Periode aufgezeigt haben, finden sich hier wieder, besonders die
Zusammendrängung der Erzählung, die in einem langen Roman noch
erstaunlicher wirkt als in kurzen Novellen. Das Werk ist ein Ganzes.
Und darin unterscheidet es sich sehr von „Krieg und Frieden” und von
„Anna Karenina”. Fast gar keine episodenhaften Abschweifungen. Eine
einzige Handlung wird hartnäckig verfolgt und bis in die kleinste
Einzelheit durchgeführt. Dieselbe Kraft der in satten Farben gemalten
Bilder wie in der „Kreuzersonate”. Eine immer klarer werdende starke,
erbarmungslos realistische Beobachtung, die das Tier im Menschen sieht,
-- „die schreckliche, nie verschwindende Bestie im Menschen, die um so
schrecklicher ist, wenn sie sich nicht offen enthüllt, wenn sie sich
unter einer angeblich poetischen Aufmachung verbirgt.” Diese
Salongespräche, die einfach ein körperliches Bedürfnis befriedigen
müssen, „das Bedürfnis, die Verdauung zu fördern, indem sie die
Muskeln der Zunge und der Kehle in Bewegung setzen.” Ein scharfes
Durchschauen der Menschen, das niemanden schont, weder die hübsche
Kortschagin „mit ihren zwei falschen Zähnen, den hervortretenden
Knochen ihrer Ellbogen, ihren breiten Fingernägeln” und ihrem
Halsausschnitt, der Nekludow „Scham und Ekel, Ekel und Scham”
einflößt, noch die Heldin, die Maslowa, deren Verfall in keiner Weise
beschönigt ist, ihr frühzeitiges Verbrauchtsein, ihr lasterhafter und
gemeiner Ausdruck, ihr herausforderndes Lächeln, ihr Branntweingeruch,
ihr rotes gedunsenes Gesicht. Ungeheuer derb gezeichnete
naturalistische Einzelheiten: so zum Beispiel die Frau, die
schwatzend auf dem Kehrichteimer hockt. Die dichterische Phantasie und
die Jugendlichkeit sind dahin, außer in den Erinnerungen an die erste
Liebe, die wie Musik mit betörender Kraft in uns weiterklingen; die
keusche Charsamstagsnacht und die Osternacht, das Tauwetter, der so
dichte weiße Nebel, „daß man fünf Schritt weit vom Haus nur eine
große, dunkle Masse sehen konnte, aus der das rote Licht einer Lampe
strahlte”, das nächtliche Krähen der Hähne, der zugefrorene Fluß, der
kracht, dröhnt, einbricht und wie splitterndes Glas klingt, der junge
Mann, der von außen durch die Fensterscheiben das junge Mädchen
betrachtet, das beim flackernden Schein der kleinen Lampe am Tisch
sitzt und ihn nicht sieht, -- Katuscha, die sinnend träumt und
lächelt.
Die lyrische Seite der Dichtung nimmt wenig Raum ein. Tolstois Kunst hat
eine mehr unpersönliche Richtung eingeschlagen, die sich von seinem
eigenen Leben weiter entfernt. Er hat sich bemüht, sein Beobachtungsfeld
zu vergrößern. Die Welt der Verbrecher und die Welt der Revolutionäre,
die er hier darstellt, waren ihm fremd[197]; er dringt in sie ein,
nachdem er ihr gewaltsam sein Interesse zugewandt hat; er gibt sogar zu,
daß ihm die Revolutionäre, ehe er sie sich aus der Nähe ansah, eine
unüberwindliche Abneigung einflößten. Um so bewundernswerter ist seine
wahrheitsgetreue Beobachtung, dieser unerbittliche Spiegel. Welche
Fülle von Typen und haarscharfen Einzelheiten! Und wie ist alles
gesehen, Niedrigkeiten und Tugenden, ohne Härte, ohne Schwäche, mit
ruhigem Verstand und brüderlichem Mitleid! Welch beklagenswertes Bild
diese Frauen im Gefängnis! Sie sind mitleidlos miteinander; aber der
Dichter ist der liebe Gott: er sieht einer jeden ins Herz, sieht hinter
der Verworfenheit die höchste Not und hinter der Maske der Frechheit das
Antlitz, das weint. Der reine und bleiche Schein, der sich nach und nach
in der lasterhaften Seele der Maslowa ankündigt und sie schließlich mit
einer Opferflamme bestrahlt, bekommt die ergreifende Schönheit eines
jener Sonnenstrahlen, die eine bescheidene Rembrandtsche Szene
verklären. Nirgends Strenge, selbst nicht den Peinigern gegenüber.
