Er horchte auf. »Verzeihung! Wenn Sie leise sprechen, hat Ihre Stimme --«

»Ähnlichkeit mit der meiner Schwester!« fiel sie rasch ein. »Ja, es ist

leider die einzige.«

Er machte eine höfliche Bewegung und sah sie unruhig an.

»Wie er erregt ist!« dachte sie. »Ja, ehrlich gesagt, es ist mir wegen

Gertrud lieb, daß ich Sie sprechen kann,« sagte sie hastig, nach dem

Oberförster hinübersehend.

Er erschrak und folgte zerstreut ihrem Blicke. »Wegen Frau von

Kurowski?« Sie nickte.

»Gertrud ist von ihrem Manne fortgegangen,« sagte sie schnell, noch

immer wie ängstlich nach dem Vater blickend, »weil sie Ihretwegen in

rohester Weise von ihm verdächtigt worden ist.«

»Um Gottes willen -- meinetwegen?« Er machte eine hastige Bewegung, als

ob er ihren Arm ergreifen wollte.

»Sie müssen das wissen,« sagte sie, leise und schnell, »weil Papa von

einer geschäftlichen Beziehung zu Ihnen sprach. Sie hätten uns

wahrscheinlich besucht, und da Gertrud mit den Kindern bei uns ist,

unterbleibt das wohl. Ich glaube, es ist besser, Sie treffen meine arme

Schwester überhaupt nicht wieder.«

»Sie meinen, ich soll abreisen? ... Natürlich ... sofort ... wenn es

sein muß ...« Seine Lippen zuckten unter dem Schnurrbart. »Sie ist rüde

behandelt worden?« fragte er zögernd.

Maggie nickte wieder. »Sie will nicht wieder nach Laukischken zurück ...

aber Papa wird sie zwingen ... überreden, wie ...«

»Wie damals,« sagten ihre Blicke. Aber sie sprach es nicht aus.

Er wurde rot und sah vor sich in den Wald, mit Augen, aus denen eine

schmerzliche Erinnerung zu sprechen schien.

Maggie las eine ganze, lange Rede von seinen stummen Lippen.

»Leidet sie sehr ... sehr?« fragte er nach einer Pause. »Ist sie sehr

verändert in diesen acht Jahren?«

»Sie ist völlig niedergebrochen,« sagte Maggie mit Betonung.

»Nicht doch, nicht doch!« murmelte er. »Weiß sie, daß wir, ich meine Sie

und ich, heute hier --« Wie er nach einem augenblicklichen Zusammenhang

zwischen sich und ihr suchte! Wahrhaftig, er ist ihr noch gut, dachte

Maggie.

»Gott bewahre,« sagte sie. »Man muß ihr doch alles fernhalten, was sie

beunruhigen ... ich meine, sie soll nicht ...« Sie stockte, wurde rot

und sah nach der Seite.

»Und Sie glauben, es ist besser, wenn ich gleich gehe?« fragte er

dringend. »Kann ich denn sonst nichts, gar nichts für sie tun?«

Sie zuckte die Achseln und machte eine Bewegung nach dem Oberförster,

der eben zurückkam.

»Papa darf nichts davon wissen!« sagte sie verlegen.

Er sah sie dankbar an.

»Sie lieben Gertrud« -- er erschrak und verbesserte sich -- »Ihre Frau

Schwester sehr?«

»Mehr als alles auf der Welt,« sagte sie aufrichtig. »Und für ihr Glück

brächte ich jedes Opfer.«

In überströmender Herzlichkeit nahm er ihre Hand.

»Wollen Sie ... dürfen Sie ihr sagen ...«

»Was?«

Da stand der Oberförster vor ihnen und schmunzelte vergnügt.

»Freundschaft geschlossen?« fragte er.

»Alte erneuert,« antwortete Maggie.

