»Er lebt? Gott sei ewig gelobt, und seinen Segen auf dein Haupt, mein

Kind, für diese Kunde -- und -- geht es ihm gut?«

»Ja, Mutter -- er -- wird kommen -- hierher.«

»Hierher? wann, Wolf -- wann?«

»Bald -- recht bald. Er hat viel gelitten und ertragen, aber die

früheren Fehler auch bereut und abgebüßt -- wirst du ihm verzeihen?«

»Fragst du das die Mutter? Vater im Himmel, meine ganze Seele drängt

hin nach dem verlorenen Kinde. O, er ist hier, Wolf, quäle mich nicht

länger; ich bin stark -- ich bin kräftig. Die Freude tötet nicht; da

es die langen Jahre der Schmerz, der bitter nagende Schmerz nicht

vermochte. O, laß mich hin zu ihm!«

»So rasch geht es nicht, Mutter,« lächelte Wolf unter Tränen, indem er

mit Gewalt nach Fassung rang. »Ich will ihn rufen lassen; er selber hat

ja noch keine Ahnung von deiner Nähe. Bleibe indessen hier -- ich bin

bald wieder bei dir.«

»Und du kehrst bald zurück? -- mit ihm?«

»Noch weiß ich ja nicht, ob ich ihn gleich finde -- aber heute noch

sollst du ihn sehen -- gewiß. Sammle dich, Mütterchen, bis dahin. Du

wirst große Freude an ihm haben, denn er ist ein wackerer, braver Mann

geworden in der Zeit.« -- Und selber zitternd vor Freude und ängstlicher

Erwartung verließ Wolf das Zimmer, den Bruder auf dieses Wiedersehen

vorzubereiten. Alles, was ihn selber drückte und beengte, hatte er auch

vergessen, vergessen in dem einen frohen Gedanken, den Bruder -- die

Mutter wieder vereinigt, glücklich, zufrieden zu sehen. Das andere lag

alles entfernt, und mit dem Gefühl der eigenen Kraft, dem Bewußtsein,

gut und treu gehandelt zu haben, hob sich ihm die Brust froh und leicht,

und er empfand das reinste, schönste Glück dieser Welt: im eigenen

Entsagen eine gute, edle Tat getan zu haben.

