die Dame zu nehmen, da sie nicht die geringste auf mich genommen hat.
Nach allem, was ich gesehen und erlebt, war ich nur ein Werkzeug, das
sie benutzte, solange sie es brauchte, und es dann -- beiseite warf.
Sie werden es daher erklärt finden, mein bester Herr Baron, wenn ich es
nicht für gerechtfertigt halten würde, daß Sie nach allem, was Sie jetzt
gehört, und was, wie Sie mir fest glauben mögen, die reine, lautere
Wahrheit ist, noch von mir Satisfaktion verlangen sollten. Ich würde
dabei wahrhaftig auf das Unschuldigste von doppelten Ruten gepeitscht.
Es ist mir außerdem schon sehr unangenehm, Ihnen das alles erzählen
zu müssen, und ich tue es allein in der Ueberzeugung, Ihnen es einmal
schuldig zu sein -- und dann auch auf Ihre Diskretion rechnen zu
können.«
Baron von Silberglanz würde sich noch weit mehr, als es schon der Fall
war, gedemütigt gefühlt haben, hätte er den Ausdruck von Verachtung
sehen können, den Georgs Züge annahmen. Schweigend schritt dieser eine
Zeitlang neben ihm her, endlich sagte er, ohne auf die letzte Anrede ein
Wort zu erwidern: »Folgte das Kind der Mutter willig?«
»Im Anfange, ja,« antwortete von Silberglanz rasch, denn er fand eine
große Beruhigung darin, daß sein Begleiter auf etwas anderes übersprang;
in der Frage lag überhaupt für ihn das geringste Kompromittierende, »das
junge Fräulein schien zu glauben, daß die Reise nur eine gewöhnliche
kurze Spazierfahrt sei.«
»Und nachher, als sie erfuhr, um was es sich handle?«
»Ich konnte nicht deutlich verstehen, was ihr die gnädige Frau sagte. Es
war kurze Zeit vorher, ehe wir die Eisenbahnstation erreichten, und
Sie werden sich erinnern, daß ich auf der Pritsche saß. Aber die Kleine
weinte dann und bat die Mama, sie nicht mitzunehmen.«
»Das tat sie?«
»Ja, wahrhaftig! Ich erbot mich auch, als ich das bemerkte, die junge
Dame sicher wieder nach Hause zurückbegleiten zu lassen, die gnädige
Frau antwortete mir aber gar nicht auf den Vorschlag.«
»Und sind Sie später nicht mehr mit ihr zusammengetroffen? -- Haben Sie
verstanden, was ich Sie fragte?«
»Ich? -- ja -- vollkommen, sehr werter Herr. Ich -- muß gestehen, ich
suchte noch einige -- wenigstens einmal wollte ich suchen, ihr zu nahen,
was aber in ihrer Wohnung nicht möglich war. Die Leute dieses Monsieur
Royazet sind ein außerordentlich rohes und ungebildetes Volk. Ich wußte
mir dann heute morgen Zutritt zu einer der Proben zu verschaffen; aber
auch ohne den geringsten glücklichen Erfolg. Frau von Geyfeln behandelte
mich wie einen vollständig fremden Menschen.«
»Und Josefine?«
»Ihre Fräulein Tochter -- ja -- sie war auch in der Probe. Das arme Kind
wollte erst nicht reiten -- sie fürchtete sich jedenfalls und weinte,
aber die gnädige Frau waren sehr böse, und es ging nachher recht gut,
ja, ich kann wohl sagen, vortrefflich.«
»Und Ihre Absicht jetzt?«
»Meine Absicht? -- Hamburg morgen früh mit dem Schnellzug wieder zu
verlassen, um nach Paris zu gehen. Ich habe dort so dringende Geschäfte,
daß ein versäumter Zug den Verlust eines Vermögens nach sich ziehen
könnte,« rief von Silberglanz sehr rasch.