»Ja, damals waren Sie noch ein ganz kleines Fräulein, das nicht immer

mitgenommen wurde.«

»Und jetzt tanze ich schon regulär sieben Winter.«

»Werden wir Sonntag über acht Tage in Waldlack zusammen sein?« fragte

er, unruhig ihre Augen suchend.

»Papa, du hast ja verheimlicht, daß am Sonntag die Waldlacker

Gesellschaft ist,« wandte sich Maggie an den Vater. »Natürlich also, und

ich freue mich darauf. Meine Schwester, als Strohwitwe, bleibt

wahrscheinlich den ganzen Winter zu Hause, aber ich komme, wo es etwas

zum Tanzen gibt.«

»Und immer viel zu viel,« lachte der Oberförster. »Aber wenn Sie sich

nun den Schlag einmal genau ansehen wollen, lieber Seckersdorf, dann

bitte ... Du kannst hier einen Augenblick ausruhen, Kind. Wir haben ja

noch einen weiten Rückweg.«

Maggie setzte sich auf einen Stein, während die Herren zu den Arbeitern

gingen.

Das Herz war ihr weit und sie fühlte sich beunruhigt. Also, so was gab

es wirklich? Da war ein Mann, schön und jung, vornehm, mit glänzenden

Aussichten, und der sah seine Liebste wieder nach acht Jahren fast --

und obwohl Gertrud nicht mehr so schön war, einem anderen gehört hatte,

Mutter und so ganz anders geworden war, bebte er heute, wenn er ihren

Namen nannte. Und sie ... Kurowski war auch ein stattlicher Mann,

vielleicht noch interessanter als dieser -- aber nein --, dieser

Seckersdorf hatte doch in seiner stillen beherrschten Manier etwas ganz

außergewöhnlich Anziehendes.

So wanderten ihre unruhigen Gedanken hin und her, und zuweilen, wenn sie

seine schlank-kräftige Gestalt in dem knappen Reitanzug zwischen den

Bäumen auftauchen sah, überraschte sie sich auf einem kleinen Anflug von

Neid.

Warum traf sie nie so einen, der ihr seine schöne männliche Erscheinung,

seine vornehme Seele und -- nicht zu vergessen -- seine Reichtümer bot?

Warum trat in ihr Leben kein Mann wie dieser, der so treu blicken, so

fest die Hand drücken konnte? Gott, vielleicht war das alles ein

bißchen langweilig; vielleicht, wenn man sich überhaupt auf so etwas

einließ, hatte Kurowski mit seinem Wechselsystem Recht. Und übrigens,

was grübelte sie über das alles? Sie hatte einfach zu tun, was sie sich

einmal vorgenommen, und sie war auf gutem Wege. Gertrud konnte sich

wirklich freuen.

Dann kamen die Herren. Seckersdorf verabschiedete sich, erinnerte an das

Souper in Waldlack, das sie ihm versprochen, drückte ihr bedeutungsvoll

die Hand und ritt nach der entgegengesetzten Richtung fort.

»Famos, wie er reitet,« sagte Maggie, ihm nachsehend.

»Überhaupt ein Prachtmensch,« stimmte der Oberförster bei. »Glaubst du,

daß er mir das von damals nachträgt? Keine Spur! Und was meinst du,

Döchting, die Gertrud ist dem doch nicht mehr gefährlich.« Er blinzelte

schlau mit den Augen.

»Das kannst du gar nicht wissen,« erwiderte Maggie ernsthaft.

Einsilbig, Luftschlösser bauend und zerstörend, gingen sie heim durch

den starkduftenden Wald.

* * * * *

Inzwischen war Gertruds Jungfer mit der befohlenen Garderobe

eingetroffen und hatte Grüße von dem gnädigen Herrn überbracht, der in

den nächsten Tagen, vor der Reise, noch einmal herüberkommen würde.

Gertrud war heftig erschrocken, sah aber bald aus einem Briefe ihres

Mannes, der ihr fast gleichzeitig durch die Post zugestellt wurde, daß

alles der Jungfer Aufgetragene zu der Spiegelfechterei gehörte, die er

auszuüben beliebte.

