatte im Augenblick alles, was sie
fühlte, zurückgedrängt gegen das, was so verstandesmäßig an sie
herantrat.
Ohne viel zu überlegen, hatte sie eingewilligt, diesen Versuch zu
machen, und die Unterredung in einer Haltung zu Ende geführt, durch die
ihrem Mann unwillkürlich Respekt abgenötigt worden war.
Und danach atmete sie auf und fing zum erstenmal an, sich als Hausfrau
zu fühlen.
Sie mochte nicht immerzu über die Bosheit grübeln, die man ihr angetan
hatte, über die Schande, in die sie bald gesunken wäre, -- sie wollte
schaffen, ihre Pflicht tun. Und sobald sie diese Absicht zeigte,
meldeten sich von allen Seiten die Leute bei ihr, die bisher nach dem
knappen Befehl des Herrn auf eigene Verantwortung geschafft hatten.
Aber sie war so unwissend. Sie konnte fast nie Bescheid geben. Sie mußte
sich mühsam durch Nachdenken und Beobachten herausklauben, was anderen
durch Gewohnheit und Übung selbstverständlich ist.
Manchmal fragte sie sich selbst erstaunt, wie das möglich gewesen sei,
so lange in diesem Hause zu leben und es so wenig zu kennen. Da war
allerdings eine alte Mamsell über dem Ganzen tätig gewesen, die
Vertraute des ganzen weiblichen Dienstpersonals, soweit es dem »gnädigen
Herrn« zusagte.
Diese Person, deren Anwesenheit in ihrem Hause ein Vorwurf für sie
gewesen war, hatte sie nicht mehr vorgefunden, als sie wiederkam, ein
stillschweigendes Zugeständnis ihres Mannes, mit dem sie jetzt
einverstanden war, da sie dadurch zum selbständigen Disponieren
gezwungen wurde.
Ihr anfänglich fester Entschluß, sich doch von ihrem Manne zu trennen,
verblaßte mit der zunehmenden Tätigkeit. Nicht nur aus Bequemlichkeit
oder Gleichgültigkeit gegen das äußere Leben, oder weil sie ihrem Gatten
etwa freundlicher gesonnen gewesen wäre; vielmehr ging ihr in dieser
Zeit, in der sie zum erstenmal sich bemühte, ihren Pflichten gerecht zu
werden, wie es das Leben von jedem ausnahmslos fordert, ein Schimmer der
Erkenntnis auf, daß es weniger auf Glück oder Unglück ankommt, sondern
darauf, den Platz, den einem das Schicksal nun mal angewiesen hat, mit
Ehren auszufüllen.
Ihr Mann war viel auswärts und kümmerte sich anscheinend auch im Hause
nicht viel um sie; die neue Erzieherin erwies sich als ein
liebenswürdiges, gescheites Mädchen, mit der sie gern ab und zu
plauderte. Gesellschaften besuchte sie unter dem Vorwande ihrer
Kränklichkeit nicht; und so ging das Leben in ebenmäßigem Gleise weiter,
ohne Widerwärtigkeiten, aber in grauer Eintönigkeit. Von Hause hatte sie
nur einen Brief durch Fräulein Perl erhalten, der bloß vom
Alleräußerlichsten sprach, von Seckersdorf war zufällig bei den paar
Nachbarbesuchen nicht die Rede gewesen, und so hörte sie nichts mehr von
allem, was sie in den letzten Wochen so bitter gequält und mit so
widersprechenden Glücksgefühlen erfüllt hatte. Das war sehr gut, sehr
gut, sagte sie sich abends und morgens.
Da kam kurz vor Weihnachten ein Brief ihres Vaters an seine »lieben
Kinder«.
Kurowski, im Begriffe, mit den Jungen auszufahren, las ihn im Stehen und
lachte hell auf.
»Da,« rief er zu Gertrud herüber, die mit klopfendem Herzen darauf
wartete, den Inhalt zu erfahren.
»Maggie hat sich mit Seckersdorf verlobt. Der Alte ist natürlich
höllisch ... Na, was ist das?«
Gertrud sah ihn halb abwesend an. Sie schien erstarrt zu sein.
Kurowski sprang zu ihr. »Nimm dich zusammen,« zürnte er. »Was soll das
heißen?«
Gertrud richtete sich auf. Heiße Tränen liefen ihr übers Gesicht.
»Weinen, -- hier vor meinen Augen weinen!«, schrie Kurowski empört. »Das
ist allerdings stark.«
»Kurt,« sagte Gertrud leise, »tu', was du willst. Du weißt es ja, daß
ich ihn lieb gehabt habe. Und Maggie nimmt ihn nur aus Berechnung.« Der
zornige Ausdruck in Kurowskis Gesicht ging in einen höhnischen über.
