Das Volk war ihm nicht nur für seine Ausdrucksweise vorbildlich, er

verdankte ihm auch mancherlei dichterische Eingebungen. Im Jahre 1877

kam ein Bylinenerzähler nach Jasnaja Poljana, und Tolstoi schrieb

etliche seiner Geschichten auf. Unter anderen die Legende: „Wovon die

Menschen leben” und „Drei Greise”, die, wie man weiß, zwei der

schönsten Geschichten in den „Volkserzählungen” bilden, die Tolstoi

einige Jahre später veröffentlichte[176].

Diese „Volkserzählungen” sind ein in der modernen Kunst einzigartiges

Werk. Ein über aller Kunst stehendes Werk; denn wer denkt, wenn er es

liest, an Literatur? Der Geist des Evangeliums, die reine Liebe aller

Menschenbrüder eint sich mit der lächelnden Einfalt der Volksweisheit.

Einfachheit, Klarheit, unaussprechliche Herzensgüte -- und jenes

übernatürliche Licht, das für Augenblicke das Bild so natürlich

überflutet, umgibt die im Mittelpunkt der Handlung stehende Gestalt des

alten Jelissej[177] mit einem Heiligenschein, oder schwebt durch die

Bude des Schusters Martin, der durch seine Fensterluke zu ebener Erde

die Füße der Leute vorübermarschieren sieht, und den der Herr besucht in

Gestalt der Armen, denen der gute Schuhflicker schon geholfen

hat[178]. Oft mischt sich in diesen Erzählungen den frommen Gleichnissen

ein gewisser Duft von orientalischen Märchen bei, von den Märchen aus

„Tausend und eine Nacht”, die Tolstoi seit seiner Kinderzeit

liebte[179]. Manchmal auch trübt sich das phantastische Licht und gibt

einer der Erzählungen eine unheimliche Größe. So z. B. der Geschichte vom

Muschik Pachom[180], dem Mann, der sich zu Tode rennt, um möglichst viel

Land zu bekommen, so viel Land, als er in einem Tage durchlaufen kann,

und der tot zusammenbricht, als er am Ziel anlangt.

„Auf dem Hügel saß der Dorfälteste am Boden und sah ihn laufen und er

hielt sich mit beiden Händen den Bauch vor Lachen. Und Pachom stürzte.

-- ‚Ah! Bravo! du Schelm, du hast viel Land ergattert.’ Der Älteste

stand auf, schmiß Pachoms Knecht eine Schaufel hin mit den Worten: ‚Da,

scharr ihn ein.’ Der Knecht blieb allein zurück. Er schaufelte ein Grab

für Pachom, so lang, wie dieser vom Kopf bis zu den Füßen maß, genau

drei Arschin -- und dann begrub er ihn.”

Fast alle diese Geschichten enthalten unter ihrer dichterischen Hülle

dieselbe religiöse Moral des Verzichtes und der Vergebung:

„Bittet für die, so euch beleidigen.”

„Widerstrebet nicht dem Bösen.”

„Die Rache ist mein, spricht der Herr.”

Und überall und immer als Höchstes die Liebe.

[Illustration: Tolstoi in seinem Arbeitszimmer]

Tolstoi, der den Grund zu einer Kunst für alle Menschen legen wollte,

hat beim ersten Versuch etwas Universelles geschaffen. Das Werk hat in

der ganzen Welt einen bleibenden Erfolg erzielt; denn es ist frei von

allen vergänglichen Kunstbegriffen; es hat Ewigkeitswert.

* * * * *

„Die Macht der Finsternis” erhebt sich nicht bis zu dieser erhabenen

Herzenseinfalt; sie macht gar keinen Anspruch darauf: es ist die andere

Schneide des Schwertes. Auf der einen Seite der Traum von der göttlichen

Liebe, auf der anderen die furchtbare Wirklichkeit. Beim Lesen dieses

Dramas kann man beurteilen, ob Tolstoi bei seinem Glauben und seiner

Liebe für das Volk es je vermocht hätte, das Volk auf Kosten der

Wahrheit zu idealisieren!