„Herr, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun”... Das
Schlimmste ist, daß sie oft wissen, was sie tun, daß sie Reue darüber
empfinden und daß sie doch nicht lassen können, es zu tun. Aus dem Buch
hebt sich das Gefühl des zermalmenden Verhängnisses hervor, das
gleichermaßen auf denen lastet, die leiden, wie auf denen, die leiden
machen. Zum Beispiel: der Gefängnisdirektor, voll natürlicher Güte,
ebenso müde seines Lebens als Kerkermeister wie der Klavierübungen
seiner armseligen, blassen Tochter mit den dunklen Ringen um die Augen,
die unentwegt eine Rhapsodie von Liszt mißhandelt; -- oder der kluge
und gute Generalgouverneur einer sibirischen Stadt, der, um dem
unlösbaren Konflikt zwischen dem Guten, das er tun möchte, und dem
Schlechten, das er tun muß, zu entrinnen, seit fünfunddreißig Jahren dem
Alkohol ergeben, dabei aber immer noch genügend Herr seiner selbst ist,
um selbst in der Trunkenheit Haltung zu bewahren; -- und die
Zärtlichkeit innerhalb der Familie, die unter diesen Leuten herrscht,
die ihr Beruf den anderen gegenüber herzlos gemacht hat.
Der einzige Charakter, der nicht objektiv wahr ist, ist der des Helden
Nekludow, weil Tolstoi seine eigenen Ideen auf ihn übertragen hat. Das
war schon der Fehler -- oder die Gefahr -- bei mehreren der berühmtesten
Gestalten in „Krieg und Frieden” oder in „Anna Karenina”: dem
Fürsten Andrej, Peter Besukow, Lewin und anderen. Aber damals war es
weniger schlimm; denn die Personen standen nach Lebenslage und Alter
der Geistesverfassung Tolstois viel näher. Hier jedoch senkt der
Dichter in den Körper eines fünfunddreißigjährigen Lebemanns seine
eigene Seele, die Seele eines wunschlosen Greises von siebzig Jahren.
Ich sage keineswegs, daß die moralische Krise eines Nekludow nicht
wahr sein könne, noch bestreite ich, daß sie mit solcher Plötzlichkeit
eintreten kann[198]. Aber nichts im Temperament, im Charakter, im
Vorleben des Helden, wie Tolstoi ihn darstellt, kündigte diese Krisis
an oder macht sie begreiflich. Und nachdem sie eingesetzt hat, hält
nichts mehr sie auf. Ohne Zweifel hat Tolstoi mit größter Schärfe
dargestellt, wie sich seiner Opferbereitschaft unreine Gedanken
beimischen: jene Tränen der Ergriffenheit und der Bewunderung über
sich selbst, und dann später den Schrecken und den Ekel, die Nekludow
angesichts der Wirklichkeit ergreifen. Aber niemals wankt sein
Entschluß. Diese Krisis steht in keinem Zusammenhang mit seinen
früheren heftigen, aber vorübergehenden Krisen[199]. Nichts kann
diesen schwachen und unentschlossenen Menschen mehr zurückhalten.
Dieser reiche angesehene, für die Freuden der großen Welt sehr
empfängliche Fürst, der im Begriff ist, ein hübsches Mädchen, das ihn
liebt und das ihm auch nicht mißfällt, zu heiraten, entschließt sich
plötzlich, alles -- Reichtum, Gesellschaft und soziale Stellung --
aufzugeben und eine Prostituierte zu heiraten, um einen früheren
Fehler wiedergutzumachen; und dieser Zustand der Verstiegenheit dauert
ununterbrochen an, während Monaten, und hält allen Prüfungen stand,
selbst der Nachricht, daß sie, die er zu seiner Frau machen will, ihr
ausschweifendes Leben fortsetzt[200]. Es liegt darin eine Heiligkeit,
deren Quelle in den tiefsten Tiefen des Gewissens und des Organismus
seines Helden uns die Psychologie eines Dostojewski gezeigt haben
würde. Aber Nekludow hat nichts von einem Dostojewskischen Helden. Er
ist der Typus des normalen, gesunden Durchschnittsmenschen, wie es
die Tolstoischen Helden meistens sind. Man spürt in der Tat zu stark,
wie einem durchaus in der Wirklichkeit stehenden Menschen[201]
moralische Erschütterungen gewaltsam zugeschrieben werden, die
eigentlich einem ganz anderen Menschen eignen; -- und dieser Mensch
ist der greise Tolstoi.
