„Anna Karenina” bezeichnet mit „Krieg und Frieden” den Höhepunkt

dieser Zeit der Reife. Es ist ein vollkommeneres Werk, ein Werk, das

von einem Geist erfüllt ist, der seiner künstlerischen Berufung noch

sicherer und auch reicher an Erfahrung ist, und für den die Welt des

Herzens keine Geheimnisse mehr hat. Aber ihm fehlen jene jugendliche

Wärme, jene urwüchsige Begeisterung, -- die großen Schwingen von

„Krieg und Frieden”. Tolstoi hat schon nicht mehr dieselbe

Schaffensfreude. Die vorübergehende Beschaulichkeit der ersten Ehezeit

ist dahin. In den Bannkreis der Liebe und der Kunst, den die Gräfin

Tolstoi um ihn zu ziehen verstanden hatte, schleicht sich wieder

langsam innere Unruhe.

Schon ein Jahr nach seiner Heirat weisen in den ersten Kapiteln von

„Krieg und Frieden” die vertraulichen Mitteilungen, die Fürst Andrej

in bezug auf die Ehe Peter gegenüber macht, auf die Ernüchterung des

Mannes hin, der in der geliebten Frau die Fremde sieht, die schuldlose

Feindin, das unwillkürliche Hindernis für seine moralische

Entwicklung. Briefe aus dem Jahre 1865 künden die nahe Wiederkehr

religiöser Qualen an. Zunächst noch weniger bedrohlich, da die Freude

am Leben obsiegt. Aber im Jahre 1869, in den Monaten, in denen Tolstoi

„Krieg und Frieden” vollendet, tritt eine ernstere Erschütterung ein:

Er hatte die Seinen für einige Tage verlassen und sich auf eins seiner

Güter begeben. Eines Nachts lag er im Bett; es hatte gerade 2 Uhr

geschlagen:

„Ich war schrecklich müde, hatte Schlaf, und es ging mir leidlich gut.

Plötzlich wurde ich von einer solchen Angst gepackt, von einem

derartigen Schrecken, wie ich etwas Ähnliches nie empfunden habe. Ich

erzähle Dir das noch in den Einzelheiten[102]: es war wirklich

fürchterlich. Ich sprang aus dem Bett und befahl anzuspannen. Während

man anspannte, schlief ich ein, und als man mich weckte, war ich

vollständig wiederhergestellt. Gestern hat sich dieselbe Geschichte

ereignet, aber in weit geringerem Maße...”

Der Bau der Hoffnung, den die Liebe der Gräfin Tolstoi mühselig

errichtet hatte, weist Risse auf. In der Leere, die den Geist des

Dichters nach Beendigung von „Krieg und Frieden” umfängt, fühlt er

sich aufs neue von seinen philosophischen[103] und pädagogischen

Sorgen bedrückt. Er will eine Fibel fürs Volk schreiben. Vier Jahre

lang arbeitet er mit Feuereifer daran; er ist stolzer darauf als auf

„Krieg und Frieden”; und nachdem er sie im Jahre 1872 geschrieben hat,

arbeitet er sie im Jahre 1875 noch einmal um. Dann vernarrt er sich

ins Griechische, studiert von morgens bis abends, läßt alle andere

Arbeit liegen, entdeckt den „köstlichen Xenophon” und Homer, den

richtigen Homer, nicht den der Übersetzer, „eines Jukowsky, eines

Voss, die mit hohler, greinender, süßlicher Stimme singen”, sondern

„jenen Teufel, der mit voller Stimme singt, ohne daß es ihm je in den

Sinn kommt, es könne jemand zuhören”[104].

„Ohne die Kenntnis des Griechischen keine Bildung!... Ich bin überzeugt,

daß ich von allem, was in dem Wort menschlich wirklich schön, von einer

schlichten Schönheit ist, bis heute nichts wußte.”[105]

Es ist eine Narretei; das gibt er zu. Er wirft sich wieder mit solcher

Leidenschaft aufs Lernen, daß er krank davon wird. Im Jahre 1871 muß er

in Samara bei den Baschkiren eine Kefirkur gebrauchen. Außer dem

Griechischen ist er mit allem unzufrieden. Im Jahre 1872 spricht er

infolge eines Prozesses ernstlich davon, alles, was er in Rußland hat,

zu verkaufen und sich in England anzusiedeln. Die Gräfin Tolstoi härmt

sich darüber:

