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Gerstäcker
Der Kunstreiter
3. Band
Bosse & Co., Hamburg
1914
25.
Hugo von Silberglanz befand sich, als er Georginen verließ, wirklich in
einem außergewöhnlichen Grade von Aufregung, der nicht allein den
Reizen des schönen Weibes, sondern auch noch seinen durch sie plötzlich
überstürzten Plänen und Geschäften, wie all den Verwicklungen galt, in
die er dadurch gezogen werden konnte. Und was würde Baron Silberglanz'
Vater dazu sagen, wenn er von diesem tollen Streiche des Barons
Silberglanz' Sohn unglücklicherweise gehört hätte? Bah! das Unglück
wäre zu ertragen gewesen; er war jetzt Kavalier und mußte kavaliermäßig
handeln -- wenn es ihm auch ein paar Taler kostete -- welchen Preis
eroberte er außerdem nicht dabei für sich -- einen Preis, um den ihn
die halbe Residenz beneiden würde! -- Aber der Mann -- wenn Monsieur
Bertrand...
»Zühbig hat recht!« brummte er dabei leise vor sich hin, als er den
Fahrweg entlang dem Dorfe zueilte, »sie sind keinesfalls zusammen
getraut -- nur eine wilde Ehe, wie es bei der Art Leuten ja so häufig
vorkommen soll, und dieser hochnäsige Graf Geyerstein hat sich die
wunderschöne Reiterin hier ins warme und bequeme Nest gesetzt. Dem aber
gönn' ich den Aerger, wenn er erfährt, daß Hugo von Silberglanz, der
verachtete, »der neugebackene Baron«, mit seiner Beute durchgegangen
ist. Nur allein die Genugtuung wäre das ganze Abenteuer wert. -- Und
diese Georgine -- ein göttliches Weib -- ein wahrhaft göttliches Weib!
Ob sie mich nicht rein verrückt gemacht hat mit ihren Reizen? Und wie
apropos bin ich hier zur rechten Zeit gekommen -- das ist aber mein
altes Glück! Glück muß der Mensch haben, sagt mein Papa, und der Mensch
hat Glück. Hm -- ja -- aber wohin? -- Und was zerbreche ich mir noch den
Kopf? Nach Paris -- wollte ich doch nach Paris und habe den Umweg
nur über hier gemacht -- jetzt reis' ich in Gesellschaft, und was für
Gesellschaft! Was liegt an den paar hundert Talern -- und wenn's tausend
wären! Hugo von Silberglanz ist nur einmal jung, und will auch sein
Leben genießen wie andere Kavaliere. Ein Geschäft bringt die ganze Sache
zehnmal wieder ein.« Und mit dem Troste sich, teils der Kälte, teils
seiner angenehmen Empfindungen wegen, die Hände reibend, eilte er in das
Dorf hinein, dessen erste Gebäude er schon erreicht hatte.
Durch und durch Geschäftsmann, wurde es ihm hier nicht schwer, seine
Rolle als Getreidehändler zu spielen; aber zu wirklichen Käufen traf er,
woran ihm übrigens auch nicht viel lag, keine günstige Zeit, da Baron
von Geyfeln, wie ihm die Bauern sagten, eben deshalb verreist sei, um
einen Handel für sein und ihr Getreide -- wenn ihnen der Preis nämlich
zusage -- abzuschließen. Erst wollten sie deshalb einmal hören, was für
Gebote er bekommen habe, ehe sie sich auf einen Handel einließen -- den
Fall natürlich ausgenommen, daß ihnen hier ein sehr annehmbares Gebot
gemacht würde. Von Silberglanz war aber gar nicht geneigt, teuer
einzukaufen, und unter diesen Umständen ließ er sich nur das noch
vorhandene Getreide zeigen, wog es auf einer Wage, die er bei sich
führte, und schrieb sich die verschiedenen Namen der Bauern auf, um
vielleicht später doch einmal, wie er sagte, einen Handel mit ihnen
abzuschließen.
Vorher schon hatte er seinem Kutscher die nötigen Befehle gegeben, um
Georginens Auftrag auszuführen. Das versprochene Gepäck kam auch gegen
Abend an, und am nächsten Morgen, lange vor Tage, war der Wagen schon
unterwegs nach seinem Bestimmungsort, wobei der Kutscher freilich den
Kopf schüttelte, daß er eine Kiste und ein paar Koffer spazieren fahren
mußte.
Der Wirt im Stern wußte indes nicht anders, als daß der fremde Herr --
von dem der Kutscher nur sagen konnte, daß er ein Baron sei, und der
sich als »Baron Solbern« in das Fremdenbuch geschrieben -- hier in der
Gegend die Rückkunft des Herrn von Geyfeln abwarten wollte.
So verging der Tag -- die Nacht, und Hugo von Silberglanz, während
er das neue Sonnenlicht mit Jauchzen begrüßte, konnte die Zeit kaum
erwarten, die ihm gestatten würde, wieder zu Georginen zu eilen und den
Lohn für seine Aufopferung zu ernten. Punkt zehn fand er sich oben
im Gute ein, und Georgine kam ihm, heute ein ganz anderes Wesen als
gestern, lächelnd entgegen.
»Nun?« fragte sie, »haben Sie Ihre Getreidekäufe glücklich beendet?«
»Holde Georgine,« sagte Hugo, »reden Sie mir jetzt nicht von Getreide
und Geschäften. Ich versichere Ihnen, ich kann das Wort nicht hören.
Sprechen Sie mir von sich, gestatten Sie mir, daß ich Sie ansehe, daß
ich Sie an mein Herz...«
»Halt, mein bester Baron!« sagte die Frau, ihn lächelnd abwehrend.
»So weit sind wir noch nicht. Haben Sie alles besorgt, was ich Ihnen
aufgetragen?«
»Alles, bis aufs letzte.«
»Ist der Wagen fort?«
»Heute morgen, zwei Stunden vor Tage.«
»Kennen Sie den Weg zur Zaubereiche?«
»Wie meine Tasche -- ich bin hin und hergegangen und fürchte beinahe,
ich habe mich dabei erkältet -- der Schnee war so tief.«
»Ist Ihr eigenes Gepäck mit fortgegangen?«
»Alles, bis auf ein Täschchen, das ich am kleinen Finger tragen kann.«
»Vortrefflich! Sie sind ein Muster von Pünktlichkeit, Baron. Zur
Belohnung sollen Sie auch heute eine Spazierfahrt mit mir machen. Haben
Sie Lust dazu?«
»Bis ans Ende der Welt.«
»Um Gottes willen, nein!« lachte Georgine. »So weit will ich Ihre Güte
nicht in Anspruch nehmen.«
»Aber wann brechen wir auf? -- Jetzt?«
»Jetzt noch nicht. Ich muß einige Leute los werden, die mir hier im Wege
sind. Um drei Uhr heute nachmittag wird der alte Mann, der gestern
oder vorgestern verunglückt ist, unten im Dorfe beerdigt werden. Meine
Wirtschafterin und der alte Verwalter werden mit zur Leiche gehen. Um
drei Uhr fahre ich von hier fort. Seien Sie um diese Zeit, oder bald
nachher, an der Zaubereiche.«
»Aber warum ließen Sie mich meinen Wagen fortschicken?«
»Ich nehme mein eigenes Pferd mit, das ich nicht zurücklassen möchte,
und komme in einem Schlitten, in dem wir beide Platz haben. Fürchten Sie
sich, mit mir allein zu reisen?«
»Georgine!«
»Gut; jetzt ist alles Nötige besprochen, und nun verlassen Sie mich. Wir
dürfen keinen Verdacht erwecken.«
»Jetzt wollen Sie mich schon wieder fortschicken?«
»Sie werden meiner Gesellschaft noch überdrüssig werden,« lächelte die
Frau. »Ich bitte Sie, jetzt zu gehen.«
»Ich gehorche Ihnen,« sagte von Silberglanz resigniert, »also um drei
Uhr an der Zaubereiche. Ich werde die Minuten bis dahin zählen.«
»Dann sind Sie vollständig beschäftigt. Ist noch etwas?«
»Ja,« sagte von Silberglanz, entschlossen auf sie zugehend und ihre Hand
ergreifend. »Sie haben mich zu Ihrem Beschützer erwählt, Georgine; ich
bin bereit, alles daran zu setzen, Ihnen zu willfahren -- seien Sie
nicht grausam!« Er legte seinen Arm um sie und wollte sie an sich
ziehen.