Wie er ihr ganz kurz mitteilte, hatte er alle häuslichen Angelegenheiten

so weit geordnet, daß man sie während seiner Abwesenheit mit gar nichts

behelligen würde. Er befahl ihr dagegen einen Besuch in Laukischken nach

dem Ersten jeden Monats, wobei sie sich den Anschein zu geben hätte, daß

sie nach dem Rechten sähe. Sonst hätte er ihr nichts zu sagen, als daß

er Nachricht über die Jungen erwarte, sobald er seine Adresse

telegraphiert haben würde. Alles weitere sollte sich nach seiner

Rückkehr finden.

Gertrud weinte viel über diesen Brief. Die große Unsicherheit ihrem Mann

gegenüber, die alles in ihr zerstörte, woraus sie sich noch einen

Lebensinhalt hätte schaffen können, nahm wieder ganz Besitz von ihr.

Sie wußte nicht einmal zu entscheiden, ob sie die Jungfer behalten oder

wegschicken sollte. Wenn nur Maggie wieder zu Hause wäre! Sie lief vom

Fenster zur Veranda und hinauf in Maggies Stube, von der aus sie den Weg

übersehen konnte. Aber die Erwartete kam nicht, und ihr wurde immer

banger. Sie rief nach den Kindern, die waren ihr aber zu laut und mußten

wieder hinaus; sie ging zu Fräulein Perl, die in der Küche beschäftigt

war, und fragte sie um Rat wegen der Jungfer. Fräulein Perl meinte, eine

Hilfe könnte man jetzt gut im Hause brauchen, aber sie müßte auch

wirklich eine sein. Darüber sprach man nun hin und her, bis Fräulein

Perl ungeduldig wurde.

»Weißt du, Kindchen, ich habe zu tun, überleg dir's doch, es hat ja

keine Eile. Bis zum Abendzug muß die Person ja doch hierbleiben. Laß sie

nur gleich die Sachen der Jungen einräumen.«

»Ja, natürlich.« Sie gab den Auftrag und ging dann wieder auf die

Veranda, um zu warten und zu grübeln.

Mit einem Angstschauer dachte sie an den Brief, den sie eben erhalten

hatte, dachte an ihren Mann, der sie durch seine überlegene Art in immer

größere Hilflosigkeit hineintrieb. Sie konnte sich mit ihrem weichen

zärtlichen Wesen nur entfalten, wo man ihr Liebe bot. Vor harten,

ironischen oder zweifelhaften Worten und Berührungen schreckte sie

zusammen, sah sich angstvoll nach jemand um, der sie schützen könnte,

und verstummte schließlich ganz.

Das war eine Schwäche, eine Verzärtelung, aber sie konnte nicht anders.

In der ersten Zeit ihrer Ehe hatte ihr Mann sie auch darin bestärkt, sie

seine Taube genannt und ihre zurückhaltende Scheu mit heißen

Liebkosungen zu besiegen versucht. Das war ihm nie gelungen. Aber

gegeben, gehorsam und ohne Maß, hatte sie ihm alles, was er wollte; denn

sie fühlte sich im Unrecht gegen ihn, weil sie es nicht freudigen

Herzens tat, und weil hier und da ein schmerzlicher sehnender Gedanke zu

dem anderen flog, an den sie doch nicht mehr denken durfte.

Wie von einem unvergeßlichen Toten hatte sie zuletzt in den vielen

unausgefüllten Stunden ihres Tages von ihm geträumt. Aber nun war er

plötzlich wieder da, hatte ihr mit einem Blick wie früher gesagt: »Ich

hab' dich noch lieb!«

Und da verschwanden mit einem Male alle trübsinnigen Grübeleien; der

Himmel schien ihr so klar und hoch, als müßte sie hinauf, und ein Gefühl

von Sicherheit kam über sie, als wenn sie nun stark und mutvoll der

Zukunft entgegengehen würde. Und das alles nur, weil er wieder da war.