So unbeholfen er auch in den meisten seiner dramatischen Versuche

gewesen ist[181], hier gelangt Tolstoi zur Meisterschaft. Die Charaktere

und die Handlung sind mit leichter Sicherheit hingestellt; der „schöne

Nikita”, Anisja, in ihrer ungestümen sinnlichen Leidenschaft, Mutter

Matrona, die mit zynischer Gutmütigkeit dem Ehebruch ihres Sohnes

Vorschub leistet, und der alte stotternde Akim, -- der verkörperte Gott

in einem armseligen Leib. -- Dann das Sinken Nikitas, der aus Schwäche,

ohne schlecht zu sein, sich in Sünde verstrickt und immer tiefer in

Verbrechen gerät, trotzdem er sich mit Gewalt dagegen wehrt; seine

Mutter und seine Frau ziehen ihn hinein...

„Die Männer sind nicht viel wert. Aber erst die Weiber! Sie sind wie die

wilden Tiere! Nichts fürchten sie... Solche Weibsbilder gibt's

hierzulande viele Millionen, und alle sind sie blind wie die Maulwürfe,

-- wissen nicht das geringste, nicht das geringste!... Der Mann, der

lernt immerhin etwas in der Schenke oder schließlich im Gefängnis oder

in der Kaserne. Aber so'n Weibsbild! Sie sieht nichts und hört nichts.

So lebt sie und so stirbt sie... Die Weiber sind wie blinde junge Hunde,

die mit der Nase im Straßendreck hinkriechen. Das einzige, was sie

können, sind ihre dummen Lieder: La la la-la la la... Aber was La la la,

das wissen sie nicht.”[182]

Dann die schreckliche Szene von der Ermordung des neugeborenen Kindes.

Nikita will nicht töten. Anisja, die seinetwegen ihren Gatten umgebracht

hat und deren Nerven seitdem von dem Verbrechen gefoltert werden, wird

wild, rasend, droht ihn preiszugeben und schreit:

„Jetzt bin ich wenigstens nicht mehr allein. Jetzt soll er auch ein

Mörder sein. Er soll wissen, wie's tut!”

Nikita zerdrückt das Kind zwischen zwei Brettern. Mitten in seinem

Verbrechen flieht er entsetzt und droht, Anisja und seine Mutter zu

töten. Schluchzend fleht er:

„Mütterchen, ich kann nicht mehr!”

Er glaubt, das zermalmte Kind schreien zu hören.

„Wohin soll ich mich retten?...”

Das ist eine shakespearesche Szene. -- Weniger wild, aber noch quälender

ist die Variante des 4. Aktes, das Zwiegespräch zwischen dem kleinen

Mädchen und dem alten Knecht, die nachts allein im alten Haus das

Verbrechen, das draußen begangen wird, halb hören und halb erraten.

Schließlich die freiwillige Sühne. Nikita kommt mit seinem Vater, dem

alten Akim, ohne Schuhe zu einer Hochzeitsfeier. Er kniet nieder, bittet

jeden um Verzeihung und klagt sich aller Verbrechen an. Der alte Akim

ermutigt ihn, betrachtet ihn mit verzückt schmerzlichem Lächeln und

sagt:

„Das ist Gottes Werk!”

Was dem Drama einen besonderen Reiz künstlerischer Art gibt, ist seine

Bauernsprache.

„Ich habe das ganze Vokabularium, das ich mir in Notizbüchern angelegt

hatte, ausgeräubert, um ‚Die Macht der Finsternis’ zu schreiben”,

äußerte Tolstoi Paul Boyer gegenüber.