»Wir sind keinen Augenblick hier sicher, überrascht zu werden,« sagte
Georgine, ihn von sich haltend; Herr von Silberglanz war aber nicht so
leicht abzuschütteln.
»Und soll ich so lange auch ohne den kleinsten Lohn bleiben?« drängte
der Verliebte. »Georgine -- holdes, göttliches Wesen, in wenigen Stunden
ketten Sie Ihr Geschick an das meine, und jetzt« -- er drückte ihren Arm
zurück und preßte, ehe sie es verhindern konnte, seine Lippen auf die
ihrigen.
Georgine duldete den Kuß, dann aber sich von ihm losmachend, rief sie:
»Seien Sie vernünftig, Baron! Sie setzen mich und sich der größten
Gefahr aus, unsern ganzen Plan scheitern zu machen. Gehen Sie jetzt, es
ist genug; um drei Uhr an der Zaubereiche.«
»Um drei Uhr,« rief Hugo, der sie wie in einer Verzückung anstarrte, »um
drei Uhr!« und mit Gewalt sich losreißend, eilte er, so rasch er konnte,
in das Dorf zurück, um dort seine Rechnung zu bezahlen, seine kleine
Tasche zu packen und zur bestimmten Zeit an der bezeichneten Stelle
nicht zu fehlen.
Georgine blieb allein in ihrem Zimmer zurück und starrte, als Herr
von Silberglanz sie schon lange verlassen hatte, noch immer still und
schweigend vor sich nieder; aber die Zeit für sie war auch zum
Handeln gekommen, ein Rückschritt nicht mehr möglich, und das kühne,
selbständige Weib gewann mit diesem Bewußtsein auch ihre ganze Energie
und Entschlossenheit wieder.
»Frei -- frei -- frei!« flüsterte sie wie eine Beschwörungsformel leise
vor sich hin, »frei bin ich wieder, wie der Vogel in der Luft, wie das
wilde Roß, das die Steppe durchfliegt und seiner Verfolger lacht. Den
Zwang habe ich abgeschüttelt, der mir die Seele wund gedrückt und Geist
und Körper niedergebeugt hat, und schon fühle ich den beweglichen Boden
wieder unter meinen Füßen, fühle, wie der wehende Luftzug mir die Locken
um den Nacken peitscht -- sehe die dichtgedrängte Schar der Zuschauer,
höre ihr Jauchzen, höre ihr Jubeln und fliege im Triumph die alte Bahn
dahin. -- Georg wird wüten, wenn er zurückkehrt und mich -- wenn er
sein Kind nicht mehr findet, obgleich es ihm die deutschen Gesetze
zusprechen. Weder Josefine noch ich werden jemals wieder deutschen
Boden betreten. Und will er im Schweiße seines Angesichts, in ruhmloser
Beschäftigung und Arbeit sein Brot hier verdienen, will er, kann er
vergessen, was er einst gewesen, als ich ihn liebte, dann verdient er
auch nicht, daß ich je mit einem Atemzuge an ihn gedacht. Und nun ans
Werk, denn nur noch wenige Stunden sind mein!« Und mit den Worten, als
ob sie damit alles abgeworfen habe, was sie bis jetzt noch gedrückt,
ging sie rasch und fröhlich daran, den einmal festbeschlossenen und
eingeleiteten Plan zur Flucht auszuführen.
Vorbereitet war er insofern schon lange, als Georgine ihre
Künstlergarderobe gepackt in *** stehen und dort die Weisung
hinterlassen hatte, sie ihr später dorthin zu schicken, wohin man eben
die Weisung bekommen würde. Gestern hatte sie diese erteilt, und in
wenigen Tagen konnte ihr Auftrag vollzogen sein. Ihre wie Josefinens
nötigste Kleider waren heute morgen mit dem Wagen des Barons abgegangen,
und was sie unterwegs brauchten, konnten sie recht leicht und unbemerkt
mit in den Schlitten nehmen.
Allerdings war die Tour für ihr eigenes Pferd etwas stark, aber es
mochte sich nachher lieber wieder ordentlich ausruhen, und auf andere
Weise konnte sie es doch nicht mit sich fortführen. Josefine wußte
freilich noch kein Wort von der beabsichtigten Flucht aus ihrer neuen
Heimat; sie hätte vielleicht gegen ihre Gouvernante nicht geschwiegen,
und diese jedenfalls versucht, die Ausführung des Planes zu
hintertreiben. War Josefine nicht mehr da, so sah sie sich natürlich
auch ohne Stellung -- ohne Brot; und wer verliert das gern so leicht?
Daß Josefine selber mit Freuden das alte fröhliche Leben begrüßen,
daß sie den Vater bald vergessen würde, davon glaubte Georgine fest
überzeugt zu sein. Ueberdies hatte das Kind keinen eigenen Willen und
mußte der Mutter dahin folgen, wo diese für ihr Glück und ihre Wohlfahrt
sorgen wollte.
Nur etwas mußte sie noch besorgen, dann war sie mit allem fertig, und
zwar von des Kindes Leibwäsche genügend für die erste Zeit beiseite zu
bringen, ohne daß es Mademoiselle Adele bemerkte. Ein Vorwand, diese zu
entfernen, war aber bald gefunden. Georg hatte in seiner Stube einige
alte Kupferwerke, die dem Grafen Geyerstein gehörten, und die er deshalb
sorgfältig hütete. Josefine durfte die Bilder nicht besehen, wenn
er nicht selber dabei war. Heute erlaubte Georgine dem Kinde,
hinüberzugehen und sich die Kupferstiche zu betrachten, bat aber die
Gouvernante, dabei zu bleiben, daß ja nichts mit den Büchern geschehe
und die Erlaubnis nicht mißbraucht werde. Adele wandte allerdings ein,
der Herr Baron würde es vielleicht nicht gern sehen und böse werden,
wenn er es erführe; Madame dagegen erklärte, die Verantwortung allein
auf sich nehmen zu wollen, und die Erzieherin konnte sich natürlich
nicht länger weigern, dem Befehle zu gehorchen.
