des Tieres, das Wachsen und Blühen von Gras und Baum, die Bewegung von
Erde und Sternen lenken. Erst in der Erfüllung dieses Gesetzes, in der
Unterwerfung unserer Tiernatur unter das Vernunftgesetz, mit der
Absicht, das Gute zu erobern, beruht unser Leben... Die Vernunft kann
nicht definiert werden, und man braucht sie nicht zu definieren; denn
wir alle kennen sie nicht nur, sondern wir kennen nur sie... Alles was
der Mensch weiß, weiß er mittels der Vernunft und nicht des
Glaubens[129]... Das wirkliche Leben beginnt erst in dem Augenblick, da
sich die Vernunft offenbart. Das einzig wahre Leben ist das auf der
Vernunft aufgebaute Leben.”
Was ist somit die sichtbare Existenz, unser Leben als Individuum?
„Es ist nicht unser Leben,” sagt Tolstoi, „denn es hängt nicht von
uns ab.”
„Unsere animalische Betätigung vollzieht sich außerhalb von uns
selbst... Die Menschheit hat längst damit aufgeräumt, das menschliche
Leben als die Existenz eines Individuums zu betrachten. Daß das Gute
unmöglich dem Einzelindividuum eingeboren sein kann, ist eine
unumstößliche Wahrheit für jeden Menschen unserer Zeit, der mit Vernunft
begabt ist.”[130]
Es gibt da eine Reihe von Forderungen, worüber ich hier nicht zu
sprechen habe, die aber zeigen, mit welcher Leidenschaft die Vernunft
sich Tolstois bemächtigt hatte. Im Grunde beherrschte ihn diese neue
Leidenschaft nicht weniger blind und eifersüchtig, als jene anderen
Leidenschaften, die ihn während der ersten Hälfte seines Lebens erfaßt
hatten. Das eine Feuer erlischt, das andere entzündet sich. Oder
vielmehr, es ist immer das nämliche. Nur die Nahrung, die es erhält,
wechselt.
Was diese Ähnlichkeit zwischen den Leidenschaften des Individuums und
der Leidenschaft des Vernunftmenschen noch verstärkt, ist, daß es der
einen wie den anderen nicht genügt, zu lieben, sie wollen handeln, sie
wollen sich in die Tat umsetzen.
„Man soll nicht reden, sondern handeln”, sagt Christus.
Und worin besteht die Betätigung der Vernunft? -- In der Liebe.
„Die Liebe ist die einzige vernunftgemäße Betätigung des Menschen, die
Liebe ist der vernünftigste und lichtreichste Zustand der Seele. Alles,
was der Mensch braucht, ist, daß nichts ihm die Sonne der Vernunft
verberge, die allein ihn zum Wachstum bringt... Die Liebe ist das wahre
Gut, das höchste Gut, das alle Widersprüche des Lebens aufhebt, das
nicht nur die Schrecken des Todes verscheucht, sondern auch den Menschen
dazu treibt, daß er sich für andere opfere; denn es gibt keine andere
Liebe als die, welche ihr Leben hingibt für die, so sie liebt. Die Liebe
ist nur dann dieses Namens wert, wenn sie sich selbst zum Opfer bringt.
So ist denn auch die echte Liebe nur in die Wirklichkeit umzusetzen,
wenn der Mensch begreift, daß ein persönliches Glück für ihn unmöglich
zu erreichen ist. Dann erst versehen alle seine Lebenssäfte das edle
Reis der echten Liebe mit Nahrung; und dieses Reis entnimmt seine ganze
Wachstumskraft dem Stamme dieses wilden Baumes, dem Instinkt des
Individuums.”[131]
So gelangt Tolstoi nicht zum Glauben wie ein ausgetrockneter Fluß, der
sich im Sand verliert, er bringt den Strom ungestümer Kräfte mit, die
sich während eines reichen Lebens angesammelt haben. -- Man wird es noch
im einzelnen sehen.
