er sah, daß Josefine nicht fertig wurde -- den zweiten mußte sie aber
beachten und kam glücklich hindurch, ebenso durch den dritten. Das
Publikum applaudierte, froh, dem jungen Mädchen einigen Mut machen zu
können. -- Wieder wurden einige Reifen aus ihrem Bereich gehoben, denn
das Kind hatte aufs neue einen Fehltritt auf dem Sattel gemacht; aber
sie gewann das Gleichgewicht wieder, stand fest, bog sich zum Sprunge
wieder und flog hindurch.
War es nun Ungeschicklichkeit des Haltenden oder ihre eigene Schuld, es
ließ sich das nicht in der Schnelle, mit der das Ganze vorwärts ging,
bestimmen. Josefine blieb aber mit dem Fuße an dem Reifen hängen --
der Klown ließ ihn los, um sie nicht vom Pferde zu reißen; doch ehe
sie wieder festen Fuß fassen konnte, schnellte der elastische Reifen
zwischen sie und den Sattel, und seitwärts abgedrückt, stürzte sie nach
außen auf den Rand der Balustrade.
Wohl streckten sich eine Menge Arme nach ihr aus, ihren Fall zu brechen.
Josefine selber war aber auch gewandt genug, die größte Gefahr schon
selber zu vermeiden. Den fremden Armen dabei scheu entgleitend, sprang
sie in die Arena zurück, neigte sich beschämt gegen die lautlos zu ihr
niederschauenden Menschen und verschwand dann, an ihrer Mutter vorüber,
in den Gang.
Unmöglich wäre es, die Gefühle zu schildern, die bei dieser Szene Georgs
Herz zerschnitten, und einmal drängte es ihn schon, durch die Zuschauer
hin in den Zirkus zu springen, sein Kind aufzugreifen und mit ihm zu
entfliehen. Er mochte auch eine Bewegung dahin gemacht haben, denn
Barthold hielt ihn plötzlich erschreckt am Arme fest. Er selber fühlte
auch das Wahnsinnige eines solchen Unternehmens, hier in dem fremden
Lande aus der Mitte der in Royazets Diensten stehenden Leute, in
Gegenwart Georginens, die ihn augenblicklich erkannt hätte, etwas
derartiges zu versuchen. Es hätte seine letzte Hoffnung vernichten
müssen. Aber er vermochte auch nicht länger diesen Anblick zu ertragen,
und Bartholds Arm fassend, zog er ihn mit sich fort, hinaus ins Freie.
Der alte Forstwart folgte willenlos, obgleich das alles so viel Reiz
und Zauber für ihn hatte, daß er wohl noch gern eine Weile länger
dageblieben wäre. So verdutzt war er aber auch zugleich über das
prachtvolle Erscheinen seiner früheren Herrin und ihrer Tochter -- der
gnädigen Frau Baronin mit der kleinen Josefine -- und so wenig konnte
er sich in seinem schlichten Verstand das Ganze zusammenreimen, daß ihm
selber vom vielen Denken wirr im Kopfe wurde. Er legte das freilich der
furchtbar lärmenden Musik zur Last, von der sie gar nicht weit gestanden
hatten, und seine Ohren gellten ihm noch, als sie schon eine Strecke die
dunkle Straße entlang geschritten waren.
Unterwegs wurde kein Wort zwischen ihnen gewechselt. Stumm und
schweigend schritten die beiden Männer nebeneinander her, drängten sich
durch das Gewühl am Hamburger Berge, kreuzten die stillere Promenade,
die Hamburg und Altona voneinander scheidet, und wanderten dann noch
eine Strecke durch enge Straßen mit »baumhohen« Häusern, wie der
Forstwart bei sich dachte.
Barthold, so gut er im Walde draußen zu Hause war, so völlig aus seiner
Sphäre fühlte er sich hier, und wenn er sich dort etwas auf seine
Ortskenntnisse zugute tat, mußte er sich hier gestehen, daß er wie ein
Kind von der Führung seines Begleiters abhängig sei. Eine Straße glich
ihm vollständig der andern, und bogen sie jetzt rechts und dann links
ab, so hätte er zehn gegen eins wetten wollen, daß sie genau denselben
Weg zurück machten, den sie gekommen wären. Sehnsüchtig bemerkte er
indessen auf ihrem Wege eine Menge hell erleuchteter Fleischläden und
Bäckerstände, und drehte ein paarmal verlangend den Kopf danach um.
