»Exzellenz,« sagte der junge Mann, in einem wahren Taumel von Glück und

Seligkeit, ohne jedoch die noch immer an ihn geschmiegte Melanie aus

seinem Arm zu lassen, »ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß ich in diesem

Augenblick selber nicht weiß, wo mir mein eigener Kopf steht -- ich bin

zu glücklich, zu selig, Sie auch nur...«

»Um deinen Segen zu bitten, Papa!« flüsterte Melanie, sich ihm

entwindend und zum Vater eilend, an dessen Hals sie flog. »Ich war ein

böses -- böses Kind, Papa, und habe viel, gar sehr viel gut zu

machen; aber,« setzte sie mit herzlichem Tone hinzu, indem sie dem

Ueberglücklichen die Hand entgegenstreckte, »auch eine ganze Lebenszeit

vor mir, es zu vollbringen.«

»Dann nehmt von ganzer Seele meinen Segen,« sagte der alte Herr gerührt.

-- »Sie, Graf, war ich gewohnt, seit langen Jahren als mit zum Hause

gehörig zu betrachten, und daß Sie die letzten Monate sich dem so

entfremdeten, hat mir wehe getan. Die Sache hattet ihr beiden mitsammen

auszumachen, und nur die Pläne, die eure Mama -- aber alle Teufel, weiß

denn die Mutter schon um dieses Bündnis, das die beiden kriegführenden

Mächte auf einmal miteinander geschlossen haben?«

Melanie schüttelte den Kopf.

»Gut,« lachte der alte Herr still vor sich hin, »dann kann sie sich die

Neuigkeit gleich selber holen, denn das ist ihre Stimme draußen. Und

nun, Herr Major, bitte ich mir auch aus, daß Sie mich nicht den ganzen

Tag hier mit dem Patent in der Hand stehen lassen. Sie scheinen sich

keinen Pappenstiel daraus zu machen.«

»Bester Vater!«

»Ahem, da bekomme ich gleich einen neuen Titel. Schön, werde

augenblicklich Gebrauch davon machen. -- Frau von Ralphen,« wandte er

sich in dem Moment zu der eben eintretenden Exzellenz, die mit einem

Brief in der Hand das Zimmer ihrer Tochter betrat und überrascht schien,

den Grafen Geyerstein hier zu finden. »Ich habe die Ehre, Ihnen hier

Herrn Major von Geyerstein vorzustellen, der Sie durch mich ersuchen

läßt, ihm für heute abend ein gutes Souper herzurichten und ihm in

Zukunft eine gnädige liebevolle Schwiegermutter zu sein.«

»Eine Schwiegermutter?« rief die alte Dame, im höchsten Erstaunen von

einem zum andern blickend, »Melanie!«

»Meine liebe, liebe Mutter!« flüsterte Melanie an der Mutter Brust,

»ich habe ihn ja immer geliebt -- und bin so glücklich jetzt -- so

herzensfroh!«

»Aber, liebes Kind,« sagte die alte Exzellenz bestürzt, »das ist -- Herr

Graf, Sie entschuldigen -- eine Wendung, auf die ich in der Tat nicht

gefaßt war. Graf Selikoff schreibt mir soeben, daß er dich um deine

entscheidende Antwort bittet, da er in nächster Zeit hier wieder

eintreffen will.«

»Nun, da ist ja noch gar nichts versäumt,« lachte Herr von Ralphen

gutmütig, »da kann er's ja noch immer bis dahin erfahren.«

»Aber, Melanie!« rief Frau von Ralphen.

»Hast du dem Grafen Selikoff ein Versprechen gegeben?«

»Nein, Papa.«

»Oder ihm Hoffnungen gemacht?«

»Nie,« sagte Melanie mit fester Stimme, ihrem Vater dabei offen ins Auge

schauend.