Doch wer könnte mit Worten dieses Wiedersehen schildern -- die

Seligkeit, die jetzt die Herzen dieser guten Menschen füllte! Georg lag

vor der Mutter auf den Knien, seine Arme um sie geschlagen, sein Antlitz

an ihrem Herzen bergend, und während sie das liebe Haupt wieder und

wieder küßte, fielen heiße Freudentränen in die dunklen Locken des

Sohnes. Wolf war Zeuge dieses ersten seligen Augenblicks, dann aber

verließ er leise das Zimmer, die Glücklichen nicht zu stören, und als er

wieder, Josefinen an der Hand, zurückkehrte, saß die Mutter neben

ihrem wiedergefundenen Sohne, ihre beiden Hände fest um seine Rechte

geschlossen, als ob sie ihn jetzt festhalten und wahren wolle für alle

Zeiten; sie schaute in seine treuen, klaren Augen und wurde nicht

satt, ihn anzusehen und die lieben Laute seiner Stimme zu hören. Was

er sprach, verstand sie freilich nicht, die Töne verschwammen ihr wie

ferner Glockenklang vor den Ohren, aber sie hatte ihn wieder -- sie

hielt seine Hand, sie hörte seiner Stimme Musik, und jeder ihrer

Atemzüge war ein Dankgebet zu Gott. Und da die Enkelin -- zitternd fuhr

sie von ihrem Sitz empor, und Josefine, schüchtern halb, halb ahnungslos

dem süßen, ungekannten Klange des Wortes Großmama entgegen lauschend,

glitt zu ihr hin, die Hand der ihr noch fremden Dame zu küssen, und

fühlte sich von ihren Armen umschlungen, fühlte sich emporgezogen zu

ihr und geherzt und geküßt, und weinte still jetzt an der neuen Mutter

Brust. Wie aber nur der erste Freudenrausch vorüber war, da faßte sich

Georg zuerst, und mit kurzen Worten, kein Hehl der Mutter gegenüber

haltend, schilderte er ihr klar und einfach sein früheres Leben, sein

verzweifelndes Herz, den kindischen Trotz, der ihn in eine falsche,

wilde Bahn geworfen, bis seines Bruders treue Liebe ihn daraus errettet

und ihn sich selber wiedergegeben hatte. Dann beschrieb er sein Leben

auf Schildheim, wie er dort gekämpft und gerungen, die Seinen mit sich

emporzuheben aus ihrer früheren Lage, und wie ihm das mißglückt. Der

Gattin Flucht dann beschrieb er -- seine Verzweiflung bei dem Verluste

des Kindes, und wie er, zum Aeußersten getrieben, das Aeußerste auch

gewagt, es zu retten. Jetzt sei er frei -- das frühere Leben liege wie

ein Traum hinter ihm; ein neues aber zu beginnen brauche er frischen

und freien Boden, wo nichts ihn an die früheren Ketten mahne, die er

getragen. Das durchzuführen, fühle er die Kraft in sich, und sei das

Ziel, das er sich gesteckt, auch weit, er hoffe es zu erreichen und sich

selbst dort wiederzufinden.

Die Mutter horchte seinen Worten wie einem Märchen. Das Bild, welches er

vor ihr entrollte, lag ihrem eigenen Leben und Wirkungskreise so fern,

daß sie nicht halb es faßte und begriff. Durch alles das aber schimmerte

nur immer das eine selige Gefühl, den Sohn wieder zu haben, den

verlorenen, und während sie die Enkelin an ihre Brust geschmiegt hielt,

lauschte sie Georgs Worten wie frohen Sagen einer andern Welt. Wolf

indessen, der einzige, der klar und ruhig das Ganze überschaute, und

für sie alle schon gedacht, gehandelt, ließ den Bruder seine Erzählung

ungestört beenden, ließ ihn von seinen Plänen, seinen Hoffnungen

sprechen, und als er geendet, legte er ihm und der Mutter mit klaren,

einfachen Worten den Plan vor, den er sich selber für sie ausgedacht.

Nach Schildheim konnte und sollte Georg nicht mehr zurück, in Ungarn

aber, einem fernen, reichen Land, hatte Wolf in Gemeinschaft mit seiner

Mutter, die damals freilich noch nicht ahnte, zu welchem Zweck, eine

große prächtige Besitzung billig angekauft. Dorthin wollten sie alle

ziehen -- dort sollte die Mutter, im Kreise der Ihrigen, ihr Leben

wieder frisch erblühen sehen, und dort fände auch Georg die neue Heimat

weit besser als in dem fernen, überseeischen Lande, das sie aufs neue

nur getrennt und das kaum geknüpfte Band zerrissen hätte. Georg wollte

sich dagegen sträuben: es drängte ihn, selbständig aufzutreten und

seine Lebensbahn mit eigener starker Hand erst aufzubauen und fest zu

begründen -- aber die Mutter ließ ihn nicht -- des Kindes wegen schon,

das sie umschlossen hielt.

»Das hast du mir geschenkt,« sagte sie unter Tränen lächelnd, seine Hand

gefaßt, »das darfst du mir nicht wieder nehmen, wenn du dich selber zum

zweitenmal vom Herzen der Mutter reißen könntest. Ihr Männer denkt vor

allem nur an euch, wo aber dieses arme Kind und die kleine Waise, deren

du dich angenommen und von der du mir erzählt, eine Mutter wiederfinden

sollen, das fällt dir gar nicht ein.«

»Und wenn ich nun daran gedacht hätte?« rief Georg, »wenn ich dir heute

nicht allein den Sohn, nein, auch die Tochter brächte für dein spätes

Alter?«

Die Mutter und der Bruder sahen erstaunt zu ihm auf, Georg aber sprang

von seinem Sitz empor und verließ das Zimmer, und nach wenigen Minuten

zurückkehrend, führte er an seiner Hand die Erzieherin seines Kindes,

Adele, herein, die schüchtern und errötend der alten Dame gegenübertrat.

