Seckersdorf fuhr zusammen. »Fräulein Maggie!«

»Ja,« fuhr sie fort. »Das ist die Generalfrage. Über die müssen wir uns

einigen, wenn ich mit Ihnen ehrlich und ohne Rückhalt sprechen soll.

Also ja ... oder nein?«

Seckersdorf sah sie mißbilligend, fast hochmütig an. Er war blaß

geworden.

»Fräulein Maggie, meine Lebensanschauungen verbieten mir, die Frau eines

anderen --«

»Das heißt also: nein!« sagte Maggie kalt. »Gut, sprechen wir nicht

weiter über die Angelegenheit. Oder doch ... weil Sie in Unruhe sind,

Herr von Seckersdorf. Machen Sie sich keine Vorwürfe deshalb. Mein

Schwager hat Gertrud nur brutal behandelt, weil er behauptet, daß _sie_

Ihnen Avancen gemacht hätte.«

»Gott!« Seckersdorf hob den Kopf hoch und sah in wortlosem Ingrimm vor

sich hin.

Maggie erschrak. So stark war der Ausdruck dieses unterdrückten Zorns,

daß seine Wellen in ihr nachbebten, und zugleich ein leises Bangen sie

ergriff, ob sie nicht Geister gerufen habe, die sie nicht mehr würde

bändigen können.

»Ich bitte Sie jetzt dringend, mir den ganzen Vorgang zu erzählen,

soweit Sie unterrichtet sind,« sagte er leise, und seine Augen hingen

mit strengem Blick an ihrem Gesichte.

Sie wiederholte die kecke Frage von vorhin nicht mehr und erzählte. Ohne

mit den Wimpern zu zucken, trug sie stark auf.

Seckersdorf glühte und biß die Zähne zusammen. »Ich werde Ihren Herrn

Vater bitten, mir Gelegenheit zu einer Unterredung mit Frau von Kurowski

zu geben.«

Nun war Maggie wieder ganz der Situation gewachsen.

»Wo denken Sie hin? Soll Gertruds Namen denn wirklich in einen Skandal

gezogen werden? Was meinen Sie wohl, wie Kurowski triumphieren würde,

wenn Sie mit meiner Schwester zusammenträfen? Er hat schon in einem

unverschämten Brief an Papa verfängliche Andeutungen gemacht, doch ohne

Ihren Namen zu nennen. Übrigens können wir aus allem, was er sonst sagt,

nicht klar darüber werden, ob er überhaupt je auf eine Scheidung

eingehen wird.«

»Ihre Frau Schwester will sich scheiden lassen?« fragte Seckersdorf tief

atmend.

»Sie will, die arme Gertrud ... Aber sie ist ja so mürbe geworden, und

wenn Papa sich auf Kurowskis Seite stellt, sie zwingt --«

»Das kann er nicht. Der eigene Vater! Wie sollte er?«

»Es wäre doch nicht das erstemal. Gertrud ist sehr weich.«

Ein traurig zärtliches Lächeln, rührend in diesem kraftvoll ernsten

Gesichte, umzog Seckersdorfs Lippen.

»Wie er sie liebt!« dachte Maggie, jetzt mit Bewußtsein neidisch.

»Sehen Sie,« sagte sie weiter, »schließlich ist es Papa ja auch nicht zu

verdenken, von seinem Standpunkte aus. Gertrud war gut versorgt,

glänzend sogar -- sie ist jetzt achtundzwanzig Jahre alt -- und die

Kinder ...«

»Ja, die Kinder!«

Seckersdorf fuhr sich mit der Hand gegen die Stirn.

»Sie würde sie ihm lassen müssen!« sagte er.

Maggie zuckte die Achseln.

»Und sie ist fest entschlossen?« fragte er. »Sie ist _sehr_ unglücklich?«

Maggie nickte nur. Sie hätte jetzt gut eine leise Andeutung über

Gertruds Liebe zu ihm machen können, aber mit einem Male wollte sie

nicht.

Seckersdorf drehte sich scharf zu ihr herum.

Das Abendessen -- einfach mit vier Gängen, Maggie hatte alle gekostet,

trotz ihrer Erregung -- nahm seinen Fortgang. Trinksprüche wurden

ausgebracht, man ging zu den Wirten, kehrte wieder auf die Plätze

zurück, die Unterhaltung wurde lauter, Necken und Flirten lebhafter.

Maggie fühlte einen dumpfen Zorn in sich. Warum hatte sie sich

eigentlich auf die ganze Geschichte eingelassen? Wenn die beiden sich so

sehr liebten, sollten sie auch allein zusammenkommen. Nun war sie von

dem allgemeinen Vergnügen ausgeschlossen und ... Nein -- sie

vergegenwärtigte sich das liebe, bleiche Gesicht Gertruds, mit dem

weinenden Mund und den zärtlichen Augen --, jetzt war sie doch wieder

mit Eifer bei der Sache. Was würde dieser große, starke, ungeschickte

Junge nun sagen? Sie sah ihn fragend an.

Da fühlte sie ihre Hand gefaßt. Unter dem Tisch, mit einem festen Druck.

Ein heißer Schauer überlief sie.

»Fräulein Maggie!« sagte Seckersdorf. »Ich will Ihnen jetzt sagen ...

auf ihre Frage von vorhin ... Also damals, damals war mir ein Stück

Leben weg, als die Sache mit Gertrud so auseinanderging, und ich noch

den Großmütigen spielen mußte. Und als sie sich verheiratete, -- ja, was

soll ich sagen -- leicht war's nicht. Aber das Schlimmste kam noch. Sie

wissen vielleicht, meine beiden Vettern starben kurz nacheinander, ihr

Vater, mein Onkel, rief mich zu sich nach Sachsen und adoptierte mich,

und da bin ich mit einem Male in gute Verhältnisse gekommen. Und um die

lumpige Kaution hatte ich _sie_ aufgeben müssen. Das war mehr als hart.«

Maggie nickte teilnehmend und sah mit schweigender Aufforderung in sein

bewegtes Gesicht.

»Es gab dann ja viel zu tun!« sagte er weiter. »Landwirtschaft zu lernen

und die Uniform zu vergessen. Das ging. Nur in Frauengesellschaft, da

hab' ich im Anfang manchmal die Zähne zusammenbeißen müssen. Wenn ich so

dachte ... das liebe, weißblonde Köpfchen, das siehst du nie mehr

darunter ...«

Es quälte ihn heute noch in der Erinnerung.

Maggie fühlte ihr Herz seltsam gepreßt.

»Aber, gnädiges Fräulein,« er sprach immer in demselben schlichten,

stillen Ton, »die Gewohnheit und so das ganze Dasein, das hilft einem

zuletzt über manches weg. Man wird auch älter. Man denkt schließlich an

all das mit ein bißchen Rührung und Wehmut und sagt sich ... es wär' so

schön gewesen ... aber es ging nun doch mal nicht. So wäre es auch

geblieben ... wenn ich Gertrud als glückliche Frau wiedergesehen hätte.

Aber als ich da neulich hier guten Tag sage, und komme zu den Damen --

dem Kurowski hatt' ich schon die Hand gedrückt -- und da find' ich sie

so blaß, elend und so vergrämt ... Und wir sehn uns an ... und ... Ja,

Fräulein Maggie, nach dem, was Sie mir heute erzählen, wie's mit ihr

steht, braucht sie gar nichts weiter zu reden ... Aber Sie ... Wollen

Sie ihr von mir sagen ... daß ich ihr ... daß ich ... mit Leib und Seele

... und wenn sie mich braucht ... und wenn sie frei ist ...?«

Er hielt inne und sah sich erschrocken um. Man hatte eben ans Glas

geschlagen. Eine neue Rede wurde gehalten.

