[133] (S. 87): „Ich hatte bis dahin mein ganzes Leben außerhalb der

Stadt zugebracht...” („Was sollen wir denn tun?”)

[134] (S. 87): „Was sollen wir denn tun?”

[135] (S. 87): Tolstoi hat manchesmal seiner Abneigung Ausdruck

gegeben gegen „die Asketen, die für sich selbst handeln, ohne

Rücksicht auf ihresgleichen”. Er wirft sie in den nämlichen Topf wie

die unwissenden und hoffärtigen Revolutionäre, „die behaupten, den

anderen Gutes zu erweisen, ohne zu wissen, was ihnen selber not tut...

Ich liebe”, sagte er, „die Menschen dieser beiden Kategorien mit

derselben Liebe, aber ich hasse auch ihre Lehren mit demselben Haß.

Die einzig wahre Lehre ist die, die eine dauernde Tätigkeit fordert,

ein Leben, das den Regungen des Herzens folgt und sich bemüht, andere

glücklich zu machen. Das ist die christliche Lehre. Sie ist gleich

weit entfernt vom religiösen Quietismus wie von dem anmaßenden Hochmut

der Revolutionäre, die die Welt umzugestalten trachten, ohne zu

wissen, worin das wahre Glück beruht.” (Brief an einen Freund.)

[136] (S. 88): Ein Daguerreotyp aus dem Jahre 1885.

[137] (S. 89): „Was sollen wir denn tun?”

[138] (S. 89): Dieser ganze erste Teil (die ersten fünfzehn Kapitel),

der von Gestalten nur so wimmelt, wurde von der russischen Zensur

unterdrückt. Das Werk ist in seiner ganzen Vollständigkeit erst

achtzehn Jahre nachdem es geschrieben war in den von Tschertkow

besorgten Ausgaben erschienen.

[139] (S. 89): „Die wahre Ursache des Elends sind die Reichtümer, die

sich in den Händen einzelner befinden, die nichts schaffen, und die in

den großen Städten angehäuft sind. Die Reichen finden sich in den

großen Städten zusammen, um in Sicherheit zu genießen. Und den Armen

zieht es nach der Stadt, weil er hofft, sich von den Brosamen nähren

zu können, die von des Reichen Tische fallen. Ihn lockt der leichte

Gewinn: Handel, Bettelei, Ausschweifungen, Betrügereien.”

[140] (S. 90): „Der Angelpunkt des Übels ist der Besitz. Der Besitz

ist nur das Mittel, um aus der Arbeit der anderen Genuß zu ziehen.” --

„Das Eigentum”, sagt Tolstoi an anderer Stelle, „ist das, was uns

nicht gehört, die andern sind es. Der Mensch nennt seine Frau, seine

Kinder, seine Sklaven und mancherlei Gegenstände sein eigen; aber die

Wirklichkeit zeigt ihm seinen Irrtum; und er muß darauf verzichten

oder leiden und andere leiden machen.” -- Tolstoi ahnt schon die

russische Revolution voraus: „Seit drei oder vier Jahren”, sagt er,

„beschimpft man uns in den Straßen und nennt uns Faulenzer. Der Haß

und die Verachtung des geknechteten Volkes nehmen immer mehr zu.”

(„Was sollen wir denn tun?”)

[141] (S. 90): Der Bauernrevolutionär Bondarew hätte am liebsten

gewollt, daß dieses Gesetz als ein allgemeiner Zwang anerkannt würde.

Tolstoi duldete damals seinen Einfluß, wie auch den eines anderen

Bauern namens Sutajew, nicht ungern. „Während meines ganzen Lebens

haben zwei russische Denker eine große moralische Wirkung auf mich

geübt, haben mein Denken bereichert und meine eigene Stellung zur Welt

geklärt, es waren die beiden Bauern Sutajew und Bondarew” („Was sollen

wir denn tun?”). In dem nämlichen Buch entwirft Tolstoi ein Bild von

Sutajew und führt eine Unterhaltung mit ihm an.

[142] (S. 91): „Alkohol und Tabak”.

[143] (S. 91): „Grausame Vergnügungen”, 1895 („Die Fleischesser”;

„Der Krieg”; „Die Jagd”).