Die Zeit, die beide dort verbrachten, genügte vollkommen. Georgine
packte alles Nötige in zwei große Fußsäcke und schrieb dann die letzten
Zeilen an Georg. Der Brief war kurz und inhaltschwer; aber mit sich im
reinen, grübelte sie nicht lange über die Fassung. Die Zeilen flogen
auf das Papier, dann faltete sie das Blatt zusammen, überschrieb und
siegelte es und legte es, als Adele und Josefine Georgs Zimmer wieder
verlassen hatten, auf ihres Mannes Schreibtisch.
Nach dem Mittagessen ging sie noch mit der Wirtschafterin durch die
Gebäude und ordnete einiges an, dann zu der Erzieherin auf die Stube und
bat diese, Josefinen warm anzuziehen, da sie ein Stündchen mit ihr im
Schlitten fahren wolle. Das war den Winter schon einigemal geschehen und
konnte deshalb keinen Verdacht erregen. Josefine selber freute sich
auch darauf, und mit dem Schlage drei Uhr hielt der eine Knecht, der den
Auftrag dazu bekommen, mit dem kleinen leichten, mit Georginens eigenem
Pferd bespannten Schlitten vor der Tür. Georgine trug selber den einen
Fußsack hinunter und ließ den andern dann, während sie das Pferd hielt,
von dem Knechte nachholen. Adele war noch beschäftigt, Josefine recht
warm einzuhüllen, und wenige Minuten später klingelte das muntere Tier
mit seiner leichten Last lustig zum Tore hinaus und auf der glatten
Straße hin, dem Walde zu.
Unten im Dorfe läutete die Glocke zu dem Begräbnis des alten Tobias, dem
die Wirtschafterin und der alte Verwalter pflichtschuldigst beiwohnten,
und nach dem Begräbnis gingen die Leute ins Wirtshaus, tranken noch ihr
Glas und sprachen über den Verunglückten und die Art seines Todes.
Von Schildheim aus schritt Herr von Silberglanz, fest in seinem Paletot
eingepackt, und ein Paar Pelzstiefel, wie sein kleines Täschchen unter
dem einen, seinen großen Pelz über dem andern Arm, einen schmalen
Fußpfad entlang gerade dem Walde zu, das ihm bestimmte Rendezvous
richtig und pünktlich einzuhalten.
Es war ein wundervoller Tag, der Schnee glitzerte und funkelte in dem
kalten Sonnenlicht, und der hellblaue Himmel war von einem leichten
Dunsthauche nur eben matt überzogen. Das muntere Pferd, mit dem leichten
Schlitten hinter sich, das überdies jetzt lange im Stalle gestanden
hatte, griff auch tüchtig aus, und die Kufen glitten blitzesschnell über
den hartgefrorenen, knisternden Schnee.
»Freut es dich, Josefine,« fragte Georgine, als sie den Waldessaum
erreichten, »so mit mir durch die Welt zu fahren?«
»Ach sehr, Mama, sehr,« rief das Kind, »es ist gar so wunderhübsch. Wäre
nur Mademoiselle bei uns!«
»Und möchtest du lange, recht lange so mit mir fahren? weit, weit hinweg
von hier?«
»Wenn Papa und Mademoiselle Adele mitführen, gewiß -- und wenn wir
wieder hierher zurückkämen.«
»Und wenn wir nun wieder hinausführen in die Welt?« sagte die Frau,
der diese Worte einen Stich durch das Herz gaben, »wenn wir nun wieder
draußen lustig unsere Pferde bestiegen und in Glanz und Lichterpracht
dahinflögen?«
Josefine schüttelte das Köpfchen. »Zu Hause ist's hübscher,« sagte sie,
»und ich habe schon beinahe vergessen, wie es früher war.«
»Zu Hause ist's hübscher?« wiederholte Georgine, »ei, ei, Josefine, hast
du ganz vergessen, wie stolz wir früher auf dich waren, wie reizend du
auf dem Pferde aussahst, und wie geschickt du deine Sachen machtest?«
»Ja -- aber ich muß jetzt lernen, viel lernen, daß ich einmal eine
wackere, brave Frau werden kann,« sagte das Kind, »ich muß auch dem
lieben Gott dankbar sein, daß er mir eine Heimat und Eltern gegeben hat,
die für meine Erziehung sorgen. Die armen kleinen Mädchen, die draußen
auf den Pferden tanzen und springen müssen, haben es doch lange nicht so
gut wie ich.«
»Wer, um Gottes willen,« rief Georgine erstaunt, »hat dir die albernen
Dinge in den Kopf gesetzt?«
»Alberne Dinge, Mama?« sagte Josefine erschreckt, »ich habe eine hübsche
Geschichte von einer armen Marie gelesen, und Mademoiselle Adele hat
sie mir erklärt, und jetzt freue ich mich so darauf, daß mir Papa eine
andere liebe Marie mitbringen will, mit der ich spielen und tüchtig
lernen kann.«
»Und so sehnst du dich gar nicht wieder zu dem früheren Leben zurück,
und wenn du auch ein eigenes kleines Pferd bekämest?«
»Nein, Mama,« sagte Josefine rasch, »ich will bei dir, bei Papa und
Mademoiselle Adele bleiben, und mit Marie recht, recht fleißig lernen.
Du sollst sehen, ich werde einmal ein recht gutes, braves Mädchen.«
Georgine erwiderte nichts, aber sie preßte die Lippen fest zusammen, und
ihr Gaul fühlte die Peitsche, daß er in toller Flucht den Weg entlang
stob.
Georgine kannte die Waldwege genau, und links abbiegend wußte sie,
daß sie das Forsthaus umfahren konnte, um die bezeichnete Eiche zu
erreichen. Außerdem glaubte sie kaum jemanden heute im Walde zu treffen,
denn bei dem Begräbnis einer so allbekannten Persönlichkeit, wie der
»faule Tobias«, von dem ihr die alte Wirtschafterin gestern abend noch
viel erzählt hatte, litt schon die Neugierde die Leute nicht zu Hause.
Begegnete sie aber auch wirklich einem oder dem andern der Forstleute
oder Holzmacher, so rechtfertigte das schöne Wetter vollständig eine
Spazierfahrt, und niemand hätte an etwas anderes denken können.
Georgine bog aufs neue in die vom Forsthaus nach der sogenannten
»Zaubereiche« führende Straße ein. Hier war wieder Bahn, da einzelne
Holzschlitten hin- und hergefahren sein mußten. Dort vor ihr lag der
ziemlich freie, lichte Platz, an dem die alte, ehrwürdige Eiche stand.
Dort sah sie auch die dunkle Gestalt eines Mannes, und kaum eine Minute
später zügelte sie ihr schnaubendes Tier neben der Stelle ein -- aber
Herr von Silberglanz war nicht da.
Neben der Eiche, auf einer hölzernen Bank, von der er den Schnee hinweg
gekehrt, neben ein paar roh behauenen mächtigen Steinblöcken, die
der Volksmund als den Opferaltar der hier früher hausenden Heiden
bezeichnete, saß der alte Forstwart Barthold und stand ehrerbietig
grüßend auf, als er die »Frau Baronin« erkannte.
