„Die Betätigung von Wissenschaft und Kunst ist nur fruchtbringend, wenn

sie sich kein Recht herausnimmt und nur Pflichten kennt. Nur weil ihre

Betätigung dieser Art ist, weil ihr Wesen das Opfer ist, verehrt die

Menschheit sie. Die Menschen, die berufen sind, den anderen durch

Geistesarbeit zu dienen, leiden immer in der Ausübung dieser Arbeit;

denn die geistige Welt gebärt nur in Schmerzen und Qualen. Opfern und

leiden, das ist das Los des Denkers und Künstlers; denn sein Ziel ist

das Wohl der Menschen. Die Menschen sind unglücklich, sie leiden, sie

sterben; man hat nicht Zeit zum Müßiggang und Vergnügen. Der Denker oder

der Künstler verirrt sich nie in olympische Höhen, wie wir zu glauben

gewohnt sind; er ist immer in Bedrängnis und Erregung. Er soll

entscheiden und sagen, was dem Menschen Heil bringt, was ihn vom Leiden

erlöst, und er hat es noch nicht entschieden, er hat es noch nicht

gesagt; und morgen wird es vielleicht zu spät sein, und er wird

sterben... Nicht der ist Denker und Künstler, der in einem Institut

ausgebildet wird, in dem man Künstler und Gelehrte heranbildet (um die

Wahrheit zu sagen, man bildet dort Vernichter von Kunst und Wissenschaft

heran), nicht der ist es, der Diplome und eine Anstellung bekommt,

sondern der ist es, der glücklich wäre, nicht zu denken und nicht $dem$

Ausdruck zu verleihen, was ihm in die Seele gesenkt wurde, der sich dem

aber nicht entziehen kann; denn zwei unsichtbare Mächte treiben ihn

dazu: sein innerer Drang und seine Menschenliebe. Es gibt keine satten,

genießerischen, selbstzufriedenen Künstler.”[158]

Diese herrlichen Zeilen, die ein tragisches Licht auf Tolstois Genie

werfen, waren geschrieben unter dem augenblicklichen Einfluß des

Kummers, den der Anblick des Elends in Moskau in ihm hervorrief, und in

der Überzeugung, daß Kunst und Wissenschaft Mitverschworene des ganzen

bestehenden Systems gesellschaftlicher Ungleichheit und heuchlerischer

Gewalttätigkeit seien. -- Diese Überzeugung sollte er nie verlieren.

Aber der Eindruck von seinem ersten Zusammentreffen mit dem Weltelend

mußte sich allmählich abschwächen; die Wunde hört auf zu bluten[159];

und in keinem seiner späteren Bücher findet man das von Schmerz und

rächendem Zorn erfüllte Beben, das dieses Buch durchzittert: nirgends

dieses erhabene Glaubensbekenntnis des Künstlers, der mit seinem

Herzblut schafft, diese Begeisterung für Opfer und Leid, „die des

Denkers Los sind”, diese Verachtung der olympischen Kunst Goethescher

Art. Die Arbeiten, in denen er später die Kritik der Kunst wieder

aufnimmt, behandeln die Frage vom literarischen und weniger vom

gefühlsmäßigen Standpunkt aus; das Problem der Kunst wird darin

gesondert von jenem menschlichen Elend behandelt, an das Tolstoi nicht

denken kann, ohne außer sich zu geraten, wie an dem Abend nach seinem

Besuch im Nachtasyl, wo er bei seiner Heimkehr verzweiflungsvoll weint

und schluchzt.

Man könnte nicht behaupten, daß jene lehrhaften Werke jemals kalt seien.

Kalt zu sein ist ihm überhaupt unmöglich. Bis an sein Lebensende bleibt

er derselbe, der einst an Fet schrieb:

„Wenn man seine Gestalten, selbst die unwesentlichsten, nicht liebt, muß

man sie derart schlechtmachen, daß es dem Himmel heiß wird, oder sich

über sie lustig machen, bis einem der Bauch platzt.”[160]

[Illustration: Tolstoi im Jahre 1909]

In seinen Schriften über die Kunst läßt er sich nichts davon entgehen.