Es war auch kein Wunder; Georg in seiner Aufregung hatte den Tag noch
keinen Bissen über seine Lippen gebracht, und dabei ganz vergessen, daß
der Alte keineswegs geistig so bewegt sei, um seinen Hunger ebenfalls
darüber zu vergessen.
So vertieft Georg aber auch in seine eigenen schmerzlichen Gedanken sein
mochte, so entging ihm doch nicht das zeitweilige Zögern des Alten
an solchen Stellen, und er sagte endlich, als sie wieder einmal einen
ähnlichen Ort passiert hatten, ohne anzuhalten: »Ihr seid wohl hungrig,
Barthold?«
»Hm -- da einmal gerade die Rede davon ist,« meinte der Alte, »so hätte
ich allerdings nichts dagegen, wenn ich mir ein Stück Brot und Fleisch
kaufen könnte. In der Eile aber, in der wir daheim fortgingen, habe ich
ganz vergessen, auch nur einen einzelnen Schilling einzustecken.«
»Armer Barthold!« sagte Georg gerührt, »habe ich Euch doch ganz
vergessen! Aber wartet nur noch wenige Minuten; wir haben gleich unser
Ziel erreicht, und dort wollen wir alle beide ordentlich essen. Wir
haben es alle beide nötig, denn wir brauchen Kräfte für den morgenden
Tag.«
»O, ich kann's schon eine Weile aushalten, wenn's sein muß -- nur -- da
wir hier so bequem vorüber gingen, dachte ich...«
»Wir haben es dort noch bequemer. Seht Ihr den von vielen Laternen
beleuchteten Platz, auf den wir zugehen? Dort sind wir jetzt zu Hause.
Hättet Ihr selber dahin den Weg gefunden?«
»Im Leben nicht -- ich weiß auch nicht -- hier zwischen den hohen
Häusern wird es mir so schwül und eng. Ich komme mir vor wie ein Vogel
im Bauer, und wenn ich hier bleiben müßte -- ich glaube, ich stürbe in
der ersten Woche vor Sehnsucht nach einem Baume.«
»Aber wir haben heute Bäume genug gesehen.«
»Ja, leider Gottes,« seufzte der alte Mann, »und die armen Dinger haben
mich auch genug gedauert. In Reihen aufgepflanzt, stehen sie wie die
Soldaten, dürfen keinen Zweig über die Linie hinausstrecken, wenn ihnen
nicht das widerspenstige Glied weggeschnitten werden soll, und statt der
freien Himmelsluft, die gern von oben zu ihnen möchte, aber nicht kann,
bekommen sie Steinkohlenqualm und allen möglichen andern Dunst und Stank
zu atmen. Und nun erst so ein armer Baum mit einer flammenden Laterne
neben sich, wie muß dem zu Mute sein! wie elend, wie gedrückt muß er
sich fühlen! Die Bäume verlangen in der Nacht so gut ihre Ruhe wie
der Mensch und das Tier, und kann so ein Baum schlafen, wenn ihm die
neugierigen Flammen fortwährend zwischen die Aeste hinein leuchten und
Wagengerassel und Menschenstimmen ununterbrochen das Rauschen seiner
Wipfel übertäuben? -- Es ist nichts mit den Bäumen in einer Stadt,
und wie ein Reh kein Reh mehr bleibt, wenn man's in einen Kasten mit
Gitterstäben steckt und notdürftig füttert, um das arme Ding am Leben
zu erhalten, so sind meiner Meinung nach das hier, was wir heute gesehen
haben, auch keine Bäume mehr, sondern nur grüne Verzierungen, die sich
das Menschenvolk dort aufgestellt. Ich kann mir auch nicht denken, daß
ein solcher Baum imstande ist zu wachsen -- es ist gegen die Natur, und
sein Laub wird im Sommer auch dürftig und staubbedeckt genug sein.
