Fräulein Perl führte die Jungen in das Eßzimmer.
Der Oberförster war rot geworden. Seine Blicke suchten unruhig die
Tochter.
»Hoffentlich kommst du mir nicht ...«
Gertrud machte eine kleine Bewegung mit der Hand, und er war still,
musterte sie aber mit mißtrauisch finsteren Augen. Maggie nahm ihre
herabhängende Hand und küßte sie.
»Ja, Papa!« sagte Gertrud. »Du mußt mich mit den Kindern schon bei dir
behalten. Kurt hat mich fortgejagt. Er hat das schon oft getan, aber
diesmal hab' ich ihn beim Wort genommen. Ich kann nicht mehr bei ihm
bleiben.«
»So ... du kannst nicht mehr bei ihm bleiben? Und weshalb denn nicht?
Hat wohl eine von deinen horrenden Schneiderrechnungen nicht gleich
bezahlen wollen? Oder kein Fuhrwerk gegeben, oder so eine ähnliche Untat
begangen? Nein, mein Kind, ich bin dem Kurowski weiß Gott nicht grün.
Aber daß meine Tochter ihm so einfach von Haus und Hof läuft, sagt: Ich
kann nicht bei ihm bleiben ... das gibt's bei mir nicht!«
Er lief hin und her. »Was war denn los?« polterte er endlich und blieb
vor ihr stehen.
Sie weinte.
»Heul' nicht ... erzähl'!« sagte er ungeduldig.
Da nahm Maggie sie in die Arme.
»Wenn unsere Trude so ankommt wie jetzt, dann muß was Großes passiert
sein. Quäle sie nicht, Papa. Meine arme, arme Trude!« Sie streichelte
das zarte Gesicht und setzte die Schwester in den Lehnstuhl. »Sieh sie
doch an. Ist das denn menschenmöglich? Bist du krank? Was hat er dir
getan, Liebling? Nein, sag' nichts, das bekommen wir schon allmählich
heraus, lehne dich an und weine -- weine, das wird dir gut
tun.«
Die junge Frau legte gehorsam den Kopf an die Lehne und machte die
langbewimperten Augen zu. Ein leises schauerndes Zucken hob ihre
Schultern.
»Laßt mich hierbleiben ... laßt mich hierbleiben. Papa, ich bin doch
deine Älteste ... du hast mich doch lieb ... laß mich hierbleiben!«
Der Oberförster schlürfte herum. Dann waren alle still. Der Wind heulte
wie vorhin, die Lampe summte, und im Nebenzimmer jauchzten die Knaben
und kläfften die Hunde.
»Was hat er dir getan?« fragte der Vater und legte seine große Hand auf
das kleine weißblonde Köpfchen der Tochter. Die richtete sich auf und
schmiegte sich in seinen Arm.
»Von Tag zu Tag ist es schlimmer geworden. Ich habe geduldig
stillgehalten. Zuletzt dachte ich auch, ich wäre so schlecht, so häßlich
und so untauglich, wie er immer sagt, und da wär' nun nichts mehr zu
ändern. Ich habe fast kein Wort mehr sprechen können, aber fortgelaufen
wäre ich doch nicht. Ich weiß ja ... die Kinder ... und der Skandal!
Aber gestern abend hat er mir vorgeworfen, daß ich ihn schamlos betrogen
habe und ihn von neuem betrügen wollte. Da hab' ich mir's über Nacht
überlegt, habe die Kinder genommen und bin nach der Station, nach Winge
gegangen.«
»Drei Stunden! In diesem Wetter!« fluchte der Oberförster.
»Die Jungen sind abgehärtet und gut zu Fuß. Dann, in Friesstein, fand
ich Fuhrwerk hierher.«
Maggie sah finster und tiefatmend auf die Schwester. Der Oberförster
schüttelte sich. Er konnte nicht lange unbehagliche Dinge tragen. Er
schob sie einfach von sich.
»Wir sprechen morgen mehr darüber!« sagte er. »Die Sache werd' ich
wieder einrenken. Dir soll dein gutes Recht werden, darauf verlaß dich.
Vorläufig nehm' ich an, daß du deinen alten Vater auf ein paar Tage ...«
Gertrud richtete sich angstvoll auf. Maggie setzte sich zu ihr auf die
Seitenlehne des Sessels und legte den Arm um ihre Schultern.
»... ein paar Tage, sag' ich,« fuhr der Alte fort, »besuchst, wie
sich's gehört. Und dann werden wir weiter sehen. Weiß er, daß du hier
bist?«
»Ich habe einen Brief zurückgelassen.«
»Na, da haben wir also zu erwarten, daß er mit Trara hier anrückt und
dich und die Jungens zurückholt.«
»Glaub' das nicht,« sagte Gertrud. »Er wird froh sein, daß er allein
bleibt ... Vorläufig ... bis ...«
»Donnerwetter!« murrte der Oberförster.
Maggie sprühte vor Empörung über den Widerstand des Vaters.
»Na,« sagte der dann einlenkend, »wir werden sehen. Reg' dich jetzt
nicht auf. Und nun ... Jungens, herein!«
* * * * *
Die Knaben, an die Fräulein Perl großmütterliche Ansprüche machte, lagen
in den ehemaligen Kinderbettchen von Mutter und Tante und konnten vor
Jubel und Aufregung nicht einschlafen.
Gertrud und Maggie, die nach gequältem, unpersönlichem Gespräche sich
nun endlich zur Ruhe begeben wollten, kamen noch einmal zu ihnen. Die
Mutter küßte sie leidenschaftlich und fing bitterlich an zu weinen.
Maggie zog sie fort.
»Nicht doch, Trude, Alte! Auf Kindergesichter sollen keine Tränen
fallen. Komm, wir sind ja jetzt für uns, da kannst du dich hübsch
ausklagen.«
Sie traten in die geräumige Balkonstube, die sie schon vor Jahren
gemeinsam bewohnt hatten. Gertruds altes Bett war in derselben Ecke, in
der es früher gestanden hatte, für sie hergerichtet.
Etwas erstaunt sah die junge Frau sich um und hörte auf zu weinen.
»Du, was hast du mit unserer hübschen Stube gemacht?« fragte sie.