Maggie war durch seine abgebrochenen Worte in eine seltsame Stimmung

gesponnen. Ein leises Verstehen tauchte in ihr auf, für ein Glück, das

außer jeder Berechnung steht, das von irgendwo als ein warmer Strahl

herkommt und jede sorgfältige Überlegung, alles Kalte, alles Unehrliche

vielleicht wegspült. »Eigentümlich muß es sein -- eigentümlich --«

dachte sie. Und plötzlich durchbrauste eine heiße Zärtlichkeit sie ...

für Gertrud ... für Seckersdorf.

Aber sie nahm sich zusammen. Um Gotteswillen, nicht den Kopf verlieren,

nicht sentimental werden, sich schließlich regelrecht in diesen blonden

Toggenburg verlieben! Welch ein Unsinn! Nein, es blieb dabei, wie sie

sich's vorgenommen. Zwei Menschen auf dieser Welt würden glücklich, und

sie suchte sich anderswo ihr Teil. Aber interessant wäre es gewesen,

diese merkwürdige Erscheinung, diese sogenannte Treue zu ergründen, --

ein klein wenig zu erschüttern vielleicht ...

Ob ihr das gelingen würde? Mit einem kleinen Stachel in der Seele

wiederholte sie: »Aber das weißblonde Köpfchen, das siehst du nie mehr

darunter.« Das war ordentlich aufregend. Ein Schauer überlief sie. Wie,

wenn sie's doch versuchte? Und dann großmütig verzichtete und wieder zu

Gertruds Gunsten einlenkte, sobald sie sah, daß es zu glücken anfing?

Die Rede war zu Ende. Die beiden merkten es am Zusammenklingen der

Gläser.

»Ich werde zu Hause sondieren und Ihre Bestellung ausrichten,« sagte

sie, während sie mit ihm anstieß.

»Ich werde es Ihnen nie vergessen,« erwiderte er einfach.

Sie sah ihn aus zusammengekniffenen Augen an.

»Wissen Sie was, -- nun wollen wir lustig sein. Wir haben auch noch den

langen Kotillon zusammen ... Wie wär's, wenn wir täten ... als ...«

»Als was?« fragte er freundlich, aber mit seinen Gedanken weit ab.

»Nichts ... nichts ... Sehen Sie, man beobachtet uns ... Hier dieses

Vielliebchen ... =j'y pense=.«

Er nahm die Mandel. »Und wenn ich gewinne,« bat er, »bekomme ich einmal

ein Briefchen mit Nachrichten, wie?«

»Nein, nein!« sagte sie. »Unter einem Stelldichein tue ich's nicht. Ich

schreibe Ihnen eine Zeile, wenn ich wieder einmal mit Papa mitgehe ...

Gertrud bleibt ganz aus dem Spiel. Das ist abgemacht, nicht?«

Er nickte ein paarmal.

Man stand auf. Maggie reichte ihm die Hand. »Das Souper gehörte Gertrud,

der Kotillon ist für mich,« dachte sie dabei. Aber sie besann sich

anders. Da sie an Neckereien und kleinen, neidischen Bemerkungen sah,

daß man ihr die ausschließliche Unterhaltung mit Seckersdorf verdachte,

überredete sie den Vater, vor dem Kotillon aufzubrechen. Sie verlor

dabei nicht. Die Herren verwünschten die morgige Holzversteigerung, die

den Vorwand zum frühen Aufbruch gab, und überhäuften sie im voraus mit

Blumen und Geschenken.

Äußerlich vollbefriedigt, lachend und strahlend ging sie am Arme ihres

Vaters hinaus. Aber ihr war zumute, als ob plötzlich etwas nicht ganz

klar in ihrem Leben sei.

Der Vater strich ihr einmal, als sie längst im Wagen saßen, zärtlich

über das Gesicht. Da dachte sie, sie müßte weinen. Und aufgeregt, mit

Tränen kämpfend, saß sie in ihrer Ecke, während Hagedorn einschlief, und

sah mit starren Augen nach den funkelnden Sternen, die den kalten

Herbsthimmel zitternd übersäten.

* * * * *

Zögernd, den Kopf von der Fahrt her noch voll böser Gedanken, trat

Maggie in Gertruds Schlafzimmer.

Es war durch die Geschicklichkeit der Jungfer den Bedürfnissen der

jungen Frau einigermaßen entsprechend hergerichtet worden. Was es an

Polstern und Teppichen irgend Entbehrliches im Hause gab, füllte das

weichliche Nestchen, und Maggie hatte selbst geholfen, es zu schmücken

und ihre helle Freude an dem kleinen Raum gehabt, in dem sie oft bis

spät in die Nacht zusammen saßen und plauderten.

Heute ärgerte sie sich, ärgerte sich gleich beim Hineinsehen über das

rote Lämpchen, das hinter seinem Schirm hervor ein zartes Licht über das

duftige Zimmer warf. Gertrud fürchtete sich im Dunkeln, wie ein Kind,

und wie ein Kind schlief sie auch jetzt. So fest, daß sie bei Maggies

Hineinkommen nicht aufwachte. Und wußte doch, daß heute über ihre

Zukunft beraten worden war!

Maggie schüttelte den Kopf. Ob es nicht Torheit war, einen Mann wie

Seckersdorf mit diesem unselbständigen Kinde zusammenzuketten? Ob sie

die richtige Genossin für einen kraftsprühenden Gatten war, --

zerbrechlich, halb verblüht, weltfremd und verzärtelt?

Sie biß die Zähne zusammen und trat hastig an das Bett.

Da erwachte Gertrud. Mit großen, noch träumenden Augen sah sie in die

Höhe und richtete sich dann mit einem Ruck auf. Ihre Backen waren vom

Schlafen heiß, und die schimmernden Haarsträhnen fielen ihr tief ins

Gesicht. Sie war in dem Spitzengewirr, das sie umgab, unter der roten

Seidendecke, aus der sie sich wickelte, in dem Veilchenduft, den sie

ausströmte, so unglaublich reizend, daß Maggie wider Willen sie in die

Arme nahm und dachte: »Nein, du sollst ihn doch haben.«

In ihrem Ballstaat auf dem Bettrande sitzend und die Schwester

umschlungen haltend, erzählte sie ihr, wie Hans Seckersdorf von ihr

gesprochen hatte, und daß er ihr gut wäre, wie damals, als er ihr weißes

Köpfchen zum ersten Male unter den Tannen des Waldlacker Gartenhauses

sah. Und wenn sie frei wäre ...

Gertruds Gesicht wurde still und ernst.

»Ich wußte es ja!« sagte sie und legte sich fest an Maggie. Dann seufzte

sie glücklich. Und das war alles.

»Nun?« fragte Maggie.