Was ist da solch eine ganze Allee gegen einen einzigen Baum im freien,
schönen Walde? -- gegen meine alte Eiche?«
Der Alte hätte noch ruhig eine Weile so fortgeschwatzt, obgleich Georg,
mit seinen Gedanken schon wieder weit zurück, nicht einmal die Worte
hörte, die er sprach; aber sie erreichten jetzt den freien Platz, auf
dem ihr Hotel lag, und Georg bog links danach ein, und betrat gleich
darauf mit dem Forstwart die unten gelegene Restauration. Fühlte er doch
selber das Bedürfnis, den abgespannten Körper auszuruhen und zu stärken,
und Barthold war ordentlich heißhungrig nach irgend etwas Genießbarem
geworden.
Der große Saal war noch schwach besetzt, füllte sich aber bald mit nach
und nach eintreffenden Gästen, und Georg nahm an einem kleinen Tische
Platz, bestellte bei einem rasch herbeispringenden Kellner ein kompaktes
Abendbrot für sie beide und hing indessen seinen eigenen trüben Gedanken
nach.
Barthold wußte sich besser zu beschäftigen und nahm einstweilen das vor
ihn hingelegte Rundstück oder Brot in Angriff, dem knurrenden Magen nur
wenigstens etwas zu bieten. Dann betrachtete er staunend das geräumige,
prachtvoll eingerichtete Lokal, das seinem Begriff von einer »Stube«
auch nicht im entferntesten entsprach. Das ganze Forsthaus daheim war
nicht einmal so groß und geräumig, und auf dem Gute selber nicht die
Hälfte der Pracht an Hausgerät, Tapeten und Beleuchtung. Was für ein
schmähliches Geld mußte das alles kosten, und wie reich, steinreich
mußte der Mann sein, dem das gehörte! Dann interessierten ihn auch die
fremden Holzarten, die er hier sah, und er würde diese näher untersucht
haben, wäre nicht in dem Augenblick das Essen gekommen. O, wie süß
das duftete! und der alte Forstwart hatte im Nu alles andere darüber
vergessen.
Der Saal füllte sich indessen mehr und mehr, und dem alten Forstwart
wollte nur das nicht dabei gefallen, daß keiner den andern grüßte und
Leute sich manchmal dicht neben andere hinsetzten, ohne auch nur so viel
wie »guten Abend« zu sagen. Georg hatte eine Flasche Wein bringen lassen
und schenkte dem Alten ein -- und wie vortrefflich schmeckte das! --
er trank ein Glas nach dem andern. Mehr und mehr Menschen kamen und
besetzten die nächsten Tische. Barthold unterließ dann nie, zu grüßen,
erhielt aber kaum ein Kopfnicken als Antwort -- nicht einmal die Hüte
setzten die groben Menschen ab! Das Essen schmeckte ihm aber trotzdem,
und Georg war lange damit fertig, als er noch immer fleißig Messer und
Gabel handhabte. Mehr und mehr Gäste kamen herein; an dem nämlichen
Tische, an dem Georg und der alte Forstwart saßen, hatten schon neben
ihnen vier oder fünf andere Gäste Platz genommen; Georg sah sie gar
nicht; vor seinen Augen schwebte nur die unglückliche bleiche Gestalt
des Kindes, das, seiner Heimat entrissen, mit einer solchen Mutter in
das wilde Leben hinaus geschleudert worden war, und Plan nach Plan baute
er auf, wie er sich ihm nahen, wie er es retten solle.
Der alte Forstwart trat ihn auf den Fuß; er litt es, bis es ihn
schmerzte, dann zog er den Fuß zurück, ohne weiter darauf zu achten.
