die Tollkühnen, die alles aufs Spiel setzen. Die Weisheit macht
schüchtern; daher sieht man, wie die Weisen mit der Armuth kämpfen,
den Magen voll Hungers, und den Kopf voll Winds haben, und ein
verachtetes unberühmtes, verhaßtes Leben führen. Den Narren regnet
das Geld zu; sie sitzen am Steuerruder; alles ist blühend bey ihnen.
Wenn es einmal ein Glück ist, grossen Fürsten zu gefallen, und unter
meinen Günstlingen, den mit Edelgesteinen behangenen Erdengöttern,
seinen Wandel zu führen: was kann unnützers seyn, was von diesen
Menschengeschöpfen mehr verabscheutes, als die Weisheit? Wenn es um
Reichthümer zu thun ist, wie wird es um den Gewinn des sich auf der
Weisheitsjagd vertändelnden Kaufmannes stehen! wenn ein Meineid ihm
ein Stein des Anstosses ist? wenn er, auf einer Lüge ertapt, roth
wird? wenn er sich um die Gewissensgrübeleyen der Weisen, über Diebstal
und Wucher, nur ein Haar bekümmert. Wer sich nach den Ehrenstellen und
Gütern der Kirche bestrebt, muß sich der Weisheit hurtig entschlagen,
sonst wird jeder Esel, jeder Büffel, ihn überlaufen. Wenn Sie, meine
Herren, eine Neigung zur Wollust haben, so lassen Sie sich berichten,
daß ein Mädchen (ein solches wird Ihnen wohl im Kopfe stecken) einem
Narren von ganzem Herzen gewogen ist, und den Weisen wie einen Scorpion
verabscheut und flieht. Wenn es Ihnen um ein lustiges Leben zu thun
ist, o so lassen Sie sich ja keinen Weisen mehr kommen, und wählen
Sie sich lieber den ersten den besten Tummkopf zum Gefehrten. Kurz,
wohin man sich immer wendet, an Päbste, Fürsten, Richter, Obrigkeiten,
Freunde, Feinde, Hohe, Niedere, alles richtet sich nach dem Gelde.
Freylich verachtet der Weise das Geld; aber, es läßt sich auch recht
angelegen seyn, ihn zu fliehen.
[Illustration]
Ja, meine Herren, wenn man einmal anfängt, mich zu loben, so verliert
man Maaß und Ziel; und doch muß jede Rede einmal zu Ende gehen.
Auch ich werde zu reden aufhören, aber dann erst, wenn ich mit wenigem
werde gezeigt haben, es fehle nicht an grossen Schriftstellern, die
mich durch Feder und Leben berühmt gemacht haben; sonst würd ich blos
eine arme Närrinn zu seyn scheinen, die niemanden als sich gefällt;
auch würden die Herren Gesetzdrechsler es mir zur Schande rechnen, daß
ich nicht citiere. Nun denn, nach ihrem Beyspiele will in das Kreuz
und in die Quer citieren. Erstlich hab ich weiß nicht wo gelesen, »wo
es am Wesentlichen fehle, sey das Scheinbarste das beste.« Auch der
Schuljugend selbst pflegt man es einzuschärfen, »gelegentlich den
Narren zu spielen, sey grosse Weisheit.« Schon hieraus wird man den
Schluß ziehen können, um die Narrheit müsse es etwas vortrefliches
seyn, weil auch ihr täuschender Schatte, und ihre blosse Nachahmung,
von den Gelehrten so sehr herausgestrichen wird. Horaz, der sich selbst
ein fettes und glänzendes Schwein aus Epikurs Heerden betittelt, sagts
recht ehrlich heraus, »in die Weisheit müsse sich Narrheit mischen,«
nur hätt er der Narrheit nicht das Lumpenwörtchen »kurzdaurend«
vorhersetzen sollen. Eben dieser sagt auch, »schicklich den Narren zu
treiben, macht Vergnügen;« und »besser ists, ein Narr und Tölpel zu
scheinen, als Weise zu seyn, und ausgezischt zu werden.« Homer trachtet
seinen Telemach wo möglich bis in den Himmel zu erheben, und doch nennt
er ihnen zuweilen einen närrischen Jungen; und ein gutes Zeichen für
jeden ist es, den die Dichter mit diesem Beynamen beehren. Was enthält
die heilige Ilias anders, als den Zorn närrischer Könige und Völker?
Cicero redet mein Lob frey heraus, da er sagt »die Welt ist ganz
mit Narren bevölkert.« Und wer weiß nicht, daß jedes Gute um soviel
vortreflicher sey, um so viel ausgedehnter es ist?
