„Ich sterbe vor Scham, ich bin schuldig, ich verdiene Verachtung... Und

trotzdem, vergleicht mein ehemaliges Leben mit meinem jetzigen! Dann

werdet ihr sehen, daß ich nach dem göttlichen Gesetz zu leben trachte.

Ich habe nicht den tausendsten Teil von dem getan, was not tut, und ich

schäme mich dessen, aber ich habe es nicht unterlassen, weil ich es

nicht gewollt, sondern weil ich es nicht gekonnt habe... Klagt mich an,

aber klagt den Weg nicht an, dem ich folge. Wenn ich die Straße kenne,

die mich nach Hause führt, und wenn ich ihr taumelnd wie ein Trunkener

folge, ist damit gesagt, daß die Straße schlecht ist? Oder zeigt mir

eine andere, oder stützt mich auf der richtigen Straße, so wie ich

willens bin, euch zu stützen. Aber stoßt mich nicht von euch, ergötzt

euch nicht an meiner Verzweiflung, ruft nicht voller Begeisterung aus:

‚Seht! Er sagt, daß er nach Hause geht, und er fällt in den Morast!’

Nein, ergötzt euch nicht, sondern helft mir, stützt mich! ... Helft mir!

Mein Herz blutet aus Verzweiflung darüber, daß wir uns alle verirrt

haben; und wenn ich mich aus allen Kräften bemühe, um mich

herauszufinden, deutet ihr, statt Mitleid mit mir zu haben, mit dem

Finger auf mich und ruft: ‚Seht, er fällt mit uns in den

Morast!’.”[256]

Dann, als er dem Tode näher war, wiederholte er:

„Ich bin kein Heiliger, ich habe mich nie für einen ausgegeben. Ich bin

ein Mensch, der sich mitreißen läßt und der manchmal nicht alles sagt,

was er denkt und fühlt; nicht, weil er es nicht will, sondern weil er es

nicht kann, weil ihm oft Übertreibungen und Irrtümer unterlaufen. Mit

meinem Tun ist es noch schlimmer. Ich bin ein durchaus schwacher Mensch

mit lasterhaften Gewohnheiten, der Gott in Wahrheit dienen will, der

aber immer wieder strauchelt. Wenn man mich für einen Menschen hält, der

sich nicht irren kann, dann muß jedes meiner Vergehen als Lüge oder

Heuchelei erscheinen. Aber wenn man mich für einen schwachen Menschen

hält, dann erscheine ich als das, was ich in Wirklichkeit bin: ein

bemitleidenswertes aber ehrliches Wesen, das immer und von ganzem Herzen

gewünscht hat und weiter wünscht, ein guter Mensch, ein guter Diener

Gottes zu werden.”

So blieb er, von Gewissensbissen verfolgt, gequält durch die stummen

Vorwürfe von Anhängern, die energischer und weniger menschlich waren als

er[257], gepeinigt durch seine Schwäche und seine Unschlüssigkeit, hin-

und hergezerrt zwischen der Liebe zu den Seinen und der Liebe zu Gott,

-- bis zu dem Tage, wo ihn die Verzweiflung und vielleicht auch der

heiße Fieberhauch, der beim Nahen des Todes spürbar wird, aus dem Hause

auf die Landstraße trieben. Er floh und irrte umher, klopfte an

Klostertüren, zog seines Weges weiter und blieb schließlich in einem

unbekannten kleinen Ort liegen, um nicht mehr aufzustehen[258]. Und auf

seinem Totenbette weinte er nicht über sich, sondern über die

Unglücklichen. Und unter Schluchzen sagte er:

„Es gibt auf Erden Millionen Menschen, die leiden; warum befaßt ihr alle

euch gerade mit mir allein?”

Und dann kam er -- es war Sonntag, den 20. November 1910, kurz nach 6

Uhr morgens --, „der Erlöser”, wie er ihn nannte, „der Tod, der

gesegnete Tod...”