Diese verblüffenden Bilder, die der lyrischen und zum Spott neigenden

russischen Volksseele entstammen, sind von einem Schwung und einer

Kraft, neben denen alle literarischen Bilder blaß erscheinen. Tolstoi

ergötzt sich an ihnen; man fühlt, daß der Dichter Tolstoi beim Schreiben

seines Dramas ein Vergnügen darin findet, diese Ausdrücke und Gedanken

aufzuzeichnen, deren Komik ihm keineswegs entgeht[183], während der

Apostel Tolstoi in Betrübnis gerät über die Finsternis der Seele.

* * * * *

Während Tolstoi das Volk beobachtete und sein Dunkel durch einen

Lichtstrahl von oben etwas zu erhellen versuchte, widmete er dem noch

weit tieferen Dunkel der reichen und bürgerlichen Klassen zwei Romane

voll tragödienhafter Handlung. Man fühlt, daß zu jener Zeit die

dramatische Form sein künstlerisches Denken beherrscht. „Der Tod des

Iwan Iljitsch” und die „Kreuzersonate” sind alle beide richtige, auf

das knappste Maß zusammengedrängte Seelendramen; und in der

„Kreuzersonate” erzählt der Held des Dramas selbst das Drama.

„Der Tod des Iwan Iljitsch” (1884-86) ist eines der russischen Werke,

die das französische Publikum ganz besonders erschüttert haben. Ich

erwähnte zu Beginn dieses Buches, daß ich Zeuge davon gewesen bin, wie

bürgerliche Leser aus der französischen Provinz, die sonst der Kunst

ganz fremd gegenüberzustehen schienen, von dieser Geschichte tief

ergriffen waren. Das dürfte sich dadurch erklären, daß das Werk mit

verblüffender Echtheit einen Typus jener Durchschnittsmenschen

hinstellt, jener gewissenhaften Beamten, die ohne Religion, bar jeden

Ideals und beinahe jeden Gedankens, in ihrer Amtstätigkeit, in ihrem

einförmigen Alltagsleben aufgehen bis zur Todesstunde, wo sie mit

Entsetzen bemerken, daß sie gar nicht gelebt haben. Iwan Iljitsch ist

der Vertreter jener europäischen Bürgerklasse um das Jahr 1880, in der

man Zola liest, sich die Sarah Bernhardt ansieht und, ohne irgendeinen

Glauben zu haben, nicht einmal ungläubig ist: denn man gibt sich gar

nicht die Mühe zu glauben oder nicht zu glauben, -- man denkt einfach

nicht darüber nach.

Mit der Unerbittlichkeit einer bald strengen, bald fast komischen

Anklage gegen die Welt und vornehmlich gegen die Ehe eröffnet „Der Tod

des Iwan Iljitsch” eine Reihe neuer Werke; er ist Vorbote der noch

krasseren Bilder der „Kreuzersonate” und der „Auferstehung”.