Denselben Eindruck der Uneinheitlichkeit empfangen wir am Ende des
Buches, wo einem dritten Teil mit streng realistischen Schilderungen ein
frommer Schluß angehängt wird, der nicht notwendig ist, -- ein
persönliches Glaubensbekenntnis, das nicht logisch aus dem
vorhergehenden Leben folgert. Es ist nicht das erste Mal, daß sich
Tolstois Gläubigkeit seinem Realismus gesellt, aber in den früheren
Werken sind diese beiden Elemente inniger miteinander verschmolzen. Hier
bestehen sie nebeneinander, ohne sich zu verbinden, und der Gegensatz
fällt um so stärker auf, als Tolstois Glaube sich immer mehr jede
Beweisführung schenkt, während sein Realismus sich von Tag zu Tag freier
und schärfer gestaltet. Es zeigen sich da Spuren -- nicht von Ermüdung,
aber von Alter, eine gewisse Steifheit der Gelenke, wenn ich so sagen
darf. Der religiöse Schluß stellt keine organische Entwicklung des
Werkes dar. Er wirkt wie ein Deus ex machina... Und ich bin überzeugt,
daß Tolstoi trotz gegenteiligen Versicherungen in seinem tiefsten Innern
seine verschiedenen Naturen nicht vollkommen in Einklang miteinander
bringen konnte: die Wahrhaftigkeit seiner Kunst und die Wahrhaftigkeit
seines Glaubens.
Aber wenn auch die „Auferstehung” nicht die harmonische Geschlossenheit
der Jugendwerke aufweist, wenn ich, meinerseits, ihr auch „Krieg und
Frieden” vorziehe, so ist sie doch nichtsdestoweniger eine der schönsten
Dichtungen menschlichen Erbarmens -- vielleicht die wahrhaftigste von
allen. Mehr als aus jedem anderen Werk blicken mich aus diesem die
klaren Augen Tolstois an, die mattgrauen tiefgründigen Augen, „dieser
Blick, der bis in die Seele dringt”[202] und in eines jeden Seele Gott
schaut.
Tolstoi sagte sich nie von der Kunst los. Ein großer Künstler kann,
selbst wenn er möchte, nicht auf das verzichten, was seinem Leben den
Wert gibt. Er kann wohl aus religiösen Gründen das Veröffentlichen,
nicht aber das Schreiben lassen. Niemals unterbrach Tolstoi sein
künstlerisches Schaffen. Paul Boyer, der ihn in seinen letzten Jahren in
Jasnaja Poljana sah, erzählt, daß er sich zu gleicher Zeit den
religiösen oder polemischen und den rein dichterischen Werken widmete.
Er erholte sich an den einen von den anderen. Wenn er irgend eine
soziale Abhandlung beendet hatte, dann gestattete er es sich, eine
seiner schönen Geschichten, die er für sich selbst erzählte, wieder
aufzunehmen -- wie z. B. „Chadschi Murat”, ein Militärepos, in dem er
eine Episode aus den Kriegen im Kaukasus und dem Aufstand der
Bergbewohner unter Schamyl besang. Die Kunst blieb seine Erholung, sein
Vergnügen. Aber er würde es für eitel gehalten haben, mit ihr zu
prunken. Seit seinem Büchlein „Für alle Tage” (1904-1905),[203] in
dem er die „Gedanken der verschiedenen Schriftsteller über die
Wahrheit und das Leben” sammelte -- einer richtigen Anthologie der
poetischen Weisheit der ganzen Welt, von den heiligen Schriften des
Orients an bis zu den Zeitgenossen --, sind vom Jahre 1900 ab fast
alle seine ausschließlich künstlerischen Werke Manuskript
geblieben[204].