»Guten Tag, Forstwart,« sagte die Dame und nickte ihm zu, während ihr
Blick ungeduldig den schmalen Pfad hinabflog, auf dem sie den hierher
bestellten Herrn von Silberglanz erwarten mußte. »Wie geht's? -- was
habt Ihr da?«
»Einen Fuchs, gnädige Frau,« sagte der alte Mann, indem er seinen Ranzen
öffnete, aus dem die Lunte des überlisteten Raubtieres heraushing. »Ich
habe ihn heute morgen ausgegraben, denn das ist böses, nichtsnutziges
Raubzeug, das im Winter wie im Sommer nur in einem fort zusieht, wo es
was zu stehlen findet. Wir haben unter den Menschen auch solch Gesindel,
nur daß man sie nicht immer gleich am Pelz draußen so gut erkennen kann,
wie die da.«
»Seid Ihr schon lange hier, Forstwart?«
»Nein, gnädige Frau -- etwa eine Viertelstunde.«
»Ihr seid nicht vom Dorfe heraufgekommen?«
»Nein -- gerade von der andern Seite aus dem Walde. Nur als ich die
Glocke unten hörte, die dem alten Tobias das Geleite zur letzten
Ruhestätte gibt, da setzte ich mich hier auf die Bank und horchte den
Tönen. Es klingt ja so heilig und erhebend, wenn man die Glocken kann
im Walde anschlagen hören, noch dazu von einem solchen Platze aus, wie
dieser, wo sie in früheren Jahrhunderten ihren Götzen Opfer
schlachteten und von dem lieben Herrgott da oben nichts wissen wollten.
Sonntagmorgens bin ich fast immer hier, besonders im Sommer, und mit dem
Geläute unten, dem Singen der Vögel und dem Rauschen des Waldes müßte
das ein verstockter Mensch sein, der da nicht von Herzen beten könnte.«
Georgine hörte kaum, daß er sprach. Ihr Blick schweifte unruhig über
ihn hin und an den Stämmen der Bäume vorüber. Wenn er sein Wort nicht
hielte! dachte sie mehr, als daß sie es durch die halb geöffneten Lippen
murmelte, und fast unwillkürlich ballte sich die Rechte zornig um die
gehaltenen Zügel. Das Pferd scharrte indessen ungeduldig den Schnee und
blies den Dampf aus seinen feinen Nüstern in die klare Luft hinein.
»Aber, Mama,« sagte Josefine, »du hältst so lange still. Wird es deinem
Fingal nicht schaden?«
Der alte Forstwart, der seinen Blick schon lange ernst und aufmerksam
auf der Kleinen hatte haften lassen, lächelte, als er die Worte hörte.
»Sieh, wie besorgt das kleine gnädige Fräulein schon um das arme
Tier ist! Das ist recht; das zeigt ein gutes Herz, und was wir an dem
geringsten seiner Geschöpfe tun, wird uns der Herr da oben auch wieder
zugute halten.«
»Fahren wir jetzt wieder nach Hause zurück, Mama?« fragte die Kleine,
als Georgine den Schlitten langsam um die Eiche lenkte, das in der Tat
warm gewordene Tier etwas in Bewegung zu halten.
»Nein,« sagte die Frau, »wir besuchen vielleicht einmal den Storchhof
oder Kleinmarkstetten.«
»So weit?«
Der Schlitten hielt wieder neben dem Forstwart -- Georgine zerbrach sich
den Kopf, wie sie den lästigen Menschen entfernen könnte.
»Tätet Ihr mir einen Gefallen, Forstwart?«
»Mit dem größten Vergnügen, gnädige Frau.«
»Ginget Ihr wohl einmal jetzt -- oder schicktet gleich, wenn Ihr nicht
selber gehen könnt, irgend einen der Holzmacher auf das Gut hinüber,
dort zu bestellen, daß ich möglicherweise mit meiner Tochter nach
Kleinmarkstetten hinüber gefahren wäre und in dem Falle die Nacht nicht
nach Hause käme, denn die Tour wäre für mein Pferd hin und zurück zu
groß. Sie möchten sich also nicht ängstigen.«
»Sehr wohl, gnädige Frau -- soll pünktlich besorgt werden,« sagte der
Forstwart, ohne sich jedoch von der Stelle zu rühren.
»Nun? -- ist noch etwas?«
»Hm -- gnädige Frau -- Sie lachen mich vielleicht aus, und -- ich bin
auch wohl ein alter Tor -- aber -- ich hätte auch eine Bitte an Sie --
oder vielmehr an das kleine gnädige Fräulein.«
»An mich?« sagte Josefine erstaunt.
»Ja,« sagte der alte Mann, und sein gutmütiges, faltiges Gesicht rötete
sich leicht, »es ist nicht viel,« setzte er aber rasch hinzu, »nur
bitten möchte ich Sie, mir ein einzig kleines Mal -- die Hand zu geben.«
»Gern!« rief das fröhliche Mädchen, indem sie ihre Hand aus dem Muff zog
und dem Alten reichte.
Der alte Forstwart nahm sie, sah dabei dem Kinde recht treuherzig in
die Augen, und das kleine Händchen dann an die Lippen drückend, sagte er
freundlich: »Dank, mein kleines gnädiges Fräulein, Dank, tausend Dank,
aber Sie glauben gar nicht, gnädige Frau, wie wohl der Anblick dieses
jugendfrischen Gesichtchens mit den großen hellen Augen meinem alten
Herzen tut. Es erinnert mich an die Zeit, wo die beiden jungen Herren
Grafen hier bei uns wohnten, und aus den Augen da ist es mir immer,
als ob der jüngste der beiden, das liebe, herzige Kind, herausschauen
wollte. Ich habe den kleinen Burschen damals zu lieb gewonnen, ihn je
wieder vergessen zu können.«
»Welcher beider junger Grafen?« sagte Georgine, die damit das Gespräch
abzubrechen wünschte.
»Der jungen Grafen Geyerstein.«
»Der beiden jungen Grafen? hat Geyerstein noch einen Bruder?« fragte
Georgine in dem Interesse, das sie plötzlich an der Sache nahm.
»Allerdings,« erwiderte der alte Mann, »einen jüngeren Bruder, und die
beiden jungen gnädigen Herren waren als Kinder hier. Der jüngste von
ihnen aber...«
»Wie hieß der?«
»Georg.«
»Georg?«
»Ja, gnädige Frau -- der jüngste von ihnen kam aber nie wieder zurück
-- er soll draußen in der Fremde gestorben sein,« setzte er mit einem
schmerzlichen Seufzer hinzu, »und das Kind da, wie es mich so lieb und
mitleidig ansieht, gemahnt mich immer, als ob ich den jungen lieben
gnädigen Herrn wieder vor mir sähe. Es ist freilich eine lange Zeit her,
und ich bin alt -- recht alt seither geworden. -- Aber ich schwatze
hier und schwatze, wo ich den Befehl Ew. Gnaden ausführen sollte. Gott
schütze das liebe, kleine Haupt und streue ihm nur Blumen auf den Weg,
gebe ihm Gesundheit, ein langes Leben und ein glückliches Alter mit
seinem besten Segen!« Und eine tiefe Verbeugung machend, trat der alte
Mann von dem Schlitten zurück, nahm dann seinen Ranzen wieder auf, sowie
sein Gewehr und schritt langsam der Richtung nach dem Gute zu.