„Wenn Du Dich immer in Deine Griechen verbohrst, wirst Du nie gesund

werden. Sie sind es, die Dir diese Angst und diese Gleichgültigkeit dem

heutigen Leben gegenüber verursachen. Nicht umsonst nennt man das

Griechische eine tote Sprache: ihre Wirkung ist geisttötend.”[106]

Endlich nach vielen entworfenen und gleich wieder verworfenen Projekten

beginnt er am 19. März 1873 zur größten Freude der Gräfin sein neues

Buch „Anna Karenina”[107]. Während er daran arbeitet, wird sein Leben

durch Trauerfälle in der Familie[108] umdüstert. Seine Frau ist krank.

„Glückseligkeit herrscht nicht in diesem Hause...”[109]

Das Werk trägt ein wenig die Spuren dieser trüben Erfahrungen und

Enttäuschungen[110]. Außer in den hübschen Kapiteln von der Verlobung

Lewins spricht er von Liebe nicht mehr mit dieser jugendlichen Poesie,

die gewisse Seiten in „Krieg und Frieden” neben die schönsten

lyrischen Dichtungen aller Zeiten stellt. Liebe ist jetzt vielmehr

eine stürmische, sinnliche und gewalttätige Angelegenheit geworden.

Das Verhängnis, das über dem Roman schwebt, ist nicht mehr wie in

„Krieg und Frieden” eine Art Gott Krischna, mordlustig und heiter

zugleich, ein Geschick, das über Reiche entscheidet, sondern es ist

die Liebestollheit, „die Göttin Venus”. $Sie$ verleiht der wunderbaren

Ballszene, wo Anna und Wronski, ohne es selbst zu wissen, von der

Leidenschaft erfaßt werden, der unschuldsvollen Schönheit Annas, in

dem schwarzen Samtkleid mit dem Vergißmeinnichtkranz, „eine beinahe

teuflische Verführungskraft”. $Sie$ läßt, nachdem Wronski sich

erklärt hat, Annas Gesicht leuchten, -- „nicht vor Freude: es war

vielmehr das schreckliche Leuchten einer Feuersbrunst in dunkler

Nacht”. $Sie$ ist es auch, die das Blut dieser braven und vernünftigen

Frau, dieser liebevollen jungen Mutter in wollüstige Wallungen bringt

und sich in ihrem Herzen einnistet, um es nicht eher zu verlassen, als

bis sie es vollständig zerstört hat. Niemand nähert sich Anna, ohne

von dem verborgenen Dämon angezogen und erschreckt zu sein. Kitty

entdeckt ihn als erste voll Schauer. Eine geheimnisvolle Furcht mischt

sich in Wronskis Freude, da er Anna sehen soll. Lewin verliert in

ihrer Gegenwart seine ganze Willenskraft. Anna selbst weiß, daß sie

nicht mehr sie selbst ist. Im weiteren Verlauf der Geschichte

untergräbt die unerbittliche Leidenschaft den ganzen moralischen Halt

dieser stolzen Frau Stück für Stück. Alles Gute in ihr, ihr tapferes

und treues Herz verkümmert; sie hat nicht mehr die Kraft, ihre

oberflächliche Eitelkeit zu opfern; ihr Leben hat keinen anderen Zweck

mehr, als ihrem Liebhaber zu gefallen. Aus Angst und Scham versagt sie

es sich, Kinder zu bekommen; Eifersucht martert sie. Die Sinnlichkeit,

von der sie beherrscht wird, zwingt sie in Haltung, Stimme und Blick

zur Lüge; sie sinkt auf die Stufe der Frauen herab, die nichts anderes

wollen, als jedem Mann, wer immer er auch sei, den Kopf zu verdrehen.

Um sich zu betäuben, sucht sie Zuflucht beim Morphium, bis die

unerträglichen Qualen, die sie martern, sie eines Tages im bitteren

Gefühl ihres moralischen Verfalls unter die Räder eines

Eisenbahnwagens werfen. „Und der kleine Muschik, mit dem struppigen

Bart” -- die finstere Erscheinung, die sie und Wronski in ihren

Träumen geschreckt hatte -- „beugte sich vom Trittbrett des Wagens auf

das Geleise hinunter”; und, so sagte der prophetische Traum, „er

beugte sich tief herab über einen Sack und vergrub darin die

Überreste von etwas, das das Leben gewesen war, das Leben mit seinen

Qualen, seinen Täuschungen und seinen Schmerzen...”

„Die Rache ist mein, spricht der Herr.”[111]

Um diese Tragödie eines Herzens, das von der Liebe verzehrt und vom

Gesetz Gottes zermalmt wird, -- ein Werk aus einem Guß und von

erschreckender Tiefe -- hat Tolstoi, wie in „Krieg und Frieden”, die

Romane anderer Leben gruppiert. Leider folgen sich hier die

nebeneinander laufenden Geschichten ein wenig willkürlich und künstlich,

ohne zu einem organischen Ganzen zu werden, wie die Symphonie „Krieg und

Frieden”. Man wird auch finden, daß der vollkommene Realismus gewisser

Szenen -- z. B. die Schilderung der aristokratischen Kreise Petersburgs

und ihrer müßigen Reden -- manchmal im Grunde recht überflüssig ist. Und

schließlich hat Tolstoi seine moralische Persönlichkeit und seine

philosophischen Ideen noch offener als in „Krieg und Frieden” rein

äußerlich in dieses Lebensbild hineingetragen. Deshalb aber ist das Werk

von nicht geringerem wunderbaren Reichtum. Dieselbe Fülle von Gestalten

wie in „Krieg und Frieden”, und alle erstaunlich gut beobachtet. Die

Männer erscheinen mir womöglich noch besser gelungen als die Frauen.

Tolstoi hat sich darin gefallen, den liebenswürdigen Egoisten Stefan

Arkadjewitsch zu zeichnen, dem niemand begegnen kann, ohne sein

einnehmendes Lächeln zu erwidern, und Karenin, den vollendeten Typus

des hohen Beamten, des vornehmen Durchschnittsstaatsmannes, mit der

Sucht, seine wahren Gefühle dauernd hinter Ironie zu verbergen: eine

Mischung aus Würde und Feigheit, Pharisäertum und Christenglauben, ein

sonderbares Produkt einer künstlichen Welt, von der er sich trotz seiner

Intelligenz und tatsächlichen Großzügigkeit nicht freimachen kann, --

und der wohl mit Recht seinem Herzen mißtraut; denn als er sich ihm

schließlich überläßt, verfällt er einem albernen Mystizismus.

Der Roman mit der Annatragödie und den verschiedenartigen Bildern der

russischen Gesellschaft um 1860 -- Salons, Offizierskreisen, Bällen,

Theatern, Rennen -- fesselt aber vornehmlich seines autobiographischen

Charakters wegen. Viel mehr als irgend eine andere Figur von Tolstoi ist

Konstantin Lewin seine Verkörperung. Tolstoi gab ihm nicht nur seine

gleichzeitig konservativen und demokratischen Ideen eines reaktionären

Landedelmanns, der die Intellektuellen[112] verachtet, er gab ihm auch

dieselben Lebensschicksale. Die Liebe Lewins und Kittys und ihre ersten

Ehejahre sind eine Übertragung seiner eigenen häuslichen Erinnerungen,

-- ebenso wie der Tod von Lewins Bruder ein schmerzliches

Heraufbeschwören des Todes von Tolstois Bruder Dmitri ist. Der ganze

letzte Teil, der für den Roman unwesentlich ist, gibt uns Aufschluß über

die Kümmernisse, die damals Tolstoi bewegten. Wenn das Nachwort zu

„Krieg und Frieden” eine künstlerische Überleitung zu einem anderen

geplanten Werke darstellt, so ist das Nachwort zu „Anna Karenina” eine

autobiographische Überleitung zur moralischen Revolution, die zwei Jahre

später in der „Beichte” zum Ausdruck kommen sollte. Schon innerhalb

des Buches wird fortwährend, bald ironisch, bald heftig, Kritik geübt

an der zeitgenössischen Gesellschaft, die er auch in seinen späteren

Werken unaufhörlich bekämpfte. Krieg der Lüge, allen Lügen, den

frommen sowohl wie den gottlosen, Krieg dem freisinnigen Gerede, der

Wohltätigkeit der guten Gesellschaft, der Salonreligion, dem

Philanthropentum! Krieg der Welt, die alle echten Gefühle verfälscht

und die edle Begeisterung der Herzen unheilvoll vernichtet! Der Tod

wirft ein jähes Licht auf die gesellschaftlichen Bräuche. Angesichts

der sterbenden Anna wird der geschraubte Karenin gerührt. In diese

Seele ohne Leben, in der alles erkünstelt ist, dringt ein Strahl von

Liebe und christlicher Vergebung. Alle drei, der Gatte, die Frau und

der Liebhaber, sind plötzlich verwandelt. Alles wird einfach und ohne

Falsch. Aber in dem Maße, wie Anna sich erholt, merken sie alle drei,

„angesichts der nahezu heiligen sittlichen Kraft, die sie innerlich

leitete, das Bestehen einer anderen rohen, aber allmächtigen Macht,

die ihr Leben gegen ihren Willen beherrscht und ihnen keinen Frieden

gönnen wird”. Und sie wissen im voraus, daß sie machtlos sein werden

in diesem Kampf, in dem „sie das Böse, das die Welt für notwendig

hält, werden tun müssen”[113].

Wenn sich Lewin, im Nachwort des Buches, wie Tolstoi, den er verkörpert,

auch seinerseits läutert, so geschieht das, weil der Tod auch ihn

berührt hat. Bis dahin „war er unfähig zu glauben, aber ebenso

unfähig, vollständig zu zweifeln”. Seitdem er seinen Bruder sterben

gesehen, packt ihn der Schrecken über seine Unwissenheit. Seine Heirat

erstickt eine Zeitlang diese Ängste. Aber mit der Geburt seines ersten

Kindes erscheinen sie wieder. Er macht abwechselnd Zeiten der

Frömmigkeit und Zeiten der Gottesleugnung durch. Vergebens liest er

die Philosophen. In seiner Verirrung kommt er so weit, daß er die

Lockung des Selbstmordes fürchtet. Die körperliche Arbeit verschafft

ihm Erleichterung: da gibt es keine Zweifel, alles ist klar. Lewin

unterhält sich mit den Bauern, und einer von ihnen spricht ihm von den

Menschen, „die nicht um ihretwillen, sondern um Gottes willen leben”.

Das ist ihm eine Erleuchtung. Er sieht den Widerstreit zwischen der

Vernunft und dem Herzen. Die Vernunft lehrt den wilden Kampf ums

Dasein; aber die Nächstenliebe hat nichts mit der Vernunft zu tun:

„Die Vernunft hat mich nichts gelehrt; alles was ich weiß, hat mir das

Herz gegeben, hat mir das Herz offenbart”.

Von da ab kehrt Ruhe in ihn zurück. Das Wort des demutsvollen Muschiks,

dem das Herz der einzige Führer ist, hat ihn zu Gott zurückgeführt...

Zu welchem Gott? Er will es gar nicht wissen. In diesem Augenblick ist

Lewin, wie Tolstoi es noch lange bleiben sollte, der Kirche ergeben und

empört sich durchaus nicht gegen ihre Dogmen.

„Es gibt eine Wahrheit, selbst im Trugbild des Himmelsgewölbes und in

der scheinbaren Bewegung der Gestirne.”

Solche Angstzustände, solche Selbstmordgedanken, wie Lewin sie vor Kitty

verbarg, verbarg Tolstoi zu jener Zeit vor seiner Frau. Aber er hatte

noch nicht die Ruhe errungen, die er seinem Helden verlieh. Diese Ruhe

ist in der Tat kaum zu erlangen. Man spürt, daß sie mehr ersehnt als

erreicht ist, und daß Lewin sogleich wieder in seine Zweifel

zurückfallen wird. Tolstoi täuschte sich darüber nicht. Es hatte ihn

viel Mühe gekostet, sein Werk zu Ende zu führen. „Anna Karenina”

langweilte ihn, ehe er es beendet hatte[114]. Er konnte nicht mehr

arbeiten. Er blieb untätig und willenlos als Beute des Abscheus und des

Entsetzens vor sich selbst. Da erhob sich in der Leere seines Lebens ein

starker Sturm aus der Tiefe, der Schwindel des Todes. Tolstoi hat

später, als er gerade dem Abgrund entronnen war, von diesen

schrecklichen Jahren erzählt[115].