Dagegen warf er seine polemischen und mystischen Schriften mit
Feuereifer in den sozialen Kampf. Von 1900-1910 zehrt dieser seine
besten Kräfte auf. Rußland machte eine fürchterliche Krisis durch, in
der das Zarenreich zeitweise in seinen Grundfesten zu krachen schien und
nahe am Einstürzen war. Der russisch-japanische Krieg, der
darauffolgende Zusammenbruch, die revolutionäre Bewegung, die Meuterei
in Heer und Flotte, die Metzeleien und die Bauernunruhen schienen „das
Ende einer Welt” zu bedeuten, wie auch der Titel einer Tolstoischen
Schrift besagt. -- Ihren Höhepunkt erreichte die Krisis zwischen 1904
und 1905. In jenen Jahren veröffentlichte Tolstoi eine Reihe von Werken,
die viel Widerhall fanden: „Krieg und Revolution”, „Das große
Verbrechen”, „Das Ende einer Welt”. Während dieser letzten zehn
Jahre nimmt er eine einzigartige Stellung nicht nur in Rußland,
sondern in der ganzen Welt ein. Er steht allein, allen Parteien und
Nationen entfremdet, aus seiner Kirche durch Exkommunikation
ausgestoßen[205].
[Illustration: Tolstoi im Jahre 1910]
Die Logik seiner Vernunft, der Starrsinn seines Glaubens lieferten ihn
dem Dilemma aus: sich von den übrigen Menschen oder von der Wahrheit
loszusagen. Er erinnerte sich des russischen Sprichwortes: „Ein Alter,
der lügt, ist wie ein Reicher, der stiehlt”, und er sagte sich von den
Menschen los, um die Wahrheit zu sagen. Er sagte sie ohne Vorbehalt
allen. Der alte Lügenjäger macht weiter unermüdlich Jagd auf jeden
religiösen oder sozialen Aberglauben, auf jede Fetischanbetung. Er
wendet sich nicht nur gegen die alten böswilligen Mächte, die
verfolgungssüchtige Kirche und die zaristische Selbstherrschaft.
Vielleicht beruhigt er sich jetzt sogar ein wenig über sie, nun, da alle
Welt den Stein auf sie wirft. Man kennt sie, sie sind nicht mehr so zu
fürchten! Und schließlich tun sie nur, was ihres Amtes ist, sie betrügen
nicht. Tolstois Brief an den Zaren Nikolaus II.[206] ist bei aller
schonungslosen Wahrheit gegenüber dem Herrscher voller Güte für den
Menschen, den er seinen „lieben Bruder” nennt, den er bittet, „ihm zu
vergeben, wenn er ihn, ohne es zu wollen, betrübt habe”. Und er
unterzeichnet: „Dein Bruder, der dir das wirkliche Glück wünscht”.
Aber was Tolstoi am wenigsten verzeiht, was er mit großer Heftigkeit
angreift, sind die neuen Lügen, nicht die alten, die längst an den Tag
gekommen sind. Er bekämpft nicht den Despotismus, sondern das Trugbild
der Freiheit. Und man weiß nicht, wen er unter den Anbetern neuer Götzen
mehr haßt, die Sozialisten oder die „Liberalen”.
Seine Abneigung gegen die Liberalen war schon alten Datums. Er hatte sie
gleich damals empfunden, da er als Offizier von Sewastopol in den Kreis
der Petersburger Literaten gekommen war. Es war einer der Gründe gewesen
für sein schlechtes Einvernehmen mit Turgenjew. Der stolze Aristokrat,
der Mensch alter Rasse, konnte diese Intellektuellen nicht ertragen,
und ebenso wenig ihre Anmaßung, dem russischen Volke, ob es wollte oder
nicht, das Glück zu bringen, indem sie ihm ihre Utopien aufdrängten. Als
Urrusse vom alten Stamm[207], war er mißtrauisch gegen die liberalen
Neuerungen, gegen jene konstitutionellen Ideen, die aus dem Westen
kamen; und seine beiden Reisen in Europa bestärkten ihn nur in seinem
Vorurteil. Als er von der ersten Reise heimkam, schrieb er:
„Der Ehrgeiz des Liberalismus ist zu vermeiden.”[208]
Und nach der zweiten:
„Die privilegierte Gesellschaft hat keineswegs das Recht, das Volk, das
ihr ganz fern steht, auf ihre Art zu erziehen.”[209]
In „Anna Karenina” ergeht er sich lang und breit in seiner Verachtung
für die Liberalen. Lewin verweigert seine Beteiligung am Werk der
Provinzialeinrichtungen für die Volksbelehrung und an den sonstigen
Neuerungen, die an der Tagesordnung sind. Das Bild, das die Wahlen zur
Provinzialversammlung aufweisen, zeigt, wie ein Land hereinfällt, wenn
es seine alte konservative Verwaltung durch eine liberale ersetzt.