»Ich will Sie nicht aufhalten,« sagte Georg kalt. »Nach allem, was ich
von Ihnen gehört habe -- und ich glaube, daß Sie die Wahrheit sprechen,
denn Ihr Hiersein bestätigt es schon, sind Sie genug mit der traurigen
Rolle bestraft, die Sie gespielt haben. Aber, bitte, geben Sie mir Ihre
Karte.«
»Meine Karte?« sagte von Silberglanz, der bei dem Anfang der Rede neue
Hoffnung geschöpft hatte, erschreckt, »ich -- ich bedaure sehr, ich habe
gar keine bei mir.«
»Ich bitte Sie um Ihre Karte,« wiederholte Georg kalt und ruhig. »Sie
werden mich nicht glauben machen wollen, daß eine Persönlichkeit wie
Sie auch nur einen Schritt aus dem Hause ohne Karte gehe. Ich werde Sie
dieser Sache wegen, wenn sich in der Tat alles so verhält, wie Sie sagen
-- nicht weiter belästigen. Verhält es sich aber nicht so, dann müßte
ich doch suchen, näher mit Ihnen bekannt zu werden. Ich bitte um Ihre
Karte oder ich begleite Sie bis in Ihre Wohnung.«
»Ich weiß wahrhaftig nicht, ob ich mein Etui eingesteckt habe,« sagte
von Silberglanz in äußerster Verlegenheit. »Sie können sich fest darauf
verlassen, daß ich Ihnen kein falsches Wort gesagt habe.«
»Bitte, sehen Sie nach...«
Der Baron fand, daß er den Mann nicht los wurde, ohne ihm zu willfahren.
Flucht war unmöglich -- der gewandte Kunstreiter hätte ihn in wenigen
Sätzen eingeholt. Er blieb stehen und suchte erst eine Zeitlang in allen
den Taschen, in denen er genau wußte, daß das Etui nicht stak.
»Wenn ich Ihnen nun vielleicht meinen Namen aufschriebe,« bemerkte er
dabei, als letzte Hoffnung auf Ausflucht.
»Ich muß und will Ihre Karte haben,« lautete die unerbittliche Antwort,
und von Silberglanz brachte endlich das verlangte Etui zum Vorschein.
»Ah, wahrhaftig -- da ist es doch -- ich werde Ihnen gleich...«
»Bitte, erlauben Sie es mir,« sagte Georg ruhig, nahm ihm das Etui aus
der Hand und wählte sich selber eine Karte aus, von der er überzeugt
war, daß es keine fremde, erhaltene sei. Sie standen gerade unter einer
der zahlreichen, hell brennenden Gasflammen, und er las den Namen laut:
Baron Hugo von Silberglanz,
»sagten Sie mir nicht vorhin, daß Sie Seltendorf hießen?«
»Ich?« wiederholte verlegen von Silberglanz, »wohl kaum -- die Namen
klingen so ähnlich -- Sie haben sich vielleicht verhört.«
»Möglich -- noch eins. Kann man leicht in Royazets Wohnung gelangen?«
»Es ist ganz unmöglich,« versicherte der Baron schnell. »Sie müßten denn
vorher durch einen ganzen Saal seiner Bereiter und -- Tänzer hindurch.
Ihre Frau Gemahlin ist mit Fräulein Tochter in dem hintersten Teile der
Wohnung einquartiert, und zwar drei Etagen hoch.«
»Es ist gut. -- Herr Baron, wie Sie mir jetzt gegenüber stehen, fühlen
Sie jedenfalls selbst am besten; es bedarf keiner weiteren Worte. Ich
hatte anfangs im Sinne, Sie nicht so leicht zu entlassen, aber ich sehe,
daß ich von Ihnen keine weitere Satisfaktion verlangen kann. Gehen
Sie; das aber schwöre ich Ihnen zu, begegne ich Ihnen noch morgen, nach
Abgang des ersten Zuges, hier in Hamburg oder in Altona, so befehlen Sie
Ihre Seele Gott.«
»Wenn ich den Zug versäumte, würde ich einen Extrazug nehmen, von hier
fortzukommen,« rief von Silberglanz rasch. »Ich bedaure unendlich, Ihnen
in dieser bösen Sache...«
Georg drehte sich kalt von ihm ab und schritt die Straße wieder zurück,
dem Hotel zu, den Baron sich selbst und seinen eigenen, nichts weniger
als angenehmen Gefühlen überlassend.
28.
