herandonnernden Hufe bestätigten schon die kaum gesprochenen Worte. Im
Nu aber hatte Royazet seinen Zügel aufgegriffen, und dem eigenen Tiere
beide Hacken in die Flanken bohrend, flog er mit ihm wie ein von der
Sehne geschnellter Pfeil dem Feinde entgegen.
In dem Moment brauste Georg heran, und aus dem Wege stob alles vor dem
Rasenden.
»Halt!« donnerte ihm Royazet zu, und wie er, fast durch die Luft
fliegend, an Georgs Seite war, griff seine Faust nach Josefinens Kleid.
Da traf die schwere, bleigefüllte Peitsche den ausgestreckten Arm, daß
er gelähmt zur Seite sank, und der Rappe schnob mit einem Satze vorbei.
Den Verfolger war er deshalb freilich noch nicht los, denn Royazet
brauchte die andere Hand nicht für den Zügel; sein Tier, von fast so
edlem Blute wie das, welches seinen Gegner trug, flog, nur von den
Schenkeln geführt, herum, den Rappen einzuholen, aber der hatte schon
eine Pferdelänge Vorsprung, und wie ein Wetter sauste er dahin.
»Halt da -- halt!« schrie Polizei, die dort im Wege stand, und sprang
vor, dem Pferde nach dem Zügel zu greifen -- wieder sank die Peitsche,
und mit einem Schmerzensschrei fuhr der Dienstbeflissene zurück. Ein
Schiebkarren fuhr quer über die Straße -- der Mann ließ ihn fallen und
floh zur Seite; einem Vogel gleich schnellte der Rappe darüber hin,
der graue Araber, den Royazet ritt, blieb dicht an seinen Fersen. Wagen
kreuzten ihren Weg, aber die beiden, der leisesten Führung gehorchenden
Pferde fanden kein Hindernis, das sie nicht überwunden hätten. Wie ein
Blitzstrahl schoß der Rappe über den Boden, wie der Schein, der dem
Blitze folgt, folgte ihm der Graue, und beide Pferde schienen den Boden,
aus dem sie die hellen Funken schlugen, kaum zu berühren. -- Aber der
Araber war dem Rappen nicht gewachsen, und selbst wenn er ihn eingeholt,
fühlte Royazet recht gut, daß er allein dem Vater das Kind nicht würde
entreißen können. Doch seine Ehre als Reiter stand hier auf dem Spiele,
und weiter und weiter jagte er sein schnaubendes Roß. Der seidene
Mantel, den er trug, schlug im Wind -- wild wehten seine Haare
hinterdrein, denn das Federbarett hatte ihm der tolle Ritt schon lange
entführt. Aber seine Hacken trafen des arabischen Hengstes Flanken;
mit Stimme und Schlag feuerte er ihn an -- zu mehr, als er zu leisten
vermochte -- den Rappen einzuholen.
Wie in Erz gegossen saß dagegen Georg im Sattel. Sein dicht an seine
Brust geschmiegtes Kind im Arm, das dunkle Auge in Siegesjubel blitzend,
die Rechte mit der Peitsche bewehrt, so flog er dahin, sein Tier sich
selber überlassend, wie eine Erscheinung an den entsetzt zur Seite
Prallenden vorbei, bis Deutschlands Grenze, die Linie, die Altona von
Hamburg scheidet, zwischen ihm und seinem Feinde lag. Noch ließ er
seinem wackern Tiere den Zügel, bis er die nächste Häuserreihe fast
erreicht. Jetzt wußte er, daß er auf deutschem Grund und Boden war, und
nicht länger mehr brauchte er zu fliehen. -- Wollte ihn sein Verfolger
erreichen, hier hielt er ihm stand, und mit dem festen Willen fast
parierte er sein Pferd, das so, in voller Flucht, sich auf den
Hinterbeinen hob, herumflog und wie angegossen stand. -- Aber Royazet
war klug genug, den zum äußersten Getriebenen nicht auf sein eigenes
Terrain zu folgen. Die Grenze bildete für ihn das letzte Ziel der
Verfolgung, und dort sein Pferd so rasch und sicher parierend wie Georg,
lenkte er es zurück, und war wenige Minuten später, beschämt, besiegt,
zwischen den Häuserreihen Altonas verschwunden.