Vielleicht stehen diese Schriftsteller bey den Christen in schlechten
Rufe; ich will daher, wenn man es für gut findet, mein Lob auch auf
Stellen der heiligen Schrift steuern oder gründen. Euch aber, ihr
Herren Theologen, muß ich zuvor in Demuth um Erlaubniß dazu bitten; und
weil ich ein schweres Werk beginne, und es vielleicht ein Verbrechen
wäre, die Musen von ihrem Helikon, eine so weite Strecke, zum
zweytenmale herab zu bemühen, insonderheit da ihnen mein Gegenstand
etwas fremd seyn möchte: so wirds vielleicht verträglicher seyn, daß
mitlerweil, alldieweil ich die Rolle eines Theologen spiele, und mich
durch so dörnichte Wege hindurchreisse, die Seele des Scotus, spitziger
als ein Igel oder Stachelschwein, in meine Brust wandere, aber sich
bald wieder wegdrolle, wohin es ihr dann belieben wird, wenn es auch
auf den Rabenstein seyn sollte.
Möcht ich mein Gesicht ändern, und mich recht theologisch aufstutzen
können! Ich fürchte aber anbey auch, man werde mich eines Diebstals
beschuldigen, daß ich so vieles theologisches Zeug aus meiner Ficke
hervorziehend, die Schränke der grundgelehrten Männer heimlich
geplündert habe. Man hat sich aber nicht groß zu verwundern, wenn ich
in meinem langen und genauen Umgange mit den Theologen, etwas erhascht
habe; dann hat nicht auch jener Holzbock, der Gott Priapus, beym Lesen
seines Herrn und Meisters, einige griechische Wörter bemerkt und im
Gedächtnisse behalten? und Lucians Hahn, der lange unter den Menschen
lebte, hat er nicht auch wie ein Mensch geplaudert? Wohlan denn; Glück
zum Unternehmen!
Der Prediger schreibt im ersten Capitel: »die Zahl der Narren ist
unendlich.« Nun, sollte die unendliche Zahl nicht alle Sterblichen
in sich schliessen; ausser einige wenige; aber, wer ist so glücklich
gewesen, diese zu sehen? Noch offenherziger sagt Jeremias im zehnten
Capitel, die Sache heraus: »durch ihre Weisheit sind alle Menschen
zu Narren geworden.« Gott einzig legt er Weisheit bey, und wirft den
Menschen überhaupt die Narrheit zum Erbtheile hin. Kurz vorher hatte
er gesagt »der Mensch rühme sich nicht in seiner Weisheit.« Warum,
ehrlicher Jeremia, soll der Mensch sich nicht in seiner Weisheit
rühmen? Auf diese Frage würd er anders nichts sagen, als: weil er
keine Weisheit besitzt. Ich komme wieder auf den Prediger. Da er
ausruft: »Eitelkeit der Eitelkeiten; alles ist eitel,« so wird wohl
niemand glauben, daß er dadurch etwas anders habe andeuten wollen,
als was bereits gesagt worden: das menschliche Leben sey ein bloses
Narrenspiel. Dieses legt dem auf mich verfertigten und bereits
angeführten Lobspruche des Cicero seine Stärke bey: es wimmle alles
von Narren. Wenn jener weise Mann ferner sagt: »der Narr ändert sich
wie der Mond, der Weise bleibt wie die Sonne« was sagt er dadurch
anders, als: das ganze Menschengeschlecht sey närrisch, und Gott allein
gebühre der Titel eines Weisen? denn, durch den Mond versteht man die
menschliche Natur; durch die Sonne hingegen Gott, die Quelle alles
Lichtes. Christus stimmt in dem Evangelium diesem bey, da er sagt, man
müsse Gott allein gut nennen; nun, wenn jeder Unweise ein Narr, jeder
Gute aber ein Weiser ist, wie die Stoiker lehren, so folgt nothwendig,
daß alle Sterblichen närrisch sind.
[Illustration]
Salomon sagt im fünfzehnten Capitel seiner Sprüche: »die Narrheit
macht dem Narren Freude;« er gesteht es also rund heraus, ohne die
Narrheit habe dieses Leben nichts angenehmes. Hieher gehört auch
dieses: »wo viele Weisheit ist, da ist viel Schmerzen; und wo viel
Verstand ist, grämt man sich sehr.« Eben hievon redet auch dieser
vortrefliche Prediger, im siebenden Capitel: »das Herz der Weisen
ist bey der Traurigkeit; das Herz der Narren bey der Freude.« Es war
ihm nicht genug, daß er sich mit der Weisheit bekannt machte, nein,
er wollte zugleich mich kennen. Wer mir auf mein Wort nicht glauben
will, der höre seine Worte des ersten Capitels: »ich habe mein Herz
darauf gesetzt, zu wissen was Klugheit und Lehre, was Irrthümer und
Narrheit seyen.« Hier ist zu bemerken, daß er aus Ehrerbietung für die
Narrheit sie zuletzt genennet hat; denn der Prediger schreibt (und
bekanntermaassen ist dieses die Predigerweise) der, welcher an Würde
der erste ist, solle die letzte Stelle einnehmen; und hiemit stimmt das
evangelische Gebot überein.