»So,« sagte er, seinen Bart streichend. »Nun, wir reisen jedenfalls hin,
um zu gratulieren.«
Gertrud sah ihn mit gequälten Augen an. »Nein,« sagte sie.
»So entschlossen? Nun, ich sage: Ja!«
»Kurt, besteh' nicht darauf, ich tue es nicht.«
Als sie sich so zu ihm neigte, schön wie der Tag, mit einem fremden,
entschlossenen Zug im Gesicht, packte ihn plötzlich eine rasende
Eifersucht. Er faßte sie an den Schultern.
»Was ist vorgefallen zwischen dir und jenem Hund? Gesteh! Du hast dich
mit ihm getroffen, ich bin betrogen!«
Fast an der gleichen Stelle, vor ihrer Flucht, hatte Gertrud denselben
Vorwurf wie einen Faustschlag empfunden und geschwiegen. Heute, wo sie
sich nicht so rein fühlte wie damals, verteidigte sie sich. Sie gab ihr
Wort, daß sie Seckersdorf nie gesehen hätte.
Und Kurowski glaubte ihr. Er empfand wohl auch, daß er an diese Dinge
besser nicht mehr rührte, und nahm von einem Gratulationsbesuche
Abstand.
»Unter der Bedingung, daß wir sofort, meinetwegen nach Berlin, abreisen
und in sechs Wochen zu ihrer Hochzeit zurückkommen,« sagte er.
Gertrud atmete erleichtert auf. Wenn sie ihnen nur jetzt nicht
heuchlerisch die Hand drücken mußte!
»Zur Hochzeit gehen wir also bestimmt hin,« wiederholte ihr Mann
finster, »damit den Leuten endlich mal der Mund gestopft wird. Du weißt,
ich lasse nicht mit mir spaßen. Und der Seckersdorf soll sich nichts
mehr einzubilden haben, wie damals -- verstanden?«
Gertrud schauderte zusammen. »Verlaß dich drauf,« sagte sie tonlos und
lief hastig aus dem Zimmer.
Sie wußte nicht, was am bittersten weh tat, Groll, Verachtung,
Gedemütigtsein, oder das zum Äußersten gesteigerte Bewußtsein des
Verlustes.
»Lieber Gott,« betete sie wimmernd, »gib mir einen großen Stolz, einen
unbändigen Stolz, oder laß mich sterben.«
* * * * *
Maggie war nun zufrieden. Die alltäglichen kleinen Aufregungen der
Brautzeit, die teils gutgemeinten, teils neidischen Glückwunschbesuche
der Nachbarn und Freunde, die Beratungen über die nächsterforderlichen
Einrichtungen, das alles nahm ihre Zeit und ihre Gedanken so sehr in
Anspruch, daß sie sich nicht mehr weiter in Grübeleien vertiefte.
Sie hatte auch schon genug damit zu tun, sie ihrem Bräutigam
fernzuhalten, und oft, wenn er neben ihr saß, ihre Hand schlaff in der
seinen haltend und ihr ruhig und freundlich in die Augen sehend, empfand
sie einen Stich in dem Gedanken: wäre er ebenso gelassen zärtlich, wenn
_sie_ hier neben ihm säße? Und in der Erinnerung sah sie seine Blicke fest
und heiß werden, so oft sie damals, als sie noch Gertruds Verbündete
war, von ihr gesprochen hatte.
Das tat sie übrigens jetzt auch. Kurowskis waren ja gerade im Begriff
gewesen, eine verspätete Hochzeitsreise zu machen -- wie Maggie deren
Fahrt nach Berlin zu nennen pflegte --, als ihre Verlobungsnachricht in
Laukischken eingetroffen war, und so hatten sie sich nicht mehr gesehen.
Aber Gertrud schrieb zuweilen von Berlin aus an Fräulein Perl, und da
war viel von Hofbällen, von Auszeichnungen der Majestäten, viel von
»Kurt« die Rede, und den Schluß machten immer »freundliche Grüße« für
den Vater und das Brautpaar.
Darüber gab es dann natürlich zu reden, und Maggie war auch überzeugt,
daß es zweckmäßig wäre, den Namen der Schwester unbefangen und oft zu
nennen. Seckersdorf gewöhnte sich daran und zeigte keine so merkbare
Bewegung mehr, wie im Anfang.
Ob er ihr, seiner Braut, nun aber wirklich gut geworden war? Natürlich!