»Sein Bruder!« flüsterte Georgine leise und erschreckt vor sich hin,
»sein Bruder -- und das mir ein Geheimnis, mir, der Gattin -- hätte ich
das ahnen können -- und wenn ich nun -- zu spät!« stöhnte sie dann, ihr
umherschweifender Blick fiel in dem Moment auf die Gestalt des Herrn von
Silberglanz, der, unter seiner Pelzlast keuchend, im Schnee herangewatet
kam. Er schaute aber nicht nach ihr hin, sondern den Weg zurück, und als
sie den Kopf dahin wandte, bemerkte sie noch den alten Forstwart, der
den Fremden gesehen hatte und jedenfalls abwarten wollte, was er hier
suche, solange die gnädige Frau noch da hielt.
»Meine beste gnädige Frau!« rief das zierliche, im Schnee watende
Männchen endlich, als er näher kam, »ich muß unendlich bedauern, wenn
Sie auch nur eine Sekunde auf mich gewartet haben, aber der Schnee war«
-- sein Blick fiel auf Josefine, und er blieb mitten in seiner Rede
stecken -- »Ihre -- Ihre Fräulein Tochter?«
»Nun?« sagte Georgine kalt.
»Diese -- diese Ueberraschung...«
»Wünschen Sie noch uns zu begleiten?«
»Aber, gnädige Frau, welche Frage!« rief Herr von Silberglanz
erschreckt.
»Sie werden dann hintenaufstehen müssen.«
»Erlauben Sie mir nur, daß ich meine Pelzstiefel geschwind anziehe.
Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, das war ein Schnee hier herauf, daß ich
beinahe stecken geblieben wäre.«
»Im Pfad?«
»Ich -- verfehlte den Weg. Glücklicherweise fand ich einen biedern
Holzfäller oder Köhler oder was er sonst ist, der mich wieder
zurechtwies,« sagte der Baron, der sich an der Holzbank den Schnee
von dem dünnen Schuhwerk schlug und in aller Hast seine Pelzstiefel
anzulegen suchte, »an dem Pelz hier habe ich mich beinahe tot
geschleppt,« fuhr er dabei fort, »ich bin durch und durch echauffiert!«
»Sie werden Zeit haben, sich abzukühlen.«
»Das fürch -- ja -- ja, gewiß -- aber der Pelz hier hält mich warm.
Wer ist übrigens jener alte Förster? -- Der scheint an dieser Stelle
permanent Schildwache zu stehen, denn gestern fand ich ihn ebenfalls
hier.«
»Der Forstwart,« sagte Georgine und drehte den Kopf nach ihm um. Der
alte Barthold aber, der jetzt gesehen hatte, daß der Herr ein Bekannter
der gnädigen Frau war, wandte sich langsam wieder und verfolgte seinen
Weg. Herr von Silberglanz fuhr in seinen Pelz.
»Sind Sie fertig?«
»Vollständig -- aber wollen Sie mir nicht gestatten, die Zügel zu
nehmen?«
»Ich fahre selber -- geben Sie mir Ihre Tasche in den Schlitten.«
»Geht der Herr mit uns, Mama?« fragte Josefine.
»Ja, mein Kind!« Sie drehte halb den Kopf, der Baron war auf die
Pritsche gestiegen und setzte sich zurecht. »Komm, Fingal!« Sie
schnalzte leise mit der Zunge, und das Pferd, das ungeduldig diesen
Augenblick erwartet hatte, flog, aufwiehernd, die schmale, glatte Bahn
dahin durch den Wald.
26.
Der Abend kam, und Mademoiselle Adele hatte die Botschaft Georginens
durch einen der Holzmacher erhalten, den der Forstwart an sie
abgeschickt. Sie war allein in ihrem Zimmer, aber sie las weder, noch
arbeitete sie, wie sie es sonst an solchen Abenden tat, an denen sie
sich ungestört wußte. Unruhig ging sie in dem kleinen Gemach auf und
ab, trat ans Fenster, um hinauszusehen, und kehrte dann wieder zum Sofa
zurück -- nur, um im nächsten Augenblick aufzuspringen und ihre kaum
unterbrochene Wanderung von neuem zu beginnen. Sie sprach kein
Wort dabei; still und schweigend ging sie mit dem Lichte hinüber in
Georginens Zimmer und schien dort etwas Außergewöhnliches zu suchen,
so ängstlich leuchtete sie überall umher. Der Sekretär aber wie alle
Schränke waren fest verschlossen, und die Schlüssel dazu trug Georgine
stets selber bei sich.
Sie kehrte in ihr eigenes Zimmer zurück und begann von neuem, was sie
schon am Nachmittag getan, die Kinderwäsche zu zählen und nachzusehen,
und hier hatte sie sich vorher nicht geirrt. Die verschiedenen Stücke
fehlten dutzendweise, und wie sie fest überzeugt war, sich darin nicht
zu täuschen, überkam sie eine unsagbare Angst, der sie nur noch immer
keine Form, keinen Namen geben konnte.
Einmal drängte es sie, die alte Wirtschafterin zu rufen und ihr den
dunklen Verdacht mitzuteilen, der sich ihrer bemächtigt hatte; aber was
konnte die ihr helfen oder raten! -- Und doch noch war es möglich, daß
sie sich irrte. Georgine konnte den Nachmittag, obgleich sie sich sonst
nie um die Wäsche des Kindes kümmerte, doch vielleicht nachgesehen und
den fehlenden Stücken einen andern Platz angewiesen haben, und war es
überhaupt denkbar, daß sie so, ohne Abschied von dem Gatten...? Von
einem plötzlichen Gedanken erfaßt, griff das junge Mädchen ein Licht auf
und eilte in des Barons Zimmer, denn sämtliche Schlüssel hatte sie in
Georginens Abwesenheit in Verwahrung. -- Sie brauchte dort nicht lange
zu suchen; auf dem Schreibtisch des Barons lag ein gesiegelter Brief,
dessen Adresse in Georginens Handschrift an ihren Gatten, den Baron von
Geyfeln, lautete, und viele Minuten lang stand sie schweigend, zitternd
über den verhängnisvollen Brief gebeugt und wagte nicht einmal, ihn zu
berühren. Aber bald siegte ihr eigener klarer Verstand über das Gefühl.
Hier durfte sie den Brief nicht liegen lassen; der Baron fand ihn
vielleicht, während fremde Menschen ihn umstanden, und verriet im ersten
Augenblick der Ueberraschung das Geheimnis anderen. Noch war es auch
wohl möglich, den Schritt der unglücklichen verblendeten Frau
ungeschehen zu machen, solange niemand darum wußte, als sie und der
Baron -- kam es erst auf die Zungen der Nachbarschaft, so blieb der
Friede des Hauses gestört für immer.