»Wenn ich euch folge,« sagte er dabei, »so sei es nur mit dieser

Bürgschaft für unser aller künftiges Glück. Adele, aus einem alten,

edlen französischen Geschlecht, deren Großvater mit Karl dem Zehnten aus

Frankreich verbannt wurde und seine Enkelin, die Waise, in der Fremde

zurückließ, ist meinem Kinde nicht allein eine so treue Mutter geworden,

und Josefine hängt mit so herzlicher Liebe an ihr, sie hat auch in der

schweren letzten Zeit mir so treu und aufopfernd zur Seite gestanden,

daß weder ich, noch meine Josefine uns je wieder von ihr trennen

können.«

Die alte Dame war bewegt von ihrem Sitz aufgestanden, und dem jungen,

in ihrer Verlegenheit gar so lieben Mädchen entgegentretend, sagte sie

freundlich: »Und wollen Sie, mein liebes Kind, wirklich Ihr Leben an das

dieses unruhigen, wilden Geistes fesseln? wollen Sie meiner Enkelin eine

Mutter, wollen Sie mir eine Tochter sein?«

»Gnädige Gräfin!« stammelte Adele verwirrt.

Die alte, sonst so stolze Dame aber, ihr Herz von dem Glücke erweicht,

das eigene, lang beweinte Kind wiedergefunden zu haben, schloß sie

freundlich in die Arme, und an der Brust der Mutter, schluchzend in

Glück und Jubel, hing Adele.

»Herr Rittmeister haben befohlen,« sagte Karl, der in diesem Augenblick

die Tür öffnete und, über die neue Umarmung betroffen, mitten in seiner

Rede und in der Tür stecken blieb.

»Was gibt's?« sagte Wolf, »was hast du?«

»Herr Rittmeister haben befohlen,« fuhr Karl rasch und etwas bestürzt

empor, »daß der Alte in dem grünen Rock zu Ihnen heraufkommen sollte,

wenn er unten fertig wäre. Er steht vor der Tür.«

»Unser alter Forstwart Barthold von Schildheim, den uns Georg von dort

mitgebracht,« rief Wolf rasch, »du kennst ihn ja, Mutter.«

»Gewiß; es ist noch ein Stück aus der alten Zeit.«

»Er soll noch warten,« sagte Wolf.

»Zu Befehl, Herr Rittmeister.«

»Halt!« rief Georg, »bitte, laß ihn herein -- er gehört mit dazu, und in

diesem schönsten Augenblick meines Lebens darf mir der alte Mann nicht

fehlen, der noch mit treuem Herzen an dem wilden Knaben hängt.«

»An welchem Knaben?« fragte Wolf erstaunt.

»An mir,« erwiderte Georg, »aber er kennt mich nicht; laß ihn jetzt zu

uns kommen, denn in der rauhen Schale steckt ein wackerer Kern.«

Wolf winkte seinem Diener, und wenige Sekunden später trat, den Hut

verlegen in der Hand herumdrehend, der alte Mann ins Zimmer und blieb an

der Tür stehen.

»Kommt hierher, Forstwart,« sagte Wolf, »ich freue mich, Euch hier und

wohl zu sehen.«

»Gnädigster Herr Graf sind gar zu gütig,« sagte der Alte, der

Aufforderung Folge leistend.

»Meine Mutter dort will Euch guten Tag sagen.«

»Die gnädigste Frau Gräfin auch hier?« stotterte der Alte, während sein

Blick erstaunt und verwirrt von ihr zu den beiden Söhnen hinüberflog.

»Kennt Ihr mich noch, Barthold?« fragte die alte Dame, »es ist eine

lange Zeit, daß wir uns nicht gesehen haben.«

»Werd' ich Sie nicht kennen, gnädigste Frau Gräfin!« sagte der alte

Mann, indem er auf sie zuging und die ihm gereichte Hand ergriff und

küßte. »Ihr lieber Blick tut meinen alten Augen wohl und bringt die

alte, langverflossene Zeit wieder lebendig herauf. -- Aber -- wie ist

mir denn?« setzte er hinzu, und wieder fiel sein Blick von Wolf auf

Georg, »so hatte ich es mir eigentlich wohl oft gedacht, aber...«

»Was habt Ihr Euch gedacht?«

»O, nichts, gnädigste Frau Gräfin!« rief der Alte bestürzt, »nur

alberne Gedanken von mir, wie es mir oft geschieht, daß ich die Jahre

verwechsele und mich manchmal um ein Menschenalter dabei verrechne.

Halten Sie es mir zugute.«

»Wir ziehen nach Ungarn, Barthold,« sagte Wolf, »hättet Ihr Lust,

Schildheim zu lassen und uns zu begleiten?«

»Nach Ungarn -- so? Es soll ein schönes, reiches Land sein, mit

prächtigen Wäldern und weiten Steppen, wie ich oft gehört -- aber daheim

-- ich habe so viele alte Bekannte in meinem Walde stehen, daß sich

das Herz wohl schwer von ihnen losreißen würde. Wenn der Herr Graf aber

befehlen...«

»Von Befehlen ist keine Rede, Barthold,« sagte Wolf, »es müßte Euer

freie Wille sein.«

»Wollt Ihr nicht mit mir gehen, Franz?« sagte Georg, ihn ruhig und

lächelnd ansehend.

»Franz?« rief der alte Mann fast erschreckt, indem er den Redenden groß

ansah, »Franz? lieber Gott, so hat mich nur einer genannt, vor vielen,

langen Jahren, und der...«

»Den kennt Ihr nicht mehr oder wollt ihn nicht mehr kennen?« fragte

Georg gerührt.

»Den will ich nicht mehr kennen?« rief Barthold, bestürzt die Hände

faltend, »großer Gott, wie ist mir denn? -- die Frau Gräfin hier und der

Herr Graf und Sie -- wie zwei junge Eichen von demselben Stamme!«

»So habt Ihr mit dem Georg so lange gelebt,« sagte dieser herzlich, »und

doch nicht gemerkt, daß er derselbe kleine wilde Bursche sei, der damals

auf Euch geritten und Euch bös geneckt. Alter Franz, wollt Ihr mit uns

gehen?«

»Bis ans Ende der Welt!« schrie der Alte, dem die großen, hellen Tränen

über die Backen liefen, indem er des jungen Grafen Hand ergriff und mit

seinen Küssen bedeckte, »bis nach Amerika und Australien, und zu den

Menschenfressern, wenn's sein muß! Guter, lieber Gott! nehmen Sie's

nicht ungnädig, Herr Graf, aber das Herz ist mir über und über voll, und

solche Freude hatte ich mir nicht mehr gedacht. Der kleine Georg -- so

hat er doch Wort gehalten und ist wiedergekommen -- und wie sich meine

Vögel erst freuen würden, wenn ich es denen noch erzählen könnte!«

»Ihr sollt es ihnen erzählen, Barthold,« sagte freundlich Wolf, »wenn

auch nur Euren Vöglein. Ihr mögt morgen wieder nach Hause reisen, um

Briefe von mir an den Verwalter und Eure Sachen gleich in Ordnung zu

bringen. Jetzt geht zu Karl und laßt Euch Euer Frühstück geben. Nachher

sprechen wir weiter.«

Wolf mußte heute für alle denken; die Freude, einander wieder zu haben,

hatte selbst den sonst so ernsten und gesetzten Georg betäubt, daß er

sich, wie in einem Traume, nur noch dem Glücke hingab, der Mutter wieder

zu gehören. Während aber die alte Dame jetzt, Adelens Hand in der ihren

und mit der Rechten Josefine an sich pressend, auf dem Sofa saß und

sich erzählen ließ, und auch die kleine Marie herübergerufen war, nicht

allein und verlassen in diesem allgemeinen Glücke zu sein, ging Wolf

in sein Schlafzimmer, um sich anzukleiden und zur bestimmten Zeit beim

Kriegsminister einzutreffen. Um zwölf Uhr war er dorthin beschieden

worden, und es blieb ihm gerade noch Zeit, die Ralphensche Wohnung bis

dahin zu erreichen.

30.

Als Wolf die breite, teppichbelegte Treppe hinaufstieg, murmelte er

leise vor sich hin:

»Zum letztenmal! -- Wie viel leichter ist mir jetzt, da ich das alles

abgeschüttelt habe! Melanie -- es war ein schöner Traum, aber auch

nichts weiter -- sie hat kein Herz, sonst hätte sie nicht so sich von

mir losreißen können. Fort damit! In wenigen Wochen liegt das alles nur

noch in der Erinnerung« -- und rasch die letzten Stufen hinaufspringend,

bat er einen der herbeieilenden Diener, ihn bei seiner Exzellenz

anzumelden. Der Bediente ersuchte ihn, ihm nur zu folgen, da Seine

Exzellenz schon nach dem Herrn Rittmeister gefragt hätten. Er führte

ihn aber nicht nach des Ministers Arbeitszimmer, sondern nach Melanies

Gemächern und klopfte hier an, ehe Graf Geyerstein eine Einwendung

dagegen machen konnte.