»Aber was willst du von ihm?« fragte dann wieder mahnend das Gewissen.

»Du tust Unrecht. Das ist Sünde, das ist gefährlich ... Du brichst die

Ehe in Gedanken.«

Die Kinder liefen vorüber und schrien ihr zärtliche Worte zu. Da nahm

sie sich zusammen und sagte sich: »Ich will nicht, ich darf nicht an ihn

denken!« Aber ein aufregendes Erwartungsgefühl zitterte doch in ihr,

wich dem einer großen Angst und rang sich wieder durch, so daß sie

zuletzt nicht mehr aus und ein wußte und mit klopfendem Herzen in den

Garten eilte und zwischen den Taxushecken hin und her lief.

In dieser Stimmung traf Maggie sie bei ihrer Rückkehr und erzählte von

der Begegnung mit Seckersdorf. Die paar Worte, die sie mit ihm über

Gertrud gesprochen hatte, nahmen in ihrem Bericht eine feurige Färbung

an und weckten Glücksschauer in der verschüchterten Seele der armen

Frau.

Aber sie wehrte sich dagegen. »Sprich nicht mehr davon, ich fleh' dich

an ... aus Mitleid sprich nicht mehr davon ... Es darf ja nicht sein!«

Doch Maggie wurde immer erregter in ihren Worten. Die ganze fremdartige

Bewegung, die sie selbst am Vormittag empfunden hatte, sprach sie sich

vom Herzen, und zuletzt, als Gertrud sich heiß und bebend aus ihrem

Arme löste, rief sie ihr heftig zu: »Wenn ich du wäre, und solch ein

Mann hätte mich lieb, und ich ihn, dann liefe ich zu ihm und sagte:

'Nimm mich ... gleich ... laß uns nicht eine Sekunde von dem

grenzenlosen Glück verlieren, das wir für einander bereit haben.'«

Gertrud sah sie groß, mit leuchtenden Augen an. Sie wußte, das war

Mädchengeschwätz, in Wirklichkeit würde das ganz anders kommen; und

dennoch, ihr Herz schlug wild, und ein unbezähmbarer, sehnsüchtiger

Wunsch nach dem Einziggeliebten brach sich Bahn.

»Ach, wenn ich heute mit gewesen wäre und hätte ... Nein, nein, Maggie,

du führst mich in Versuchung ... und ich habe Angst ... ich werde

schlecht ... Muß er sich selbst nicht sagen, daß es schlecht ist? Ich

bin eine verheiratete Frau ... Und meine Jungen ... ach, meine Jungen!«

Sie weinte heftig. Aber Maggie fühlte, daß Gertruds Widerstand schon

nachgelassen hatte.

Damit war sie für jetzt zufrieden. Die arme Gertrud mußte ja erst

allmählich wieder zur Selbständigkeit und Glücksfähigkeit erzogen

werden.

Bei Tisch, als der Oberförster Maggie mit Seckersdorf neckte --

absichtlich, um Gertrud dabei zu beobachten, wie Maggie wohl merkte --,

wechselten die Schwestern einen Blick des Einverständnisses, und

Gertrud lächelte ein wenig.

So begann denn der Plan Gestalt anzunehmen, und alles ging langsam

vorwärts.