Der Kampf war zu Ende, der zweiundachtzigjährige Kampf, dessen

Schauplatz dieses Leben gewesen war. Ein Leben, gemischt aus Tragik und

Ruhm, an dem alle Daseinskräfte, alle Laster und alle Tugenden, Anteil

hatten. -- Alle Laster, ausgenommen ein einziges, die Lüge; denn sie

verfolgte er unaufhaltsam und spürte sie in ihren verborgensten

Schlupfwinkeln auf.

Zuerst der Freiheitsrausch, die aufeinanderprallenden Leidenschaften in

der stürmischen Nacht, die nur hier und da blendende Blitze erhellen,

Liebe und Verzückung, Offenbarungen des Ewigen. Jahre im Kaukasus, vor

Sewastopol, Jahre gährender und unruhiger Jugend... Dann die wohltätige

Besänftigung der ersten Ehejahre. Das Glücklichsein in der Liebe, der

Kunst und der Natur, -- „Krieg und Frieden.” Höhepunkt des Genies, das

den ganzen menschlichen Gesichtskreis und das Schauspiel dieser Kämpfe,

die seelisch schon der Vergangenheit angehörten, meistert. Er ist ihr

Herr; und schon genügen sie ihm nicht mehr. Wie Fürst Andrej hebt er

seine Augen zu dem grenzenlosen Himmel, der über Austerlitz leuchtet.

Dieser Himmel zieht ihn an:

„Es gibt Menschen mit mächtigen Schwingen, die die Begierde zwingt,

inmitten der Menge zu landen, wo ihre Schwingen zerbrechen: solch einer

bin ich. Dann schlägt man mit seinem gebrochenen Flügel, schwingt sich

mit Macht wieder auf und fällt von neuem herab. Aber die Flügel

heilen wieder. Ich werde sehr hoch fliegen. Gott stehe mir bei!”[259]

Diese Worte sind im schrecklichsten Aufruhr geschrieben, dessen

Niederschlag und Echo die „Beichte” ist. Tolstoi wurde mehr als einmal

mit zerbrochenen Schwingen zu Boden geschleudert. Und immer wieder läßt

er nicht nach und steigt wieder auf. Nun schwebt er dahin in dem

„unermeßlichen, unergründlichen Himmel” mit seinen beiden großen

Schwingen, dem Glauben und der Vernunft. Aber die ersehnte Ruhe findet

er darin nicht. Der Himmel ist nicht außerhalb unser, der Himmel ist in

uns. Tolstoi läßt auch hier seinen stürmischen Leidenschaften freien

Lauf. Hierin unterscheidet er sich von den entsagenden Aposteln; er ging

mit derselben Inbrunst ans Entsagen, mit der er ans Leben heranging. Und

immer ist es das Leben, das er mit dem Ungestüm eines Liebhabers

umfängt. Er ist „lebenstoll”. Er ist „lebenstrunken”. Er kann

nicht leben ohne diesen Rausch[260]. Berauscht von Glück und

Unglück zu gleicher Zeit. Berauscht vom Tod und von der

Unsterblichkeit[261]. Sein Verzicht auf das irdische Dasein ist nur

ein wild leidenschaftlicher Schrei nach dem ewigen Leben. Nein, der

Friede, den er erlangt, der Seelenfriede, den er herbeiwünscht, ist

nicht der Friede des Todes. Es ist der Friede jener brennenden

Welten, die in den unendlichen Räumen kreisen. Sein Zorn ist ruhig,

und seine Ruhe ist Leidenschaft[262]. Der Glaube hat ihm neue

Waffen geliefert, um unversöhnlich den Kampf wieder aufzunehmen, den

er seit seinen ersten Werken ohne Unterlaß gegen die Lügen der

zeitgenössischen Gesellschaft führte. Er begnügt sich nicht mehr mit

ein paar typischen Romanfiguren, er zieht zu Felde gegen alle die

großen Götzen: die Heucheleien der Religion, des Staates, der

Wissenschaft, der Kunst, des Liberalismus, des Sozialismus, der

Volksbildung, der Wohltätigkeit, des Pazifismus...[263] Er geißelt

sie, er verfolgt sie aufs eifrigste.