Beklagenswerte und lächerliche Leere dieses Lebens (wie es deren

tausende und abertausende gibt) mit seinem unnatürlichen Ehrgeiz, seinen

armseligen Befriedigungen der Eigenliebe, die dabei kaum Vergnügen

machen, -- „immerhin noch mehr als den Abend allein mit seiner Frau zu

verbringen” --, beruflichem Ärger, verbitternden Zurücksetzungen und

dem einzigen Glück: einer Whistpartie. Und dieses lächerliche Leben

büßt Iwan aus einer noch lächerlicheren Veranlassung ein: eines Tages,

als er einen Vorhang am Salonfenster anbringen will, stürzt er von der

Leiter. Lügnerisches Leben. Lügnerische Krankheit. Lügnerischer Arzt,

der, selbst gesund, nur an sich selber denkt. Lügnerische Familie, die

es vor der Krankheit ekelt. Lügnerische Frau, die Hingebung heuchelt

und sich dabei schon zurechtlegt, wie sie nach dem Tod ihres Mannes

leben wird. Lüge ringsum, der sich allein die Wahrheit eines

mitfühlenden Dieners entgegenstellt, der dem Sterbenden seinen Zustand

nicht zu verbergen sucht und ihm brüderlich hilft. Iwan Iljitsch

beweint „voll unendlichen Mitleids mit sich selbst” seine Vereinsamung

und die Selbstsucht der Menschen. Er leidet entsetzlich bis zu dem

Tage, an dem er merkt, daß sein vergangenes Leben eine Lüge war und

daß er diese Lüge wieder gutmachen kann. Allsobald wird alles licht,

-- eine Stunde vor seinem Tod. Er denkt nicht mehr an sich, er denkt

an die Seinen, er erbarmt sich ihrer; er $muß$ sterben und sie von

seiner Person befreien.

„Wo bist du, Schmerz? -- Da ist er wieder... Recht so, dauere nur fort.

-- Und der Tod? Wo ist der?... -- Er fand ihn nicht mehr. An Stelle des

Todes sah er nur einen Lichtstrahl. -- ‚Es ist zu Ende’, sagte

irgendwer. -- Er hörte diese Worte und wiederholte sie für sich. --

‚Es gibt keinen Tod mehr’, sagte er sich.”

Selbst dieser Lichtstrahl zeigt sich in der „Kreuzersonate” nicht mehr.

Es ist ein Werk voller Wildheit; es stürzt sich auf die Gesellschaft wie

ein verwundetes Tier, das sich für ausgestandene Qualen rächt. Man darf

nicht vergessen, daß es sich um das Bekenntnis eines Menschentieres

handelt, das getötet hat und von dem Giftstoff der Eifersucht verseucht

ist. Tolstoi verbirgt sich hinter seiner Gestalt. Und zweifellos findet

man seine Ideen, nur im Ton verstärkt, in seinen wütenden Schmähungen

gegen die allgemeine Heuchelei wieder: die Heuchelei in der

Frauenerziehung, in der Liebe, in der Ehe -- jener „häuslichen

Prostitution” --, in der Gesellschaft, in der Wissenschaft, unter den

Ärzten, -- „jenen Anstiftern zu Verbrechen”. Aber sein Held reizt ihn

zu einer Brutalität in der Ausdrucksweise, zu einem Ungestüm

fleischlicher Bilder, -- allen Begierden eines ausschweifenden

Körpers, -- und als Gegenwirkung die ganze Wut der Askese, die

haßerfüllte Furcht vor den Leidenschaften, die Verfluchung des Lebens,

gleich der eines mittelalterlichen Mönches, den die Sinnlichkeit

verzehrt. Als er sein Buch geschrieben hatte, war Tolstoi selbst

erschreckt darüber:

„Ich hatte keineswegs erwartet,” sagt er in seinem Nachwort zur

„Kreuzersonate”, „daß eine unerbittliche Logik mich beim Schreiben

dieses Werkes dahin führen würde, wohin ich gelangt bin. Meine eigenen

Schlußfolgerungen haben mich zuerst erschreckt, und ich war versucht,

sie zu verwerfen; aber es ist mir unmöglich gewesen, die Stimme der

Vernunft und des Gewissens zu überhören.”

Tatsächlich nahm er in etwas gemilderter Form die wilden Schreie des

Mörders Posdnischeff gegen Liebe und Ehe wieder auf:

„Wer die Frau -- vor allem seine Frau -- mit Sinnlichkeit ansieht,

bricht schon die Ehe mit ihr.

[Illustration: Tolstoi zu Pferde]

Wenn die Leidenschaften geschwunden sein werden, dann wird die

Menschheit keine Existenzberechtigung mehr haben; dann hat sie das

Gesetz erfüllt. Die Vereinigung der Wesen wird vollkommen sein.”