Dieser leidenschaftliche Glaube, in dem sich Vernunft und Liebe in
inniger Verbindung einen, findet seinen erhabensten Ausdruck in der
berühmten Antwort an den heiligen Synod, der ihn in den Kirchenbann
tat[132]:
„Ich glaube an Gott, der für mich der Geist, die Liebe, der Urquell
aller Dinge ist. Ich glaube, daß er in mir ist, wie ich in ihm bin. Ich
glaube, daß der Wille Gottes nie klarer ausgedrückt wurde, als in der
Lehre des Menschen Jesus Christus; aber man kann Christum nicht als Gott
ansehen und ihn anbeten, ohne die größte Gotteslästerung zu begehen. Ich
glaube, daß das wahre Glück des Menschen in der Erfüllung des Willens
Gottes beruht; ich glaube, daß es der Wille Gottes ist, daß jeder Mensch
seine Nächsten liebe und stets gegen sie handle, wie er möchte, daß sie
gegen ihn handeln, was, wie das Evangelium sagt, der Geist des
Testamentes und der Propheten ist. Ich glaube, daß für jeden von uns der
Sinn des Lebens nur darin besteht, die Liebe in uns zu vergrößern; ich
glaube, daß diese Entfaltung unserer Liebeskraft einem täglich
wachsenden Glück in diesem Leben und einer vollkommeneren Glückseligkeit
im Jenseits gleichkommt; ich glaube, daß dieses Wachsen der Liebe, mehr
als jede andere Kraft, beitragen wird zur Gründung des Reiches Gottes
auf Erden, indem es eine Lebensordnung, in der Zwist, Lüge und Gewalt
allmächtig sind, ersetzt durch eine Einrichtung, in der Eintracht,
Wahrheit und Brüderlichkeit herrschen werden. Ich glaube, daß es nur ein
Mittel gibt, in der Liebe fortzuschreiten: das Gebet. Nicht das
öffentliche Gebet in den Tempeln, das Christus ausdrücklich verworfen
hat (Matthäi VI, 5-13), sondern das Gebet, zu dem er selbst uns das
Beispiel gegeben hat, das Gebet des einzelnen, das in uns das Bewußtsein
vom Sinn unseres Lebens und das Gefühl, daß wir nur vom Willen Gottes
abhängen, wieder stärkt... Ich glaube an das ewige Leben, ich glaube,
daß dem Menschen seine Taten vergolten werden, hier und überall, jetzt
und immerdar. Ich glaube dies alles so fest, daß ich in meinem Alter, an
der Schwelle des Grabes, mir oft Gewalt antun muß, um nicht den Tod
meines Leibes zu erflehen, will sagen meine Geburt zu einem neuen
Leben...”
Er glaubte, er sei im Hafen gelandet und habe die Zufluchtsstätte
erreicht, wo seine unruhige Seele Ruhe finden könnte. Es war nur der
Auftakt zu neuer Unruhe.
Nachdem er einen Winter in Moskau zugebracht hatte (aus
Familienrücksichten mußte er den Seinen dorthin folgen),[133] gab ihm im
Januar 1882 die Volkszählung, an der man ihn teilnehmen ließ,
Gelegenheit, das Elend der großen Städte aus der Nähe zu sehen. Der
Eindruck, den es auf ihn machte, war erschreckend. Am Abend des Tages,
an dem er zum erstenmal mit dieser verborgenen Wunde der Zivilisation in
Berührung gekommen war und einem Freund erzählte, was er gesehen hatte,
„hub er an zu klagen, zu weinen und die Faust zu ballen.”
„So kann man nicht leben!” sagte er unter Schluchzen. „Das kann nicht
sein! Das kann nicht sein!...”[134] Für Monate verfiel er wieder in
schreckliche Verzweiflung. Die Gräfin Tolstoi schrieb ihm am 3. März
1882:
„Vor kurzem sagtest Du: ‚Aus Mangel an Glauben wollte ich mich
aufhängen’. Jetzt hast Du den Glauben, warum bist Du also
unglücklich?”