»Ich danke dir, liebes Herz ... Du bist gut und lieb gewesen.«

»Das mein' ich nicht,« erwiderte Maggie ungeduldig. »Ich wundere mich,

daß du nicht rasend, wahnsinnig vor Freude bist. Wenn du dir das alles

überlegst, mußt du dir doch sagen, daß es ein unerhörtes Glück für dich

ist, wie die Verhältnisse jetzt liegen ...«

»Weißt du, Maggie, ein unerhörtes Glück wäre es gewesen, wenn wir damals

zusammengekommen wären. Jetzt ... ich weiß nicht, Kind ... Ich bin ja

gewiß stolz, daß er mich noch lieb hat ... wahrhaftig ...«

»Du hast auch allen Grund dazu,« sagte Maggie heftig. »Bedenke, daß er

dich aus der Hand eines anderen nimmt, daß du nicht mehr jung bist

und ...«

»Ach, Maggie, wenn _er_ elend und häßlich und alt wäre, hätt' ich ihn doch

auch nicht weniger lieb. Das ist's nicht ... Aber ... nein, ich weiß

nicht, wie ich das so sagen soll ... glaub' mir, so zum Jubeln ist das

alles nicht.«

Maggie brauste auf. »Hör' mal, Gertrud, komme mir jetzt nicht noch etwa

mit moralischen Bedenken. Es scheint, daß das ein Vergnügen ist, mit dem

du dir die ganze Sache noch etwas pikanter machst, aber ich hasse all

solche Halbheiten, solch bewußten oder unbewußten Selbstbetrug. Mir

komme nicht damit. Entweder du willst dich von Kurowski scheiden lassen

und Seckersdorf heiraten ... oder du findest dich in die alten

Laukischker Verhältnisse und gibst Seckersdorf frei.«

Gertrud sah ihre Schwester starr vor Schreck an. Noch nie hatte diese so

harte und bittere Worte zu ihr gesprochen.

Was bedeutete das? »Maggie, warum machst du mir da so häßliche Vorwürfe?

Du weißt doch, daß ich nicht so unehrlich bin, wie du sagst ... Sieh

mal, wär' ich auf das alles nicht eingegangen, hättest du kein Recht,

mir solche bösen Sachen zuzumuten ... Wir werden also nie mehr darüber

sprechen ... Mögen die Dinge ihren Lauf gehen.«

»Jetzt, wo du weißt, wie Seckersdorf denkt, kannst du das ja auch mit

Ruhe abwarten,« stieß Maggie hervor und lief in dem kleinen Zimmer

herum.

»Du, daß Hans mir gut ist, wußte ich in dem Augenblick, als wir uns

wiedersahen. An später hast _du_ gedacht. Nun bitt' ich dich, tue es nie

wieder ... Komm her, Maggie!« Diese kam zögernd. »Du bist ja ganz wild

und aufsässig! Komm, sei gut ... was ist nur in dich gefahren? Ich danke

dir schön, ich danke dir, daß du so für mich sorgen wolltest, danke dir

tausendmal für alles, was du ihm von mir gesagt hast ... Maggie, was

ist dir?«

Maggie wußte es selbst nicht.

»Ich glaube Ärger, Enttäuschung, daß du nicht so froh warst, wie ich

gedacht hatte,« sagte sie finster. »Vielleicht bin ich auch neidisch,

weil ihr so -- oder weil ich ... Gertrud, ich bitte dich, sag' mir auf

Ehre und Gewissen, ist diese Liebe wirklich keine Einbildung, die man

abschütteln kann, wenn sie einem zu viel wird? Ich kenne mich nicht mehr

aus. Ich habe Furcht ... Sag' mir, ist es ganz unmöglich, daß du ihn je

vergißt? Hast du immer an ihn gedacht? Und wenn dein Mann gut gegen dich

gewesen wäre?«

Gertrud sah sie kläglich an. »Frag' nicht so. Ich weiß, ich bin eine

pflichtvergessene Frau. Aber, Maggie, vielleicht hab' ich darum alles

über mich ergehen lassen, was Kurt mir antat, weil ich immer und immer

an _ihn_ gedacht habe, und sogar als die Kinder kamen ... und wenn ...«

Sie warf sich in die Kissen und bedeckte das Gesicht mit den Händen.

»Gute Nacht!« sagte Maggie kurz und lief hinaus.

* * * * *

Von nun an begann für Gertrud ein anderes Leben. Sie fing an, ernstlich

über die Scheidung nachzudenken und wußte in ihrer Unerfahrenheit nicht,

wie sie ins Werk zu setzen wäre. Ihren Vater wagte sie nicht zu fragen,

Maggie konnte sicherlich auch nichts wissen, und Fräulein Perl, mit der

sie einmal gesprächsweise und wie unbeteiligt das Thema berührte, sagte

ihr so viel Entsetzliches und Skandalöses darüber und erzählte so

abschreckende Geschichten, die sie an Bekannten -- Gottlob nur wenigen

-- erlebt hatte, daß Gertrud seit der Zeit nur bebend daran denken

konnte, unter ähnlichen Verhältnissen sich der Öffentlichkeit

preiszugeben. Aber trotz aller Bangigkeit schwoll doch ein Glücksgefühl

in ihr hoch, das sich in erwachender Energie und Lebensfreude äußerte.

Sie beschäftigte sich im Hause, sie las und musizierte, und vor allem,

sie war viel mit den Kindern, die sie sonst von jeher dem Kinderfräulein

überlassen hatte. Und die kleinen lebhaften und liebenswürdigen

Geschöpfe vergalten ihr das mit leidenschaftlicher Zärtlichkeit und

erschlossen ihr eine neue Welt voller unschuldiger Heiterkeit, in die

sie sich hineinschmiegte, in der sie sich geborgen fühlte, in die auch

die quälenden Gedanken an die Zukunft keinen Einlaß fanden.

Mit Maggie wollte sich die frühere innige Vertrautheit nicht wieder

einstellen. Gertrud grübelte viel über das sonderbare Wesen der

Schwester, machte hier und da einen schüchternen Annäherungsversuch und

zog sich wieder zurück, wenn Maggie sie kurz oder gar höhnisch abwies.

Zuletzt dachte sie, Maggie hätte ihr zwar das Opfer gebracht, mit

Seckersdorf zu sprechen, aber schließlich erkannt, wie unwürdig und

schlecht das im Grunde doch wäre, und verachtete sie nun. Maggie hatte

ja auch tausendmal recht, und sie machte sich selbst ja auch Vorwürfe

genug; aber zugleich dachte sie mit brennender Sehnsucht daran,

Seckersdorf einmal nur zu sehen, einmal von ihm zu hören, daß er ihr gut

sei, daß er warten wolle, bis ... Doch dieses »bis ...« fing nun an, sie

furchtbar zu quälen. Wer riet ihr? Wer half ihr? Wenn sie nicht mehr

daran denken wollte, holte sie sich ihren Ältesten, einen schönen,

klugen, siebenjährigen Jungen und ließ sich die Angst von ihm

fortschwatzen, oder sie lief mit beiden in den Wald und spielte mit

ihnen im Garten, ganz Eifer und ganz Zärtlichkeit. Und so verliefen die

Tage in Hangen und Bangen und doch friedlich und schön.

Maggie ging unterdessen schweigend und mit ihrem härtesten Gesicht

herum.

»Was das Mädel mit einemal für Mucken hat?« wunderte sich der

Oberförster oft über seine Jüngste.

Er sprach häufig von dem Waldlacker Abend, und daß Maggie an Gertruds

altem Verehrer eine gewaltige Eroberung gemacht habe. Es wäre geradezu

auffallend gewesen; und er könnte gar nicht begreifen, daß jener danach

noch keinen Besuch gemacht hätte.

»Wenn er sich nur nicht deinetwegen scheut, Kind!« äußerte er

gelegentlich eines Morgens, Gertrud mißvergnügt ansehend.

»Ich glaube nicht, Papa,« sagte sie verlegen.

