Am Glück vorbei

Roman

von

Clara Sudermann

[Illustration]

Peter J. Oestergaard Verlag

Berlin-Schöneberg

Alle Rechte

einschließlich Übersetzung,

Dramatisierung und

Verfilmung

vorbehalten

Erschienen in der

»Wiener Mode«

unter dem Titel

»Die Siegerin«

Copyright

1920 by

Dr. P. Langenscheidt,

Berlin

Druck von Hallberg & Büchting (Inh.: L. A. Klepzig), Leipzig.

Der Oberförster Hagedorn war von einer mehrtägigen Inspektionsfahrt

durch Wälder, die er außeramtlich verwaltete, heimgekommen und hatte es

sich in seinem Zimmer, dem eigentlichen Wohnzimmer der Familie bequem

gemacht.

Über dem großen Rundtisch mit seiner grauen Marmorplatte brannte die

Hängelampe, der altmodische Messing-Teekessel summte, und der Kaffee,

den Fräulein Perl, des Hauses getreue Hüterin, zu brühen begonnen hatte,

duftete. Die Windstöße, die gegen die Holzläden dröhnten, der Regen, der

klatschend auf die Fensterbleche fiel, und das Brausen der Waldbäume

jenseits des Weges machten es drinnen noch behaglicher. Der Oberförster,

seine Tochter Maggie und Fräulein Perl tranken ihren Kaffee in vollem

Verständnis dieser Wohlgeborgenheit und störten nur hier und da durch

ein Wort die gemütliche Stille.

Der Oberförster lag müde und breit in seinem Großvaterstuhl. Sein

verwittertes Gesicht mit den kleinen grauen Luchsaugen war eitel

Behagen, und der Teckel »Max«, der sich auf seinem Schoß zusammengerollt

hatte, machte sich die gute Laune seines Herrn zunutze. Er wurde

freundschaftlich geknufft und gestreichelt.

Sein Zwillingsbruder »Moritz« hatte es nicht so gut. Maggie, in einem

niedrigen Schaukelstuhl lehnend, hob ihn an den Füßen auf, zauste ihn an

den Ohren, küßte ihn auf die Schnauze, kniff ihn in den Schwanz, wie es

ihr in dem faulenzenden Schweigen gerade einfiel.

»Komm mal her, Gretel!« rief dann der Vater hinüber. »Heut' spendier ich

mir eine von den Festzigarren und dir eine Zigarette, na?«

Maggie sprang auf. Sie war mittelgroß, voll und geschmeidig, hatte ein

warmgetöntes, klares Gesicht mit großen, grauen Augen und eine Fülle

dunkel aschblonden Haares.

Der Vater sah sie wohlgefällig an und nickte mehrmals in Gedanken.

Maggie lachte hell.

»Wen hast du denn wieder für mich aufgestöbert, Papa?« fragte sie

übermütig. »Wie ist er denn? Klug -- dumm, hübsch -- häßlich? Natürlich

reich, -- aber wo?«

Der Oberförster machte ein verdrießliches Gesicht und sah nach Fräulein

Perl, die schon ihr Strickzeug vorgenommen hatte.

»Aber Maggie! Wie kannst du nur ...« sagte diese wie auf Stichwort.

Maggie hantierte mit kurzen und energischen Bewegungen am Pfeifentisch

herum, brachte die Zigarre, steckte sie an, nahm sich eine Zigarette und

rückte mit ihrem Schemel zu dem Vater.

»Du weißt ja schon lange, daß ich dir über den Kopf gewachsen bin,

Papachen!« sagte sie. »Also keine Feindschaft, und erzähle ... Warum

machen wir uns heute einen Feiertag mit Rauchorgien und unserem

liebenswürdigsten Gesicht, warum mustern wir unsere häßliche Zweite, als

ob sie die schöne Älteste wäre, -- warum?«

»Na, mein Döchting, das war man so ... Aber was Nettes ist mir wirklich

passiert. Also in Graventhin treffe ich wen? Ausgerechnet den

Seckersdorf.«

»Ah ...« Die beiden Frauen riefen es erstaunt. Dann fragten sie gespannt

durcheinander: »Also wirklich, Seckersdorf? Wollte der hierbleiben,

wollte er Tromitten selbst übernehmen? Wie sah er in Zivil aus? War er

noch ebenso still und ungeschickt? Merkte man ihm seinen künftigen

Reichtum an? Hatte er Gertrud erwähnt?«

»Still! Still! Still ...« rief der Oberförster in das Gefrage. »Er ist

ein netter anständiger Kerl, scheint was gelernt zu haben. Ob er

hierbleibt, ist noch unbestimmt. Jedenfalls will er aufforsten lassen

und hat mich gebeten, die Geschichte zu machen. Das wirft was ab. Und

brauchen können wir ja so einen Extrazuschuß immer!«

Maggie sah nachdenklich in die Lampe. Wenn sie so still saß, nahm ihr

Gesicht einen Ausdruck kluger, kalter Härte an, der zu den weichen,

rosigen, an das Flämische erinnernden Formen einen auffälligen Gegensatz

bildete.