[Illustration: Tolstoi und seine ältere Tochter Tatjana]
Weil er nicht den Glauben des Pharisäers hatte, den scheinheiligen und
selbstzufriedenen Glauben, weil er nicht den Egoismus des mystischen
Denkers besaß, der allzu beschäftigt mit seinem Heil ist, als daß er an
das der anderen denken könnte[135], weil er voll Liebe war, weil er die
Elenden, die er gesehen hatte, nicht mehr vergessen konnte, und weil es
ihm in der leidenschaftlichen Güte seines Herzens schien, daß er für
ihre Leiden und ihre Erniedrigung verantwortlich sei: sie waren die
Opfer jener Zivilisation, an deren Vorrechten er teilhatte, jenes
Molochs, dem eine auserwählte Kaste Millionen von Menschen opferte. Die
Wohltaten solcher Verbrechen genießen, hieß an ihnen teilnehmen. Sein
Gewissen hatte keine Ruhe mehr, bis er sie nicht aufgedeckt hatte.
„Was sollen wir denn tun?” (1884-1886) ist der Ausdruck dieser zweiten
Krisis, die viel tragischer und viel folgenschwerer war als die erste.
Was bedeuteten Tolstois eigene religiöse Ängste in diesem Meer
menschlichen Elends, eines Elends, das tatsächlich war und nicht nur
ausgedacht vom Geist eines Müßiggängers, der sich langweilt? Es war
unmöglich, dieses Elend nicht zu sehen. Und unmöglich, nicht um jeden
Preis den Versuch zu machen, es zu unterdrücken, nachdem man es einmal
gesehen hatte. -- Aber ach, ist dies überhaupt möglich?...
Ein wundervolles Bildnis Tolstois aus jener Zeit, das ich nicht ohne
Rührung betrachten kann[136], sagt zur Genüge, was er damals litt. Es
stellt ihn von vorne gesehen dar, sitzend mit verschränkten Armen, im
Muschikkittel; er schaut niedergedrückt drein. Sein Haar ist noch
schwarz, sein Schnurrbart schon grau, sein Kinn- und Backenbart ganz
weiß. Eine doppelte Falte gräbt eine harmonische Furche in die schöne
hohe Stirn. So viel Güte liegt in der breiten treuen Hundenase, in den
Augen, die einen so frei, so klar, so traurig anschauen! Sie lesen so
sicher in einem! Sie klagen und bitten. Das Gesicht ist eingefallen,
zeigt Spuren des Leides, tiefe Runzeln unter den Augen. Er hat geweint.
Aber er ist stark und kampfbereit.
Seine Logik war heldenhaft.
„Ich wundere mich immer über die so oft wiederholten Worte: ‚Ja, das
ist ganz schön in der Theorie, aber wie wird es in der Praxis sein?’
Als ob die Theorie in schönen Worten für die Unterhaltung bestände,
aber keineswegs um sie zur Praxis werden zu lassen!... Wenn ich eine
Sache, über die ich nachgedacht, verstanden habe, dann kann ich sie
nicht anders ausführen, als wie ich sie verstanden habe.”[137]
Er fängt an, das Elend in Moskau, wie er es im Verlauf seiner Besuche in
den Armenvierteln und in den Nachtasylen gesehen hat, mit
photographischer Treue zu beschreiben[138]. Er überzeugt sich davon, daß
er diese Unglücklichen, die mehr oder weniger von der Verderbnis der
Städte ergriffen sind, nicht, wie er erst geglaubt hatte, mit Geld
retten kann. Nun sucht er energisch den Ursprung des Übels zu ergründen.
Und Glied um Glied entrollt sich die fürchterliche Kette der
Verantwortlichkeit. Zunächst die Reichen und das Gift ihres verfluchten
Luxus, der lockt und verdirbt[139]. Die allgemeine Versuchung des Lebens
ohne Arbeit. -- Dann der Staat, diese mörderische Einrichtung, die von
den Gewalthabern geschaffen wurde, um zu ihrem Nutzen die übrige
Menschheit auszurauben und zu beherrschen. -- Die Kirche, die
Wissenschaft und die Kunst als Spießgesellen ... Wie soll man alle diese
Heere des Bösen bekämpfen? Zuvörderst, indem man ablehnt, in sie
einzutreten. Indem man ablehnt, an der Ausbeutung der Menschheit
teilzunehmen. Indem man auf Geld und irdischen Besitz verzichtet[140].
Indem man dem Staate nicht dient.