Die negative Seite -- Beleidigungen und beißender Spott -- ist darin so

stark, daß nur sie Eindruck auf die Künstler gemacht hat. Er traf damit

ihren Aberglauben und ihre Empfindlichkeit zu heftig, als daß sie nicht

in dem Feind ihrer Kunst den Feind jeglicher Kunst überhaupt gesehen

hätten. Aber immer geht die Kritik bei Tolstoi Hand in Hand mit

Besserungsvorschlägen. Er reißt niemals nieder, um niederzureißen,

sondern um wiederaufzurichten. Und in seiner Bescheidenheit behauptet er

sogar, nichts Neues aufzubauen; er verteidigt die Kunst, die immer war

und immer sein wird, gegen die falschen Künstler, die sie ausbeuten und

herabwürdigen:

„Die echte Wissenschaft und die echte Kunst haben immer bestanden und

werden immer bestehen; es ist unmöglich und nutzlos, sie in Abrede zu

stellen”, schrieb er mir im Jahre 1887 in einem Brief, zehn Jahre bevor

seine berühmte Abhandlung über die Kunst[161] erschien. „Das ganze

Übel von heute kommt daher, daß die sogenannten zivilisierten Leute,

denen die Gelehrten und Künstler zur Seite stehen, eine privilegierte

Kaste sind, wie die Priester. Und diese Kaste hat alle Fehler einer

jeden Kaste. Sie erniedrigt und entwürdigt das Prinzip, in dessen

Namen sie sich bildet. Das, was man bei uns Wissenschaft und Kunst

nennt, ist nichts als ein grenzenloser $Humbug$, ein großer

Aberglaube, auf den wir gewöhnlich hereinfallen, sobald wir uns von

dem alten Kirchenaberglauben freigemacht haben. Will man den Weg, den

man zu beschreiten hat, klar vor sich sehen, so muß man beim Anfang

anfangen, -- man muß die Kapuze, die wohl wärmt, aber die Augen

verdeckt, abnehmen. -- Die Versuchung ist groß. Wir werden auf einer

gewissen Höhe geboren, oder wir schwingen uns zu ihr auf; und wir

finden uns unter den Bevorzugten, den Priestern der Zivilisation, der

$Kultur$, wie die Deutschen sagen. Wir bedürfen, wie die brahmanischen

oder katholischen Priester, großer Aufrichtigkeit und Wahrheitsliebe,

um die Grundsätze, die uns diese vorteilhafte Stellung sichern,

anzuzweifeln. Aber ein ernster Mensch, den das Problem des Lebens

beschäftigt, kann nicht zögern. Um zum klaren Schauen durchzudringen,

müssen wir uns von dem Aberglauben freimachen, wo immer er sich

findet, selbst wenn er uns Vorteile brächte. Das ist eine conditio

sine qua non... Nicht abergläubisch sein. Sich in die Gemütsverfassung

eines Kindes oder eines Cartesius versetzen...”

Diesen modernen Kunstaberglauben, in dem sich gewisse Kreise gefallen,

„diesen Mordshumbug”, deckt Tolstoi in seinem Buche „Was ist

Kunst?” auf. Schonungslos zeigt er das Lächerliche daran, die

Armseligkeit, die Heuchelei, die vollständige Verderbnis. Er macht

reinen Tisch mit allem. Er bringt zu dieser Zerstörungsarbeit die

Freude eines Kindes mit, das seine Spielsachen entzweischlägt. Dieser

ganze kritische Teil ist oft voller Humor, aber auch voller

Ungerechtigkeit: dafür ist es eine Kampfschrift. Tolstoi bedient sich

jeder Waffe und haut darauf los, ohne achtzugeben, wen er trifft. So

kommt es recht häufig vor -- wie in allen Schlachten --, daß er Leute

verwundet, die er hätte verteidigen müssen, z. B. Ibsen oder

Beethoven. Das ist der Nachteil seiner Heftigkeit, die ihm nicht

genügend Zeit zur Überlegung läßt, bevor es zum Handeln kommt, seiner

blinden Leidenschaft, die ihn oft die Schwäche seiner Gründe nicht

erkennen läßt, und -- sagen wir es offen -- es ist auch die Folge

seiner unzureichenden künstlerischen Kultur.

Was kann er, abgesehen von seinem literarischen Wissen, schließlich

von der zeitgenössischen Kunst kennen? Was hat dieser Landedelmann,

der drei Viertel seines Lebens in seinem moskowitischen Dorf

zubrachte, der seit 1860 nicht mehr nach Europa gekommen ist, von

Malerei sehen, was hat er von europäischer Musik hören können? Und was

hat er sonst, die Schulen ausgenommen, die allem ihn interessierten,

gesehen? Die Malerei beurteilt er nach dem Hörensagen, nennt als

„Dekadente” Puvis, Manet, Monet, Böcklin, Stuck und Klinger bunt

durcheinander, bewundert in bestem Glauben Jules Breton und Lhermitte

wegen ihrer guten Gesinnung, verachtet Michelangelo und erwähnt unter

den Malern, die sich in das Seelenleben ihrer Modelle zu vertiefen

wußten, nicht einmal Rembrandt. -- Für die Musik hat er ein viel

feineres Verständnis[162], aber er kennt sie kaum: er kommt über seine

Kindheitseindrücke nicht hinaus, hält sich an jene, die schon um 1840

zu den Klassikern gehörten, und hat (außer Tschaikowsky, dessen Musik

ihn zum Weinen bringt) seitdem nichts kennengelernt; er wirft im

Grunde Brahms und Richard Strauß in einen Topf, erteilt Beethoven eine

Lektion[163] und glaubt nach einer einzigen „Siegfried”-Aufführung,

die er nicht einmal von Anfang an und nur bis zur Mitte des zweiten

Aktes gehört hat, genug von Wagner zu kennen, um über ihn zu

urteilen[164]. -- In der Literatur weiß er selbstverständlich etwas

besser Bescheid. Und doch, aus welch sonderbarer Verirrung mag er es

gerade vermeiden, die russischen Schriftsteller, die er gut kennt, zu

beurteilen, während er es sich angelegen sein läßt, fremde Dichter

abzuurteilen, deren Wesensart von der seinen grundverschieden ist, und

in deren Büchern er nur mit überlegener Nachlässigkeit blättert![165]

Sein unbekümmertes Selbstvertrauen wächst noch mit dem Alter.

Schließlich kommt er so weit, ein Buch zu schreiben, um zu beweisen, daß

Shakespeare „kein Künstler” war.

„Er konnte weiß Gott was gewesen sein, aber ein Künstler war er

nicht!”[166]

Diese Sicherheit muß man bewundern. Tolstoi schwankt nicht. Er

untersucht nichts. Sein ist die Wahrheit. Er sagt ohne weiteres:

„Die Neunte Symphonie ist ein Werk, das die Menschen entzweit.”

Oder:

„Außer der berühmten Air für Violine von Bach, dem Nocturno in Es-Dur

von Chopin und etwa zehn ausgewählten Stücken von Haydn, Mozart, Weber,

Beethoven und Chopin, und selbst diesen nicht ganz, kann alles übrige

zurückgewiesen und mißachtet werden als eine Kunst, die die Menschen

entzweit.”

Oder:

„Ich werde beweisen, daß Shakespeare selbst nicht als Schriftsteller

vierter Ordnung betrachtet werden kann. Und als Charakterzeichner ist er

gleich Null.”

Daß die übrige Menschheit anderer Ansicht ist, kann ihn nicht beirren;

im Gegenteil.

„Meine Meinung”, schreibt er stolz, „weicht vollständig von der ab,

die sich über Shakespeare in der ganzen europäischen Welt gebildet

hat.”

In seiner Angst vor der Lüge wittert er sie überall; und je mehr eine

Idee allgemein verbreitet ist, um so mehr sträubt er sich gegen sie; er

mißtraut ihr, er vermutet in ihr, wie er über den Ruhm Shakespeares

urteilt, „einen jener seuchenartig auftretenden Einflüsse, denen die

Menschen immer unterliegen. Wie die Kreuzzüge des Mittelalters, der

Hexenglaube, das Suchen nach dem Stein der Weisen, die Tulpennarrheit.

Die Menschen sehen erst die Verrücktheit dieser Einflüsse, wenn sie sich

von ihnen freigemacht haben. Mit der Entwicklung der Presse sind diese

Seuchen ganz außerordentlich geworden.” -- Und als Typus nennt er die

allerletzte dieser ansteckenden Krankheiten, die Dreyfusaffäre, von der

er, der Feind aller Ungerechtigkeiten, der Verteidiger aller

Unterdrückten, mit einer geradezu verächtlichen Gleichgültigkeit

spricht[167]. Ein gar bezeichnendes Beispiel dafür, wohin ihn seine

Verachtung der Lüge und jene instinktive Abneigung gegen die

„moralischen Seuchen”, deren er sich selbst beschuldigt, ohne sie

bekämpfen zu können, führen konnte. Eine Umkehrung menschlicher

Tugenden, eine unbegreifliche Verblendung führt diesen Kenner der

Seelen, diesen Erwecker der leidenschaftlichen Kräfte dazu, den „König

Lear” als „albernes Werk” und die stolze Cordelia als „Geschöpf

ohne jeden Charakter” zu kennzeichnen[168].

Man beachte, daß er sehr wohl gewisse tatsächliche Fehler bei

Shakespeare sieht, die wir einzugestehen nicht aufrichtig genug sind: so

die gekünstelte Art der dichterischen Sprache, die unterschiedslos allen

Personen verliehen wird, die Rhetorik, gleichgültig ob es sich um

Leidenschaft, Heldentum oder die einfachsten Vorkommnisse handelt. Und

ich begreife vollkommen, daß ein Tolstoi, der von allen Schriftstellern

am wenigsten Literat war, keine Neigung verspürte zu der Kunst dessen,

der der genialste unter den Literaten gewesen ist. Aber weshalb seine

Zeit verlieren, mit Reden über das, was man nicht zu verstehen vermag,

und welchen Wert können Urteile über eine Welt haben, die uns

verschlossen bleibt?

Keinen Wert, wenn wir darin den Schlüssel zu diesen fremden Welten

suchen. Einen unschätzbaren Wert, wenn wir von ihnen den Schlüssel zur

Kunst Tolstois fordern. Von einem schöpferischen Genie verlangt man

keine kritische Objektivität. Wenn ein Wagner, ein Tolstoi von Beethoven

oder von Shakespeare sprechen, so sprechen sie nicht von Beethoven oder

von Shakespeare, sondern von sich selbst: sie stellen ihr Ideal auf. Sie

bemühen sich nicht einmal, uns darüber zu täuschen. Um Shakespeare zu

beurteilen, versucht Tolstoi nicht, sich „objektiv” zu geben. Vielmehr

macht er Shakespeare seine objektive Kunst zum Vorwurf. Der Maler von

„Krieg und Frieden”, der Meister der unpersönlichen Kunst, kann gar

nicht genug Verachtung aufbringen für jene deutschen Kritiker, die im

Anschluß an Goethe „Shakespeare erfanden” und „die Theorie, daß die

Kunst objektiv sein muß, das heißt, daß sie die Menschen ungeachtet

jedes sittlichen Wertes darstellen muß, -- was die Verneinung des

religiösen Wesens der Kunst bedeutet”.

So verkündet Tolstoi seine künstlerischen Urteile von einer hohen

Glaubenswarte herab. In seinen Kritiken darf man keinen persönlichen

Hintergedanken suchen. Er stellt sich nicht als Beispiel hin; er ist

ebenso unerbittlich gegen seine Werke, wie gegen die der anderen[169].

Was will er also, und was bedeutet für die Kunst das religiöse Ideal,

das er aufstellt?

Dieses Ideal ist wundervoll. Das Wort „religiöse Kunst” kann leicht

über den Umfang des Begriffes täuschen. Weit davon entfernt, die Kunst

einzuengen, erweitert Tolstoi sie vielmehr. „Die Kunst”, sagt er,

„ist überall.”

„Die Kunst durchdringt unser ganzes Leben; was wir Kunst nennen,

Theater, Konzerte, Bücher und Ausstellungen, das ist nur der kleinste

Teil davon. Unser Leben ist erfüllt von künstlerischen Offenbarungen

aller Arten, von den Kinderspielen an bis zu den religiösen Gebräuchen.

Die Kunst und die Rede sind die beiden Organe des menschlichen

Fortschrittes. Die eine verbindet die Herzen und die andere die

Gedanken. Wenn eine von beiden verfälscht ist, so ist die Gesellschaft

krank. Die Kunst von heute ist verfälscht.”

Seit der Renaissance kann man nicht mehr von der Kunst der christlichen

Nationen sprechen. Die Klassen haben sich gespalten. Die Reichen, die

Bevorzugten haben sich angemaßt, das Monopol auf die Kunst für sich in

Anspruch zu nehmen; und ihr Vergnügen haben sie zum Kriterium der

Schönheit gemacht. Indem sich die Kunst von den Armen entfernte, ist

sie selbst verarmt.

„Die Gefühle, welche die bewegen, die nicht für ihren Lebensunterhalt

arbeiten, sind weit weniger mannigfaltig als die Gefühle der

Arbeitenden. Nur deren drei beherrschen unsere heutige Gesellschaft: der

Hochmut, die Sinnlichkeit und der Lebensüberdruß. Diese drei Gefühle und

ihre Verästelungen bilden fast ausschließlich den Gegenstand der Kunst

der Reichen.”

[Illustration: Tolstoi beim Tee mit den Bauern im Jahre 1909]

Sie verseucht die Welt, sie verdirbt das Volk, sie begünstigt den

sexuellen Niedergang, sie ist das schlimmste Hindernis für die

Verwirklichung menschlichen Glückes geworden. Sie ist außerdem ohne

wirkliche Schönheit, ohne Natürlichkeit, ohne Aufrichtigkeit, -- eine

gezierte, gemachte Gehirnkunst.

Dieser Ästhetenlüge, diesem Zeitvertreib der Reichen gegenüber wollen

wir die lebendige Kunst aufrichten, die menschliche Kunst, die die

Menschen aller Klassen und aller Nationen eint. Die Vergangenheit

liefert uns dafür ruhmreiche Vorbilder.

„Immer hat die Mehrheit der Menschen das, was wir als erhabenste Kunst

ansehen, verstanden und geliebt: die Schöpfungsgeschichte, die

Gleichnisse des Evangeliums, die Legenden, die Märchen, die

Volkslieder.”

Die größte Kunst ist jene, die das religiöse Gewissen der Zeit

widerspiegelt. Darunter darf man aber nicht eine Lehre der Kirche

verstehen. „Jede Gemeinschaft hat einen religiösen Lebensbegriff:

nämlich das Ideal vom größten Glück, das diese Gemeinschaft

erstrebt.” Alle haben dafür ein mehr oder weniger klares Gefühl;

einige Vorkämpfer bringen es deutlich zum Ausdruck.

„Ein religiöses Gewissen besteht immer. Es ist das Bett, in dem der

Strom dahinfließt.”

Das religiöse Gewissen unserer Zeit ist das Streben nach einem Glück,

das durch die Verbrüderung der Menschen verwirklicht wird. Es gibt keine

wahre Kunst außer der, die auf dieses Ziel hinarbeitet. Die

höchststehende Kunst erreicht dies unmittelbar durch die Macht der

Liebe. Aber es gibt noch eine andere, die bei derselben Aufgabe

mitwirkt, indem sie alles, was sich der Verbrüderung entgegenstellt, mit

den Waffen der Entrüstung und der Verachtung bekämpft. Dahin gehören die

Romane von Dickens und Dostojewski, „Die Elenden” von Victor Hugo, die

Bilder von Millet. Selbst ohne diese Höhen zu erreichen, bringt jede

Kunst, die das tägliche Leben mitfühlend und wahr darstellt, die

Menschen einander näher, z. B. der „Don Quichotte” und die

Theaterstücke von Molière. Es ist richtig, daß die letztere

Kunstgattung gewöhnlich an ihrem zu peinlich genauen Realismus und an

Erfindungsarmut leidet, „wenn man sie mit den alten Vorbildern, z. B.

der erhabenen Josephsgeschichte, vergleicht”. Die übertriebene

Genauigkeit in der Wiedergabe der Einzelheiten schadet den Werken,

und sie können deshalb nicht Allgemeingut werden.

„Die modernen Werke werden durch einen Realismus verdorben, den man

richtiger Kunstprovinzialismus nennen sollte.”

So verdammt Tolstoi ohne Zögern die Grundzüge seines eigenen Schaffens.

Was liegt ihm daran, sich ganz für die Zukunft einzusetzen -- auf die

Gefahr hin, daß von ihm selbst nichts mehr übrigbleibt?

„Die künftige Kunst wird nicht die gegenwärtige fortsetzen, sie wird

sich auf anderen Grundlagen aufbauen. Sie wird nicht mehr Eigentum einer

einzelnen Klasse sein. Die Kunst ist kein Geschäft, sie ist der Ausdruck

echten Empfindens. Der Künstler kann nur dann echt empfinden, wenn er

sich nicht absondert, wenn er das natürliche Leben eines Menschen führt.

Deshalb ist auch ein in gesicherten Verhältnissen Lebender zum Schaffen

am schlechtesten in der Lage.”

In Zukunft „werden alle begabten Menschen Künstler sein können”. Die

künstlerische Betätigung wird jedem zugänglich sein „dadurch, daß

man in den Volksschulen den Unterricht in Musik und Malerei einführt,

der jedem Kind gleichzeitig mit den ersten grammatischen

Grundbegriffen erteilt wird”. Außerdem wird die Kunst kein so

kompliziertes Verfahren mehr notwendig machen wie heute; sie wird sich

der Einfachheit, der Klarheit und der Bündigkeit nähern, die das

Merkmal der klassischen unverbildeten Kunst, der Kunst Homers,

sind[170]. Wie schön wird es sein, allgemein gültige Gefühle mit

reinen Linien in diese Kunst zu übertragen! Eine Erzählung oder ein

Lied für Millionen von Menschen verfassen, ein Bild für sie zeichnen,

ist viel wichtiger -- und schwieriger --, als einen Roman oder eine

Symphonie schreiben. Es ist ein ungeheuer großes und fast unbetretenes

Gebiet. Dank solchen Werken werden die Menschen das Glück brüderlicher

Vereinigung kennenlernen.

„Die Kunst muß die Gewalt unterdrücken, und nur sie kann es. Ihre

Sendung ist, das Reich Gottes erstehen zu lassen, will sagen das Reich

der Liebe.”[171]

Wer von uns möchte sich nicht diese hochherzigen Worte zu eigen machen?

Und wer sieht nicht, bei aller Phantastik und Naivität, das Lebendige

und Fruchtbringende in Tolstois Gedanken! Ja, unsere Kunst als Ganzes

ist nur der Ausdruck einer Klasse, die sich wiederum von einer Nation

zur anderen in kleine, einander feindliche Stämme scheidet. In Europa

gibt es nicht einen Künstler, der die Vereinigung der Parteien und

Rassen verwirklicht. Der universellste in unserer Zeit war gerade

Tolstoi selbst. In ihm haben wir Menschen aller Völker und aller Klassen

einander geliebt. Und wer, wie wir, die hehre Freude dieser großen Liebe

gekostet hat, wird sich nicht mehr mit den kümmerlichen Abfällen von der

großen Menschenseele begnügen können, die uns die Kunst der europäischen

Literaturkreise darbietet.

Die schönste Theorie hat erst Wert durch die Werke, in denen sie sich

erfüllt. Bei Tolstoi sind Theorie und Schaffen, wie Glauben und

Handeln, stets im Einklang. Zur selben Zeit, da er an seiner „Kritik

der Kunst” arbeitete, gab er Musterbeispiele der neuen Kunst, wie er

sie wollte, -- der zwei Kunstformen, der einen erhabeneren und der

anderen weniger reinen, aber beide „religiös” im menschlichsten Sinn,

-- der einen, die an der Einigung der Menschen durch Liebe arbeitet,

und der anderen, welche die der Liebe feindliche Welt bekämpft. Er

schrieb folgende Meisterwerke: „Der Tod des Iwan Iljitsch” (1884-1886),

„Volkserzählungen” (1881 bis 1886), „Die Macht der Finsternis”

(1886), „Die Kreuzersonate” (1889) und „Der Herr und sein Knecht”

(1895)[172]. Als Gipfel und zugleich Grenzstein dieser künstlerischen

Periode ragt wie ein Dom mit zwei Türmen, deren einer die ewige Liebe,

deren anderer den Haß der Welt versinnbildlicht, die „Auferstehung”

(1899) empor.

Alle diese Werke unterscheiden sich von den vorhergehenden durch neue

künstlerische Ansichten. Tolstoi hatte nicht nur seine Meinung über den

Gegenstand der Kunst, sondern auch über ihre Form geändert. Beim Lesen

von „Was ist Kunst?” oder dem Buch über Shakespeare ist man erstaunt

über die Richtlinien, die er für den Geschmack und die Ausdrucksweise

gibt. Die meisten stehen in Widerspruch zu seinen früheren größeren

Werken. „Klarheit, Einfachheit, Bündigkeit” lesen wir in „Was ist

Kunst?”. Mißachtung der stofflichen Wirkung. Verdammung des kleinlichen

Realismus. -- Und im „Shakespeare”: das ganz klassische Ideal von

Vollkommenheit und Maß. „Ohne Gefühl für Maß kann kein Künstler

bestehen.” -- Und wenn auch der alte Mann seine geniale Art zu

analysieren und sein angeborenes Ungestüm, die sich in mancher Hinsicht

sogar noch mehr als früher offenbaren, gänzlich verleugnet, so hat sich

doch seine Kunst wesentlich verändert durch die kräftiger betonte

Klarheit der Zeichnung, durch die psychologische Straffung, durch die

Geschlossenheit des inneren Dramas, das in sich selbst zusammengezogen

ist wie ein zum Losspringen bereites Raubtier[173], durch das

allumfassende Gefühl, das von flüchtigen Einzelheiten eines lokal

gefärbten Realismus befreit ist, und endlich durch die bilderreiche,

saftstrotzende Sprache, die Erdgeruch ausströmt.

Seine Liebe zum Volk hatte ihn seit langem an der Schönheit der

volkstümlichen Sprache Geschmack finden lassen. Als Kind war er mit

Geschichten umherziehender Erzähler eingelullt worden. Als reifem Mann

und berühmtem Schriftsteller bereitete es ihm einen künstlerischen

Genuß, mit seinen Bauern zu plaudern.

„Von diesen Leuten”, sagte er später zu Paul Boyer, „kann man nur

lernen. Als ich früher mit ihnen oder mit jenen Wanderburschen, die, den

Rucksack auf der Schulter, unser Land durchziehen, plauderte, schrieb

ich mir sorgfältig diejenigen ihrer Ausdrücke auf, die ich zum erstenmal

hörte, gute, gediegene, altrussische Ausdrücke, die oft aus unserer

modernen literarischen Sprache verschwunden sind... Ja, der Geist der

Sprache ist in diesen Menschen lebendig...”

Er mußte umso empfänglicher dafür sein, als sein Geist nicht von

Literatur beschwert war[174]. Dadurch, daß er fern von Städten unter

Bauern lebte, hatte er sich ein wenig die Denkart des Volkes angeeignet.

Er hatte von ihnen die langsame Redeweise, die klügelnde Überlegung, die

Schritt um Schritt geht, um dann mit plötzlichem Ruck Halt zu machen,

die Neigung, einen Gedanken, den man für unbedingt richtig hält,

unendlich oft, ohne sich beirren zu lassen, mit denselben Worten zu

wiederholen.

Aber das waren eher die Mängel als die Vorzüge. Erst mit der Zeit bekam

er das richtige Verständnis für den verborgenen Sinn der Volkssprache,

ihre Bildhaftigkeit, ihre poetische Derbheit, ihre Fülle legendärer

Weisheit. Mit „Krieg und Frieden” hatte er sich zum erstenmal ihrem

Einfluß unterworfen. Im März 1872 schrieb er an Strakow:

„Ich habe meine Rede- und Schreibweise geändert. Die Volkssprache hat

Töne, um all das auszudrücken, was ein Dichter zu sagen hat, und ich

liebe sie sehr. Sie ist der beste dichterische Gradmesser. Will man

etwas zu stark, übertrieben oder verkehrt ausdrücken, so erträgt es die

Sprache nicht. Unsere literarische Sprache dagegen hat kein

Knochengerüst, man kann sie nach jeder Richtung hin- und herzerren, und

es sieht immer noch alles nach Literatur aus.”[175]

Das Leben Tolstois · 第 6 / 14 段