wie Tolstoi in den Kaukasus gekommen, um dort aus dem Abenteurerleben
frische Kräfte zu schöpfen; er verliebt sich in eine junge Kosakin und
verliert sich in dem Chaos seiner widerspruchsvollen Hoffnungen. Bald
glaubt er, daß „für andere leben, sich aufopfern, Glück bedeutet”,
bald, daß „sich opfern nur Dummheit ist”; dann möchte er fast mit dem
alten Kosaken Eroschka glauben: „Alles hat seine Berechtigung. Gott
hat alles zur Freude des Menschen erschaffen. Nichts ist Sünde. Sich
mit einem hübschen Mädel belustigen, ist keine Sünde, ist ewige
Seligkeit.” Aber was braucht er denn nachzudenken? Es genügt zu leben.
Das Leben ist höchster Besitz, höchstes Glück, das allmächtige Leben,
das allumfassende Leben: das Leben ist Gott. Ein glühendes Naturgefühl
stellt sich ein und erfüllt ihm das Herz. Allein im Wald,
„von wildwachsenden Pflanzen, einer Menge von Wild, Vögeln
und Mückenschwärmen umgeben, in dem schattigen Grün, der
duftgeschwängerten, heißen Luft, zwischen kleinen, trüben Rinnsalen,
die allenthalben unter dem Laub dahinplätschern,” wenige Schritte von
den Fallstricken des Feindes entfernt „wird Olenin plötzlich von einem
solchen grundlosen Glücksgefühl erfaßt, daß er, wie er es als Kind
gewöhnt war, das Kreuz schlägt und irgend jemand danken möchte.” Wie
ein indischer Fakir findet er Genuß darin, sich zu sagen, daß er
allein und verlassen in diesem Strudel des Lebens ist, das ihn
aufsaugt, daß Myriaden unsichtbarer Wesen, die überall versteckt sind,
in diesem Augenblick seinen Tod belauern, daß jene Tausende von ihn
umschwirrenden Insekten einander zurufen:
„‚Hierher, hierher, Kameraden! Hier gilt es einen zu stechen!’
Und es war ihm klar, daß er hier kein russischer Herr aus der Moskauer
Gesellschaft, der Freund und Verwandte von dem und jenem war, sondern
einfach ein Wesen wie die Mücke, der Fasan, der Hirsch, wie alle
Lebewesen, die ihn jetzt umschlichen.
‚Wie sie werde ich leben und sterben. Und Gras wird darüber
wachsen...’”
Und sein Herz ist voll Freude.
Tolstoi lebt zu jener Zeit in einem Rausch von Kraft und Liebe zum
Leben. Er umfaßt die Natur und geht in ihr auf. Ihr vertraut er seine
Schmerzen, seine Freuden und seine Liebesgefühle[47] an. Aber dieser
romantische Rausch mindert niemals die Klarheit seines Blickes.
Nirgends mehr sind die Landschaften mit einem solchen Können und die
Gestalten wahrheitsgetreuer gezeichnet als in dieser glühenden
Dichtung. Der Widerspruch zwischen Natur und Gesellschaft, der den
Kern des Buches ausmacht und der während Tolstois ganzen Lebens einer
seiner Lieblingsgedanken sein sollte, ein Artikel seines
Glaubensbekenntnisses, läßt ihn schon hier, um das Komödienhafte der
Welt zu geißeln, einige der herben Töne der „Kreuzersonate”
anschlagen[48]. Aber er ist nicht weniger schonungslos gegen die, die
er liebt; und die Naturwesen, die schöne Kosakin und ihre Freunde,
sind mit ihrer Selbstsucht, ihrer Habgier, ihrer Schurkerei und allen
ihren Lastern in grellstem Licht gesehen.
Eine außergewöhnliche Gelegenheit sollte sich ihm bieten, diese
heldenhafte Wahrheitsliebe auf die Probe zu stellen.
Im November 1853 war der Türkei der Krieg erklärt worden. Tolstoi ließ
sich der rumänischen Armee zuteilen, ging dann zur Krimarmee über und
traf am 7. November 1854 in Sewastopol ein. Er glühte vor Begeisterung
und Vaterlandsliebe. Er tat wacker seine Pflicht und war oft in Gefahr,
besonders von April bis Mai 1855, wo er einen über den andern Tag Dienst
bei der Batterie der 4. Bastei hatte.
Da er monatelang ein Leben in beständiger Aufregung und Angst Aug in Aug
mit dem Tode führte, belebte sich sein religiöser Mystizismus wieder von
neuem. Er führt Gespräche mit Gott. Im April 1855 verzeichnet er in
seinem Tagebuch ein Gebet zu Gott, in dem er ihm für seinen Schutz in
der Gefahr dankt und ihn anfleht, ihn weiter zu beschützen, „um das
ewige glorreiche Ziel des Seins, das ich noch nicht kenne, aber schon
ahne, zu erreichen”. Dieses Ziel seines Lebens war keineswegs die Kunst,
es war schon jetzt die Religion. Am 5. März 1855 schrieb er:
„Ich bin einer großen Idee nähergekommen, deren Verwirklichung ich mein
ganzes Leben opfern könnte. Diese Idee ist die Gründung einer neuen
Religion, der Religion Christi, aber von Glaubenssätzen und Wundern
befreit... In klarem Bewußtsein handeln, um die Menschen durch die
Religion zu einen.”[49]
Das sollte das Programm seines Alters sein.
[Illustration: Tolstoi vor der Abreise nach dem Kaukasus 1851]
Um sich indessen von den ihn umgebenden Eindrücken abzulenken, machte
er sich wieder ans Schreiben. Aber wie hätte er die nötige geistige
Freiheit finden sollen, um im Schrapnellhagel den dritten Teil seiner
Erinnerungen aus der Jugend zu verfassen? Das Buch ist verworren. Man
kann sein Durcheinander -- und an manchen Stellen eine gewisse abstrakte
analysierende Trockenheit mit Abteilungen und Unterabteilungen in der
Manier Stendhals[50] -- den Bedingungen, unter denen es entstand,
zuschreiben. Aber man muß die ruhige Durchdringung der zahllosen wirren
Gedanken und Träume bewundern, die sich in dem jungen Hirn
zusammendrängen. Tolstoi ist in diesem Werk von seltener Aufrichtigkeit
gegen sich selbst. Und von welcher poetischen Frische ist er zuweilen,
z. B. in dem reizenden Bild vom Frühling in der Stadt, in der Erzählung
von der Beichte und dem eiligen Gang ins Kloster wegen der vergessenen
Sünde.
Ein leidenschaftlicher Pantheismus gibt gewissen Seiten des Buches eine
lyrische Schönheit, deren Ton an die „Erzählungen aus dem Kaukasus”
erinnert. So die Beschreibung jener Sommernacht:
„Der ruhige Glanz des leuchtenden Halbmonds. Der schillernde Teich. Die
alten Birken, deren langsträhnige Zweige auf der einen Seite im
Mondlicht silbern schimmerten und auf der andern Seite Busch und Weg mit
schwarzen Schatten zudeckten. Hinter dem Teich der Ruf der Wachtel. Das
kaum hörbare Geräusch zweier alter Bäume, die sich aneinander scheuern.
Das Summen der Mücken und das Herabfallen eines Apfels auf trockene
Blätter, Frösche, die bis an die Stufen der Terrasse hüpfen und deren
grünliche Rücken im Mondstrahl schillern... Der Mond steigt höher,
schwebt am klaren Himmel und erfüllt den Raum; der wunderbare Glanz des
Teiches wird noch strahlender, die Schatten noch schwärzer, das Licht
noch heller... Doch ich armseliger Erdenwurm, der ich schon von allen
menschlichen Leidenschaften beschmutzt, aber erfüllt von der ganzen
unendlichen Macht der Liebe war, ich hatte in diesem Augenblick das
Gefühl, als ob die Natur, der Mond und ich eins seien.”[51]
Aber die Wirklichkeit der Gegenwart sprach lauter als die Träume der
Vergangenheit; sie verschaffte sich gebieterisch Gehör. Die „Jugend”
blieb unvollendet, und der Stabshauptmann Graf Leo Tolstoi beobachtete
in der Panzerung seiner Bastei, im Kanonendonner, inmitten seiner
Kompagnie die Lebenden und die Sterbenden und zeichnete ihre Ängste und
seine eigenen in seinen unvergeßlichen Erzählungen „Sewastopol” auf.
Diese drei Erzählungen -- Sewastopol im Dezember 1854, Sewastopol im Mai
1855 und Sewastopol im August 1855 -- werden gewöhnlich in einen Topf
geworfen. Sie sind indessen sehr verschieden voneinander. Besonders die
zweite Erzählung unterscheidet sich in der Empfindung und im Stil von
den beiden anderen. Diese sind vom Patriotismus beherrscht; über der
zweiten schwebt unerbittliche Wahrheit.
Man erzählt, daß die Zarin nach der Lektüre der ersten Geschichte[52]
weinte, und daß der Zar in seiner Bewunderung befahl, man solle diese
Seiten ins Französische übersetzen und den Verfasser an einen
ungefährlichen Platz stellen. Man versteht das leicht. Alles
verherrlicht hier das Vaterland und den Krieg. Tolstoi ist gerade erst
hingekommen und noch voller Begeisterung; er schwimmt in Heldentum. Er
bemerkt an den Verteidigern von Sewastopol weder Ehrgeiz noch Eigenliebe
noch sonst irgend ein niedriges Gefühl. Für ihn ist das Ganze ein
Heldengedicht, dessen Heroen „Griechenlands würdig” sind. Andererseits
legen diese Aufzeichnungen keinerlei Zeugnis ab von einem Streben nach
Erfindung oder dem Versuch einer objektiven Darstellung; der Verfasser
spaziert durch die Stadt; er sieht sehr klar, erzählt aber alles in
unfreier Form: „Man sieht... man tritt ein... Man bemerkt...” Es ist
eine Art besserer Berichterstattung mit schönen Natureindrücken.
Ganz anders ist die zweite Geschichte: Sewastopol im Mai 1855. Schon in
den ersten Zeilen liest man: „Tausende menschlicher Eitelkeiten sind
hier aufeinander gestoßen oder haben im Tod Ruhe gefunden...”
Und dann:
„... Und da es viele Menschen gab, gab es viele Eitelkeiten ...
Eitelkeit, Eitelkeit, überall Eitelkeit, selbst an der Pforte des
Grabes. Es ist die unserm Jahrhundert eigentümliche Krankheit... Warum
sprechen Homer und Shakespeare von Liebe, Ruhm und Leid, und warum ist
die Literatur unseres Jahrhunderts nichts als die endlose Geschichte der
Eitlen und der Snobs?”
Die Erzählung, die nicht mehr ein einfacher Bericht des Autors ist,
sondern die Menschen und ihre Leidenschaften unmittelbar auftreten läßt,
zeigt, was sich hinter dem Heldentum verbirgt. Der klare unbeirrbare
Blick Tolstois dringt bis in die Tiefen der Herzen seiner Waffenbrüder;
in ihnen liest er, wie in sich selbst, Hochmut und Furcht, das
Narrenspiel der Welt, das noch drei Schritt vorm Tode weitergespielt
wird. Besonders die Furcht wird eingestanden, ihrer Schleier beraubt und
ganz nackt gezeigt. Diese unaufhörlichen Angstzustände[53], dieser
quälende Gedanke an den Tod werden ohne Scham und Mitleid mit
fürchterlicher Offenheit aufgedeckt. In Sewastopol hat Tolstoi alle
Sentimentalität verlernt, „jenes unklare, weibische, weinerliche
Mitleid”, wie er mit Geringschätzung sagt. Und niemals hat sein Talent
zu analysieren, das man schon während seiner Jünglingsjahre sich
triebhaft entwickeln sah und das manchmal einen geradezu krankhaften[54]
Charakter annehmen sollte, eine bis zur Halluzination verschärfte
Intensität erlangt, wie in der Erzählung vom Tode Praskukins. Dort sind
zwei volle Seiten der Beschreibung dessen gewidmet, was sich in der
Seele des Unglücklichen abspielt, während der Sekunde, da die Bombe
eingeschlagen ist und zischt, ehe sie explodiert, -- und eine Seite
berichtet, was sich in ihm abspielt, nachdem sie explodiert ist und „er
auf der Stelle durch einen Treffer in die Brust getötet worden ist”.
Wie Zwischenaktsmusik mitten im Drama öffnen sich in diese
Schlachtenbilder weite Lichtungen, Sonnenstrahlen, die Symphonie des
Tages, der über dem wundervollen Gelände anbricht, wo Tausende von
Männern mit dem Tode ringen. Und der Christ Tolstoi vergißt den
Patriotismus seiner ersten Erzählung und flucht dem ruchlosen Krieg:
„Und diese Menschen, Christen, die sich alle zu demselben großen Gesetz
der Liebe und des Opferns bekennen, fallen beim Anblick ihrer Tat nicht
reuig auf die Knie vor dem, der, da er ihnen das Leben gab, in die Seele
eines jeden neben die Furcht vor dem Tode die Liebe zum Guten und
Schönen pflanzte! Sie umarmen einander nicht wie Brüder mit Tränen der
Freude und des Glückes!”
Im Augenblick, da Tolstoi diese Novelle beendet hat, die herb im Ton wie
noch keines seiner Werke ist, fühlt er sich von Zweifeln ergriffen. Hat
er unrecht gehabt, so zu reden?
„Ein peinigender Zweifel ergriff mich. Vielleicht sollte man das gar
nicht aussprechen. Vielleicht ist das, was ich ausspreche, eine jener
schlimmen Wahrheiten, wie sie unbewußt in eines jeden Seele schlummern,
und die nicht zutage gefördert werden dürfen, weil sie sonst Schaden
anrichten, wie man die Hefe nicht bewegen soll, um den Wein nicht zu
verderben. Wo ist das Schlechte, das man vermeiden soll, wo das Schöne,
das man nachahmen soll? Wer ist der Bösewicht, und wer ist der Held?
Alle sind gut, und alle sind schlecht...”
Aber er findet sich stolz wieder:
„Der Held meiner Novelle, den ich mit der ganzen Kraft meines Herzens
liebe, den ich in seiner ganzen Schönheit zu zeigen versuche, der immer
war, ist und sein wird, ist die Wahrheit.”
Nachdem der Direktor des Sowremennik, Nekrasow, diese Seiten[55] gelesen
hatte, schrieb er an Tolstoi:
„Gerade das braucht die russische Gesellschaft von heute: die Wahrheit,
die Wahrheit, von der seit Gogols Tod so wenig in der russischen
Literatur übriggeblieben ist... Jene Wahrheit, die Sie in unsere Kunst
tragen, ist für uns etwas ganz Neues. Ich fürchte nur eines: daß die
Zeit und die Niedertracht des Lebens, die Taubheit und Stummheit der uns
Umgebenden aus Ihnen machen, was sie aus den meisten von uns gemacht
haben, -- daß sie in Ihnen die Energie töten”.[56]
Nichts Derartiges war zu befürchten. Die Zeit, die die Energie der
Durchschnittsmenschen verbraucht, hat die Tolstois nur gehärtet. Aber im
Augenblick weckten die schweren Prüfungen des Vaterlandes, die Einnahme
von Sewastopol, mit einem Gefühl schmerzvoller Frömmigkeit aufs neue
das Bedauern über seine allzu erbarmungslose Offenheit. In der dritten
Erzählung, -- Sewastopol im August 1855, -- in der er eine Szene
zwischen spielenden und sich streitenden Offizieren malt, unterbricht er
sich und sagt:
„Aber laßt uns schnell einen Schleier über dieses Bild breiten. Morgen,
vielleicht schon heute wird jeder dieser Männer freudig dem Tod ins Auge
sehen. In eines jeden Seele glimmt der göttliche Funke, der einen Helden
aus ihm machen wird.”
Und wenn auch diese Scheu nichts der Gewalt seiner realistischen
Darstellung raubt, so zeigt doch die Wahl der Personen genügend die
Neigungen des Verfassers. Das Heldenschicksal von Malakoff und sein Fall
werden in zwei rührenden und stolzen Gestalten versinnbildlicht: zwei
Brüdern; der eine, der ältere, ist der Hauptmann Kozeltzow, der einige
Züge von Tolstoi hat[57]; der andere, der Fähnrich Wolodja, der
schüchterne Schwärmer, mit seinen fieberhaften Selbstgesprächen, seinen
Träumen, den Tränen, die ihm um ein Nichts in die Augen treten, Tränen
der Liebe und Tränen der Demütigung, mit seinen Ängsten in den ersten
Stunden auf der Bastei (der arme Kleine fürchtet sich noch vor dem
Dunkel, und wenn er im Bett liegt, versteckt er seinen Kopf in dem
Soldatenmantel), mit der Beklemmung, die ihm das Gefühl der Einsamkeit
und die Gleichgültigkeit der andern verursachen, und schließlich, da
die Stunde gekommen ist, mit seiner Fröhlichkeit in der Gefahr. Dieser
Jüngling gehört zur Gruppe der poetischen Gestalten aus den
„Knabenjahren” (Petja in „Krieg und Frieden”, der Unterleutnant in
dem „Überfall”), die lachend und Liebe im Herzen Krieg führen und
plötzlich ohne Begreifen vom Tode erfaßt werden. Die beiden Brüder
fallen am gleichen Tag, -- am letzten Tag der Verteidigung. -- Und die
Novelle schließt mit folgenden Zeilen, in denen ein vaterländischer
Zorn grollt:
„Das Heer verließ die Stadt. Und jeder Soldat, der nach dem aufgegebenen
Sewastopol blickte, seufzte mit namenloser Bitterkeit im Herzen und
ballte die Faust gegen den Feind.”[58]
Nachdem Tolstoi dieser Hölle entronnen war, wo er ein Jahr lang mit den
schlimmsten Leidenschaften und Eitelkeiten und aller menschlichen Pein
in Berührung gekommen war, fand er sich im November 1855 in einem Kreis
von Petersburger Schriftstellern wieder, für die er Ekel und Verachtung
verspürte. Alles an ihnen kam ihm armselig und verlogen vor. Diese
Männer, die ihm aus der Ferne in idealer Gestalt erschienen waren, --
Turgenjew hatte er bewundert und ihm gerade erst den „Holzschlag”
gewidmet, -- enttäuschten ihn bitter, als er sie aus nächster Nähe sah.
Ein Bild aus dem Jahr 1856 zeigt ihn mitten unter ihnen: Turgenjew,
Gontscharow, Ostrowsky, Gregorowitsch, Drujinin. Durch sein asketisches
und herbes Aussehen, sein knochiges Gesicht mit den eingefallenen Wangen
und die energisch verschränkten Arme sticht er von der zwanglosen
Haltung der andern merklich ab. In Uniform hinter diesen Literaten
stehend, „scheint er”, wie Suarès geistreich schreibt, „diese Leute
eher zu überwachen als zu ihrer Gesellschaft zu gehören: man könnte
glauben, er sei gerade dabei, sie ins Gefängnis abzuführen”[59].
Indessen drängten sich alle um den jungen Kameraden, der, von der
zwiefachen Glorie des Schriftstellers und Helden von Sewastopol umgeben,
zu ihnen kam. Turgenjew, der „geweint und ‚Hurrah!’ gerufen
hatte”, als er die Szenen aus „Sewastopol” gelesen, reichte ihm
brüderlich die Hand. Aber die beiden Männer konnten einander nicht
verstehen. Wenn auch beide die Welt mit derselben Klarheit des Blickes
sahen, so mischten sie doch ihren Bildern die Farbe ihrer feindlichen
Seelen bei: der eine beschwingt und voll von Ironie, verliebt und ohne
Illusionen, Anbeter der Schönheit; der andere heftig, stolz, von
Sittlichkeitsideen zerquält, eines heimlichen Gottes voll.
Was Tolstoi diesen Literaten vor allem nicht verzieh, war, daß sie sich
für eine auserwählte Kaste, für den Gipfelpunkt der Menschheit hielten.
Der Stolz des großen Herrn und Offiziers gegenüber den bürgerlich
freidenkenden Schreibergesellen hatte nicht geringen Anteil an seiner
Abneigung[60]. Es war auch ein bezeichnender Zug seiner Natur -- er
erkannte ihn selbst --, „sich instinktiv gegen alle allgemein
anerkannten Grundsätze aufzulehnen”[61]. Ein Mißtrauen gegen die
Menschen, eine geheime Verachtung ihrer Vernunft ließen ihn überall den
Selbstbetrug oder den Betrug der andern, die Lüge, wittern.
„Er glaubte niemals an die Aufrichtigkeit der Leute. Jede sittliche
Begeisterung erschien ihm unecht, und er hatte die Gewohnheit, den
Menschen, der, wie es ihm schien, nicht die Wahrheit sprach, mit seinem
außergewöhnlich scharfen Blick zu durchbohren...[62]
Wie hörte er zu! Wie betrachtete er den, mit dem er sprach, mit seinen
tief in den Höhlen liegenden grauen Augen! Wie ironisch verzogen sich
seine Lippen![63]
Turgenjew sagte, daß er nie etwas Unangenehmeres verspürt habe, als
diesen durchdringenden Blick, der im Verein mit zwei oder drei Worten
einer giftigen Bemerkung imstande war, einen zum Rasen zu bringen”[64].
Von ihrer ersten Begegnung an spielten sich zwischen Tolstoi und
Turgenjew heftige Auftritte ab[65]. Wenn sie getrennt waren, beruhigten
sie sich und versuchten, einander Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.
Aber die Zeit bestätigte immer mehr Tolstois Widerwillen gegen seine
literarische Umgebung. Er verzieh diesen Künstlern den Widerspruch
zwischen ihrer verderbten Lebensführung und ihren sittlichen Forderungen
nicht.
„Ich kam zur Überzeugung, daß beinahe alle unmoralische, schlechte,
charakterlose Menschen waren, tief unter denen, die ich während meines
militärischen Zigeunerlebens getroffen hatte. Und sie waren selbstsicher
und zufrieden, wie es eigentlich nur ganz lautere Menschen sein können.
Sie ekelten mich an.”[66]
Er trennte sich von ihnen. Trotzdem blieb noch einige Zeit etwas von der
materiellen Auffassung ihrer künstlerischen Sendung an ihm haften[67].
Er fand dabei seine Rechnung. Es war eine lohnende Religion; sie
verschaffte „Weiber, Geld, Ruhm...”
„Von dieser Religion war ich einer der Hohepriester. Eine angenehme und
sehr einträgliche Stellung...”
Um sich ihr mehr zu widmen, nahm er seinen Abschied aus dem Heer
(November 1856).
Aber ein Mensch seiner Prägung konnte nicht lange die Augen
verschließen. Er glaubte an den Fortschritt, er wollte an ihn glauben.
Es schien ihm, „daß dieses Wort eine Bedeutung habe.” Auf einer Reise
ins Ausland -- vom 29. Januar bis 30. Juli 1857 -- durch Frankreich, die
Schweiz und Deutschland brach dieser Glaube zusammen. In Paris zeigte
ihm am 6. April 1857 das Schauspiel einer Hinrichtung „die Nichtigkeit
des Aberglaubens an den Fortschritt...”.
„Als ich den Kopf sich vom Körper loslösen und in den Korb fallen sah,
begriff ich mit allen Fasern meines Seins, daß keine Theorie über die
Vernunft der bestehenden Ordnung eine solche Handlung rechtfertigen
konnte. Wenn selbst sämtliche Menschen des Weltalls sich auf irgendeine
Theorie stützten und etwas derartiges für nötig hielten, so wüßte ich
doch, daß es unrecht ist: denn nicht der Menschen Reden und Tun
entscheidet über Gut und Böse, sondern mein Herz.”[68]
In Luzern gibt ihm am 7. Juli 1857 der Anblick eines kleinen fahrenden
Sängers, dem die reichen englischen Hotelgäste des Schweizerhofs ein
Almosen verweigern, Anlaß zu einer Eintragung in sein „Tagebuch des
Fürsten Nekludow”[69], worin er seine Verachtung zum Ausdruck bringt
für alle die Gedankengänge, in denen sich diese angeblich Freisinnigen
gefallen, für diese Leute, die künstliche Grenzen zwischen Gut und Böse
ziehen.
„Für sie ist Kultur das Gute, Unkultur das Böse, Freiheit das Gute,
Sklaverei das Böse. Und dieses vermeintliche Wissen zerstört die besten
ursprünglichen Triebe. Und wer kann mir definieren, was Freiheit, was
Gewaltherrschaft, was Kultur und Unkultur ist? Und wo bestehen nicht Gut
und Böse nebeneinander? Es gibt nur einen unfehlbaren Führer in unserm
Innern, das ist die Nächstenliebe.”
Nach Rußland zurückgekehrt, beschäftigte er sich in Jasnaja von neuem
mit den Bauern. Nicht als ob er sich noch Illusionen über das Volk
gemacht hätte. Er schreibt:
„Die Verteidiger des Volkes und seines gesunden Menschenverstandes haben
gut reden, die Masse sei vielleicht die Vereinigung wackerer Leute; aber
dann vereinigen sie sich nur nach der tierischen, verächtlichen Seite,
die nur die Schwäche und Grausamkeit der menschlichen Natur
ausdrückt.”[70]
Deshalb wendet er sich auch nicht an die Masse, sondern an das
persönliche Gewissen eines jeden Menschen, eines jeden Kindes aus dem
Volk. Denn da liegt die Erleuchtung. Er gründet Schulen, ohne allzu viel
vom Lehren zu verstehen. Um es zu lernen, macht er eine zweite Reise
nach Europa, vom 3. Juli 1860 bis zum 23. April 1861[71].
Er studiert die verschiedenen pädagogischen Methoden. Braucht man zu
erwähnen, daß er sie alle verwirft? Ein zweimaliger Aufenthalt in
Marseille zeigte ihm, daß die wahre Belehrung des Volkes sich außerhalb
der Schule, die er lächerlich fand, durch Zeitungen, Museen,
Bibliotheken, die Straße und das Leben vollzog; er nennt sie „die
natürliche Schule”. Er will die natürliche Schule gründen, im
Gegensatz zur Zwangsschule, die er für unheilvoll und unbrauchbar
hält, und er versucht es damit bei seiner Rückkehr nach Jasnaja
Poljana[72]. Sein Grundsatz ist die Freiheit. Er läßt nicht zu, daß
eine Auslese, „die privilegierte, liberale Gesellschaft”, ihr Wissen
und ihre Irrtümer dem „Volk, das ihr fremd ist”, aufdrängt. Sie hat
dazu kein Recht. Diese Zwangserziehungsmethode hat auf der Universität
niemals „Männer hervorbringen können, wie sie die Menschheit braucht,
sondern Männer, wie sie die verderbliche Gesellschaft braucht: Beamte,
Lehrbeamte, Literaturbeamte oder Menschen, die man zwecklos aus ihrer
alten Umgebung herausgerissen hat, denen man die Jugend verdorben hat
und die keinen Platz im Leben finden: reizbare, angekränkelte
Fortschrittler”[73]. Es ist am Volk, zu sagen, was es will! Wenn es
nichts von der „Kunst des Lesens und Schreibens, die ihm die
Intellektuellen aufdrängen wollen”, hält, so hat es seine Gründe
dafür: es hat andere dringendere und gerechtfertigtere geistige
Bedürfnisse. Versucht sie zu verstehen und helft ihm sie zu
befriedigen.
Tolstoi versuchte diese Freiheitstheorien eines eingeschworenen
Revolutionärs, der er immer war, in Jasnaja, wo er sich mehr zum Schüler
als zum Lehrer seiner Zöglinge machte, in die Praxis umzusetzen[74].
Gleichzeitig bemühte er sich, den Landwirtschaftsbetrieb mit humanerem
Geist zu erfüllen. Als er 1861 zum Schiedsrichter im Distrikt Krapiwna
ernannt wurde, verteidigte er das Volk gegen den Mißbrauch der
Amtsbefugnis durch den Grundbesitzer und den Staat.
Aber man darf nicht glauben, daß diese soziale Tätigkeit ihn ganz
befriedigte und ausfüllte. Er blieb weiter die Beute widerstreitender
Leidenschaften. Obwohl er im Grunde gegen sie war, liebte er die große
Welt noch immer und brauchte sie. Zu Zeiten erfaßte ihn wieder die
Vergnügungssucht; oder vielleicht auch die Freude am Wagnis. Er setzte
sich auf Bärenjagden der Todesgefahr aus; er verspielte Riesensummen. Es
kam sogar vor, daß er unter den Einfluß des verachteten Petersburger
literarischen Kreises geriet. Nach solchen Verirrungen verfiel er in
einen Zustand des Ekels. Die Werke jener Zeit zeigen in übelster Weise
die Spuren dieser künstlerischen und moralischen Unsicherheit. „Zwei
Husaren” (1856) sind mit gewollter Eleganz in einem gezierten und
weltgewandten Stil geschrieben, der bei Tolstoi geradezu unangenehm
berührt. „Albert” (1857 in Dijon verfaßt) ist schwach und gesucht und
entbehrt der Tiefe und der Bündigkeit, die Tolstoi sonst eigen sind. Die
„Aufzeichnungen eines Marqueurs”, die knapper, aber etwas überhastet
wirken, scheinen den Ekel widerzuspiegeln, den Tolstoi sich selbst
einflößt. Der Fürst Nekludow, sein Doppelgänger, tötet sich in einem
verrufenen Lokal:
„Er hatte alles: Reichtum, Namen, Geist, kultivierte Neigungen; er hatte
kein Verbrechen begangen, aber er hatte Schlimmeres getan: er hatte sein
Herz, seine Jugend getötet; er hatte sich selbst verloren, ohne
irgendeine große Leidenschaft als Entschuldigung zu haben, nur aus
Mangel an Willenskraft.”
Selbst die Nähe des Todes ändert ihn nicht...