[144] (S. 91): Es ist bemerkenswert, daß es Tolstoi solche Mühe

kostete, sie zu opfern. Die Jagd war bei ihm eine atavistische

Leidenschaft, die ihm von seinem Vater überkommen war. Er war nicht

sentimental und scheint niemals ein besonderes Mitleid mit den Tieren

aufgebracht zu haben. Seine durchdringenden Augen haben kaum auf den

zuweilen so sprechenden Augen unserer bescheidenen Brüder geruht; --

mit Ausnahme von denen des Pferdes, für das er als Edelmann eine

besondere Vorliebe hatte. Im übrigen scheint alles, was er sieht, sich

vor seinen Augen in drei voneinander verschiedene Stufen zu

gruppieren. 1. die vernunftbegabten Wesen; 2. die Tiere und die

Pflanzen; 3. die leblose Materie.” („Das Leben”, Kap. XIII.) -- Er

war nicht frei von angeborener Grausamkeit. Als er vom langsamen Tod

eines Wolfes erzählte, den er durch einen Schlag mit einem schweren

Knüppel auf die Nasenwurzel getötet hatte, sagte er: „Ich empfand ein

wahrhaftes Wonnegefühl bei dem Gedanken an die Leiden des verendenden

Tieres”. Sein Gewissen regte sich später ob solchem Empfinden.

[145] (S. 92): Sommer 1878.

[146] (S. 92): 18. November 1878.

[147] (S. 93): November 1879.

[148] (S. 93): 8. Oktober 1881.

[149] (S. 93): 14. Oktober 1881.

[150] (S. 94): 3. März 1882.

[151] (S. 94): 23. Oktober 1884.

[152] (S. 95): „Das sogenannte Frauenrecht ist nichts anderes als der

Wunsch, an der angeblichen Arbeit der reichen Klassen teilzunehmen, um

aus der Arbeit der anderen Genuß zu ziehen und ein Leben zur

Befriedigung der Sinnlichkeit zu führen. Niemals begehrt die Frau

eines ernsthaften Arbeiters das Recht, an der Arbeit ihres Mannes in

den Minen oder auf den Feldern teilzuhaben”.

[153] (S. 96): So lauten die letzten Zeilen von „Was sollen wir denn

tun?”. Sie sind vom 14. Februar 1886 datiert.

[154] (S. 97): Brief an einen Freund, veröffentlicht unter dem Titel

„Glaubensbekenntnis” in dem Band „Grausame Vergnügungen”.

[155] (S. 97): Die Versöhnung fand im Frühjahr 1878 statt. Tolstoi

schrieb an Turgenjew, um ihn um Entschuldigung zu bitten. Turgenjew

kam im August 1878 nach Jasnaja Poljana. Tolstoi erwiderte seinen

Besuch im Juli 1881. Jedermann war erstaunt über seine veränderte

Haltung, seine Sanftmut, seine Bescheidenheit. Er war „wie

neugeboren”.

[156] (S. 97): Brief an Polonski.

[157] (S. 98): An seine Tante, die Gräfin A. A. Tolstoi, schrieb er im

Jahre 1883: „Jeder muß sein Kreuz tragen... Das meine ist die

schlechte eitle Gedankenarbeit, voll von Versuchung”.

[158] (S. 102): „Was sollen wir denn tun?”.

[159] (S. 103): „Schließlich sollte er soweit kommen, daß er dem

Kummer und Leid das Wort redete, -- nicht nur dem eigenen, sondern

auch dem der anderen.”

[160] (S. 104): 23. Februar 1868. -- In dieser Hinsicht mißfiel ihm

die „melancholische und unverdauliche” Kunst Turgenjews.

[161] (S. 104): Dieser Brief vom 4. Oktober 1887 erschien zuerst in

den „Cahiers de la Quinzaine”, im Jahre 1902 -- „Was ist Kunst?”

erschien 1897-98; aber Tolstoi dachte schon seit 15 Jahren, also seit

1882, daran.

[162] (S. 107): Auf diesen Punkt werde ich anläßlich der

„Kreutzersonate” zurückkommen.

[163] (S. 107): Seine Unduldsamkeit hatte sich seit 1886 gesteigert.

In „Was sollen wir denn tun?” wagte er noch nicht an Beethoven zu

rühren (auch noch nicht an Shakespeare). Ja mehr noch, er warf den

zeitgenössischen Künstlern sogar vor, daß sie es wagten, sich auf jene

zu berufen. „Das Schaffen eines Galilei, eines Shakespeare, eines

Beethoven hat nichts gemein mit dem Schaffen eines Tyndall, eines

Victor Hugo, eines Wagner. Geradeso wie die Heiligen Väter jede

Verwandtschaft mit den Päpsten ablehnen würden.” („Was sollen wir

denn tun?”)

[164] (S. 107): Er wollte sogar vor dem Schluß des ersten Aktes

aufbrechen. „Für mich war die Frage gelöst. Ich hatte keinen Zweifel

mehr. Von einem Autor, der fähig war, Szenen wie diese auszudenken,

war nichts mehr zu erwarten. Man konnte von vornherein sicher sein,

daß er niemals etwas schreiben würde, das nicht schlecht wäre.”

[165] (S. 107): Es ist bekannt, daß er, um eine Anthologie von

französischen Dichtern der neueren Schule zusammenzustellen, den

wunderbaren Gedanken hatte, „aus jedem Band ein Gedicht

herauszuschreiben, das auf Seite 28 stand”!

[166] (S. 107): „Shakespeare”, 1903. Das Werk wurde anläßlich eines

Artikels von Ernst Crosby über „Shakespeare und die Arbeiterklasse”

geschrieben.

[167] (S. 109): „Es war eines jener Vorkommnisse, wie sie sich häufig

ereignen, die niemandes Aufmerksamkeit auf sich lenken und nicht nur

die Welt, sondern sogar die militärische Welt Frankreichs unberührt

lassen.” -- Und an anderer Stelle: „Es bedurfte einiger Jahre, bevor

die Menschen aus ihrer Hypnose erwachten und begriffen, daß sie

überhaupt nicht wissen konnten, ob Dreyfus schuldig war oder nicht,

und daß jedermann andere wichtigere und unmittelbarere Interessen

hatte, als die Dreyfus-Affäre.” („Shakespeare”)

[168] (S. 109): „‚König Lear’ ist ein sehr schlechtes, sehr

nachlässig gemachtes Drama, das nur Ekel und Langeweile auslösen

kann.” -- „Othello”, wofür Tolstoi einige Sympathie zeigt

(zweifellos weil dieses Werk mit seinen damaligen Anschauungen über

Ehe und Eifersucht übereinstimmte), „ist, obwohl es das wenigst

schlechte Drama von Shakespeare ist, nur eine Anhäufung von

hochtrabenden Worten”. Die Figur des ‚Hamlet’ hat keinen Charakter;

„sie ist das Sprachrohr des Verfassers, das seine Gedanken der Reihe

nach wiederholt.” „Sturm”, „Cymbeline”, „Troïlus” und

andere erwähnt Tolstoi nur wegen ihrer „Albernheit”. Die einzige

Figur Shakespeares, die er natürlich findet, ist der Falstaff, „eben

deshalb, weil hier die mit rohen Scherzen und albernen Kalauern

angefüllte Sprache Shakespeares zu dem falschen, eitlen und

ausschweifenden Charakter dieses widerlichen Trunkenboldes so gut

paßt”. -- Aber nicht immer hatte Tolstoi so gedacht. In den Jahren

1860 bis 1870, hauptsächlich zu der Zeit, da er sich mit dem Plan

trug, ein historisches Drama über Peter I. zu schreiben, hatte er

Shakespeare mit Vergnügen gelesen. Aus seinen Aufzeichnungen aus dem

Jahre 1869 ist sogar ersichtlich, daß er sich den „Hamlet” zum

Vorbild nahm.

[169] (S. 111): Er nimmt in bezug auf die Verurteilung der modernen

Kunst seine eigenen Theaterstücke nicht aus, „die nach seiner Ansicht

der religiösen Durchdringung entbehren, die die Grundlage des Dramas

der Zukunft bilden müsse”.

[170] (S. 115): 1873 schrieb Tolstoi: „Denkt was ihr wollt, aber denkt

es auf eine Weise, daß jedes Wort allen verständlich sei. In einer

völlig klaren und einfachen Sprache kann man nichts Schlechtes

schreiben. Wenn Unmoralisches klar ausgedrückt ist, erscheint es so

falsch, daß man es ganz bestimmt wieder ausstreichen wird. Wenn ein

Schriftsteller sich ernsthaft ans Volk wenden will, muß er sich nur

bemühen, verständlich zu sein. Wenn der Leser vor keinem Worte stutzt,

ist das Werk gut. Wenn er nicht erzählen kann, was er gelesen hat,

taugt das Werk nichts.”

[171] (S. 115): Dieses Ideal brüderlicher Vereinigung unter den

Menschen bedeutet für Tolstoi keineswegs das Ziel der menschlichen

Tätigkeiten; seine unersättliche Seele läßt ihn ein unbekanntes Ideal

jenseits der Liebe aufstellen: „Vielleicht wird die Wissenschaft eines

Tages der Kunst ein noch höheres Ideal weisen, und die Kunst wird es

verwirklichen.”

[172] (S. 116): Etwa in dieser Zeit wurde auch ein Werk beendigt und

veröffentlicht, das in der Hauptsache in glücklicheren Tagen, während

seiner Verlobungszeit und der ersten Ehejahre, geschrieben war: die

schöne Geschichte eines Pferdes, „Kolstomir” (1861 bis 1886). Tolstoi

spricht darüber in seinem Brief an Fet, 1863. -- Die Kunst des

Beginns, mit ihren feinen Landschaftsschilderungen, ihrer scharfen

Psychologie, ihrem Humor und ihrer Jugendfrische ist den Werken der

Reifezeit („Eheglück”, „Krieg und Frieden”) verwandt. Das

unheimliche Ende, die letzten Seiten, wo der Kadaver des alten

Pferdes und der Leichnam seines Herrn miteinander verglichen werden,

sind von einem krassen Realismus, der an die Jahre nach 1880

erinnert.

[173] (S. 117): „Kreutzersonate”, „Macht der Finsternis”.

[174] (S. 118): „In Ihrem Stil”, sagte ihm sein Freund Drujinin im

Jahre 1856, „sind Sie äußerst ungleich, manchmal wie ein Bahnbrecher

und großer Dichter, manchmal wie ein Offizier, der an seinen Kameraden

schreibt. Was Sie mit Liebe schreiben, ist wundervoll; sobald Sie aber

gleichgültig sind, verwirrt sich Ihr Stil und wird fürchterlich.”

[175] (S. 119): Im Sommer 1879 kam Tolstoi in sehr nahe Berührung mit

den Bauern; Strakow erzählt, daß er außer der Religion „sich sehr für

die Sprache interessierte. Er fing an, die Schönheit der Volkssprache

tief zu empfinden. Jeden Tag entdeckte er neue Worte, und jeden Tag

mißhandelte er die literarische Sprache mehr”.

[176] (S. 119): In den Notizen, die er sich in den Jahren 1860 bis

1870 während des Lesens machte, schrieb Tolstoi: „Die Bylinen... sehr

großer Eindruck.”

[177] (S. 119): „Die beiden Alten” (1885).

[178] (S. 120): „Wo Liebe ist, da ist Gott” (1885).

[179] (S. 120): „Wovon die Menschen leben” (1881) -- „Die drei

Greise” (1884).

[180] (S. 120): „Wieviel Erde braucht der Mensch?” (1886)

[181] (S. 121): Er ist erst ziemlich spät auf den Geschmack des Dramas

gekommen. Im Winter 1869 auf 70 machte er diese Entdeckung, und nach

seiner Gewohnheit begeisterte er sich sofort dafür: „Diesen ganzen

Winter über habe ich mich ausschließlich mit dem Drama beschäftigt;

den Menschen, die bis zu ihrem vierzigsten Jahre über ein bestimmtes

Thema nicht nachgedacht haben, geht es immer so, daß sie plötzlich

diesem vernachlässigten Gegenstand ihre ganze Aufmerksamkeit zuwenden,

und es scheint ihnen dann, daß sie sehr viel Neues darin erblicken...

Ich habe Shakespeare, Goethe, Puschkin, Gogol und Molière gelesen...

Ich möchte Sophokles und Euripides lesen... Ich war krank und habe

lange das Bett gehütet, und in solchem Zustand beginnen die

dramatischen oder komischen Personen sich in meinem Innern wie

unsinnig zu gebärden. Und sie machen ihre Sache sehr gut...” (Briefe

an Fet, 17. bis 21. Februar 1870.)

[182] (S. 122): In einer anderen Fassung des 4. Aktes.