»Herein!«

Der Diener steckte den Kopf in die Tür und meldete: »Der Herr Graf von

Geyerstein sind eben gekommen und lassen anfragen, ob Exzellenz...«

»Soll herein kommen!« rief die fröhliche Stimme des alten Herrn, »wollen

die Sache gar nicht so förmlich machen.«

Der Diener warf die Tür weit auf, und seinen Helm im Arm, stand im

nächsten Augenblick Graf Geyerstein auf der Schwelle von Melanies

Zimmer, die sich bei seinem ehrfurchtsvollem Gruße verlegen halb von

ihrem Sitze erhob.

»So, das ist recht, lieber Geyerstein,« sagte die alte Exzellenz, ihm

herzlich die Hand reichend, »daß Sie so pünktlich Wort halten. Ich habe

Ihnen heute auch eine angenehme Kunde zu bringen.«

»Der Kanzleibote steht auch noch im Vorsaale, Exzellenz,« erinnerte der

Diener.

»Lieber Gott, auch den hatte ich ganz vergessen!« rief der

Kriegsminister, unwillig mit dem Kopfe schüttelnd, »den muß ich erst

abfertigen -- aber das ist gleich geschehen. Bleiben Sie nur einen

Augenblick hier bei meiner Tochter -- ich bin gleich wieder da und

bringe Ihnen dann auch die Papiere mit.«

»Welche Papiere, Exzellenz?«

»Werden schon sehen -- daß du mir indessen nicht plauderst, Melanie!«

Und der Tochter mit dem Finger drohend, verließ der alte Herr das

Zimmer.

»Wollen Sie nicht Platz nehmen, Herr Graf?« sagte Melanie leise.

Graf Geyerstein nahm, ohne seinen Helm abzulegen, sich leicht

verneigend, einen Stuhl der jungen Dame gegenüber.

»Ich hoffe nicht, daß ich störe, Komtesse.«

Melanie verneinte durch eine Bewegung.

»Dann möchte ich den mir vergönnten Augenblick zugleich benutzen, mich

Ihnen -- auf längere Zeit -- zu empfehlen.«

»Sie wollen wieder auf Urlaub gehen?« sagte Melanie, und ein einziges

wehes Gefühl ergriff ihr Herz.

»Dieses Mal nicht,« sagte Graf Geyerstein ruhig, »der Zweck meines

Besuches bei Seiner Exzellenz ist, ihn darum zu bitten, mein

Entlassungsgesuch aus ***schen Diensten bei dem Fürsten zu befürworten.

Ich habe im Sinne, den Dienst für immer zu quittieren.«

»In der Tat?« sagte Melanie ruhig, »um sich auf Ihre Güter

zurückzuziehen?«

»Ja, Komtesse -- mit meiner Mutter. Die Gräfin Geyerstein hat mich heute

morgen durch ihre Ankunft überrascht. Ich habe eine Besitzung in Ungarn

gekauft, die ich selber zu bewirtschaften gedenke.«

»Mit Ihrer Mutter?« rief Melanie erstaunt.

»Finden Sie das so außerordentlich, Komtesse? Wir haben so lange

getrennt gelebt, daß wir beide das Bedürfnis fühlen, von jetzt an

einander näher zu stehen. -- Meine Familie wird von da an auch das

einzige sein, auf das ich angewiesen bleibe.«

Melanie neigte leise das Haupt, erwiderte aber nichts. Sollte die alte,

stolze Gräfin Geyerstein ein solches Verhältnis billigen können? Sollte

sich der Graf selber so weit vergessen, jener -- Frau die Hand zu

reichen? Die Gedanken tauchten in ihr auf, ohne daß sie sich selber

Rechenschaft zu geben wußte. Das Gespräch überhaupt wurde ihr peinlich

-- sie wünschte, daß ihr Vater zurückkomme, und mehr um die drückend

werdende Stille zu unterbrechen, als eine Antwort zu erhalten, sagte sie

nach einer Pause: »Sie hatten noch ein anderes Gut, wenn ich nicht irre,

Schildheim?«

»Allerdings, Komtesse.«

»Es soll reizend gelegen sein.«

»Hat Ihnen vielleicht Herr von Zühbig eine Beschreibung davon

geliefert?« fragte Graf Geyerstein plötzlich mit so kalter und scharfer

Betonung, daß Melanie überrascht, fast erschreckt zu ihm aufsah.

