„Die gleiche Unentschlossenheit, die gleiche Oberflächlichkeit und

merkwürdige Unlogik des Denkens...”

Der Tod... In dieser Zeit fängt er an, Tolstois Seele zu verfolgen.

„Drei Tode” (1858-1859) bilden schon einen Auftakt zu der düsteren

Schilderung von dem „Tod des Iwan Iljitsch”, der Einsamkeit des

Sterbenden, seinem Haß gegen die Lebenden, seinem verzweifelten

„Warum?” Das Triptychon der drei Toten -- die reiche Dame, der alte

schwindsüchtige Postillon und die gefällte Eiche -- hat Größe; die

Bilder sind gut gezeichnet, die Vergleiche ziemlich treffend, obschon

das über Gebühr berühmte Werk von etwas zu lockerem Gewebe ist und es

dem Tod der Eiche an unbedingter Gestaltungskraft fehlt, die den Wert

der schönen Landschaftsschilderungen Tolstois ausmacht. Im ganzen

weiß man noch nicht, was ihn hinreißt, ob die Kunst um ihrer selbst

willen oder die moralische Absicht.

[Illustration: Tolstoi im Jahre 1854]

Tolstoi wußte es selbst nicht. Am 4. Februar 1859 hielt er in der

„Moskauer Gesellschaft der Freunde russischer Literatur” seine

Antrittsrede, worin er das Prinzip des „l'art pour l'art”[75]

verteidigte; und der Präsident der Gesellschaft, Komiakow, übernahm,

nachdem er in ihm den Vertreter der rein künstlerischen Literatur

begrüßt hatte, gegen ihn die Verteidigung der sozialen und moralischen

Kunst[76].

Ein Jahr später brachte ihn der Tod seines geliebten Bruders Nikolaus,

der am 19. September 1860 in Hyères von der Schwindsucht dahingerafft

wurde[77], derart außer Fassung, daß sein Glaube an das Gute vollständig

erschüttert wurde und er sich von der Kunst abwandte:

„Die Kunst ist Lüge, und ich kann nicht länger die schöne Lüge

lieben.”[78]

Aber schon nach kaum sechs Monaten kam er auf diese schöne Lüge zurück,

mit „Polikuschka”[79], dem von sittlichen Absichten vielleicht

freiesten seiner Werke, nimmt man den geheimen Fluch aus, der auf dem

Geld und seiner unheilvollen Macht lastet; es ist ein Werk, das nur um

der Kunst willen geschrieben ist, ein Meisterwerk übrigens, an dem

nichts auszusetzen ist, es sei denn sein übergroßer Reichtum an

Beobachtungen, ein Zuviel an Stoff, der zu einem großen Roman

ausgereicht hätte, und der allzu schroffe, ein wenig grausame

Gegensatz zwischen dem gräßlichen Ausgang und dem humorvollen

Anfang[80].

In dieser Zeit des Übergangs, wo das Genie Tolstois im Finstern tappt,

an sich selbst irre wird und, wie Nekludow in den „Aufzeichnungen eines

Marqueurs”, ohne starke Leidenschaft, ohne zielsicheren Willen

schwächlich zu werden scheint, entsteht das reinste Werk, das Tolstoi

jemals schuf: „Eheglück” (1859). Es ist das Wunderwerk der Liebe.

Seit langen Jahren war er mit der Familie Bers befreundet. Er war der

Reihe nach in die Mutter und die drei Töchter verliebt gewesen[81].

Schließlich verliebte er sich endgültig in die zweite. Aber er wagte

nicht, es zu gestehen. Sofie Andrejewna Bers war noch ein Kind: sie war

siebzehn Jahre alt; und er über dreißig. Er hielt sich für einen alten

Mann, der nicht das Recht hatte, sein verbrauchtes, unreines Leben an

das eines unschuldigen jungen Mädchens zu knüpfen. Drei Jahre lang

sträubte er sich[82]. Später erzählte er in „Anna Karenina”, wie er

Sofie Bers einen Antrag machte, und wie sie darauf antwortete --: sie

zeichneten alle beide die Anfangsbuchstaben der Worte, die sie nicht zu

sagen wagten, mit dem Finger auf den Tisch. Wie Lewin in „Anna

Karenina” war er so grausam aufrichtig, sein Tagebuch seiner Braut

einzuhändigen, damit sie ganz genau seine begangenen Schändlichkeiten

kennen lerne; und wie Kitty in „Anna Karenina” empfand Sofie bitteren

Schmerz beim Lesen. Am 23. September 1862 war ihre Hochzeit.

Aber schon seit drei Jahren war diese Ehe im Kopf des Dichters

geschlossen, als er „Eheglück” schrieb[83]. Seit drei Jahren hatte er

schon im voraus die unbeschreiblichen Tage der stillen Liebe durchlebt

und die berauschenden Tage der Liebe, die sich offenbart, die Stunde, da

die ersehnten göttlichen Worte geflüstert werden, die Tränen „über

ein Glück, das für immer schwindet und nie mehr wiederkehrt”; die

jubelnde Wirklichkeit der ersten Ehezeit, den Egoismus der Liebenden,

„die unaufhörliche Freude ohne eigentlichen Grund”; dann die

eintretende Ermüdung, die leise Unzufriedenheit, die Langeweile des

einförmigen Lebens, in der sich die beiden vereinigten Herzen sanft

lösen und voneinander entfernen, das gefährlich Berauschende der

großen Welt für die junge Frau -- Koketterie, Eifersucht, tödliche

Mißverständnisse --, die verdunkelte, die verlorene Liebe; endlich den

milden traurigen Herbst des Herzens, wo das Antlitz der Liebe sich

wieder zeigt, blaß und gealtert und durch seine Tränen und seine

Runzeln noch ergreifender geworden, die Erinnerung an Liebesbeweise,

das Bedauern über das Böse, das man sich zugefügt hat, und über die

verlorenen Jahre, -- einen heiteren Lebensabend, die erhabene Wandlung

von der Liebe zur Freundschaft und vom Roman der Leidenschaft zur

Mütterlichkeit... Alles, was kommen sollte, alles hatte Tolstoi im

voraus geträumt und durchkostet. Und um es besser erleben zu können,

hatte er es in ihr, der Geliebten, erlebt. Das erstemal -- vielleicht

das einzige Mal in Tolstois Werken -- spielt sich der Roman im Herzen

einer Frau ab und wird von dieser Frau erzählt. Mit welch erlesener

Zartheit! Eine schöne Seele hüllt sich in einen schamhaften

Schleier... Diesmal hat Tolstoi bei der Analyse auf seine etwas grelle

Belichtung verzichtet und sucht nicht mit fieberhafter Leidenschaft

die Wahrheit bloßzulegen. Die Geheimnisse des Innenlebens lassen sich

eher erraten, als daß sie sich preisgeben. Das Herz und die Kunst

Tolstois sind milder geworden. In seiner harmonischen Übereinstimmung

von Form und Inhalt erreicht das „Eheglück” die Vollkommenheit eines

Racineschen Werkes.

Die Ehe, deren Glück und deren Wirrungen Tolstoi mit großer Klarheit

schon vorher empfunden hatte, sollte ihm zum Heil werden. Er war müde

und krank, seiner selbst und seiner Arbeit überdrüssig. Auf die

glänzenden Erfolge, die seine ersten Werke errungen hatten, war

vollständiges Verstummen der Kritik[84] und Gleichgültigkeit des

Publikums eingetreten. Stolz tat er, als ob er sich darüber freue.

„Mein Ruf hat viel von jener Volkstümlichkeit, die mich traurig machte,

verloren. Jetzt bin ich ruhig, da ich weiß, daß ich etwas zu sagen habe

und die Fähigkeit besitze, es sehr laut zu sagen. Das Publikum mag

denken, was es will.”[85]

Aber er rühmte sich nur: er war seiner Kunst selbst nicht sicher. Ohne

Zweifel beherrschte er die Feder vollkommen; aber er wußte nicht, was

damit anfangen. Wie er in „Polikuschka” sagt: „es war das Gerede

über den erstbesten Stoff von einem Manne, der die Feder zu führen

versteht”[86]. Seine sozialen Arbeiten scheiterten. Im Jahre 1862 legte

er sein Amt als Schiedsrichter nieder. Im selben Jahre hielt die Polizei

in Jasnaja Poljana Haussuchung, drehte das oberste zu unterst und schloß

die Schule. Tolstoi war damals aus Gesundheitsrücksichten verreist; er

fürchtete die Schwindsucht zu bekommen.

„Die Streitigkeiten, die ich zu schlichten hatte, waren mir so

unerträglich geworden, die Arbeit in der Schule so unsicher, meine

Besorgnisse, die aus dem Wunsch, die andern zu unterrichten und dabei

meine Unkenntnis dessen, was ich unterrichten sollte, zu verbergen,

herrührten, waren mir derart widerwärtig, daß ich krank wurde.

Vielleicht wäre ich an den Rand der Verzweiflung geraten, der ich

fünfzehn Jahre später erlag, wenn es nicht für mich eine unbekannte

Seite des Lebens gegeben hätte, die mir Heil versprach: das

Familienleben.”[87]

* * * * *

Er genoß es zuerst mit der Leidenschaft, die er auf alles verwandte[88].

Der persönliche Einfluß der Gräfin Tolstoi war wertvoll für seine Kunst.

Literarisch sehr begabt[89], war sie, wie sie sagt, „eine echte

Schriftstellersfrau”, so sehr lag ihr das Werk ihres Mannes am Herzen.

Sie arbeitete mit ihm, schrieb nach seinem Diktat, übertrug seine

Konzepte immer wieder ins Reine[90]. Sie trachtete, ihn gegen seinen

religiösen Dämon, jenen fürchterlichen Geist, der schon damals für

Augenblicke seiner Kunst gefährlich wurde, zu verteidigen. Sie ließ es

sich angelegen sein, daß seine Tür sozialen Utopien verschlossen

blieb[91]. Sie befeuerte sein schöpferisches Genie. Sie tat mehr: sie

gab diesem Genius den neuen Reichtum ihrer Frauenseele. Abgesehen von

einigen hübschen Schattenrissen in „Kindheit” und „Knabenalter”

ist die Frau aus den ersten Werken Tolstois fast völlig ausgeschaltet,

oder sie bleibt im Hintergrund. Zum erstenmal tritt sie im „Eheglück”

auf, das unter dem Einfluß der Liebe zu Sofie Bers geschrieben ist. In

den folgenden Werken sind Mädchen- und Frauengestalten reichlich

vorhanden und von Leben beseelt, mehr noch selbst als die

Männergestalten. Man glaubt gern, daß die Gräfin Tolstoi ihrem Mann

nicht nur zur Natascha in „Krieg und Frieden”[92] und zur Kitty in

„Anna Karenina” Modell gestanden hat, sondern daß sie ihm auch durch

die Einblicke, die sie ihm in ihr zartes Seelenleben gewährte, eine

wertvolle und feinfühlige Mitarbeiterin sein konnte. Gewisse Seiten in

„Anna Karenina”[93] scheinen mir ganz besonders die Hand einer Frau zu

verraten.

Dank den Segnungen dieser Vereinigung genoß Tolstoi zehn oder fünfzehn

Jahre lang einen Frieden und eine Sicherheit, wie er sie seit langem

nicht mehr gekannt hatte[94]. So konnte er unter den Fittichen der Liebe

in Muße die Meisterwerke seines Schaffens, die gewaltigen Denkmäler, die

die ganze Romandichtung des 19. Jahrhunderts überragen, ersinnen und

ausführen: „Krieg und Frieden” (1864-1869) und „Anna Karenina”

(1873-1877).

„Krieg und Frieden” ist das großartigste Heldengedicht unserer Zeit,

eine moderne Ilias. Eine Welt von Gestalten und Schicksalen lebt darin.

Über diesem von zahllosen Wogen gepeitschten Meer menschlicher

Leidenschaften schwebt eine allbeherrschende Seele, die die Stürme nach

Gefallen entfacht und zügelt. Mehr als einmal habe ich, wenn ich mich in

dieses Werk vertiefte, an Homer und Goethe gedacht, trotz der ungeheuren

Verschiedenheit, sowohl des Geistes als auch der Zeit. Später habe ich

gesehen, daß Tolstoi tatsächlich in jener Periode, als er daran

arbeitete, in seinem Denken von Homer und Goethe[95] zehrte. Ja, er

trägt sogar in seinen Aufzeichnungen aus dem Jahre 1865, wo er die

verschiedenen literarischen Arten klassifiziert, das Werk „1805”, unter

welchem Titel die beiden ersten Teile von „Krieg und Frieden” 1865-1866

erschienen, als zur selben Familie gehörig wie die „Odyssee” und

„Ilias” ein. Die ihm eigene Beweglichkeit des Geistes führte ihn vom

Roman der Einzelschicksale zum Roman der Heere und Völker, der großen

menschlichen Gemeinschaften, in denen der Wille von Millionen

Lebewesen aufgeht. Seine tragischen Erfahrungen bei der Belagerung von

Sewastopol lehrten ihn die Seele des russischen Volkes und sein Leben

während der letzten hundert Jahre verstehen. Das ungeheure Gemälde

„Krieg und Frieden” war ursprünglich nur als Mittelfeld einer Reihe

von epischen Fresken gedacht, auf denen sich die Geschichte Rußlands

von Peter dem Großen bis zu den Dekabristen abspielen sollte[96].

Um das Mächtige des Werkes richtig zu empfinden, muß man sich über die

Einheit klar sein, die darin verborgen liegt. Die meisten Leser sehen in

ihrer Kurzsichtigkeit nur die tausend Einzelheiten, deren Fülle sie in

höchste Verwunderung versetzt und verwirrt. Sie finden sich in diesem

Walde nicht zurecht. Man muß sich darüber hinaus erheben und den weiten

Horizont, den Kreis der Wälder und Felder mit dem Blick umfassen, dann

wird man den homerischen Geist des Werkes gewahr, die Ruhe der ewigen

Gesetze, den Atem des Schicksals in seinem gewaltigen Rhythmus, das

Gefühl für das Ganze, dem alle Einzelheiten verbunden sind, und das

Genie des Künstlers, der sein Werk, wie der Gott der Genesis, der über

den Wassern schwebt, beherrscht.

Zuerst das regungslose Meer. Der Friede, die russische Gesellschaft am

Vorabend des Krieges. Die ersten hundert Seiten spiegeln mit einer

erbarmungslosen Treue und einer überlegenen Ironie die Hohlheit dieser

Kinder der Welt. Erst ungefähr auf der hundertsten Seite erhebt sich der

Schrei eines dieser lebenden Toten -- des schlimmsten unter ihnen, des

Fürsten Basil:

„Wir sündigen, wir betrügen. Und wozu das alles? Ich habe die Sechzig

hinter mir, mein Freund... Alles endigt mit dem Tod... Der Tod, welch

ein Grausen!”

Von diesen schalen, lügnerischen Müßiggängern, die jeder Verirrung und

jedes Verbrechens fähig sind, heben sich gewisse gesundere Naturen ab:

die Aufrichtigen, teils aus Treuherzigkeit, wie Peter Besukow, teils

dank ihrer völligen Unabhängigkeit oder aus russischem Empfinden heraus,

wie Maria Dmitriewna, teils aus jugendlicher Frische, wie die kleinen

Rostows; -- dann die Gütigen und Gottergebenen, wie die Prinzessin

Marie; -- und schließlich jene, die nicht gut sondern stolz sind, und

die dieses ungesunde Dasein quält, wie der Fürst Andrej.

Dann aber setzt die erste Wellenbewegung ein. Die Handlung. Das

russische Heer in Österreich. Das Verhängnis herrscht nirgends

unumschränkter als dort, wo die Urkräfte entfesselt sind: im Krieg. Die

wirklichen Führer sind die, welche nicht zu lenken versuchen, sondern

die wie Kutuzow oder Bagration versuchen glauben zu machen, „daß ihre

persönlichen Absichten in voller Übereinstimmung mit dem sind, was in

Wahrheit die einfache Wirkung der Macht der Verhältnisse, des Willens

der Untergebenen und der Laune des Zufalls ist”. Welch eine Wohltat,

sich ganz der Hand des Schicksals zu überlassen! Welch ein Glück liegt

in dem normalen und gesunden Zustand, bloß handeln zu brauchen. Die

bedrängten Gemüter finden ihr Gleichgewicht wieder. Fürst Andrej atmet

auf, beginnt zu leben... Und während dort unten, weitab von dem

belebenden Hauch dieser gesegneten Stürme, die beiden wertvollsten

Menschen, Peter und die Prinzessin Marie, von der Pest ihrer Umgebung,

der Liebeslüge, bedroht werden, erlebt Fürst Andrej bei Austerlitz

plötzlich mitten im Taumel des Gefechts, der durch seine Verwundung

schroff unterbrochen wird, die Offenbarung der beglückenden

Unendlichkeit. Auf dem Rücken ausgestreckt, „sieht er nichts mehr als

sehr hoch über sich einen grenzenlosen weiten Himmel, über den leichte

graue Wölkchen sanft dahingleiten”.

„Welche Ruhe! Welcher Friede!” sagte er sich, „das war nicht so,

als ich schreiend dahinrannte. Weshalb hatte ich diese uferlose Weite

nicht früher bemerkt? Wie glücklich bin ich, daß ich sie endlich

entdeckt habe! Ja, alles andere ist leer, alles andere ist Täuschung.

Gott sei für diese Ruhe gepriesen!...”

Indessen nimmt ihn das Leben wieder auf, und die Woge ebbt zurück. Die

mutlosen, unruhvollen Seelen irren, in der sittenverderbenden Atmosphäre

der Stadt aufs neue sich selbst überlassen, ziellos durch die Nacht.

Manchmal vermischen sich mit dem vergiftenden Hauch der Welt die

berauschenden und betörenden Ausströmungen der Natur, der Frühling, die

Liebe, die blindwaltenden Kräfte, die die reizende Natascha dem Fürsten

Andrej nahebringen und die sie einen Augenblick später dem erstbesten

Verführer in die Arme treiben. So viel Poesie, Zartheit und

Herzensreinheit wird hier durch die Welt zerstört! Und immer „der weite

Himmel, der sich hoch über der schmählichen Gemeinheit der Erde

breitet”. Aber die Menschen sehen ihn nicht. Selbst Andrej hat die

Erleuchtung von Austerlitz vergessen. Für ihn ist der Himmel nur noch

„ein düsteres, schweres Gewölbe”, das das Nichts überdeckt.

Es ist Zeit, daß der Sturmwind des Krieges aufs neue über diese

blutleeren Seelen dahinbraust. Das Vaterland wird vom Feinde besetzt.

Borodino. Ein Tag von feierlicher Größe. Alle Feindseligkeit schwindet

dahin. Dologow umarmt seinen Freund Peter. Andrej, der verwundet ist,

weint aus Liebe und Mitgefühl über das Unglück Anatol Kuragins, des

Menschen, den er am meisten haßte, und der jetzt auf dem Krankenwagen

sein Nachbar ist. Die Herzen werden eins durch das dem Vaterland

dargebrachte Opfer und die Unterwerfung unter die göttlichen Gesetze.

„Die schreckliche Notwendigkeit des Krieges ernst und gottergeben

hinnehmen... Der Krieg ist für die Freiheit des Menschen die härteste

Form der Unterwerfung unter die göttlichen Gesetze. Die Herzenseinfalt

besteht in der Unterwerfung unter den Willen Gottes.”

Die russische Volksseele und ihre Unterwerfung unter das Schicksal

verkörpert sich in dem Generalissimus Kutuzow:

„Dieser Alte, der, was Leidenschaften angeht, nur die Erfahrung, das

Ergebnis der Leidenschaften, kennt, und bei dem die Intelligenz, die

dazu bestimmt ist, die Tatsachen einzuordnen und Schlüsse aus ihnen zu

ziehen, durch eine philosophische Betrachtungsweise der Ereignisse

ersetzt wird, dieser Alte ersinnt nichts und unternimmt nichts, aber er

hört und behält alles und wird es im geeigneten Augenblick anwenden, er

wird nichts Nützliches verhindern und nichts Schädliches erlauben. Er

erspäht auf den Gesichtern seiner Leute jene unbegreifliche Macht, die

man den Willen zu siegen, den kommenden Sieg nennt. Er läßt etwas

Mächtigeres gelten als seinen Willen: den unaufhaltsamen Lauf der

Tatsachen, die sich vor seinen Augen abrollen; er sieht sie, er verfolgt

sie und versteht es, von seiner Person zu abstrahieren.”

Kurzum, er hat das echt russische Herz. Dieser still-heldenmütige

Fatalismus des russischen Volkes verkörpert sich auch in dem armen,

einfachen, frommen und ergebenen Muschik Plato Karatajew, der noch in

Leid und Tod gütig lächelt. Durch die Prüfungen, das Elend des

Vaterlandes, die Schrecken des Todeskampfes hindurch, gelangen die

beiden Helden des Buches, Peter und Andrej, zu moralischer Befreiung und

schwärmerischer Freude durch die Liebe und den Glauben, die sie den

lebendigen Gott erkennen lassen.

Hiermit schließt Tolstoi keineswegs. Der Epilog, der um 1820 spielt,

bildet einen Übergang von einer Epoche zu einer anderen, vom

napoleonischen Zeitalter zum Zeitalter der Dekabristen. Er gibt das

Gefühl der ununterbrochenen Dauer und des Immerneuerstehens alles

Lebens. Tolstoi beginnt weder, noch schließt er seine Erzählung an einem

entscheidenden Zeitpunkt; er schließt, wie er begonnen hat, in dem

Augenblick, da eine große Welle verebbt und die folgende Welle sich erst

bildet. Schon gewahrt man die künftigen Helden, die Konflikte, die

zwischen ihnen entstehen werden, und die Toten, die in den Lebenden

auferstehen[97].

Ich habe versucht, den großen Linien des Romans nachzugehen; denn selten

gibt man sich die Mühe, sie zu suchen. Aber was soll man von der ganz

außergewöhnlichen Lebendigkeit dieser Hunderte von Helden sagen, die

alle individuell und in unvergeßlicher Weise gezeichnet sind, dieser

Soldaten, Bauern, Edelleute, Russen, Österreicher und Franzosen! Nichts

verrät hier, daß sie erdichtet sind. Zu dieser Reihe von Bildnissen, die

ihresgleichen in der ganzen europäischen Literatur suchen, hat Tolstoi

zahllose Skizzen gemacht, wie er sagt, „Millionen von Entwürfen

miteinander verbunden”, Bibliotheken durchstöbert, seine

Familienarchive[98], seine früheren Notizen, seine persönlichen

Erinnerungen benutzt. Diese bis ins kleinste gehende Vorbereitung bürgt

für die Gründlichkeit der Arbeit, nimmt ihr dabei aber nichts von ihrer

Ursprünglichkeit. Tolstoi arbeitete begeistert, mit einem Eifer und

einer Freude, die sich auch dem Leser mitteilen. Was vor allem „Krieg

und Frieden” den größten Reiz verleiht, ist seine Jugendlichkeit des

Herzens. Kein anderes Werk von Tolstoi weist solchen Reichtum an Kinder-

und Jünglingsseelen auf; und jede dieser Seelen ist Musik aus reinster

Quelle und von einer Anmut, die ergreift und rührt, wie eine Mozartsche

Melodie: der junge Nikolaus Rostow, Sonja, der arme kleine Petja.

Die köstlichste aber ist Natascha. Dieses liebe, seltsame, lachlustige

kleine Mädchen mit dem reichen Herzen, das man neben sich aufwachsen

sieht, und dem man durch das Leben folgt mit der keuschen Zärtlichkeit,

die man für eine Schwester empfände, -- wer glaubt nicht, sie gekannt zu

haben?... Welch wunderbare Frühlingsnacht, in der Natascha an ihrem

mondbeschienenen Fenster tolle Dinge träumt und redet, gerade über dem

Fenster des Fürsten Andrej, der ihr zuhört... Die Aufregungen des ersten

Balles, die Liebe, die Liebeserwartung, das Aufblühen wirrer Wünsche und

Träume, die nächtliche Schlittenfahrt durch den beschneiten Wald, wo

Lichter gespensterhaft schimmern; die Natur, die unklare Sehnsucht

erweckt; ein Abend in der Oper, die seltsame Welt der Kunst, die den

Verstand umschleiert; die Tollheit des Herzens und die Tollheit des

Leibes, der sich nach Liebe sehnt; ein Schmerz, der die Seele läutert;

göttliches Mitleid, das beim sterbenden Geliebten wacht... Man kann

diese Erinnerungen nicht heraufbeschwören, ohne dieselbe Rührung zu

empfinden, als wenn man von der teuersten und geliebtesten Freundin

spräche. Ach, wie läßt einen eine solche Schöpfung die Schwäche der

weiblichen Gestalten in beinahe allen zeitgenössischen Romanen und

Theaterstücken ermessen! Das Leben selbst wird erfaßt, und dabei so

biegsam, so flüssig, daß man es von einer Zeile zur anderen wogen und

wechseln zu sehen vermeint. -- Die häßliche Prinzessin Marie, die durch

Güte schön wird, ist eine nicht minder vollkommene Schöpfung; aber wie

würde sie, dieses schüchterne und linkische Mädchen erröten, wie werden

die, welche ihr gleichen, erröten, wenn sie hier alle Geheimnisse eines

Herzens enthüllt sehen, das sich ängstlich den Blicken entzieht!

[Illustration: Tolstoi im Jahre 1906]

Im allgemeinen übertreffen die Frauencharaktere, wie ich schon

andeutete, die Männercharaktere bei weitem, besonders die der beiden

Helden, die Tolstois eigene Idee verkörpern: die weiche und schwache

Natur Peter Besukows, die lebhafte, aber trockene des Fürsten Andrej

Wolkonski. Dies sind Seelen, denen es an einem festen Ruhepunkt mangelt;

sie schwanken fortwährend, anstatt sich zu entwickeln; sie gehen von

einem Pol zum andern, ohne je vom Fleck zu kommen. Man wird mir

zweifellos entgegnen, daß sie darin echt russisch sind. Ich kann jedoch

dazu bemerken, daß Russen dieselbe Kritik geübt haben. Aus dem gleichen

Anlaß warf Turgenjew der Psychologie Tolstois vor, daß sie nie

weiterkomme. „Keine wahrhafte Entwicklung. Ewige Unschlüssigkeit,

Gefühlsschwankungen.”[99] Tolstoi gab selbst zu, daß er die einzelnen

Charaktere hie und da ein wenig dem historischen Gemälde geopfert

habe[100].

Und die Größe von „Krieg und Frieden” beruht tatsächlich in dem

Wiederaufleben eines ganzen Zeitalters der Geschichte, jener

Völkerwanderung, des Kampfes der Nationen. Seine eigentlichen Helden

sind die Völker und, hinter ihnen, wie hinter den Helden Homers, die

Götter, die sie leiten: die unsichtbaren Mächte, „jene unwägbaren

Größen, die die Massen führen”, der Hauch des Unendlichen. Diese

gigantischen Kämpfe, in denen ein verborgenes Geschick die blinden

Völker aufeinanderstößt, sind von sagenhafter Größe. Auf dem Weg über

die Ilias denkt man an die indischen Heldenlieder[101].

* * * * *

Das Leben Tolstois · 第 3 / 14 段