»Blödsinn wär's auch! ... Und wenn das mit der Maggie was würde, könnte

der Kurowski doch zufrieden sein, und du gingst wieder ruhig nach

Laukischken zurück.«

Gertrud erschrak furchtbar. So also hatte Maggie das angefangen? Arme,

gute Maggie! Sie stellte sich selbst bloß, sie gefährdete ihren

Mädchenruf, vielleicht gar ihre Zukunft. Das ging ja gar nicht, das ging

ja nicht!

Sie suchte Maggie auf und schmiegte sich an sie. »Liebes, liebes Kind!«

sagte sie. »Mir ist in meiner selbstsüchtigen Verblendung ja gar nicht

eingefallen, wie sehr ich dir schade. Um Gottes willen ... Papa

erwartet ja eine Bewerbung Seckersdorfs und glaubt, daß ich allein im

Wege bin?«

Maggie machte sich los und sah schweigend zum Fenster hinaus.

Der Wald lag im Schnee ... Weicher grauer Duft schloß die Ferne ab;

alles rückte nah, schmerzhaft nah.

»Maggie, was ist's?« fragte Gertrud ängstlich.

»Dumm und verdreht ist das alles!« sagte sie. »Ich bin in einer

Mausefalle. Aus dir ist nicht klug zu werden. Du bandelst mit

Seckersdorf an, man muß an einen furchtbaren Ernst bei euch beiden

glauben, -- und dann hast du dich mit den Kindern, als ob du gar nicht

daran dächtest, sie aufzugeben, und er läßt nichts mehr von sich hören.

Und ... und ... Papa hat recht ... Mir entgeht vielleicht die beste

Chance meines Lebens ...«

Da war's heraus. Es hatte ihr fast das Herz abgedrückt. Tagaus, tagein

hatte sie sich damit abgequält und zuletzt gar nicht mehr versucht, ihre

Wünsche zu beherrschen. Sie malte sich immer nur aus, wie alles anders

sein würde, wenn sie, ungehemmt durch diese unbequeme Jugenderinnerung

der beiden, mit Seckersdorf hätte verkehren können, und so kam sie eines

Tages schließlich dazu, sich zu sagen: »Versuche was du vermagst!

Gertrud hat ihr Teil. Sie hat verspielt und muß eben zufrieden sein.

Und dann bleiben ihr ja die Kinder!«

Sie machte sich auch die Schwierigkeiten klar, die sie zu überwinden

haben würde, wenn sie wirklich für sich ernst machen wollte. Dabei

geriet sie in ein Phantasieren über Liebe und Treue, über

Zusammengehörigkeit zweier Menschen, über die stille Festigkeit und den

Blick Seckersdorfs, wenn er an Gertrud dachte und an tausend Dinge, die

damit zusammenhingen und die bisher für sie nicht auf der Welt gewesen

waren. Das machte sie zornig und krank, das weckte den Wunsch in ihr,

derbe, harte Worte zu hören oder zu sagen, vor allem aber den, diese

Gertrud, die ganz ruhig zusehen wollte, wie man ihr ein unerhörtes Glück

aufbaute, die schon unerträglich siegesgewiß lächelte, diese Gertrud,

die ihr mit einem Male so fremd geworden war, zu kränken, zu verletzen,

mitten ins Herz zu treffen.

War ihr das nun gelungen?

Gertrud stand ganz blaß da und sah sie erschreckt und mitleidig an.

»Arme Maggie!« sagte sie. »Das ist ja ein furchtbares Unglück.«

»Was?« fragte Maggie kurz.

»Daß du ... ihn nun auch liebst ... Ach, warum habe ich auch daran

nicht gedacht! Mein Gott, mein Gott ... was wird das nun?«

Da lachte Maggie kalt.

»Mit solch blödsinnigen Phantastereien, wie Liebe, verschon' mich!«

sagte sie. »Ich nähme ebenso gerne Kurowski oder jeden anderen, der mir

das bietet, was ich beanspruche.«

Gertrud nahm ihre Hände und wollte sie an sich ziehen. Sie riß sich los.

»Durch meine überspannte Zärtlichkeit für dich, an der du Schuld bist,

du ... mit dem 'weißblonden Köpfchen',« lachte sie höhnisch, »bin ich in

diese ganze schiefe Lage geraten. Sähe ich dich nicht jammern und

hinschwinden, wahrhaftig, ich würde mich nicht einen Augenblick

besinnen ...«

»Ach, Maggie,« sagte Gertrud sanft, »Ich kenn' dich ja besser. Ich

verstehe dich auch ... glaube mir, ich kann ganz mit dir empfinden. Ich

hab' ihn ja selbst so lieb!«

Maggie machte eine ungeduldige Bewegung und trat an das Fenster.

Gertrud stand wieder hinter ihr.

»Nein, Maggie, wir wollen solch einen Ton zwischen uns doch nicht

aufkommen lassen. Wir beide müssen zusammenhalten, wie auch alles wird.

Glaubst du denn, ich werde mich von dir so einfach zurückweisen lassen,

wenn du so elend bist, daß du schlecht sein willst?«

»Damit fängst du mich nicht,« sagte Maggie kurz.

Nun wurde es Gertrud doch zuviel. »Das will ich auch gar nicht,« sagte

sie ungeduldig. »Aber ich will tun, was ich kann, um dir diese Torheit

aus dem Kopf zu reden. Wenn du dich in Hans verliebt hast, so ist das

sehr schlimm; denn du wirst keine Erwiderung finden.«

Maggie fuhr auf. »Nicht? Nun, das wollen wir doch sehen! Wetten?« Mit

zuckenden Lippen streckte sie die Hand aus.

»Maggie, bist du denn mit einem Male ganz von Sinnen?« fragte Gertrud,

starr vor Schreck. »Ich begreife dich einfach nicht. Vor ein paar Tagen

kommst du ganz aufgeregt über Seckersdorfs Treue zu mir und redest

eifrig auf mich ein ...«

»Und jetzt hab' ich mir die Sache überlegt,« unterbrach Maggie sie voll

Trotz, »und will ihn selbst heiraten.«

»Maggie, vergißt du denn, daß er acht Jahre ...?«

»Nein, nein, nein, es ist ja genug davon die Rede,« erwiderte Maggie

zornig. »Aber trotzdem werde ich ihn mir erobern -- verstehst du?«

Gertrud drückte ratlos ihre Hände zusammen.

»Maggie, wenn er dich lieb hätte, ich schwöre dir, ich würde dir das

große Glück gönnen. Aber ... ich weiß --«

Maggie riß das Fenster auf und atmete tief die kühle, klare Luft ein,

die mit einem ganzen Strom von Frische ins Zimmer drang.

Gertrud fröstelte und trat zurück.

»Siehst du!« höhnte Maggie. »Nicht einmal einen Luftzug kannst du

vertragen. Du bist ein verzärteltes Ding. Geistig ist das ebenso. Dich

mit den Verhältnissen in Einklang bringen, kannst du nicht ... Und

kämpfen kannst du nicht ... Aber _ich_ kann ... und ich will ... Ich sage

dir jetzt also frei heraus, ich werde mir Mühe geben, Seckersdorf dir

abwendig zu machen, ich werde ihn zu sprechen versuchen, wo ich kann,

ich werde alles tun, um ihm zu gefallen, und alles, damit ich seine Frau

werde.«

Gertrud sah sie blaß und traurig an. »Tu's!« antwortete sie leise. »In

dem einen hast du recht, daß ich vielleicht nicht gut genug für ihn bin

... Und kämpfen um seine Liebe -- nein, das kann ich nicht! Ich kann nur

warten. Aber das tue ich auch in festem Vertrauen auf ihn ... Nachdem du

mir seine Worte ausgerichtet hast ...«

»Warte du lieber nicht, Trude,« sagte Maggie weicher. »Laß uns beide

ehrlich kämpfen. Schreib' ihm, triff ihn, zeig' ihm daß du ihm gut bist,

-- und ich will dennoch versuchen, ihn zu bekommen.«

»Quäle uns nicht weiter mit solchen Gedanken,« bat Gertrud. »Du weißt ja

gar nicht, was du sprichst. Sei vernünftig und gut.«

»... und laß mir Seckersdorf!« spottete Maggie. »Nein, ich will nicht.

