gegenwärtigen Saison. Es haben einzelne Direktionen vortreffliche
Gesellschaften gehabt, mit ausgezeichneten Mitgliedern, deren
einzelne zu den besten zählten; aber noch nie, wir wiederholen
es, war ein Direktor imstande, solche Kräfte an einem einzigen Abend
zu vereinigen, wie der jetzige. Royazet hat den Zirkus zu einer Art
Pantheon der Reitkunst erhoben, in welchem er selbst auf der obersten
Stufe thront, rings umgeben von den glänzendsten Koryphäen seiner Kunst.
Ein Abend im Zirkus heißt jetzt so viel als ein Abend des Vollgenusses,
ja, fast des Uebermaßes. Künstler, welche sonst die Zierden der Reitbahn
ausmachen, rangieren hier in zweiter Reihe und gewähren dem Zuschauer
die merkwürdige Gelegenheit, den Unterschied zwischen Meisterschaft und
Vollkommenheit wahrzunehmen. Ein Kranz reizender, kunstgewandter Damen
reiht sich an die männlichen Größen an, und der unübertreffliche Klown
Mühler, die Perle des früheren berühmten und jetzt aufgelösten Zirkus
Bertrand, ist, um das Maß vollzumachen, dieser Walhalla ausgezeichneter
Künstler gewonnen worden -- ja, andere Kräfte sind ihm noch versprochen,
die, wenn möglich, diesen Kranz von Genüssen noch gipfeln und erhöhen
sollen. Royazet selber bildet aber stets den Glanzpunkt des Abends,
und gleichviel, welche Künste der Equilibristik neben und um ihn sich
entfalten -- er ist und bleibt stets der oberste Meister, und wir
glauben das Publikum umsomehr auf diesen, sich ihm jetzt noch bietenden
Genuß aufmerksam machen zu müssen, da der Zirkus nur noch wenige Tage in
unserer Stadt verweilen wird, um einem ehrenvollen Rufe nach Petersburg
zu folgen. Ganz enorme Garantien sollen dem Künstler dort geleistet
sein.«
Georg hatte mit immer wachsender Spannung die prahlerische Anzeige
wieder und wieder gelesen. Royazet -- sein alter Rival in mehr als einer
Hinsicht, in Altona -- der alte Mühler dort wieder engagiert, wohin
ihm Karl jedenfalls vorangegangen. Sollte Georgine -- Altona lag
unter dänischer Gerichtsbarkeit außerhalb der deutschen Gesetze, und
Petersburg -- wenn sie ihm sein Kind nach Rußland entführte! -- Er barg
das Antlitz einen Augenblick in die Hand, aber es war auch wirklich nur
ein Moment, in dem ihn die Sorge um die Tochter überwältigte. Schon im
nächsten war er wieder er selbst, und Hut, Handschuhe und Reitpeitsche
aufgreifend, verließ er das Zimmer gerade, als der Verwalter zu ihm die
Treppe herauf wollte, ihm anzuzeigen, daß sein Pferd gesattelt wäre.