Er zeigt, gestützt auf das Evangelium Matthäi, daß „das christliche

Ideal nicht die Ehe ist, daß es eine christliche Ehe nicht geben

kann, daß die Ehe vom christlichen Standpunkt aus nicht der

Aufwärtsentwicklung, sondern der Entartung dient, und daß die Liebe

sowie alles, was ihr vorangeht oder ihr folgt, dem wahrhaften

Menschheitsideal im Wege steht...”[184]

Aber diese Ideen hatten sich ihm niemals mit solcher Klarheit gestaltet,

bevor er sie Posdnischeff in den Mund gelegt hatte. Wie man es häufig

bei großen Meistern findet, hat das Werk den Schöpfer mitgerissen; der

Künstler eilte dem Denker voran. Die Kunst hat dabei nichts verloren.

An Macht der Wirkung, an temperamentvoller Straffheit, deutlicher

Greifbarkeit der Erscheinungen und an Fülle und Reichtum der Form kommt

kein anderes Werk Tolstois der „Kreuzersonate” gleich.

Es bleibt mir noch, den Titel zu erklären. -- Eigentlich ist er falsch.

Er täuscht über das Werk. Die Musik spielt darin nur eine

nebensächliche Rolle. Läßt man die Sonate weg, so ändert sich nichts.

Es war unrichtig von Tolstoi, zwei Fragen, die ihm am Herzen lagen,

miteinander zu verquicken: die verderbliche Macht der Musik und die der

Liebe. Der Dämon der Musik hätte ein eigenes Werk verdient; der Platz,

den ihm Tolstoi in diesem zubilligt, genügt nicht, die Gefahr zu

beweisen, wie er es möchte. Ich muß bei diesem Gegenstand ein wenig

verweilen, denn ich glaube nicht, daß man jemals Tolstois Verhältnis zur

Musik richtig verstanden hat.

Es wäre weit gefehlt anzunehmen, daß er sie nicht liebte. So fürchtet

man nur, was man liebt. Man braucht sich nur zu entsinnen, welchen Platz

die musikalischen Erinnerungen in der „Kindheit” einnehmen und ganz

besonders im „Eheglück”, wo die ganze Liebesgeschichte von ihrem

Frühling bis zu ihrem Herbst sich zwischen den Sätzen der Beethovenschen

Sonate „Quasi una fantasia” abspielt. Man erinnere sich ferner der

wundervollen Symphonien, die Nekludow[185] und der kleine Petja in der

Nacht vor seinem Tode[186] in sich erklingen hören. Wenn Tolstoi auch

nur sehr bedingt musikalisch war[187], so ergriff ihn die Musik doch bis

zu Tränen, und er gab sich ihr zu gewissen Zeiten seines Lebens mit

Leidenschaft hin. Im Jahre 1858 gründete er in Moskau eine musikalische

Gesellschaft, aus der später das Moskauer Konservatorium hervorging.

„Er liebte die Musik sehr”, schreibt sein Schwager Bers. „Er spielte

Klavier und bevorzugte die klassischen Meister. Oft setzte er sich ans

Klavier, ehe er an seine Arbeit ging[188]. Wahrscheinlich kam ihm dabei

die künstlerische Eingebung. Er begleitete immer meine jüngste

Schwester, deren Stimme er sehr gern hatte. Ich habe bemerkt, daß die

Empfindungen, die die Musik in ihm auslösten, von einer leichten Blässe

und einem unmerklichen Verziehen des Gesichtes begleitet waren, was

anscheinend Schreck ausdrückte.”[189]

Es war wohl der Schreck, den er empfand bei der Erschütterung durch

diese unbekannten Kräfte, die ihn bis in die Wurzeln seines Seins

aufrüttelten. In dieser Welt der Musik fühlte er seinen sittlichen

Willen, seine Vernunft, die ganze Wirklichkeit des Lebens

dahinschmelzen. Man lese in dem ersten Band von „Krieg und Frieden” die

Szene nach, wo Nikolaus Rostow, der gerade im Spiel verloren hat,

verzweifelt nach Hause kommt. Er hört seine Schwester Natascha singen

und vergißt alles.