Maggie sprach unausgesetzt von Seckersdorf und seiner Liebe zu Gertrud,

als von etwas Selbstverständlichem. Sie dachte nicht ganz so, wie sie

sprach, sie glaubte jedoch mit der empfänglicheren Phantasie der

Schwester rechnen zu müssen, und redete sich dann allmählich in immer

größere Wärme hinein. Oft wurde sie müde, wenn Gertrud immer dasselbe

sagte: »Ich bin eine verheiratete Frau und darf an keinen anderen

denken.« Aber sie ließ doch nicht nach und war zum erstenmal zufrieden,

als eines Tages sich zu den üblichen Worten der Zusatz einstellte: »Bis

daß ich frei bin.«

Sie kämpfte so ehrlich, die arme Gertrud. Sie schwankte und glaubte sich

fest, sie beschäftigte sich, so gut sie konnte, im Hause und mit den

Kindern. Aber wenn es ihr mühsam gelungen war, die gefährlichen Gedanken

zu verbannen, stand Maggie da und sagte: »Gertrud, wenn er dich so

sähe,« oder: »Was möchtest du sagen, wenn er die Türe aufmachte und die

Arme ausbreitete?« oder ähnliche Torheiten mehr, die dann immer eine

Überleitung auf das verbotene Thema abgaben.

Allmählich wurde da Gertruds Widerstand immer schwächer. Äußerlich und

auch vor sich selbst. Sie fing an, die vergangenen Ehejahre zu vergessen

und sich, wie in jener kurzen Zeit ihres Mädchenlebens, von dem süßen,

bangen, aufregenden Gefühl beherrschen zu lassen, das in den Gedanken

ausklang: »Er liebt dich noch immer!«

Sie blühte von Tag zu Tag dabei auf. Die ängstliche Spannung, durch die

beständige Furcht erzeugt, etwas nicht recht zu machen, wich aus ihrem

Gesicht, und es gab Augenblicke, in denen die stille, harmonische

Heiterkeit, die früher einen guten Teil ihrer Schönheit ausgemacht

hatte, ihr ganzes Wesen wieder durchleuchtete.

Maggie sah es mit Stolz und fühlte sich gehoben und glücklich.

Gertrud warf sich ihr nun ganz in die Arme. Was noch an Bedenken in ihr

geherrscht hatte, verschwand, und sie gab sich der Schwester mit dem

ganzen vollen Vertrauen ihres reinen, guten, törichten Herzens. Maggie

wunderte sich oft und ärgerte sich auch manchmal über sie.

Ja, wenn Gertrud so war, so unpraktisch ehrlich, so gut, so weltunklug

und unberührt von allem Niedrigen, das sich doch nun einmal nicht aus

dem Leben fortleugnen ließ, dann war es begreiflich, daß Kurowski in

seiner zynischen Gewissenlosigkeit sich unbehaglich mit Gertrud fühlen

mußte.

Ob übrigens Seckersdorf, der einen durchaus zielbewußten, lebensklugen

Eindruck machte, Verständnis für diese träumerisch unweltliche Art

Gertruds besaß? Ob diese Liebe nicht im Grunde doch Einbildung von ihm

war, nur weil er Gertrud nicht bekommen hatte?

Wenn sie so diesen Gedanken folgte, sie weiter ausspann, erschrak sie

zuletzt. Denn das Ende war jedesmal, daß sie sich sagte: »Eigentlich

wäre jeder der beiden Männer, Kurowski wie Seckersdorf, gerade der Mann

für mich, und nun hält Gertrud alle beide. Dafür hab' ich sie aber auch

lieb und will sie glücklich machen,« beruhigte sie sich dann.

»Sonst ...«

Übrigens kühlte sich ihre große Liebe für Gertrud ein wenig ab. Es lag

schließlich doch in Gertruds Art etwas Beschränktheit. Warum hatte sie

sich ihr Leben auf dem prachtvollen Laukischken nicht eingerichtet, im

Winter in Berlin, Paris oder Rom? Wenn nicht mit, dann ohne ihren Mann?

Sie hatte schließlich doch nicht darauf rechnen können, daß Seckersdorf

ihr nach acht Jahren mit Hundetreue wieder begegnen würde.

Diese ganze Empfindsamkeit war eigentlich Blödsinn. Aber da sie nun

einmal die Leitung in dieser Komödie übernommen hatte, sollte auch nach

ihrem Willen gespielt werden.