„Ich war keine 50 Jahre alt”, sagt er[116], „ich liebte, ich wurde

geliebt, ich hatte gute Kinder, ein großes Gut, Ruhm, Gesundheit,

sittliche und körperliche Kraft; ich konnte mähen wie ein Bauer; ich

arbeitete ununterbrochen zehn Stunden, ohne zu ermüden. Plötzlich

stockte mein Leben. Ich konnte atmen, essen, trinken, schlafen. Aber das

war nicht leben. Ich hatte keine Wünsche mehr. Ich wußte, daß es nichts

zu wünschen gab. Ich konnte sogar nicht einmal wünschen, die Wahrheit

kennen zu lernen. Die Wahrheit war, daß das Leben eine Tollheit ist. Ich

war am Abgrund angelangt, und ich sah klar, daß es vor mir nichts als

den Tod gab. Ich gesunder und glücklicher Mensch fühlte, daß ich nicht

mehr leben konnte. Eine unüberwindliche Macht trieb mich dazu, mich des

Lebens zu entledigen... Ich will nicht sagen, daß ich mich töten wollte.

Die Kraft, die mich zum Leben hinausstieß, war mächtiger als ich. Es war

ein Sehnen, ähnlich meinem früheren Sehnen nach dem Leben, nur im

entgegengesetzten Sinn. Ich mußte mir selbst gegenüber Listen ersinnen,

um ihm nicht zu schnell nachzugeben. Und so versteckte ich glücklicher

Mensch vor mir selbst den Strick, um mich nicht am Balken zwischen den

Schränken meines Zimmers aufzuhängen, wo ich jeden Abend beim Auskleiden

allein war. Ich ging nicht mehr mit meinem Gewehr auf die Jagd, um nicht

in Versuchung zu geraten[117]. Mir kam es vor, als ob mein Leben eine

blöde Posse sei, die mir von irgend jemand vorgespielt wurde. Vierzig

Jahre der Arbeit, der Mühe, des Fortschritts, um schließlich zu sehen,

daß alles umsonst war! Umsonst! Von mir wird nichts übrig bleiben, als

Verwesung und Würmer... Man kann nur leben, wenn man vom Leben berauscht

ist; aber sobald der Rausch vorüber ist, sieht man, daß alles nur Betrug

ist, blöder Betrug... Die Familie und die Kunst konnten mir nicht mehr

genügen. Die Familie, das waren Unglückliche wie ich. Die Kunst ist ein

Spiegel des Lebens. Wenn das Leben keinen Sinn mehr hat, kann das Spiel

des Spiegels nicht mehr erheitern. Und das Schlimmste war, ich konnte

nicht zu mir selbst finden. Ich glich einem Menschen, der sich im Wald

verirrt hat, und der von Entsetzen ergriffen wird, weil er sich verirrt

hat, und nach allen Seiten rennt und nicht still stehen kann, obwohl er

weiß, daß er sich bei jedem Schritt noch mehr verirrt...”

Das Heil kam vom Volk. Tolstoi hatte ihm immer „eine seltsame, geradezu

körperliche Zuneigung”[118] entgegengebracht, die von den wiederholt

erlebten Enttäuschungen nicht erschüttert werden konnte. In den letzten

Jahren war er, wie Lewin, vielfach mit ihm in Berührung gekommen[119].

Er fing an, dieser Milliarden von Wesen zu gedenken, außerhalb des engen

Kreises der Gelehrten, der Reichen und der Müßiggänger, die sich

töteten, sich betäubten oder feige, wie er, ein hoffnungsloses Leben

weiterführten. Er fragte sich, wie es möglich sei, daß diese Milliarden

von Wesen jener Verzweiflung nicht anheimfielen und sich nicht töteten.

Und er erkannte bald, daß sie nicht mit Hilfe der Vernunft lebten,

sondern ohne sich um diese zu kümmern -- durch den Glauben. Was war das

für ein Glaube, der die Vernunft nicht kannte?

„Der Glaube ist die Kraft des Lebens. Man kann ohne den Glauben nicht

leben. Die religiösen Ideen sind in entschwundenen Zeiten vom

menschlichen Geist verarbeitet worden. Die Antworten, die der Sphinx des

Lebens vom Glauben gegeben werden, enthalten die tiefste Weisheit der

Menschheit.”