Rasch entschlossen nahm sie deshalb den Brief an sich, er brannte wie
Feuer in ihrer Hand, schloß die Tür wieder und eilte auf ihr eigenes
Zimmer zurück, um dort zu überlegen, was jetzt zu tun sei, wie sie
handeln solle. Aber so viel sie hin und her dachte, Pläne aufbaute und
wieder verwarf, sie konnte nichts ersinnen. Eine genaue Adresse, wo er
sich in diesen Tagen aufhalten würde, hatte Baron von Geyfeln gar nicht
hinterlassen, und wohin also jetzt selbst einen Boten senden, um ihn, so
rasch ihn die Pferde bringen konnten, herbeizurufen? Sie mußte warten --
es blieb kein anderer Ausweg für sie, und länger war ihr noch nie eine
Nacht -- länger noch nie ein Tag geworden als der folgende.
Unzähligemal hatte sie dabei nach dem alten Forstwart schicken wollen,
von diesem vielleicht etwas Näheres zu erfahren; aber sie fürchtete
auch, damit das Geheimnis, das nicht das ihre war, einem dritten zu
verraten. Und konnte nicht doch vielleicht die Frau noch zurückkehren --
welchen Grund hatte sie gehabt, ihrer stillen, glücklichen Häuslichkeit
zu entfliehen? Unzufrieden mit ihrem Gatten? Nie war, so viel sie wußte,
ein hartes, unfreundliches Wort zwischen den beiden gewechselt worden,
solange sie sich in dem Hause befand, und alles andere, was ihr das
Leben bei nicht zu übermäßigen Ansprüchen bieten konnte, besaß sie
ja doch hier. Und das Kind -- ihre liebe, liebe Josefine -- war sie
freiwillig mit der Mutter gegangen? Nein, nein und zehnmal nein; sie hat
keinen Abschied weiter von ihr genommen, als mit einem flüchtigen Kusse;
das Kind hatte keine Ahnung gehabt, daß die Fahrt mehr als ihr gesagt
worden, mehr als eine einfache Spazierfahrt bezwecke, und jetzt, dem
Vater entrissen, wie unglücklich, wie elend würde sich dieser fühlen!
Noch immer hoffte sie -- hundertmal den Tag ging sie in die andere
Stube, in den Hof hinab, zu horchen, und den Weg nach dem Walde zu, den
sie von ihrem Zimmer aus übersehen konnte, ließ sie nicht aus den Augen
-- umsonst. Der Abend dämmerte, jener blaue, die Nacht verkündende
Lichtschein legte sich auf die schneebedeckten Felder, die Umrisse des
Waldes verschwammen mit dem düstern Horizont, und nichts verkündete die
Rückkehr der Entflohenen.
Die Wirtschafterin war indessen wieder und wieder zu der Erzieherin
gekommen, Aufschluß über das rätselhafte Ausbleiben der »Gnädigen« zu
erhalten. Adele aber hütete sich wohl, sie auch nur im entferntesten
den wahren Tatbestand ahnen zu lassen. Ihrer Aussage nach hatte Frau
von Geyfeln gleich von vornherein die Absicht gehabt, über Nacht
auszubleiben, und ihr sogar gesagt, daß sie sich nicht ängstigen solle,
wenn sie den Besuch noch ausdehne, da sie überdies so lange nicht bei
den alten Bekannten und Freunden vorgesprochen hätte. Josefine besonders
wäre gewiß nicht gern wieder so rasch von den dortigen Spielkameraden
weggegangen. Aber das verdorbene Mittagsbrot -- und wie sollte sie es
jetzt mit dem Abendessen halten? Kam die Gnädige noch nach Hause oder
nicht, und wenn sie kam, mußte sie doch etwas Warmes zu essen finden!
Mademoiselle Adele riet ihr, Tee bereit zu halten, was ohne große
Umstände geschehen konnte, und das Zimmer der gnädigen Frau heizen zu
lassen -- bliebe sie dann noch aus, so schadete es weiter nichts. Das
geschah, aber die Frau kehrte nicht zurück.
Es schlug acht Uhr drüben an der kleinen Glocke, die sich über der
Verwalterstube befand. Die Gouvernante, die keine Ruhe in ihrer Stube
hatte, war wieder in das dunkle Zimmer getreten, von dem aus sie den Hof
übersehen konnte. -- Da klingelte ein Schellengeläute in den Hof, und
ihre zitternden Knie versagten ihr fast den Dienst, sie aufrecht zu
halten. Wer es war, konnte sie freilich nicht mehr erkennen, aber der
Schlitten hielt unten am Portal, und gleich darauf hörte sie Schritte
auf der Treppe und eine Kinderstimme.
Hatte sie sich geirrt? -- war Georgine zurückgekehrt? -- das Herz schlug
ihr, daß es die Brust zu sprengen drohte, und sie wußte kaum, wie sie
hinaus auf den Vorsaal kam.
Die Haushälterin leuchtete mit dem Licht den Heraufkommenden voran.
»Na, das ist schön, Herr Baron, daß Sie heute abend gekommen sind,«
sagte sie dabei, »aber Ihr Zimmer habe ich nicht heizen lassen. Wir
erwarteten Sie ja erst morgen -- aber das von der gnädigen Frau ist warm
-- und die gnädige Frau wird wohl erst morgen wiederkommen.«
»Meine Frau ist nicht zu Hause?« sagte ruhig, aber erstaunt die tiefe
Stimme Georgs.
»Nein -- zum Besuche nach Kleinmarkstetten, mit dem gnädigen Fräulein.«
»Mit Josefinen?«
Mademoiselle Adele trat in den Schein des Lichtes. Es war der Baron
selber, der zurückgekehrt, und während sich ein tiefer Seufzer ihrer
Brust entrang, trat sie auf den Baron zu. Sie hatte ihre ganze Ruhe und
Festigkeit wiedererlangt.
»Ah, Mademoiselle, guten Abend!« rief Georg ihr entgegen, »meine Frau
ist mit Josefinen ausgeflogen, wie ich höre, und hier bringe ich Ihnen
die kleine versprochene Gespielin für Josefine -- ich werde sie so lange
unter Ihren Schutz stellen müssen.«
Die Kleine drückte sich schüchtern an ihren Begleiter an, Adele aber,
freundlich auf sie zugehend und sie küssend, sagte: »Sei uns willkommen,
mein liebes Herz, in deiner neuen Heimat. Deine kleine Spielgefährtin
ist freilich nicht da, aber sie wird bald wiederkommen, und du wirst
dann ein liebes, braves Schwesterchen an ihr finden und sollst dich
recht bald wohl und zufrieden bei uns fühlen.«
»Komm, Marie,« ermunterte sie auch Georg, »fürchte dich nicht vor der
Dame, sie wird dir eine zweite Mutter werden und dich lieb haben. -- Das
Kind hat im Schlitten geschlafen,« entschuldigte er es dann gegen
die Erzieherin, »und eben erst erwacht, erschrecken es die fremden
Gesichter.«
»Das wird sich bald geben,« erwiderte das junge Mädchen freundlich, »ich
dürfte Sie auch wohl bitten, Herr Baron, es selber in mein Zimmer zu
führen, daß es die Scheu erst ein ganz klein wenig ablegt. Wir wollen
dann schon recht bald gute Freunde werden. Ach, Mamsell nicht wahr, Sie
sorgen gleich dafür, daß der Herr Baron seinen Tee und die Kleine ein
warmes Süppchen bekommt, nach der langen kalten Fahrt? -- Wir brauchen
kein Licht weiter -- meine Tür ist offen.«
»Jawohl -- ei gewiß -- du meine Güte, daran hätte ich gar nicht
gedacht!« rief die alte gute Mamsell geschäftig, »das soll gleich
besorgt werden, und ein delikates Süppchen will ich selber gleich dem
armen kleinen Würmchen kochen. Lieber Gott, das herzige Dingelchen muß
ja ganz erfroren sein im Schlitten!« Und ihr Licht noch emporhaltend,
daß Georg und Adele mit dem Kinde durch das dunkle Zimmer ihren Weg
finden könnten, eilte sie rasch wieder über den Gang hinüber, der Küche
zu, alles Nötige selber anzuordnen.