»Lieber Schönle,« sagte Georg, »ich will jetzt nach Kleinmarkstetten
hinüber, habe aber auch noch andere Geschäfte in der Nachbarschaft
dort, und es ist möglich, daß ich mit meiner Frau erst in einigen Tagen
zurückkomme. Einen erhaltenen Brief zu beantworten, muß ich aber einen
Boten fortschicken, und da wir unsere Leute jetzt notwendig brauchen,
werde ich einen Burschen aus der Försterei, den Forstwart oder wen
sonst schicken. -- Lassen Sie den alten Braunen herausführen, den
Sattel auflegen und das Pferd dann, sobald Sie können, zum Forstwart
hinaufschicken. Verstanden?«
»Sehr wohl, Herr Baron!« sagte der alte Verwalter, »ich dächte aber,
denen im Forsthause schadete es auch nichts, wenn sie ihre Beine auf
Gottes Erdboden setzten, statt sie über einen Sattel hinüberzuhängen.«
»Das dauert mir dann zu lange,« erwiderte Georg. »Tun Sie nur, wie ich
gesagt habe. Sonst ist nichts Besonderes vorgefallen?«
»Nicht das geringste, Herr Baron. Wir haben wacker gedroschen in der
Zeit; Dünger ist gefahren, die Umzäunung am Garten ausgebessert, und
jetzt sind nur noch die Holzfuhren zu machen, zu denen der Förster ein
wenig drängt.«
»Er hat recht. Es ist auch die höchste Zeit, daß das Holz von dem Schlag
fortkommt -- also auf Wiedersehen, Schönle. Besorgt mir das alles gut;
in einigen Tagen spätestens bin ich wieder da.«
Mit diesen Worten war er die letzten Stufen der Treppe hinuntergegangen,
legte seine Satteltasche auf, schnallte den Plaid daran fest, griff
seinen Zügel auf, schwang sich in den Sattel und trabte aus dem Hofe,
die Straße nach dem Walde einschlagend.
* * * * *
So hart den trefflichen Reiter aber auch der Schlag im ersten Augenblick
getroffen, daß ihm sein Kind, sein liebes Kind geraubt worden, so fest,
ruhig und sicher fühlte er sich wieder, als er erst einmal im
Sattel saß. Mit gutem Mut, durch eigene Kraft die List der Frau noch
ausgleichen zu können und zuschanden zu machen, trabte er den Weg
entlang, und wenn es ihn auch manchmal drängte, das Pferd, den wackern
Rappen, der ihn trug, zu rascherem Tempo anzuhalten, versagte er es sich
doch, weil er eben nicht wußte, ein wie weiter Ritt noch heute vor ihm
lag, und er sein treues Tier zu schonen dachte. So erreichte er das
Forsthaus und fand hier den Forstwart Barthold schon seiner harrend, mit
der Flinte auf dem Rücken, vor der Tür. Als er den Herrn anreiten sah,
kam er grüßend auf ihn zu, Georg aber, aus dem Sattel springend, warf
seinem Pferde den Zügel über den Nacken und sagte zu dem Alten: »Guten
Morgen, Barthold; kommt nur mit, ich begleite Euch ein Stück -- ich habe
etwas mit Euch zu reden.«
»Gern, gnädiger Herr,« erwiderte der Alte, »der Förster ist auch nicht
zu Hause. Er ist auf den roten Schlag hinaus, um den Fuhren das Holz
anzuweisen.«
»Ich weiß schon -- ich will auch nicht zum Förster,« sagte Georg und
schritt langsam den Waldweg entlang, bis sie aus Sicht des Forsthauses
waren. Hier blieb er stehen und sich gegen Barthold wendend, fuhr er
fort: »Ihr seid neulich meiner Frau hier begegnet, als sie im Schlitten
die Straße nach Kleinmarkstetten fuhr, nicht wahr?«
»Ja, Ew. Gnaden.«
»Kennt Ihr den Herrn, der mit ihr im Schlitten saß?«
»Sie war allein -- das heißt mit dem Fräulein Tochter.«
»Allein?« rief Georg überrascht.
»Allein, meine ich, als sie vom Gute an die große Eiche kam,« bestätigte
der Alte, »und von dort schickte sie mich mit einem Auftrage nach dem
Gute zurück.«
»So habt Ihr niemanden gesehen, der bei ihr war?« fragte Georg
enttäuscht, denn auf den Forstwart hatte er seine ganze -- seine letzte
Hoffnung gesetzt.
