Sektierer nannte, trotz allen Verfolgungen dem Staate den Gehorsam und
lehnten es ab, die Gesetzmäßigkeit der Staatsgewalt anzuerkennen.[223]
Bei der Unsinnigkeit des russisch-japanischen Krieges konnte sich diese
Geistesrichtung mühelos unter der Landbevölkerung Bahn brechen. Die
Verweigerung des Militärdienstes nahm immer zu, und je grausamer man sie
unterdrückte, um so stärker wuchs die Erbitterung. -- Im übrigen hatten
Provinzen, ganze Stämme, ohne Tolstoi zu kennen, das Beispiel
unbedingter Gehorsamsverweigerung gegenüber dem Staat gegeben: die
Duchoborzen des Kaukasus seit 1898 und die Georgier aus Gurien um 1905.
Tolstoi wirkte weit geringer auf diese Bewegungen als sie auf ihn; und
das Beste an seinen Schriften ist gerade, daß er, entgegen den
Behauptungen der Schriftsteller von der Revolutionspartei, wie
Gorki[224], die Stimme des altrussischen Volkes war.
Sein Verhalten den Menschen gegenüber, die die Grundsätze, zu denen er
sich bekannte, mit Lebensgefahr in die Tat umsetzten[225], war sehr
bescheiden und sehr würdig. Weder den Duchoborzen und den Guriern, noch
den widerspenstigen Soldaten gegenüber spielt er sich als Lehrmeister
auf.
„Wer keine Prüfung erduldet, kann den nichts lehren, der Prüfungen
erduldet.”[226]
Er fleht alle die um Vergebung an, „die seine Worte und seine Schriften
etwa in Leid gestürzt haben.”[227] Niemals fordert er jemand auf, den
Militärdienst zu verweigern. Jeder soll sich selbst entscheiden. Wenn er
mit einem zu tun hat, der unschlüssig ist, „rät er ihm stets, in den
Heeresdienst einzutreten und den Gehorsam nicht zu verweigern, soweit es
ihm nicht moralisch unmöglich ist”. Denn wenn man unschlüssig ist, dann
ist man noch nicht reif; und „es ist besser, es gibt einen Soldaten mehr
als einen Heuchler oder einen Abtrünnigen, was bei denen der Fall ist,
die sich Taten zumuten, die über ihre Kräfte gehen.”[228] Er mißtraut
der Entschließung des widerspenstigen Gontscharenko. Er fürchtet, „daß
dieser junge Mensch nur von Eigenliebe und Ruhmsucht getrieben sei und
nicht von Gottesliebe”.[229] Den Duchoborzen schreibt er, sie sollten
nicht aus Stolz und Selbstbewußtsein in ihrer Gehorsamsverweigerung
verharren, sondern, „wenn sie dessen fähig seien, ihre schwachen Frauen
und ihre Kinder von dem Leiden befreien. Niemand werde sie darum
verdammen.” Sie dürften sich nur dann widersetzen, „wenn der Geist
Christi in ihnen verankert sei, weil sie dann glücklich sein würden über
ihre Leiden.”[230] In jedem Falle bittet er die, die verfolgt werden,
„um keinen Preis aufzuhören, ihre Verfolger wahrhaft zu lieben”.[231]
Man muß, wie er in einem schönen Brief an einen Freund sagt, Herodes
lieben:
„Sie sagen: ‚Man kann Herodes nicht lieben.’ -- Ich weiß es nicht,
aber ich fühle -- und auch Sie fühlen, daß man ihn lieben muß. Ich
weiß -- und auch Sie wissen es, daß ich leide, wenn ich ihn nicht
liebe.”[232]
Es ist eine göttliche Reinheit, eine nie verlöschende Glut in dieser
Liebe, die sich schließlich nicht einmal genug sein läßt an der
Forderung des Evangeliums: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst”,
weil sie darin noch einen Beigeschmack von Egoismus findet[233]!
Nach der Ansicht mancher ist es eine allzu umfassende Liebe und so sehr
von jedem menschlichen Egoismus befreit, daß sie sich in der Leere
verliert! -- Und trotzdem -- wer hegt ein größeres Mißtrauen gegen die
„abstrakte Liebe” als Tolstoi?