»Ich wußte nicht,« setzte sie rasch hinzu, »daß Ihnen schon die

Erwähnung jenes Gutes so unangenehm war; ich würde es sonst vermieden

haben.«

»Komtesse,« sagte Graf Geyerstein, sich langsam von seinem Stuhl

erhebend, »ich weiß nicht, auf welche Art Sie in den Besitz meines

Geheimnisses gelangt sind -- sogar ehe ich selber imstande gewesen

war, es Ihnen zu enthüllen, denn ich hatte keine Ahnung, daß Sie es mit

solcher Strenge beurteilen würden.«

»Herr Rittmeister?« rief Melanie erstaunt.

»Wie dem aber auch sei,« fuhr Wolf bewegt fort, »ich habe mir keinen

Vorwurf zu machen. Was jugendlicher Leichtsinn verbrach, hat der Mann

gebüßt und gut gemacht, so viel in seinen Kräften stand.«

»Herr Graf,« sagte Melanie ruhig, »ich hoffe nicht, daß Sie mir

gegenüber eine Entschuldigung des Geschehenen für nötig halten, wie

ich ebenso darauf verzichte, die Triebfedern zu erfahren, welche Sie zu

handeln zwangen, wie -- Sie eben nun einmal gehandelt haben.«

»Nein, Komtesse,« sagte der Rittmeister, während auch der letzte

Blutstropfen seine Wangen verlassen hatte, »meine Worte sollen, selbst

Ihnen gegenüber, keine Entschuldigung enthalten. Wie ich gehandelt habe,

ich konnte nicht anders, ich hätte denn das eigene Herz, das Herz der

Mutter zerfleischen müssen. Mir blieb nur die Wahl, mich von meinem

Bruder loszusagen und ihn rettungslos auf der eingeschlagenen Bahn

zugrunde gehen zu lassen, oder ihn mit starker, hilfreicher Hand zu

fassen und mir, der Mutter -- der Welt zu erhalten. Ich habe dabei

gehandelt, wie ich es mit meiner Ehre, mit der Ehre meines Namens

vereinbarlich hielt -- daß ich Sie dadurch verloren, Melanie, schmerzt

mich tief, nicht allein meinet- -- nein, auch Ihretwegen; aber selbst

um diesen Preis, um den ich mein Leben selber gern und freudig in die

Schanze schlagen würde -- selbst um diesen Preis möchte ich das, was ich

getan, nicht ungeschehen machen.«

»Von Ihrem Bruder?« sagte Melanie, die den letzten leidenschaftlichen

Worten des Mannes mit immer wachsender Spannung gelauscht, »Sie sprechen

in Rätseln, Herr Graf. Ich habe keine Ahnung gehabt, daß Ihnen überhaupt

ein Bruder lebt.«

Graf Geyerstein sah die Sprechende groß und erstaunt an. »Gnädige

Komtesse,« sagte er, »für eine bloße gesellschaftliche Redensart ist

Ihr Erstaunen zu wahr -- wenn aber nicht -- was dann noch konnte Sie

bewegen, mich so zurückzuweisen -- woher wußten Sie dann von einer --

entehrenden Verbindung, in der ich mit jener Kunstreitergesellschaft

gestanden?«

»Aber was -- was hat Ihr Bruder mit den Kunstreitern zu tun?« fragte

Melanie, durch das ernste, stolze Benehmen des Grafen nur noch

verwirrter gemacht.