Am nächsten Morgen erhob sich Georg früh von seinem Lager, auf dem ihn
der Schlaf die ganze lange Nacht geflohen hatte. Unzählige Pläne entwarf
er dabei, aber nur um immer wieder zu fühlen, daß sie unausführbar
wären, und keine Ruhe im Zimmer findend, kleidete er sich an, nach
Altona zurückzugehen. Dort wollte er einen dänischen Advokaten als
letzte Zuflucht aufsuchen, ihm den ganzen Fall erzählen und sehen, was
er von ihm für Hilfe erhoffen durfte. Konnte der ihm nicht helfen,
dann beschloß er, Gewalt zu brauchen. Wie das geschehen könne, wußte
er freilich nicht, aber er vertraute auf sich und seine Kraft; für das
übrige ließ er den Himmel sorgen. Den alten Forstwart konnte er jetzt
natürlich nicht mehr gebrauchen. Er ließ ihn im Hotel zurück, schrieb
ihm dessen Adresse genau auf und riet ihm dann, an den Hafen hinunter zu
gehen und sich die Stadt anzusehen, bat ihn aber, um Mittag jedenfalls
wieder zurück zu sein, da er nicht wüßte, was bis dahin vorfallen
möchte. Dann ging er aus alter Gewohnheit zu dem Stalle, wo er sein
Pferd stehen hatte, nach diesem zu sehen, ob es ordentliche Pflege habe,
und darüber beruhigt, schritt er langsam und recht schweren Herzens nach
Altona hinüber.
Es war noch früh, und obgleich er in Hamburg selber schon den besten
und geschicktesten Advokaten Altonas erfragt, konnte er diesen doch noch
nicht sehen. Der Herr hatte seine Sprechstunde von zehn bis zwölf Uhr
-- vorher nahm er niemanden an. Der Advokat wohnte ganz in der Nähe
des Zirkus, und obgleich Georg nicht zu fürchten brauchte, zu so früher
Stunde irgendwelchem von den Leuten zu begegnen, vermied er doch die
allernächsten Restaurationen und ging in eine andere Straße, um in einem
dortigen Café sein Frühstück zu nehmen und Zeitungen zu lesen, bis
die anberaumte Stunde schlug. -- Zeitungen zu lesen -- lieber Gott!
er überflog die Blätter; die Buchstaben tanzten ihm vor den Augen, die
Zeilen schwammen durcheinander, und er vergaß den Platz selbst, wo er
saß. Nur eine Ankündigung fesselte wieder und wieder seinen Blick --
die von Royazet, in der er dem Publikum verkündete, daß er nur noch drei
Tage in Altona verweilen und unabänderlich am nächsten Montag die Stadt
verlassen würde, um mit seiner Gesellschaft nach Petersburg zu gehen. --
Nach Petersburg! -- das Wort schon gab ihm einen Stich durchs Herz,
und unruhig sprang er auf und trat ans Fenster. Aber dort gingen viele
Menschen vorbei, von denen manche hereinsahen; fast unwillkürlich
trat er wieder zurück und verbrachte die Zeit in einer Unruhe, die an
fieberhafte Qual grenzte.
Und, o, wie langsam rückte der Zeiger vor -- noch keine Zeit war ihm so
lang geworden, wie diese wenigen Stunden, die er in dem Café verbrachte!
Endlich war es zehn -- noch fehlten Minuten daran, aber auch diese
mußten ja endlich vergehen -- und würde ihm der Rechtsgelehrte Trost und
Hilfe geben? -- Wenn nicht, so hilf dir selbst, flüsterte da der alte
Trotz in ihm, und mit dem festen Entschlusse knüpfte er seinen Paletot
bis oben hin zu, drückte seinen Hut in die Stirn und wollte eben, als
die große Wanduhr die ersten Schläge der zehnten Stunde tat, das
Zimmer verlassen, als draußen auf der Straße lustig schmetternde Musik
erschallte und die Leute vor den Fenstern zusammenliefen.
»Was ist das?« fragte er, stehen bleibend, den Kellner, dem er eben
seine Zeche bezahlt hatte und der ihm beim Anziehen seines Paletots
behilflich gewesen war.
»O, bloß die Kunstreiter,« antwortete der junge Bursche, »sie halten
ihren Umzug, weil heute wieder große Vorstellung ist.«
Georg schlug das Herz, als ob es ihm die Brust zersprengen wollte, aber
er besaß Gewalt genug über sich, das den Fremden nicht merken zu lassen.