»Bon!« sagte der alte Herr, sich vergnügt die Hände reibend. »Der

Selikoff ist ein herzensguter und ganz gescheiter Mensch, mit dem man

recht angenehmen Umgang haben kann, und hätte Melanie ihn zu ihrem

Gatten gewählt, nun, so würde ich mich dem gefügt haben, denn meinem

Kinde will ich keinen Zwang antun. Wie die Sache aber jetzt steht, ist

mir der neugebackene Major lieber, und daß auch du ihm eine freundliche

Mutter sein wirst, dürfen wir von dir erwarten.«

»Aber ich begreife gar nicht...«

»Nachher, Mütterchen, nachher,« bat Melanie, während Graf Geyerstein auf

sie zuging und ehrfurchtsvoll ihre Hand an seine Lippen zog, »der Graf

selber begreift es noch nicht, und ihm bin ich vor allen anderen eine

Erklärung schuldig, dann kommst du und Papa auch daran. Nicht wahr, ihr

laßt mich einen Augenblick mit ihm allein?«

»Ja, wenn wir hier aus dem Zimmer geworfen werden, Mütterchen, dann

müssen wir wohl gehen,« lachte Herr von Ralphen; »und ob mir der

verzweifelte Mensch nur den Brief aus der Hand genommen hätte,« setzte

er hinzu, indem er das Schreiben mit komischem Zorn auf den Tisch warf.

»Und das alles hier --« begann die Mutter noch einmal; ihr Gatte aber

nahm ihren Arm in den seinen, und mit einem freundlichen »Macht's kurz,

ihr beiden, und Sie, Major, kommen dann zu mir hinüber,« zog er die

noch immer halb Widerstrebende lachend aus der Tür und mit sich in sein

Arbeitszimmer, um dort den glücklichen Bräutigam zu erwarten.

31.

Bei Herrn von Zühbig war großes Diner zur Geburtstagsfeier der gnädigen

Frau.

Geladen waren: Herr Staatsrat von Zädnitz mit Gemahlin, Herr General von

Schoden mit Fräulein Euphrosyne von Schoden, Herr Geheimer Finanzrat

von Eitelbrand mit Gemahlin und Tochter, Fräulein Franziska von Zahbern,

Herr Baron Hugo von Silberglanz, Herr Gerichtsassessor Freiherr von

Helmersdorf.

Das Diner war verzehrt, die Diener schafften Schüsseln und Weinflaschen

hinaus, die Damen und Herren hatten sich in einen benachbarten Salon

begeben, wo Kaffee serviert wurde, und während sich die Gäste hier

in kleinen Gruppen absonderten, gelang es dem Staatsrat von Zädnitz

endlich, wonach er schon lange gestrebt, den Baron Hugo von Silberglanz

in einem Knopfloch zu erwischen.

»Aber, mein Herr Baron,« rief der etwas ausgetrocknete Herr, indem er

sein scharfmarkiertes Gesicht in ein süßliches Lächeln zog, »man wird

Ihrer ja gar nicht habhaft, und ich habe mir bis jetzt die größte, wenn

auch immer vergebliche Mühe gegeben, Ihnen auch nur einmal für einen

Moment beizukommen.«

»Herr Staatsrat, ich stehe ganz zu Ihren Diensten,« sagte unser alter

Freund Hugo von Silberglanz mit einer tiefen Verbeugung, »Sie haben nur

zu befehlen.«

»Zu bitten, Verehrtester, zu bitten, nämlich uns einige Data über Ihre

französische Reise. -- Ach, Paris, Baron -- es gibt doch nur ein Paris!«

»Da kommen Sie uns zu Hilfe, mein lieber Staatsrat,« sagte Fräulein von

Zahbern, die an seiner Seite stand. »Aus dem Baron ist aber nicht so

viel herauszubekommen. Wissen Sie, daß ich ihn in Verdacht habe, in

Paris unter die Freimaurer gegangen zu sein?«

»Ich glaube schwerlich, daß er dazu in Paris wird Zeit gehabt haben,«

lächelte die Frau Staatsrätin, eine volle üppige Gestalt, neben der ihr

Gatte sich in den Falten seines Fracks zu verlieren schien.