»Er kommt also wohl her?« fragte sie. »Das hätte einer ahnen sollen,

damals, als ihr so empört auf ihn und die arme Gertrud wart. Was für ein

gräßliches Pech haben doch die Leutchen gehabt! Wenn man denkt, daß er

ein halbes Jahr nach Gertruds Hochzeit der Erbe eines steinreichen

Mannes wurde.«

»Werden soll, Maggie!« verbesserte Fräulein Perl. »Mit der Trude ging's

doch nicht. Er hatte ja nicht einmal die Zulage. Und ...«

»Ich nicht die Kaution!« fiel der Oberförster kurz ein. »Und der

Laukischker wollt' das Kind durchaus haben. Das war denn doch eine

andere Partie, als so 'n Infanterieleutnant, wenn schließlich auch der

Onkel vielleicht das Notwendigste hergegeben hätte.«

»So?« fragte Maggie aufhorchend. »Ich denke, es hieß damals, der Onkel

wäre auf nichts eingegangen, als du ihm die Vorschläge machtest.«

»Ach!« Der Oberförster zuckte mit den schiefen, grauen Brauen, ein

Zeichen, daß ihm nicht behaglich war. »Was weißt du! Du warst ja noch

ein halbes Kind! Die Gertrud hat's verständig aufgefaßt und braucht's

nicht zu bereuen. Der Kurowski ist gerade nicht mein Schwarm, aber das

Kind hat's doch wie eine Fürstin.«

Die beiden Frauen sahen sich schweigend an.

»Oder findet ihr etwa nicht?« rief der Oberförster heftig.

»Ruhig, Papachen!« sagte Maggie und legte ihre weiche Hand auf seine

knochige. »Wenn nicht, wir können's nicht ändern. Aber alles in allem,

der Seckersdorf wär' mir schon lieber als Schwager, besonders jetzt, wo

er so reich ist.«

Der Oberförster lachte.

»Wenn du nur ein bißchen Grips hast, Mädel, und nicht bloß immer die

große Schnauze ... mach du dich doch dran. Zeit ist's. Vierundzwanzig

ist eine ganz schöne Zahl für ein Mädchen.«

»Recht hast du,« stimmte ihm Maggie nachdenklich zu. »Wollen uns die

Sache mal überlegen. Wenn er kommt, spiel' ich ihm die zweite Auflage

Gertrud vor. Was mir an Schönheit fehlt, geb' ich an Sanftmut zu, und

die Geschichte wird sich schon machen.«

Der Oberförster sah sie mißtrauisch und unzufrieden an.

»Du bleibst ja doch sitzen, mit all deiner Klugheit,« sagte er. »Mit der

Gertrud war es anders. Da kam dieser und jener. Übrigens ist der

Seckersdorf in Waldlack mit Kurowskis zusammen gewesen. Er erzählte das

so nebenbei, sagte, die Trude sieht elend aus. Wenn ich mich bloß besser

mit dem Kerl, dem Kurowski stellen könnte! Man ist ja wie abgeschnitten

von dem Kind. Jeder Fremde weiß mehr.«

Er streichelte sorgenvoll das dicke Wellenhaar seiner Zweiten.

»Das wird schon alles besser werden, Papa,« tröstete das Mädchen.

»Wollen uns darüber jetzt nicht den Kopf zerbrechen. Erzähle lieber, wie

war's sonst in Graventhin? Wieder großartiges Diner? Und schlecht

serviert?«

Der Oberförster erzählte von den Erlebnissen der drei Tage. Er bestellte

Grüße, meldete Nachbarbesuche an und berichtete ein bißchen Klatsch. In

Waldlack war wieder gejeut worden, zwanzig Mark der Point. Der Althöfer

hielt sich immer noch, hatte neulich wieder ein großes Sektfrühstück

gegeben. Wie war's nur möglich, daß die Leute da noch fröhlich

mitzechten? Maggie warf ein, das wäre das Klügste, was sie tun könnten,

sie wünschte nur, es käme noch zu einem einzigen Ball da, vor dem

Zusammenbruch, denn so nett wäre es nirgends.

Und so ging das Gespräch weiter. Der Regen strömte heftiger, der Wind

heulte. Fräulein Perl strickte, Hagedorn und seine Tochter rauchten und

spielten mit den Hunden.

Da knirschte draußen auf dem Kiesweg ein Wagen. Die beiden Teckel hoben

die Köpfe. Der Oberförster sprang auf.

»Kinder ... Besuch! Bei diesem Wetter! Und ich in Pantoffeln. Empfangt

ihr!«

Aber ehe er noch das Zimmer verlassen konnte, zugleich mit dem Mädchen,

das die Tür öffnete, drängten sich zwei blondköpfige Jungen herein,

stürmten auf ihn los und hängten sich an ihn.

»Großpapa! Großpapa! Da sind wir. Tante Maggie ... Perlchen!«

Der Oberförster hob einen nach dem andern verdutzt in die Höhe.

»Wo kommt ihr denn her, Jungens, und allein?«

Sie konnten die Antwort schuldig bleiben und die winselnden Teckel

begrüßen, denn ihre Mutter, Gertrud von Kurowski, kam langsam herein.

»Gertrud ... Du? Das ist ja himmlisch! Trude ... in diesem Wetter!«

Die beiden Schwestern lagen einander in den Armen. Die ältere preßte

ihren Kopf fest gegen den Hals der jüngeren. Dann küßte sie den Vater

und Fräulein Perl.

Alle drei standen um sie und sahen sie erwartungsvoll an. Sie kam selten

nach Hause, seit ihr Vater und ihr Mann einen großen Streit gehabt

hatten und einander nicht mehr besuchten. Monatelang war sie nicht da

gewesen. Jetzt stand sie still und mit gesenktem Kopfe da.

Sie war sehr schlank, einen halben Kopf größer als die Schwester. Aus

einem sehr regelmäßigen schönen Gesichte sahen graue, sanfte Augen

schüchtern und traurig um sich. Der Kopf trug einen dicken Knoten

schimmernden, weißblonden Haares. Ein Hauch der scheuen Vornehmheit, die

sich in die Formen äußerster Einfachheit zu hüllen liebt, ging von ihr

aus. Ihr dunkelblaues Tuchkleid schloß knapp an den schlanken, schönen

Körper und knisterte, wenn sie sich bewegte.

»Wie blaß du bist, Gertrud! Ist etwas geschehen?«

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