»Den Plunder hinausgeworfen,« sagte Maggie vergnügt. »Die Kattungardinen
und Mullvorhänge, die Makartsträuße, na alles. Nur die Puffs hier, dein
glänzender Einfall, die höchst eigenhändig gepolsterten Bierfäßchen, die
sind noch da, folgen aber auch, sobald ich was Besseres habe. Dafür ist
dieser famose alte Schrank zugekommen, da der Stuhl, echt Empire, und an
deinem Bette der Gobelin. Hübsch, was?«
»Nein,« sagte Gertrud energisch. »Früher war's ein hübsches, luftiges
Nestchen mit all dem unschuldigen Mädchenausputz; jetzt kommt es mir wie
eine leere Trödelbude vor. Wo ist der Toilettentisch?«
»Alles weg. Als ich -- wann war's doch? -- Februar oder März zuletzt bei
euch war und deine neue, wundervolle Schlafzimmereinrichtung sah -- sie
ist einfach herrlich, wie überhaupt alles in Laukischken, ich weiß gar
nicht, wie du es hier aushalten wirst -- ja, also, wie ich da nach Hause
kam und hier den Firlefanz vorfand, hab' ich vor Wut geweint, und alles
Billige und Unechte abgerissen.«
Gertrud sah sie aus großen Augen an.
»Neidisch, Maggie?« fragte sie. »Lieber Gott!«
»Neidisch auf dich, Trude? Nein. Aber, daß man so was haben kann, und
daß ich es nicht habe, das ärgert mich. Und bis ich so weit bin, will
ich lieber kahl und einfach hausen.«
Gertrud schüttelte den Kopf.
»Du,« sagte Maggie lebhaft, »unterschätze das nicht, was du so leicht
aufgeben willst. Es hängt mehr daran, als man glaubt. Sieh mal, ich
wette, du vermissest schon deine Jungfer, kannst dir die Taille nicht
aufmachen, die Stiefel nicht ausziehen und weiß Gott, was noch alles.«
»Ich werde das alles ganz leicht wieder lernen,« sagte Gertrud bittend.
»Und heute hilfst du mir ja doch ein bißchen, nicht wahr?«
Maggie umarmte sie stürmisch und stand ihr mit zitternden Händen bei.
Als sie das prachtvolle Haar löste, das weißschimmernd über die
Stuhllehne fiel, legte sie das Gesicht hinein und fing an zu weinen.
Und Gertrud drehte sich um und weinte krampfhaft mit. Und dann setzten
sie sich auf eines der schmalen Mädchenbetten und hielten sich
umschlungen, nannten sich mit den alten Kinderstuben-Kosenamen und
sagten, nun wäre es wie früher.
Dann fuhr Maggie auf. »Der Schuft, der Schuft! Was hat er aus dir
gemacht? Wo ist deine goldige, himmlische Schönheit hin? Du hast ja
Falten ... da ... und da ... und grau und mager bist du geworden ... und
doch erst achtundzwanzig Jahre!«
Gertrud lächelte traurig. »Das ist ja sein Ärger auch beständig, daß ich
so häßlich werde,« sagte sie. »Mir ist's gleichgültig; das heißt, nein
--« Sie weinte wieder bitterlich.
»Ach, du bist ja doch noch immer die Schönste von allen,« tröstete
Maggie. »Und dir fehlt ja nichts als ein bißchen Glück, meine arme, arme
Trude. Was machen wir nur? Sprich dich aus, wenn du magst, mein liebes
Herz.«
Doch Gertrud konnte nicht gut von sich reden. Wenn sie ihren Mann
verklagt hatte, schwächte sie die Anklage gleich ab. Sie erschrak, wenn
sie ein hartes Wort aussprach, und suchte nach einem milderen Ausdruck,
wenn sie etwas gar zu schroff genannt hatte.
Aber in diesen rührend abgebrochenen Sätzen lag ihre ganze Geschichte.
Maggie sah dabei förmlich den Schwager mit seinem spöttischen
Lebemannsgesicht, hörte seine grausamen Worte, gegen die das arme, zarte
Weib da wehrlos war. Sie zitterte mit der hilflosen Schwester unter den
seidenen Decken, wenn sie im Geiste ihn sich vorstellte, wie er heiß und
angetrunken in das Schlafzimmer trat, und sie schrie auf, als Gertrud
etwas von Gewalt murmelte.
»Geschlagen? ... Dich?«
»Nein. Aber wenn ich nicht immer still gewesen wäre ...«
»Trude, weshalb bist du nicht längst fortgelaufen?«
Sie schwieg. Sie zog frierend die Spitzen ihres Pudermantels fester um
die Schultern und sah mit ihren großen, traurigen Augen so hilflos um
sich, daß Maggies Herz vor Trauer und Empörung schwoll.
»Komm zu Bett,« sagte sie. »Du bist kalt. Ich bleibe bei dir sitzen und
nehme deine Hand, mein armes Kind. Weißt du, wie du früher tatst, wenn
ich Spukgeschichten gelesen hatte und nicht einschlafen konnte. Komm ...
komm.«
Und sie zog die Schwester aus und brachte sie mit mütterlicher Sorgfalt
zu Bette.
Gertrud ließ sich alles gefallen und sagte, das täte gut. Wenn sie nur
bleiben dürfte! Bei Maggie wäre ihr wohl, da hätte sie keine Angst.
Maggie dehnte den prachtvollen, üppig schlanken Leib. »Es sollte auch
mal einer wagen, dir zu nahe zu kommen. Für dich setze ich alles ein,
was ich übrig behalte, wenn ich für mich gesorgt habe.«
Gertrud richtete sich auf und sah sie fragend an. »Warum sagst du so
was?«
»Weil es wahr ist, Trude. Ich kann nun mal nicht anders. Ich muß immer
zuerst an mich denken, und was für mich am bequemsten und besten wäre.
Aber dann kommst du, Liebling. Du bist das einzige, was ich ganz
liebhabe. Von Kindheit an. Vielleicht, weil du so anders bist. So
zerbrechlich und so schön und gut.«
»Ach, Maggie, ich bin nichts, als zuviel auf der Welt,« weinte die junge
Frau.
Maggie löschte die Lampe und setzte sich zu ihr.
»Nun wollen wir mal vernünftig reden, Kind!« sagte sie. »Sei still,
erzähle mir nur, wie das denn nun so mit einem Male zum Klappen gekommen
ist.«
Aus dem Schluchzen und den unverständlichen Worten klang ein Name voll
heraus: »Seckersdorf«.
Maggie fuhr zusammen. »Hast du ihn noch immer lieb?« fragte sie leise.
»Gott bewahre! Nein, nein, nein!« sagte Gertrud heftig. »Aber wir trafen
neulich in Waldlack zusammen. Ich hatte keine Ahnung, daß er hier ist.