»Allerdings nicht, gnädige Frau,« sagte von Silberglanz, sich

verneigend, »ich war sehr beschäftigt dort, wenn auch nicht in der

Weise, wie Sie zu glauben scheinen. Aber auch Fräulein von Zahbern tut

mir unrecht, denn ein so schlechter Erzähler bin ich doch wahrhaftig

nicht.«

»Mein lieber Silberglanz,« nahm aber auch Herr von Zühbig gegen ihn

Partei, indem er seine kleine Gestalt mit dem vom genossenen Weine

seligen Gesicht zwischen die Gruppe schob. »Die Damen haben vollkommen

recht -- ganz ausschließlich. Sie sind eine Sphinx, eine wahre steinerne

Sphinx, und da wir Sie jetzt hier eingefangen und fest haben, mache ich

den Vorschlag, Sie nicht eher wieder freizugeben, als bis Sie uns Ihr

Abenteuer aus Schildheim gebeichtet haben.«

»Aber, Baron, ich bitte Sie um tausend Gottes willen,« flüsterte leise

und erschreckt Hugo von Silberglanz.

»Tut mir leid, hilft Ihnen aber nichts,« lachte von Zühbig, der sich

gerade in einer Stimmung befand, alle leichteren Hindernisse des

menschlichen Lebens als gar nicht bestehend zu betrachten. »Machen

Sie keine unnötigen Schwierigkeiten, Freund, Sie sitzen einmal in der

Falle.«

»Bravo! bravo!« rief fröhlich in die Hände schlagend Fräulein von

Zahbern, die sich heute schon den ganzen Tag in ausnahmsweise froher und

heiterer -- selbst harmloser Stimmung befand -- etwas, das sich von

der jungen Dame nicht immer sagen ließ. »Da in die Ecke wollen wir ihn

setzen lassen, Herr von Zühbig, und dann Wache bei ihm stehen, bis er

auch das letzte gebeichtet hat.«

»Aber was ist das mit Schildheim?« fragte die Frau Staatsrätin. »Ist das

nicht das Gut, das der Gräfin Geyerstein gehört und da oben irgendwo an

der schwedischen oder norwegischen Grenze liegt?«

»Dasselbe, Verehrteste,« schmunzelte von Zühbig, »und ein leichtfertiger

Baron hat da, wie ich fürchte, ein paar abnorme Abenteuer bestanden,

von denen es seine Bescheidenheit jetzt nicht erlaubt, Rechenschaft zu

geben.«

»Ein paar gleich?« sagte die Frau Staatsrätin, »und sollte ihm seine

Bescheidenheit dabei wirklich im Wege stehen? Die ist sonst Ihr Fehler

nicht, nicht wahr, Baron?«

»Gnädige Frau,« erwiderte von Silberglanz etwas pikiert, »es tut mir

leid, Ihnen diesmal widersprechen zu müssen, denn meine Bescheidenheit

verbietet mir allerdings, verschiedene Abenteuer zu erwähnen, und diese

nicht allein, sondern auch meine Diskretion.«

»Aber, Herr Baron,« klagte Fräulein von Zahbern, »Sie machen uns dadurch

ja nur noch immer neugieriger.«

»Seien Sie nicht ängstlich, mein gnädiges Fräulein,« beruhigte sie

von Zühbig mit einer entsprechenden Handbewegung, »seine Diskretion

erstreckt sich nicht bis auf Hölderleins Keller, und dort hat er mir

schon, gleich gestern nach seiner Ankunft und trotz dieser entsetzlichen

Diskretion, ein offenes Bekenntnis der Hauptdata wenigstens abgelegt...«

»Aber dabei auf die Ihrige gerechnet, Baron.«

»Ohne Vorbehalt, Freundchen,« schmunzelte von Zühbig gnädig den kleinen

Mann an, »ohne den geringsten Vorbehalt.«

»Aber Sie werden doch nicht...«

»Erzählen, daß Sie die göttliche Georgine Bertrand wirklich entführt

und sie jetzt, ein zweiter Aeneas, auf Naxos haben sitzen lassen? Gott

bewahre,« lachte von Zühbig, »das wäre in der Tat indiskret.«

»Ich will doch nicht hoffen --« mischte sich hier etwas rasch Frau von

Zühbig in das Gespräch.