»So?« sagte er, während der Kellner die Augen schon draußen auf der
Straße hatte, um nichts von dem Schauspiel zu versäumen, »dann werde ich
mir das erst von hier mit ansehen. Ziehen sie lange herum?«
»Eine oder zwei Stunden manchmal, bis sie durch die ganze Stadt sind.«
»Und kommen sie nachher hier noch einmal vorbei?«
»Nein, zurück kommen sie durch die andere Straße da drüben, damit sie
sich soviel wie möglich überall zeigen. Sehen Sie, das da vorn ist die
neue Dame, die gestern zum erstenmal geritten ist -- die kann's! Royazet
wird sie heiraten. Sie soll ihrem Manne davongelaufen sein, nur um
hierherzukommen.«
Georg fühlte, wie alles Blut sein Angesicht verlassen hatte; die
Aufmerksamkeit des Kellners wie aller im Zimmer befindlichen Gäste war
aber in diesem Augenblick einzig und allein auf die Straße gerichtet,
und Georg trat zu einem der Seitenfenster. Vor diesem stand ein grünes
Drahtgitter, so daß man wohl hinaussehen konnte, aber von draußen völlig
unbemerkt blieb, und vor ihm vorbei, kaum zwanzig Schritt entfernt,
bewegte sich der ganze Zug. Voran ritt die Musik, wie immer aufgeputzt
in grellen Uniformen mit buntgefärbten Federbüschen und riesigen
Epauletten; hinter dieser, die einen lustigen Reitermarsch spielte,
kam der Herr des Zuges, der berühmte Royazet, und an seiner Seite,
siegesstrahlend und Glück und Triumph in den hellen Zügen -- ritt sein
Weib. -- Aber er sah sie kaum -- nur einen flüchtigen Blick warf er auf
die Treulose, von der er sein Herz schon lange losgerissen. Sein Blick
suchte das Kind, sein armes, geraubtes Kind, und als er es nicht mit
unter den ersten des Zuges fand, durchzuckte ihn ein plötzlicher Strahl
von Hoffnung. War sie zu Hause geblieben -- befand sie sich nicht
beim Zuge, dann war es möglich, in dieser Zeit unbemerkt, wenigstens
ungehindert, zu ihr zu gelangen, und während der Zug... Auch dieser Plan
fiel, kaum aufgebaut, zu Trümmern -- dort ritt sie -- seine liebe, liebe
Josefine, sein Kind, an dem sein Herz mit allen Fasern blutend hing
-- dort, aufgeputzt mit buntem Flittertand, der ihm nie so schal, so
entsetzlich vorgekommen war, wie eben jetzt -- die bleichen Wangen
geschminkt, die Augen niedergeschlagen -- eine gebrochene, halbwelke
Blume, mit Farbe übermalt. Das andere kleine Mädchen an ihrer Seite
lachte und sprach mit ihr, aber sie antwortete ihm nicht; ihr Auge hing
an der Mähne des Ponys, den sie ritt -- ihre Gedanken waren weit, weit
fort von hier.
Mit Georg war plötzlich eine wunderbare Veränderung vorgegangen. Sein
Auge haftete wohl noch auf dem Zuge, aber er sah ihn nicht mehr; sah
nicht die faden Späße, die der wie früher dahinterher reitende Klown,
der alte Mühler, mit der Stadtjugend trieb, sah nicht das Volk, das
lärmend, schreiend, vorbeidrängte. Er blieb still und regungslos am
Fenster stehen, bis die letzten Reiter vorüber waren und sich die
Zuschauer wieder dahinter schlossen. Dann drehte er sich langsam um,
verließ das Lokal und schritt auf die Straße hinaus, wo er stehen blieb
und sich umsah. Eine zweispännige Droschke kam eben den Weg langsam
daher gefahren. Er winkte, und der Kutscher hielt neben ihm.
»Nach Hamburg -- Hotel de l'Europe.«
»Sehr wohl.«
»Du bekommst doppeltes Fahrgeld, wenn du mich so rasch dahin bringst,
wie deine Pferde laufen können.«
»Soll ein Wort sein,« sagte der Mann vergnügt. Georg stieg ein, und fort
rasselte der Wagen über das Pflaster. Die Pferde liefen vortrefflich,
und in verhältnismäßig kurzer Zeit hatten sie den bestimmten Platz
erreicht.
Georg, der schon vorher dem Kutscher das Fahrgeld gegeben, sprang
aus dem Wagen und stand wenige Sekunden später im Stalle neben seinem
Rappen.