Er war sogar verliebt, er behandelte sie als gleichberechtigten
Kameraden, aber ... es war doch gut, daß sie im Grunde auch nicht alles
gab, was sie hier und da einmal heiß in sich aufbrausen fühlte ... Nicht
für ihn, für niemand, den sie kannte; sie suchte in Gedanken, aber es
war wirklich niemand da. Und so küßte sie wieder, wie Hans Seckersdorf
sie küßte, und dachte oft dabei an die große Flamme, die einmal in ihm
gebrannt hatte, und ob die für immer ausgelöscht sei ...
Mit Gertrud und ihrem Schicksal beschäftigte sie sich nicht viel. Sie
wollte deren glänzende äußere Erlebnisse, von denen sie hörte, als
Tatsachen nehmen und nicht über der Schwester Seelenzustand grübeln. Sie
machte es diesmal ebenso wie ihr Vater, und der war ja sein Lebtag bei
dieser Art, die Dinge anzuschauen, gut fortgekommen.
Vor einem Zusammentreffen an ihrer Hochzeit, das Kurowskis angekündigt
hatten, war ihr nicht sehr bange, weil sie eigentlich nicht daran
glaubte. Auch Hans hatte sie einmal nach langem Zögern gefragt, ob die
Laukischker wohl im Ernst daran dächten.
»Selbstverständlich,« hatte sie zwar gesagt, aber sie war innerlich doch
davon überzeugt, daß Gertrud es nicht über sich gewinnen würde, zu
Seckersdorfs Hochzeit zu kommen.
Darüber rückte der Februar und der Hochzeitstag heran. Reise- und
Übersiedlungspläne brachten immer mehr Unruhe in das tägliche Leben. Die
Ausstattung war besorgt, Erwägungen über die Art der Festlichkeiten
kamen an die Reihe. Maggie nahm das nicht leicht.
Sie überlegte, wie sich alles für sie am vorteilhaftesten machte, und
ordnete danach an. In jeder Weise war sie darauf bedacht, ihre äußere
Erscheinung zu glänzender Geltung zu bringen, und ihre Hochzeitstoilette
bereitete ihr ein paar schlaflose Nächte.
Zuweilen überkam sie ein Ekel vor all diesen Oberflächlichkeiten, die
jetzt ihr Leben ausfüllten; aber sie überwand ihn und redete sich
schließlich immer wieder das »große Ziel« ein, das sie in kurzer Zeit
nun erreicht haben würde.
Wenn Gertrud doch nicht käme! Vor einer blassen, vergrämten Gertrud
hätte sie sich ihr Leben lang fürchten müssen. In ihrer Phantasie
natürlich, denn Hans, sobald sie seine Frau wäre, würde an keine andere
mehr denken, dessen war sie sicher.
Aber Gertrud kam.
Einen Tag vor dem Polterabend traf, mit einem kostbaren Schmuck von
Kurowskis, ihre Zusage für den nächsten Tag ein.
Seckersdorf nahm die Nachricht anscheinend gleichgültig auf; Maggie,
aufgeregt und in Anspruch genommen, legte im Augenblick nun auch nicht
so viel Gewicht darauf, wie die ganze Zeit vorher, und der Oberförster
war von Herzen froh, denn mit diesem Kommen waren die fatalen Ereignisse
des letzten Winters und jede Spannung zwischen Kurowskis und ihm
fortgewischt.
Und nun war der Tag da. Das ganze Haus hatte ein anderes Aussehen. Alles
war geräumt, um Platz für die Gäste zu schaffen, die in großer Menge
erwartet wurden, und sämtliche Zimmer und Durchgänge mit Tannenbäumen,
-zweigen und Girlanden geschmückt. Gertrud hatte es sich bei ihrer
Hochzeit schon so gewünscht, um zum letztenmal ihren Wald um sich zu
haben. Maggie war nicht so sentimental; sie hatte denselben Schmuck
gewählt, weil er am leichtesten herstellbar, wirkungsvoll und leicht zu
beschaffen war. Sie kommandierte auch heute noch herum, traf Änderungen,
beschäftigte die Leute, und nahm Fräulein Perl alles aus der Hand. Sie
fühlte sich recht als Siegerin.
Als aber am Nachmittag das Laukischker Fuhrwerk ankam, stand ihr das
Herz doch still. Sehr blaß trat sie den Aussteigenden entgegen und wagte
im ersten Augenblick nicht, der Schwester ins Gesicht zu sehen. Der
Schwager begrüßte sie laut, während Gertrud in kühlem Herabneigen das
Gesicht leicht an sie legte, ohne sie zu küssen.