»Entweder Sie spotten meiner,« entgegnete Graf Geyerstein bewegt, »und

kein Augenblick wäre unglücklicher dazu gewählt gewesen als der jetzige,

oder ein eigenes Verhängnis hat uns beide verwirrt. Antworten Sie mir

ehrlich, Komtesse Melanie -- es soll die letzte Frage sein, die ich in

diesem Leben an Sie stelle -- wußten Sie nicht, daß Georg Bertrand mein

Bruder sei?«

»Georg Bertrand?« hauchte Melanie, in Todesschreck die Hände faltend,

»so wahr ich einst selig zu werden hoffe -- nein.«

»Welch anderes Geheimnis flößte Ihnen denn solche Verachtung gegen mich

ein, Komtesse?« sagte der Graf ruhig, »aber ich habe nicht danach zu

fragen,« brach er kurz und bitter ab. »Daß ich, der Graf Geyerstein,

der Adjutant des Fürsten und Offizier, den Kunstreiter als meinen

Bruder anerkannte, daß ich ihn jenem Leben, in das ihn sein jugendlicher

Leichtsinn geworfen, entzog, daß ich ihn nach Schildheim brachte,

freilich in der vergeblichen Hoffnung, auch seine Frau einem geregelten

Leben zu gewinnen -- und heute nun geerntet, wo ich gesäet, heute den

Sohn wieder an das Herz der Mutter legen konnte und seinem Haupte ihren

Segen gerettet habe, das hielt ich für mein Verbrechen Ihnen gegenüber

-- das einzige, dessen ich mich schuldig weiß, und damit werde ich mich

jetzt von einem Stande zurückziehen, dem ich, wie ich bis heute glauben

mußte, Ihrer Meinung nach nicht mehr mit Ehren angehören konnte.«

»Graf Geyerstein!« rief Melanie und ihre ganze Gestalt zitterte, ihr

Auge hing in Schmerz und Angst an den bleichen, ernsten Zügen des jungen

Mannes. Dieser aber fuhr ruhig fort: »Eine große und schwere Last wäre

von meiner Seele genommen, wüßte ich, daß dem nicht so sei. -- Doch wie

auch immer, Komtesse, leben Sie wohl, und vielleicht bringt Ihnen einmal

eine spätere Zeit die Ueberzeugung, daß der Mann, der es gewagt hatte,

selbst Ihren Besitz zu erhoffen, dessen vielleicht nicht würdig gewesen

sei -- nie aber seiner selbst unwürdig gehandelt haben konnte. Leben Sie

wohl -- ich sehe, meine Nähe ist Ihnen peinlich; ich werde die Rückkunft

Seiner Exzellenz im Vorsaal erwarten.«

Er verbeugte sich vor der jungen Gräfin und wollte sich so

verabschieden; da aber hielt sich Melanie nicht länger.

»Graf Geyerstein!« rief sie, die Arme nach ihm ausstreckend, »Wolf! --

können Sie mir verzeihen?«

»Melanie!« hauchte der Graf, in freudigem Schreck zu ihr aufschauend;

die Jungfrau aber, ihrer selbst nicht mächtig, wankte auf ihn zu, und

ihr Haupt an seine Brust legend, während Wolf in jubelndem Entzücken sie

an sich preßte, flüsterte sie: »Wie tief und unverdient hab' ich dies

edle, treue Herz gekränkt!«

»Scharmant!« rief in diesem Augenblick die lachende Stimme des alten

Herrn, der gerade in der Tür erschien. »Da mache ich mir die bittersten

Vorwürfe, daß ich den Grafen so lange warten und sich langweilen lasse,

und in der Zeit hat der meine Tochter beim Kopf und antichambriert auf

die Art nach Herzenslust. Was machen Sie da, Geyerstein?«

»Exzellenz!«

»Er hat mich gebeten, Väterchen,« sagte da Melanie, unter Tränen

lächelnd, während sie ihre Stellung nicht verließ und nur etwas den Kopf

gegen den Vater wandte, »doch sein Fürsprecher zu sein, daß du ihm seine

Entlassung aus ***schen Diensten bewilligtest.«

»Das sieht beinahe so aus,« lachte der Kriegsminister, »und Entlassung

aus dem Dienste? Was fällt dem Herrn Major denn jetzt auf einmal ein,

den Dienst zu quittieren, in dem er sich als Rittmeister so lange Jahre

wohlbefunden?«

»Major?« rief Graf Geyerstein, erstaunt den Kriegsminister anblickend,

der ein großes, mit einem mächtigen Siegel petschiertes Kuvert in der

Hand und ihm lachend entgegenhielt.

»Da auf dem Ding,« rief er dabei, »steht wenigstens die Adresse groß

und breit, dem Major Grafen Wolf von Geyerstein, von des Fürsten eigener

Hand geschrieben. Den Herrn Major werde ich jetzt aber auch um eine

Erklärung bitten und besonders fragen müssen, ob er seine Wartezeit

nicht besser anzuwenden weiß, als anderer Leute Tochter den Kopf zu

verdrehen?«

Der Kunstreiter, 3. Band · 第 6 / 7 段