[183] (S. 124): Es wäre eine falsche Annahme, zu glauben, für Tolstoi

sei es eine Qual gewesen, dieses beängstigende Drama zu schreiben. Er

schrieb an Teneromo: „Ich lebe gesund und fröhlich. Ich habe die ganze

Zeit an meinem Drama („Die Macht der Finsternis”) gearbeitet. Ich bin

fertig damit.” (Januar 1887)

[184] (S. 128): Man beachte wohl, daß Tolstoi niemals die Naivität

hatte, zu glauben, das Ideal des Zölibats und der völligen Keuschheit

sei für die heutige Menschheit zu verwirklichen. Seine Ansicht geht

dahin, daß ein solches Ideal zwar nicht zu verwirklichen sei, aber

einen Appell an die heldenhaften Seelenkräfte darstelle.

[185] (S. 129): Am Schluß von „Der Herr und sein Knecht”.

[186] (S. 129): „Krieg und Frieden”. -- Ich spreche nicht von der

Novelle „Albert” (1857), der Geschichte eines genialen Musikers. Diese

Novelle ist sehr schwach.

[187] (S. 129): Vergleiche in „Jugendjahre” den humorvollen Bericht

von der Mühe, die er sich gab, um Klavierspielen zu lernen. -- „Das

Klavierspiel war für mich ein Mittel, die jungen Damen durch meine

Sentimentalität zu bezaubern.”

[188] (S. 130): Es handelt sich um die Jahre 1876-77.

[189] (S. 130): S. A. Bers, „Erinnerungen an Tolstoi”.

[190] (S. 131): Aber niemals hörte er auf sie zu lieben. Während

seiner letzten Lebenstage gehörte ein Musiker namens Goldenweiser, der

den Sommer 1910 in der Nähe von Jasnaja verbrachte, zu seinen

Freunden. Während Tolstois letzter Krankheit kam er fast täglich, ihm

etwas vorzuspielen. („Journal des Débats” vom 18. November 1910.)

[191] (S. 131): Brief vom 21. April 1861.

[192] (S. 131): Camille Bellaigue, „Tolstoi et la musique”

(„Gaulois” vom 4. Januar 1911).

[193] (S. 132): Man darf nicht glauben, daß es sich nur um die letzten

Werke Beethovens handelt. Selbst denen aus der Frühzeit wirft Tolstoi

„ihre gekünstelte Form” vor. -- In einem Brief an Tschaikowsky stellt

er gleichfalls der gekünstelten Art Beethovens, Schumanns und

Berlioz', die die Wirkung berechnen, die wahre Künstlerschaft eines

Mozart und Haydn gegenüber.

[194] (S. 132): Vergleiche die Szene, die Paul Boyer im „Temps” vom

2. November 1902 erzählt: „Tolstoi läßt sich Chopin vorspielen. Am

Schluß der vierten Ballade füllen sich seine Augen mit Tränen. --

‚Ah! l'animal!’ ruft er aus, erhebt sich unvermittelt und verläßt

das Zimmer.”

[195] (S. 135): „Der Herr und sein Knecht” ist eine Art Übergang von

den düsteren Romanen, die vorausgehen, zu der „Auferstehung”, worin

sich das Licht göttlicher Barmherzigkeit ausbreitet. Aber man spürt

darin noch mehr die Nachbarschaft mit dem „Tod des Iwan Iljitsch” und

den „Volkserzählungen”, als mit der „Auferstehung”, wo sich nur

gegen das Ende zu die wunderbare Verwandlung eines selbstsüchtigen

und feigen Menschen ankündigt. Den größten Teil der Geschichte

bildet die äußerst realistische Schilderung eines ungütigen Herrn

und eines ergebenen Dieners, die nachts in der Steppe von einem

Schneesturm überrascht werden und den Weg verlieren. Der Herr, der

zuerst unter Zurücklassung seines Genossen zu fliehen versucht,

kehrt zurück und findet seinen Diener halb erfroren; er wirft sich

über ihn, bedeckt ihn mit seinem Körper, erwärmt ihn wieder, indem

er sich instinktiv aufopfert; er weiß nicht warum; aber seine Augen

füllen sich mit Tränen: es ist ihm, als ob er der sei, den er

retten will, der Diener Nikita, und daß sein Leben nicht mehr in ihm

selbst ist, sondern in Nikita. -- „Nikita lebt; also bin ich noch am

Leben.” -- Er hat fast vergessen, daß er selbst Wassili gewesen ist.