Ein triumphierendes Lächeln zuckte um Georgs Lippen, aber es war nur
ein Moment. Die Gegenwart nahm ihn genug in Anspruch -- das andere lag
dahinten. Rasch schnallte er den Plaid von seinem Sattel, denn sein
wilder Ritt sowohl, wie die wunderliche Tracht des Kindes, das er vor
sich trug, erregten die Aufmerksamkeit der ruhigen, an so etwas nicht
gewöhnten Bürger Hamburgs -- Neugierige begannen schon sich um ihn zu
sammeln. Ohne Zögern hüllte er die Kleine in den weichen Plaid, nahm ihr
das Barett vom Haupte, das er darunter barg, verdeckte ihr geschminktes
Antlitz, und trabte dabei schon wieder scharf dem nächsten Tore zu. Aus
Sicht den Leuten, und er war vergessen. In der Stadt selber konnte der
auf schweißbedecktem Tier Vorübertrabende nur flüchtige Aufmerksamkeit
erregen; die Leute dort hatten auch zu viel mit sich selber zu tun,
sich noch um andere, Fremde, zu bekümmern. So gewann er ohne weiteres
Hindernis sein Hotel, sprang vom Pferde, das er dem Hausknecht übergab,
um es rasch in den Stall zu führen und abzureiben, und trug sein Kind,
noch eingehüllt in den Plaid, die breite Treppe selbst hinauf.
Das Stubenmädchen erstaunte allerdings, als ihr der Auftrag wurde, so
rasch als möglich Kinderkleider für die Kleine herbeizuschaffen; dort
aber war das leicht. In einer halben Stunde hing Josefine, Freudentränen
weinend, in einem dunklen warmen Kleide an ihres Vaters Halse, und schon
der Abendzug, der Hamburg verließ, führte sie mit dem Vater und dem
alten erstaunten Barthold der Heimat wieder zu.
29.
Wolf von Geyerstein saß allein in seiner Stube, den Kopf in die Hände
gestützt, und vor ihm lag ein offener Brief Georgs:
»Tausend und tausend Dank für deine brüderliche Liebe, mein Wolf! --
Du hast recht -- meine Stellung hier, nach dem Vorgefallenen, ist,
wenn auch nicht unhaltbar, doch höchst drückend. Durch jenen Herrn von
Zühbig, wie du aus meinen früheren Briefen weißt, und durch des alten
Mühler trunkene oder seines Neffen boshafte Schwatzhaftigkeit ist
mehr unter die Leute gekommen, als ich im Anfang selbst vermutete.
Das Gerücht, was ich früher gewesen bin, hat Boden gefaßt, und die
Gutsnachbarn ziehen sich von mir zurück, vermeiden mich wenigstens,
soviel es geht, und ich werde sie nicht aufsuchen.
Meine ganze Seligkeit ist jetzt mein Kind, das ich glücklich dem ihm
selber furchtbaren Leben entrissen habe. Auch mit dessen Mutter bin
ich im reinen. Georgine weigerte sich auf meinen ersten Brief, in eine
Scheidung zu willigen, und wollte es nur unter der Bedingung, daß ihr
Josefine zurückgegeben würde. Durch ihre Flucht hat sie sich aber selber
jedes gesetzlichen Schutzes beraubt, und außerdem scheint ihr auch
der Wunsch, jene Verbindung mit Royazet zu schließen, den Schritt
erleichtert zu haben. Wir sind geschieden, die Papiere darüber werde ich
in nächster Zeit bekommen, und frei von allen Banden, die mich bis dahin
an das alte Leben ketteten, will ich von nun an meine Bahn beginnen.
Für dein Anerbieten, mich nach Ungarn auf das dort für mich angekaufte
Gut zu setzen, nimm meinen heißen Dank. Du hast schon mehr für mich
getan, als selbst ein Bruder für den andern tun kann, aber -- ich will
dich aller weitern Sorge für mich entheben. Ich habe einen andern Plan
für mich, der mich mir selber wiedergeben soll. Will es Gott, so sehen
wir uns dereinst noch froh und fröhlich wieder, und dann kann ich der
Mutter auch getrost ins Auge schauen.
Ich will nach Amerika. Es wird mir von meinem kleinen Kapital etwa so
viel übrig bleiben, mit meinen Begleitern hinüberzukommen. Ich habe
ein Kind angenommen -- eine Waise -- als Josefinens Gespielin, die mit
unendlicher Liebe an der neuen Schwester hängt. Von allen meinen Sachen
nehme ich nur den Rappen mit, der mir mein Kind befreit -- aber nur bis
zu dir. Mag er dir von jetzt an so treu dienen, als er mir gedient.