[Illustration: Tolstois Grab auf Jasnaja Poljana]

Die Welt sieht von Zeit zu Zeit die Erscheinung solch erregter Geister,

die, wie Johannes der Täufer, einen Bannfluch gegen die Sittenverderbnis

schleudern. Die letzte dieser Erscheinungen ist Rousseau gewesen. Durch

seine Liebe zur Natur[264], seinen Haß auf die moderne Gesellschaft,

seine äußerste Bedürfnislosigkeit, seine inbrünstige Verehrung des

Evangeliums und der christlichen Moral ist Rousseau ein Vorbote

Tolstois, der sich auch auf ihn berief: „Manche seiner Worte gehen mir

zu Herzen,” sagte er, „ich könnte glauben, sie selbst geschrieben zu

haben”[265].

Aber was für ein Unterschied zwischen diesen beiden Seelen, und um

wieviel ist die Tolstois von reinerem Christentum! Welcher Mangel an

Demut, welche pharisäische Anmaßung verrät der vermessene Ausruf in den

„Bekenntnissen” des Genfers:

„Du Ewiger! Einer soll dir zu sagen wagen: Ich war besser als dieser

Mann!”

Oder in jenem Fehdebrief an die Welt:

„Ich erkläre es laut und furchtlos: wer immer mich für einen

unredlichen Menschen hält, verdient selbst erdrosselt zu werden.”

Tolstoi weinte blutige Tränen über die „Verbrechen” seines

vergangenen Lebens:

„Ich leide Höllenqualen. Ich erinnere mich aller meiner begangenen

Niederträchtigkeiten, und diese Erinnerungen verlassen mich nicht, sie

vergiften mein Leben. Gewöhnlich bedauert man, daß man sich nicht über

den Tod hinaus an Vergangenes erinnert. Welch ein Glück, daß es so ist!

Wie schrecklich wäre es, wenn ich mich in dem anderen Leben all des

Bösen erinnern müßte, das ich hienieden beging!...”[266]

Er hat nicht, wie Rousseau, seine „Bekenntnisse” geschrieben, weil er,

wie dieser sagte, „im Bewußtsein, daß das Gute das Schlechte

überwiege, guten Grund hatte, alles zu sagen”. Tolstoi verzichtet

nach einem vergeblichen Versuch darauf, seine Erinnerungen zu

schreiben. Die Feder entsinkt seiner Hand. Er will nicht Gegenstand

des Ärgernisses sein für die, die es lesen werden:

„Die Leute würden sagen: ‚Das ist also der Mann, den viele so hoch

stellen! Und was für ein Feigling war er! Demnach befiehlt Gott selbst

uns einfachen Sterblichen, feige zu sein’.”[267]

Niemals hat Rousseau aus dem christlichen Glauben heraus diese schöne

schamhafte Demut gekannt, die dem alten Tolstoi eine solch unsagbare

Güte verleiht. Hinter Rousseau, als Umrahmung seines Denkmals auf der

Schwaneninsel, sieht man Genf, das Rom Calvins. In Tolstoi findet man

die Pilger, die „Einfältigen” wieder, deren naive Bekenntnisse und

Tränen seine Kinderjahre bewegt hatten.

Aber weit mehr noch als der Kampf gegen die Welt, der ihm mit Rousseau

gemeinsam ist, erfüllte ein anderer Kampf die letzten dreißig Jahre von

Tolstois Leben. Ein herrlicher Kampf zwischen den beiden hehrsten

Mächten in seiner Seele: der Wahrheit und der Liebe.