»Daß er so glücklich war? -- allerdings,« lachte ihr Gatte, »aber das

Interessanteste verschweigt er grausamerweise.«

»Aber, Baron, ich bitte Sie ernstlich.«

»Pst! Freundchen, jeder solcher der Gesellschaft vorenthaltene Punkt ist

ein Raub, den wir an ihrer Unterhaltung, also an ihrer ganzen Existenz

begehen, und sollte einen Platz im Kriminalgesetzbuche finden, wenn

überhaupt Gerechtigkeit in der Welt wäre. -- Er verschweigt nämlich, was

geschehen ist, als er mit dem betrogenen und gekränkten Gatten wieder

zusammentraf.«

»In der Tat?« rief Fräulein von Zahbern, jetzt ganz Ohr.

»Und etwas muß da vorgefallen sein,« fuhr von Zühbig erbarmungslos fort.

»Lieber Zühbig,« sagte von Silberglanz entschlossen, »Sie mögen mich

als einen indiskreten oder vielmehr zu vertrauensvollen Freund kennen

gelernt haben, aber daß ich ein Prahlhans sei, kann mir niemand

vorwerfen.«

»Also Sie haben sich duelliert?« fragte Fräulein Franziska rasch. »Gott!

wie schrecklich!«

»Sie sehen, mein gnädiges Fräulein, daß ich noch gesund vor Ihnen

stehe,« bemerkte von Silberglanz.

»Unser Monsieur Bertrand ist ebenso gesund davongekommen,« kaute der

Staatsrat mit seiner breiten Stimme und einem vergnügten Grinsen.

»Aber woher weißt du das?« sagte seine Frau.

»Woher, mein Schatz? -- als ob ein Mann in meiner Stellung nicht alles

wissen müßte.«

»Alles?« lächelte die Frau Staatsrätin und warf ihrem Gatten einen

spöttischen Seitenblick zu.

»Alles, mein Kind,« bestätigte ihr Mann, »und daher weiß ich denn auch,

daß eben dieser Georg Bertrand vor etwa drei Wochen drei ganze Tage lang

im Hause des Grafen Geyerstein war und dort mit seinem Kinde gewohnt

hat.«

»Mit seiner Tochter?« rief von Silberglanz rasch.

»Mit seiner Tochter. Sie scheinen auch in der Familie näher bekannt.«

»Aber, Herr Staatsrat,« rief Fräulein von Zahbern, »davon sollten wir in

der Residenz gar nichts erfahren haben?«

»Daß es Ihnen entgangen ist, mein gnädiges Fräulein, wundert mich

selber,« bemerkte der Staatsrat, »aber seine Abreise stand mit der der

Gräfin Geyerstein in genauester Verbindung, denn sie sind -- in einem

Wagen abgereist.«

»Und davon haben Sie uns die ganze lange Zeit kein Wort gesagt?«

»Dann hat ihn auch die alte Gräfin mit auf ihre neuen ungarischen Güter

genommen,« rief von Zühbig, »und dahin ist denn auch jedenfalls vor acht

Tagen das junge Ehepaar nachgereist.«

»Aber in welcher Verbindung könnte Georg Bertrand mit ihnen stehen?«

fragte die Staatsrätin; »Franziska, das müßten Sie uns eigentlich

herausbekommen. Sie sind ja mit der alten Exzellenz von Ralphen ein Herz

und eine Seele, und Melanie...«

»Ich habe seit dieser Verbindung keinen Fuß wieder in das Haus gesetzt,«

sagte Fräulein von Zahbern, den Kopf stolz zurückwerfend.

»Ein neues Rätsel,« rief der Staatsrat, »und die ganze Stadt behauptete,

es sei einzig und allein Ihr Werk gewesen.«

»Dann tut mir die ganze Stadt zu viel Ehre an,« erwiderte Fräulein von

Zahbern kalt. »Melanie hat den Grafen Geyerstein nur genommen, weil sie

sich Hoffnungen auf Selikoff gemacht hatte und diese zuletzt doch wohl

nicht haltbar fand. Sie mochte nicht als alte Jungfer sterben.«

»Sehr vernünftig von der jungen Dame,« bemerkte der Staatsrat mit

einem bedenklichen Blick auf Fräulein von Zahbern, der aber von dieser

glücklicherweise nicht bemerkt wurde.

»Apropos, Selikoff,« sagte von Silberglanz, der bei der neuen Wendung

des Gespräches eine Last von seinem Herzen gewälzt fühlte. »Als ich

damals abreiste, hieß es ja, daß er nur nach Petersburg ginge, um einige

Geschäfte zu ordnen.«

»Das hieß damals so,« sagte Frau von Zädnitz, »seit sich die Sachen hier

aber so geändert haben, wird er schwerlich wiederkehren.«

»Gnädige Frau möchten sich darin doch vielleicht irren,« erwiderte

Fräulein von Zahbern, und ein eigener triumphierender Blick schoß dabei

nach dem Baron Silberglanz hinüber, von dem er jedoch total abprallte.

»Ich weiß aus ganz sicherer Quelle, daß Melanie von Ralphen keinen

Einfluß auf sein Herkommen oder Wegbleiben hat, und daß er also,

trotz Komtesse von Ralphens Heirat und sehr unbekümmert darum, in etwa

vierzehn Tagen hier wieder eintreffen wird.«

»Ei, ei, mein gnädiges Fräulein,« schmunzelte von Zühbig, »sollen wir

da vielleicht veranlaßt werden, andere zarte Bande als Magnet zu

betrachten, die ihn hierher ziehen könnten? Selikoff hat Ihnen einmal,

ehe er sich so ganz nach Ralphens hinzog, entsetzlich die Tour gemacht.«

»Nein, da tun Sie Fräulein von Zahbern unrecht, Herr Baron,« rief der

Staatsrat, ihre Partei ergreifend, »diesmal ist das gnädige Fräulein

nicht allein vortrefflich unterrichtet, sondern interessiert sich

auch aus vollkommen uneigennützigen Absichten für den jungen Russen.

Allerdings ist dieser über seine sich früher gesetzte Zeit ausgeblieben

-- wahrscheinlich hat er nicht früher nach *** zurückkehren können

-- jetzt weiß ich aber bestimmt, daß er in vierzehn Tagen wieder hier

eintreffen wird, um -- der Residenz seine junge Frau vorzustellen.«

Fräulein von Zahbern sah vor sich nieder und flüsterte: »Nun, mein Herr

Staatsrat, so weit ist die Sache denn doch eigentlich nicht.«

»Allerdings, mein gnädiges Fräulein -- Pardon, wenn ich Ihnen

widerspreche. Die Trauung wird am 17. dieses Monats mit der jungen

Fürstin Orlikoff vollzogen werden.«

Fräulein Franziska wurde leichenblaß; im nächsten Moment aber auch schon

zog sich ein höhnisches Lächeln um ihre Lippen, und sie erwiderte: »Der

Herr Staatsrat geruhen zu phantasieren, die Braut soll er sich wohl im

Vorbeigehen aufgelesen haben!«

»Bitte um Entschuldigung,« entgegnete von Zädnitz mit der boshaftesten

Geflissenheit, »er hat um sie nach alten Rechten und Gebräuchen geworben

-- wahrscheinlich, um Komtesse Ralphen zu beweisen, daß er nicht um eine

gute Partie verlegen zu sein braucht, denn die junge Fürstin soll eine

der ersten Partien in Petersburg sein.«

»Es ist eine boshafte Erfindung von Ihnen,« sagte Fräulein von Zahbern,

indem ihr Antlitz eine fast dunkle Färbung annahm und ihre Augen wie ein

paar Brillanten leuchteten.

»Dann habe ich auch wahrscheinlich diesen Brief gefälscht,« sagte der

Staatsrat, indem er ein Kuvert aus der Tasche und sorgfältig und sehr

langsam ein zierliches Billett aus diesem nahm. Höchst vorsichtig und

umständlich faltete er es dabei auseinander, indes Fräulein Franziska

wie auf Nadeln neben ihm stand und sich augenscheinlich alle Gewalt

antun mußte, es ihm nicht aus den Fingern zu reißen. Von Zädnitz sah das

auch recht gut, wenn sein Auge auch nicht nach ihr hinüberflog, und ein

leises Lächeln zuckte ihm dabei um die dünnen Lippen. Aber er beeilte

sich deshalb nicht im geringsten, und endlich das zartduftende Billett

vor sich haltend, las er:

»Lieber Zädnitz!