Georg überlief es dabei wie mit Fieberfrost -- ein bittender Blick
der Gouvernante hatte ihn getroffen -- und er fühlte, es war etwas
Außergewöhnliches vorgefallen. Rasch trat er in das Zimmer, und wie
nur die Wirtschafterin weit genug entfernt war, sie nicht mehr hören zu
können, sagte er leise und dringend in französischer Sprache. »Was ist
geschehen, Mademoiselle? verhehlen Sie mir nichts.«
»Sie müssen alles wissen, aber -- lassen Sie das Kind nichts merken,«
bat die Gouvernante zurück. »Seit gestern ist Ihre Gattin mit Josefinen
fort -- diesen Brief hat sie für Sie zurückgelassen. Gehen Sie in das
Zimmer Ihrer Gemahlin und lesen Sie dort die Zeilen -- wenn ich Marie zu
Bett gebracht habe, werde ich hinüberkommen, um mich zu erkundigen, was
morgen mit ihr werden soll.«
Mit diesen Worten gab sie ihm den Brief, und Georg mußte sich gewaltsam
zwingen, seiner Sinne bei der Schreckensbotschaft Meister zu bleiben.
Aber die Gouvernante hatte recht. Das Kind durfte von dem Ungeheuren,
was hier vorgefallen, nichts erfahren -- nicht bei seinem Eintritt in
dieses Haus, wo sich dem kleinen Kopfe jedes gehörte Wort nur so viel
schärfer und unvergeßlicher eingeprägt hätte. Ruhig nahm er den Brief,
den er, ohne ihn auch nur anzusehen, in die Brusttasche schob, sagte
dann der Kleinen freundlich gute Nacht und verließ das Gemach. Wie er
aber in das Zimmer seiner Frau kam, wußte er selber kaum. Dort warf er
sich in einen Stuhl, erbrach den Brief, auf dem die Adresse: »An Herrn
Baron von Geyfeln« stand, und las die wenigen Zeilen, die er enthielt.
Sie lauteten:
An Herrn Baron von Geyfeln!
Schon diese Ueberschrift nimmt meiner Handlung jedes Bittere, das sie
sonst für mich haben könnte. -- An Herrn Baron von Geyfeln -- der Name
ist mir so fremd, wie der Mann es mir geworden, der ihn trägt. Seit du
die Bahn verlassen, Georg, in der ich dich bewundern und lieben lernte,
seitdem mußte ich mich zwingen, in deiner Nähe auszuharren -- und tat
es nur des Kindes wegen, dem ich Mutter bin und bleiben werde. Deine
Gesetze begünstigen dich, daß ich nicht meinem Willen gleich von Anfang
an folgen konnte. Ich habe jetzt Sorge getragen, daß sie nicht mehr
imstande sein sollen, mich zu erreichen. Folge mir, wenn du kannst, als
Baron von Geyfeln, und reklamiere das Kind, das mein ist im vollen Sinne
des Wortes. Doch du wirst klug sein und nicht einmal den Versuch machen,
von dem du von vornherein wüßtest, daß er erfolglos bleiben würde. --
Kehre zu deiner früheren Kunst zurück, und ich will mit Freuden in deine
Arme fliegen; verharre bei deinem tatenlosen Leben und wir sind für
immer geschieden.
Suche nicht meinen jetzigen Aufenthalt zu erforschen; wenn du ihn selbst
fändest, ich bin und bleibe für dich verloren. Mein Kind aber werde ich
einem Glück entgegenführen, das es unter deiner Führung nimmer hätte
erreichen können.
Lebe wohl!
_Georgine._
Georg, der den Brief wieder und wieder durchgelesen hatte, hielt ihn
noch in der Hand und starrte darauf nieder, als die Haushälterin mit der
Magd ins Zimmer kam und das bestellte Abendbrot brachte. Georg faltete
den Brief zusammen und steckte ihn in die Tasche, und die geschwätzige
Alte hätte gern ein Gespräch mit ihm angeknüpft, er wehrte sie aber
unter dem Vorgeben ab, müde zu sein, verzehrte sein Abendbrot schweigend
und fragte nur dann und wann die Wirtschafterin, die sich indessen im
Zimmer zu schaffen machte, nach verschiedenen, höchst gleichgültigen
Sachen. Die Mamsell erzählte ihm dabei natürlich, daß, gleich nachdem er
fort gewesen, auch Besuch gekommen wäre: ein fremder Herr, der ihn hätte
sprechen wollen.
»So? -- in der Tat?« sagte Georg ruhig, »wie hieß er?«
»Ja, das weiß ich wahrhaftig nicht. Er gab mir seine Karte, aber der
Name stand mit so winziger Schrift darauf, daß ihn meine alten Augen
nicht mehr lesen konnten. Es war aber ein Baron.«
»So? -- und wie sah er aus?«
»Ein kleiner, sehr zierlicher Herr war es, sehr hübsch und sauber
angezogen, mit einem kleinen schwarzen Schnurrbärtchen und solchen
schwarzen Locken. Er war am nächsten Morgen noch einmal da, hat aber
dann wohl nicht länger warten können, und da wir an dem Nachmittage --
ach, das wissen der gnädige Herr ja auch noch nicht, daß der alte arme
Tobias ertrunken ist!«
»Tobias? -- wer ist Tobias?«
»I, der alte arme Teufel unten aus dem Dorfe -- er war noch am Abend vor
Ihrer Abreise hier oben und hatte wohl ein Glas zu viel getrunken, denn
sonst habe ich ihn nie frech oder unverschämt gesehen, und Ew. Gnaden
ließen ihn dann vom Hofe jagen.«
»Der ist ertrunken?«
»Er ist von hier aus nicht wieder ins Dorf gekommen. Ob er den Weg
verfehlt hat, oder was sonst die Ursache war, Gott allein weiß es, aber
am nächsten Morgen fischten sie ihn aus dem Bache unten auf, und gestern
nachmittag haben wir ihn begraben -- und eine schöne Leiche, wie der
arme alte Mensch noch gehabt hat!«
»Der -- ist -- tot?« sagte langsam und sinnend Georg, »wunderbar!«
»Ach, du lieber Gott!« meinte die Haushälterin, »abkommen konnte er ja
schon; zu was nütze war er doch nicht mehr auf der Welt, und Hunger und
Kummer hätten ihn so vielleicht bald untergebracht; aber es tut einem
doch immer in der Seele weh, wenn ein Christenmensch auf solcher Art,
eigentlich wie ein ander Stück Vieh auch, seinen Tod findet, wenn es
auch nicht einmal ein Verwandter gewesen wäre.«
Georg hörte schon gar nicht mehr, was sie sprach. -- »Sind noch Briefe
oder Zeitungen für mich gekommen?«
»Briefe -- ja, ich weiß es wirklich nicht. Der Postbote war da, die
werden aber dann wohl bei Ew. Gnaden im Zimmer liegen.«
»Haben Sie den Schlüssel?«
»Den hat das Fräulein.«
»Dann bitten Sie das Fräulein, mir alles, was etwa für mich angekommen
wäre -- und auch meinen Schlüssel mit herüber zu bringen.«
»Jawohl, Herr Baron. -- Ist der Tee etwa nicht heiß genug?«
»O, vortrefflich -- ich bin nur abgespannt heut abend und kann nicht
viel genießen -- ich werde mich ein wenig auf das Sofa legen.«
Die Wirtschafterin hatte Takt genug, dies als ein Zeichen zu nehmen,
daß sie sich entfernen könne, und sie verließ das Zimmer, in dem Georg
allein mit seinen Gedanken, und vor Ungeduld sich bald verzehrend,
zurückblieb. -- Und die Gouvernante kam noch immer nicht -- aber sie
hatte das Kind zu besorgen und eine volle Stunde mochte vergangen sein,
ehe er ihren Schritt hörte. Gleich darauf trat sie ein und legte einige
Briefe und Zeitungen auf den Tisch. Georg war aufgestanden und ging ihr
entgegen.