Die Wahrheit, -- „dieser Blick, der bis ins Herz geht”, -- das

durchdringende Licht dieser grauen Augen, die einen durchbohren... sie

war sein ältester Glaube, die Beherrscherin seiner Kunst.

„Die Heldin meiner Schriften, sie, die ich mit der ganzen Kraft meiner

Seele liebe, sie, die immer schön war, ist und sein wird, sie ist die

Wahrheit.”[268]

Die Wahrheit war das einzige Strandgut, das er nach dem Tode seines

Bruders aus dem Schiffbruch rettete[269], der Angelpunkt seines Lebens,

der Fels im Meere.

Aber bald hatte ihm „die schreckliche Wahrheit”[270] nicht mehr

genügt. Die Liebe hatte sie verdrängt. Sie war der lebendige Quell

seiner Kinderjahre, „der natürliche Zustand seiner Seele”[271]. Als

im Jahre 1880 der moralische Umschwung kam, sagte er sich nicht von

der Wahrheit los, sondern er suchte sie mit der Liebe zu

verschmelzen[272].

Die Liebe ist „die Grundlage der Willenskraft”[273]. Die Liebe ist

„der Zweck des Lebens”, der einzige neben der Schönheit[274]. Die

Liebe ist das Wesen des vom Leben gereiften Tolstoi, des Verfassers

von „Krieg und Frieden” und des Briefes an den Heiligen Synod[275].

Diese Durchdringung der Wahrheit mit der Liebe macht den einzigartigen

Wert der Hauptwerke aus, die er in seines Lebens Mitte -- nel mezzo del

cammin -- schrieb, und unterscheidet seinen Realismus von dem Realismus

eines Flaubert. Dieser setzt seinen Ehrgeiz darein, seine Gestalten

nicht zu lieben. So groß er auf diese Weise auch sein mag, ihm fehlt das

„Fiat lux!” Das Licht der Sonne genügt nicht, das Licht des Herzens

tut not. Tolstois Realismus verkörpert sich in jeder seiner

Gestalten, und indem er sie mit ihren Augen sieht, findet er in der

geringsten von ihnen Gründe, sie zu lieben und uns die Bande

empfinden zu lassen, die uns mit allen brüderlich vereinen[276].

Durch die Liebe dringt er bis zu den Wurzeln des Lebens.

Aber es ist schwierig, diese Verbindung aufrechtzuerhalten. Es gibt

Stunden, in denen das Spiel des Lebens und seine Leiden so bitter sind,

daß sie der Liebe gleichsam den Kampf ansagen, und daß man, um sie zu

retten, um seinen Glauben zu retten, sie so hoch über alles Menschliche

erheben muß, daß sie Gefahr läuft, jede Verbindung mit der Welt zu

verlieren. Und was soll der tun, dem vom Schicksal die wunderbare und

unselige Gabe zuteil wurde, die Wahrheit zu sehen, sie sehen zu müssen?

Wer kann sagen, wie sehr Tolstoi in seinen letzten Lebensjahren gelitten

hat unter dem unaufhörlichen Widerstreit zwischen seinen unerbittlichen

Augen, die den Schrecken der Wirklichkeit sahen, und seinem empfindsamen

Herzen, das unentwegt die Liebe bejahte und ihrer harrte!

Wir alle haben diese tragischen Konflikte kennengelernt. Wie oft waren

wir vor die Entscheidung gestellt, nicht zu sehen oder zu hassen!

Und wie oft mag einen Künstler, -- einen Künstler, würdig dieser

Bezeichnung, einen Schriftsteller, der die herrliche und furchtbare

Macht des geschriebenen Wortes kennt, -- wie oft mag ihn Bangigkeit

beschlichen haben im Augenblick, da er diese oder jene Wahrheit

niederschrieb[277]! Diese gesunde und männliche Wahrheit, die inmitten

der modernen Lügen, der Lügen der Zivilisation, so notwendig ist, diese

Wahrheit, die zum Leben so unentbehrlich zu sein scheint, wie die Luft,

die man einatmet... Und dann merkt man, daß so viele Lungen diese Luft

nicht vertragen können, so viele durch die Zivilisation geschwächte oder

einfach durch die Güte ihres Herzens schwach gewordene Menschen. Soll

man keine Rücksicht darauf nehmen und ihnen diese tödliche Wahrheit

unbedenklich ins Gesicht schleudern? Gibt es nicht eine höhere Wahrheit,

die, wie Tolstoi sagt, „zur Liebe bereit ist”? -- Aber kann man wohl

darein willigen, die Menschen mit tröstlichen Lügen einzulullen, wie

Peer Gynt seine sterbende alte Mutter mit seinen Märchen

einschläfert?... Die Gesellschaft steht immer vor dem Dilemma: Wahrheit

oder Liebe. Gewöhnlich entscheidet sie sich dahin, Wahrheit und Liebe

zugleich zu opfern.

Nie hat Tolstoi einen seiner beiden Glauben verraten. In den Werken aus

seiner Reifezeit weist die Liebe der Wahrheit den Weg. In den Werken der

letzten Jahre senkt sich ein Licht von oben, ein Strahl der Gnade auf

das Leben, ohne sich aber damit zu vermischen. Man hat es in der

„Auferstehung” gesehen, wo der Glaube die Wirklichkeit beherrscht, sie

aber nicht durchdringt. Dieselben Menschen, die Tolstoi jedesmal, wenn

er sie einzeln sieht, als sehr schwach und mittelmäßig schildert,

erhalten für ihn, wenn er an sie als ein Ganzes denkt, einen Zug von

göttlicher Heiligkeit[278]. -- In seinem täglichen Leben trat derselbe

Widerspruch zutage wie in seiner Kunst, nur noch schroffer. Wenn er auch

noch so gut wußte, was die Liebe von ihm forderte, so handelte er doch

anders; er lebte nicht, wie es Gott gefiel, er lebte, wie es der Welt

gefiel. Wo sollte er die Liebe fassen? Wie sollte er zwischen ihren

verschiedenen Gesichtern und ihren widerspruchsvollen Forderungen

unterscheiden? Galt es die Liebe zu seiner Familie, oder die Liebe zu

allen Menschen?... Bis zum letzten Tag schlug er sich mit diesen

Zweifeln herum.

Wo ist die Lösung? -- Er hat sie nicht gefunden. Überlassen wir das

Recht, deshalb mit Verachtung über ihn zu urteilen, den hochfahrenden

Intellektuellen. Sie haben gewiß die Lösung gefunden, sie haben die

Wahrheit, und sie stützen sich mit Sicherheit auf sie. Für sie war

Tolstoi ein empfindsamer Schwächling, der ihnen nicht als Vorbild dienen

kann. Zweifellos ist er kein Vorbild, dem sie nacheifern können; dazu

sind sie nicht lebendig genug. Tolstoi gehört nicht zu jenen eitlen

Auserwählten, er gehört keiner Kirche an, -- weder der der

Schriftgelehrten, wie er sie nannte, noch der der Pharisäer vom einen

oder vom anderen Glauben. Er ist der vollkommenste Typus des freien

Christen, der sein Leben lang einem Ideal zustrebt, ohne ihm je näher zu

kommen[279].

Tolstoi redet nicht zu der geistigen Auslese, er redet zu den

gewöhnlichen Menschen -- hominibus bonae voluntatis. -- Er ist unser

Gewissen. Er spricht aus, was wir Durchschnittsmenschen alle denken, und

was wir nur nicht in uns zu lesen wagen. Und er ist uns kein hochmütiger

Lehrmeister, keiner jener hoheitsvollen Geisteshelden, die in ihrer

Kunst und ihrer Weisheit über der Menschheit thronen. Er ist -- wie er

sich selbst gern in seinen Briefen mit diesem schönsten und innigsten

Namen bezeichnete -- „unser Bruder”.

$Ende$

Anmerkungen

[1] (S. 6): Abgesehen von einigen Unterbrechungen, -- vornehmlich

einer ziemlich langen zwischen 1865 und 1878.

[2] (S. 6): Es ist die wichtigste Sammlung von Dokumenten über das

Leben und das Werk Tolstois. Ich habe sehr ausgiebig daraus geschöpft.

[3] (S. 7): Er nahm auch an den Napoleonischen Feldzügen teil und war

in Frankreich während der Jahre 1814-1815 in Gefangenschaft.

[4] (S. 8): „Kindheit”, Kapitel II.

[5] (S. 8): „Kindheit”, Kapitel XXVII.

[6] (S. 8): Jasnaja Poljana, dessen Name etwa mit „Helle

Lichtung” wiedergegeben werden kann, ist ein kleines Dorf im

Süden von Moskau, einige Meilen von Tula entfernt, „in einer der

urrussischsten Provinzen. Die beiden größten Gebiete Rußlands,”

sagt A. Leroy-Beaulieu, „das Waldgebiet und das Getreidegebiet

berühren sich hier und gehen ineinander über. In diesen Gegenden

trifft man weder Finnen noch Tartaren, weder Polen noch Juden oder

Kleinrussen. Das Gebiet von Tula liegt im tiefsten Herzen Rußlands.”

(A. Leroy-Beaulieu: Leo Tolstoi; Revue des deux Mondes, 15. Dezember

1910.)

[7] (S. 9): Tolstoi hat ihn in „Anna Karenina” geschildert mit den

Zügen von Lewins Bruder.

[8] (S. 9): Er schrieb „Das Tagebuch eines Jägers”.

[9] (S. 9): In Wirklichkeit war sie eine entfernte Verwandte. Sie

hatte Tolstois Vater geliebt und war von ihm wiedergeliebt worden;

aber wie Sonja in „Krieg und Frieden” hatte sie sich nicht zu

behaupten gewußt.

[10] (S. 10): „Kindheit”, Kapitel XII.

[11] (S. 11): Hat Tolstoi doch in autobiographischen Aufzeichnungen

aus dem Jahre 1878 behauptet, daß er sich der Empfindungen erinnere,

die er als Kind beim Wickeln und Baden gehabt habe. (Siehe „Erste

Erinnerungen”.)

[12] (S. 11): „Erste Erinnerungen.”

[13] (S. 13): Von 1842-1847.

[14] (S. 13): Nikolaus, der um 5 Jahre älter als Leo war, hatte sein

Studium schon im Jahre 1844 vollendet.

[15] (S. 13): Er liebte die metaphysischen Unterhaltungen „um so

mehr”, wie er sagt, „als sie viel abstrakter waren und bis zu einem

solchen Grad von Unklarheit führten, daß man, im Glauben, man sage,

was man denke, alles andere sagen konnte”. („Knabenjahre”, Kapitel

XXVII.)

[16] (S. 13): „Knabenjahre”, Kapitel XIX.

[17] (S. 13): Hauptsächlich in seinen ersten Werken, in den Berichten

aus Sewastopol.

[18] (S. 14): Das war zu der Zeit, als er mit Vergnügen Voltaire las.

(„Beichte”, Kapitel I.)

[19] (S. 14): „Beichte”, Kapitel I.

[20] (S. 14): „Jugend”, Kapitel III.

[21] (S. 14): In den Monaten März und April 1847.

[22] (S. 14): „Alles was der Mensch tut, tut er aus Eigenliebe”, sagt

Nekludow in „Knabenjahre”. -- Im Jahre 1853 bemerkt Tolstoi in seinem

Tagebuch: „Mein großer Fehler: der Hochmut. Eine grenzenlose, durch

nichts gerechtfertigte Eigenliebe... Ich bin so ehrgeizig, daß ich,

wenn ich zwischen dem Ruhm und der Tugend (die ich liebe) zu wählen

hätte, wohl glaube, ich würde ersteren wählen.”

[23] (S. 15): „Ich wollte, alle sollten mich kennen und mich lieben.

Ich wollte, daß schon allein beim Hören meines Namens alle von

Bewunderung für mich erfüllt und mir zu Dank verpflichtet wären.”

[24] (S. 15): Nach einem Bildnis aus dem Jahre 1844, als er 20 Jahre

alt war.

[25] (S. 15): „Ich bildete mir ein, daß es für einen Menschen, der

eine so breite Nase, so aufgeworfene Lippen und so kleine Augen wie

ich hatte, kein Glück auf Erden gäbe.” („Kindheit”, Kapitel XVII.)

An anderer Stelle spricht er mit Verzweiflung von „diesem Gesicht

ohne Ausdruck, diesen schlaffen, weichen, unentschiedenen Zügen ohne

Adel, die an die einfachen Muschiks erinnern, von diesen zu großen

Händen und Füßen”. („Jugend”, Kapitel I.)

[26] (S. 15): „Ich teilte die Menschheit in drei Klassen ein: die

erstklassigen Menschen, die allein achtungswürdigen; die

zweitklassigen Menschen, würdig der Verachtung und des Hasses; und die

Plebs, die für mich überhaupt nicht existierte.” („Jugend”, Kapitel

XXXI.)

[27] (S. 15): Hauptsächlich während eines Aufenthaltes in St.

Petersburg in den Jahren 1847-1848.

[28] (S. 15): „Knabenjahre”, Kapitel XXVII.

[29] (S. 16): Unterhaltungen mit Paul Boyer (Le Temps), 28. August

1901.

[30] (S. 17): Nekludow kommt auch vor in „Knabenjahre” und „Jugend”

(1854), in „Begegnung im Felde” (1856), in „Aufzeichnungen eines

Marqueurs” (1856), in „Luzern” (1857) und in „Auferstehung”

(1899). Es ist zu bemerken, daß dieser Name für ganz verschiedene

Personen Verwendung findet. Tolstoi hat gar nicht versucht, ihm

immer dieselbe äußere Erscheinung zu geben, und am Schluß der

„Aufzeichnungen eines Marqueurs” tötet sich Nekludow sogar. Es sind

lediglich verschiedene Inkarnationen Tolstois in seinen besten und

schlimmsten Eigenschaften.

[31] (S. 18): „Der Morgen des Gutsherrn.”

[32] (S. 18): Sie fällt zeitlich mit den Berichten aus der „Kindheit”

zusammen.

[33] (S. 19): 11. Juni 1851 im befestigten Lager von Stari-Jurt im

Kaukasus.

[34] (S. 20): Tagebuch.

[35] (S. 20): Tagebuch, 2. Juli 1851.

[36] (S. 20): Brief an seine Tante Tatjana, Januar 1852.

[37] (S. 21): Ein Bildnis von 1851 zeigt schon die Veränderung, die

sich in seiner Seele vollzieht. Das Haupt ist erhoben, die

Gesichtszüge haben sich etwas aufgehellt, die Augenhöhlen sind weniger

dunkel, die Augen bewahren noch ihre strenge Starrheit, und der

halbgeöffnete Mund, den ein keimender Schnurrbart umschattet, wirkt

vergrämt; das Gesicht zeigt noch immer etwas Hochmütiges und

Mißtrauisches, aber doch weit mehr Jugendlichkeit.

[38] (S. 22): Die Briefe, die er damals an seine Tante Tatjana

schrieb, sind angefüllt mit Herzensergüssen und Tränen. Er ist, wie er

sagt, „Liova-riova”, Leo der Greiner (6. Januar 1852).

[39] (S. 22): „Der Morgen des Gutsherrn” ist das Bruchstück eines

geplanten Werkes „Roman eines russischen Gutsbesitzers”.

„Die Kosaken” sind der 1. Teil eines großen Kaukasusromans. Das

gewaltige Werk war nach der Absicht des Verfassers nur eine Art

Einleitung zu einem zeitgenössischen Epos, dessen Mittelstück die

„Dekabristen” sein sollten.

[40] (S. 23): Der Pilger Krischa oder der Tod der Mutter.

[41] (S. 24): In einem Brief an Birukow.

[42] (S. 24): „Der Morgen des Gutsherrn” wurde erst 1850-1856 beendet.

[43] (S. 25): „Die beiden Alten” (1885).

[44] (S. 26): „Der Überfall.”

[45] (S. 27): Obwohl sie erst viel später, im Jahre 1860 in Hyères

beendet wurden (erschienen sind sie erst 1863), so stammt doch der

größere Teil des Werks aus dieser Zeit.

[46] (S. 27): „Die Kosaken.”

[47] (S. 29): „Vielleicht”, sagt der in die junge Kosakin verliebte

Olenin, „liebe ich in ihr die Natur... Indem ich sie liebe, fühle ich,

wie ganz ich an der Natur teilnehme.” -- Oft vergleicht er die Frau,

die er liebt, mit der Natur. „Sie ist wie die Natur gleichmäßig, still

und schweigsam.” An anderer Stelle bringt er den Anblick der fernen

Berge und „dieser majestätischen Frau” in Verbindung miteinander.

[48] (S. 30): Ebenso in dem Briefe Olenins an seine russischen

Freunde.

[49] (S. 31): Tagebuch.

[50] (S. 32): Man findet diese Schreibweise auch im „Holzschlag”, der

zum selben Zeitpunkt beendigt wurde. Zum Beispiel: „Es gibt drei Arten

von Liebe: 1. die ästhetische Liebe; 2. die ergebene Liebe; 3. die

werktätige Liebe, usw.” („Jugendjahre.”) -- Oder auch: „es gibt

drei Arten von Soldaten: 1. die gehorsamen; 2. die befehlshaberischen;

3. die bramarbasierenden, -- die ihrerseits alle wieder in

Unterabteilungen zerfallen”. („Holzschlag”)

[51] (S. 33): „Jugend”, Kapitel XXXII.

[52] (S. 34): Tolstoi hatte die Geschichte an die Zeitschrift

„Sovremennik” geschickt, und sie wurde darin sofort veröffentlicht.

[53] (S. 35): Tolstoi ist viel später, in seinen Unterhaltungen mit

seinem Freunde Teneromo, darauf zurückgekommen. Er hat ihm namentlich

von einem Angstzustand erzählt, der ihn eines Nachts erfaßte, als er

vollständig eingegraben in einer abgedunkelten Verschanzung lag. Man

findet diese Episode aus dem Krieg von Sewastopol in dem Sammelband

„Die Revolutionäre”.

[54] (S. 35): Drujinin warnt ihn später freundschaftlich vor dieser

Gefahr: „Sie neigen zu einer ganz außerordentlichen Feinheit des

Analysierens; sie kann sich in einen großen Fehler verwandeln.

Mitunter könnten Sie sagen: bei dem und dem verriet die Wade den

Wunsch, nach Indien zu reisen... Sie müssen diese Neigung zügeln, aber

um nichts in der Welt sie ersticken.” (Brief aus dem Jahre 1856.)

[55] (S. 37): die die Zensur verstümmelt hat.

[56] (S. 37): 2. September 1855.

[57] (S. 38): „Seine Eigenliebe beherrschte ihn vollständig; es gab

für ihn keine andere Wahl, als der erste zu sein oder sich selbst aus

dem Leben zu löschen... Er wollte gern der erste unter den Männern

sein, mit denen er sich zu vergleichen pflegte.”

Das Leben Tolstois · 第 10 / 14 段