Ich weiß, daß Sie Anteil an mir nehmen, deshalb zeige ich Ihnen hiermit,

und nur Ihnen, meine am 17. dieses Monats stattfindende Vermählung mit

Feodorowna Fürstin von Orlikoff an. Teilen Sie es meinen Freunden mit.

Zugleich bitte ich Sie, mir zu Ende des Monats und für den Sommer ein

passendes Quartier in *** auszumachen, in bester Lage, und mit jeder

irgend möglichen Räumlichkeit für uns, Dienerschaft und zehn Pferde.

Der Preis ist natürlich gleichgültig. Indem ich Sie bitte, mich Ihrer

liebenswürdigen Frau Gemahlin zu Füßen zu legen, bleibe ich wie immer

Ihr --«

»Bitte, gnädiges Fräulein, kennen Sie die Unterschrift?«

»Selikoff,« las Fräulein von Zahbern, die sich indessen gewaltsam

gesammelt hatte, vollkommen gleichgültig. »Der Herr Staatsrat mußten

nach solcher direkten Anzeige allerdings besser unterrichtet sein als

wir.«

»Aber die liebenswürdige Frau Gemahlin,« bemerkte Frau von Zädnitz, »hat

ja bis jetzt kein Wort, nicht einmal von dem Gruß erfahren.«

»Weil ich den Brief zehn Minuten vorher erhielt, ehe wir von Hause

fortfuhren, mein Schatz,« erwiderte ihr Gatte, »und ich dann von deiner

brillanten Toilette so geblendet war, daß ich alles andere darüber

vergaß.«

»Und Fräulein Franziska hättest du die Nachricht auch nicht so

unvorbereitet mitteilen sollen.«

Der Blick, den die junge Dame in diesem Augenblick -- vielleicht

unbewußt, aber gewiß nicht unbeobachtet -- auf die Frau Staatsrätin

warf, hätte, wäre er ein Dolch gewesen, ihren unmittelbaren Tod zur

Folge haben müssen. Lächelnd aber erwiderte sie: »Und warum nicht

mir, gnädige Frau? Sie glauben doch hoffentlich nicht, daß ich solches

Interesse an jenem sibirischen Grafen nehme, wie -- vielleicht manche

andere »liebenswürdige« Damen dieser Stadt? -- Aber, Herr von Zühbig,

ich dächte, es wäre Zeit zum Theater, und ich möchte das heutige Stück

um keinen Preis versäumen.«

»Parbleu! das gnädige Fräulein hat recht,« rief Herr von Zühbig,

erschreckt nach seiner Uhr sehend, »in so angenehmer Gesellschaft hätte

ich beinahe meine eigene Pflicht versäumt. Bitte, meine Herrschaften,

lassen Sie sich ja nicht durch mich stören -- aber ich muß fort.«

»Donnerwetter, Zühbig, es ist wohl Theaterzeit,« rief der alte General

von Schoden vom Fenster aus, »warten Sie -- wir gehen alle mit.«

»Aber, liebe Euphrosyne,« rief Frau von Zühbig, »Sie wollen doch nicht

auch schon fort?«

»Wenn ihr Weiber hier noch einen Klatsch zusammen haben wollt, so habe

ich nichts dagegen -- du kannst noch da bleiben, Kind,« sagte der alte

General.

»Papa, je vous prie!« rief das gnädige Fräulein, die Hände

zusammenlegend.

Die Gesellschaft war aber einmal gestört, das Zeichen zum Aufbruch

gegeben. Die Herren sehnten sich auch hinaus in die freie Luft, ihre

Zigarre zu rauchen -- die Damen mußten noch Toilette zum Theater machen

-- die Wagen hielten außerdem schon großenteils vor der Tür, und

eine Viertelstunde später saß Frau von Zühbig allein in ihre Sofaecke

hineingeschmiegt, sah träumerisch vor sich hin, und ein eigenes Lächeln

spielte um ihre Lippen, als sie an ihre arme Freundin Franziska dachte.

_Ende._

[ Hinweise zur Transkription

Gegenüber der Erstausgabe aus dem Jahr 1861 wurde die vorliegende

Ausgabe im Jahr 1914 überarbeitet, ohne dem Werk gerecht zu werden:

Modernisierung der Rechtschreibung, großenteils Verzicht auf

Texthervorhebungen in gesperrter Schrift, Verzicht auf Textmarkierungen

in Antiqua-Schrift, teilweise Zusammenlegen von Absätzen, teilweise

Änderung von Textpassagen, Neuaufteilung der drei Bände des Buches.

* * * * *

Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt.

Offensichtliche Fehler wurden korrigiert, bei Zweifeln der Originaltext

beibehalten. Änderungen in der Schreibweise sind in der nachstehenden

Liste ausgewiesen, Änderungen in der Zeichensetzung nicht.

Änderungen:

Seitenangabe

originaler Text

geänderter Text

Seite 8

und der alte Verwalter werden werden mit zur

und der alte Verwalter werden mit zur

Seite 15

Georg trug selber den einen Fußsack hinunter

Georgine trug selber den einen Fußsack hinunter

Seite 19

vom Forsthaus nach der solenannten »Zaubereiche« führende Straße

vom Forsthaus nach der sogenannten »Zaubereiche« führende Straße

Seite 22

über ihn hin und an den Stämmen der Bänme vorüber

über ihn hin und an den Stämmen der Bäume vorüber

Seite 23

und in dem Falle die Nacht nicht Hause käme

und in dem Falle die Nacht nicht nach Hause käme

Seite 28

Wer ist übrigens jener alter Förster?

Wer ist übrigens jener alte Förster?

Seite 36

Wir erwartete Sie ja erst morgen

Wir erwarteten Sie ja erst morgen

Seite 48

es müßten mich denn ganz unvergesehene Hindernisse zurückhalten

es müßten mich denn ganz unvorhergesehene Hindernisse zurückhalten

Seite 70

zu fühlen schien, brach sie der stürmische Applaus

zu fühlen schien, brach sich der stürmische Applaus

Seite 73

Girlanden herbeigebracht, über und durch die sie sprin- sollte

Girlanden herbeigebracht, über und durch die sie springen sollte

Seite 84

dicht neben Barthold saß und die Weinkarte mußerte

dicht neben Barthold saß und die Weinkarte musterte

Seite 89

um Verzeihung bitten -- ich bin in grorßer Eile

um Verzeihung bitten -- ich bin in großer Eile

Seite 101

Anfang der Rede neue Hoffnug geschöpft hatte

Anfang der Rede neue Hoffnung geschöpft hatte

Seite 102

ist es doch -- ich werden Ihnen gleich

ist es doch -- ich werde Ihnen gleich

Seite 109

durchzuckte ihn eni plötzlicher Strahl von Hoffnung

durchzuckte ihn ein plötzlicher Strahl von Hoffnung

Seite 110

aber er sah ihn nicht nicht mehr

aber er sah ihn nicht mehr

Dann drehet er sich langsam um, verließ das Lokal

Dann drehte er sich langsam um, verließ das Lokal

Seite 113

Ein Briefträger, den er anderete und nach der

Ein Briefträger, den er anredete und nach der

Seite 116

schon einige Reiter dem Zeuge heute morgen angeschlossen

schon einige Reiter dem Zuge heute morgen angeschlossen

Seite 123

folgte ihm der Graue, und beiden Pferde schienen

folgte ihm der Graue, und beide Pferde schienen

Seite 135

denn das paßte nicht zu dem erwarteteten Besuche

denn das paßte nicht zu dem erwarteten Besuche

Seite 140

Und hast du nicht nach ihrem Namen gebragt?

Und hast du nicht nach ihrem Namen gefragt?

Seite 151

an ihre Brust geschmiegt hielt, lauschet sie Georgs Worten

an ihre Brust geschmiegt hielt, lauschte sie Georgs Worten]

End of Project Gutenberg's Der Kunstreiter, 3. Band, by Friedrich Gerstäcker

Der Kunstreiter, 3. Band · 第 7 / 7 段