Barthold aber fühlte unter dem Tische vorsichtig weiter nach dem ihm
entzogenen Gliede, und wieder fühlte Georg die schwere Sohle des Alten
auf seinen Zehen. Erstaunt sah er zu ihm auf und bemerkte jetzt erst,
daß der Alte, über seinen Teller gebeugt und auf der Gabel ein großes
Stück Beefsteak, ihm einen bedeutungsvollen Blick zuwarf und dann
seitwärts nach einem jungen Manne schielte, der, den Hut auf dem Kopfe,
eine viereckige Lorgnette ins Auge gekniffen, im Stuhle zurückgebeugt,
dicht neben Barthold saß und die Weinkarte musterte. Georg wußte im
ersten Augenblick nicht, was der Alte wollte, daß dieser aber irgend
eine überraschende Entdeckung gemacht haben mußte, ließ sich nicht
verkennen. Dem Blick folgend, den er noch immer von ihm selber auf den
Fremden fallen ließ, schoß da plötzlich der Verdacht in ihm auf, ob das
vielleicht der Fremde sei, den er den ganzen Tag gesucht und der ihm
also zufällig hier in den Weg gelaufen. Eine Verständigung mit Barthold
war aber an dem Tische selbst nicht möglich; er stand deshalb auf,
gab dem Forstwart ein leises Zeichen, ihm zu folgen, und ging nach der
andern Seite des Saales hinüber. Barthold verstand im Augenblick, was
er wollte -- blieb noch eine kurze Zeit sitzen und stand dann ebenfalls
auf.
Der Fremde sah ihn über die Weinkarte an und rückte seine Lorgnette
schärfer ins Auge; der Alte aber drehte sich langsam von ihm ab und
stand wenige Sekunden später neben Georg.
»Was habt Ihr, Barthold?«
»Das ist er!« flüsterte der Forstwart rasch zurück.
»Wer? -- der Fremde von Schildheim?« »Derselbe, den ich an der Eiche
getroffen habe, und der dann am nächsten Tage mit in den Schlitten
gestiegen ist.«
»Seid Ihr dessen ganz gewiß? -- Ihr habt Euch heute so oft geirrt.«
»Alles, was ich gegessen habe, soll mir zu Gift werden, wenn das nicht
der Rechte ist,« versicherte Barthold. »In dem irre ich mich aber
nicht; das Gesicht ist nicht zu vergessen, und überdies hat er mich auch
wiedererkannt.«
»Ihr glaubt wirklich?«
»Wenigstens ist ihm mein Gesicht bekannt vorgekommen, denn er hat mich
ein paarmal durch sein viereckiges Glas, das er sich vors Auge klebte,
betrachtet. Sehen Sie, Herr Baron, er dreht auch jetzt den Kopf wieder
nach mir um. Das ist der Bursche, und ein schlechtes Gewissen hat er
obendrein.«
Der alte Barthold hatte sich dieses Mal nicht geirrt; es war in der Tat
Baron von Silberglanz, der, in der verdrießlichsten Laune von der Welt,
dort am Tische saß und die Weinkarte musterte. Daß er allerdings dem,
welchem er von allen am letzten zu begegnen wünschte, so unverhofft ins
Garn gelaufen war, ahnte er noch nicht; des alten Forstwarts Gesicht und
Kleidung war ihm aber in der Tat aufgefallen. Er mußte das Gesicht in
letzterer Zeit irgendwo gesehen haben; das weiße Haar besonders machte
ihn stutzig -- doch wo? Er besann sich darauf, konnte aber nicht gleich
die richtige Umgebung für ihn finden. Jetzt stand der andere Fremde auf,
der mit am Tische saß -- auch dessen Gesicht war ihm bekannt -- jetzt
folgte ihm der alte Jäger, und die beiden sprachen da hinten miteinander
-- er sah sich nach ihnen um und begegnete ihren auf ihm haftenden
Blicken. Sie sprachen von ihm, und im Nu, während ihm das Lorgnon
aus dem Auge fiel und sein Blut zum Herzen zurückfloh, kam ihm die
Erinnerung an alle beide -- kam ihm das Bewußtsein der Gefahr, in der er
sich befand.