Aber das ist nicht genug; man soll „nicht lügen”, man soll keine Angst
vor der Wahrheit haben. Man soll „bereuen” und den schon von der Schule
her eingewurzelten Hochmut ausrotten. Schließlich soll man körperliche
Arbeit tun. ‚Im Schweiße deines Angesichtes sollst du dein Brot essen’
ist das oberste und wichtigste Gebot[141]. Und Tolstoi sagt im voraus
als Antwort auf die Spöttereien der Vornehmen, daß die körperliche
Arbeit in nichts die geistigen Kräfte hemme, sondern daß sie sie im
Gegenteil steigere, und daß sie den normalen Forderungen der Natur
entspreche. Die Gesundheit kann dabei nur gewinnen; die Kunst noch mehr.
Außerdem stellt sie die Einigkeit unter den Menschen wieder her.
In seinen folgenden Werken geht Tolstoi daran, diese Vorschriften der
moralischen Gesundheitslehre zu vervollständigen. Er bemüht sich, die
Seelenkur zu Ende zu führen und die Energie zu stärken, indem er die
lasterhaften Vergnügungen, die das Gewissen einschläfern[142], und die
grausamen Vergnügungen, die es töten[143], in Acht und Bann tut. Er
selbst gibt das Beispiel. Im Jahre 1884 hat er seine zutiefst
eingewurzelte Leidenschaft zum Opfer gebracht: die Jagd[144]. Er übt die
Enthaltsamkeit, die den Willen stählt. Wie ein Wettkämpfer, der sich
eine strenge Zucht auferlegt, um siegreich zu fechten.
„Was sollen wir denn tun?” bezeichnet die erste Strecke auf dem
schwierigen Wege, den Tolstoi damit beschritt, daß er die
verhältnismäßig friedliche Tätigkeit religiöser Betrachtung aufgab und
sich in soziale Fragen verwickelte. Und von diesem Augenblick an begann
jener zwanzigjährige Krieg gegen die Verbrechen und Lügen der
Zivilisation, den der greise Prophet von Jasnaja Poljana im Namen des
Evangeliums führte, allein, außerhalb aller Parteien und gegen sie
alle.
In seiner Umgebung begegnete der moralische Umschwung Tolstois nur
geringer Sympathie; er betrübte die Seinen aufs tiefste. Seit langem
schon beobachtete die Gräfin Tolstoi in Unruhe das Fortschreiten eines
Übels, das sie vergebens bekämpfte. Vom Jahre 1874 ab war sie unwillig
darüber, ihren Gatten so viel Kraft und Zeit an Arbeiten für die Schule
verlieren zu sehen:
„Ich verachte diese Fibel, diese Rechenlehre, diese Grammatik, und ich
kann nicht so tun, als ob ich mich dafür interessierte.”
Ganz anders war es, als auf die Pädagogik die Religion folgte. So
feindselig war die Aufnahme, die die Gräfin den ersten Bekenntnissen des
jüngst Bekehrten bereitete, daß Tolstoi die Verpflichtung verspürt, sich
zu entschuldigen, wenn er in seinen Briefen von Gott spricht:
„Ärgere Dich nicht, wie Du es manchmal tust, wenn ich Gott erwähne; ich
kann es nicht vermeiden, denn er ist der Urgrund meines Denkens.”[145]
Die Gräfin ist zweifellos gerührt; sie versucht, ihre Ungeduld nicht
merken zu lassen, aber sie begreift nicht; sie beobachtet ihren Gatten
voll Unruhe:
„Seine Augen sind seltsam, starr. Er spricht fast gar nicht. Er scheint
nicht von dieser Welt zu sein.”[146]
Sie glaubt, daß er krank ist:
„Leo arbeitet, wie er sagt, immer. Unglückseligerweise schreibt er
irgendwelche religiösen Abhandlungen. Er liest und grübelt, bis er
Kopfschmerzen bekommt, und alles das, um zu beweisen, daß die Kirche
nicht mit der Lehre des Evangeliums übereinstimme. In Rußland finden
sich kaum zehn Personen, die das interessieren könnte. Aber da ist
nichts zu wollen. Ich wünsche nur eines: daß er schnellstens ein Ende
damit mache, und daß es wie eine Krankheit vorübergehe.”[147]
Die Krankheit ging nicht vorüber. Das Verhältnis zwischen den beiden
Gatten wurde immer peinlicher. Sie liebten sich, sie hatten die höchste
Achtung voreinander; aber sie konnten sich nicht verstehen. Sie
versuchten, sich gegenseitige Zugeständnisse zu machen, die -- wie das
gewöhnlich ist -- zu gegenseitigen Quälereien wurden. Tolstoi fühlte
sich verpflichtet, den Seinen nach Moskau zu folgen. Er schrieb in sein
Tagebuch:
„Der übelste Monat meines Lebens. Die Einrichtung in Moskau. Alle
richten sich ein. Wann werden sie wohl zu leben anfangen? Alles das,
nicht um zu leben, sondern weil die anderen Leute es ebenso machen!
Diese Unglücklichen!...”[148]
In diesen selben Tagen schrieb die Gräfin:
„Moskau. Morgen wird es einen Monat, daß wir hier sind. In den beiden
ersten Wochen habe ich jeden Tag geweint, weil Leo nicht nur traurig,
sondern geradezu niedergeschlagen war. Er schlief nicht, er aß nicht,
und manchesmal weinte er sogar; ich glaubte, ich würde verrückt.”[149]
Sie mußten sich eine Zeitlang trennen. Sie bitten einander um
Verzeihung, daß sie sich Leid zufügen. Wie lieben sie sich immer
noch!... Er schreibt ihr:
„Du sagst: ‚Ich liebe Dich, aber Du brauchst meine Liebe nicht.’
Deine Liebe ist das einzige, was ich brauche... sie erfreut mich mehr
als alles auf der Welt.”[150]
Aber sobald sie sich wieder zusammenfinden, macht sich der Mißklang
wieder bemerkbar. Die Gräfin vermag nun einmal nicht Tolstois religiösem
Hang zu folgen, der ihn jetzt dazu treibt, bei einem Rabbiner Hebräisch
zu erlernen.
„Nichts anderes interessiert ihn mehr. Er verschwendet seine Kräfte an
Albernheiten. Ich kann meine Unzufriedenheit nicht verbergen.”
Sie schreibt ihm:
„Ich bin nur traurig darüber, daß solche geistigen Kräfte sich mit
Holzhacken, Schuhflicken und Samowarheizen verausgaben.”
Und mit dem zärtlichen und amüsierten Lächeln einer Mutter, die ihr Kind
allerlei unsinnige Spiele treiben sieht, fügt sie hinzu:
„Schließlich habe ich mich mit dem russischen Sprichwort getröstet:
‚Wie das Kind sich auch zerstreut, Hauptsach' ist, daß es nicht
schreit.’”[151]
Aber bevor der Brief noch abgeschickt ist, sieht sie in Gedanken, wie
ihr Mann mit seinen guten, treuherzigen Augen diese Zeilen liest, und
wie der ironische Ton ihn betrübt; und ihre Liebe zu ihm läßt sie den
Brief wieder öffnen:
„Plötzlich hast Du so klar vor mir gestanden, und ich habe eine solche
Zärtlichkeit für Dich empfunden! In Dir ist etwas so Weises, so kindlich
Einfaches, so Treues, und alles das von hellster Güte überstrahlt, und
dieser Blick, der bis ins Herz dringt... und nur Dir allein ist dies
eigen.”
So quälten sich diese beiden Wesen, die einander liebten, und waren dann
trostlos über das Böse, das sie getan hatten, ohne es verhindern zu
können. Eine Schraube ohne Ende! Dieser Zustand dauerte an die dreißig
Jahre, und er fand erst seinen Abschluß, als der sterbende alte König
Lear in einer Stunde der Umnachtung fort aus seinem Hause in die Steppe
flüchtete.
[Illustration: Tolstoi und seine jüngere Tochter Alexandra]
Man hat den ergreifenden Aufruf an die Frauen, mit dem „Was sollen wir
denn tun?” abschließt, nicht genügend beachtet. Tolstoi hat keine
Sympathie für die moderne Frauenbewegung[152]. Aber für die, die er
„die mütterliche Frau” nennt, für die, die den wahren Sinn des Lebens
kennt, hat er Worte ehrfurchtsvoller Anbetung. Er hält eine herrliche
Lobrede auf ihre Schmerzen und ihre Freuden, auf die Schwangerschaft
und auf die Mutterschaft, diese schrecklichen Leiden, diese ruhelosen
Jahre, auf diese erschöpfende Arbeit in aller Stille, für die man von
niemand eine Belohnung erwartet, auf diese Glückseligkeit, die die
Seele überflutet, wenn der Schmerz endet, wenn das Gebot erfüllt ist.
Er entwirft das Bild der tapferen Ehefrau, die für ihren Mann eine
Stütze und kein Hindernis ist. Sie weiß, daß „nur das blinde
unbelohnte Opfer für das Leben der anderen des Menschen Berufung ist”.
„Eine solche Frau wird nicht nur ihren Mann bei einer verkehrten und
trügerischen Arbeit, die bloß den Zweck hat, aus der Arbeit anderer
Genuß zu ziehen, nicht ermutigen, sondern sie wird diese Tätigkeit, die
ein Verderb für ihre Kinder wäre, mit Entsetzen und Abscheu betrachten.
Sie wird von ihrem Gefährten die echte Arbeit verlangen, die Tatkraft
erfordert und die Gefahr nicht scheut... Sie weiß, daß die Kinder, die
kommende Generation, das Heiligste sind, was dem Menschen anvertraut
ist, und daß sie lebt, um mit ihrem ganzen Sein diesem geheiligten Werk
zu dienen. Sie wird in ihren Kindern und in ihrem Ehegatten die Kraft
zum Opfern zur Entfaltung bringen... Solche Frauen beherrschen die
Männer und dienen ihnen als Leitstern... O, ihr mütterlichen Frauen! In
euren Händen ruht das Heil der Welt!”[153]
Das ist der Ruf eines Flehenden, der noch hofft... Wird er kein Gehör
finden?...
Einige Jahre später war der letzte Hoffnungsstrahl erloschen:
„Sie glauben es vielleicht nicht; aber Sie können sich nicht
vorstellen, wie vereinsamt ich bin, bis zu welchem Grad mein wirkliches
Ich von meiner ganzen Umgebung mißachtet wird.”[154]
Wenn die ihm Nahestehenden die Bedeutung seines moralischen Umschwungs
schon so verkannten, dann konnte man von den anderen weder mehr
Einfühlung noch mehr Achtung erwarten. Als Tolstoi besonderen Wert
darauf gelegt hatte, sich mit Turgenjew zu versöhnen, mehr aus dem
Geiste christlicher Demut heraus, als weil sich etwas in seinen
Empfindungen ihm gegenüber geändert hatte[155], äußerte Turgenjew
spöttisch: „Ich beklage Tolstoi sehr, im übrigen aber muß jeder, wie
der Franzose sagt, seine Flöhe nach seiner Manier fangen.”[156]
Ein paar Jahre später, angesichts des Todes, schrieb er an Tolstoi jenen
bekannten Brief, in dem er seinen „Freund, den großen Schriftsteller der
russischen Erde”, anfleht, „zur Literatur zurückzukehren”.
Alle europäischen Künstler schlossen sich dieser Besorgnis und der Bitte
des sterbenden Turgenjew an. Eugen Melchior de Vogüé nahm am Ende der
Studie, die er 1886 Tolstoi widmete, ein Bildnis des Schriftstellers im
Bauernkittel, die Schusterahle in der Hand, zum Vorwand, um einen
beredten Appell an ihn zu richten:
„Schöpfer von Meisterwerken, dies ist nicht dein Werkzeug!... Unser
Werkzeug ist die Feder; unser Feld die Menschenseele, die es auch zu
schützen und zu nähren gilt. Laß dir jenen Schrei eines russischen
Bauern -- des ersten Druckers von Moskau --, den man wieder an den Pflug
zurückschicken wollte, ins Gedächtnis rufen: ‚Es ist nicht meines
Amtes, Getreide zu säen, sondern die geistigen Saatkörner in der Welt
zu verbreiten’.”