»Den Sattel -- den Zaum!« war alles, was er sagte, als einer der Leute
dienstfertig herbeisprang, ihm zu helfen. Er nahm das Geschirr aber nur
aus seiner Hand und legte es selber dem Pferde an. Er selber schnallte
auch den Gurt und befahl dann, als er alles in Ordnung wußte, dem
Knecht, das Pferd vor das Haus zu führen.
»Wollen Herr Baron ausreiten?« sagte einer der geschäftig herbeieilenden
Kellner.
»Ja, bitte, lassen Sie mir aus meinem Zimmer die Reitpeitsche und den
Plaid herunter holen, die zusammen auf dem Fauteuil liegen.«
»Sehr wohl; Charles, Reitpeitsche und Plaid für den Herrn Baron -- auf
dem Fauteuil Nr. 21.«
Der junge Bursche flog die Treppe hinauf und war wenige Minuten
später mit den verlangten Sachen wieder unten. Georg festigte den
zusammengeschnallten Plaid an seinem Sattel, nahm die Reitpeitsche
mit ihrem schweren, bleigefüllten Griff, faßte den Zügel und flog im
nächsten Augenblick die Straße hinunter. Sein wackeres Tier brauchte
er auch nicht anzutreiben, denn durch den vollen Tag, den es im Stalle
gestanden, war es schon ungeduldig und rastlos geworden. Aber er wollte
es auch nicht vor der Zeit anstrengen, um seine Kräfte zu schonen.
Ueberdies durfte er, sobald er in die engen Straßen einbog, nicht so
rasch reiten, und sein Tier deshalb einzügelnd, trabte er, so schnell er
hier noch vorwärts rücken konnte, seinem Ziel entgegen.
Bald hatte er Altona erreicht, und um ja den günstigen Moment nicht zu
versäumen, ritt er augenblicklich dem Zirkus zu, dem Zuge dort, wenn
er etwa schon auf dem Rückwege wäre, zu begegnen -- aber noch war alles
still. Ein Briefträger, den er anredete und nach der Kavalkade fragte,
sagte ihm, daß er die Kunstreiter vor kaum zehn Minuten dort irgendwo
rechts hinunter gehört hätte. Wo sie jetzt wären, wüßte er nicht, aber
jedenfalls müßten sie hier wieder vorbei. Georg wartete nicht darauf;
er hielt der bezeichneten Richtung zu und heftete seine ganze
Aufmerksamkeit dabei nur auf die abzweigenden Straßen, um nicht in
diesen irre zu werden und seinen Weg im entscheidenden Augenblick zu
verfehlen. Sein Plan war gefaßt; ernst und ruhig ritt er im Schritt die
Straße nieder, dann und wann haltend, ob er die laute Blechmusik durch
das Gerassel der Wagen und das Gelärm der lebendigen Stadt nicht hören
könne. Noch ließ sich kein derartiger Laut unterscheiden; als er aber
wieder eine Straße entlang geritten war, kalt und umsichtig dabei jedes
mögliche Hindernis erspähend, und eben wieder um eine Ecke bog, schlugen
die fernen Klänge der Trompeten deutlich an sein Ohr. Fast unwillkürlich
zügelte er sein Tier ein, den willkommenen Tönen zu lauschen -- deutlich
unterschied er die Richtung, näher und lauter wurde der Lärm -- es war
kein Zweifel mehr, sie kamen gerade auf ihn zu. Das aber lag nicht in
seinem Plane, mit dem er fest mit sich im reinen war; aber er dachte
auch nicht daran, sich zu übereilen. Ruhig erwartete er das Näherkommen
des Zuges, sein Herz klopfte dabei fast hörbar in der Brust, sein
Gesicht war aschfahl geworden, aber keine Muskel regte sich, und erst
als er die voranreitenden Trompeter nach sich einbiegen sah, lenkte er
sein Pferd in eine kleine Gasse hinein, die hier schräg abbog und
ihn vollständig verdeckt hielt. Dort ließ er den Zug, der wieder dem
Zirkusplatze zuhielt und jedenfalls seinen Rundritt vollendet hatte,
vorüber, und schon klangen die Trompeten, da der Schall durch eine neue
Biegung der Straße gebrochen wurde, wie aus weiter Ferne, als das Pferd
den leichten Schenkeldruck des Reiters fühlte.
Der Zeitpunkt war gekommen, in dem er handeln mußte, und ein trotziges
Lächeln zuckte zum erstenmal wieder seit langer Zeit um die fest
zusammengepreßten Lippen des Mannes. Das Pferd bog in einem leichten
Trab in die Hauptstraße ein, und eben konnte er noch die letzten des
Zuges, die Klowns, erkennen, die mit dem Volke ihre Späße trieben.
Mühler war der tollste von allen. Aber nicht diesen fürchtete er mehr,
denn wenn er ihn auch erkannte, was tat's? Ehe er die vorn im Zug
Reitenden warnen konnte, war sein Plan schon gelungen -- oder mißglückt,
und mit der Gefahr, der er sich aussetzte, wuchs ihm auch der Mut.
So kaltblütig hielt er jetzt in scharfem Trabe auf die voranziehende
Kavalkade zu, als ob es sich nur um einen Spazierritt handle, und mit
raschem Blick sich dabei orientierend, war er auch sicher, keinen Zoll
breit seiner Bahn zu vergeben.
Der Zug war gerade in eine der Hauptstraßen der Stadt eingebogen, die
direkt auf den breit und hoch aufgeführten Zirkus des Monsieur Royazet
zuführte; von weitem ließ sich schon das aus neuen Brettern aufgestellte
Gebäude mit seinem schräg zulaufenden spitzen Dache erkennen. Georg
übersah das alles; er hatte sein Terrain an diesem Morgen genau
rekognosziert. Fest hielt er sein Tier im Zügel und lenkte jetzt um den
Menschenschwarm herum, der die Hanswurste lachend und jauchzend umtobte.
Allerdings hatten sich schon einige Reiter dem Zuge heute morgen
angeschlossen, meist Neugierige, die ihn eine kurze Strecke begleiteten
und dann wieder, durch das Schauspiel ermüdet, davon abbogen. Die zu den
Kunstreitern gehörenden Personen interessieren sich aber natürlich für
jedes Pferd, das sie sehen, besonders wenn es von edler Rasse ist, und
der alte Mühler machte keine Ausnahme davon. Mitten in seinen Sprüngen
und Neckereien, bei denen er rechts und links mit seiner klappernden
Holzpritsche Schläge austeilte, haftete sein Auge an dem Pferde und
fuhr erschreckt von ihm empor zum Reiter. Den Rappen konnte er nicht
verkennen, und der leise Schreckensruf entfuhr seinen Lippen: »Beim
Teufel -- Georg!«
So geschickt Mühler auch bisher gewußt hatte, trotz allen ausgeteilten
Hieben, Angriffen auf ihn selber zu entgehen und die Lacher auf seiner
Seite zu behalten, so ganz aus aller Fassung brachte ihn die plötzliche
Erscheinung des Mannes, den er von allen auf Erden in diesem Augenblick
am meisten fürchtete. Er hatte in der Tat alles andere um sich her in
dem einen Angstgedanken vergessen, was der Mann jetzt mit Georginen
beginnen würde. Die mußte er warnen, und er sprang nach seinem Pony,
fühlte sich aber auch in demselben Augenblick wieder zurückgerissen,
denn drei oder vier Jungen hingen an seinen Schößen und hielten ihn
jauchzend fest. Wie der Blitz fuhr er freilich mit seiner Pritsche
herum, aber die Jungen waren durch die früher erhaltenen Hiebe schon
gewitzigt worden, und sich fest an ihn drängend und ihn mit ihren Armen
umfassend, gaben sie ihm keinen Raum, sie ordentlich zu treffen. Das
half ihnen indes nicht viel, denn die anderen Klowns ließen ihren
Kameraden nicht im Stich. Von beiden Seiten sprangen sie zu, und so derb
hagelten diesmal die Prügel auf die ihnen verlockend genug zugedrehten
Rückteile, daß die Bande, sehr zum Ergötzen des übrigen Publikums,
heulend und schreiend auseinander stob. Mühler war aber dadurch in
seinen Bewegungen gehemmt worden, und Minuten vergingen, ehe er seinen
Pony wieder erreichte. In zitternder Hast warf er sich auf dessen
Rücken, und seine Flanken mit den Hacken bearbeitend, sprengte er den
Zug entlang, Royazet die gefährliche Nähe seines Nebenbuhlers zu melden
und Georginen zu warnen.
Lange vorher aber hatte Georgs wackerer Rappe seinen Herrn am Zuge
hinaufgetragen. Die Blicke des Vaters suchten dabei und fanden das Kind,
und wenige Sekunden später war er an dessen Seite.
Josefine hatte an dem Morgen vergebens ihre Mutter gebeten, sie
nicht mit auf die Straße zu nehmen. Bitten wie Tränen blieben gleich
erfolglos: sie mußte, denn sie sollte sich wieder an das lustige
Reiterleben gewöhnen und nicht allein daheim sitzen, zu denken und zu
grübeln und zu weinen. Natürlich gehorchte sie -- wie sie ihr kleines
munteres Tier aber bestiegen hatte, so saß sie noch, die Blicke an der
Mähne desselben haftend, das Antlitz bleich, der ganze kleine Körper
zitternd, und die Gedanken waren weit von da. Nicht an den glänzenden
Umzug dachte sie, an die schmetternde Musik und das gaffende Volk,
sofern an die freundliche Heimat im Walde dort -- weit von hier -- an
den Vater, dem sie entrissen worden und an dem ihre ganze Seele hing, an
ihre liebe, freundliche Erzieherin, die sich jetzt ihretwegen sorgen
und um sie weinen würde. Und konnten sie je erfahren, wo sie sei? -- und
wenn das, würde die Mutter sie je wieder freilassen aus diesem Leben,
dessen ganze Qual sie erst am gestrigen Abend durchgekostet? Rasche
Hufschläge neben ihr weckten sie aus ihren Träumen, und eine hohe,
dunkle Gestalt warf ihren Schatten über sie hin.
»Josefine!« flüsterte eine so wohlbekannte Stimme an ihrer Seite.
Staunend, erschreckt sah sie auf, und wie ihre Hand fast unwillkürlich,
und mehr um sich zu halten, als aus einem andern Grunde, den Zügel
faßte, rief sie: »Vater -- du -- du hier?«
»Willst du mit mir gehen?«
»Wohin du mich führst!«
»So komm -- rasch -- spring herüber!« rief der Mann, vor innerer
Bewegung kaum fähig, die Worte über die Lippen zu bringen.
»Den Teufel auch -- der Alte!« schrie es da, und Georg sah, ehe Josefine
imstande war, ihre Sinne so weit zu sammeln, daß sie begriff, was
ihr Vater von ihr wollte, wie sich einer der Reiter durch die übrigen
drängte. -- Es war Karl, der in diesem Augenblick frei aus dem Zuge, mit
verhängten Zügeln nach vorn sprengte.
»Spring!« bat der Vater in Todesangst, denn keine Sekunde war zu
verlieren, »spring zu mir, ich fasse dich!«
»Halt! was geht da vor?« riefen andere der Schar, die Georg nicht
kannten; Josefine saß noch immer regungslos, nicht fähig, sich zu
bewegen; aber Georg war nicht der Mann, den einmal gefaßten Sieg aus den
Händen zu geben. Sich im rechten Steigbügel niederbiegend, faßte er sein
Kind mit dem rechten Arm um den Leib, und noch während er sie emporhob,
fühlte der Rappe den eingestoßenen Sporn, der ihn nach vorn trieb. Frei
an seinem Arm hing bei dem ersten Satze des Pferdes das Kind in der
Luft, aber schon saß der Reiter wieder eisenfest im Sattel, und während
er die willenlose Kleine in seinen linken Arm warf, und der Rappe, das
Feuer aus dem Straßenpflaster schlagend, den Zug entlang flog, faßte
seine Rechte die bleibeschwerte Peitsche fest und sicher, sich seine
Bahn frei zu hauen, wenn ihm kein anderer Ausweg blieb.
Links hinüber konnte er nicht; keine Straße bog hier ab, und hinter
dem Zuge wälzte sich der dichte Menschenschwarm -- also voraus, und
mit Gedankenschnelle flog er hin. Da schoß Karl an Royazets Seite.
-- Dieser, durch das Getöse betäubt, das die dicht vor ihm reitenden
Trompeter machten, hatte von dem, was hinter ihm im Zuge vorging, noch
keine Ahnung -- als plötzlich des erschreckten Burschen Stimme in sein
Ohr dröhnte: »Dort ist Georg Bertrand! er entführt das Kind!«