„Er wartete mit fieberhafter Ungeduld auf die nächste Note, und einen

Augenblick lang gab es auf der ganzen Welt nichts anderes mehr als den

Dreivierteltakt: Oh! mio crudele affetto!

‚Wie sinnlos ist doch unser Dasein’, dachte er. ‚Glück, Geld,

Haß, Ehre, alles ist nichts... Hier ist das Wahre!... Natascha, mein

Täubchen!... Laß sehen, ob sie das betrifft... Gott sei Dank, sie

hat's getroffen!’

Um das b zu verstärken, begleitete er es in der Terz.

‚Welch ein Glück! ich habe es auch getroffen’ --, rief er aus; und die

Schwingung dieser Terz erweckte alles Gute in seinem Innern. Was waren

gegen diese übermenschlichen Empfindungen sein Verlust im Spiel und sein

verpfändetes Wort!... Torheiten! Man konnte töten und stehlen und doch

glücklich sein.”

Nikolaus tötet weder, noch stiehlt er, und die Musik bedeutet für ihn

nur eine vorübergehende Erregung, aber Natascha ist nahe daran, sich an

sie zu verlieren. Nach einem Abend in der Oper, „in jener seltsamen,

sinnlosen, meilenweit von der Wirklichkeit entfernten Welt der Kunst, in

der Gut und Böse, Überspanntheit und Vernunft sich mengen und mischen”,

hört sie Anatol Kuragins Erklärung an; er betört sie, und sie willigt

ein, sich entführen zu lassen.

Je älter Tolstoi wird, um so mehr fürchtet er die Musik[190]. Ein Mann,

der Einfluß auf ihn hatte, Berthold Auerbach, den er im Jahre 1860 in

Dresden traf, bestärkte ihn zweifellos in seinem Vorurteil. „Er sprach

von der Musik als von einem pflichtlosen Genuß. Nach seiner Ansicht

führte sie zur Verderbnis.”[191]

Warum, so fragt Camille Bellaigue[192], ist hier gerade Beethoven

gewählt, der reinste und keuscheste aller Musiker, wo doch die Auswahl

an verderblichen Musikern so groß ist? -- Weil er der Stärkste ist.

Tolstoi hatte ihn geliebt und liebte ihn noch immer. Seine frühesten

Erinnerungen aus der Kindheit waren mit der „Pathétique” verknüpft;

und als Nekludow am Schluß der „Auferstehung” das Andante der C-Moll

Symphonie spielen hört, kann er nur mit Mühe seine Tränen

zurückhalten; „er empfand Mitleid mit sich selbst und mit denen, die

er liebte”. -- Man hat indessen gesehen, mit welcher Erbitterung

Tolstoi sich in „Was ist Kunst?”[193] über die „krankhaften Werke

des tauben Beethoven” vernehmen läßt, und schon im Jahre 1876 hatte

die Wut, mit der er „Beethoven zu vernichten und Zweifel an seinem

Genie zu äußern liebte”, Tschaikowsky empört und seine Bewunderung

für Tolstoi abgekühlt. Die „Kreuzersonate” läßt uns die fanatische

Ungerechtigkeit so ganz erkennen. Was wirft Tolstoi Beethoven vor?

Seine Macht. Als er die C-Moll Symphonie hört und von ihr aus der

Fassung gebracht wird, lehnt er sich, wie auch Goethe dies tat, voll

Zorn gegen den Meister auf, der ihn beherrschen und unter seinen

Willen zwingen will[194].

„Diese Musik”, sagt Tolstoi, „versetzt mich sofort in den

Seelenzustand, in dem der war, der sie schrieb... Die Musik sollte

eine Staatsangelegenheit sein wie in China. Man dürfte nicht zugeben,

daß der erste beste über eine so furchtbare hypnotische Macht

verfüge... So etwas (das erste Presto der Sonate) sollte eigentlich

nur bei gewissen bedeutsamen Gelegenheiten gespielt werden dürfen.”

Und man muß sehen, wie Tolstoi nach diesem Aufbegehren der Macht

Beethovens weicht, und wie diese Macht nach seinem eigenen Zugeständnis

rein und veredelnd ist. Beim Hören des Musikstücks verfällt Posdnischeff

in einen unerklärlichen Zustand, über den er keine Rechenschaft ablegen

kann, dessen Bewußtsein ihn aber fröhlich macht. „Die Eifersucht hat

keinen Raum mehr in ihm.” Die Frau ist nicht weniger verwandelt. Sie

hat, während sie spielt, „einen Ausdruck erhabenen Ernstes”, dann,

„als sie mit dem Spielen zu Ende, ein kleines schwaches,

glückseliges Lächeln”... Was ist an all dem so sonderbar? -- Daß der

Geist Sklave ist, und daß die unbekannte Macht der Töne aus ihm

machen kann, was sie will. Ihn zerstören, wenn es ihr gefällt.

Das ist wahr; aber Tolstoi vergißt nur eines: daß die meisten, die

Musik hören oder machen, nur über ein sehr schwaches Seelenleben

verfügen. Die Musik kann für die, die nichts fühlen, kaum gefährlich

werden. Der Anblick, den der Zuschauerraum der Oper während einer

„Salome”-Aufführung bietet, ist wohl dazu angetan, einen über die

Unempfindlichkeit des Publikums gegenüber den ungesundesten

Aufregungen in der Tonkunst zu beruhigen. Man muß ein so reiches

Seelenleben wie Tolstoi haben, um in die Gefahr zu kommen, darunter zu

leiden. -- Sicher ist, daß Tolstoi, trotz seiner verletzenden

Ungerechtigkeit gegen Beethoven, dessen Musik tiefer empfindet als die

meisten von denen, die sich heute dafür begeistern. Er kennt zum

mindesten diese frenetischen Leidenschaften, diese wilde Heftigkeit,

die in der Kunst des „tauben Alten” grollen und die heute kaum ein

Virtuose oder ein Orchester mehr fühlt. Sein Haß hätte vielleicht

Beethoven mehr gefreut als die Liebe mancher Beethovenianer.

Zehn Jahre liegen zwischen der „Kreuzersonate” und der

„Auferstehung”[195], zehn Jahre, die mehr und mehr von moralischer

Pionierarbeit ausgefüllt werden. Und wiederum zehn Jahre zwischen der

„Auferstehung” und dem Endziel, dem dieses Leben, hungernd nach dem

Ewigen, zustrebt. Die „Auferstehung” ist in gewissem Sinne das

künstlerische Testament Tolstois. Sie beherrscht das Ende seines Lebens,

wie „Krieg und Frieden” die Zeit seiner Reife krönt. Es ist der letzte

Gipfel, der höchste vielleicht, -- wenn nicht der machtvollste, --

dessen unsichtbare Spitze[196] sich im Nebel verliert. Tolstoi ist

siebzig Jahre alt. Er betrachtet die Welt, sein Leben, seine früheren

Irrtümer, seinen Glauben, seinen heiligen Zorn von oben herab. Derselbe

Gedanke wie in den früheren Werken; derselbe Kampf gegen die Heuchelei;

aber wie in „Krieg und Frieden” schwebt der Geist des Künstlers über

seinem Stoff; die finstere Ironie, das unruhvolle Wesen in der

„Kreuzersonate” und dem „Tod des Iwan Iljitsch” vermischt er mit

einer religiösen Abgeklärtheit, die er ausstrahlt und die nicht mehr

von dieser Welt ist. Man könnte manchmal von einem christlichen Goethe

sprechen.

[Illustration: Tolstoi auf dem Lande]

Das Leben Tolstois · 第 7 / 14 段