„Die größte Sünde von heute ist die abstrakte Liebe der Menschen, die
unpersönliche Liebe zu denen, die irgendwo im Weiten sind... Es ist so
leicht, die Menschen zu lieben, die man nicht kennt, denen man nie
begegnet! Man hat nicht nötig, irgendein Opfer zu bringen. Und dabei ist
man so zufrieden mit sich! So prellt man das Gewissen. -- Nein, den
Nächsten soll man lieben, den, mit dem man zusammen lebt und der einem
lästig ist.”[234]
Ich lese in den meisten Arbeiten über Tolstoi, daß seine Philosophie und
sein Glaube nicht originell seien. Es ist wahr: die Schönheit dieser
Gedanken ist zu ewig, als daß sie jemals als Modeneuheit erscheinen
könnte... Andere heben ihren utopistischen Charakter hervor. Auch das
ist wahr: sie sind utopistisch wie das Evangelium. Ein Prophet ist ein
Utopist; er lebt schon hienieden das ewige Leben. Und daß diese
Erscheinung uns vergönnt war, daß wir in unserer Mitte den letzten der
Propheten sehen durften, daß der größte unserer Dichter von diesem
Glorienschein umgeben ist, -- das ist, wie mir scheint, eine
originellere Tatsache und von größerer Bedeutung für die Welt als eine
Religion mehr oder eine neue Philosophie. Blind sind die, die das Wunder
dieser großen Seele nicht sehen, dieser Verkörperung der Bruderliebe in
einem haßerfüllten Volk und Jahrhundert.
Tolstois Antlitz hatte die Züge bekommen, die als endgültige im
Gedächtnis der Menschen haften werden: die breite Stirn, von zwei Falten
durchfurcht, die buschigen weißen Augenbrauen, den Patriarchenbart, der
eine Erinnerung an den Moses von Dijon weckt. Das alte Gesicht ist
milder, weicher geworden; in seiner innigen Güte trägt es die Spuren von
Krankheit und Kummer. Wie hat es sich verändert gegen die fast tierische
Brutalität des Zwanzigjährigen und die steifleinene Miene von
Sewastopol! Aber die lichten Augen haben noch immer ihre tiefe und
ruhige Klarheit, jene Geradheit des Blicks, der nichts verbirgt und dem
nichts verborgen bleibt.
Neun Jahre vor seinem Tod sagte Tolstoi in der Antwort an den Heiligen
Synod (17. April 1901):
„Ich bin es meinem Glauben schuldig, in Frieden und Freude zu leben und
auch in Frieden und Freude dem Tode entgegenzugehen.”
Wenn ich das höre, denke ich an das alte Wort, „daß man niemand vor
seinem Ende glücklich preisen soll”. Sind ihm dieser Friede und diese
Freude, deren er sich damals rühmte, treu geblieben?
Die Hoffnungen, die man auf die „große Revolution” von 1905 gesetzt
hatte, waren verflogen. Am düsteren Gewitterhimmel hatte sich das
ersehnte Licht nicht gezeigt. Den Zuckungen der Revolution folgte die
Erschöpfung. An der alten Ungerechtigkeit hatte sich nichts geändert,
es sei denn, daß das Elend noch größer geworden war. Schon im Jahre 1906
hat Tolstoi ein wenig sein Vertrauen in die Berufung des slawischen
Volkes von Rußland verloren; und sein unumstößlicher Glaube sucht in der
Ferne andere Völker, die er mit dieser Mission betrauen könnte. Er denkt
an „das große und weise Chinesenvolk”. Er glaubt, „daß die Völker
des Ostens berufen sind, jene Freiheit wiederzufinden, die die
Völker des Westens fast unwiederbringlich verloren haben”, und daß
China an der Spitze der Asiaten die Wandlung der Menschheit im Sinne
des Tao, des ewigen Gesetzes, durchführen wird[235].
Die Hoffnung wurde schnell getäuscht: das China des Lao Tse und des
Konfuzius verleugnet seine einstige Weisheit -- wie es vor ihm schon
Japan getan hatte --, und ahmt die Europäer nach[236]. Die schwer
verfolgten Duchoborzen sind nach Kanada ausgewandert und setzen dort
sogleich, zu Tolstois Entrüstung, das Eigentum wieder in seine Rechte
ein[237]. Die Gurier, kaum vom Joch des Staates befreit, begeben sich
daran, die zu töten, die anders denken als sie selber, und die
herbeigerufenen russischen Truppen müssen wieder Ordnung schaffen.
Selbst die Juden, „deren Vaterland bis jetzt das schönste war, das ein
Mensch sich wünschen kann, -- die Bibel”[238], selbst diese verfallen
der Krankheit des Zionismus, dieser sich national gebärdenden
Bewegung, „die Fleisch vom Fleische des zeitgenössischen Europäertums
ist, sein rachitisches Kind”[239].
[Illustration: Tolstoi mit seinem Freunde Tschertkow]
Tolstoi ist betrübt, aber nicht entmutigt. Er vertraut auf Gott, er
glaubt an die Zukunft:
„Das wäre herrlich, wenn man im Handumdrehen einen Wald wachsen lassen
könnte. Leider ist das unmöglich; man muß warten, bis der Samen keimt,
daß er Triebe, dann Blätter, dann den Stengel hervorbringt, der sich
schließlich zum Baume entwickelt.”[240]
Aber erst viele Bäume machen einen Wald; und Tolstoi steht allein.
Ruhmreich, aber allein. Man schreibt aus der ganzen Welt an ihn: aus den
mohammedanischen Ländern, aus China, aus Japan, wo man die
„Auferstehung” übersetzt, und wo sich seine Ideen über die
„Zurückerstattung des Bodens an das Volk” ausbreiten. Die
amerikanische Presse interviewt ihn; Franzosen befragen ihn über
Kunstangelegenheiten oder über die Trennung von Staat und
Kirche[241]. Aber er hat noch keine dreihundert Schüler, und er
leugnet es gar nicht. Im übrigen hat er sich nie darum bemüht,
Schüler zu bekommen. Er verurteilt die Versuche seiner Freunde,
Tolstoianer zu werden:
„Wir sollen nicht einer zum anderen streben, sondern alle zu Gott... Ihr
sagt: ‚Zusammen ist es leichter...’ -- Was? -- Ackern, mähen, ja. Aber
Gott kann man sich nur allein nähern... Ich stelle mir die Welt als
einen Riesentempel vor, in dem das Licht von oben und gerade in die
Mitte fällt. Um sich zu vereinigen, müssen alle zum Lichte drängen. Dort
werden wir alle, die wir von verschiedenen Seiten kommen, uns mit
Menschen zusammenfinden, die wir nicht erwarteten: und darin liegt die
Freude.”[242]
Wie viele mögen sich unter diesem Lichtstreif zusammengefunden haben? --
Gleichviel! Es genügt, daß einer sich dort mit Gott zusammenfindet.
„Ebenso wie nur ein Stoff, der selbst brennt, das Feuer anderen Stoffen
mitteilen kann, ebenso können nur der wahrhafte Glaube und das wahrhafte
Leben eines Menschen sich anderen Menschen mitteilen und die Wahrheit
verbreiten.”[243]
Vielleicht; aber bis zu welchem Grad hat dieser einsame Glaube Tolstoi
das Glück sichern können? -- Wie weit entfernt ist er in seinen letzten
Lebenstagen von der heiteren Ruhe eines Goethe! Man möchte fast sagen,
er flieht sie, sie ist ihm unsympathisch.
„Man muß Gott dafür danken, wenn man unzufrieden mit sich ist. Könnte
man es nur immer sein! Der Mißklang, den das Leben, wie es ist, mit dem
Leben, wie es sein sollte, hervorbringt, ist gerade das Wahrzeichen des
Lebens, die Bewegung, die vom Kleinsten zum Größten, vom Schlimmsten zum
Besten hinaufführt. Und dieser Mißklang ist die Bedingung für das Gute.
Es ist vom Übel, wenn der Mensch ruhig und mit sich selbst zufrieden
ist.”[244]
Und er ersinnt jenen Romanstoff, der in erstaunlicher Weise zeigt, daß
die ewige Unruhe eines Lewin oder eines Peter Besukow in ihm nicht
erstorben war.