Das war der alte Jäger aus dem Walde bei Schildheim -- der andere
Monsieur Bertrand -- der Baron von Geyfeln -- wo um Gottes willen hatte
er seine Augen gehabt, daß er ihn nicht gleich erkannte? Und rasch die
Weinkarte hinlegend, dachte er jetzt nur daran, sich so rasch als irgend
möglich zu entfernen, etwaigen unangenehmen Erörterungen am liebsten aus
dem Wege zu gehen. Ein flüchtiger Blick dort hinüber überzeugte ihn
auch rasch, daß er sich keineswegs geirrt. Georg, als er sah, daß er
aufstand, bewegte sich durch die, dort für ihn glücklicherweise gedrängt
sitzenden Gäste der Tür zu, jedenfalls in der Absicht, ihm den Weg
abzuschneiden. Wenn er diese vorher erreichen konnte -- sein Paletot
hing dicht daneben -- so war er sicher. Baron von Silberglanz dachte in
der Tat in dem Augenblick gar nicht daran, daß er »Kavalier« sei, was er
sonst selten vergaß. Sein einziger Gedanke war »Flucht«, und während er
sich so wenig auffällig als möglich Bahn durch Kellner und Gäste machte,
murmelte er leise und ängstlich vor sich hin: »O ja -- weiter fehlte
jetzt gar nichts mehr, um der ganzen Geschichte noch die Krone
aufzusetzen -- weiter gar nichts! Daß mich der Teufel auch plagen muß,
gerade noch heute, den letzten Abend, diesem verzweifelten Menschen in
den Weg...« Er streckte den Arm nach dem neben ihm hängenden Paletot
aus; mit der Linken hatte er schon die Türklinke gefaßt, als er eine
Hand auf seinem Arme fühlte und eine ruhige, tiefe Stimme an seiner
Seite sagte: »Auf ein Wort, mein Herr.«
»Ja -- bitte recht sehr -- guten Abend,« erwiderte Herr Silberglanz
rasch und verlegen.
»Bitte, Barthold, holt mir doch einmal meinen Hut dort -- vom Tische da
drüben. Ich stehe gleich zu Ihren Diensten.«
»Ich muß um Verzeihung bitten -- ich bin in großer Eile.«
»Sie haben Zeit,« erwiderte Georg ruhig, »überhaupt ist es besser, daß
das, was wir miteinander abzumachen haben, mit so wenig Aufsehen als
möglich geschieht.«
»Ich begreife nicht, mein Herr -- Sie irren sich wahrscheinlich in der
Person. Ich bin Baron von Seltendorf.«
»Ich kenne Ihren Namen gar nicht,« erwiderte vollkommen gleichgültig
Georg. »Der Name tut auch hier nichts zur Sache, wo wir uns bloß an die
Person zu halten haben. -- Ich danke, Barthold. Wartet hier, bis ich
wieder zurückkomme.«
»Aber was wünschen Sie?«
»Da Sie so in Eile sind, werde ich Sie ein Stück begleiten. Was wir
miteinander zu sprechen haben, bedarf überdies keiner Zeugen. Herr
Baron, ich stehe zu Diensten.«
»Schön -- sehr schön,« sagte von Silberglanz verlegen, indem er seinen
Paletot anzog und sich in diesem Augenblick nach Paris oder London oder
in irgend eine andere sehr entfernte Gegend wünschte. »Wenn es Ihnen
denn gefällig ist...«
Georg machte eine auffordernde Bewegung für ihn, voranzugehen; von
Silberglanz, sich jetzt mit einem tiefen Seufzer der Notwendigkeit
fügend, gehorchte, und wenige Minuten später schritten die beiden Männer
draußen am Bassin des Jungfernstiegs, von niemandem weiter gestört,
dahin.
»Herr Baron,« brach Georg endlich das, für jenen schon drückend werdende
Schweigen, »es ist zwischen uns beiden nicht weiter nötig, große
Umschweife zu machen, und das beste wird sein, einfach und rasch zur
Sache zu kommen. Ich weiß nicht, ob Sie mich kennen, obgleich ich es
fast vermute.«
»Ich habe in der Tat nicht die Ehre...«
»Nun gut denn -- ich bin derselbe Mann, den Sie früher unter dem
Namen Georg Bertrand kennen lernten, und Madame Georgine, die Sie aus
Schildheim mit ihrem Kinde entführten, ist meine Frau.«
»Mein Herr -- ich gebe Ihnen mein Wort...«
»Halt! -- Sie sind Kavalier,« unterbrach ihn Georg rasch, »bedenken Sie,
was Sie sprechen, und verpfänden Sie Ihr Wort nicht an eine -- Lüge.«
»Herr Baron...«
»Davon mehr nachher,« erwiderte Georg kalt. »Jetzt verlange ich Antwort
-- aufrichtige, unumwundene Antwort: Wo haben Sie mein Weib gelassen? --
Wo befindet sie sich jetzt und -- was war Ihre weitere Absicht mit ihr?
-- Glauben Sie dabei nicht, mich durch leere Ausflüchte, durch irgend
ein Märchen zu täuschen. Ich will die Wahrheit von Ihnen, und wenn ich
-- doch genug,« brach er, sich gewaltsam fassend, in seiner Drohung kurz
ab, »wir stehen hier nicht allein auf deutschem Boden, sondern Sie
sind auch gezwungen, mir Genugtuung zu geben, und daß ich mir diese
verschaffen werde, darauf gebe ich Ihnen mein Wort. Also beantworten Sie
mir einfach und ehrlich meine Frage. Sie können Ihre Sache dadurch nicht
verschlimmern, sondern nur verbessern. Wo ist Georgine und ihr Kind
jetzt -- in wessen Schutze?«
»Herr Baron,« sagte von Silberglanz, in dem Gedanken an ein Duell
mit wirklich geladenen Pistolen innerlich erbebend, indem er zugleich
einsah, daß alles weitere Leugnen fruchtlos sei, »ich -- sehe vollkommen
ein, daß Ihr Zorn gerechtfertigt ist -- ich gestehe, daß ich gefehlt
habe, und werde...«
»Davon später -- bitte, kommen Sie zur Sache,« unterbrach ihn Georg
kurz. »Wo wohnt Georgine -- wo -- wohnen Sie?«
»Lassen Sie mich ausreden,« bat von Silberglanz, der sich überdies
zwingen mußte, seine Gedanken zusammen zu halten. »Sie haben das Recht,
eine Erklärung zu fordern, und so weit, als ich sie Ihnen leisten kann,
soll sie Ihnen werden. Für alles übrige muß ich Sie aber in der Tat
bitten, sich an -- Ihre Frau Gemahlin und -- Herrn Royazet zu halten.«
»Royazet?« sagte Georg schnell, »so haben Sie für ihn...«
»Bitte, mißverstehen Sie mich nicht,« erwiderte von Silberglanz, schon
bedeutend beruhigt, als ihm Georg weit kaltblütiger zu sein schien, als
er ihn gefürchtet haben mochte. »Wollen Sie mich die ganze Sache einfach
erzählen lassen, wie sie ist? Vielleicht finden Sie auch dann, daß ich
weit weniger schuldig bin, als Sie jetzt zu glauben scheinen.«
»Reden Sie,« sagte Georg ruhig, »aber hoffen Sie nicht, mich zu
täuschen.«
»Ich denke nicht daran,« erwiderte von Silberglanz, »um Ihnen aber einen
klareren Ueberblick über alles zu geben, muß ich etwas weiter ausholen.
Wollen Sie mich geduldig anhören?«
»Ja.«
»Ich wohne in ***. Ein Freund von mir hatte eine Reise in dieses Land
gemacht, kam zurück und erzählte mir, daß er Sie und -- Ihre Frau
Gemahlin dort in stiller Einsamkeit gefunden.«
»Herr von Zühbig,« sagte Georg, während ein verächtliches Lächeln um
seine festgeschlossenen Lippen zuckte.
»Erlauben Sie mir, daß ich nur dann Namen nenne, wenn es dringend nötig
ist. Er sagte mir -- jener Freund nämlich -- daß sich Madame Ber -- daß
sich Frau Baronin von Geyfeln entsetzlich unglücklich fühle, und gab mir
dabei deutlich zu verstehen, daß -- daß ich -- daß sie geäußert habe
-- ich -- ich sei ein alter Freund von ihr -- oder sie hege Zutrauen zu
mir,« setzte er rascher hinzu, als er bemerkte, daß ihn Georg erstaunt
ansah.
»Woher kennen Sie meine Frau?« fragte er ruhig.
»Ich -- ich hatte das Vergnügen, sie in *** einigemal zu sehen.«
»Und Georgine hätte Ihrem Freunde zu verstehen gegeben, daß Sie ihr
helfen sollten, aus ihrer unglücklichen Lage zu kommen?«
»Das war der Sinn.«
»Sonderbar! meine Frau hat mit Herrn von Zühbig keine drei Worte
gesprochen, die ich nicht gehört hätte. Sie war nur beim Abendbrot
gegenwärtig, und ich habe in der Zeit das Zimmer nicht verlassen.
Ueberhaupt drehte sich das Gespräch, soviel ich mich erinnere, nur um
ganz gleichgültige Dinge.«
»Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort als Kavalier, daß ich nur unter dieser
Voraussetzung gewagt habe, der Dame meine Dienste anzubieten.«
»Gut -- fahren Sie fort; die Sache ist überhaupt unwesentlich und wir
verlieren Zeit.«
»Ich konnte nicht denken,« fuhr Herr von Silberglanz fort, »daß mir Herr
von -- daß mir mein Freund eine Unwahrheit gesagt habe, denn als ich
nach Schildheim kam und Sie zufällig verreist fand...«
»War das in der Tat zufällig?«
»Ich kann den höchsten Eid darauf ablegen -- Sie zufällig verreist fand,
bestätigte mir die Frau Baronin durch ihr ganzes Benehmen nicht allein,
nein, auch deutlich in Worten, daß ich mich nicht geirrt, und bat mich,
sie zu begleiten.«
»In der Tat?« flüsterte Georg leise zwischen den fest zusammengehaltenen
Zähnen durch.
»Es änderte allerdings meinen ganzen Plan. Ich war auf einer Reise nach
Paris begriffen.«
»Von *** über Schildheim?«
»Geschäfte hatten mich genötigt, den Umweg zu machen,« log von
Silberglanz, »aber den Bitten einer Dame konnte ich keine Weigerung
entgegenstellen.«
»Und Sie entführten Sie?«
»Will ich aufrichtig sein, Herr Baron,« versicherte der kleine Mann
verlegen, »so -- wurde ich von ihr entführt, denn die -- gnädige Frau
ordnete alles selber an, bestimmte Zeit und Ort, sorgte für Geschirr und
alles, und ich -- hatte eigentlich weiter nichts zu tun, als mitzufahren
-- ja, wenn ich alles zusammenrechne, so habe ich bis zu diesem
Augenblick auch in Wirklichkeit nichts weiter getan, als daß ich eben
mitgefahren bin, wobei mir die gnädige Frau als einzige Vergünstigung
gestattete, die Passage zu zahlen.«
»Und das Kind?«
»Baron, ich gebe Ihnen mein Ehrenwort,« rief Herr von Silberglanz rasch,
»ich hatte keine Ahnung davon, daß uns das gnädige Fräulein begleiten
sollte. Ja, ich war im höchsten Grade überrascht und be-- und erstaunt
darüber. Im Schlitten saß ich dabei hinten auf der Pritsche bei neun
Grad Kälte; auf der Eisenbahn setzte sich Frau von Geyfeln mit ihrer
Tochter in ein Damenkupee, wohin ich ihr nicht folgen durfte, und
endlich in Altona angekommen...«
»Nun? fahren Sie fort.«
»In Altona angekommen,« sagte Herr von Silberglanz, und es war
augenscheinlich, daß er über diesen Teil seiner Erzählung nicht gern mit
der Sprache herausrückte, denn wenn es ihn auch in den Augen des Gatten
entschuldigen mußte, so schien er sich doch »als Kavalier« der Rolle
etwas zu schämen, die er dabei gespielt -- aber er durfte nicht
schweigen, und fuhr deshalb etwas verlegen fort: »in Altona angekommen,
entließ mich Frau von Geyfeln mit freundlichem Dank und -- quartierte
sich ohne weiteres bei Monsieur Royazet ein, den sie jedenfalls schon
von früher her kennen mußte.«
»Sie täuschen mich nicht?«