»O, doch,« erwiderte der alte Mann. »Wie ich schon ein Stück fort war,
kam ein Herr unten vom Dorfe den Weg herauf und stieg hinten auf den
Schlitten, und dann fuhren sie zusammen fort. Ich blieb noch eine Weile
stehen, weil ich glaubte, es wäre der gnädigen Frau vielleicht nicht
angenehm, hier im Holze allein mit einem fremden Herrn zusammen zu
treffen. Als ich aber sah, daß es ein Bekannter war, ging ich meiner
Wege.«
»Und so kennt Ihr den Herrn gar nicht?«
»Nein, Ew. Gnaden -- ich weiß nicht, wie er hieß,« sagte der Alte etwas
erstaunt, denn das unruhige Wesen des Barons fiel ihm auf.
»Der Name tut nichts zur Sache,« rief Georg ungeduldig, »ich meine nur,
ob Ihr nicht wißt, wie er aussah -- ob Ihr ihn wieder kennen würdet.«
»Gewiß -- an dem Tage habe ich ihn freilich nur von weitem und ganz
flüchtig gesehen; den Tag vorher aber kam er schon einmal zur Eiche,
die er sich wohl neugierig betrachten wollte, obgleich er ihr kaum einen
flüchtigen Blick zugeworfen und von meiner Erklärung gar nichts wissen
mochte. Es fror ihn ein wenig an den Füßen.«
»Wie sah er aus?«
»Ein zierliches, geschniegeltes Männchen, städtisch und ein bißchen
fremdländisch angezogen, mit einem kleinen schwarzen Schnurrbärtchen und
einer Brille auf, obgleich er noch gar nicht alt sein kann, um schwache
Augen zu haben.«
»Und Ihr kennt ihn genau genug, ihn mir zu bezeichnen, wenn Ihr ihn
wiedersehen würdet?«
»Ich kenne ein Stück Wild wieder, wenn es mir nur einmal flüchtig
über den Weg gesprungen ist, wie viel mehr denn solch ein wunderliches
Menschenkind, dem ich Auge in Auge gegenübergestanden habe!«
»Gut -- habt Ihr Lust, Barthold, mich auf einer Tour zu begleiten?«
»Ich, gnädiger Herr? gewiß -- aber wohin?«
»Gleichviel -- rüstet Euch, auf ein paar Tage auszubleiben. Für
Lebensunterhalt braucht Ihr nicht zu sorgen; nehmt nur etwas reine
Wäsche mit.«
»Ein Hemd und ein paar Socken stecke ich in den Jagdranzen.«
»Nein -- den laßt zu Hause; auch Eure Flinte, die wir nicht brauchen
werden, denn das Wild, das wir suchen, fangen wir lebendig.«
»Soll ich denn vielleicht einen Schwanenhals oder ein Tellereisen
mitnehmen?«
»Nein,« lachte Georg, »auch das ist nicht nötig, es geht auf keine
Witterung. Ich werde jetzt mit Euch zum Forsthause zurückkehren.
Apropos, könnt Ihr reiten?«
»Reiten? ja -- es soll gerade nicht hübsch aussehen, wenn ich auf einem
Pferde sitze,« setzte er gutmütig hinzu, »und sie haben mich schon ein
paarmal deshalb ausgelacht, aber ich hänge fest, Trapp oder Galopp, und
herunter bringt mich keins.«
»Desto besser -- es wird vom Gute aus ein Pferd für Euch heraufgebracht
werden. Aber eine Bedingung habe ich zu stellen -- könnt Ihr schweigen?«
»Sehe ich etwa aus wie eine Plaudertasche?« sagte der alte Mann ernst.