»Mademoiselle,« sagte er, die Hand nach ihr ausstreckend, »nehmen Sie
vor allen Dingen meinen herzlichsten Dank für die zarte Weise, in der
Sie in dieser Sache gehandelt haben, und nun, bitte, setzen Sie sich und
erzählen mir mit kurzen Worten, was Sie wissen.«
Während die Gouvernante der Einladung folgte, blieb Georg erwartungsvoll
am Tische stehen.
»Ich habe nur meine Schuldigkeit getan,« sagte das junge Mädchen, leicht
dabei errötend, »werde Ihnen selber, Herr Baron, aber wenig Auskunft
geben können -- ich durfte nicht nachforschen, denn ohne etwas damit
gutmachen zu können, hätte ich die Aufmerksamkeit der Leute nur
unnötigerweise und vor der Zeit darauf gelenkt.«
»Sie hatten recht, vollkommen recht.«
»Der erste Verdacht stieg in mir auf, als ich eine bedeutende Lücke in
der Kinderwäsche bemerkte, nachdem die gnädige Frau mit Josefinen
eine angebliche Spazierfahrt unternommen hatte. Auch eine Anzahl ihrer
Kleider fehlte -- dann fand ich den Brief in Ihrer Stube -- denn Angst
und Ungewißheit ließen mich danach suchen, und ich nahm ihn an mich.«
»Ich bin Ihnen dankbar dafür -- aber wer glauben Sie, der mir weitere
Auskunft geben könnte -- oder haben Sie selber einen Verdacht? Es war
ein Fremder hier. -- Wie sah er aus?«
»Ich habe ihn gar nicht gesehen; aber gleich nach Ihrer Abreise kam er,
und obgleich er nur zweimal hier oben im Gute war, fürchte ich fast, daß
er der Sache nicht fern steht. Unser Hausmädchen hat ihn wenigstens zu
der Zeit, als Madame fortfuhr, zu Fuß, mit seinem Pelz auf dem Arm, in
den Wald gehen sehen.«
»Und welchen Weg nahm er?«
»Darüber kann ich Ihnen keine Auskunft geben. Der alte Forstwart aber
hat die letzte Botschaft der gnädigen Frau, daß sie am vorigen Abend
nicht nach Hause kommen würde, hereingeschickt. Möglich, daß er sie im
Walde getroffen hat und etwas Näheres weiß.«
»Der Forstwart -- Gott sei Dank, da ist ein Faden, an den ich anknüpfen
kann. Georgine fuhr im Schlitten?«
»Ja, mit ihrem eigenen Pferde bespannt.«
»Es ist gut -- ich danke Ihnen; gehen Sie jetzt wieder zu Ihrer kleinen
Schutzbefohlenen und seien Sie ihr Mutter, stehen Sie überhaupt meinem
ganzen Hause vor, bis -- ich selber wieder zurückkomme.«
»Sie wollen doch nicht heut abend noch...«
»Nein,« unterbrach sie Georg ruhig, »erstlich wäre es nicht möglich, im
Dunklen einer Spur zu folgen, und dann würde das auch Aufsehen erregen.
Morgen früh reite ich fort -- meine Frau in Kleinmarkstetten abzuholen
-- das genügt den Leuten. Sobald ich kann, schreibe ich Ihnen meine
Adresse -- wenn ich nicht selber indessen wiederkomme. Lange bleibe
ich auf keinen Fall aus, es müßten mich denn ganz unvorhergesehene
Hindernisse zurückhalten. Schlafen Sie wohl, Mademoiselle, und seien
Sie versichert, daß ich Ihnen nie vergessen werde, wie wacker Sie mir in
dieser schweren Zeit beigestanden haben.«
»Schlafen Sie wohl,« sagte das junge Mädchen schüchtern, und im nächsten
Augenblick schloß sich die Tür wieder hinter ihr, während Georg noch
wohl eine Stunde im Zimmer auf und ab schritt, ehe er sein eigenes Lager
suchte.
Am nächsten Morgen war Georg wieder mit Tagesgrauen auf und ging selber
in den Stall hinunter, um zu sehen, daß sein Reitpferd ordentlich
gefüttert und dann ihm vorgeführt würde. Das geordnet, schickte er einen
Boten in das Forsthaus, dem alten Forstwart zu sagen, er möge auf ihn
warten, bis er hinauskäme, und ging wieder in seine eigene Stube hinauf.
Dort sah er flüchtig die eingegangenen Briefe durch, wozu er sich
gestern abend keine Zeit genommen, trank den ihm gebrachten Kaffee
und blätterte noch, bis das Pferd ausgefressen hatte, in den neben ihm
liegenden Zeitungen. Er las wohl, aber er wußte nicht, was er las, seine
Gedanken waren fern von da, und den Kopf in die Hand gestützt, ließ er
das Blatt wieder sinken und starrte finster vor sich nieder. Endlich
sprang er ungeduldig auf und sah nach der Uhr -- es war noch zu früh --
eine halbe Stunde mußte er dem Pferde noch Zeit gönnen, denn es hatte
vielleicht einen langen Ritt vor sich. Er ordnete indessen seine
Briefschaften, versah sich mit Geld und warf sich dann noch einen
Augenblick aufs Sofa. Die vor ihm liegende Zeitung hatte er dabei
bewußtlos mit der Hand zusammengeballt und leise murmelte er: »Josefine
-- meine arme Josefine« -- da fiel sein Blick plötzlich auf den Namen,
der, größer gedruckt als die übrige Schrift, schon mit dem Zusatz
»Zirkus« sein Auge fesselte und alle weiteren Gedanken in sich
verzehrte. Die Worte lauteten:
»_Zirkus Royazet._