Darüber kam nun der Sonntag heran, an dem in Waldlack getanzt werden

sollte. Gertrud blieb natürlich zu Hause, hätte aber die Schwester gern

so glänzend als möglich herausgeputzt. Maggie wollte nicht. Sie mochte

nicht anders erscheinen, als ihren Verhältnissen entsprach. Und als sie

dann in ihrem einfachen blaßblauen Kleidchen herunterkam, nur ein paar

frische Rosen von Fräulein Perls selbstgezogenem Rosenbusch an der

Brust, gab Gertrud ihr Recht. Frischer und lieblicher hätte sie in dem

kostbarsten Staat nicht aussehen können, meinte sie, und alt und jung

müßte sich in sie verlieben.

»Und wenn Seckersdorf das täte?« fragte Maggie lachend, aber mit einer

kleinen, innerlichen Bitterkeit.

Gertrud lächelte dazu und sagte: »Der ist ja nicht mehr frei, -- aber

alle anderen.«

Diese Zuversicht! Doch Gertrud hatte sicherlich recht. Mit diesem und

ähnlichen Gedanken beschäftigte sich Maggie auf dem Wege nach Waldlack,

den sie, gut eingehüllt, im Halbwagen mit dem Vater zurücklegte.

* * * * *

Die Waldlacker Tanzgesellschaft war immer die Einleitung der

Wintervergnügungen des Kreises. Alt und jung freute sich darauf; denn

das Waldlacker Haus hatte den ausgedehntesten Umgang, konnte eine Menge

Logierbesuch beherbergen und darum auch Gäste von weit her bei sich

sehen.

Die Waldlacker waren außerdem reich, führten den Haushalt in großem Stil

und sorgten dafür, daß die Saisonneuerungen, die in Berlin für notwendig

erklärt worden waren, in ihrem Kreise eingeführt wurden.

Der Gedanke daran fuhr Maggie durch den Kopf, als der Wagen vor der

Terrasse hielt. »Ach, für mich gibt's heute ja nur Seckersdorf!« dachte

sie aber gleich, halb gespannt, halb widerwillig weiter.

Nun die mit Läufern belegte und überdachte Terrassentreppe -- ein Luxus,

den sich sonst niemand gestattete -- hinauf, in den kleinen Gartensaal,

der, mit Orangen und Palmen geschmückt und farbig erleuchtet, festlich

anmutete. Zu beiden Seiten die Garderoben, in denen die ersten

Begrüßungen und das Instandsetzen der Toiletten eine ausgedehnte Zeit in

Anspruch nahmen.

Maggie hatte immer darauf gehalten, sich mit den Frauen und Mädchen der

Umgegend gut zu stellen; und sie war zufrieden, als man von allen Seiten

auf sie zukam, ihr Zärtlichkeiten sagte, Komplimente über ihr Aussehen

machte, als der Nachwuchs des Jahres sie enthusiastisch und respektvoll

begrüßte und die anderen jungen Mädchen in aller Eile Geschichten zu

erzählen und vielerlei zu fragen hatten, -- die besonders vertrauten

auch nach Gertrud Kurowski, die man gehofft hatte hier anzutreffen.

Maggie antwortete unbefangen in der Lesart ihres Schwagers darauf und

ging auf alles andere heiter ein. Sie freute sich »furchtbar« aufs

Tanzen, ließ sich von den jungen Herren erzählen, die da waren, tauschte

Vermutungen aus, mit wem die oder die den Kotillon tanzen würde, von wem

wohl die Marie Röder das große Bukett haben könnte, mit dem sie so

geheimnisvoll tat, und gab dann schließlich zum besten, daß sie den

vermutlichen Löwen des Abends, Seckersdorf, schon einmal getroffen und

ihn sehr nett gefunden hätte.

Da schwirrten denn die Fragen durcheinander. Ob er noch tanzte, ob er

gut aussähe, ob er bleiben wollte, ob er unverlobt wäre ...

Maggie gab Auskunft, so gut sie konnte, und meinte, wenn's dazu käme,

wollte sie ihn ordentlich ins Gebet nehmen. Dann warf sie noch einen

kurzen Blick in den Spiegel, stellte mit Befriedigung fest, daß sie

entschieden am besten von allen aussah, und trat siegesfroh in den

Gartensaal, wo der Vater sie erwartete.