Und wir saßen bei Tisch zusammen.«
»Und da hat er dir den Hof gemacht?«
»Ach, nein. Wir haben uns nur angesehen. Aber, Maggie, das Herz wurde
mir ganz schwer. Die lieben, stillen, blauen Augen. So vorwurfsvoll und
traurig.«
»Und was sagte er?«
»Wir haben nur wenig gesprochen, aber Kurt behauptete nachher, ich hätte
mich lächerlich gemacht, und jeder Mensch hätte sehen können, daß ich
mich betragen habe, wie eine ... eine ... Ich habe ihn ja vielleicht
auch liebevoll angesehen. Aber wahrhaftig nicht absichtlich. Ich möchte
lieber tot sein, als das tun.«
»Und Kurt machte dir zu Hause eine Szene?«
»Oh, er war maßlos. Ich kann all die Beschimpfungen gar nicht
wiederholen. Und er jagte mich fort. Ach, Maggie, du hast ja keine
Ahnung, wie furchtbar es ist, verheiratet zu sein.«
»Doch, doch!« sagte Maggie. »Ich kann dir sagen, wenn man nicht alt
würde, oder sehr reich wäre und leben könnte, wie man wollte, ich wäre
die Letzte, die ans Heiraten dächte. Übrigens mit deinem liebenswürdigen
Manne möcht' ich doch noch besser fertig werden als du, mein armes Kind.
Hast du dir das denn auch stillschweigend gefallen lassen?«
»Nein!« sagte Gertrud. »Es war zu viel. Ich hatte auch etwas mehr Mut.
Weißt du, es ist ja Unsinn und auch unrecht; aber ich hatte nicht so
gräßliche Angst, weil ich weiß, daß 'er' wieder da ist. Und wie die
Quälereien nun fortgingen, da ...«
Ein langes Schweigen entstand. Maggie ergänzte sich alles, was die
Schwester stockend verschwieg. Sie dachte auch an die Zeit zurück, in
der Gertrud hier Nacht für Nacht geweint und ihr auf ihre kecken Fragen
zugegeben hatte, daß sie sich vor ihrem Bräutigam fürchte, daß sie am
liebsten vor der Hochzeit sterben möchte.
Ihr, mit ihren sechzehn Jahren, war das überaus interessant vorgekommen,
aber schließlich selbstverständlich. Die unglückliche Liebe zu dem
blonden Leutnant Seckersdorf, von der im Hause viel die Rede war, hatte
die schöne Schwester mit ganz besonderem Glanze umkleidet. Daß dann
nichts daraus wurde, daß der reiche, verwöhnte, vornehme Laukischker
Kurowski kam und Gertrud ihn unter tausend Tränen nahm, das hatte ihrem
Backfischverstand sehr gut gefallen, und wenn sie später dann die
Schwester gesehen, von Luxus umgeben, dann war das eben alles ein Stück
des Romans gewesen, den sie sich zurechtgebaut hatte, in dem die schöne,
weißhaarige Gertrud und ihr brünetter, kraftvoller Mann allen Wünschen
jungmädchenhafter Romantik entsprachen.
Wie lange machte sie sich nun schon keine Illusionen mehr über die
wirkliche Lage der Dinge! Wie lange wußte sie, daß Gertrud tief
unglücklich, daß ihr Leben ein verfehltes war, daß man eine Sünde
begangen, als man sie in diese Ehe mit dem rüden Kurowski hineingeredet
hatte.
Aber wie war dieses Hineinreden möglich gewesen? Sie selbst, das wußte
sie, würde nicht einen Augenblick zwischen dem reichen Kurowski und dem
damals armen Leutnant Seckersdorf geschwankt haben; denn über alles
»Gernhaben« hinaus würde sie immer zu allererst nach einer Stellung
streben. Aber Gertrud, die ehrliche, weiche, liebebedürftige Gertrud,
die niemals rechnete, wie hatte die sich durch äußeren Glanz bestechen
lassen können?
»Trude, weshalb hast du ihn nur genommen? Du hattest Seckersdorf doch
lieb!« fragte sie nach dem langen Schweigen.
Gertrud legte den Kopf auf ihren Schoß. »Ach liebes Kind, das kam alles
so schnell. Und Hans selbst gab mich auf. Da wollte ich ihm zeigen ...
Aber das sind alte, alte Geschichten. Wir armen Frauen lernen die
Wirklichkeit ja erst kennen, wenn wir heiraten.«
Maggie schüttelte den Kopf und streichelte die Haare der Schwester. Sie
kannte die Wirklichkeit, auch ohne viel erlebt zu haben, sie wußte, sie
hätte sich mit dem allen sicherlich anders abgefunden.
»Sage mal, Gertrud,« die Frage schoß ihr durch den Kopf, »wußte
eigentlich Kurt von der Sache mit Seckersdorf?«
»Natürlich. Schon ehe wir uns verlobten. Ich glaube übrigens, daß alle
Welt es wußte. Und dann, in den ersten Tagen nach unserer Hochzeit,
dachte ich, ich wäre es ihm schuldig, alles, alles zu beichten, jede
Begegnung, jedes Wort, das ich je mit Hans ... mit Seckersdorf
gesprochen hatte.«
»O weh, o weh!« sagte Maggie. »Das hätt' ich schon nie getan. Was wird
der sich daraus zurechtgemacht haben?«
»Ach, nein,« sagte Gertrud. »Er weiß ja, daß ich aufrichtig bin.«
»So? Und der Auftritt von neulich? Sag' mir, liebes Herz, sag' mir
einmal alles, was du ihm erzählt hast, ich meine, was du zu erzählen
hattest. Ich möchte dir gern helfen, aber dann muß ich auch wissen, wie
das mit Seckersdorf kam, -- wie ihr auseinandergingt.«
Da erfuhr sie denn die unschuldig harmlose Liebesgeschichte, die sich
vor acht Jahren zwischen Hans Seckersdorf und Gertrud Hagedorn
abgespielt hatte, so harmlos, daß sie banal gewesen wäre, ohne Gertrud
als Heldin.
Maggie sah sie deutlich vor sich, in der ersten leuchtenden
Jugendschönheit, die sie von der englischen Mutter geerbt hatte.
Vollendet in den regelmäßig zarten Formen, von einem Farbenzauber, der
fast überirdisch schien, und dazu das üppige, weißblonde Haar, das
seinesgleichen in der Welt nicht fand.
Der Welt! Maggie mußte lächeln. Die ganze kleine Welt ihrer Umgebung
irrte einen Augenblick an ihren Gedanken vorüber. Gutsbesitzer,
Leutnants, wieder Gutsbesitzer, alt -- jung, zum Verwechseln gleich. Was
kümmerte sie das jetzt?
Aber in Gertruds Erzählung wurde der ganze Zauber der Mädchenzeit
lebendig. Tanzgesellschaften, Picknicks, Theaterspiel, Blickewechsel und
leise Händedrücke. Hier und da ein kleines Mißverständnis, sehr ernst
geweinte Tränen, Versöhnung in einer Kotillontour. Und Glückseligkeit
und Hoffnung das immer wiederkehrende Leitmotiv dieses Idylls.