Genügt es also, diese Weisheitssätze, die das Buch der Religionen

aufgezeichnet hat, zu kennen? -- Nein, der Glaube ist keine

Wissenschaft, der Glaube ist eine Tat; er hat nur Sinn, wenn er gelebt

wird. Der Widerwille, den Tolstoi der Anblick der Reichen und

„religiösen” Leute, für die der Glaube nur eine Art „epikureischer

Lebenstrost” war, einflößte, verwies ihn endgültig unter die einfachen

Menschen, weil nur sie allem ihr Leben mit ihrem Glauben in Einklang

brachten.

„Und er begriff, daß das Leben des werktätigen Volkes das Leben an sich

war, und daß der diesem Leben innewohnende Sinn die Wahrheit war.”

Aber wie soll man es anfangen, zum Volk zu gehören und seinen Glauben zu

teilen? Wenn man auch wissen mag, daß die anderen recht haben, so hängt

es doch nicht von uns ab, wie sie zu sein. Vergebens beten wir zu Gott;

vergebens breiten wir unsere leeren Arme nach ihm aus. Gott entflieht.

Wo soll man ihn fassen?

Aber eines Tages kam die Gnade.

„An einem Vorfrühlingstag war ich allein im Wald und lauschte seinem

Rauschen. Ich dachte an meine Unruhe während der letzten drei Jahre, an

mein Suchen nach Gott, an mein dauerndes Schwanken zwischen Freude und

Verzweiflung... Und plötzlich sah ich, daß ich nur lebte, wenn ich an

Gott glaubte. Wenn ich nur an ihn dachte, erhoben sich in mir die frohen

Wogen des Lebens. Alles ringsum belebte sich, alles bekam einen Sinn.

Aber sobald ich nicht mehr an ihn glaubte, stockte plötzlich das Leben.

-- ‚Was suche ich also noch?’ rief eine Stimme in mir. ‚Er ist es

doch, ohne den man nicht leben kann! Gott kennen und leben ist eins.

Gott ist das Leben...’

Seitdem hat mich diese Leuchte nie mehr verlassen.”[120]

Er war gerettet. Gott war ihm erschienen[121].

Aber da er kein indischer Mystiker war, dem die Ekstase genügt, da sich

in ihm der Hang zur Vernunft und der Tätigkeitsdrang des Abendländers

den Träumen des Asiaten beimischte, so mußte er die ihm gewordene

Offenbarung in praktischen Glauben umsetzen und aus diesem göttlichen

Erleben Regeln für das tägliche Leben ableiten. Ohne jede Parteinahme,

mit dem aufrichtigen Wunsch, den Glauben der Seinen zu teilen, fing er

an, die Lehre der orthodoxen Kirche, der er angehörte, zu

studieren[122]. Um ihr näherzukommen, unterwarf er sich drei Jahre lang

all ihren Zeremonien, beichtete, nahm das Abendmahl, wagte nicht über

das, was ihn befremdete, zu Gericht zu sitzen, ersann Erklärungen für

das, was er dunkel oder unverständlich fand, vereinte sich im selben

Glauben mit allen Lebenden und Toten, die er liebte, und gab die

Hoffnung nicht auf, daß in einem gewissen Augenblick „die Liebe ihm die

Pforten der Wahrheit erschlösse”. -- Aber er konnte machen, was er

wollte: sein Verstand und sein Herz lehnten sich dagegen auf. Handlungen

wie die Taufe und das Abendmahl erschienen ihm unerhört. Wenn man ihn

zwang nachzusprechen, daß die Hostie der wirkliche Leib und das

wirkliche Blut Christi sei, „war es ihm, als ob man ihm ein Messer ins

Herz stieße”. Aber trotzdem waren es nicht die Dogmen, die zwischen ihm

und der Kirche eine unübersteigbare Mauer errichteten, sondern die

praktischen Fragen, -- insbesondere zwei: die haßerfüllte gegenseitige

Unduldsamkeit der Kirchen[123] und die ausdrückliche oder

stillschweigende Sanktionierung des Mordes: -- der Krieg und die

Todesstrafe.

[Illustration: Tolstoi und seine Frau, die Gräfin Tolstoi]

Nun brach Tolstoi völlig mit der Kirche, und sein Bruch war um so

schroffer, als er die letzten drei Jahre seinem Denken ihr gegenüber

Gewalt angetan hatte. Er schonte nichts mehr. Voll Zorn trat er die

Religion, auf deren Ausübung er tags zuvor noch hartnäckig bestanden

hatte, mit Füßen. In seiner „Kritik der dogmatischen Theologie”

(1879-1881) behandelte er sie nicht nur als „Tollheit, sondern als

bewußte, eigennützige Lüge”[124]. Er stellte ihr in seiner

„Konkordanz und Übersetzung der vier Evangelien” (1881-1883) das

Evangelium gegenüber. Auf dem Evangelium baute er schließlich seinen

Glauben auf. „Mein Glaube” (1883).

Er faßt ihn in folgende Worte:

„Ich glaube an die Lehre Christi. Ich glaube, daß das Glück auf Erden

nur möglich ist, wenn alle Menschen tun werden, was diese Lehre

vorschreibt.”

Der Eckstein des Glaubens ist für Tolstoi die Bergpredigt, deren

Hauptlehre er in fünf Gebote zusammenfaßt:

I. Du sollst nicht in Zorn geraten.

II. Du sollst nicht ehebrechen.

III. Du sollst nicht schwören.

IV. Du sollst nicht Böses mit Bösem vergelten.

V. Du sollst niemandes Feind sein.

Das ist der negative Teil der Lehre, deren positiver Teil sich in dem

einen Gebot zusammenfassen läßt:

Liebe Gott und deinen Nächsten, wie dich selbst.

„Christus hat gesagt, wer das geringste dieser Gebote übertritt, wird

den geringsten Platz im Himmelreich bekommen.”

Und Tolstoi fügt naiv hinzu:

„So seltsam es klingt, so habe ich doch nach achtzehn Jahrhunderten

diese Regeln als etwas Neues entdecken müssen.”

Glaubt nun Tolstoi etwa an die Göttlichkeit Christi? -- Keineswegs.

Weshalb beruft er sich dann auf ihn? Als auf den Größten aus dem

Geschlecht der Weisen, -- der Brahmanen, Buddha, Lao Tse, Konfuzius,

Zarathustra, Jesaja, -- die den Menschen das wahre Glück, das sie

erstreben, gezeigt haben und den Weg, den sie beschreiten müssen[125].

Tolstoi ist der Schüler dieser großen Religionsschöpfer, dieser

Halbgötter, dieser indischen, chinesischen und jüdischen Propheten. Er

verteidigt sie -- was er unter verteidigen versteht: indem er angreift

-- gegen die, die er „Pharisäer” und „Schriftgelehrte” nennt:

gegen die bestehenden Kirchen und gegen die Vertreter der

stolzen Wissenschaft, oder besser „der wissenschaftlichen

Scheinphilosophie”[126]. Nicht als ob er die Offenbarung gegen die

Vernunft anriefe. Seitdem er die Zeiten der Bedrängnis, über die er in

der „Beichte” berichtet, überwunden hat, ist und bleibt er im

wesentlichen ein Vernunftgläubiger, man könnte sagen ein

Vernunftmystiker.

„Im Anfang war das Wort”, wiederholt er mit dem Evangelisten Johannes,

„das Wort, logos, d. i. die Vernunft.”[127]

Sein Buch „Das Leben” (1887) trägt als Motto die berühmten Worte

Pascals[128]:

„Der Mensch ist nur ein Rohr, das schwächste der Natur, aber ein

denkendes Rohr... Unser ganzes Ansehen beruht auf dem Denken... Bemühen

wir uns also, gut zu denken: das ist das Prinzip der Sittlichkeit.”

Und das ganze Buch ist ein einziger Hymnus auf die Vernunft.

Es ist wahr, daß seine Vernunft nicht die wissenschaftliche, die

beschränkte Vernunft ist, „die den Teil für das Ganze hält und das

tierische Leben für das ganze Leben”, sondern sie ist das höchste

Gesetz, das das Menschenleben lenkt, „das Gesetz, nach dem

notwendigerweise die vernünftigen Wesen, d. h. die Menschen, leben

müssen.”

Das Leben Tolstois · 第 4 / 14 段