Als ob Tolstoi je daran gedacht hätte, seine Rolle als Sämann der
Gedankensaat aufzugeben. In der Einleitung zu „Mein Glaube” schrieb er:
„Ich glaube, daß mein Leben, mein Verstand, mein Licht mir geschenkt
wurde, ausschließlich um die Menschen zu erleuchten. Ich glaube, daß
meine Kenntnis der Wahrheit eine Begabung ist, die mir zu diesem Zweck
verliehen wurde, daß diese Begabung ein Feuer ist, das nur Feuer ist,
solange es brennt. Ich glaube, daß der einzige Sinn meines Lebens der
ist, in diesem Lichte, das in mir ist, zu leben, und es hoch vor den
Menschen einherzutragen, auf daß sie es sehen.”[157]
Aber dieses Licht, dieses Feuer, „das nur Feuer ist, solange es
brennt”, versetzte die meisten Künstler in Unruhe. Die Klügsten sahen
voraus, daß ihre Kunst Gefahr lief, die Beute des Brandes zu werden.
Sie taten, als glaubten sie, die ganze Kunst sei bedroht, und Tolstoi
zerbräche wie Prospero für immer seinen Zauberstab der schöpferischen
Phantasie.
Nichts ist weniger wahr gewesen; und ich gedenke darzutun, daß Tolstoi,
weit davon entfernt, die Kunst zu zerstören, Kräfte in sich entfaltet
hat, die brachlagen, und daß sein religiöser Glaube seinen
künstlerischen Genius erneuert und nicht zerstört hat.
Es ist seltsam, daß, wenn man von Tolstois Gedanken über Wissenschaft
und Kunst spricht, man gewöhnlich das bedeutsamste der Bücher, in dem
diese Gedanken zum Ausdruck gebracht sind, „Was sollen wir denn tun?”
(1884-1886), außer acht läßt. In ihm nimmt Tolstoi zum erstenmal den
Kampf gegen Wissenschaft und Kunst auf; und nie wieder hat irgendeiner
der folgenden Kämpfe diesen ersten Waffengang an Heftigkeit übertroffen.
Man wundert sich, daß bei den jüngsten Angriffen, die man bei uns gegen
die Selbstgefälligkeit der Wissenschaft und der Intellektuellen
unternommen hat, niemand daran gedacht hat, auf jenes Werk
zurückzukommen. Es bildet die furchtbarste Anklagerede, die je gegen
„die Eunuchen der Wissenschaft” und die „Freibeuter der Kunst”
gehalten wurde, gegen diese Kasten des Geistes, die, nachdem sie die
alten herrschenden Kasten -- Kirche, Staat und Heer -- abgeschafft
oder unterjocht, sich an deren Stelle gesetzt haben und, ohne den
Menschen nützen zu wollen oder zu können, verlangen, daß man sie
bewundere, und daß man ihnen blind diene, die einen schamlosen Glauben
an die Wissenschaft um der Wissenschaft willen und an die Kunst um der
Kunst willen als Dogma aufstellen, -- eine lügnerische Maske, hinter
der sich ihre persönliche Rechtfertigung zu verbergen sucht, die
Verteidigung ihrer ungeheueren Selbstsucht und ihrer Nichtigkeit.
„Sagt mir nicht etwa,” fährt Tolstoi fort, „daß ich Kunst und
Wissenschaft verwerfe. Ich verwerfe sie nicht nur nicht, sondern in
ihrem Namen will ich die Tempelschänder verjagen.”
„Wissenschaft und Kunst sind so notwendig wie Brot und Wasser, sogar
noch notwendiger... Die wahre Wissenschaft ist die Wissenschaft von der
wahren Güte in allen Menschen. Die wahre Kunst ist der Ausdruck der
Kenntnis von der wahren Güte in allen Menschen.”
Und er verherrlicht die, welche, „seit Menschen sind, auf Harfen und
Zimbeln, durch Wort und Bild ihren Kampf gegen die Doppelzüngigkeit zum
Ausdruck gebracht haben; er verherrlicht ihre Leiden in diesem Kampf,
ihre Hoffnung auf den Sieg des Guten, ihre Verzweiflung über den Sieg
des Bösen und ihre Begeisterung beim prophetischen Schauen in die
Zukunft”.
Dann entwirft er das Bild des wahren Künstlers in Worten, die von
schmerzerfülltem und schwärmerischem Feuer durchglüht sind: