„Erinnerungen an Sewastopol von einem Artillerieoffizier”,
A. J. Erchow, auf diese Szenen zurück. Alles Heldenhafte war daraus
geschwunden. Er erinnerte sich nur noch an die Angst, die sieben
Monate gewährt hatte, -- die doppelte Angst: die vor dem Tod und die
vor der Schande, eine entsetzliche moralische und seelische Qual. Alle
„Heldentaten” bedeuteten bei der Belagerung für ihn nur noch das eine:
Kanonenfutter gewesen zu sein.
[59] (S. 40): Suarès, „Tolstoi”, herausgegeben von der „Union pour
l'Action morale”, 1899, (aufs neue veröffentlicht in den „Cahiers de
la Quinzaine”, unter dem Titel: „Tolstoi vivant”).
[60] (S. 41): Turgenjew klagt in einer Unterhaltung über Tolstois
törichten Adelsstolz, über seine junkerhafte Prahlerei.
[61] (S. 41): „Ein Charakterzug, ob er nun gut oder schlecht zu nennen
sei, war mir immer eigen: ich wehrte mich stets instinktiv gegen alle
epidemisch auftretenden äußeren Einflüsse... Ich hatte eine Abneigung
gegen die allgemeine Strömung.” (Brief an P. Birukow.)
[62] (S. 41): Turgenjew.
[63] (S. 42): Grigorowitsch.
[64] (S. 42): Eugen Garchin, Erinnerungen an Turgenjew 1883.
[65] (S. 42): Der heftigste, der zum endgültigen Bruch zwischen
ihnen führte, fand im Jahre 1861 statt. Turgenjew gab seinen
philanthropischen Empfindungen Ausdruck und sprach von den wohltätigen
Veranstaltungen, mit denen seine Tochter sich beschäftigte. Nichts
erregte Tolstoi mehr als die Wohltätigkeit der großen Gesellschaft.
„Ich finde,” sagte er, „daß ein gutgekleidetes junges Mädchen, das
schmutziges und übelriechendes Bettelvolk auf seinen Knien hält, eine
Theaterszene spielt, die der Aufrichtigkeit entbehrt.” -- Die
Auseinandersetzung wurde immer heftiger, Turgenjew geriet außer sich
und bedrohte Tolstoi mit Ohrfeigen. Tolstoi bestand auf sofortiger
Genugtuung und forderte Turgenjew zum Zweikampf. Turgenjew, der seine
Erregung gleich bedauert hatte, schickte einen Entschuldigungsbrief.
Aber Tolstoi verzieh ihm nicht. Fast zwanzig Jahre später bat er --
wie man in der Folge sehen wird -- ihn um Entschuldigung, im Jahre
1878, als er sein ganzes früheres Leben abschwor und seinen Stolz vor
Gott gründlich demütigte.
[66] (S. 42): „Beichte.”
[67] (S. 42): „Es gab”, sagte er, „keinen Unterschied zwischen uns
und einem Tollhaus. Selbst in jener Zeit hatte ich diese unbestimmte
Empfindung; aber wie alle Verrückten behandelte ich alle als Narren,
außer mich selbst.” („Beichte”).
[68] (S. 43): „Beichte.”
[69] (S. 43): „Tagebuch des Fürsten D. Nekludow”, „Luzern”.
[70] (S. 44): „Tagebuch des Fürsten D. Nekludow.”
[71] (S. 44): Er lernte auf dieser Reise verschiedene Persönlichkeiten
kennen: in Dresden Auerbach, der als erster ihn zur Volksbelehrung
angeregt hatte, in Kissingen Fröbel, in London Herzen, in Brüssel
Proudhon, der einen großen Eindruck auf ihn gemacht zu haben scheint.
[72] (S. 45): Hauptsächlich in den Jahren 1861/62.
[73] (S. 45): „Erziehung und Kultur.”
[74] (S. 46): Tolstoi hat sich in der Zeitschrift „Jasnaja Poljana” im
Jahre 1862 mit diesen Theorien auseinandergesetzt.
[75] (S. 48): Rede über die „Überlegenheit des künstlerischen Elements
in der Literatur über alle ihre Zeitströmungen”.
[76] (S. 48): Er stellte ihm seine eigenen Beispiele entgegen, den
alten Postillion aus „Drei Tode”.
[77] (S. 48): Im Jahre 1856 war schon ein anderer Bruder Tolstois,
Dmitri, an der Schwindsucht gestorben. Tolstoi selbst glaubte sich zu
verschiedenen Malen von der Schwindsucht befallen, in den Jahren
1856, 1862 und 1871. Er war, wie er am 28. Oktober 1852 schreibt, „von
kräftiger Körperbeschaffenheit, aber von schwacher Gesundheit.”
Dauernd litt er an Erkältungen, Halsweh, Augen- und Zahnschmerzen und
Rheumatismus. Im Kaukasus, im Jahre 1852, mußte er „wenigstens zwei
Tage in der Woche das Zimmer hüten”. Im Jahre 1854 hält ihn die
Krankheit mehrere Monate auf dem Weg von Silistrien nach Sewastopol
zurück. 1856 liegt er ernsthaft brustkrank in Jasnaja darnieder. Aus
Angst vor der Schwindsucht macht er im Jahre 1862 eine Kefirkur in
Samara, bei den Baschkiren, und vom Jahre 1870 an geht er fast jedes
Jahr zu diesem Zweck wieder dorthin. In seinen Briefen an Fet spricht
er dauernd von solchen Dingen. Dieser Gesundheitszustand macht es
einigermaßen begreiflich, daß Tolstoi sich andauernd mit dem Gedanken
an den Tod beschäftigte. Späterhin sprach er von der Krankheit als von
seiner besten Freundin: „Wenn man krank ist, scheint es, als ob man
ganz sanft eine leicht abschüssige Fläche hinunterglitte, die an einem
bestimmten Punkt von einem Vorhang, einem leichten Vorhang aus
leichtem Stoff abgeschlossen ist. Diesseits davon ist das Leben,
jenseits davon ist der Tod. Um wieviel ist in bezug auf sittlichen
Wert der Zustand der Krankheit dem Zustand der Gesundheit überlegen!
Sprecht mir nicht von jenen Leuten, die niemals krank gewesen sind!
Sie sind entsetzlich, besonders die Frauen. Eine kerngesunde Frau ist
eine wahre Bestie!” (Unterhaltungen mit Paul Boyer, „Le Temps”,
27. August 1901.)
[78] (S. 48): 17. Oktober 1860, in einem Brief an Fet.
[79] (S. 48): 1861 in Brüssel geschrieben.
[80] (S. 49): Eine andere Novelle aus jener Zeit, ein einfacher
Reisebericht, der persönliche Erinnerungen weckt, „Der Schneesturm”,
ist von großer, eindrucksvollster dichterischer, sozusagen
musikalischer Schönheit. Tolstoi hat einen Teil des äußeren Rahmens
später noch einmal für „Der Herr und sein Knecht” (1895) verwendet.
[81] (S. 50): Als Kind hatte er in einer Eifersuchtsanwandlung seine
damals neunjährige kleine Spielkameradin -- die spätere Frau Bers --
vom Balkon heruntergeworfen, so daß sie lange Zeit hinkte.
[82] (S. 50): Siehe „Eheglück”, die Erklärung Sergius': „Denken Sie
sich einen Herrn A., einen alten Mann, der das Leben kennt, und eine
Frau B., jung und glücklich, die weder die Menschen noch das Leben
kennt. Infolge verschiedener Familienumstände liebte er sie wie eine
Tochter, und dachte nicht daran, daß er sie anders lieben könnte...,
usw.”
[83] (S. 51): Vielleicht verwandte er in seinem Werk auch die
Erinnerungen an einen Liebesroman, der sich im Jahre 1856 in Moskau
mit einem jungen Mädchen angesponnen hatte, das sehr verschieden von
ihm war, sehr leichtfertig und oberflächlich, und das er schließlich
im Stich ließ, obwohl sie beide aufrichtig ineinander verliebt waren.
[84] (S. 52): Von 1857 bis 1861.
[85] (S. 52): Tagebuch, Oktober 1857.
[86] (S. 53): Brief an Fet, 1863.
[87] (S. 53): „Beichte.”
[88] (S. 53): „Das Familienglück erfüllt mich vollständig.”
(5. Januar 1863.) -- „Ich bin so glücklich! so glücklich! Ich liebe
sie so sehr!” (8. Februar 1863.)
[89] (S. 54): Sie hatte einige Novellen geschrieben.
[90] (S. 54): „Krieg und Frieden” soll sie siebenmal abgeschrieben
haben.
[91] (S. 54): Gleich nach seiner Heirat gab Tolstoi alle pädagogischen
Arbeiten in den Schulen und an der Zeitschrift auf.
[92] (S. 54): Ebenso wie ihre kluge und künstlerisch veranlagte
Schwester Tatjana, deren Geist und musikalische Begabung Tolstoi sehr
liebte. -- Tolstoi sagte: „Ich habe Tanja (Tatjana) genommen, habe sie
mit Sonja (Sofie Bers, spätere Gräfin Tolstoi) vermischt, und es ist
Natascha herausgekommen.”
[93] (S. 54): Die Unterbringung Dollys in dem zerfallenen Landhaus;
Dolly und die Kinder; -- viele Einzelheiten in bezug auf
Frauenkleidung; ganz zu schweigen von gewissen Geheimnissen der
Frauenseele, in die vielleicht selbst das Verständnis eines genialen
Mannes nicht so tief hätte eindringen können, wenn eine Frau sie ihm
nicht verraten hätte.
[94] (S. 55): Ein charakteristisches Zeichen dafür, daß das
schöpferische Genie Tolstois Geist mit Beschlag belegt hat: sein
Tagebuch bricht am 1. November 1865 auf dreizehn Jahre ab, zu dem
Zeitpunkt, da er mitten in der Arbeit an „Krieg und Frieden” ist. Der
Ehrgeiz des Dichters ließ den Monolog seines Gewissens verstummen.
Diese Schaffensperiode ist zugleich eine Zeit des körperlichen
Sichauslebens. Tolstoi ist versessen auf die Jagd. „Auf der Jagd
vergesse ich alles...” (Brief aus dem Jahre 1864.) -- Auf einem zu
Pferde unternommenen Jagdausflug brach er sich den Arm (September
1864), und während seiner Genesung diktierte er die ersten Teile von
„Krieg und Frieden.” -- „Als ich aus meiner Ohnmacht erwachte, sagte
ich mir: ‚Ich bin ein Künstler’. Ich bin es auch, aber ein einsamer
Künstler.” (Brief an Fet, 23. Januar 1865.) Alle Briefe aus jener
Zeit, die er an Fet schrieb, atmen Schöpferfreude. „Alles, was ich bis
zu jenem Tage veröffentlicht habe, kommt mir wie ein Versuch vor.”
[95] (S. 55): Unter den Werken, die einen Einfluß auf ihn ausübten,
gibt Tolstoi schon zwischen seinem 20. und 30. Lebensjahr folgende an:
„Goethe: Hermann und Dorothea... sehr großer Einfluß.”
„Homer: Ilias und Odyssee (in russisch)... sehr großer Einfluß.”
Im Juni 1863 schreibt er in sein Tagebuch: „Ich lese Goethe, und
mancherlei Gedanken formen sich in mir.”
Im Frühjahr 1865 liest er aufs neue Goethe, und er nennt „Faust” die
Dichtung des Gedankens, die Dichtung, die ausdrückt, was keine andere
Kunst zum Ausdruck bringen kann. Später opferte er Goethe wie auch
Shakespeare seinem Gotte auf. Aber seiner Bewunderung für Homer blieb
er treu. Im August 1857 las er mit gleicher Ergriffenheit die Ilias
und das Evangelium. Und in einem seiner letzten Bücher, der Schrift
gegen Shakespeare (1903), stellt er Homer als Beispiel der
Aufrichtigkeit, des Ebenmaßes und der wahren Kunst Shakespeare
gegenüber.
[96] (S. 56): Tolstoi begann das Werk im Jahre 1863 mit den
„Dekabristen”, wovon er drei Bruchstücke schrieb. Aber er kam zu der
Überzeugung, daß das Fundament seines Gebäudes nicht fest genug
begründet war, und indem er weiter zurückschürfte, gelangte er zur
Epoche der Napoleonischen Kriege und schrieb „Krieg und Frieden”. Die
Veröffentlichung nahm ihren Anfang im Januar 1865 im „Russki
Viestnik”; der sechste Band wurde im Herbst 1869 beendet. Dann ging
Tolstoi weiter in der Geschichte und entwarf den Plan zu einem
epischen Roman über Peter den Großen und dann zu einem anderen,
„Mirowitsch”, über die Herrschaft der Kaiserinnen des 18.
Jahrhunderts und ihrer Günstlinge. Er arbeitete von 1870-1873
daran, vergrub sich in Dokumente und entwarf mehrere Szenen; aber
bei der ihm eigenen Genauigkeit des Realisten hatte er das Gefühl,
daß es ihm niemals gelingen würde, den Geist jener vergangenen
Zeiten genügend wahrhaft getreu wiederaufleben zu lassen, und er
verzichtete daher auf die Ausführung seines Planes. -- Später, im
Januar 1876, bewegte ihn der Gedanke an einen neuen Roman aus der
Zeit Nikolaus I.; dann machte er sich wieder mit Leidenschaft im
Jahre 1877 an die „Dekabristen”, sammelte Zeugnisse von den wenigen
Überlebenden aus jener Zeit und suchte die in Betracht kommenden
Orte auf. 1878 schrieb er an seine Tante, die Gräfin A. A. Tolstoi:
„Dieses Werk ist für mich so wichtig! Sie können sich nicht denken,
wie wichtig es für mich ist; so wichtig, wie es für Sie Ihr Glaube
ist. Ich möchte sagen: noch wichtiger.” -- Aber er entfernte sich
davon in dem Maße, als er sich in den Gegenstand vertiefte: sein
Denken gehörte ihm nicht mehr. Bereits am 17. April 1879 schrieb er
an Fet: „Die Dekabristen? Gott weiß, wo sie sind!... Ich wiege mich
in der Hoffnung, daß, wenn ich daran dachte, wenn ich schrieb, der
Hauch meines Geistes allein schon denen unerträglich sein würde, die
zum Wohl der Menschheit auf die Menschen schießen.” -- Zu diesem
Zeitpunkt seines Lebens hatte die religiöse Krisis eingesetzt: er
ging daran, alle seine alten Götzen zu verbrennen.
[97] (S. 61): Peter Besukow, der Natascha geheiratet hat, wird ein
Dekabrist sein. Er hat eine geheime Gesellschaft gegründet, um über
das allgemeine Wohl zu wachen, eine Art Tugendbund. Natascha schließt
sich schwärmerisch seinen Plänen an. Denissow will nichts von einer
friedlichen Revolution wissen, sondern ist zu einem bewaffneten
Aufstand bereit. Nikolaus Rostow hat sich seinen blinden
Soldatengehorsam bewahrt. Er, der nach Austerlitz sagte: „Wir haben
nur etwas zu tun: unsere Pflicht zu erfüllen, uns zu schlagen und
niemals zu denken”, er ereifert sich gegen Peter und sagt: „Mein Eid
vor allem! Wenn man mir beföhle, mit meiner Schwadron gegen dich zu
marschieren, würde ich marschieren und losschlagen.” Seine Frau,
Prinzessin Marie, billigt es. Der Sohn des Fürsten Andrej, der kleine
Nikolaus Wolkonski, zart bis zur Krankhaftigkeit, aber reizend, mit
großen Augen und goldenen Haaren, hört mit seinen fünfzehn Jahren
fieberhaft dem Streit zu; seine ganze Liebe gehört Peter und
Natascha; Nikolaus und Marie liebt er kaum; er hegt für seinen Vater,
den er nie gesehen hat, eine wahre Verehrung; er träumt davon, ihm zu
gleichen, groß zu sein und etwas Großes zu vollbringen, was? -- das
weiß er nicht... „Was Sie auch sagen, ich werde es tun... Ja ich werde
es tun. Er selbst würde es gebilligt haben.” -- Und das Werk endet mit
dem Traum eines Kindes, das sich als einen plutarchischen Helden
fühlt, zusammen mit seinem Onkel Peter, vom Ruhm umwittert und von
einem Heer begleitet. -- Wenn die „Dekabristen” damals geschrieben
worden wären, dann hätte der kleine Wolkonski zweifellos darin die
Rolle eines Helden gespielt.
[98] (S. 62): Ich habe gesagt, daß die beiden Familien Rostow und
Wolkonski in „Krieg und Frieden” in vielen Zügen an Tolstois Familie
väterlicherseits und mütterlicherseits erinnern. Auch in den Berichten
aus dem Kaukasus und aus Sewastopol finden sich mehrere Figuren von
Soldaten und Offizieren aus „Krieg und Frieden”.
[99] (S. 64): Brief vom 2. Februar 1868, den Birukow anführt.
[100] (S. 64): Vornehmlich, so sagte er, den Fürsten Andrej im ersten
Teil.
[101] (S. 64): Es ist bedauerlich, daß die Schönheit der dichterischen
Schöpfung manchmal durch philosophisches Gerede, mit dem Tolstoi sein
Werk überlädt, beeinträchtigt wird, vor allem in den letzten Teilen.
Er sucht seine Theorie vom Fatum der Geschichte zu entwickeln, und das
Unglück ist, daß er endlos darauf zurückkommt und sich unentwegt
wiederholt. Flaubert, der beim Lesen der beiden ersten Bände, welche
er „göttlich” und „voll von Stellen im Shakespeareschen Geiste”
nannte, „Bewunderungsrufe ausstieß”, warf den dritten Band gelangweilt
in die Ecke: „Er fällt schrecklich ab. Er wiederholt sich, und er
philosophiert. Man sieht den Herrn Grafen, den Verfasser und den
Russen, während man bisher nur die Natur und die Menschheit gesehen
hatte”. (Brief an Turgenjew, Januar 1880.)
[102] (S. 66): Brief an seine Frau (aus den Archiven der Gräfin
Tolstoi), von Birukow angeführt.
[103] (S. 66): Während er im Sommer 1869 „Krieg und Frieden” beendet,
entdeckt er Schopenhauer und begeistert sich daran: „Ich bin
überzeugt, daß Schopenhauer der genialste der Menschen ist. Das ganze
Weltall strahlt mit einer außergewöhnlichen Klarheit und Schönheit aus
ihm.” (Brief an Fet, 30. August 1869.)
[104] (S. 67): „Homer und seine Übersetzer”, sagt er an anderer
Stelle, „unterscheiden sich voneinander wie gekochtes und
destilliertes Wasser von Quellwasser, das Felsen sprengt und selbst
durch Sand seinen Lauf nimmt, dadurch aber nur immer reiner und
frischer wird”. (Brief an Fet, Dezember 1879.)
[105] (S. 67): Unveröffentlichte Korrespondenz.
[106] (S. 67): Aus den Archiven der Gräfin Tolstoi.
[107] (S. 67): Der Roman wurde 1877 beendet. Er erschien -- bis auf
das Nachwort -- im „Russki Viestniki”.
[108] (S. 67): Durch den Tod von dreien seiner Kinder (18. November
1873, Februar 1875, Ende November 1875), der Tante Tatjana, seiner
Adoptivmutter, (20. Juni 1874) und der Tante Pelagie (22. Dezember
1875).
[109] (S. 68): Brief an Fet, 1. März 1876.
[110] (S. 68): „Die Frau bildet den Stein des Anstoßes in der Laufbahn
eines Mannes. Es ist schwer, eine Frau zu lieben und etwas Gescheites
zu tun; und das einzige Mittel, um nicht durch die Liebe zur
Untätigkeit verurteilt zu sein, ist sich zu verheiraten.”
[111] (S. 70): Motto des Buches.
[112] (S. 71): Vergleiche auch im Nachwort den dem Krieg und dem
Nationalismus, dem Panslawismus, ausgesprochen feindlichen Geist.
[113] (S. 73): Das Böse ist, was für die Welt vernünftig ist. Das
Opfer, die Liebe, gilt als Unvernunft.
[114] (S. 75): „Jetzt treibe ich mich aufs neue an die langweilige und
platte ‚Anna Karenina’ mit dem einzigen Wunsch, sie so rasch wie
möglich loszuwerden...” (Briefe an Fet, 26. August 1875.) -- „Ich muß
den Roman, der mich langweilt, zu Ende bringen.” (Briefe an Fet,
1. März 1876.)
[115] (S. 75): „Beichte” (1879).
[116] (S. 75): Ich fasse hier mehrere Seiten aus der „Beichte”
zusammen und behalte Tolstois Ausdrücke bei.
[117] (S. 76): Vgl. „Anna Karenina”: „Und Lewin, geliebt, glücklich,
Familienvater, schaffte alle Waffen außer Greifweite, als fürchtete
er, er könnte der Versuchung erliegen, seiner Qual ein Ende zu
machen.” -- Dieser Geisteszustand war Tolstoi und seinen Helden nicht
allein eigentümlich. Es fiel Tolstoi auf, wie sehr die Zahl der
Selbstmorde in den besseren Kreisen Europas und besonders in Rußland
im Wachsen begriffen war. Er nimmt häufig in seinen Werken aus jener
Zeit darauf Bezug. Man könnte behaupten, daß eine große Woge von
Neurasthenie über das Europa von 1880 hingegangen sei, die Tausende
von Menschen verschlungen habe. Die damals jung waren, bewahren sich
die Erinnerung daran, und für sie hat Tolstois Stellungnahme zu jener
menschlichen Krisis historischen Wert. Er hat die heimliche Tragödie
einer Generation geschrieben.
[118] (S. 77): „Beichte.”
[119] (S. 77): Tolstois Bildnisse aus jener Zeit verraten diesen
volkstümlichen Charakter. Ein Bild von Kramskoi (1873) -- s. Titelbild
dieses Buches -- stellt ihn in der Muschikbluse dar, mit vorgeneigtem
Kopf und dem Aussehen eines deutschen Christus. Das Haar beginnt sich
an den Schläfen zu lichten, ein Bart umrahmt die hohlen Wangen. -- Auf
einem anderen Bild aus dem Jahre 1881 hat er das Aussehen eines
Werkführers im Sonntagsstaat: die Haare kurz geschnitten, mit vollem
Backenbart; der untere Teil des Gesichts erscheint viel breiter als
der obere; gerunzelte Augenbrauen, ein mürrischer Augenausdruck, eine
breite Hundenase und ungeheure Ohren.
[120] (S. 79): „Beichte.”
[121] (S. 79): Es war aber nicht das erstemal. Der junge Freiwillige
im Kaukasus, der Offizier von Sewastopol, Olenin in den „Kosaken”,
Fürst Andrej und Peter Besukow in „Krieg und Frieden” hatten ähnliche
Erscheinungen gehabt. Aber Tolstoi war so von Leidenschaft erfaßt, daß
er jedesmal, wenn er Gott entdeckte, glaubte, es sei das erstemal und
es habe vorher nur Nacht und Nichts um ihn geherrscht. Er sah in
seiner Vergangenheit nur Dunkel und Schande. Wir, die wir aus seinem
Tagebuche die Geschichte seines Herzens besser kennen als er selbst,
wissen, wie tief religiös dieses Herz immer, selbst in seinen
Verirrungen, gewesen ist. Er gibt es übrigens an einer Stelle der
Vorrede zur „Kritik der dogmatischen Theologie” zu, wo er sagt:
„Gott! Gott! ich habe geirrt, ich habe die Wahrheit gesucht, auch wo
es nicht nötig war. Ich wußte, daß ich irrte. Ich schmeichelte
meinen bösen Leidenschaften, die ich als böse erkannt hatte, -- aber
ich vergaß dich nie. Ich habe dich immer gefühlt, selbst wenn ich
mich verirrte.” -- Die Krisis von 1878/79 war nur heftiger als die
früheren, vielleicht unter dem Einfluß der wiederholten Trauerfälle
und des herannahenden Alters. Und das einzig Neue an ihr lag darin,
daß, während früher die Erscheinung Gottes sich verflüchtigte, ohne
Spuren zu hinterlassen, sobald die Flamme der Verzückung erloschen
war, sich nun Tolstoi, belehrt durch die frühere Erfahrung, beeilte,
den „Weg zu gehen, solange das Licht leuchtete”, und ein ganzes
Lebenssystem aus seinem Glauben abzuleiten. Auch das hatte er
vielleicht schon einmal versucht (man erinnere sich an seine
„Lebensregeln”, die er als Student aufgestellt hatte), aber mit
seinen fünfzig Jahren lief er weniger Gefahr, sich durch die
Leidenschaften von dem eingeschlagenen Weg abbringen zu lassen.
[122] (S. 79): Der Untertitel der „Beichte” lautet „Einführung
in die Kritik der dogmatischen Theologie und die Prüfung der
christlichen Doktrin”.
[123] (S. 80): „Ich, der ich Wahrheit und Liebe einander gleichstelle,
war betroffen von der Tatsache, daß die Religion selbst zerstörte, was
sie aufbauen wollte.” („Beichte”)
[124] (S. 80): „Und ich habe mich davon überzeugt, daß die Lehre der
Kirche theoretisch eine arglistige und schädliche Lüge und praktisch
eine Mischung aus schlimmstem Aberglauben und Zauberkünsten ist,
worunter der Sinn der christlichen Lehre gänzlich verschwunden ist.”
(Antwort an den Heiligen Synod vom 4.-17. April 1901.) -- Siehe auch
„Kirche und Staat” (1883). -- Das schwerste Verbrechen, das Tolstoi
der Kirche vorwirft, ist ihre „gottlose Allianz” mit der weltlichen
Macht. Sie habe dadurch die Heiligkeit des Staates und die Heiligkeit
der Gewalt bestätigt. Es sei ein Bündnis von Räubern und Lügnern.
[125] (S. 81): In dem Maße, als er älter wurde, verstärkte sich dieses
Gefühl von der Einheit der religiösen Wahrheit im Verlauf der
Geschichte der Menschheit und der Verwandtschaft Christi mit den
anderen Weisen seit Buddha bis zu Kant und Emerson derart, daß Tolstoi
sich in den letzten Lebensjahren dagegen verwahrte, „eine besondere
Vorliebe für das Christentum” zu haben. In diesem Sinne ist von ganz
besonderer Wichtigkeit ein Brief, den er zwischen dem 27. Juli und dem
9. August 1909 an den Maler Jan Styka schrieb. Seiner Gewohnheit
gemäß neigt Tolstoi, wenn er von seiner neuen Überzeugung ganz erfüllt
ist, dazu, etwas gar zu sehr seinen früheren Seelenzustand und den
rein christlichen Ausgangspunkt seiner religiösen Krisis zu vergessen:
„Die Lehre Christi”, schrieb er, „ist für mich nur eine der schönen
religiösen Doktrinen, die wir aus dem ägyptischen, jüdischen,
indischen, chinesischen, griechischen Altertum übernommen haben. Die
beiden großen Prinzipien Jesu: die Liebe Gottes, d. h. die absolute
Vollendung, und die Liebe zum Nächsten, d. h. zu allen Menschen ohne
irgendeine Ausnahme, sind von allen Weisen der Welt gepredigt worden:
von Krischna, Buddha, Lao Tse, Konfuzius, Sokrates, Plato, Epiktet,
Mark Aurel, und unter den modernen: von Rousseau, Pascal, Kant,
Emerson, Channing und vielen anderen. Die religiöse und moralische
Wahrheit ist überall und immer die gleiche... Ich habe keinerlei
Vorliebe für das Christentum. Wenn ich besonderes Interesse für die
Lehre Christi gezeigt habe, so kommt dies daher: 1. weil ich unter
Christen geboren bin und unter Christen gelebt habe; 2. weil ich es
als einen großen Seelengenuß empfand, die reine Lehre von den
überraschenden Fälschungen, wie sie die Kirche vornimmt, zu trennen.”
[126] (S. 82): Tolstoi verwahrt sich dagegen, die wahre Wissenschaft
anzugreifen, die bescheiden sei und ihre Grenzen kenne. („Das Leben”,
Kapitel IV.)
[127] (S. 82): „Das Leben”, Kapitel X.
[128] (S. 82): Tolstoi las häufig und immer wieder die „Gedanken” von
Pascal in der kritischen Zeit, die der „Beichte” voranging. Er spricht
von ihnen in seinen Briefen an Fet (14. April 1877 und 3. August 1879)
und empfiehlt sie seinem Freunde zur Lektüre.
[129] (S. 83): In einem Brief über die Vernunft, den er am 6. November
1894 an die Baronin X... schrieb, sagt Tolstoi ähnlich: „Der Mensch
hat von Gott selbst nur ein einziges Werkzeug erhalten, um sich selbst
zu erkennen und mit der Welt zu verständigen; es gibt kein anderes.
Dieses Werkzeug ist die Vernunft. Die Vernunft kommt von Gott. Sie ist
nicht nur die höchste Eigenschaft des Menschen, sondern das einzige
Werkzeug zur Erkenntnis der Wahrheit.”
[130] (S. 83): „Das Leben”, Kapitel X, XIV-XXI.
[131] (S. 85): „Das Leben”, Kap. XXII-XXV. -- Wie bei den meisten
dieser Zitate fasse ich mehrere Kapitel in einige charakteristische
Sätze zusammen.
[132] (S. 85): Ich behalte mir für später vor, wenn Tolstois Werk erst
einmal lückenlos veröffentlicht sein wird, diesen religiösen Gedanken
in seinen verschiedenen Schattierungen zu studieren, denn dieser hat
in bezug auf verschiedene Fragen sich sicherlich mehrfach gewandelt,
hauptsächlich in bezug auf die Vorstellung vom künftigen Leben.