Er denkt: „Wassili wußte nicht, was zu tun war. Aber ich -- ich weiß

es!” Und er hört die Stimme dessen, auf den er wartete (hier

erinnert sein Traum an eine der „Volkserzählungen”), dessen, der ihm

gerade befohlen hatte, sich auf Nikita zu betten. „Herr ich komme”,

ruft er voller Freude, und er fühlt, daß er frei ist, daß nichts ihn

mehr zurückhält... Er ist tot.

[196] (S. 135): Tolstoi hatte einen vierten Teil vorgesehen, der aber

ungeschrieben blieb.

[197] (S. 137): Im Gegensatz hierzu war er mit allen Milieus, die er

in „Krieg und Frieden”, „Anna Karenina”, den „Kosaken” und

„Sewastopol” beschreibt, aufs Beste vertraut: den Salons der

Adelsgesellschaft, dem Heer, dem Landleben. Er brauchte nur auf seine

Erinnerungen zurückzugreifen.

[198] (S. 139): Tolstoi hat vielleicht an seinen Bruder Dmitri

gedacht, der auch eine Maslowa geheiratet hatte. Aber Dmitris heftiges

und unausgeglichenes Temperament unterschied sich wesentlich von dem

Nekludows.

[199] (S. 140): „Mehrere Male in seinem Leben hatte Tolstoi eine

‚Gewissensreinigung’ vorgenommen. So nannte er die moralischen Krisen,

in denen er sich entschloß, den Schmutz, der seine Seele trübte,

auszufegen. Nach Überwindung solcher Krisen unterließ er es nie, sich

Vorschriften aufzuerlegen, die immer zu befolgen er sich schwor. Er

führte ein Tagebuch und begann ein neues Leben. Aber jedes Mal verfiel

er wieder in dieselben Fehler, oder in noch schlimmere, als vor solch

einer Krise.”

[200] (S. 140): Als Nekludow erfährt, daß die Maslowa sich mit einem

Krankenwärter vergangen hat, ist er noch fester als je entschlossen,

„seine Freiheit zu opfern, um die Sünde dieser Frau zu sühnen”.

[201] (S. 141): Tolstoi hat niemals eine Figur mit so festen und

sicheren Strichen gezeichnet, wie die des Nekludow im ersten

Romanteil. Man lese die wundervolle Beschreibung von Nekludows

Aufstehen und dem Vormittag vor der ersten Sitzung im Justizpalast.

[202] (S. 142): Brief der Gräfin Tolstoi aus dem Jahre 1884.

[203] (S. 143): Tolstoi hielt es für eines seiner Hauptwerke: „Eines

meiner Bücher -- „Für alle Tage” --, dem eine große Wichtigkeit

beizumessen, ich selbstbewußt genug bin...” (Brief an Jan Styka,

27. Juli - 9. August 1909.)

[204] (S. 143): Das Hauptwerk der Hinterlassenschaft ist Tolstois

Tagebuch, das die Aufzeichnungen eines Zeitraums von mehr als vierzig

Jahren umfaßt.

[205] (S. 144): Tolstois Exkommunikation durch den Heiligen Synod

erfolgte am 22. Februar 1901. Sie war durch ein Kapitel der

„Auferstehung”, das sich mit der Messe und dem Abendmahl befaßt,

veranlaßt.

[206] (S. 145): Über die Nationalisierung des Bodens (siehe „Das große

Verbrechen”, 1905).

[207] (S. 146): „Reiner Moskowiter des alten Rußlands,” sagt

Leroy-Beaulieu, „Großrusse slawischen Blutes, durch finnischen

Einschlag beeinträchtigt, ist er äußerlich mehr Volkstypus als

Adelstypus”. („Revue des Deux Mondes” vom 15. Dezember 1910.)

[208] (S. 146): 1857.

[209] (S. 146): 1862.

[210] (S. 148): „Das Ende einer Welt” (1905 bis Januar 1906). -- Vgl.

das Telegramm, das Tolstoi an ein amerikanisches Blatt richtete: „Die

Agitation der Semstwos verfolgt den Zweck, die Macht des Despotismus

einzuschränken und eine parlamentarische Regierung einzusetzen. Ob

ihnen das gelingt oder nicht, das Ergebnis wird sicher eine

Verzögerung der wirklichen sozialen Verbesserung sein. Die politische

Agitation hält -- indem sie die unheilvolle Illusion dieser

Verbesserung durch äußere Mittel gibt -- den wahren Fortschritt auf,

wie man dies in allen konstitutionellen Staaten feststellen kann: in

Frankreich, England, Amerika.” -- In einem langen und interessanten

Brief an eine Dame, die ihn ersucht hatte, einer Vereinigung zur

Hebung der Lese- und Schreibkenntnisse des Volkes beizutreten, bringt

Tolstoi noch andere Klagen gegen die Liberalen zum Ausdruck: Sie haben

immer die Rolle der Hereingefallenen gespielt. Sie machen sich aus

Furcht zu Mitschuldigen der Autokratie; ihre Teilnahme an der

Regierung gibt dieser ein moralisches Ansehen und gewöhnt die

Liberalen an Kompromisse, die sie rasch zu Werkzeugen der Gewalt

machen. Alexander II. sagte, alle Liberalen seien, wenn nicht für

Geld, so doch für Ehren käuflich. Alexander III. hat das liberale Werk

seines Vaters ohne Gefahr vernichten können: „Die Liberalen tuschelten

unter sich, daß ihnen das nicht gefalle, aber sie nahmen weiter teil

an den Arbeiten im Staats- und Gerichtsdienst und in der Presse; in

der Presse machten sie Anspielungen auf Dinge, auf die Anspielungen

erlaubt waren, aber sie schwiegen zu solchen, über die zu sprechen

verboten war, und sie traten für alles ein, wofür einzutreten ihnen

befohlen wurde.” Unter Nikolaus II. machen sie es gerade so.

„Protestieren die Liberalen vielleicht, wenn dieser junge Mann, der

nichts weiß und von nichts etwas versteht, mit Frechheit und Mangel an

Takt den Volksvertretern antwortet? Keineswegs... Überall sucht man

sich auf feige Weise durch Glückwunschsendungen bei dem jungen Zaren

einzuschmeicheln.”

[211] (S. 149): „Krieg und Revolution.” -- In der „Auferstehung”

ist bei dem Revisionsverfahren im Prozeß gegen die Maslowa unter den

Senatsmitgliedern ein materialistischer Darwinist der größte Gegner

der Revision, weil er im tiefsten Innern empört darüber ist, daß

Nekludow aus Pflichtgefühl eine Prostituierte heiraten will: jede

Kundgebung des Pflichtgefühls und mehr noch des religiösen

Empfindens wirkt auf ihn wie eine persönliche Beleidigung.

[212] (S. 149): Vgl. einige Figuren von Revolutionären: in der

„Auferstehung” Nowodworow, der revolutionäre Lügner, dessen große

Intelligenz durch seine unerhörte Eitelkeit und Selbstsucht ganz

aufgewogen wird. Keinerlei Phantasie; „völliges Fehlen moralischer und

ethischer Eigenschaften, die Zweifel aufkommen lassen könnten.” --

Dann, ihm stets auf den Fersen, wie sein Schatten, Markel, der infolge

von Demütigungen und aus dem Wunsch nach Rache zum Revolutionär

gewordene Arbeiter, ein leidenschaftlicher Verehrer der Wissenschaft,

die er nicht zu verstehen vermag, ein Asket von fanatischer

Kirchenfeindlichkeit. -- Auch in dem Buche „Noch drei Tode” finden

sich einige Vertreter der neuen revolutionären Generation: Roman und

seine Freunde, die die Terroristen alten Schlages verachten und auf

wissenschaftliche Weise zu ihrem Ziel zu gelangen trachten, indem sie

ein Agrikulturvolk in ein Industrievolk verwandeln möchten.

[213] (S. 150): Brief an den Japaner Izo-Abe, Ende 1904.

[214] (S. 150): Unterhaltungen mit Teneromo.

[215] (S. 150): Unterhaltungen mit Teneromo.

[216] (S. 151): Unterhaltung mit Paul Boyer („Le Temps” vom

4. November 1902).

[217] (S. 151): „Das Ende einer Welt.”

Das Leben Tolstois · 第 12 / 14 段