Und sobald ich Gelegenheit habe, werde ich für mich tätig sein. Über

Lebensauffassungen kann ich mit dir nicht streiten. Aber ich weiß sehr

wohl, was ich sage, was ich will. Und wir werden ja sehen, wer zuletzt

lacht.«

Gertrud wollte etwas erwidern, aber sie bekam kein Wort über die Lippen.

Da stand Maggie, ihre geliebte Schwester, hochrot, und sah sie böse und

kalt an.

Sie kam sich mit einem Male wieder so schwach, so unbedeutend und

überflüssig vor, als ob ihr Mann da vor ihr stände und höhnisch zu ihr

herüberspräche. Aber dann atmete sie auf. Gott sei Dank, Hans

Seckersdorf war ja da -- und hatte sie lieb.

»Wenn du das alles ernst meinst, Maggie, wird's mit unserer Freundschaft

wohl aus sein!« sagte sie mutig. »Tue, was du willst. Schön ist's

nicht, was du vorhast, und -- ich glaube, vergeblich.« Sie ging nach

der Tür. Da fiel ihr noch etwas ein. »Und ich verbiete dir, Maggie, mit

Hans über mich zu sprechen!« setzte sie hinzu und ging hinaus.

Dann aber verlor sie ihre Fassung. Alle traurigen und bitteren Gedanken,

die aus ihrer falschen Lage sich emporrangen, schwankten in ihr

durcheinander. Und durch all das Schmerzliche, das sie in ihnen

durchkostete, drängte sich noch beängstigend, verwirrend die Frage: Muß

ich wirklich etwas tun, um mir Hans zu erringen, und was soll ich nur

anfangen? Ihr wurde bange, wenn sie an Maggies Frische, ihre Klugheit

und Anmut dachte. Aber selbst einen ersten Schritt tun, um Hans zu

bestimmen? Nein, dreistes Entgegenkommen war in ihrem Falle Verbrechen.

Sie konnte nur harren, ob er sie liebte, wie sie es glaubte. Gefühl und

Sitte verlangten es. Und Gertrud gehorchte.

In all ihr Grübeln, Verzagen und Hoffen traf unerwartet ein Brief ihres

Mannes. Ironisch freundlich, wie man mit Kindern zu sprechen pflegt, in

dem Ton, den er ihr gegenüber brauchte, wenn er gut gelaunt war,

forderte er sie auf, nach Nizza zu kommen, mit den Kindern und

Bedienung. Es wäre dort schön, und er hätte sich's vorgenommen, ihr

endlich ihre Launen abzugewöhnen.

Da wußte sie, zum ersten Male fast im Leben, was sie zu tun hatte. Sie

sprach mit niemand über den Brief und beantwortete ihn auf der Stelle.

Kühl und ruhig setzte sie ihrem Manne auseinander, daß und warum sie

eine Trennung wünschte, und sagte ihm, daß sie nach seinem Benehmen

gegen sie bestimmt annähme, er würde ihr nichts in den Weg legen. Nach

Nizza käme sie selbstverständlich nicht. Ob sie bei ihrem Vater bliebe,

wüßte sie auch noch nicht, würde es ihm aber in nächster Zeit mitteilen

können.

Damit war der Kampf eingeleitet.

In dem Gefühl, sich von den Ihren durch diesen selbständigen und von

ihnen sicher nicht gebilligten Schritt innerlich geschieden zu haben,

zog sich Gertrud nun täglich mehr von ihnen zurück. Es wurde ihr leicht,

da der Oberförster viel unterwegs war und Maggie ihr selbst aus dem Wege

ging. Es war ihr nun ganz klar, daß die Schwester nicht in einer bösen,

sonderbaren Laune zu ihr gesprochen hatte, sondern daß sie imstande sein

würde, ernstlich als ihre Feindin zu handeln.

Und so sah sie ihre Stellung im Vaterhause unhaltbar werden, fühlte, daß

man sie, die einst so geliebte und verwöhnte Tochter, nicht mehr gern

dort sah, und begriff, daß sie über kurz oder lang mit ihren Kindern

einen anderen Platz würde suchen müssen.

Natürlich zitterte sie vor dem entscheidenden Schritt, ängstigte sie

sich vor den unsicheren Verhältnissen, denen sie, im Besitz so geringer

Mittel, entgegenging. Aber es schien ihr doch alles nicht mehr so

unmöglich, auch ohne die Hilfe des Vaters. Durfte sie doch hoffen,

jenseits des alten Lebens die starke Hand zu finden, die nie wieder sie

lassen wollte.

* * * * *

Maggie wurde inzwischen immer fester in ihrem Entschluß. Oft fragte sie

sich: »Bin ich denn eigentlich verliebt in Seckersdorf?« und zuckte

ebenso oft die Achseln über diese Frage.

Er gefiel ihr -- natürlich. Er war eine männlich kraftvolle Erscheinung

und brachte, trotz seiner einfachen Art, einen Hauch der großen Welt mit

sich. Er wurde einmal sehr reich. Sein Onkel, der ihn bereits

rechtsgültig adoptiert hatte, besaß außer Romitten mit seinen vier

Vorwerken noch große Güter in Sachsen, von deren Ertragsfähigkeit man

Wunder erzählte; er war Kammerherr und hatte verwandtschaftliche

Beziehungen in den höchsten Kreisen, die natürlich dem Adoptivsohn auch

zugute kamen. Welche Aussichten also für sie, die einfach bürgerliche

Oberförsterstochter aus Ostpreußen! Eine Chance, von der sie sich nie

hatte träumen lassen.

Daß Gertrud ihr ernstlich im Wege stand, unterschätzte sie durchaus

nicht. Aber sie sagte sich: Wenn einmal ein Mensch heutzutage, wo so

viel vom Willen und Sichdurchsetzen geredet und so wenig gehandelt wird,

wirklich ernsthaft, unbedenklich und energisch auf sein Ziel losgeht,

muß er es erreichen. Im Grunde war ja alles ringsum schwächlich, bequem

oder sentimental. Wer das geschickt zu benutzen verstand, mußte

gewinnen.

Sie machte sich ganze Szenen mit Seckersdorf zurecht. Sie ließ ihn so

oder so sprechen und erwiderte, wie sie es mußte, wenn sie Gertrud in

den Schatten und sich selbst in den Vordergrund bringen wollte. Sie

überlegte sich alles bis aufs kleinste, was sie zu tun und zu lassen

hatte, um Seckersdorf aus seiner alten Neigung für Gertrud in eine neue

Leidenschaft für sie selbst hinüberzulocken. Aber zunächst mußte sie ihn

treffen, und sie machte schon Pläne, das in die Wege zu leiten, als das

Glück ihr zu Hilfe kam.

Der Oberförster hatte nach längerem Überlegen die offizielle Verwaltung

der Romitter Forsten abgelehnt, dagegen für die Aufforstung der

verwahrlosten Schläge einen ehemaligen tüchtigen Revierförster

empfohlen, der durch ein Disziplinarvergehen brotlos geworden war, seine

Sache aber sehr gut verstand. Dem konnte er ab und zu Anweisungen geben

und bei Gelegenheit selbst freundschaftlich nach dem Rechten sehen.

Soweit das Wetter es zugelassen hatte, war nun geschlagen und gerodet

worden und alles im besten Zuge. Da erkrankte der Verwalter und die

gedungenen Taglöhner standen, ohne Ahnung, was weiter tun, da.

Seckersdorf schickte einen reitenden Boten und bat um Rat. Das Wetter

war klar, ein weicher Wind deutete auf noch länger anhaltende Milde, und

die Arbeitszeit mußte wahrgenommen werden.

»Wie wär's, Maggie?« fragte der Oberförster, dem noch am Frühstückstisch

der Romitter Brief überbracht wurde. »Hältst du mit? Ich möchte am

liebsten heute hin; aber wir marschieren hin und zurück stramm unsere

zwanzig Kilometer!«

»Natürlich, Papa, wie immer,« sagte Maggie und streifte Gertrud, die

blaß und aufgeregt ihr gegenüber saß, mit einem triumphierenden Blick.

Der Oberförster lächelte verschmitzt und streichelte aufstehend Gertruds

Haar. »Ja, das ist eine fesche Margell, die Maggie, -- so was konntest

du nie.«

»Nein,« antwortete Gertrud, und ihr Blick wurde dunkel, »das konnte ich

nie.«

Mit großen, bittenden, fordernden Augen sah sie Maggie an. Aber die

achtete nicht darauf. Gertrud hätte aufschreien mögen: »Nehmt mich mit!«

Eine heiße Angst preßte ihr Herz zusammen.

»Wir wollen doch sofort den Boten abfertigen, Papa,« sagte Maggie,

»damit wir Seckersdorf rechtzeitig an Ort und Stelle finden. Ich werde

selbst ein paar Worte schreiben.«

»Du, Mädel, verhau' dich nicht!« warnte der Vater erstaunt. »Briefe

schreiben ...«

»Ich tu's ja in deinem Namen, Papa,« widersprach Maggie, setzte sich an

das alte Zylinderbureau und warf ein paar Zeilen auf einen dort

liegenden Briefbogen.

Gertrud sah mit brennenden Augen zu.

Als sie gingen, nickte Maggie ihr nur ganz flüchtig zu, und der Vater

reichte ihr kaum die Hand. Wie war das vor drei Wochen anders gewesen,

und wie hatte es so kommen können?

Angstvoll und gedemütigt sah sie den beiden nach, wie sie in den Waldweg

einbogen. Maggies klare, laute Stimme schallte deutlich zu ihr herüber,

und sie glaubte den geliebten Namen zu verstehen.

»Ich will nicht daran denken!« nahm sie sich vor und trocknete sich die

feuchte Stirn. »Wenn sie wüßte, wie sie mich quält! Und nützen wird es

ihr doch nichts. Er ist Schöneren und Besseren in der Welt begegnet, die

langen acht Jahre hindurch, und ist mir doch gut geblieben.«

Damit tröstete sie sich und ging an ihre täglichen Beschäftigungen.

Der Oberförster und Maggie kamen unterdessen tüchtig vorwärts.

Es war ein Vergnügen, so zu wandern. Der November schien sich in einen

Frühlingsmonat verwandelt zu haben. Ein weicher bläulicher Duft

umschmiegte die Baumwipfel, die Sonne warf hier und da einen warmen,

rötlichen Schein durch das graue Gewölk, Haubenlerchen trieben sich in

den Wagengleisen zwitschernd umher, und in der Luft tummelten sich

Krähen in dichten Scharen.

Der Oberförster pfiff den Dessauer Marsch. Er war gut gelaunt.

»Und nun sag' mal, Maggie,« fing er nach einem längeren Schweigen an,

»was machen wir mit der Gertrud?«

»Ja, Papa,« erwiderte Maggie zögernd, »ich wollte längst mit dir darüber

reden. Ich sprech es nicht gern aus, aber es ist doch wohl besser, ich

tu's ... Die Gertrud hat sich den Seckersdorf in den Kopf gesetzt.«

Hagedorn machte große Augen. »Da soll doch der Teufel ... I da soll

doch --«

»Ja, und weißt du, Papa, ich bin mit Schuld daran,« fuhr Maggie schnell

fort. »Sie tat mir so furchtbar leid, und Seckersdorf schien sich auch

für sie zu interessieren. Da hab' ich selbst ihr zugeredet, und nun ...«

Der Oberförster fuhr empört auf. »Zum Teufel, da seid ihr ja beide ...

Weißt du, daß das dumm und niederträchtig ist, was du getan hast?«

Maggie stand unter dem Eindruck, als hole sie sich durch ihre

Offenherzigkeit zum Vater Freisprechung für ihr Benehmen gegen Gertrud.

»Ja, Papa, du wirst schon recht haben ... Aber jetzt, jetzt ist das

alles anders geworden --«

»Jetzt willst du den Seckersdorf selbst haben! Lüge nicht ... Nun seid

ihr beide hinter ihm her! Ohrfeigen könnte ich dich. Die Gertrud wird

sofort nach Laukischken geschickt, und an Kurowski werd' ich schreiben

... Da soll mir doch einer ... das soll in meinem Hause passieren ...

meine Töchter ...«

»Papa, ereifere dich nicht,« sagte Maggie kalt, »damit änderst du doch

nichts.«

»Oho ... die Geschichte ist mir jetzt ganz klar,« rief der Oberförster

und lief wütend weiter. »Du bist ja eine Gerissene ... Du hast dich mit

dem Seckersdorf so =pani braci= gestellt, ihn sozusagen mit der Gertrud

geködert.«

»Nein, Papa, das ist mir erst seit der Waldlacker Gesellschaft

eingefallen, daß ich mir selbst doch eigentlich die Nächste bin.«

Und sie setzte ihm auseinander, wie alles gekommen war. Wie sie zuerst

durch Gertruds Zärtlichkeit für ihre Kinder stutzig geworden sei, wie

sie allmählich dann auch an die anderen Schwierigkeiten bei einer

Scheidung gedacht habe, und wie wenig Gertrud dem allem gewachsen sei;

und schließlich wären dann auch ihre vierundzwanzig Jahre und ihre

eigene Zukunft in Betracht gekommen. Kurz, sie sagte alles, wie es sich

in der Tat verhielt; nur die unehrlichen Seiten der ganzen Sache, die

überging sie möglichst, und von ihrer Schuld gegen die Schwester sprach

sie überhaupt nicht.

Der Oberförster war fassungslos. Er hatte den Gedanken an eine Trennung

Gertruds und Kurowskis, seit im Hause nicht mehr die Rede davon war,

ganz von sich geschoben. Die Leutchen hatten sich eben gezankt, das kam

vor, die Gertrud war einmal energisch aufgetreten, das konnte ihr, dem

Manne gegenüber, nur nützen, und die Sache würde sich schon einrenken,

sobald der Kurowski erst nach Hause kam. Manchmal war's ihm ja durch den

Kopf gegangen, daß Gertruds wegen möglicherweise die Partie zwischen

Maggie und Seckersdorf nicht zustande kommen könnte; daß Gertrud aber an

Seckersdorf festhielt, hatte er nicht geahnt.

Er überhäufte Maggie mit Vorwürfen. Er fand es schamlos, daß sie unter

solchen Verhältnissen sich Hoffnungen machte. Sie hätte abzuwarten, ob

Seckersdorf kommen würde, wenn Gertrud abgereist wäre. Und daß das auf

der Stelle geschähe, sollte seine erste Sorge sein.

Maggie ließ den Vater sich ruhig ausschelten und setzte ihm dann

auseinander, was sie sich überlegt hatte.

Kurowski mußte wiederkommen, aber der Weg zu Gertrud sollte ihm nicht

allzu leicht gemacht werden. Er würde ja ohnedies einer Scheidung

abgeneigt sein, der Jungen wegen, an denen er hing, und auch weil

Gertrud die bequemste Frau für ihn war.

Der Oberförster brauste wieder auf, daß er sich auf derartige

Hinterhältigkeiten gar nicht einließe. Frau wäre Frau und bliebe es; er

dulde keinen Skandal und wolle der Gertrud das klarmachen, sobald er sie

sähe.

»Tu' das nicht, Papa,« sagte Maggie, »sonst verfährst du die ganze

Sache. Wenn Gertrud und Seckersdorf sich trotzdem einigen, ist alles

umsonst, was wir unternehmen. Es kommt darauf an, ihr wie ihm jede

Aussicht abzuschneiden. Und deshalb bin ich heute mitgekommen, -- nicht

meinetwegen.«

Der Oberförster sah sie groß an und wußte in seinem Staunen über ihre

kühle Berechnung nichts zu sagen.

»Sieh, Papa,« fuhr Maggie fort. »Ich bin eigentlich viel zu aufrichtig.

Schließlich kann ich ja nicht wissen, ob's mir mit Seckersdorf

glückt ...«

»Sprich nicht so frech!« fuhr der Oberförster auf.

Maggie sah ihn fest an. »Bitte, warum nicht aussprechen, was man

empfindet? Hätte Gertrud damals den Mut der Offenheit gehabt, wäre sie

nicht in ihr Unglück gerannt.«

Der Oberförster wußte nicht, was er mit seiner Tochter anfangen sollte.

Im Grunde hatte sie recht, und die beste Lösung wäre es, wenn ihr Plan

ihr gelänge und sie sich Seckersdorf gewann; aber daß sie ihn in die

Intrige verwickelte, ihn gewissermaßen zum Mitschuldigen gegen Gertrud

machte, obgleich diese ihm ja genug Kopfschmerzen verursachte, das

empörte ihn, und die Bewunderung für das kaltblütige, zielbewußte

Vorgehen Maggies hinderte nicht, daß er sie für ein herzloses,

unleidliches Geschöpf ansah. Also mochte sie ihre eigenen Wege gehen,

ihn aber aus dem Spiele lassen.

»Kein Wort will ich weiter hören -- kein Wort!« schalt er. »Und heute

kommst du zum letzten Male mit und triffst auf diese Art den Seckersdorf

überhaupt nicht mehr. Ich bin ein ehrlicher Mann, freue mich, wenn ich

meine Töchter gut versorgt weiß; aber so mit List einen Menschen

einfangen, der für die eigene Schwester schwärmt, pfui! Und die Gertrud

-- eine verheiratete Frau! Das kommt eben davon, daß ihr ohne Mutter

aufgewachsen seid.«

Maggie ließ ihn weiter reden und dachte sich ihren Teil. Sie wußte, wenn

er sich die erste notwendige Empörung vom Herzen gesprochen hätte, würde

er sich die Sache überlegen und schließlich sehr froh sein, wenn

zunächst die Kurowskische Eheangelegenheit eingerenkt wäre.

Seckersdorf fanden sie mit einem kleinen Jagdwagen am Treffpunkt vor.

Sein ehrliches Gesicht strahlte, als er Maggie sah. Sie aber hatte eine

widrige Empfindung, fast wie Abneigung, als sie ihm die Hand gab und

dabei dachte: »Diese Freude gilt der Erwartung, von Gertrud zu hören.«

Es schien nun wirklich, als ob ihr Vater sie an einer Aussprache mit

Seckersdorf hindern wollte Er bemächtigte sich seiner ausschließlich,

gab ihm Anweisungen, als sollte jener selbst die Aufsicht übernehmen,

und was das Schlimmste war, Seckersdorf hörte mit vollster

Aufmerksamkeit zu, fragte, ließ sich belehren und sprach selbst so

anhaltend zu den Leuten, daß sie schließlich eine ungeduldige Bemerkung

über seinen Eifer machte.

Er wandte sich um. »Entschuldigen Sie mich,« bat er. »Ich bin Landmann

mit Leib und Seele und kann in Sachsen verwerten, was ich hier lerne.

Wir haben auf Isenburg ganz ähnliche Forstverhältnisse.«

»Sie gehen wieder zurück?« fragte sie, froh, ein Gespräch anknüpfen zu

können.

»Wahrscheinlich.«

Der Oberförster rief ihn, ehe er etwas hinzufügen konnte, von neuem an.

Er hatte an einem der wenigen geschlagenen Stämme ein fremdes

Forstzeichen bemerkt und fragte nach dessen Bedeutung.

Seckersdorf wußte sie nicht. Der Oberförster sprach Vermutungen darüber

aus, warnte vor Holzdieben, die in der Gegend ein freches Wesen trieben;

und darüber ereiferten sich beide Männer so, daß Maggie niedergeschlagen

hinter ihnen herging und ihren heutigen Versuch als verfehlt zu

betrachten begann.

Dabei steigerte sich aber der Wunsch, sich zur Geltung zu bringen,

zugleich mit dem Abneigungsgefühl gegen Seckersdorf, der ihr diese

Absicht so erschwerte. Und als ihr Vater ihr einmal, aus dem Gespräch

heraus, an dem sie nicht teilnehmen konnte, einen listig triumphierenden

Blick zuwarf, kochte eine jähe Wut gegen ihn, Seckersdorf und Gertrud in

ihr auf. Aber dann wurde sie wieder ganz kalt. »Nun gerade!« sagte sie

sich, und wartete zornig und geduldig zugleich.

Und ihre Stunde kam.

Das Wetter änderte sich plötzlich. Der Wind schien die schweren Wolken,

die massig und unbeweglich über dem Wald gestanden hatten, mit einemal

niederzudrücken. Sie fielen als dichter, fast tropfender Nebel nieder,

der sich jeden Augenblick mehr zusammenzog und in kürzester Zeit ein

tüchtiger Landregen werden mußte.

Der Oberförster, der sich auf seine Wetterkunde viel einbildete, war

außer sich. Zwei Tage noch hätte sich das Wetter halten müssen, und nun

äffte es ihn auf solche Weise. »Wenn ich allein wäre, wollte ich

übrigens nicht viel davon reden,« sagte er schließlich. »Aber das kommt

davon, wenn man ein schwacher Vater ist.«

Maggie lachte. »Mir macht doch das bißchen Regen nichts, und mein

Lodenkleid ist auch daran gewöhnt.«

»Aber meine Herrschaften, mein Wagen ist ja da ... Ich fahre Sie

natürlich nach Hause!« sagte Seckersdorf, halb verlegen, halb froh.

Er wechselte mit Maggie einen Blick.

Sie sah ihn erstaunt und vorwurfsvoll an; denn es war wider ihre Abrede,

daß er in das Haus des Vaters kam. Er schien ihr jedoch zu antworten:

»Aber das ist ja =force majeure=, siehst du das denn nicht ein?«

Der Oberförster verstand beide. »Nein, lieber Freund, das nehm' ich

nicht an,« sagte er. »Fünf Meilen in einer Tour ist zu viel für Ihre

Gäule!«

Seckersdorf stutzte. In einer Fahrt? Das war ja eine offenbare Ablehnung

seines Aufenthaltes im Hause, jedes Verkehrs mit ihm. Er verbeugte sich

also und machte ein höflich leeres Gesicht, aus dem doch die mühsam

bezwungene Enttäuschung hervorguckte.

Der große Junge! dachte Maggie ärgerlich.

»Ich will Ihnen aber einen anderen Vorschlag machen, Nachbar,« fuhr der

Alte fort, durch das sekundenlange Schweigen in seinem Vorsatz bestärkt.

»Zu Ihnen haben wir knappe zehn Kilometer. Nehmen Sie mich und mein

Mädel einfach mit nach Romitten, geben uns einen Teller Suppe, und

schicken uns mit den Kutschierpferden oder den Schimmeln nach Hause.

Einverstanden?«

»Mit tausend Freuden,« rief Seckersdorf erleichtert aufatmend. »Wenn

Sie, und vor allem das gnädige Fräulein, in meinem Junggesellenhaushalt

vorliebnehmen?«

Auch Maggie empfand diese Lösung als eine glückliche und freute sich

auf das Abenteuer; denn etwas Ähnliches wäre es doch. Während sie

einstiegen, sagte sie ihm halblaut: »Papa hatte recht, Sie durften nicht

mit!« Dann nahm sie mit dem Vater auf dem Vordersitz Platz, während er

vom Kutschersitz her die Zügel führte.

Man fuhr schweigend aus dem Wald heraus, über die langweilige, von

Ebereschen eingefaßte Chaussee. Der Regen zog sich wie in Wellen über

die Felder zu beiden Seiten, der Wind war still geworden, und kein

lebendes Wesen zeigte sich.

Der Oberförster hatte sich frierend in seinen grauen Regenrock

gewickelt. Maggie saß gerade und steif auf ihrem Platz, auch schweigend.

Nur einmal erkundigte sie sich nach den Grenzen von Romitten, und als

sie erreicht waren, kam eine Art Polykratesgefühl über sie. »Das alles

ist mir untertänig.« Und besonders amüsierte sie, daß der, dem in

Wirklichkeit Feld und Flur einmal gehören sollten, gar nicht ahnte, daß

sie in Gedanken mit ihm teilte, daß sie mit dem festen Willen in sein

künftiges Besitztum einfuhr: »Hier werde ich in kurzem wohnen, wenn ich

es nicht vorziehe, die 'Welt' zu sehen.«

Wie ein Rausch kam es über sie. Ein wilder, energischer Siegerwille

brauste durch ihre Gedanken und gab ihrer Erscheinung einen starken,

neuen Reiz.

Als sie vom Wagen sprang, ehe noch Seckersdorf ihr helfen konnte,

großen, forschenden Blickes das graue Haus musterte, mit einem Lachen,

aus dem ein verhaltenes Jauchzen klang, die Kappe ihrer Jacke vom Kopfe

schob und von der Schwelle der Tür, die man bei dem hastigen und

lautlosen Vorfahren noch nicht geöffnet hatte, den beiden Herren ein

übermütiges »Willkommen!« zurief, da fuhr Seckersdorf zurück vor der

prachtvollen, kraftatmenden Erscheinung des Mädchens, das ihm mit der

ganzen ursprünglichen Frische der Jugend und Hoffnung entgegenlachte.

Dann verlief alles regelrecht und programmäßig. Diener und Hausmädchen

versorgten sie tadellos. Maggie wurde aus der großen Treppenhalle, in

der eine Bank aus altertümlichem Holzrat mit einem riesigen Bärenfell

davor, alte verrostete Kürasse und Waffen und eine Menge vertrockneter

Erntekronen ihr ins Auge fielen, in ein altväterisch behagliches,

molliges Zimmerchen geführt, in dem alles darauf hindeutete, daß es zum

ausschließlichen Gebrauch für Damen bestimmt war.

»Es ist noch von früher her so,« bemerkte das junge adrette

Dienstmädchen, »und der gnädige Herr hat es wieder in Ordnung schaffen

lassen, damit, wenn Damen kommen, die ihren Platz haben.«

Maggie nickte. Sie hätte für ihr Leben gern gefragt, welche Damen den

Junggesellen Seckersdorf besuchten, aber das widersprach ihren

Lebensgewohnheiten doch so sehr, daß sie schwieg und mit dem Mädchen nun

in der herablassend freundlichen, sicheren Weise verkehrte, die den

Leuten so sehr an ihr imponierte.

Frisch frisiert und zurechtgemacht, ging sie unter der Führung des

Mädchens in das Eßzimmer. Von der Halle aus gelangte man unmittelbar

hinein. Es füllte einen ganzen Anbau, hatte hohe Holztäfelung und

ehrwürdigen, unbequemen, aber vornehmen Hausrat; man sah ihm an, daß er

von Generationen benutzt worden war. Fremdartiges, uraltes Tafelgeschirr

bedeckte auch den kleinen, am Mittelfenster hergerichteten Eßtisch; es

stand auf gelblich weißem, feinsten Damast, dessen tiefe Bruchfalten

zeigten, daß es lange im Wäscheschrank geruht hatte. Die altertümlichen

Gläser mit dicken Füßen trugen eine Krone und zwei verschnörkelte

Buchstaben.

Maggie sah das alles mit fast gierigen Blicken. Romitten war ein

ehemaliges Majorat, das schon vor dem Aussterben der letzten

schwachsinnigen Erben von dem jetzigen Besitzer, dem Onkel Seckersdorfs

verwaltet, dann von ihm übernommen war und zu einem neuen Erbgut für

seinen jüngsten Sohn eingerichtet werden sollte.

So erzählte Seckersdorf, nachdem er zu Maggie getreten war. Der

Oberförster fehlte noch; er wechselte auf seine Zureden die Kleider.

Seckersdorf unterbrach sich, da man das Diner anzurichten begann, und

trat mit Maggie in eine Fensternische, anscheinend um ihr draußen auf

dem großen, gelben Rasenrondel etwas zu zeigen.

»Wie steht's?« fragte er hastig. »Was habe ich zu erwarten? Schnell ...

ich bitte Sie ...«

Maggie sah zu Boden. Jetzt war der Augenblick da, in dem sie Gertruds

Schicksal und ihr eigenes in ihrer Hand hielt. Bangigkeit und ein

prickelndes Wohlgefühl zugleich durchschauerten sie, aber schwanken tat

sie nicht.

Sie sah Seckersdorf mit einem bedauernden Blick an, der sich zu einem

Ausdruck innigen Mitleids vertiefte.

»Ich weiß nicht recht,« sagte sie suchend, »Herr von Seckersdorf, ich

müßte da viel sagen. Im Grunde glaube ich ja doch, daß Gertrud an Sie

denkt. Ich glaube es nur! Aber ich habe schließlich nicht so viel

Verständnis für das Verantwortlichkeitsgefühl einer Mutter.«

»Was heißt das, Fräulein Maggie?« fragte Seckersdorf bestürzt. »Haben

Sie Ihrer Schwester gesagt, was ich in Vokellen ...«

Am Glück vorbei · 第 4 / 7 题