Nichts hat sich geändert; es gibt nur eine Lüge mehr und Herren von
geringerer Herkunft.
„Wir sind vielleicht nicht allzuviel wert”, äußert der Vertreter der
Aristokratie, „aber wir haben es trotzdem ganze tausend Jahre lang
ausgehalten.”
Und Tolstoi ärgert sich über den Mißbrauch, den die Liberalen mit dem
Wort „Volk”, „Volkswille” treiben. Was wissen sie denn überhaupt
vom Volk? Was ist ihnen das Volk?
Besonders aber zu der Zeit, da die liberale Bewegung sich durchzusetzen
scheint und sie die erste Duma einberufen läßt, drückt Tolstoi heftig
sein Mißfallen gegenüber den konstitutionellen Ideen aus.
„In letzter Zeit hat die Entartung des Christentums einem neuen Betrug
Platz gemacht, der unsere Völker noch tiefer in seine Knechtschaft
hineinstößt. Mit Hilfe eines komplizierten parlamentarischen
Wahlverfahrens wurde ihnen eingeredet, daß, wenn sie ihre Abgeordneten
direkt wählten, sie an der Regierung teilnähmen, und daß sie, wenn sie
diesen Abgeordneten gehorchten, nur ihrem eigenen Willen gehorchten und
somit frei seien. Das ist ein Betrug. Das Volk kann seinen Willen nicht
kundgeben, selbst nicht durch das allgemeine Wahlrecht: 1. weil es einen
solchen Gesamtwillen einer Nation von vielen Millionen Einwohnern
überhaupt nicht geben kann, und 2. weil, selbst wenn es ihn gäbe, die
Stimmenmehrheit nicht sein Ausdruck wäre. Ohne auf den Umstand Gewicht
zu legen, daß die Gewählten nicht mit Rücksicht auf das allgemeine Wohl,
sondern auf die Erhaltung ihrer Machtstellung Gesetze erlassen und die
Verwaltungsgeschäfte besorgen, -- ohne sich auf die Tatsache zu berufen,
daß ein Volk durch die Wahlbeeinflussung und die Wahlmanöver verkommen
muß, -- ist diese Lüge besonders unheilvoll im Hinblick auf das
Anmaßende dieser Sklaverei, in welche die verfallen, die sich ihr
unterwerfen... Jene freien Menschen erinnern an Gefangene, die sich
einbilden, Freiheit zu genießen, wenn sie das Recht haben, sich ihre
Gefängniswärter auszuwählen... Ein Angehöriger eines despotisch
regierten Staates kann, selbst unter dem grausamsten Zwang, vollständig
frei sein. Aber ein Angehöriger eines konstitutionell regierten Staates
ist immer Sklave; denn er erkennt die Gesetzmäßigkeit der gegen ihn
angewandten Zwangsmaßregeln an... In eben denselben Zustand der
konstitutionellen Sklaverei, in der die anderen europäischen Völker
sind, möchte man das russische Volk führen!...”[210]
Für seine Abneigung gegen den Liberalismus ist die Geringschätzung das
Bestimmende. Dem Sozialismus gegenüber ist es -- oder vielmehr wäre es
-- der Haß, wenn sich Tolstoi nicht dagegen verwahrte, überhaupt zu
hassen, was immer es auch sei. Er verabscheut den Sozialismus zwiefach,
weil er zwei Lügen in sich vereinigt: die Lüge von der Freiheit und die
von der Wissenschaft. Behauptet er doch, auf wer weiß welcher
ökonomischen Wissenschaft gegründet zu sein, deren absolute Gesetze den
Fortschritt der Welt lehren!