„Ich stelle mir oft einen in den revolutionären Kreisen erzogenen
Menschen vor, der erst Revolutionär, dann Sozialist, Orthodoxer, Mönch
auf dem Berge Athos, nachher Atheist, guter Familienvater und
schließlich Duchoborze ist. Er fängt alles an und gibt alles immer
wieder auf. Die Menschen machen sich über ihn lustig, er hat nichts
vollbracht und stirbt vergessen in einem Asyl. Noch im Sterben denkt er,
daß er sein Leben verpfuscht hat. Und doch ist er ein Heiliger.”[245]
Hegte er also immer noch Zweifel, er, der so voll seines Glaubens war?
-- Wer weiß es? Bei einem Mann, der bis ins höchste Alter kräftig an
Körper und Geist geblieben war, konnte das Leben nicht plötzlich bei
irgendeinem Gedankengang haltmachen. Es mußte weiter voran.
„Bewegung ist Leben.”[246]
Gar viel mußte sich im Laufe der letzten Jahre in ihm geändert haben.
War er nicht auch in der Beurteilung der Revolutionäre milder geworden?
Wer kann sagen, ob nicht sogar sein Glaube an das Nichtwiderstreben
gegen das Böse ein wenig erschüttert worden war? Schon in der
„Auferstehung” ändern Nekludows Beziehungen zu den wegen politischer
Verbrechen Verurteilten seine Ansichten über die russische
Revolutionspartei vollständig.
„Bis dahin hegte er Abscheu gegen ihre Grausamkeit, ihre verbrecherische
Verstellungskunst, ihre Mordanschläge, ihre Anmaßung, ihre
Selbstzufriedenheit, ihre unerträgliche Eitelkeit. Aber nun, da er sie
aus der Nähe sieht, da er sieht, wie sie von den Machthabern behandelt
werden, begreift er, daß sie nicht anders sein können.”
Und er bewundert ihre hohe Auffassung von der Pflicht, die das ganze
Opfer fordert.
Aber seit 1900 hatte sich die revolutionäre Woge ausgebreitet;
ausgegangen von den Intellektuellen, hatte sie nun auch das Volk
ergriffen und brachte Tausende von Unglücklichen in blinden Aufruhr. Die
Vorhut ihres dräuenden Heeres zog in Jasnaja Poljana unter Tolstois
Fenstern vorbei. Drei Geschichten, die der „Mercure de France”[247]
veröffentlichte und die zu den letzten Seiten zählen, die Tolstoi
schrieb, lassen den Schmerz und Kummer ahnen, den dieses Schauspiel ihm
bereitete. Wo war die Zeit hin, da fromme Pilger einfältigen Geistes die
Gegend von Tula durchzogen? Jetzt war es eine Überschwemmung von
umhergetriebenen Hungerleidern. Jeden Tag kommen welche. Tolstoi spricht
mit ihnen und ist betroffen von dem Haß, der sie bewegt; sie sehen
nicht, wie einst, in den Reichen „Leute, die, um ihr Seelenheil zu
retten, Almosen austeilen, sondern Räuber, Schurken, die dem arbeitenden
Volk das Blut aussaugen.” Viele von ihnen sind heruntergekommene
gebildete Leute am Rande der Verzweiflung, die den Menschen zu allem
fähig macht.
„Nicht in den Wüsten und den Wäldern, sondern in den Winkeln der
Städte und auf den breiten Heerstraßen werden die Barbaren
großgezogen, die aus der modernen Zivilisation das machen werden,
was die Hunnen und Vandalen aus der alten gemacht haben.”
So sprach Henry George. Und Tolstoi fügt hinzu:
„Die Vandalen sind schon bereit in Rußland, und sie werden besonders
schrecklich sein für unser tiefreligiöses Volk, weil wir nicht die
Hemmungen kennen, die bei den europäischen Völkern so stark ausgebildet
sind: die Konvention und die öffentliche Meinung.”
Tolstoi bekam von diesen Revolutionären häufig Briefe, in denen sie
gegen seine Lehren vom Nichtwiderstreben Einspruch erhoben und sagten,
daß man auf all das Böse, das die Regierenden und die Reichen dem Volk
antäten, nur antworten könne: „Rache! Rache! Rache!” -- Verdammt
Tolstoi sie noch? Man weiß es nicht. Aber als er einige Tage später
sieht, wie in seinem Dorf den jammernden Armen ihr Samowar und ihre
Schafe vor den Augen der gleichgültigen Behörden abgenommen werden,
kann auch er nicht anders, und er ruft Rache den Henkern, „diesen
Ministern und ihren Helfershelfern, die mit Branntwein handeln, die
Menschen das Morden lehren, zu Verbannung, Gefängnis, Zuchthaus oder
zum Strick verurteilen, -- diesen Leuten, die vollständig überzeugt
sind, daß der Erlös aus den Samowaren, den Schafen, den Kälbern und
der Leinwand, die man den Beklagenswerten wegnimmt, am besten
verwandt wird zum Brennen von Branntwein, der das Volk vergiftet,
zur Fabrikation von Mordwaffen, zum Bau von Gefängnissen,
Zuchthäusern und besonders zu Gehaltszahlungen an ihre Gehilfen und
an sie selbst.”
Es ist traurig, wenn man sein ganzes Leben der Erwartung und
Verkündigung des Reiches der Liebe gewidmet hat, seine Augen inmitten
solch bedrohlicher Erscheinungen schließen zu müssen und davon
verdüstert zu werden. -- Es ist um so trauriger, wenn man das
unbestechliche Gewissen eines Tolstoi hat, sich sagen zu müssen, daß man
sein Leben nicht vollständig mit seinen Grundsätzen in Einklang gebracht
hat.
* * * * *
Hier berühren wir die empfindlichste Stelle seiner letzten Jahre -- soll
man sagen, seiner letzten dreißig Jahre? --, und wir dürfen nur mit
ehrfürchtiger und scheuer Hand darüber hinstreichen; denn dieser
Schmerz, den Tolstoi geheimzuhalten trachtete, betrifft nicht nur ihn,
der bereits tot ist, sondern auch andere, die noch leben, die er liebte,
und die ihn lieben.
Es war ihm nicht gelungen, seinen Glauben denen mitzuteilen, die ihm die
Teuersten waren: seiner Frau und seinen Kindern. Man hat gesehen, wie
seine treue Gefährtin, die mutig sein Leben und seine künstlerischen
Arbeiten mit ihm teilte, darunter litt, daß er seinen Glauben an die
Kunst abgeschworen hatte, um eines anderen moralischen Glaubens willen,
den sie nicht begriff. Tolstoi litt nicht weniger darunter, sich von
seiner besten Freundin unverstanden zu fühlen.
„Ich fühle mit meinem ganzen Sein,” schrieb er an Teneromo, „die
Wahrheit der Worte, daß Mann und Frau nicht zwei getrennte Wesen,
sondern nur eines sind. Mein glühendster Wunsch ist, auf meine Frau nur
etwas von jenem religiösen Bewußtsein übertragen zu können, das mich
befähigt, mich zu Zeiten über das Weh des Lebens hinauszuheben. Ich
hoffe, daß es auf sie übertragen wird, wenn auch zweifellos nicht durch
mich, so durch Gott, obgleich jenes Bewußtsein für Frauen kaum zu
erlangen sein dürfte.”[248]
Es scheint nicht, als ob dieser Wunsch Erhörung gefunden hätte. Die
Gräfin Tolstoi bewunderte und liebte die Herzensreinheit, das stille
Heldentum, die Güte dieser großen Seele, die mit ihr nur ein Wesen
bildete; sie sah, daß er „vor der Menge einherzog und den Weg wies,
den die Menschen gehen sollten”[249]. Als der Heilige Synod ihn
exkommunizierte, übernahm sie tapfer seine Verteidigung und beanspruchte
ihr Teil an der Gefahr, die ihn bedrohte. Aber sie konnte nicht so tun,
als ob sie etwas glaube, was sie tatsächlich nicht glaubte; und Tolstoi
war zu ehrlich, als daß er sie zum Heucheln gezwungen hätte, er, dem das
Heucheln von Glaube und Liebe noch verhaßter war, als die Ablehnung von
Glaube und Liebe[250]. Wie hätte er also sie, die nicht glaubte, zwingen
können, ihre Lebensweise zu ändern und ihr und ihrer Kinder Vermögen zum
Opfer zu bringen?
Die Unstimmigkeit mit seinen Kindern war noch größer. Leroy-Beaulieu,
der Tolstoi in Jasnaja Poljana im Familienkreis sah, sagt, daß „bei
Tische, wenn Tolstoi sprach, seine Söhne nur schlecht verbargen, wie
sehr des Vaters Worte sie langweilten, und daß sie Zweifel in ihre
Wahrheit setzten”[251]. Sein Glaube hatte nur auf zwei oder drei seiner
Töchter, von denen die eine, Marie, gestorben war, einen flüchtigen
Eindruck gemacht. Er stand allein unter den Seinen. „Außer seiner
jüngsten Tochter und seinem Arzt” verstand ihn kaum jemand[252].
Er litt unter dieser inneren Entfremdung, er litt unter den
gesellschaftlichen Beziehungen, die man ihm aufzwang, unter diesen
langweiligen Gästen, die aus der ganzen Welt zu ihm kamen, unter den
Besuchen von Amerikanern und Snobs, die ihm lästig waren; er litt unter
dem „Luxus”, in dem zu leben ihn seine Familie zwang. Es war ein recht
bescheidener Luxus, wenn man denen glauben darf, die ihn in seinem
einfachen Haus mit der fast puritanischen Einrichtung gesehen haben, in
seinem kleinen Zimmer mit einem eisernen Bett, armseligen Stühlen und
nackten Wänden! Aber dieser „Komfort” bedrückte ihn: es war ihm ein
immerwährender Vorwurf. In dem zweiten der Berichte, die er im „Mercure
de France” veröffentlichte, stellt er voll Bitterkeit den Anblick des
Elends in seiner Umgebung dem des Luxus in seinem eigenen Hause
gegenüber.
„So nutzbringend meine Tätigkeit manchen Menschen auch erscheinen
mag,” schrieb er schon 1903, „so verliert sie doch den größten Teil
ihrer Bedeutung, weil mein Leben nicht vollständig mit meinen Lehren
in Übereinstimmung gebracht ist”[253].
Warum hat er dann diese Übereinstimmung nicht herbeigeführt? Wenn er die
Seinen nicht zwingen konnte, sich von der großen Welt loszusagen, warum
hat er sich nicht von ihnen und ihrer Lebensweise losgesagt, -- um so
dem Spott und dem Vorwurf der Heuchelei zu entgehen, die ihm seine
Feinde entgegenschleuderten, die sich nur allzu gern auf sein eigenes
Beispiel beriefen, wenn sie seine Lehre verwarfen?
Er hatte daran gedacht. Seit langem war sein Entschluß gefaßt. Unter
seinen hinterlassenen Papieren hat sich ein wundervoller Brief
gefunden[254], den er am 8. Juni 1897 an seine Frau geschrieben hat. Man
muß ihn fast vollständig wiedergeben; denn nichts offenbart besser das
Geheimnis dieser liebevollen, schmerzerfüllten Seele:
„Seit langem, liebe Sofie, leide ich unter dem Mißverhältnis zwischen
meinem Leben und meinem Glauben. Ich kann Euch nicht zwingen, Eure
Lebensweise und Eure Gewohnheiten zu ändern. Genau so wenig gelang es
mir bis heute, Euch zu verlassen; denn ich wagte nicht, die Kinder bei
ihrer großen Jugend des kleinen Einflusses zu berauben, den ich auf sie
haben könnte, und Euch allen großen Kummer zu bereiten. Aber ich kann
nicht so weiterleben, wie ich während der letzten sechzehn Jahre gelebt
habe[255], bald im Widerstreit mit Euch und Euch dauernd aufreizend,
bald den Einflüssen, an die ich gewöhnt bin, und den Versuchungen, die
mich umlauern, erliegend. Ich habe beschlossen, jetzt das zu tun, was
ich seit langem tun wollte: wegzugehen... Wie die Inder sich allein in
den Wald zurückziehen, wenn sie die Sechzig erreicht haben, wie jeder
betagte fromme Mann die letzten Jahre seines Lebens Gott zu widmen und
sie nicht an Scherz, Geschwätz und Spiel zu vergeuden wünscht, so
ersehne ich, der ich das siebzigste Lebensjahr erreicht habe, mit aller
Kraft meiner Seele Ruhe und Einsamkeit und wenn auch keine vollständige
Übereinstimmung, so doch zum wenigsten nicht diesen schreienden Mißklang
zwischen meinem Leben und meinem Gewissen. Wenn ich ganz offen
weggegangen wäre, hätte es Bitten und Auseinandersetzungen gegeben, ich
wäre weich geworden und hätte vielleicht meinen Entschluß nicht zur
Ausführung gebracht, während er doch ausgeführt werden muß. Ich bitte
Euch deshalb, mir zu verzeihen, wenn mein Tun Euch Kummer bereitet. Und
besonders Du, Sofie, laß mich gehen, suche mich nicht, sei mir nicht
gram und tadle mich nicht. Die Tatsache, daß ich Dich verlassen habe,
bedeutet nicht, daß ich einen Vorwurf gegen Dich erhebe ... Ich weiß,
daß Du nicht anders konntest. Du konntest nicht sehen und nicht denken
wie ich; deshalb vermochtest Du auch nicht, Dein Leben zu ändern und es
einer Sache aufzuopfern, die Du nicht anerkennst. Darum tadle ich Dich
auch nicht; ich gedenke vielmehr in Liebe und Dankbarkeit der
fünfunddreißig langen Jahre unseres gemeinsamen Lebens und besonders der
ersten Hälfte dieser Zeit, da Du mit dem Mut und der Hingebung Deiner
mütterlichen Natur tapfer ertrugst, was Du als Deine Mission ansahst.
Du hast mir und der Welt gegeben, was Du geben konntest. Du hast viel
mütterliche Liebe gegeben und große Opfer gebracht... Aber in den
letzten fünfzehn Jahren unseres Lebens haben sich unsere Wege getrennt.
Ich kann mir nicht denken, daß ich schuld daran bin; ich weiß, wenn ich
mich geändert habe, so war es nicht um Deinetwillen und nicht um der
Welt willen, sondern weil ich nicht anders konnte. Ich kann Dich nicht
anklagen, daß Du mir nicht gefolgt bist, und ich danke Dir und werde
mich stets mit Liebe dessen erinnern, was Du mir gegeben hast. -- Lebe
wohl, meine liebe Sofie. Ich habe Dich lieb.”
„Die Tatsache, daß ich Dich verlassen habe...” Er verließ sie
nicht. -- Armer Brief! Es scheint, daß es Tolstoi genügte, ihn zu
schreiben, um seinen Entschluß schon als ausgeführt zu betrachten...
Nachdem er ihn geschrieben hatte, war schon seine ganze
Entschlußkraft erschöpft. -- „Wenn ich ganz offen weggegangen wäre,
hätte es Bitten und Auseinandersetzungen gegeben, ich wäre
weich geworden...” Es brauchte keine „Bitten”, keine
„Auseinandersetzungen”, es genügte ihm, einen Augenblick später
diejenigen zu sehen, die er verlassen wollte, und er fühlte, daß er
sie mit dem besten Willen nicht verlassen konnte; den Brief, den er
in seiner Tasche hatte, vergrub er unter seine Papiere mit der
Aufschrift:
„Meiner Frau, Sofie Andrejewna, nach meinem Tode zu übergeben.”
Und damit war sein Fluchtplan erledigt. War das seine Stärke? War er
nicht imstande, seine Liebe seinem Gott zum Opfer zu bringen? Sicherlich
fehlt es in den christlichen Chroniken nicht an Heiligen mit stärkerem
Herzen, die niemals zögerten, ihre und der anderen Liebe unerschrocken
mit Füßen zu treten... Nun, er war jedenfalls nicht von dieser Art. Er
war schwach. Er war Mensch. Und eben darum lieben wir ihn.
Schon mehr als fünfzehn Jahre vorher legte er sich die schmerzvoll
verzweifelte Frage vor:
„Sag an, Leo Tolstoi, lebst du nach den Grundsätzen, die du predigst?”
Und demütig antwortete er: