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Romain Rolland
Das Leben
Tolstois
[Illustration]
Mit sechzehn Abbildungen
Der Einband ist von Walter Tiemann
Neuerscheinung
Rütten & Loening
Frankfurt a. Main
Zur Einführung
_Tolstois heldenhafter Lebenskampf spielt sich wie der Michelangelos
in entsetzlicher Einsamkeit ab; denn auch er ist „einer der
Gewaltigen der Menschheit, zu denen die Nachwelt in Ehrfurcht
aufblickt, einer von denen, die Tröster fremder Einsamkeit waren,
Sieger der Welt und arme Besiegte zugleich”. Tolstoi schafft sich
sein Verhängnis selbst aus freiem, bewußtem Willen. Sein Peiniger
ist das Gewissen, sein Dämon der unerbittliche Drang nach Wahrheit.
Für alle schaffend, ist er mit sich allein, und leidend für seinen
Glauben, leidet er für die ganze Menschheit. So zeichnet Rolland das
Lebensbild Tolstois und gibt uns mit diesem erhebenden Buche aufs
neue Trost und Stärkung in den schlimmen Nöten unserer Zeit._
RÜTTEN & LOENING
FRANKFURT A. MAIN
[Illustration: Tolstoi nach einem Bildnis von Kramskoi]
ROMAIN ROLLAND
DAS
LEBEN TOLSTOIS
HERAUSGEGEBEN
VON
WILHELM HERZOG
1922
$LITERARISCHE ANSTALT$
$RÜTTEN & LOENING$
FRANKFURT AM MAIN
Die Übersetzung ist von O. R. Sylvester
Druck der Spamerschen
Buchdruckerei in Leipzig
250 Exemplare wurden auf holzfreies Papier gedruckt
und in Halbleder gebunden.
VORWORT
I.
Romain Rolland hat es vor zehn Jahren -- unmittelbar nach Tolstois Tode
-- unternommen, Leben und Werk eines der drei großen Männer
darzustellen, die in Europa den Geist am Ende des 19. Jahrhunderts und
zu Beginn des 20. Jahrhunderts tief beeinflußt haben. Dieses Dreigestirn
leuchtet und glänzt noch heute unvermindert. Und die junge Generation
blickt -- obwohl drängendere aus dem Weltkampf geborene soziale Probleme
gebieterisch Lösung fordern -- zu den drei großen Fanatikern des
Erkennens und Fühlens empor. Neben Nietzsche, dem dionysischen Kritiker,
und Strindberg, dem durch alle Höllen dieser Welt Gejagten, steht
Tolstoi, der Bekenner, Ankläger und Apostel. Ihre Stellung zu Christus
kennzeichnet vielleicht am deutlichsten einen wesentlichen Teil ihres
Ichs. Alle drei rangen mit ihm. Nietzsche wurde sein gefährlichster
Feind (stolz nannte er sich den Antichristen); Strindberg haderte zeit
seines Lebens mit ihm, unterwarf sich, beugte die Knie, um als Rebell
wieder aufzustehen; nur Tolstoi fühlte sich eins, so eins mit ihm, daß
er, ein russischer Junker des 19. Jahrhunderts, der Urchrist selbst zu
sein sich vermaß.
Wer war er in Wirklichkeit? -- Ein Mensch mit seinem Widerspruch. Kein
ausgeklügelt Buch. Sohn eines zaristischen Offiziers und Rousseaujünger;
Ketzer und Büßer; Bauer und Weltmann; schwächlich und zäh; ausschweifend
und asketisch; eitel und demütig; hemmungslos und selbstkritisch; klarer
Erkenner und ewiger Illusionist; anarchistisch und konservativ; Pionier
und Reaktionär; Feind der Intellektuellen und selbst ein Geistiger; wild
und zart; draufgängerisch und furchtsam; weise und kindlich.
Lebenskräftig wie ein gesunder Bauer und von Selbstmordgedanken und
Todessehnsucht gequält wie ein morbider Ästhet. Ein Phantast und der
helläugigste Realist der modernen Literatur. Immer: ein Fanatiker, ein
Besessener. Kurz: ein toller Kerl.
II.
Wie hat ihn Rolland gesehen? -- Er schreibt als einundzwanzigjähriger
Pariser Student -- in der Not seines Herzens -- einen Brief an
Tolstoi, den Sechzigjährigen, dessen Pamphlet gegen die Kunst und
die Künstler gerade alle jungen, vor der Verlogenheit der Zeit und
der Gesellschaft sich ekelnden Geister in Europa aufgerüttelt hatte.
Tolstois Aufklärungsbroschüre „Was sollen wir denn tun?” hatte den
jungen Rolland nicht genügend aufgeklärt. Er wollte mehr.
Das Ziel war schon damals: Einheit zwischen Leben und Denken. Aber wie?
Der Wahrheitsrigorist, zu dem die jungen Sucher und Stürmer unter den
ernsten Künstlern als zu ihrem Führer emporschauten, klagte die Kunst
an, verachtete und schmähte die reinsten und mächtigsten Bildner,
Beethoven und Shakespeare? Unüberbrückbarer Gegensatz. Wo war seine
Lösung?
Tolstoi empfängt den Brief des aus seiner Gewissensqual um Hilfe
flehenden jungen Rolland anders als der sechzigjährige Goethe das
rührende Schreiben des Dichters der „Penthesilea”. Er antwortet ihm in
einem achtunddreißig Seiten langen Schreiben, das mit den Worten
beginnt: Lieber Bruder, ich habe Ihren ersten Brief empfangen. Er hat
mich im Herzen berührt. Mit Tränen in den Augen habe ich ihn
gelesen...” Die Mehrzahl seiner Fragen, erwidert Tolstoi, hätten
ihre Wurzeln in einem Mißverständnis. Und er versucht noch einmal
die von ihm gegen die Überschätzung der Kunst gerichtete Kritik dem
jugendlichen Wahrheitsforscher auseinanderzusetzen. Schon in seiner
Abhandlung hatte er sich gegen die fragwürdigen Verteidiger der
Kunst mit den Worten gewandt: „Sagt mir nicht etwa, daß ich Kunst
und Wissenschaft verwerfe. Ich verwerfe sie nicht nur nicht, sondern
in ihrem Namen will ich die Tempelschänder verjagen.” Wissenschaft
und Kunst seien so notwendig wie Brot und Wasser, sogar noch
notwendiger. Aber daß sie ein Lügenleben führen wollen, daß sie den
Dualismus zwischen Leben und Handeln fördern, daß sie sich zu
„Mitverschworenen des ganzen bestehenden Systems gesellschaftlicher
Ungleichheit und heuchlerischer Gewalttätigkeit” erniedrigen, daß
sie als Forscher, Dichter, Künstler sich stets zu Stützen der gerade
herrschenden Klasse degradieren, das ist es, was die Verachtung des
Wahrheitsfanatikers hervorrief. „Die Betätigung von Wissenschaft und
Kunst ist nur fruchtbringend, wenn sie sich kein Recht herausnimmt
und nur Pflichten kennt... Die Menschen, die berufen sind, den
anderen durch Geistesarbeit zu dienen, leiden immer in der Ausübung
dieser Arbeit; denn die geistige Welt gebiert nur in Schmerzen und
Qualen.” Das war es, was die jungen Künstler mit Tolstoi verband:
sein Ernst, sein Leidenkönnen, seine Kompromißfeindschaft, seine
Unbestechlichkeit, sein absoluter Wahrheitsrigorismus. Das war es,
was den jungen Rolland zu Tolstoi hinzog, kurz nachdem er dessen
aufwühlende Schrift 1887 gelesen hatte. Das war es, was ihn fast
fünfundzwanzig Jahre später dazu drängte, das tragische Leben dieses
im Grunde Einsamen zu malen.
III.
Rolland ist kein Schönfärber. Er schminkt das Porträt seines Helden
nicht an, um ihn liebenswerter oder heldischer wirken zu lassen. Er
zeichnet und malt ihn mit all seinen Flecken, Runzeln, Häßlichkeiten,
mit seinen Schwächen, Irrtümern und Lastern. Er macht keinen Popanz von
Tugenden aus ihm. Sondern: er gibt diesen immer von Leidenschaften
geschüttelten Menschen mit seinen erstaunlichen Gaben, Fähigkeiten,
Vorzügen, mit seinem Reichtum an Ideen, Mut, Willenskraft, mit seiner
Intensität zu denken, zu fühlen, zu arbeiten, und er gibt den
Schwächling, den Schwankenden, den Verzweifelnden, der sich selbst
verachtet, den leichtfertig Urteilenden, der irrt und übertreibt, den
Ungerechten, der sich einbildet, immer gerecht zu sein. Kurz: den
Menschen Tolstoi in seinen Höhen und seinen Niederungen.
Was Tolstoi für die junge Generation Frankreichs und Deutschlands um
1890 geworden war, das wurde nicht wenigen unter uns Romain Rolland
während der Jahre 1914-1918: der erste Bekenner, der Aufrüttler, der
Feind dieser wahnwitzigen „Ordnung”, die Stimme des Gewissens in
Europa. Und wie er zu Tolstoi in seiner Not pilgerte, so
wallfahrteten zu ihm Hunderte und Tausende, die sich in dieser Welt
nicht mehr zurechtfanden. Er enttäuschte sie nicht. Er antwortete
ihnen, wie einst Tolstoi ihm geantwortet hatte. Unbeirrbar blieb
sein Kampf.
Tolstoi und Rolland. Zwei Verwandte im Geiste, und zwei durch Rasse,
Generationen und Welten Getrennte. Der 1828 im Gouvernement Tula
geborene Graf und der 1866 als Sohn eines Notars im burgundischen
Departement Nièvre auf diese Welt gekommene Rolland sind als Künstler,
Moralisten, Geistesmenschen so verschieden voneinander wie die russische
Steppe vom Acker Frankreichs. Und dennoch durchströmt beide ein und
derselbe menschliche Geist, die Liebe zur Vernunft und der Wille zur
Güte. Es ist der Geist der Befreiung des Menschen aus jahrtausendelanger
Knechtschaft unter der Tyrannei der Lüge und der Heuchelei, der Geist
der Welterneuerung. Sie gehören zu seinen edelsten und mächtigsten
Kündern.
Und dennoch... Rolland hat recht, wenn er am Ende seines „Tolstoi” die
melancholische Frage aufwirft, woran es lag, daß der unerbittliche
Apostel der Menschenliebe sein eigenes Leben nicht vollständig mit
seinen Grundsätzen in Einklang bringen konnte. Hier berühren wir die
empfindlichste Stelle seiner letzten Jahre, stellt Rolland fest. Wir
dürfen heute um so weniger daran vorübergehen: nach dem Ungeheuerlichen
der letzten Jahre. Worin wurzelte dieser Dualismus dieses unerbittlichen
Geistes, der wie kein zweiter die Identität von Geist und Tat forderte?
Er hat es selbst einmal angedeutet. Erst als Vierundfünfzigjähriger --
im Jahre 1882 -- bei einer Volkszählung, an der er mitwirkte, sah er das
soziale Elend, in dem die Massen der großen Städte leben müssen, in
nächster Nähe. Rolland schreibt: „Der Eindruck, den es auf ihn machte,
war erschreckend. Am Abend des Tages, an dem er zum erstenmal mit dieser
verborgenen Wunde der Zivilisation in Berührung gekommen war und einem
Freunde erzählte, was er gesehen hatte, hub er an, zu klagen, zu weinen
und die Faust zu ballen.”
Er blieb zwar bei diesen Gefühlsausbrüchen gegen das Unrecht nicht
stehen. Im Gegenteil: er erkannte bereits, daß die Elenden die Opfer
jener Zivilisation waren, an deren Vorrechten er teilhatte, „jenes
Molochs, dem eine auserwählte Kaste Millionen von Menschen opferte”.
„Und Glied um Glied entrollt sich ihm” -- schreibt Rolland -- „die
fürchterliche Kette der Verantwortlichkeit. Zunächst die Reichen und das
Gift ihres verfluchten Luxus, der lockt und verdirbt”. Das
fürchterlichste und unaufschiebbare Problem unserer Tage hat Tolstoi
also gesehen, aber nicht zu Ende durchgedacht, sondern nur schmerzhaft
gefühlt. Mit der Leidenschaft seines Herzens sah er die Verbrechen und
Lügen der Zivilisation. Er suchte ihnen durch Anklage und schonungslose
Kritik beizukommen. Ja, in einem von Rolland zitierten Briefe aus dem
Jahre 1887 glaubt er urplötzlich den Kern des Problems mit der genialen
Intuition, die ihm eigen war, zu entdecken: „Das ganze Übel von heute
kommt daher, daß die sogenannten zivilisierten Leute, denen die
Gelehrten und Künstler zur Seite stehen, eine privilegierte Klasse sind,
wie die Priester. Und diese Kaste hat alle Fehler einer jeden Kaste.”
Tolstoi hat aus dieser Erkenntnis keine Folgerungen gezogen. Er blieb
ein anarchistischer Individualist (mit stark kommunistischen Zügen).
Einer, der gegen die cyklopischen Mauern dieser wahnwitzigen
Gesellschaft immer wieder anrennend sich verschwendete und der sich
schließlich aufrieb... Ein furchtloser Unterminierer der verlogenen und
verbrecherischen „Kultur”.
Er aber, der Seher einer neuen Kunst für eine Menschheitsgemeinschaft,
einer Kunst also, die nicht mehr Eigentum einer einzelnen Klasse sein
wird, blieb mit sich allem, verlassen von seinen Nächsten, unzufrieden
mit sich selbst... Er ging in die Wüste...
WILHELM HERZOG
Das Licht, das mit Tolstoi erlosch, war für unsere Generation das
klarste, das unsere Jugend erhellte. In der schwerumschatteten Dämmerung
zu Ende des 19. Jahrhunderts war er der trostbringende Stern, dessen
Anblick unsere Seelen anzog und ihnen Frieden gab. Aus dem Kreis derer,
für die Tolstoi weit mehr war als ein verehrter Dichter, für die er der
beste -- und für viele der einzige wirkliche -- Freund in der ganzen
europäischen Kunstwelt war, möchte ich diesem geheiligten Andenken
meinen Zoll der Dankbarkeit und Liebe entrichten.
Die Tage, da ich seine Werke kennenlernte, werden nie aus meinem
Gedächtnis schwinden. Es war 1886. Nach einigen Jahren stillen Keimens
brachen die wunderbaren Blüten russischer Kunst aus dem Boden
Frankreichs hervor. Die Übersetzungen Tolstois und Dostojewskis
erschienen mit fieberhafter Hast gleichzeitig in allen Verlagshäusern.
Von 1885-1887 wurden in Paris „Krieg und Frieden”, „Anna Karenina”,
„Kindheit und Knabenalter”, „Polikuschka”, „Der Tod des Iwan
Iljitsch”, „Geschichten aus dem Kaukasus” und die
„Volkserzählungen” veröffentlicht. Innerhalb einiger Monate, einiger
Wochen, breitete sich vor unseren Augen das Werk eines ganzen
großen Lebens aus, in dem sich ein Volk, eine neue Welt spiegelte.
Ich war damals gerade in die „Ecole Normale” eingetreten. Wir Kameraden
waren sehr verschieden voneinander. In unserer kleinen Gruppe, die
realistische und ironische Geister wie den Philosophen George Dumas,
Dichter, die in Liebe zur italienischen Renaissance glühten, wie Suarès,
Anhänger der klassischen Tradition, Stendhalianer und Wagnerianer,
Atheisten und Mystiker umfaßte, in dieser Gruppe gab es häufig
Wortgefechte, kamen häufig Mißstimmungen auf; aber während einiger
Monate einte uns die Liebe zu Tolstoi fast alle. Jeder liebte ihn
zweifellos aus einem anderen Grunde; denn jeder fand sich selbst in ihm
wieder, und für alle war er die Pforte, die ins unermeßliche All führte,
die Offenbarung des Lebens. Um uns her, in unseren Familien, unseren
Provinzen erweckte die gewaltige Stimme, die von den äußersten Grenzen
Europas her ertönte, zuweilen ganz unerwartet, dieselben Sympathien. Ich
entsinne mich, daß ich einmal zu meinem größten Erstaunen Leute aus
meiner Niverner Heimat, die sich keineswegs für Kunst interessierten und
fast nichts lasen, mit verhaltener Rührung über den „Tod des Iwan
Iljitsch” reden hörte.
Ich habe bei hervorragenden Kritikern die Behauptung gelesen, Tolstoi
verdanke seine besten Eingebungen unseren romantischen Schriftstellern:
George Sand und Victor Hugo. Ohne darüber zu streiten, daß man wohl
kaum von einem Einfluß der George Sand auf Tolstoi sprechen kann --
zumal da er sie nicht ausstehen konnte --, und ohne den viel
tatsächlicheren Einfluß, den Rousseau und Stendhal auf ihn ausübten, zu
leugnen, wäre es doch falsch, die Größe Tolstois und seine Macht, uns zu
fesseln, seinen Ideen zuschreiben zu wollen. Der Ideenkreis, in dem sich
seine Kunst bewegt, ist eng begrenzt. Tolstois Stärke beruht nicht in
den Ideen, sondern im Ausdruck, den er ihnen gibt, in dem persönlichen
Ton, der Prägung des Künstlers, der Atmosphäre, in der er lebt.
Ob die Ideen Tolstois entlehnt waren oder nicht -- wir werden später
noch darauf zurückkommen --, es ist noch niemals in Europa eine Stimme
erklungen, die seiner gleich gekommen wäre. Wie anders sollte man den
Schauer der Erregung erklären, der uns damals befiel, als wir diese
Seelenmusik hörten, auf die wir so lange gewartet hatten und die uns so
sehr not tat. Die Mode sprach bei unserem Gefühl nicht mit. Die meisten
von uns, auch ich, lernten das Buch von Eugen Melchior de Vogüé über den
russischen Roman erst kennen, nachdem sie Tolstoi gelesen hatten; und
seine Bewunderung erschien uns matt im Vergleich zu unserer. De Vogüé
urteilte hauptsächlich als großer Literaturkenner. Aber für uns genügte
es nicht, das Werk zu bewundern, wir lebten es, es war unser. Unser
durch seinen brennenden Lebenshunger, durch sein jugendliches Fühlen.
Unser durch seine Ironie, die uns die Binde von den Augen nahm, durch
seinen schonungslosen Scharfblick, sein Wissen um den Tod. Unser durch
seine Träume von brüderlicher Liebe und Frieden unter den Menschen.
Unser durch seine furchtbare Anklage gegen die Lügen der Zivilisation.
Durch seinen Realismus und seinen Mystizismus. Durch seinen Erdgeruch,
seinen Sinn für die unsichtbaren Mächte und sein Erschauern vor dem
Unendlichen.
Diese Bücher sind vielen von uns das gewesen, was der „Werther” seiner
Generation war: der wundervolle Spiegel unserer Liebeskräfte und unserer
Schwächen, unserer Hoffnungen, unserer Schrecken und unserer
Entmutigungen. Es machte uns weder Sorge, alle diese Widersprüche in
Einklang miteinander zu bringen, noch diese vielgestaltige Seele, in der
das Weltall widerhallte, in enge religiöse oder politische Kategorien zu
zwängen, wie es die meisten tun, die in letzter Zeit über Tolstoi
gesprochen haben, weil sie sich nicht von dem Streit der Parteien
freimachen konnten und ihn nach der Stärke ihrer eigenen Leidenschaften,
nach dem Maßstab ihrer sozialistischen oder klerikalen Kreise
beurteilten. Als ob unsere Kreise den Gradmesser für ein Genie abgeben
könnten!... Was gilt es mir, ob Tolstoi meiner Partei angehört oder
nicht! Kümmert es mich, zu welcher Partei Dante und Shakespeare
gehörten, wenn ich einen Hauch ihres Geistes spüre und ihr Licht in
mich aufnehme?
Wir sagten uns keineswegs wie diese Kritiker von heute: „Es gibt zwei
Tolstoi, den vor dem Wendepunkt und den nach dem Wendepunkt; der eine
ist der gute, und der andere ist es nicht.” Für uns gab es nur $einen$,
und wir liebten ihn restlos. Denn wir fühlten instinktiv, daß in solchen
Herzen alles übereinstimmt, alles in Verbindung miteinander steht.
* * * * *
Was wir mit dem Instinkt fühlten, ohne es uns erklären zu können, das
soll unser Verstand heute beweisen. Heute können wir es, nachdem dieses
lange Leben sein Ende erreicht hat und sich den Augen aller
unverschleiert mit beispielloser Offenheit und Aufrichtigkeit darbietet.
Was uns sofort auffällt, ist, wie sehr sein Leben sich von Anfang bis zu
Ende gleich blieb, trotz der Schranken, die man von Strecke zu Strecke
hat aufrichten wollen, -- trotz Tolstoi selbst, der, wenn er liebte,
wenn er glaubte, wie alle leidenschaftlichen Menschen geneigt war zu
meinen, daß er zum erstenmal liebe, zum erstenmal glaube, und jedesmal
von da ab den Anfang seines Lebens datierte. Den Anfang und immer wieder
den Anfang. Wie oft hat sich dieselbe Umwälzung, derselbe Kampf in ihm
abgespielt! Man kann nicht von der Einheit seines Denkens sprechen es
gab nie eine solche --, wohl aber von dem Vorhandensein der
verschiedenen Elemente in ihm, die bald miteinander verbündet, bald
einander feindlich, öfter aber einander feindlich waren. Die Einheit
beruht weder im Geist noch im Herzen eines Tolstoi, sie beruht im Kampf
der Leidenschaften in ihm, in der Tragödie seiner Kunst und seines
Lebens.
Kunst und Leben sind vereinigt. Nie waren Werk und Leben inniger
vermählt; das Werk hat beinahe durchgängig autobiographischen Charakter;
von seinem fünfundzwanzigsten Lebensjahr an läßt es uns Tolstoi Schritt
für Schritt in den widerspruchsvollen Erfahrungen seiner abenteuerlichen
Laufbahn verfolgen. Sein Tagebuch, das er vor seinem zwanzigsten Jahre
begann und bis zu seinem Tode[1] fortgeführt hat, die Angaben, die er
Birukow[2] zu dessen bedeutender Tolstoibiographie machte,
vervollständigen diese Kenntnis und geben uns nicht nur Gelegenheit,
beinahe Tag für Tag in Tolstois Innerem zu lesen, sie lassen uns auch
die Welt, in der sein Genie wurzelte, und die Seelen, von denen seine
Seele zehrte, wiedererstehen.
Ein reiches Erbe. Von beiden Seiten ein sehr vornehmes und sehr altes
Geschlecht -- die Tolstoi und die Wolkonski --, die sich rühmten, bis
auf Rurik zurückzureichen, und ihren Stammbaum auf Waffenbrüder Peters
des Großen, auf Generäle aus dem Siebenjährigen Krieg, Helden aus den
napoleonischen Kämpfen, Dekabristen und politische Verbannte
zurückführten. Familienerinnerungen, denen Tolstoi einige seiner
eigenartigsten Gestalten in „Krieg und Frieden” verdankt: der alte
Fürst Wolkonski, sein Großvater mütterlicherseits, ein später
Repräsentant jener von Voltaireschem Geist durchsetzten,
selbstherrlichen Aristokratie zur Zeit Katharinas II.; Fürst
Nikolaus Gregorewitsch Wolkonski, ein Vetter seiner Mutter, der bei
Austerlitz verwundet und vor den Augen Napoleons vom Schlachtfeld
aufgelesen wurde wie der Fürst Andrej; sein Vater, der einige Züge
von Nikolaus Rostow[3] hatte; seine Mutter, die Prinzessin Marie,
die sanfte Häßliche mit den schönen Augen, deren Güte „Krieg und
Frieden” durchleuchtet.
Er kannte seine Eltern kaum. Die reizenden Schilderungen in „Kindheit
und Knabenalter” enthalten, wie man weiß, wenig Tatsächliches. Seine
Mutter starb, als er noch nicht zwei Jahre alt war. Er konnte sich
demnach nicht des geliebten Angesichts erinnern, das sich der kleine
Nikolaus Irtenjew durch einen Schleier von Tränen hindurch
heraufbeschwört, jenes Angesichts mit dem strahlenden Lächeln, das
Freude um sich verbreitete...
„Ach, wenn ich dieses Lächeln in schweren Augenblicken sehen könnte,
dann wüßte ich nicht, was Kummer ist...”[4].
Aber sie vererbte ihm zweifellos ihren vollkommenen Freimut, ihre
Gleichgültigkeit gegen die öffentliche Meinung und, wie man uns
versichert, ihre wundervolle Begabung, selbsterfundene Geschichten zu
erzählen.
An seinen Vater hatte er immerhin einige Erinnerungen. Er war ein
liebenswürdiger Spötter mit traurigen Augen, der in unabhängiger
Stellung und bar jeden Ehrgeizes auf seinen Gütern lebte. Tolstoi war
neun Jahre alt, als er ihn verlor. Dieser Todesfall „brachte ihm zum
erstenmal die rauhe Wirklichkeit zum Bewußtsein und erfüllte sein Herz
mit Verzweiflung”[5]. Es war das erste Zusammentreffen des Kindes mit
dem Schreckgespenst, dessen Bekämpfung ein Teil seines Lebens und dessen
Verklärung und Verherrlichung der andere gewidmet sein sollte... Spuren
dieser Angst kommen in einigen unvergeßlichen Zügen der letzten Kapitel
der „Kindheit” zum Ausdruck, wo die Erinnerungen auf die Erzählung vom
Tode und vom Begräbnis der Mutter übertragen sind.
In dem alten Hause in Jasnaja Poljana[6] blieben fünf Kinder zurück, in
dem Hause, in dem Leo Nikolajewitsch am 28. August 1828 geboren wurde,
und das er, nur um zu sterben, erst zweiundachtzig Jahre später
verlassen sollte. Das jüngste, ein Mädchen, namens Marie, die später
Nonne wurde (bei ihr suchte der sterbende Tolstoi ein Obdach, als er
seinem Hause und den Seinen entfloh). -- Vier Söhne: Sergius, ein
liebenswürdiger Egoist, „aufrichtig bis zu einem Grade, wie ich es
niemals gesehen habe”. Dmitri, ein verschlossener Mensch voller
Leidenschaft, der sich später als Student mit Ungestüm religiösen
Übungen hingab, unbekümmert um die öffentliche Meinung, der fastete, den
Armen half, den Siechen Zuflucht gewährte, sich aber plötzlich mit
derselben Heftigkeit der Ausschweifung in die Arme warf, dann, von Reue
zernagt, ein junges Mädchen, das er aus einem öffentlichen Hause kannte,
loskaufte und bei sich aufnahm, und der mit neunundzwanzig Jahren an der
Schwindsucht starb[7]. -- Nikolaus, der Älteste, der Lieblingsbruder,
der von der Mutter die Begabung, Geschichten zu erzählen, geerbt
hatte[8], ironisch, schüchtern und feinfühlig veranlagt, später Offizier
im Kaukasus, wo er sich das Trinken angewöhnte. Auch er war voll
christlicher Nächstenliebe, lebte in den bescheidensten Verhältnissen
und teilte mit den Armen alles, was er hatte. Turgenjew sagte von ihm,
daß er „jene Demut dem Leben gegenüber in die Praxis übertrug, die
sein Bruder Leo in der Theorie zu entwickeln sich begnügte”.
Im Hause dieser Waisen waren zwei großherzige Frauen. Die eine war die
Tante Tatjana[9], die, wie Tolstoi sagt, „zwei Tugenden besaß: Ruhe des
Gemüts und Liebe”. Ihr ganzes Leben war nichts als Liebe. Sie opferte
sich unaufhörlich...
„Durch sie habe ich die sittliche Befriedigung, die Liebe gibt,
kennengelernt.”
Die andere war die Tante Alexandra, die allen half und nie Hilfe wollte,
die ohne Dienstboten auskam, und deren Lieblingsbeschäftigung darin
bestand, Lebensbeschreibungen von Heiligen zu lesen und sich mit Pilgern
und „Einfältigen” zu unterhalten. Von diesen „Einfältigen” lebten
mehrere im Haus. Eine von ihnen, eine alte Wallfahrerin, die Psalmen
leierte, war die Patin von Tolstois Schwester. Ein anderer, der
„Einfältige” Grischa, konnte nichts als beten und weinen...
„O, guter Christ Grischa! Dein Glaube war so stark, daß du die Nähe
Gottes fühltest, deine Liebe war so heiß, daß deine Worte den Lippen
entschlüpften, ohne daß dein Verstand sich Rechenschaft darüber gab. Und
da du Gottes Herrlichkeit verehrtest und nicht Worte dafür fandest,
warfst du dich tränenüberströmt zu Boden!”[10]
Wer sähe nicht den Anteil, den alle diese bescheidenen Seelen an der
Entwicklung Tolstois hatten? Es ist, als ob eine von ihnen das Vorbild
zum Tolstoi der letzten Jahre abgegeben habe. Ihre Gebete, ihre Liebe
legten in den Geist des Kindes die Saatkörner des Glaubens, deren Ernte
der Greis reifen sehen sollte. Außer von dem „Einfältigen” Grischa
spricht Tolstoi in seinen Erzählungen aus der „Kindheit” nicht von
diesen bescheidenen Mitarbeitern, die seine Seele aufbauen halfen. Aber
wie leuchtet dafür diese Kindesseele durch das ganze Buch, „dieses reine
und liebevolle Herz, gleich einem hellen Strahl, das immer bei den
anderen die besten Eigenschaften herausfand”, diese außergewöhnliche
Empfindsamkeit! Ist er glücklich, dann denkt er an den einzigen
Menschen, den er unglücklich weiß, er weint und möchte sich für ihn
aufopfern. Er umarmt ein altes Pferd und bittet es um Verzeihung, daß er
ihm Leid zugefügt hat. Er ist glücklich zu lieben, selbst wenn er nicht
geliebt wird. Schon bemerkt man den Keim seines späteren Genies, seine
lebhafte Einbildungskraft, die ihn bei seinen eigenen Geschichten zum
Weinen bringt, sein immer arbeitendes Hirn, das stets zu ergründen
sucht, an was die Leute denken, seine frühreife Beobachtungsgabe und
sein weit zurückreichendes Gedächtnis[11], den aufmerksamen Blick, der
mitten in seiner eigenen Trauer die Gesichter auf die Echtheit ihres
Schmerzes prüft. Mit fünf Jahren fühlte er, wie er sagt, zum erstenmal,
daß „das Leben kein Vergnügen, sondern ein ernstes Geschäft
ist”[12].
Glücklicherweise vergaß er es wieder. Zu jener Zeit vertiefte er sich in
volkstümliche Erzählungen, in russische Bylinen, jene mythen- und
sagenhaften Träume, in biblische Geschichten -- vor allem die erhabene
Josephslegende, die er als alter Mann noch als das Muster aller Kunst
bezeichnet, -- und in Geschichten aus „Tausendundeine Nacht”, die jeden
Abend im Hause seiner Großmutter ein blinder Erzähler, auf dem
Fenstersims sitzend, vortrug.
Er studierte in Kasan[13] mit mäßigem Erfolg. Man sagte von den drei
Brüdern[14]: „Sergius will und kann, Dmitri will und kann nicht, Leo
will nicht und kann nicht.”
Er machte die Zeit durch, die er „die Wüste der Jugend” nennt, eine
Sandwüste, über die stoßweise sengende Winde wehen. Die Geschichten aus
den Knaben- und Jünglingsjahren sind reich an Bekenntnissen
persönlichster Art aus dieser Zeit. Er ist allein. Sein Hirn ist in
einem Zustand ununterbrochenen Fiebers. Während eines Jahres entdeckt er
von sich aus alle Systeme und versucht sich darin[15]. Als Stoiker
unterwirft er sich körperlichen Qualen. Als Epikureer gibt er sich der
Ausschweifung hin. Dann glaubt er an Seelenwanderung, um schließlich in
einen sinnlosen Nihilismus zu verfallen: es scheint ihm, daß er dem
Nichts ins Auge schauen kann, wenn er sich nur schnell genug danach
umdreht. Er analysiert sich und analysiert sich...
„Ich dachte nicht mehr an irgendeine Sache, ich dachte, daß ich an
irgendeine Sache dachte[16].”
Diese fortgesetzte Selbstzergliederung, diese Denkmaschine, die sich im
leeren Raum dreht, bleibt ihm wie eine gefährliche Gewohnheit, die, wie
er äußert, ihm oft im Leben schadete, aus der aber seiner Kunst
unerhörte Hilfsquellen flossen[17].
Bei diesem Beginnen hatte er seine ganzen Überzeugungen eingebüßt; so
glaubte er wenigstens. Mit sechzehn Jahren hörte er auf zu beten und in
die Kirche zu gehen[18]. Aber sein Glaube war nicht tot, er glimmte nur
im Verborgenen weiter:
„Trotzdem glaubte ich an etwas. An was? Das könnte ich nicht sagen. Ich
glaubte noch an Gott, oder vielmehr, ich leugnete ihn nicht. Aber was
für einen Gott? Das wußte ich nicht. Ich leugnete auch Christum und
seine Lehre nicht, aber worin diese Lehre bestand, hätte ich nicht sagen
können[19].”
Für Augenblicke träumte er davon, Gutes zu tun. Er wollte seinen Wagen
verkaufen, den Erlös den Armen geben, ihnen den Zehnten seines Vermögens
opfern, sich ohne Dienstboten behelfen... „denn es sind Menschen wie
ich[20]”. Er schrieb während seiner Krankheit[21] „Lebensregeln”
nieder. Darin weist er naiv auf die Pflicht hin, „alles zu studieren
und alles zu ergründen: Rechtslehre, Medizin, Sprachen,
Landwirtschaft, Geschichte, Geographie, Mathematik, den höchsten
Grad der Vollendung in der Musik und in der Malerei zu erreichen”
usw. Er hatte „die Überzeugung, daß das Schicksal des Menschen in
seiner unablässigen Vervollkommnung liege”.
Aber von den Leidenschaften seiner Jugend, von ungestümer Sinnlichkeit
und grenzenloser Eigenliebe[22] getrieben, irrte dieser Glaube an die
Vollkommenheit unvermerkt ab, verlor seinen selbstlosen Charakter und
wurde praktisch und materiell. Wenn er seinen Willen, seinen Körper und
seinen Geist vervollkommnen wollte, so geschah es nur, um die Welt zu
besiegen und Liebe einzuflößen[23]. Er wollte gefallen.
Das war nicht leicht. Er war damals von affenähnlicher Häßlichkeit: ein
rohes, langes und derbes Gesicht, kurze, tief in die Stirn gewachsene
Haare, kleine Augen, die einen aus dunklen Höhlen hart anblitzten, eine
breite Nase, aufgeworfene Lippen und riesige Ohren[24]. Da er sich über
diese Häßlichkeit, die ihn schon als Kind beinahe zur Verzweiflung
gebracht hatte[25], nicht täuschen konnte, gedachte er das Ideal eines
„erstklassigen Menschen” zu verwirklichen[26]. Um es wie die anderen
„erstklassigen Menschen” zu machen, ließ er sich durch dieses Ideal
zum Spiel, zum unsinnigen Schuldenmachen, zur vollkommenen
Ausschweifung verführen[27].
Etwas rettete ihn immer wieder: seine unbedingte Aufrichtigkeit.
„Weißt du, warum ich dich lieber habe als all die andern?” sagt
Nekludow zu seinem Freund. „Du hast eine erstaunliche und seltene
Eigenschaft: die Offenheit.”
„Ja, ich sage immer Dinge, die mir selbst einzugestehen ich mich
schäme.”[28]
Wegen seiner schlimmsten Verirrungen verurteilt er sich mit
schonungslosem Scharfblick.
„Ich lebe geradezu tierisch,” schreibt er in sein Tagebuch, „ich bin
völlig niedergedrückt.”
[Illustration:
Sergej Nicolai Dmitri Leo
Tolstoi mit seinen Brüdern nach der Rückkehr aus dem Kaukasus, vor der
Abfahrt zur Don-Armee im Jahre 1854]
Und bei seiner Sucht zu analysieren zeichnet er die Ursachen seiner
Irrungen bis aufs kleinste auf:
1. Unentschlossenheit oder Mangel an Tatkraft.
2. Selbstbetrug.
3. Unbesonnenheit.
4. Falsche Scham.
5. Schlechte Laune.
6. Unordnung.
7. Nachahmungssucht.
8. Wankelmut.
9. Unüberlegtheit.
Mit demselben Freimut des Urteils bekrittelt er noch als Student
die gesellschaftlichen Sitten und die Verbohrtheiten der
Intellektuellen. Er macht sich über die Universitätswissenschaft
lustig, weist ganz ernsthaft die historischen Studien zurück und
läßt sich für die Kühnheit seiner Anschauungen einsperren. -- In
dieser Zeit entdeckt er Rousseau: die „Bekenntnisse”, den „Emil”.
Das trifft ihn wie ein Donnerschlag.
„Ich trieb Kultus mit ihm. Ich trug sein Konterfei im Medaillon um den
Hals wie ein Heiligenbild.”[29]
Seine ersten philosophischen Versuche sind Erläuterungen zu Rousseau
(1846-1847).
Aber er wird der Universität und der „erstklassigen Menschen” so
überdrüssig, daß er nach Jasnaja Poljana zurückkehrt und sich in seine
Felder vergräbt (1847 bis 1851); er nimmt wieder Fühlung mit dem Volk
und will ihm helfen, will sein Wohltäter und Erzieher sein. Seine
Erfahrungen aus jener Zeit verwertet er in einem seiner ersten Werke,
dem „Morgen des Gutsherrn” (1852), einer bemerkenswerten Novelle, deren
Held Fürst Nekludow ist[30], ein Deckname, hinter dem sich Tolstoi mit
Vorliebe verbirgt.
Nekludow ist 20 Jahre alt. Er hat das Universitätsstudium aufgegeben, um
sich seinen Bauern zu widmen. Ein Jahr lang arbeitet er daran, ihnen
Gutes zu tun, und wir sehen ihn, wie er sich, bei einem Besuch im Dorf,
von der sorglosen Gleichgültigkeit, dem eingewurzelten Mißtrauen, der
Gerissenheit, dem Leichtsinn, dem Laster und der Undankbarkeit
abgestoßen fühlt. Alle seine Bemühungen sind vergeblich. Er kehrt
entmutigt zurück und sinnt über seine Träume nach, die er noch vor einem
Jahre hegte, über seine edelmütige Begeisterung, „seine damalige
Überzeugung, daß die Liebe und das Gutsein Glück und Wahrheit
bedeuteten, das einzig mögliche Glück und die einzig mögliche Wahrheit
auf dieser Welt”. Er kommt sich besiegt vor, ist voll Scham und
Überdruß.
„Als er am Klavier saß, berührten seine Finger unbewußt die Tasten.
Ein Akkord stieg auf, dann ein zweiter, ein dritter... Er begann zu
spielen. Die Akkorde waren ziemlich ungleich; oft waren sie gewöhnlich
bis zur Banalität und verrieten keinerlei musikalische Begabung. Aber
er fand dabei ein unerklärbares, trauriges Vergnügen. Bei jedem
Harmoniewechsel erwartete er mit Herzklopfen den nächsten Akkord, und
was diesem fehlte, ergänzte er ungefähr mit seiner Phantasie. Er hörte
den Chor, das Orchester... Und das größte Vergnügen bereitete ihm
seine lebhafte Phantasie, die ihm ohne Schranken, aber mit
bewundernswerter Klarheit die mannigfaltigsten Bilder und
Begebenheiten aus Vergangenheit und Zukunft vorspiegelte...”
Er sieht die liederlichen, mißtrauischen, lügenhaften, faulen und
dickfelligen Muschiks wieder, mit denen er gerade erst kurz vorher
sprach. Aber diesmal sieht er sie mit all ihren guten Eigenschaften,
nicht mehr mit ihren Lastern; er fühlt sich mit Liebe in ihre Herzen
ein; er entdeckt in ihnen Geduld und Ergebung in das sie erdrückende
Schicksal, Versöhnlichkeit gegen erlittenen Schimpf, Liebe zu ihren
Anverwandten, und er sieht ein, warum sie aus Gewohnheit und Frömmigkeit
am Vergangenen hangen. Er sieht ihre Tage, die nutzbringender, gesunder
und ermüdender Arbeit gewidmet sind, mit anderen Augen an...
„Wie schön,” murmelt er... „Warum bin ich nicht einer der
ihren?”[31]
Der ganze Tolstoi steckt schon in dem Helden dieser ersten Novelle[32],
der seine klare Erkenntnis mit seinen nie schwindenden Illusionen
vereint. Er beobachtet die Menschen mit unbeirrbarem Wirklichkeitssinn;
schließt er jedoch nur die Augen, so schlagen ihn seine Träume und seine
Liebe zu den Menschen wieder in Bann.
Aber der Tolstoi von 1850 ist weniger geduldig als Nekludow. Jasnaja hat
ihn enttäuscht; er ist des Volkes so müde wie der Vornehmen; seine Rolle
bedrückt ihn: es liegt ihm nichts mehr an ihr. Außerdem drängen ihn
seine Gläubiger. 1851 flieht er in den Kaukasus zur Armee, bei der sein
Bruder Nikolaus Offizier ist.
Kaum ist er dort, so findet er in der heiteren Gebirgslandschaft seine
Fassung und seinen Gott wieder:
„Vergangene Nacht[33] habe ich wenig geschlafen... Ich habe zu Gott
gebetet. Es ist mir unmöglich, die Süßigkeit des Gefühls zu beschreiben,
die ich beim Beten empfand. Ich habe die üblichen Gebete gesprochen und
dann noch lange weiter gebetet. Ich wünschte etwas sehr Gewaltiges,
etwas sehr Schönes... Was? Das kann ich nicht sagen. Ich wollte aufgehen
in dem Ewigen, ich bat ihn, mir meine Fehler zu verzeihen... Aber nein,
ich bat nicht, ich fühlte, daß er mir schon vergab, da er mich diesen
glückseligen Augenblick erleben ließ. Ich betete, und gleichzeitig
fühlte ich, daß ich nichts zu sagen hatte, daß ich nicht beten konnte,
daß ich nicht zu beten wagte... Ich habe ihm nicht in Worten gedankt,
ich dankte ihm im Fühlen... Kaum eine Stunde war vorüber, da hörte ich
schon wieder die Stimme des Lasters. Ich war eingeschlafen und träumte
vom Ruhm und von Frauen: das war also stärker als ich. -- Was liegt
daran! Ich danke Gott für diesen Augenblick der Glückseligkeit, und daß
er mir meine Kleinheit und meine Größe gezeigt hat. Ich will beten,
aber ich kann nicht; ich will begreifen, aber ich wage es nicht. Ich
beuge mich Deinem Willen!”[34]
Das Fleisch war nicht besiegt (das wurde es nie); der Kampf zwischen den
Leidenschaften und Gott vollzog sich im geheimsten Herzen. Tolstoi
vermerkt in seinem Tagebuch die drei Teufel, die ihn martern:
1. Spielwut: ein aussichtsreicher Kampf. 2. Sinnlichkeit: ein sehr
schwieriger Kampf. 3. Eitelkeit: der schrecklichste von allen.
Im selben Augenblick, in dem er davon träumte, für die andern zu leben
und sich zu opfern, übermannten ihn wollüstige oder leichtfertige
Vorstellungen: das Bild irgendeiner Kosakenfrau oder „die Verzweiflung,
die ihn ergriffe, wenn die linke Schnurrbartspitze mehr in die Höhe
stände als die rechte”[35]. -- „Was liegt daran!” Gott war da und
verließ ihn nicht mehr. Die Hitze des Kampfes selbst wirkte befruchtend,
alle Kräfte des Lebens wurden dadurch gesteigert.
„Ich denke, daß die leichtfertige Überlegung, die mich zur Reise in den
Kaukasus veranlaßte, mir von oben eingegeben wurde. Die Hand Gottes hat
mich geleitet. Ich werde ihm stets dankbar dafür sein. Ich fühle, daß
ich hier besser geworden bin, und bin fest überzeugt, daß alles, was mir
auch zustoßen mag, nur zu meinem Besten ausschlagen wird, da ja Gott
selbst es gewollt hat...”[36]
Das ist die Dankeshymne der Erde im Frühling. Sie bedeckt sich mit
Blumen. Alles ist gut, alles ist schön. Im Jahre 1852 treibt der Genius
Tolstois seine ersten Blüten: „Die Kindheit”, „Der Morgen des
Gutsherrn”, „Der Überfall”, „Knabenjahre”; und er dankt dem
Lebensgeist, der ihn befruchtet hat[37].
„Die Geschichte meiner Kindheit” wurde im Herbst 1851 in Tiflis
begonnen und am 2. Juli 1852 in Pjatigorsk im Kaukasus beendet. Es ist
seltsam, daß Tolstoi im Rahmen dieser Natur, die ihn berauschte,
inmitten dieses neuen Lebens und der aufregenden Kriegsgefahren,
während er eine Welt von ihm bis dahin unbekannten Charakteren und
Leidenschaften entdeckte, in jenem ersten Werk auf die Erinnerungen an
sein verflossenes Leben zurückgreift. Aber als er die „Kindheit”
schrieb, war er krank, seine militärische Tätigkeit war jäh
unterbrochen worden; und während der langen Genesungszeit befand er
sich, da er allein war und Schmerzen litt, in rührseliger Stimmung, in
der sich die Vergangenheit vor seinen Augen abrollte[38]. Nach der
erschöpfenden Anspannung der freudlosen letzten Jahre war es ihm
angenehm, die „wunderbare, unschuldsvolle, poetische und fröhliche
Zeit” des Kindesalters wieder zu erleben und wieder „ein gutes,
weiches und liebefähiges Kinderherz zu bekommen”. Bei dem Ungestüm
seiner Jugend, der Fülle von Plänen, seiner dichterischen
Erfindungsgabe, die zu epischer Breite neigte und sich daher selten
mit einem einzelnen Vorwurf befaßte, für die die großen Romane
vielmehr nur Glieder einer langen historischen Kette waren --
Bruchstücke eines unermeßlichen Ganzen, das nie zu Ende geführt werden
konnte[39] --, sah Tolstoi im übrigen zu diesem Zeitpunkt in den
Geschichten aus der „Kindheit” nur die ersten Kapitel einer
„Geschichte von vier Epochen”, die auch sein Leben im Kaukasus
einbeziehen und zweifellos mit der Offenbarung Gottes durch die Natur
ihren Abschluß finden sollte.
Tolstoi ist später mit seinen Geschichten aus der „Kindheit”, denen er
einen großen Teil seiner Volkstümlichkeit verdankt, sehr streng ins
Gericht gegangen.
„Sie sind so schlecht,” sagte er zu Birukow, „sie sind mit so
geringer literarischer Ehrlichkeit geschrieben!... Es ist nichts aus
ihnen herauszuholen.”
Er stand allein mit dieser Ansicht. Das Werk, das er als anonymes
Manuskript an die große russische Zeitschrift „Sowremennik” (Der
Zeitgenosse) geschickt hatte, wurde sofort veröffentlicht (am
6. September 1852) und hatte einen Riesenerfolg, der von allen
europäischen Lesern bestätigt wurde. Indessen versteht man, daß es
trotz seines dichterischen Reizes, seines vornehmen Stiles und seines
Zartgefühls dem späteren Tolstoi mißfallen hat.
Es hat ihm aus denselben Gründen mißfallen, aus denen es den anderen
gefiel. Man muß zugeben: abgesehen von der Erwähnung gewisser lokaler
Typen und einigen wenigen Seiten, die durch das religiöse Empfinden oder
durch die Echtheit des Gefühls[40] auffallen, ist noch herzlich wenig
von der Persönlichkeit Tolstois darin zu spüren. Eine sanfte, weiche
Empfindsamkeit, die ihm später immer unsympathisch war, und die er aus
seinen anderen Romanen verbannte, herrscht vor. Wir kennen sie, diese
Mischung von Humor und Rührseligkeit; sie stammt von Dickens her. Bei
der Aufzählung seiner Lieblingsbücher zwischen seinem vierzehnten und
einundzwanzigsten Lebensjahre trägt Tolstoi in sein Tagebuch ein:
„Dickens: David Copperfield. Bedeutender Einfluß.” Im Kaukasus liest
er das Buch noch einmal.
Zwei weitere Einflüsse verzeichnet er selbst: Sterne und Toepffer. „Ich
stand damals unter ihrer Wirkung”, äußerte er[41].
Wer sollte glauben, daß die „Genfer Novellen” für den Dichter von
„Krieg und Frieden” das erste Vorbild waren? Und doch braucht man es
nur zu wissen, dann findet man schon in den Geschichten aus der
„Kindheit” ihre gutmütige und spottlustige Biederkeit wieder, die hier
nur in eine vornehmere Natur verpflanzt ist.
So war Tolstoi schon durch seine ersten Werke eine bekannte
Persönlichkeit geworden. Aber seine Eigenart mußte sich noch befestigen.
Das dauerte nicht lange. Die „Knabenjahre” (1853), die weniger rein und
weniger abgerundet sind als die Kindheit, deuten auf selbständigere
psychologische Beobachtung, auf ein sehr lebendiges Naturgefühl und ein
so zerquältes Herz hin, wie sie Dickens und Toepffer wohl kaum hatten.
In dem „Morgen des Gutsherrn” (Oktober 1852)[42] erscheint der
Charakter Tolstois fertig entwickelt mit seiner unerschrockenen
Beobachtungstreue und seinem Glauben an die Liebe. Unter den
bemerkenswerten Bauernporträts, die er in dieser Novelle zeichnet,
findet sich schon die Skizze zu einer seiner schönsten Figuren aus
seinen „Volkserzählungen”, dem Alten mit dem Bienenstock[43], dem
kleinen Alten unter der Birke, wie er die Hände ausbreitet und die
Augen in die Höhe richtet; rings um ihn ein Schwarm golden
schimmernder Bienen, die ihn umschwirren, ohne ihn zu stechen, und
einen Kranz um seinen in der Sonne leuchtenden kahlen Schädel
bilden...
Aber die typischen Werke jener Zeit sind die, die seine augenblicklichen
Gefühle unmittelbar wiedergeben: die Geschichten aus dem Kaukasus. Die
erste, „Der Überfall” (am 24. Dezember 1852 beendet), erweckt durch
die Pracht der Landschaftsbilder Bewunderung: ein Sonnenaufgang in den
Bergen am Ufer eines Flusses; ein merkwürdiges Gemälde, das die
Schatten und die Geräusche der Nacht mit packender Eindringlichkeit
wiedergibt; die Heimkehr am Abend, da in der Ferne die schneebedeckten
Gipfel im blauen Nebel verschwinden, die schönen Stimmen der singenden
Soldaten aufsteigen und in der dünnen Luft verwehen. Mehrere Gestalten
aus „Krieg und Frieden” erproben hier schon ihre Lebensfähigkeit: der
Hauptmann Klopow, der wahre Held, der sich nicht zum Vergnügen
schlägt, sondern weil es seine Pflicht ist, „eines jener einfachen,
ruhigen russischen Gesichter, denen man froh und gerne gerade in die
Augen schaut.” Schwerfällig, linkisch, ein bißchen lächerlich,
unempfindlich gegen seine Umgebung, ist er der einzige, der sich in
der Schlacht gleich bleibt, während alle andern sich ändern; „er ist
genau so wie immer: dieselben ruhigen Bewegungen, dieselbe
gleichmäßige Stimme, derselbe einfache Ausdruck in seinem naiven,
derben Gesicht.” Neben ihm der Leutnant, der die Rolle eines
Lermontowschen Helden spielt, und der, obwohl er in Wirklichkeit der
gutmütigste Kerl ist, tut, als ob die wildesten Gefühle ihn
beherrschen. Und dann der arme, kleine Unterleutnant, ganz begeistert
in der Aussicht auf sein erstes Gefecht, überströmend von
Zärtlichkeit, bereit, jedem um den Hals zu fallen, bewundernswert und
lächerlich zugleich, der sich wie Petja Rostow stumpfsinnig töten
läßt. In der Mitte des Bildes die Gestalt Tolstois, der beobachtet,
ohne sich in die Gedanken seiner Gefährten einzumischen und schon hier
seinen Protestschrei gegen den Krieg erklingen läßt:
„Können die Menschen denn in dieser so schönen Welt, unter dem
unermeßlichen Sternenhimmel nicht zufrieden leben? Wie können sie hier
ihre Zerstörungswut, ihre Gefühle der Bosheit und der Rache gegen ihren
Nächsten bewahren? In der Berührung mit der Natur, wo das Schöne und
Gute am unmittelbarsten zum Ausdruck kommt, sollte alles Schlechte aus
dem Menschenherzen verschwinden.”[44]
Andere aus jener Zeit stammende Geschichten aus dem Kaukasus sind erst
später zu Papier gebracht worden: 1854-1855 „Der Holzschlag”, von
peinlichster Naturtreue, ein wenig kalt, aber voll merkwürdiger
Aufschlüsse über die Seele des russischen Soldaten, -- Aufzeichnungen
für die Zukunft; -- 1856 „Begegnung im Felde” mit einem Moskauer
Bekannten, einem verkommenen Lebemann und degradierten Unteroffizier,
einem feigen versoffenen Lügner, der es nicht vermag, sich an den
Gedanken zu gewöhnen, daß er ebensogut getötet werden könne wie einer
seiner Soldaten, die er verachtet und deren geringster hundertmal mehr
wert ist als er.
Über all diese Werke erhebt sich als höchster Gipfel dieser ersten
Gebirgskette einer der schönsten lyrischen Romane, die Tolstoi
geschrieben hat, der Sang seiner Jugend, das Gedicht vom Kaukasus: „Die
Kosaken”[45]. Die Pracht der schneebedeckten Berge, deren edle Linien
sich von dem strahlenden Himmel abheben, erfüllt das ganze Buch mit
ihrer Musik. Und das Werk ist einzigartig durch das höchste, was dem
Genie gegeben ist, „den allmächtigen Gott der Jugend”, wie Tolstoi
sagt, „jenen Schwung, der nie wiederkehrt”. Ein Bergstrom im Frühling!
Eine Fülle von Liebe!
„‚Ich liebe, ich liebe so innig!... Ihr Tapfern! Ihr Guten!...’
wiederholte er und wollte weinen. Warum? Wer war tapfer? Wen liebte er?
Er wußte es nicht recht.”[46]