Tolstoi verfährt sehr streng mit der Wissenschaft. Er hat Worte voll
schrecklicher Ironie für diesen modernen Aberglauben und „diese
wertlosen Probleme: Entstehung der Arten, Spektralanalyse,
Beschaffenheit des Radiums, Zahlentheorie, vorsintflutliche Tiere und
anderen Firlefanz, dem man heutzutage dieselbe Wichtigkeit beimißt,
die man im Mittelalter der unbefleckten Empfängnis oder der
Transsubstantiation im Abendmahl beimaß”. Er macht sich lustig über
„diese Diener der Wissenschaft, die ebenso wie die Diener der Kirche
sich und den anderen einreden, daß sie die Menschheit retten, die ebenso
wie die Kirche an ihre Unfehlbarkeit glauben, nie untereinander einig
sind, sich in Gemeinden spalten und ebenso wie die Kirche der Hauptgrund
sind für die Roheit, für die moralische Unwissenheit, die Hemmung, die
den Menschen davon zurückhält, sich von dem Bösen, unter dem er leidet,
freizumachen; denn sie haben das einzige verworfen, was die Menschheit
einen könnte: das religiöse Gewissen.”[211]
Aber seine Erregung steigert sich, und sein Unwille kommt zum Ausbruch,
als er diese gefährliche Waffe des neuen Fanatismus in den Händen derer
sieht, die angeblich die Menschheit bessern wollen. Jeder Revolutionär
macht ihn traurig, wenn er seine Zuflucht zur Gewalt nimmt. Aber der
intellektuelle Revolutionär und Theoretiker flößt ihm Abscheu ein: solch
einer ist ein Mörder aus Pedanterie, eine hochmütige, stumpfe Seele, der
nicht die Menschen liebt, sondern nur seine eigenen Ideen[212].
Übrigens recht niedrige Ideen.
„Der Sozialismus hat die Befriedigung der niedersten Bedürfnisse des
Menschen zum Ziel: sein materielles Wohlbefinden. Und selbst dieses Ziel
durch die Mittel, die er anpreist, zu erreichen, ist er nicht
imstande.”[213]
Im Grunde ist er ohne Liebe. Er kennt nur Haß gegen die Bedrücker und
„einen blassen Neid auf das bequeme und satte Leben der Reichen: gleich
kotbegierigem Fliegengeschmeiß[214]. Wenn der Sozialismus den Sieg
davonträgt, dann wird es schrecklich in der Welt aussehen. Die
europäische Horde wird über die schwachen und wilden Völker mit
doppelter Macht herfallen und wird sie zu Sklaven machen, damit die
früheren Proletarier Europas nach Herzenslust in ihrem müßigen Wohlleben
zugrunde gehen können, wie einst die Römer[215].
Zum Glück verpufft die beste Kraft des Sozialismus in Rauch, -- in
Reden, wie denen des Sozialisten Jaurès...
„Welch wundervoller Redner! In seinen Reden ist alles und nichts... Mit
dem Sozialismus geht es so ähnlich wie mit unserer russischen
Orthodoxie: man treibt sie in die Enge, man drängt sie in ihre letzten
Verschanzungen, man glaubt sie gefaßt zu haben, da dreht sie sich
schroff um und sagt: ‚Aber nicht doch! Ich bin nicht die, die du
glaubst, ich bin eine ganz andere.’ Und sie entgleitet deiner Hand...
Geduld! Die Zeit wird es machen. Es wird mit den sozialistischen
Theorien sein wie mit den Damenmoden, die ungeheuer schnell ihren Weg
aus dem Salon in das Vorzimmer nehmen.”[216]
Wenn Tolstoi einen solch heftigen Krieg gegen die Liberalen und die
Sozialisten führt, so geschieht es nicht etwa, um der Autokratie das
Schlachtfeld zu überlassen; er will im Gegenteil, daß der Kampf zwischen
der alten und der neuen Welt vollständig ausgetragen werde, nachdem man
erst die störenden und gefährlichen Elemente aus der Kampfreihe entfernt
habe. Denn auch er glaubt an die Revolution. Doch sein Revolutionsglaube
ist ein anderer als der der Revolutionäre: er erinnert mehr an den
Glauben eines mittelalterlichen Mystikers, der für morgen, ja für heute
vielleicht schon, das Reich des Heiligen Geistes erwartet: „Ich glaube,
daß genau zu dieser Stunde die große Revolution beginnt, die sich seit
zweitausend Jahren in der Christenwelt vorbereitet, -- die Revolution,
die an Stelle des verfälschten Christentums und der daraus hergeleiteten
Herrschaft das wahre Christentum setzen wird, die Grundlage für die
Gleichheit unter den Menschen und die echte Freiheit, nach der alle
vernunftbegabten Menschen streben.”[217]
Und welche Stunde wählt er, dieser prophetische Seher, um die neue Ära
des Glückes und der Liebe zu verkünden? Die düsterste Stunde Rußlands,
die Stunde des Unheils und der Schande. Welch herrliche Macht des
schöpferischen Glaubens! Alles um ihn ist Licht, -- bis zur Nacht.