Alles weitere mündlich. Ich komme auf der Durchreise nach ***, um dich,
du treues Herz, noch einmal zu sehen und dir selber für alles, was du
an uns getan, zu danken. Wahrscheinlich folge ich diesem Briefe
unmittelbar; denn wie du mir schreibst, wird der neue Pachter schon in
acht Tagen eintreffen, und es ist alles hier so geregelt und in Ordnung,
daß dem alten Verwalter das Gut auf die kurze Zeit ohne die geringste
Sorge anvertraut werden kann. Ich bin gerade dabei, ihm das Inventar zu
übergeben.
Es grüßt und küßt dich bis dahin
dein _Georg_.
P. S. Da du mich nach dem Namen des traurigen Individuums fragst, das
meine Frau zu ihrer Flucht benutzte, so schreibe ich ihn dir. -- Er
nennt sich Baron Hugo von Silberglanz.«
Wolf hatte den Brief wieder und wieder gelesen. Er war aufgestanden und
ging mit raschen Schritten in seinem Zimmer auf und ab.
»Er darf nicht fort!« flüsterte er dabei, »nicht nach Amerika! Er ist
das letzte Herz, das hier noch mir gehört -- wir gehen zusammen fort
von hier -- nach Ungarn. Brennt doch der Boden auch mir unter den
Füßen. Gott sei Dank, daß er kommt -- besprochen ist so etwas besser als
geschrieben, und er wird -- er könnte nicht von mir gehen -- wüßte er
nur den tausendstel Teil von dem, was ich um ihn hier leide,« setzte er
mit leiser, kaum hörbarer Stimme hinzu.
Mit dem Entschlusse, seine Stellung hier aufzugeben und die Stadt
selber, die so viele trübe Erinnerungen für ihn barg, zu verlassen, kam
auch plötzlich Ruhe über ihn. Er ordnete seine Papiere und ließ sich
dann bei dem Fürsten melden. Der Fürst war aber auf die Jagd gefahren
und wurde erst am nächsten Abend zurück erwartet. Die Lakaien
schlenderten müßig im Schlosse herum und zählten vor lauter Langerweile
die Fensterscheiben.
Karl, der Bursche des Rittmeisters, hatte indessen mehr Beschäftigung,
denn ihm war der Auftrag geworden, zwei Zimmer für Gäste herzurichten,
mit allem Nötigen zu versehen und ordentlich durchwärmen zu lassen, da
der Besuch jeden Augenblick eintreffen konnte.
An dem Abend war Soiree bei Herrn von Zühbig und Graf Geyerstein
ebenfalls eingeladen worden -- der sich aber entschuldigen ließ. Gegen
Abend, als er durch die Stadt ging, traf er den Baron zufällig auf der
Straße.
»Aber lieber, bester Freund,« schoß dieser auf ihn zu, »zu meinem
unendlichen Leidwesen höre ich eben, daß Sie uns heute abend Ihre
unschätzbare Gegenwart grausamerweise entziehen wollen. Meine Frau ist
ganz untröstlich darüber.«
»Das bedaure ich in der Tat,« sagte der Rittmeister kalt,
»unaufschiebbare Geschäfte verhindern mich indes, da ich in nächster
Zeit wieder länger abwesend sein werde.«
»Sie wollen wieder auf Urlaub gehen?« fragte Herr Zühbig rasch, und
innerlich frohlockte er dabei über die frisch aufgefangene Neuigkeit.
»Ja,« erwiderte der Rittmeister, der den Grund nicht ahnte, weshalb sich
der Baron in solcher Weise dafür interessierte.
»Auf Ihre Güter?«
»Wahrscheinlich -- apropos, haben Sie lange nichts von Ihrem Freunde
Baron Hugo von Silberglanz gehört?«
»Von meinem Freunde?« sagte Herr von Zühbig, dem dieses Epitheton in
Verbindung mit sich und im Munde des stolzen Grafen eben nicht angenehm
war, »ich weiß gerade nicht, daß Baron Silberglanz zu meinen speziellen
Freunden gehörte. Er ist ein seelensguter Mensch und einmal in die
Gesellschaft eingeführt, so daß man ihn nicht gut umgehen kann, aber...«
»Wenn Sie ihn wiedersehen sollten, und ich wäre vielleicht nicht hier,«
sagte der Graf, »bitte, so grüßen Sie ihn doch von mir.«
»Von Ihnen?«
»Ja, er wird schon wissen, was es zu bedeuten hat.«
»Zu bedeuten hat?« wiederholte der Baron immer erstaunter, »ich gebe
Ihnen mein Wort...«
»Ihr Wort?« fragte der Graf, ohne ihn ausreden zu lassen, »geben Sie das
nicht auch manchmal leichtsinnig, Herr Intendant?«
»Ich will nicht hoffen,« sagte Baron von Zühbig rasch, aber doch mit
einem etwas unbehaglichen Gefühl, das ihm sein Gewissen in diesem
Augenblick aufdrängte. -- »Haben Sie -- haben Sie etwas mit Silberglanz
gehabt?«
»Ich? -- nicht das mindeste -- ich kenne den Baron gar nicht,« sagte
Graf Geyerstein gleichgültig. »Der Baron hat, wie ich erfahren,
ein kleines Abenteuer gehabt, das er Ihnen aber wohl leider nicht
ausführlich erzählen wird.«
»In der Tat? Sie machen mich unendlich neugierig!« rief Baron Zühbig
gespannt. »Sie würden mich sehr verpflichten, wenn Sie dann die Gnade
haben wollten...«
»Tut mir leid, Herr Baron, nicht imstande zu sein, Ihnen darin
zu willfahren; ich bin auch nur oberflächlich darin unterrichtet.
Vielleicht kann Ihnen Ihr Orakel darüber Auskunft geben.«
»Mein Orakel, hahaha! Herr Graf, Sie sprechen heute in lauter Rätseln.
Wen verstehen Sie unter meinem Orakel?«
»Fräulein Franziska von Zahbern.«
»Hahahaha!« lachte Baron von Zühbig, aber das Lachen kam nicht recht aus
seinem Herzen, denn er fühlte, daß Graf Geyerstein mehr wußte, als er
eigentlich sollte -- ja, was noch schlimmer in diesem Augenblick war,
mehr als er selbst. -- »Sie sind göttlich, Graf, aber -- furchtbar
boshaft, daß Sie die arme Zahbern zu einem Orakel machen wollen. Kommen
Sie -- beichten Sie -- wir gehen dort in den Keller hinunter und trinken
eine Flasche Wein« -- und damit faßte er den Grafen unter den Arm, ihn
mit sich fortzuziehen; »die Geschichte von Silberglanz dürfen Sie mir
gar nicht vorenthalten. Sie haben mich damit auf die Folter gespannt.«
»Es ist grausam, Sie darauf liegen zu lassen, Herr Baron,« sagte der
Graf ruhig, »aber ich werde dazu gezwungen sein. Den ausführlichsten
Bericht kann Ihnen jedenfalls Herr Hugo von Silberglanz selber geben,
und Sie müssen sich auf den vertrösten. Ich bitte, daß Sie mich
entschuldigen -- ich habe Eile.«
»Sie wollen in der Tat nicht einen Augenblick mit mir...«
»In der Tat nicht -- guten Abend, Herr Baron,« und der Graf neigte sich
leicht, während er sich von Herrn von Zühbig abdrehte und die Straße
hinunter schritt. Herr von Zühbig blieb in einer höchst unbehaglichen
Stimmung zurück.
Graf Geyerstein suchte indessen den Kriegsminister von Ralphen auf, um
diesem sein Anliegen vorzutragen; Seine Exzellenz mußte aber gerade in
eine Session und ließ den Grafen bitten, morgen früh Punkt zwölf Uhr
wieder zu ihm zu kommen, da er ihm überdies etwas mitzuteilen habe.
So ließ sich denn für heute nichts weiter tun, und der Graf verbrachte
den Abend damit, seine Briefschaften zu ordnen, alte Korrespondenz zu
verbrennen, wichtige zu versiegeln und einige notwendige Briefe außerdem
zu schreiben. Am nächsten Morgen war er wieder früh auf und setzte
seinen Burschen Karl in nicht geringes Erstaunen, als er ihm befahl,
seine Koffer herbeizuholen und sämtliche Kleidungsstücke zu reinigen,
sowie zum Packen bereitzuhalten. Karl schüttelte heimlich mit dem Kopfe,
denn das paßte nicht zu dem erwarteten Besuche. Er war aber ein zu guter
Diener, weiter zu fragen, und ging an seine Arbeit.
»Wann kommt der erste Zug?« rief ihm der Graf nach.
»Woher, Ew. Gnaden?«
»Von Berlin.«
»Ah so -- der wird jetzt herein sein oder doch gleich kommen. Da unten
hör' ich schon die Droschken -- er muß schon da sein.«
»Es ist gut.« -- Wolf trat ans Fenster, und Karl ging hinaus, seine
Aufträge auszuführen.
Eine lange Reihe von Droschken kam die Straße daher, die eingetroffenen
Fremden in die verschiedenen Hotels zu fahren. Eine davon lenkte nach
seiner Tür zu und hielt. Ein Mann in einem grünen Rocke saß neben dem
Kutscher vorn auf dem Bock -- er sah herauf -- es war der alte Forstwart
Barthold von Schildheim, und Wolf flog nach der Tür, den Bruder zu
begrüßen.
»Karl! Karl!«
»Gnädiger Herr!«
»Hinunter -- die Gäste sind da -- schnell das Gepäck herauf!«
Rasche Schritte nahten von der Stiege her, Wolf trat in sein Zimmer
zurück, in der ersten Begrüßung nicht von Fremden gestört zu werden, und
wenige Minuten später lagen sich die Brüder in den Armen.
»Gott grüß' dich, Georg -- Gott grüß' dich tausendmal, und herzlich
willkommen hier bei mir! Wo sind die Kinder?«
»Mein guter, guter Wolf! -- sie kommen nach; der alte Barthold bringt
sie mit ihrer Erzieherin die Treppe herauf.«
»Den Alten hast du von Schildheim entführt?«
»Ja -- nur bis hierher. Ich mußte jemanden des Pferdes wegen bei mir
haben, und er weiß mit Pferden besser umzugehen, als ich ihm zugetraut.
Du hast wohl jemanden, um den Rappen vom Bahnhof abholen zu lassen?«
»Gewiß! Nun mache es dir bequem und ruhe dich aus! Wir haben viel, sehr
viel miteinander zu besprechen. -- Karl -- wo steckt der Bursche wieder?
Karl, daß die Kinder mit der jungen Dame gleich ihr Zimmer bekommen
-- es ist alles in Ordnung, Georg; ich habe auch eine Frau, eine
ganz tüchtige Person besorgt, damit die Kleinen für die Zeit ihres
Aufenthalts hier ordentliche Verpflegung haben. -- Ein Junggeselle ist
sonst nicht darauf eingerichtet.«
»Wir wollen dir nicht lange zur Last fallen.«
»Davon später -- und nun erst her zu mir,« sagte er, indem er die Tür
schloß, dann auf den Bruder zuging und ihn umarmte und küßte und wieder
küßte. -- »Du armer, armer Georg, was hast du ertragen müssen, und doch
bei alledem so brav, so wacker dich gehalten! Jetzt bist du wieder der
Unsere. Du darfst jedem frei ins Auge schauen, und -- wir trennen uns
auch jetzt nicht mehr.«
»Mein braver Wolf!« rief Georg, ihn fest an sich pressend, »du treues,
brüderliches Herz! -- Ueber meine Pläne sprechen wir nachher. Doch was
fehlt dir? Du siehst verändert aus, seit ich dich nicht gesehen.«
»Nichts -- ein leichtes Unwohlsein. -- Und wie geht es deinem Kinde,
deiner armen kleinen Josefine -- meiner Nichte? Sie wird uns beiden wohl
fortan gehören müssen.«
»Du willst auch nach Amerika?« rief Georg erstaunt.
»Nein, das nicht,« lächelte Wolf, »aber deine Pläne wirst du den meinen
schon fügen müssen, aus Liebe zu mir. Doch deinen Kinderraub mußt du mir
ausführlicher, als es durch den Brief geschehen, erzählen. Merkwürdig,
daß nichts davon in den Zeitungen stand.«
»Das Ganze ging zu rasch,« lächelte Georg, »und Royazet wäre der letzte
gewesen, es bekannt zu machen. Er mag außer sich genug gewesen sein,
daß bei seinem prunkenden Zuge ein anderes Pferd ihn überbieten konnte.
Meinen Rappen aber holt keins von seinen Tieren ein. Ich sah, wie
Georgine erbleichte, als ich vorüberbrauste -- die Falsche -- keine Ader
meines Herzens schlägt mehr für sie; mag sie dem Leben bleiben, dem sie
sich geweiht. Das alles aber erzähle ich dir ausführlich, wenn wir
heute abend still und traulich beisammensitzen. Du bist doch nicht
beschäftigt?«
»Mit keinem Gedanken, ich gehöre euch; und nun zu den Kindern, daß wir
die begrüßen!« Und seines Bruders Arm ergreifend, wollte Wolf eben
mit ihm das Zimmer verlassen, als Karl, ein sehr bedenkliches Gesicht
ziehend, die Tür öffnete und herein meldete: »Herr Rittmeister, halten
zu Gnaden, eine Dame ist draußen, die nach Ihnen fragt.«
»Eine Dame? -- nach mir?« rief Wolf erstaunt, des Bruders Arm
loslassend, »das ist wohl ein Irrtum.«
»Nein; sie fragte nach dem Herrn Rittmeister von Geyerstein.«
»Eine junge Dame?«
»Halten zu Gnaden, nein; sie ist schon in den Jahren, sieht aber sehr
vornehm aus.«
»Und hast du nicht nach ihrem Namen gefragt?«
»Sie wollte ihn nicht nennen. Ich sollte dem Herrn Rittmeister nur
sagen, eine Dame wünsche ihn zu sprechen.«
»So geh allein voran, Georg; ich folge dir gleich nach,« sagte Wolf.
»Gott weiß, wer es ist! Ich werde keineswegs lange aufgehalten werden.
Wir frühstücken dann zusammen.«
»Mach', daß du bald kommst,« erwiderte Georg, indem er durch die ihm
bezeichnete Tür verschwand. Karl blieb noch einen Augenblick stehen.
»Alle Wetter,« dachte er bei sich, »der Herr sieht genau so aus wie der
famose Kunstreiter Monsieur Bertrand, und mein Herr und er duzen sich?«
»Nun, auf was wartest du?«
»Halten zu Gnaden!« rief Karl erschreckt, »soll ich sie hereinführen?«
»Es sieht hier freilich ein wenig wild aus, aber die besseren Zimmer
sind besetzt. Wenn sie einen Junggesellen besucht, muß sie fürlieb
nehmen, wie sie es findet. Bitte sie, näher zu treten. -- Apropos, den
Jäger, der mit -- dem Herrn gekommen, bringe mir gut unter, und sorge,
daß es ihm an nichts fehlt. Wenn alles in Ordnung ist, soll er herauf zu
mir kommen; ich will mit ihm sprechen. Noch eins -- der Johann muß dann
gleich auf den Bahnhof, um ein Pferd dort abzuholen.«
»Sehr wohl!«
Karl verschwand durch die Tür, die sich bald darauf wieder öffnete, und
eine Dame trat herein und ging auf Wolf zu.
»Gnädige Frau,« sagte dieser, »Sie haben gewünscht...«
Die Dame stand mitten im Zimmer und sah ihn lächelnd an.
»Heiliger Gott!« fuhr Wolf erschreckt empor. »Mutter -- du?«
»Das war eine Ueberraschung, nicht wahr?« sagte die alte Dame, indem sie
ihre Arme liebkosend um das an sie geschmiegte Haupt des Sohnes legte.
»So habe ich es mir ausgedacht und mich lange, lange schon darauf
gefreut.«
Karl öffnete in diesem Augenblick die Tür ein wenig, denn es war ihm,
als ob ihn sein Herr gerufen hätte, schloß sie aber auch augenblicklich
wieder, als er die Gruppe bemerkte und murmelte nur leise vor sich hin:
»Sonderbar! sonst ist mein Herr mit allen Leuten, die zu ihm kommen,
ganz erschrecklich kalt und kurz angebunden, und heute fällt er allen um
den Hals -- doch was geht's mich an!«
»Aber was führt dich jetzt hierher zu uns?« rief Wolf, indem er seine
Mutter zum Sofa führte. »Keine Silbe hast du davon in deinem letzten
Briefe erwähnt.«
»Komme ich dir so ungelegen, mein Kind?«
»Nie glücklicher als jetzt,« rief Wolf, »so lieb du mir auch immer bist,
aber fröhlicher begrüßt hätte ich nie deine Ankunft.«
»In der Tat?« lächelte die alte Dame, »und was ist heute morgen so
Besonderes vorgefallen? Apropos, da draußen standen Koffer; ist jemand
zu dir gekommen oder willst du verreisen?«
»Beides -- wenn auch nicht gleich, da ich dich jetzt hier habe.«
»Aber, Wolf, Wolf,« sagte die alte Dame, ihn mit wachsender Unruhe
betrachtend, »was fehlt dir? -- bist du krank gewesen? -- Deine Wangen
sind bleich und eingefallen; deine Augen liegen tief in ihren Höhlen
und haben das Feuer nicht mehr, das sie früher hatten. Ist etwas
vorgefallen? -- Laß mich's wissen, Wolf -- sonst,« setzte sie herzlich
hinzu, »war ich ja doch immer deine Vertraute.«
»Vorgefallen ist allerdings etwas, lieb Mütterchen,« sagte Wolf, der
ihre Aufmerksamkeit von sich abzulenken wünschte, »aber nichts, was mich
niederdrücken könnte. Ein leichtes Unwohlsein hat mir vielleicht für den
Augenblick die sonst lebendigere Farbe genommen -- weiter nichts.«
»Nein, mein Kind,« sagte aber die alte Dame, denn das Mutterauge sah
schärfer als das der anderen, »das ist mehr als ein leichtes Unwohlsein.
Du warst entweder ernstlich krank, Wolf, oder irgend ein geheimer Kummer
nagt dir am Herzen. Du kannst mich nicht täuschen. -- Habe ich dein
Vertrauen verloren, Wolf?«
»Nein, liebe Mutter, gewiß und wahrhaftig nicht, und du sollst später
alles erfahren, was geschehen, aber nicht jetzt -- nicht in diesem
Augenblick, wo ich dir nur Freudiges zu verkünden habe. Erst sage mir
aber, wo du abgestiegen bist.«
»Im Russischen Hofe. Ich wollte niemandem zur Last fallen. Ralphens
hatten mich allerdings in früherer Zeit gebeten, wenn ich einmal wieder
nach *** käme, ihr Haus als das meine zu betrachten, und es sind liebe,
gute Leute; ich habe es aber doch vorgezogen, ein Hotel zu wählen.
Bleibe ich länger hier, was leicht möglich ist, so quartiere ich mich
vielleicht bei dir ein -- wenn du mich nämlich haben willst.«
»Gute Mutter.«
»Es ist mir in der letzten Zeit,« fuhr die alte Dame fort, »recht weh
und einsam zu Hause geworden. Ich weiß eigentlich selber nicht, wie es
kam, aber -- alles schien mir wie ausgestorben um mich her, und alte
trübe Gedanken gewannen mit jedem Tage, soviel ich mich auch gegen sie
wehrte, mehr Gewalt über mich. War es die Wiederkehr des Jahrestages, an
dem uns Georg damals verlassen,« setzte sie leise und schmerzlich hinzu,
»ich kann es nicht sagen, aber meine Sehnsucht ergriff mich nach dir,
mein Wolf, nach meinem einzigen Kinde, das mir noch geblieben, der ich
endlich nicht länger widerstehen konnte. War es eine Ahnung, Wolf? -- Du
hast vielleicht gerade in der Zeit gefährlich krank gelegen, ohne deine
Mutter ein Wort davon wissen zu lassen und sie an dein Lager zu rufen?«
»Nein, liebe Mutter,« sagte Wolf mit vor innerer Bewegung erstickter
Stimme, denn ihn drängte es, den Sohn wieder an das Herz der Mutter zu
führen. »Ich nicht, aber dennoch hat dich deine Ahnung nicht getäuscht.
Ein anderer lag schwer krank danieder, wenn auch nicht an Körper, doch
an Geist, und ist jetzt vollständig und froh genesen. Mutter -- liebe
Mutter -- bist du stark genug, eine recht große Freude zu ertragen?«
»Wolf!« rief die alte Dame und Leichenblässe deckte in dem einen Moment
ihre Züge, »ich -- ich kenne nur eine große Freude in der Welt. --
Wolf,« fuhr sie fort, indem sie mit zitternder Hand des Sohnes Arm
ergriff, »weißt du -- weißt du von Georg?«
»Er lebt,« sagte Wolf leise, die Mutter dabei umfassend.