Sie fuhr ein klein wenig zusammen. Neben ihm stand Seckersdorf.

Er war doch eine prachtvolle Erscheinung, selbst in dem häßlichen

Frackanzug. Der Typus des ritterlichen Mannes, ehrenfeste Kraft in jedem

Zuge.

Er kam ihr entgegen, und nachdem sie einander und den alten Herrn von

Schweitzer begrüßt hatten, der sich dem Vater anschloß, gingen sie

zusammen durch den Saal weiter. Beide befangen und schweigend, bis er

den Anfang machte und stockend fragte: »Gnädiges Fräulein haben den

Rückweg neulich ohne Anstrengung gemacht?«

Nun lachte Maggie. »Natürlich! Aber, bitte, sagen Sie doch lieber einmal

ehrlich, was Sie eben dachten.«

»Ehrlich?« Er sah ihr aufrichtig ins Gesicht.

»Gewiß. Zwischen uns ist Ehrlichkeit doch die erste Bedingung.«

Er nickte und sagte etwas verlegen: »Ich dachte, wie ich eines Abends

vor neun Jahren mit ein paar Kameraden hier stand, -- und aus der

Damengarderobe trat Ihre Schwester heraus, wie Sie heute.«

»Ich besinne mich zufällig auf den Abend auch,« antwortete Maggie

nachdenklich. »Ich war so neidisch auf Gertrud und bewunderte sie so.

Sie trug ein weißes Kleid mit Silber durchwebt.«

»Ja, ja!« bestätigte er. »Damals war hier alles mit Tannen hergerichtet

und eine Art künstliches Mondlicht geschaffen. Keiner von uns hatte Ihr

Fräulein -- Ihre Frau Schwester noch gesehen. Und wie sie da allein

herauskam und sich nach dem Herrn Vater umsah ... Wir standen alle ganz

starr ... So etwas Schönes hatte man überhaupt noch nie erblickt.«

In Maggie erhob sich etwas wie der Neid von damals.

Sie waren an der Türe des Empfangszimmers.

»Darf ich mir den Kotillon sichern?« bat Seckersdorf.

Maggie bejahte freundlich, und begrüßte die Wirte, die ihr besonders

gewogen waren.

Frau von Bork, eine große, schlanke, tadellos angezogene Dame, mit ein

klein wenig aus der Jugend übriggebliebenem Hoftick, fand noch Zeit, ihr

zu sagen, daß sie ihr Seckersdorf als Tischherr zugedacht hatte.

Maggie verschwieg, daß sie auch den Kotillon mit ihm tanzen würde. »Wenn

es sich nicht um Gertrud handelte,« dachte sie, am Arme des Hausherrn in

den Tanzsaal gehend, »welche Gelegenheit für mich selbst!«

Herr von Bork reichte ihr die Tanzkarte, die sofort von Hand zu Hand

wanderte, nachdem Seckersdorf seinen Namen eingezeichnet hatte. Als

Maggie dann den älteren Damen, die noch gruppenweise im Saale

umherstanden, guten Abend sagte und sich hier und da mit einigen

ballfiebernden jungen Mädchen unterhielt, immer von wohlwollenden,

bewundernden Blicken empfangen, war sie schon sicher, daß sie an diesem

Abend wieder die Gefeiertste sein würde.

Das freute sie wegen Seckersdorf.

Als die Musik mit der üblichen Polonäse einsetzte, kam es wie ein Rausch

über sie.

Im Vollgefühl ihrer Jugendschönheit und Macht wuchs sie förmlich, und

dem Rittmeister von Parchemb, auch einer von Gertruds Jugendverehrern,

der sie zum Rundgang führte, hätte sie entgegenjubeln mögen.

Es war doch wunderbar schön, jung zu sein, ein Leben vor sich, die Zügel

fest in der Hand. Vorwärts in alle die Freuden hinein!

Sie sprühte von Ausgelassenheit und Scherzen. Ihr Kavalier, ein schon

etwas schwerfälliger Herr gegen Ende der Dreißig, konnte ihr nicht gut

folgen, freute sich aber an dem Feuerwerk, das so munter auf ihn

niederprasselte, und ersetzte durch bewundernde Blicke, was ihm an

schlagfertigen Entgegnungen fehlte. Den Kameraden konnte er hinterher

nicht genug von dem schneidigen Mädel erzählen, und so drängte man sich

um Maggie mit Bitten um Extratouren und mit Scherzworten, die im

Vorübergehen hingeworfen und lachend erwidert wurden. Es machte bald den

Eindruck, als ob sie die einzige Dame wäre, die man für beachtenswert

hielt. Die zuschauenden Mütter begannen die Köpfe zusammenzustecken, die

tanzenden Töchter, die von ihren Herren minutenlang ohne Unterhaltung

gelassen wurden, weil man beständig zu der Ecke hinübersah, in der

Maggie Hagedorn mit dem jungen Prittwitz, einer der besten Partien des

Abends, lachte, machten unzufriedene Gesichter, kurz, Maggie fing an,

ihre bisher mit so viel Opfern gehaltene gute Stellung am heutigen Abend

bei den Damen zu verlieren.

Sie merkte das wohl, aber es lag ihr heute nichts daran. Sie wollte sich

amüsieren, froh sein, ausgezeichnet werden. Sie wollte zeigen, daß man

nicht schön zu sein brauchte wie Gertrud, um doch alle Welt an sich zu

fesseln. Aber wem wollte sie es denn zeigen?

In einem Anfluge von Schuldbewußtsein atmete sie beklommen auf und sah

gedankenvoll zu Seckersdorf hinüber. Er hatte nur Extratouren mit ihr

wie mit allen Damen getanzt und sich ihr weiter nicht genähert. Aber sie

fühlte, daß er sie beobachtete, und ihr war, als ob sie sich vor ihm

allein als gefeierte Ballkönigin zur Schau stellte.

Und endlich kam das Souper. Maggie war müde geworden von dem vielen

Tanzen und Schwatzen und lehnte sich fest auf den Arm Seckersdorfs. Er

führte sie zu einem Platz der hufeisenförmig gedeckten Tafel, an dem sie

neben dem Gourmet Beckers saß, während sich ihm zur Seite ein neu

verlobtes Brautpaar befand, und die Gegenübersitzenden ihnen durch einen

hohen Tafelaufsatz verdeckt waren. Hatte er diesen abgelegenen Platz so

ausgesucht, oder war es ein Zufall? Sie sah fragend zu ihm auf. Er

verstand.

»Ich bin der Attentäter, Fräulein Hagedorn,« sagte er. »Werden Sie nicht

bereuen, daß Sie mir das Souper gegeben haben?«

»Was glauben Sie denn?« fragte sie geradezu. »Ich habe doch immerzu

daran gedacht, daß wir uns jetzt aussprechen würden. Ich sah es ja auch

Ihnen an, wie Sie darauf warteten.«

Ja, er hätte mit Spannung gewartet, alle die Tage, und er wäre glücklich

gewesen, wenn er sie hätte sprechen können. Sie hätte ihn durch ihre

Andeutungen neulich in große Unruhe versetzt. Er wüßte nicht, wie es

durch ihn zu einem so schweren Mißverständnis hätte kommen können. Der

Gedanke peinigte ihn furchtbar und er bäte Fräulein Maggie inständig,

ihm alles zu sagen.

Maggie lehnte sich in ihren Stuhl zurück und sah ihn von unten herauf

ernst an.

»Herr von Seckersdorf ... Vertrauen gegen Vertrauen. Lieben Sie meine

Schwester Gertrud noch?«

Am Glück vorbei · 第 3 / 7 题