Tolstoi erblickt im Untergang die Zeichen der Erneuerung: in den
unglücklichen Schlachten des Krieges in der Mandschurei, in dem
Zusammenbruch der russischen Heere, in der fürchterlichen Anarchie und
dem blutigen Klassenkampf. Mit traumhafter Logik zieht er aus dem Sieg
Japans den erstaunlichen Schluß, daß Rußland sich von jedwedem Krieg
fernhalten muß; denn die nichtchristlichen Völker werden im Kriegsfalle
immer im Vorteil sein gegenüber den christlichen Völkern, „die die
Phase des knechtischen Gehorsams überschritten haben”. Bedeutet das
eine Absage an sein Volk? -- Nein, es ist höchster Stolz. Rußland soll
sich von jedem Krieg fernhalten, weil es „die große Revolution”
durchführen muß.
„Die Revolution von 1905, die die Menschen von rohem Druck befreien
wird, muß ihren Anfang in Rußland nehmen.”
Warum soll Rußland diese Rolle des auserwählten Volkes spielen? Weil die
neue Revolution vor allem „das große Verbrechen” gutmachen soll, die
Monopolisierung des Bodens zum Nutzen von ein paar tausend reichen
Leuten, die Sklaverei von Millionen Menschen, die grausamste aller
Sklavereien[218]. Und weil kein Volk sich dieses schreienden Unrechts so
bewußt ist wie das russische[219].
Aber ganz besonders, weil das russische Volk unter allen Völkern
dasjenige ist, welches am meisten vom wahren Christentum durchdrungen
ist, und weil die kommende Revolution das Gebot der Einigkeit und der
Liebe in Christi Namen verwirklichen soll. Und dieses Gebot der Liebe
kann sich nicht erfüllen, wenn es sich nicht stützt auf das Gebot:
Widerstrebet nicht dem Bösen[220]. Und dieses Nichtwiderstreben (achten
wir wohl darauf, wir, die wir zu Unrecht darin eine Utopie erblicken, an
die nur Tolstoi und noch ein paar Schwärmer glauben) ist und war immer
ein Grundzug des russischen Volkes.
„Das russische Volk hat in bezug auf die Gewalt immer eine ganz andere
Stellung eingenommen als die anderen europäischen Völker. Nie hat es
einen Kampf gegen die Gewalt eröffnet; es hat sogar nie an einem Kampf
gegen sie teilgenommen, und infolgedessen hat es nie durch ihn besudelt
werden können. Es hat die Gewalt als ein Übel betrachtet, dem man
ausweichen muß. Die Mehrzahl der Russen hat immer lieber
Gewalttätigkeiten erduldet, als daß sie ihnen Widerstand geleistet oder
an ihnen teilgenommen hätte. Sie hat sich also immer unterworfen...”
Es war eine freiwillige Unterwerfung, die mit knechtischem Gehorsam
nichts zu tun hat[221].
„Der wahre Christ kann sich unterwerfen, es ist ihm sogar unmöglich,
sich nicht kampflos jeder Gewalt zu unterwerfen, aber gehorchen kann er
ihr nicht, das heißt, er kann nicht ihre Gesetzmäßigkeit
anerkennen.”[222]
In dem Augenblick, als Tolstoi diese Zeilen schrieb, stand er unter dem
Eindruck eines der tragischsten Beispiele dieses heroischen Duldens
eines Volkes, -- der blutigen Manifestation vom 20. Januar 1905 in
Petersburg, wo eine waffenlose Menge, vom Popen Gapon angeführt, sich
niederschießen ließ, ohne einen Schrei des Hasses, ohne einen Finger zur
Verteidigung zu rühren.