In Waldlack, wo sie sich eben jetzt getroffen, hatten sie sich damals
versprochen. Er hatte mit seinem Onkel unterhandeln wollen, demselben,
der ihn jetzt, nach dem Tode seiner beiden Söhne adoptiert und mit
Reichtum überschüttet hatte; sie dagegen hatte ihn gebeten, erst mit
ihrem Vater zu sprechen. Das war geschehen, und Maggie kannte das Ende
aller Verhandlungen -- das Ende ihres Glückes.
In der Zeit gerade war Kurowski von Kurland gekommen und hatte
Laukischken gekauft.
»Du weißt ja, wie er von Anfang an war!« sagte Gertrud seufzend.
»Überall hat er gesagt, er müsse mich bekommen, und Hans mußte still
dazu sein. Wir wollten damals warten. Ach, Maggie, wir haben ja niemals
viel zusammen gesprochen, leider. Aber wenn wir uns einmal ansahen, dann
wußten wir, sagte jeder dem andern: 'Ich hab' dich lieb für ewig!' So
über den ganzen Tisch weg, oder durch den Saal. Deshalb dachte ich mir
auch gar nichts, wenn ich mit Kurt zusammen saß, und hörte kaum auf
seine übertriebenen Schmeicheleien. Und als Hans mir dann einmal eine
kurze Andeutung machte, zog ich mich auch gleich zurück. Aber es war
schon zu spät. Kurt hielt um mich an. Das weißt du ja alles, wie ich
'nein' sagte, und Papa und die Perl außer sich waren und quälten und
quälten! Und dann kam Hans an dem schrecklichen Sonntag, im Helm, weißt
du noch? seinen Abschiedsbesuch machen, so ganz aus heiterem Himmel, und
bat mich um eine Unterredung. Wir gingen in Papas Stube. Ich hatte ja
keine Ahnung, daß er mit dem schon vorher alles abgeredet hatte, ich
dachte, er wollte mich in die Arme nehmen, ein einziges Mal, und ich
breitete ihm schon meine entgegen. Da schüttelte er den Kopf und sagte:
'Gertrud, ich habe Sie um diese Unterredung gebeten, um Ihnen Ihr Wort
zurückzugeben, Sie von jeder Verpflichtung zu lösen, wenn je eine
bestand.' Ich war wie versteinert. 'Weshalb, weshalb, was habe ich denn
getan?' Er sagte: 'Sie? Nein. Sie nichts und ich nichts. Aber die
Verhältnisse. Es geht nicht! Solange ich lebe, werde ich an Sie denken.
Leben Sie wohl!' Nicht einmal die Hand gab er mir, und lief hinaus. Und
ihr alle kamt herein! Weißt du's noch?«
»Alles, Alles!« sagte Maggie. »Man, oder gut deutsch gesagt, Papa,
erzählte uns, daß Seckersdorf sich habe versetzen lassen, um sich zu
rangieren und eine gute Partie zu machen. Ich glaube, er nannte auch
einen Namen. Und es wunderte sich keiner darüber. Ich weiß noch, daß
Kurowski bei seinem nächsten Besuche sehr nett von ihm sprach. Na ...
und so weiter. Wir wissen ja, wie alles andere dann kam. Und daß ein
halbes Jahr später Seckersdorf ... Reg' dich nicht auf, Liebling!«
»Nein, nein,« sagte Gertrud. »Das ist ja alles lang überwunden, muß es
ja sein. Ich habe auch die Kinder und bin eine alte Frau geworden. Und,
Maggie, wenn ich's mir überlege, es ist ja Wahnsinn! Ich will mich von
Kurt trennen, und ich klage dir von Seckersdorf vor. Ich verstehe mich
selbst nicht.«
»Ich habe das alles ja von dir herausgelockt,« tröstete Maggie. »Weißt
du was? Wir wollen jetzt gar nichts mehr reden, wir wollen versuchen zu
schlafen. Und morgen überlegen wir alles.«
Sie küßte die Schwester und ging zu Bett.
Es war nun still im Zimmer. Aber draußen brauste es in den Buchen, wie
ferne Meeresbrandung.
»Trude!« sagte Maggie plötzlich.
»Ja?«
»Trude, du mußt von Kurt geschieden werden und mit Seckersdorf wieder
zusammenkommen.«
»Um Gottes willen!« rief Gertrud entsetzt.
»Ich lege mir eben alles zurecht. Du bleibst ganz aus dem Spiel. Du
darfst ihn nicht sehen und nicht sprechen ... Ich mach's. Gott sei Dank,
etwas Vernünftiges zu tun! Trude, Darling, du sollst doch noch glücklich
werden.«
»Maggie,« sagte Gertrud leise, »du meinst es gewiß sehr gut. Aber ich
bitte dich, sprich so etwas nicht wieder aus. Ich will mich rein halten,
auch in Gedanken. Mache mir das nicht schwer!«
»Still!« rief Maggie. »Ich sage dir ja, ich nehme alles auf mich. Du
bleibst natürlich unsere weiße Lilie und blühst uns wieder auf und ...
Gute Nacht, liebes Kind!«
* * * * *
Am Morgen hatte das Wetter sich ausgetobt. Über die bunten Laubbäume
strichen gelbe Sonnenbahnen. Grauweiße Wolken ballten und jagten sich
hoch oben, und klar, tiefblau leuchtete der Himmel dahinter vor. Weit
ins Land hinein wogte das grüne Waldmeer. Herbe Duftwellen schwangen
sich von ihm durch die Luft.
Gertrud sah froh hinunter.
»Der alte, geliebte Blick ins Grüne und der Harzgeruch. Man fühlt
ordentlich, daß man hier gesund werden muß.«
»Oder krank vor Langeweile, wenn man gesund ist,« meinte Maggie. »Nun
komm, unten gibt es Neuigkeiten. Einen Eilbrief von Laukischken.«
Gertruds Gesicht nahm die gewohnte, schwermütig hilflose Färbung an.
»Mein Gott! Mein Gott!«
In der Eßstube saß der Oberförster mit sorgenvollem, verärgertem Gesicht
am Kaffeetisch. Er streckte den Töchtern einen Brief entgegen. »Lest ...
Lies vor, Maggie.«
Maggie nahm ihn achselzuckend und mit geringschätzigem Lachen.
»Natürlich soll sie zurück. Aber hab' keine Angst, Trude, wir geben euch
nicht heraus.«
»Lies doch!«
Gertrud sah nach den kleinen, frauenhaft zierlichen Schriftzügen.
Maggie las:
»Mein verehrter Herr Schwiegervater!
Wenn wir in der letzten Zeit auch nicht besonders gut Freund gewesen
sind, so will ich unseren Mangel an Übereinstimmung doch nicht meine
Frau entgelten lassen. Es ist mir lieb, daß sie mit den Jungens
einen Unterschlupf bei Ihnen sucht, für die paar Monate, in denen
sich's bei der verzärtelten Gesundheit der kleinen Person schlecht
in Laukischken hausen läßt. Sie wissen doch, daß wir den Schwamm in
den Schlafzimmern entdeckt haben, und daß ich besorgt bin, meine
Familie den Winter über da zu lassen. Da nun Gertrud durchaus nicht
nach Berlin will, und ich für meine Person für kurze Zeit dorthin zu
reisen gedenke, bin ich ganz einverstanden, wenn sie -- mit Ihrer
Erlaubnis natürlich -- den Winter in den alten, kleinen und stillen
Verhältnissen zubringen will. Sobald ich eine Änderung in diesem
vorläufigen Plane wünsche, melde ich mich. Ihnen, mein verehrter
Herr Schwiegervater, vertraue ich für diese -- sagen wir -- drei
Monate die Ehre meines Hauses an. Auf gut deutsch: Passen Sie
freundlichst auf, daß Frau Gertrud von Kurowski frei bleibt von
jedem Schein klatschhafter Nachrede. Ich danke Ihnen im voraus
dafür, küsse meiner liebenswürdigen Schwägerin die Hand, grüße die
Jungen und Gertrud herzlich und bin bis auf weiteres
Ihr sehr ergebener
Kurt von Kurowski.
=P. S.= Für die kleinen Bedürfnisse meiner Frau und der Kinder lege
ich 3000 M. bei, da ich nicht weiß, ob Gertrud genügend versehen
ist. Für etwaige größere Ausgaben inliegenden Blanko-Scheck.«
»Soll man sich da ärgern oder lachen?« sagte Maggie, den Brief auf den
Tisch werfend.
»Man soll die Dinge nehmen, wie sie liegen,« sagte der Oberförster kurz,
und stand auf. »Du bist vorläufig unser lieber Gast, Gertrud. Richte
dich ein, wie's dir paßt.«
Auch Gertrud war aufgestanden und ging erregt im Zimmer umher.
»Da habt ihr ihn, wie er ist!« rief sie nervös. »Immer Katze und Maus
spielen, ernsthafte Dinge geringschätzig und leichtfertig behandeln ...
höhnisch, liebenswürdig, nie zu fassen ... Ich bin sieben Jahre seine
Frau gewesen und weiß heute noch nicht, was er will ... Oh, Papa, Papa.
Du denkst doch nicht daran, mich zu ihm zurückzuschicken?«
Der Oberförster sah mürrisch nach der Seite. »Vorläufig bist du da, und
dann werden wir weiter sehen,« sagte er. »Die Lesart, die er wünscht,
kann man ja den Leuten beibringen. Ob sie freilich daran glauben werden?
... Na, ich kann heute den Anfang damit machen ... Ich muß nach
Vokellen. Habe zugleich -- aber davon wollt ihr jetzt wohl nichts hören.
Richtet euch ein, Kinder, ich komme erst spät wieder.«
Er küßte Gertrud in verlegener Zärtlichkeit und schüttelte Maggie die
Hand.
»Du, Papa!« sagte Maggie. »Für alle Fälle mußt du noch wissen, daß
Kurowskis sich wegen Seckersdorf erzürnt haben. Aus deiner Verabredung
mit ihm kann nun wohl nichts werden?«
»Was Kuckuck?« fuhr der Alte auf. »Was ist das für Unsinn? Da kenne ich
doch meine Gertrud! Und meinem Schwiegersohn zu Gefallen? Nein, davon
ist keine Rede. Laß sich die Gertrud in acht nehmen. Und hier ins Haus
braucht er ja nicht zu kommen.«
Gertrud zog die Brauen zusammen.
»Wenn er aber doch kommt?« fragte Maggie.
»Das wird nicht geschehen! Und nun sage ich euch, der Teufel soll den
holen, der sich in meine Arbeitssachen mischt. Da hat man einmal ein
Geschäft, das sich lohnt, und nun wollen sie es einem verderben! Damit
kommt mir nicht ... Ich bin kein Millionär, und Geschäft ist Geschäft.
Lächerlich! Einen Wald aufforsten, knappe drei Meilen von hier und ...
na, ich will euch lieber gleich sagen, daß ich der Sache wegen
fahre. Der Vokeller schreibt, der Seckersdorf kommt auch, wegen
Waldgrenzgeschichten -- da hab' ich nur den halben Weg -- und hernach
machen wir ein Partiechen.«
»Papa, wenn's dir nur nicht leid tut,« warnte Maggie. »Du weißt doch,
mit Kurt ist nicht zu spaßen.«
»Mit mir auch nicht,« sagte der Oberförster kurz und ging hinaus.
Eine Viertelstunde später fuhr er im Einspänner davon.
Die beiden Frauen sahen ihm in schweigender Erregung nach.
»An Papa hast du also keinen Halt!« sagte Maggie mit heller Entrüstung
im Tone.
»Maggie!« bat Gertrud flehend. »Sag' nichts gegen Papa, das täte mir zu
weh. Wir wissen ja, wie er in Geldangelegenheiten ist, und ändern
können wir doch nichts.«
»Hätte nur Kurt die dreitausend Mark nicht geschickt,« grübelte Maggie
finster. »Das ist eine niederträchtige Schlauheit, wie überhaupt der
ganze Brief.«
»Er weiß die Menschen schon zu nehmen. Paß auf, wenn er's will, muß ich
zurück. Aber ich sehe aus seinem Briefe noch gar nicht, was er
beabsichtigt. Weißt du das?«
Nein, Maggie wußte es auch nicht. Aber es reizte sie, seine Absichten
herauszufinden und sie zu vereiteln. Von neuem nahm sie sich vor, der
Schwester, die den Härten und Widerwärtigkeiten des Lebens so wehrlos
gegenüberstand, ein verspätetes Glück zu schaffen. Und sie tröstete sie,
liebevoll und innig, wie sie nur zu ihr sprechen konnte, und war
zufrieden, als ein verschüchtertes Lächeln das einst von Frohsinn und
Glücksgewißheit strahlende, jetzt so stille Gesicht Gertruds aufhellte.
Die beiden Schwestern hatten von klein auf sich sehr innig gestanden,
trotz des Altersunterschiedes. Gertrud, die Ältere, das Prinzeßchen,
schön wie der Tag und von aller Welt auf Händen getragen, hatte die
weniger hübsche, damals noch scheue Schwester mit fast mütterlicher
Zärtlichkeit gehütet und gepflegt, und sich immer bemüht, sie in den
Vordergrund zu schieben.
Ihre Mutter, eine Engländerin, aus verarmtem, vornehmem Hause, ihrerzeit
Gesellschafterin in einer dem Oberförster befreundeten Familie, war
gestorben, als die Mädchen zehn und sechs Jahre alt waren. Beide
gedachten noch heute mit abgöttischer Verehrung der lachenden jungen
Mutter, deren Abbild Gertrud geworden war.
Nun, das Lachen war Gertrud mit der Zeit vergangen, während Maggie, die
früher finstere, schweigsame, jetzt oft von Lustigkeit übersprudelte;
freilich nicht von der sonnigen, harmlosen Fröhlichkeit, mit der Gertrud
sich in jedes Herz hineingeschmeichelt, sondern von einer absichtlichen,
die herrische Naturen sich angewöhnen können, weil sie sie als Rüstzeug
brauchen.
Mit ihrem Wesen hatte sich auch das Verhältnis der beiden Schwestern
zueinander geändert. Gertrud, das ehemalige Glückskind, warmherzig,
arglos, unbewußt von ihrer Macht durchdrungen, jetzt in den rohen Händen
ihres Mannes schlaff und haltlos geworden, suchte Schutz bei Maggie.
Diese, seit Gertruds Heirat sich selbst überlassen, hatte sich mit ihrer
innerlichen Kälte und Klugheit von ihrer Umgebung längst frei gemacht
und beherrschte durch Gleichgültigkeit und Berechnung unter der Maske
der Liebenswürdigkeit alles.
Unbekümmert um Gegenwart und Zukunft, die sie sich sicherlich nach
Geschmack zusammenschmieden wollte, hatte sie sich in ihrer äußeren
Erscheinung zu einer Schönheit entfaltet, die eigentlich Kraft und
blühende Gesundheit auf der Höhe ihrer Entwicklung war.
Mancher von den Gutsbesitzern des Kreises, hier und da ein junger
Forstassessor oder sonst jemand aus der Gesellschaft bemühte sich
ernsthaft um sie, aber mit großem Takt ging sie jeder entscheidenden
Frage aus dem Wege und wußte sich ihre Verehrer als Freunde zu erhalten.
Sie wollte nichts »verpuffen«, wie sie bei sich sagte. Ihre ganze Kraft
sollte daran gewendet werden, sich die Stellung zu verschaffen, die ihr
nach ihren Bedürfnissen vorschwebte. Bot sich die Gelegenheit dazu nicht
bald, so mußte sie solche suchen. Es war nun Zeit. -- So hatte sie
gestern noch gedacht, als der Vater von Seckersdorf sprach. Heute war
das anders. Nun kam sie vorläufig wieder nicht in Betracht. Nun erst das
arme, blasse Weib.
»Es ist doch gut für uns andere,« dachte sie, »daß solche Menschen, wie
Gertrud, existieren. Daran, daß man sie so liebhaben kann, zeigt man
sich selbst, daß man im Grunde auch ganz gutherzig ist. Und zugleich
sieht man, wie man es nicht machen muß, wenn man selbst vorwärts kommen
will.«
War es denn eigentlich glaublich, daß Gertrud mit all ihrer Schönheit
und Anmut und Herzensgüte den so empfänglichen Kurowski nicht hatte
fesseln können? Das wäre gleich so eine Partie, so eine Aufgabe für sie,
Maggie, gewesen.
Aber sie wollte ja einmal gar nicht an sich denken -- nun gar in so
unmöglichen Vorstellungen. Dann hätte ihr ja auch der Gedanke an
Seckersdorf kommen können, -- den sie doch gerade für Gertrud erkämpfen
wollte.
»Der ist leicht auszuschalten, weil er dir nicht gefällt,« sagte eine
leise innere Stimme. »Blond, still und zurückhaltend, ist nicht dein
Geschmack.«
Nun stampfte sie leise mit dem Fuß und ging geradenwegs zu Gertrud, um
sie herzhaft und zärtlich zu küssen.
»Du glaubst, daß ich dich liebhabe?« fragte sie leidenschaftlich. »Du
hältst etwas von mir? Ich bin die einzige, zu der du volles Vertrauen
hast?«
»Aber, Maggie, zu wem sollte ich es sonst in meiner furchtbaren Lage?
... Du bist mein einziger Halt ... Die Kinder sind noch so klein.«
»Ja, die Kinder, die Kinder!« änderte Maggie schnell das Gespräch.
»Aber wir haben mit der ganzen Einrichtung so viel zu bereden. Komm,
Liebling, wenn du noch weißt, was Zimmereinrichten und Küche und
Speisekammer bedeuten ... Übrigens, wenn nicht, so lernst du es eben
wieder. Du hast dich viel zu sehr verwöhnt, mein vornehmes Frauchen!«
Gertrud lächelte und ging bereitwillig mit ihr zu Fräulein Perl, die dem
Namen nach in der Wirtschaft bestimmte, während in der Tat Maggie längst
den großen, ländlichen Haushalt führte.
Man besprach die Einteilung der freien Zimmer oben, die Beaufsichtigung
der Kinder und die kleinen häuslichen Tagesfragen, an denen Gertrud nun
wieder teilnehmen sollte.
Sie tat es mit fieberhaftem Eifer. Sie war zärtlich und tätig besorgt um
die Kinder, sie ordnete in den für sie und die Knaben bestimmten beiden
Stuben hier und da. Es kam nicht viel dabei heraus, aber sie war
beschäftigt. Sie brachte sich über diese unruhvollen Stunden hinweg, in
denen ihr Herz bang und ängstlich schlug, in denen der Gedanke: »Was
wird nun werden?« sie zermarterte, in denen auch die leise
durchhuschende Ahnung: »Es kommt etwas Gutes -- vielleicht das Glück!«
ihr zur Pein wurde.
Nach einer langen, schweigsamen Wanderung durch den herbstatmenden Wald,
der heute in klarem, fast winterlichem Sonnengold die Reste seiner
übriggebliebenen Sommerreize friedlich und entsagend ausstreute, in
dessen traumhafter Stille ein paar schrille Vogellaute, das Rascheln der
verwelkten Blätter, die aufjubelnden Kinderstimmen die einzigen
Lebenszeichen waren, kamen dann die Schwestern müde, Arm in Arm heim.
Beide ganz Liebe füreinander, und doch die eine im Gefühle der Gebenden,
die andere als Empfangende.
»Wie gut es ist, bei Maggie und daheim zu sein!« dachte Gertrud und:
»Wie hübsch es ist, für ein liebes Menschenkind Pläne zu machen und sich
so wundervoll dabei zu benehmen!« dachte Maggie.
Diese Nacht schliefen beide gut. Der nächste Morgen fand Gertrud ein
wenig widerstandsfähiger, ruhiger und selbstbewußter.
* * * * *
Bald nach dem Frühstück nahm der Oberförster seine jüngste Tochter unter
den Arm und forderte sie auf, nach den neuen Schlägen mitzugehen. Das
war seine Gewohnheit so, wenn er etwas auf dem Herzen hatte, oder in
irgendeiner geschäftlichen Angelegenheit mit sich nicht ganz im reinen
war. Maggie mit ihrem durchdringenden Verstand traf gewöhnlich das, was
er als alter Praktikus sich herausspintisiert hatte, und dann war er
zufrieden.
In ihrem ungestümen und dabei selten befriedigten Drange, in Dinge
einzugreifen, die über ihre gewöhnlichen Tagesarbeiten hinausragten,
hatte sie stets Freude an solchen Gängen. Sie fühlte sich dann noch am
meisten als Tochter ihres Vaters, den sie sonst in Gedanken oft als den
»alten Herrn« anredete und von dem sie im Grunde nicht recht begriff,
daß die Natur ihn und sie in solch nahen Zusammenhang hineingezwungen
hatte.
Er seinerseits war viel zu klug, als daß er diesen Mangel an
Herzensneigung nicht hätte durchschauen sollen, aber er machte sich
nicht viel daraus. Im tiefsten Innern war er sogar überzeugt, daß sich
in seinem eigenen Empfinden dieselbe Leere vorfand. Darum kamen sie aber
nicht weniger gut miteinander aus. Sie waren eben beide Menschen mit
wenig Herzensbedürfnissen, und was es an Familiensinn in ihnen gab,
hatten sie auf Gertrud geschüttet, die so viel Liebe brauchen konnte und
alles, was man ihr gab, so dankbar zu erwidern verstand.
Um Gertrud würde es sich natürlich heute handeln. Und ganz Feuer und
Flamme für ihren Plan, machte Maggie sich für den langen Weg mit dem
Vater bereit. Er durfte selbstverständlich nichts von allem ahnen und
sollte doch das Hauptwerkzeug sein. Sie strahlte förmlich, als sie sich
von der Schwester verabschiedete.
»Du bist eigentlich eine Schönheit geworden, Maggie,« sagte Gertrud und
küßte das rosenrote Gesicht, in dem die grauen Augen feurig und bewußt
leuchteten. »Ich kenne niemand, der etwas so Bestrickendes hat, wie du.
Wenn du dich nur zur Geltung bringen könntest. Aber hier ...«
»Kommt schon noch, sei ohne Sorge,« antwortete Maggie und lief lachend
hinunter.
Auch der Alte sah ihr mit einem Anflug von Stolz entgegen, wie sie, ganz
federnde Spannung und Kraft, zu ihm trat.
»Bist doch ein strammer Kerl,« sagte er anerkennend. »Wenn dich so einer
sähe!«
»Vielleicht verliert einer von den Holzschlägern sein Herz an mich --
oder der neue Revierförster. Scheint ein ganz ansehnlicher Mensch zu
sein,« spottete Maggie.
»Ist alles vorgekommen, Kind,« bemerkte der Alte. »Und wenn ein Mädel
sich überhaupt erst in solche verfluchte Geschichten und Albernheiten
einläßt, braucht es nicht gerade ein Leutnant zu sein, der ihr in den
Weg kommt.«
»Weißt du, Papa,« sagte Maggie, nun ernsthaft auf ihr Ziel losgehend,
»daß ich dich in Verdacht habe, du hast damals die ganze Geschichte
zwischen Gertrud und Seckersdorf auseinandergebracht?«
»Du, darüber zerbrich dir heute nun den Kopf nicht mehr,« meinte der
Oberförster. »Die Sache ist verjährt. Hilf lieber der Gertrud auf den
richtigen Weg und bestärke sie nicht noch in ihrer Aufsässigkeit gegen
Kurowski. Was soll denn sonst bloß werden?«
Maggie wußte es wohl, aber nachdenklich schob sie die gelbroten
Buchenblätter mit der Fußspitze vor sich auf. »Ja, schließlich kann man
doch die Gertrud nicht mißhandeln lassen!« sagte sie. »Wenn _die_ klagt,
muß es schon arg sein. Und man weiß ja auch, was für ein Leben der liebe
Kurt führt. Ich wundere mich nur, daß man das vor der Heirat gar nicht
geahnt hat.«
»Ach, das war schon bekannt. Ich dachte nur, eine Frau, wie unsere
Gertrud, die wird ihn schon ans Haus gewöhnen.«
»Ja, nur daß das Experiment mißglückt ist,« sagte Maggie. »Und nun sitzt
die Gertrud elend und verbraucht mit ihren zwei Jungen da.«
Eine gewisse Empörung, halb die der beleidigten Schwester, halb die des
für sich selber fürchtenden Weibes, nahm ihr fast den Atem. Sie zerbrach
einen trockenen Ast, den sie von einem Eckerngebüsch abgerissen hatte
und warf die Stücke erregt fort.
Der Oberförster biß sich auf die Lippen und senkte den Kopf.
»Er ist ja ein Windhund in Frauenzimmergeschichten,« sagte er, »aber
sonst ein anständiger Kerl. Und dann die Kinder ... Die Gertrud
verwöhnt er sonst wie eine Prinzeß. Und der Skandal bei so 'ner
Scheidungsgeschichte! Es geht nicht ... sag' selbst, es geht nicht ...«
Er sah unsicher zu Maggie hin. In seinen Wimpern glitzerte etwas.
Das hatte seine Tochter noch nie an ihm gesehen. Es gab ihr ihre ganze
Kaltblütigkeit wieder. Nein, das sollte ihr nicht passieren. Wenn sie
etwas für Gertrud tat, durfte keine Gemütsduselei und keine überflüssige
Erregung mit unterlaufen. Kalt und klug wollte sie alles lenken, zu
ihrem Ziele, der Vereinigung Gertruds und Seckersdorfs.
»Ja, Papa, schlimm ist es,« sagte sie beistimmend, »das seh' ich schon
ein ... aber was tun?«
Schweigend gingen sie eine Weile nebeneinander.
Der Bestand wechselte. Statt der buntgefärbten Laubbäume strebten nun
alte, moosbehangene Tannen auf. Klar und golden strich die Sonne durch
das dunkle Grün, und Goldflecke blühten auf dem bräunlichen Waldboden
auf.
»Schönes Stück!« sagte der Alte. »Der Endzipfel gehört schon zu
Tromitten.«
»Was war denn nun mit Seckersdorf gestern?« fragte Maggie.
»Ja,« erwiderte der Oberförster zögernd, »mir fiel schon unterwegs ein,
daß man am Ende den Kurowski doch nicht vor den Kopf stoßen kann. Ich
habe noch nicht zugesagt ... Überbürdung vorgeschützt, mir Bedenkzeit
ausgebeten. Allerdings verliere ich meine drei bis viertausend Mark, --
Heiratsgeld, Mädel ... Wenn man nur wüßte ... Sag' mal, was ist denn nun
eigentlich bei Kurowskis los gewesen?«
Maggie erzählte.