»Gut -- ich glaube es auch. Kein Mensch erfährt später, wo wir gewesen
-- hört Ihr? -- was wir dort getan -- auch nicht, was ich vorhin über
den Fremden mit Euch besprochen.«
»Kein Wort, Ew. Gnaden,« sagte der Alte, der zu ahnen begann, um was
es sich hier handle. »Das bißchen Wäsche stecke ich dann einfach in die
Tasche.«
»Ihr könnt es mir nachher in meine Satteltasche geben.«
»Ew. Gnaden wollen dem Schlitten folgen?«
»Ja -- wißt Ihr genau, welchen Kurs er genommen?«
»Die gnädige Frau sagte, sie wolle nach Kleinmarkstetten, der Herr aber
hat an dem Morgen seinen Wagen leer mit seinem Gepäck nach Hottweil
geschickt.«
»Wißt Ihr das gewiß?«
»Unten im Krug haben sie so gesagt, und der Kutscher soll gestern abend
spät wieder leer durchs Dorf gefahren sein, wie mir einer der Holzmacher
heute morgen erzählte.«
»War es ein herrschaftliches Geschirr?«
»Wohl nur ein Lohnkutscher von Haidedorf.«
»Gut -- wir dürfen aber trotzdem keine Zeit verlieren. Bestätigt sich
das, so können wir vielleicht, wenn wir scharf zureiten, die Station
noch erreichen, ehe der Schnellzug eintrifft. Das Pferd muß oben sein;
jedenfalls ist es da, ehe Ihr Eure Sachen zusammen habt.« Und ohne
weiter eine Antwort abzuwarten, schritt Georg rasch zum Forsthause
zurück, wenn auch der Förster nicht da war, doch dessen Frau davon in
Kenntnis zu setzen, daß er den Forstwart auf einen oder zwei Tage in
Geschäften mit sich nehme.
Barthold hatte indessen in wenigen Minuten seine geringen Vorbereitungen
getroffen; bald darauf kam auch das Pferd, auf dem einer der Knechte
heraufgeritten war, und sehr zum Erstaunen der Frau Försterin, die sich
den ganzen Tag vergebens den Kopf darüber zerbrach, trabte Barthold
hinter dem Herrn von Geyfeln in den stillen Wald hinein. Bis sie die
Stelle erreichten, wo sich die verschiedenen Wege teilten, sprach auch
Georg kein Wort, und kehrte sich nur manchmal nach seinem Begleiter um,
zu sehen, wie er im Sattel saß. Der alte Mann hing allerdings in etwas
wunderlicher Art auf dem Pferde, aber er hatte nicht zu viel von sich
gerühmt, als er behauptete, daß er wenigstens fest säße. Georg fühlte
sich darüber auch bald beruhigt und ließ sein eigenes Tier etwas
schärfer austraben, bis er es an dem dreiarmigen Wegweiser zum erstenmal
einzügelte.
Hier schieden sich die Wege; eine gewisse Spur war aber nur schwer noch
zu erkennen, da Holz- und andere Fuhren die frische Schneebahn schon
mit ihren verschiedenen Gleisen durchzogen und durchkreuzt hatten. Eine
kurze Strecke indes langsam auf dem Wege nach Hottweil fortreitend,
fand Georg bald die zarten, feingeschnittenen Hufe von Georginens
Pferde seitwärts von der Bahn im Schnee abgedrückt, wo der Schlitten
wahrscheinlich einer ihm begegnenden schweren Fuhr ausgewichen war, und
die Zügel, ohne ein Wort weiter zu reden, wieder aufgreifend, schlug
er den früheren scharfen Trab wieder ein, dem das alte und steifere
Arbeitspferd kaum zu folgen vermochte. Die Station erreichten sie auch
in der Tat bei guter Zeit, und wohl noch eine Stunde vor Ankunft des
Zuges. Kurze Nachfrage genügte, Georg zu überzeugen, daß er sich auf
der richtigen Spur befände. Das Pferd, das Barthold geritten, übergab er
dann einem der Leute dort, es im Dorfe einzustellen, bis er zurückkehre;
sein eigenes, in zwei dazu geborgte Decken eingehüllt, wurde in einen
der glücklicherweise vorhandenen Pferdekasten geführt, und als der Zug
heranbrauste, nahm er die Reisenden und das schon bereit gehaltene Pferd
auf, und schnob davon, auf seiner schmalen eisernen Bahn, den heißen
Atem in die frostige Winterluft ingrimmig hinausblasend.
27.
In Altona herrschte ein reges Leben, und der alte Forstwart Barthold
schritt staunend an Georgs Seite durch die menschengedrängten Straßen.
Das war eine Stadt -- das war ein Treiben und Schieben durcheinander,
und was für kostbare Waren überall -- der Alte wäre am liebsten vor
jedem Schaufenster stehen geblieben, immer Neues anzustaunen und zu
bewundern. -- Und aus diesem Gewimmel von Menschen, wo es, wie bei einem
Bienenschwarm, herüber und hinüber fuhr, sollte er den einzelnen Fremden
heraussuchen, den er draußen im Walde gesehen? Der Kopf schwindelte ihm,
und er ging die ersten Stunden wie in einem Traume umher.
Georg, der ihn begleitete, fand sich ebenfalls in furchtbarer Aufregung
-- freilich aus einem andern Grunde -- und mußte sich Mühe geben,
wenigstens die äußere Fassung zu bewahren. Hatte er doch sein nächstes
Ziel, den wahrscheinlichen Aufenthalt seines Kindes, seiner Josefine,
jetzt erreicht -- aber wo sie finden in der großen Stadt -- und wenn
gefunden, wie sie dann sich retten?
Gestern abend war er, aber zu spät, um noch irgend welche
Nachforschungen anzustellen, mit seinem Begleiter in Hamburg
eingetroffen, und heute morgen hatte er vergebens auf der Polizei in
Altona angefragt, ob zwei Damen, eine Frau von Geyfeln und eine Frau
Georgine Bertrand, angemeldet wären -- man wußte dort noch nichts von
ihnen. Den Namen des Entführers kannte er ja nicht.
In der Nähe des Zirkus durfte er auch nicht wagen, sich -- wenigstens
am Tage -- blicken zu lassen, denn er blieb dort zu sehr der Gefahr
ausgesetzt, von einem seiner früheren Leute, vielleicht gar von dem
alten Mühler oder Karl erkannt und verraten zu werden. Georgine wäre in
dem Fall augenblicklich gewarnt worden und sein ganzer Plan vernichtet,
jede Aussicht auf Erfolg zerstört gewesen. Da wurde, als er eben
nach Hamburg hinüber wollte, um dort den Abend abzuwarten, seine
Aufmerksamkeit auf große Zettel gelenkt, die ein junger Bursche an den
Ecken anklebte. Ein Holzschnitt oben darüber -- einen Reiter zeigend,
der mit sieben Pferden dahin flog -- ließ keinen Zweifel, zu welcher
Vorstellung, und Georg trat, zitternd vor Angst und Erwartung, hinan,
den gesuchten und doch gefürchteten Namen seines Weibes -- seines Kindes
darunter zu finden -- und er hatte sich nicht geirrt. Der Name Georgine
Bertrand stand allerdings nicht auf dem Zettel, aber die pomphafte
Ankündigung eines neuen Gastes, einer Madame Georgette mit ihrer Tochter
Mademoiselle Georgette, ließ ihm fast keinen Zweifel, daß Frau und Kind
schon an diesem Abend, wenn auch unter anderm Namen, im Zirkus wieder
auftreten würden.
Vorsichtig suchte er jetzt Georgettens Wohnung zu erfragen, aber die
Auskunft, die er darüber erhielt, machte ihn wieder irre, denn diese
lautete dahin, daß Madame Georgette, die neue berühmte Kunstreiterin, in
Royazets eigener Wohnung abgestiegen sei und ein Quartier bezogen habe,
und der Mann, der ihm diese Auskunft gab, setzte aus freien Stücken
hinzu, es hieße in der Stadt, Monsieur Royazet habe selber geäußert, die
Dame sei seine ihm bestimmte Braut. Wer dann hatte Georginen entführt?
Royazet selber? Die Beschreibung des jungen Mannes, die der alte
Forstwart gab, paßte nicht dazu, auch sollte Royazet, wie er hier
leicht erfragen konnte, Altona die letzte ganze Woche mit keinem Schritt
verlassen haben.
Die Unruhe, hierüber Gewißheit zu erhalten, peinigte ihn zuletzt so,
daß er beschloß, über Tag auf gut Glück hin die Stadt zu durchstreifen,
vielleicht hier zufällig dem Entführer zu begegnen und ihn dann zu
zwingen, ihm Rechenschaft zu geben.
Einmal schoß ihm der Gedanke durchs Hirn, Royazet selber aufzusuchen und
von ihm sein Kind, wenn nicht im guten, mit Gewalt zurückzufordern; aber
standen sie hier nicht unter dänischem Gesetz, und war Frau wie Kind
nicht mit Leichtigkeit außer seinem Bereich gebracht, wenn er den
langsamen Gang der Gesetze hätte zu Hilfe rufen wollen? Royazet war
außerdem sein Feind, noch von früherer Zeit her, und auf einen Beistand
von seiner Seite nicht zu rechnen -- und doch blieb das seine letzte
Hoffnung, wenn alles andere fehlschlug.
Heute abend wollte er selber den Zirkus besuchen -- unkenntlich machte
er sich leicht auf nicht auffällige Weise durch einen breiträndigen Hut,
eine Brille und einen um das Kinn gelegten Schal, und dort konnte er mit
eigenen Augen sehen, wie weit seine Befürchtungen gerechtfertigt
seien. Bis dahin litt es ihn aber nicht, die Zeit ruhig und geduldig
abzuwarten, sein Blut kochte und wallte in den Adern, und Straße auf und
ab -- nur die unmittelbare Nähe des Zirkus ängstlich meidend -- zog er
mit seinem auf dem ungewohnten Steinpflaster schon lange müde gewordenen
alten Begleiter her und hin, sich selber nicht einmal ganz klar dabei,
was er mit dem Entführer anfangen solle, wenn er ihn wirklich träfe.
Aber auch diese Suche mußte er endlich als durchaus hoffnungslos
aufgeben, denn Barthold leistete ihm darin nicht einmal die Dienste, die
er von ihm erwartet hatte. Durch die ganz ähnliche Kleidung so vieler
Tausende nämlich fortwährend getäuscht, hielt er bald den, bald
jenen für den Gesuchten, und brachte Georg dadurch ein paarmal so in
Verlegenheit, daß er froh war, durch irgend eine Entschuldigung von
fälschlich angeredeten Personen wegzukommen.
Sein Quartier hatte er in Hamburg bezogen und dort sein Pferd
eingestellt, und dahin begab er sich endlich wieder mit dem Forstwart,
den einbrechenden Abend und die Stunde der angekündigten Vorstellung
abzuwarten.
Der Abend kam, und Georg, in einen alten Mantel gehüllt, nahm für sich
und den Forstwart zwei Sitze auf dem dritten Platz, um dort keinerlei
Gefahr ausgesetzt zu sein, erkannt zu werden. Und mit welchen Gefühlen
wohnte er dem Beginn dieser Vorstellung bei -- mit welcher furchtbaren
Pein war er Zeuge ihres weiteren Verfolges.
Barthold hatte im Anfang die Zuschauer genau mustern müssen, ob er den
Fremden aus dem Walde hier wiedererkenne, aber ohne Erfolg. So sicher
er geglaubt, sich auf sein Auge verlassen zu können, so verwirrt sah
er sich hier in dieser neuen, ihm völlig fremden Welt, mit tausend
Gesichtern um sich her, die, alle in einer Kleidung steckend, auch für
ihn alle den einen Stempel in Ausdruck und Form zu tragen schienen. Er
konnte den, den er suchte, nirgends finden. Sowie aber die Vorstellung
begann, wurde Georgs Aufmerksamkeit vollständig auf diese gelenkt --
er hatte alles andere in dem einen Gefühl vergessen, sein Kind
wiederzusehen -- seine Josefine, und eine unsagbare Pein schoß ihm
durchs Herz, als er sich dachte, wie.
Und die Musik begann. Der Possenreißer erschien, mit seinen eklen
Gliederverrenkungen die Zuschauer zu belustigen, und Barthold hätte ein
Jahr dasitzen können, ehe er in der buntbemalten, aus lauter Gelenken
bestehenden Gestalt mit ihren widernatürlichen Bewegungen den sonst so
steifen, ernsten »Schwiegervater vom Gute« wiedererkannt hätte. Georg
wandte sich in Ekel von ihm ab. Jetzt schmetterten die Trompeten, jetzt
wichen die Menschen in dem schmalen Eingange zurück -- einige dänische
Offiziere und andere Kavaliere, die sich dorthin, der Damen des Zirkus
wegen, postiert hatten -- und herein auf ihrem eigenen Pferde, in Licht
und Glanz strahlend, das Antlitz ordentlich in Freude und Triumph, in
wilder, ungebändigter Siegeslust leuchtend, flog -- Georgine.
Und sie war schön, diese Königin der Amazonen, schön wie das flammende
Meteor, das seinen Glutenstreifen pfeilschnell durch den dunklen Himmel
zieht; schön wie das zuckende Nordlicht, das mit seinen Feuerstrahlen
die kalte Winternacht erhellt. Ihre Augen flammten, ihre ganze Gestalt
hob sich, und wie das Publikum erst in staunender Bewunderung diese
plötzlich auftauchende, leuchtende Erscheinung angestarrt, so
brach plötzlich das Eis, das es bis dahin wie gebannt gehalten, und
donnernder, nicht endender Applaus grüßte sie beim ersten Betreten ihrer
neuen Laufbahn wieder.
Dieser Beifallssturm schien den Körper des wirklich wunderschönen Weibes
ordentlich zu durchzucken, schien ihn emporzutragen mit sich selbst.
Kaum berührten ihre Fußspitzen den Sattel, über dem sie mehr schwebte,
als daß sie auf ihm stand, und während höhere, fast glühende Röte ihr
Antlitz färbte und ihre Augen leuchteten, während die Locken im scharfen
Luftzuge flatterten, und das Pferd selber, das sie trug, einen Teil der
Begeisterung mit zu fühlen schien, brach sich der stürmische Applaus,
wie das regelmäßige Branden einer See, immer wieder und wieder Bahn und
übertäubte selbst die schmetternde Musik. Barthold hatte sie erkannt
-- gleich auf den ersten Blick, denn diese Züge, einmal gesehen, waren
nicht so leicht wieder vergessen. Er blickte auf Georg schüchtern und
erstaunt von der Seite an. Dessen totenbleiches Antlitz verriet aber nur
zu deutlich, was in ihm vorging, und er wagte nicht, ihn auch nur mit
einem Laut, mit einer Bewegung zu stören.
Die Tour war vorüber -- wieder und wieder mit tobendem Beifallsjauchzen
gerufen, zog sich die schöne Reiterin zurück, und ein paar der Klowns
zeigten jetzt ihre Künste.
»Mademoiselle Georgette!« verkündete der Mann in hohen Reitstiefeln und
mit einer langen Peitsche in der Hand, der mitten in der Arena stand,
den neuen Namen, indem er seine Waffe demonstrierend und mit einer
Verbeugung gegen den Eingang neigte.
Georgs Blut stockte; die Lichter flimmerten ihm vor den Augen, der ganze
Zirkus drehte sich mit ihm, und krampfhaft faßte er seines Nachbars Arm,
sich an diesen zu halten. Aber die Schwäche, die ihn überkam, dauerte
kaum länger, als sie gebraucht hatte, ihn zu bewältigen. Er war wieder
er selbst, und sah jetzt, wie sein Kind geschmückt und aufgeputzt
auf einem kleinen muntern Pony in die Arena sprengte und den Rundlauf
begann. Wenn es aber auch das Publikum täuschte, dem Vaterauge konnte
die stark aufgetragene Schminke das veränderte Aussehen des Kindes nicht
verbergen.
Josefine sah leidend aus; ihre Augen lagen tief in den Höhlen, und statt
des fröhlichen Lächelns, das sonst in solchen Augenblicken ihre Züge
belebte, trugen sie das deutlich auffallende Gepräge von Angst und
Zaghaftigkeit. Ihr Blick flog nicht frei umher, sondern haftete an der
Mähne des Pferdes, und sie schien sich erst in etwas zu sammeln, als sie
den Zirkus einigemal umritten hatte.
Das Publikum verhielt sich dabei still. Die kurz vorher bewunderte
glänzende Erscheinung der Mutter hatte es zum Teil verwöhnt, zum Teil
empfand es aber auch wohl die unverkennbare Angst des Kindes mit und
fühlte sich unbehaglich dabei. Die Musik wurde lebendiger, der Takt
schneller, das Pferd, gewohnt, den Lauten zu gehorchen, flog rascher
mit seiner kleinen Reiterin dahin, und während Josefine die früheren
Stellungen und Bewegungen auf dem dahinschnaubenden Tiere auszuführen
versuchte, erkannte Georg mit peinlichem Schmerz die Angst und
Unsicherheit, in der sie sich befand.
Da trat neben Royazet Georgine in den Gang, zwischen die Schar der dort
eingedrängten Zuschauer, und wie das Kind vorbeipassierte, rief sie ihm
einige Worte der Ermunterung zu. Die Aufmerksamkeit der Kleinen wurde
aber dadurch von ihrem Pferde abgelenkt, und gerade, als sie Georg
wieder gegenüber kam, verlor sie das Gleichgewicht und mußte, um nicht
zu stürzen, vom Pferde springen.
Im Publikum herrschte eine Totenstille, nur auf dem dritten Rang lachte
eine Anzahl trunkener Matrosen, und einer schrie in seinem Plattdeutsch:
»Nehmt doch de Deern weg, die kann ja nicht hopsen! Einer von den
Hanswursten soll hereinkommen!«
Ein Teil lachte; Josefine aber hatte im Nu wieder das Pferd am Zügel;
der Bereiter sprang hinzu, ihr zu helfen, das geduldige Tier stand,
und von neuem umflog sie den Zirkus. Da wurden Reifen und Girlanden
herbeigebracht, über und durch die sie springen sollte. Georgine stand
noch immer im Eingange, mit keiner Ahnung, wie nah ihr Gatte sei --
Josefine machte, als sie an ihr vorüber flog, eine bittende Bewegung
und zeigte auf die Reifen, daß diese entfernt werden sollten. Wie sie
vorüber kam, schüttelte Georgine mit dem Kopfe und lächelte dazu.
Einige der Klowns sprangen jetzt mit anderen dazu angestellten Dienern
auf den Rand der vorderen Galerie, um die Reifen auszuhalten und dem
Kinde das Springen durch Auf- und Niederheben so viel als möglich zu
erleichtern. Josefine aber gab, obgleich das Pferd schon drei- oder
viermal die Runde darunter durchgemacht hatte, noch immer nicht das
Zeichen, daß sie bereit zum Voltigieren sei. Da endlich wurde das
Publikum ungeduldig; es wünschte diesen »Schulübungen«, wie einige
meinten, ein Ende gemacht zu sehen, und Georgine, dadurch gereizt, gab
den Leuten einen Wink, die Reifen auszuhalten.
»Spring!« rief sie dabei der Tochter zu, »du hast es ja tausendmal
getan!«