Der Oberförster schüttelte den Kopf und fluchte.
»Wenn der Kurt aber noch so hinter ihr her ist,« sagte er schließlich,
»daß seine Frau nicht ansehen soll, wen sie will, muß es mit der
Gleichgültigkeit und schlechten Behandlung doch nicht so schlimm sein.
Vielleicht spukt der Gertrud auch wirklich der Seckersdorf im Kopf herum
... dann freilich ...«
Maggie widersprach eifrig. Die Gertrud wäre viel zu sehr herunter, als
daß sie an solche Dinge dächte. Aber zu vornehm und harmlos wäre sie
auch, und könnte sich nicht vorstellen, daß man sogar ihren Blicken
allerlei Bedeutung unterlegte. Man müßte also dafür sorgen, daß sie nie
mit Seckersdorf zusammenträfe, denn wer weiß, ob nicht der Kurowski
gerade nach Berlin gegangen wäre und Gertrud allein hier gelassen hätte,
um ihr eine Falle zu stellen? Dann würde er sie auf bequeme Weise los,
und die Kinder gehörten ihm.
»Alle Wetter!« Der Oberförster blieb stehen und sah seine Jüngste
verdutzt an. Das war eine Idee. Und zuzutrauen war's dem Kerl, dem
Kurowski, schon. Natürlich! Daß ihm das selbst auch nicht eingefallen
war! Gott sei Dank, daß er Gertrud heute nicht mitgenommen hatte. »Und
weißt du warum, Mädel? Ich habe mich mit dem Seckersdorf bei den
Eichenschlägen verabredet und dachte nun so, wenn du zwanglos mit ihm
... Na, und so weiter.«
Maggie erschrak, daß sie blaß wurde. So unvorbereitet, so ganz ohne sich
zurechtgelegt zu haben, wie sie die Geschichte eigentlich einleiten
sollte ... Aber sie hob gleich wieder den Kopf und sah mit ihren
strahlenden Falkenaugen vorwärts.
Um so besser. Das Glück war mit ihr. Vielleicht machte sich wirklich
alles so noch natürlicher. Da sie den Vater so oft meilenweit
begleitete, war vor der Welt die Absichtlichkeit eines Zusammentreffens
ausgeschlossen. Sie wollte nun auch nicht weiter grübeln und dem Zufall
überlassen, auf welche Weise sie sich mit Seckersdorf verständigen
konnte.
Jetzt, während sie rüstig weitergingen, besprachen sie alles auf Gertrud
Bezügliche.
Dem Vater hatte sie nur gesagt, daß es ihr ganz lieb wäre, den
Seckersdorf so bald zu treffen, und dann das Gespräch selbst wieder auf
Gertrud gebracht. Es war ja an so vieles zu denken, sie hatten sich
gegenseitig auch das Herz über das Aussehen und das müde, schlaffe Wesen
der armen Frau auszuschütten, auf Kurowski zu schelten, seinen
schillernden, unzuverlässigen Charakter zu zergliedern und schließlich
immer wieder zu der Frage zurückzukehren: »Die arme Gertrud, -- was wird
das nur werden?«
Dabei gingen sie rüstig zu und kamen endlich auch zu der Lichtung, an
deren Rand ein Dutzend alte Eichen »hingerichtet« wurden, wie Maggie
sagte.
Die Leute grüßten, der Aufseher trat heran. Und von drüben, der
entgegengesetzten Seite her, wo er sein Pferd geführt hatte, kam Hans
Seckersdorf herüber. Maggie erkannte ihn auf den ersten Blick.
Nun stand ihr doch das Herz still.
Also dieses Mannes Schicksal wollte sie lenken. Sie hatte Zeit, ihn zu
mustern, während er über die Wiese kam, dem Vater entgegen, der mit
lautem Gruß auf ihn zuschritt.
Er war sehr groß, schlanker, als sie ihn in der Uniform in Erinnerung
hatte; er trug den verhältnismäßig kleinen Kopf hoch, war etwas steif in
den Bewegungen. Das Gesicht, regelmäßig wie eine Marsmaske, mit
aschblondem Schnurrbart, darunter ein weiches Kinn. Das Ganze beherrscht
von ein paar blauen Augen unter breiten Lidern, eigentümlich still und
fest blickend, -- alles in allem ein Mann, an dem man nicht so leicht
vorübergehen konnte.
Nun machte auch Maggie ein paar Schritte vorwärts. Leuchtend in den
Farben, Jugendfrische und Kraft atmend, trat sie ihm entgegen, streckte
unbefangen die Hand aus und rief dem alten Bekannten, ihrem »allerersten
Tänzer«, ein frohes Willkommen entgegen.
»Papa sagte mir, daß wir Sie hier treffen würden, und ich habe mich
recht gefreut.«
Er drückte ihr die Hand und sprach von freudiger Überraschung; dabei
musterte er sie aber halb suchend, halb verlegen.
Maggie dachte an Gertrud und was sie nun sagen sollte. Las er ihr das an
den Augen ab? Er sah sie wirklich ganz eigentümlich an, -- bittend und
forschend und unruhig zugleich. Oder bildete sie sich das alles ein?
Fast schien es so.
Der Oberförster nahm das Wort, und Seckersdorf wandte sich sehr rasch
nach ihm um. Eben wurden die ersten Schnitte an einem Riesenbaum
vorgenommen; der Oberförster gab einige Anweisungen. Seckersdorf sah und
hörte mit intensiver Aufmerksamkeit zu.
»Ich lerne,« sagte er mit entschuldigendem Seitenblick auf Maggie.
In diesem Augenblick trat der Aufseher mit einer Berechnung an den
Oberförster heran.
»Natürlich!« sagte der Oberförster nach kurzer Prüfung. »Entschuldigen
Sie, bitte, einen Augenblick, lieber Seckersdorf.«
Er trat hinüber zu den Leuten, und Maggie stand nun allein neben
Seckersdorf, mit klopfendem Herzen und verstohlen spähendem Blick. Ja,
hinter seinem regungslosen Gesicht arbeitete es, die Augen verrieten's,
-- also vorwärts!
Aber schön war sie, diese Aufregung, die von ihm zu ihr hinüberströmte,
dieses Fragen ohne Worte, dieses Vortasten, das von einem zum anderen
zitterte. Maggie hätte noch minutenlang so stehen mögen, in dieser
klaren, herben Luft dasselbe atmend, was dieser Mann da empfand.
Und doch gab sie sich einen Ruck. Sie mußte anfangen.
»Herr von Seckersdorf!« sagte sie stockend.