Daß die Narrheit der Weisheit vorzuziehen sey, sagt auch deutlich jener
Ecclesiasticus, wer er immer gewesen, in seinem vier und vierzigsten
Capitel. Doch nein, meine Herren, ich werde seine Worte nicht ehender
anführen, als bis Sie mir (beym Herkules sey es geschworen) gewisse
Einleitungsfragen, wie es beym Plato die machen, welche sich mit dem
Socrates unterreden, richtig beantwortet haben. Nun, schickt sichs
besser, etwas seltenes und kostbares zu verbergen, als etwas gemeines
und geringes? Wie! Sie schweigen? Gut! wenn Sie gleich mäusestill
da stehen, so soll das Sprüchwort der Griechen für Sie antworten:
»Den irdenen Wasserkrug läßt man an der Thür stehen.« Nein, niemand
versündige sich durch Verspottung dieses Sprüchworts; wir finden es
bey dem von unsern Meistern göttlich verehrten Aristoteles. Würde,
meine Herren, einer von Ihnen Narrs genug seyn, seine Edelgesteine und
sein Geld auf die Strasse hinaus zu legen? Im innersten Zimmer, in den
geheimsten Winkeln eiserner Küsten, werden Sie es verschlüssen; was Sie
öffentlich liegen lassen, muß wirklich ein Quark seyn. Wenn man also
das Kostbare verschließt, und das Schlechte öffentlich liegen läßt:
folgt nicht deutlich, die Weisheit, die er zu verbergen verbietet? Nun
möge man seine eigenen Worte hören. »Der Mensch, der seine Narrheit
verbirgt, ist besser, als der Mensch, der seine Weisheit verbirgt.«
Die heiligen Bücher schreiben auch der Narrheit ein aufrichtiges Gemüth
zu, alldieweil der Weise meynt, daß niemand ihm zu vergleichen sey.
Einmal versteh ich es so, was der Prediger im zehnten Capitel sagt.
»Wenn der Narr auf der Strasse geht, so glaubt er, weil er närrisch
ist, jeder, der ihm begegnet, sey ein Narr.« O welche Redlichkeit!
er achtet jeden so gut als sich; er, da jedermann hohe Gedanken an
sich selbst hat, theilt seinen Ruhm mit jedermann. Ein so grosser
König schämte sich auch dieses Beynamens nicht, da er im dreißigsten
Capitel sagt: »Ich bin der Närrischste unter den Menschen.« Und auch
Paulus, der Heidenlehrer, bezeugt in seinem Brief an die Corinther,
daß er sich den Titel eines Narren sehr wohl gefallen lasse: »als ein
Narr (spricht er) sag ich es; mehr als irgend ein anderer« als ob er
sichs zur Schande rechnete, an Narrheit übertroffen zu werden. Freylich
widersprechen mir einige Nasenweise, die sich mit ihrem Griechischen
brüsten, die heut zu Tage, recht krähenmäßig, die Augen so vieler
Theologen auspicken, und ihren Auslegungsquark Andern aufdringen
wollen; und hier kann mein Erasmus (den ich oft aus Hochachtung nenne)
Anspruch, wo nicht auf die erste doch auf die zweyte Stelle machen.
Ja (rufen sie), sich so auf die angeführte Stelle zu beziehen, ließ
sich wirklich von niemanden als von der Narrheit erwarten; der Apostel
hatte was ganz anders im Sinn, als ihm hier angeträumt wird; in diesen
Worten ist es ihm nicht darum zu thun, daß man ihn für närrischer
als Andere halten solle, sondern er sagt: »sie sind Diener Christi,
und auch ich bin es;« und sich gleichsam rühmend, daß er den übrigen
nicht nur gleich sey, sondern sie diesorts noch übertreffe, setzt
er hinzu, »noch mehr als sie.« Damit man aber nicht denken möge, er
sage dieses aus Stolze, verwahrt er sich durch den Zusatz, er habe
thöricht geredet. »Als ein Unweiser (spricht er) sag ich es,« denn
bekanntermaßen haben die Narren das Vorrecht, Dinge zu reden, an denen
man sich aus ihrem Munde nicht ärgert.
Was Paulus, da er das obige geschrieben, bey sich gedacht habe, überlaß
ich diesen Herren, es auszufechten. Ich trete in die Fußtapfen der
grossen, fetten, dicken und den meisten Beyfall erhaltenden Theologen;
denn (beym Jupiter!) ein grosser Theil der Lehrer will lieber mit
diesen irre gehen, als mit jenen griechischen, lateinischen, und
hebräischen Dreyzünglern den richtigen Weg einschlagen. Auf ihre Reden
achtet man so wenig als auf ein Krähengewäsche; insonderheit da ein
ruhmvoller Theolog[1] (dessen Namen ich mit Vorbedacht verschweige,
damit nicht eine griechische Krähe das »der Esel bey der Leyer«
spöttisch ausrufe) diese Stelle theologisch-meisterhaft erklärt. Mit
den Worten »als ein Unweiser sag ich es; ich bin es mehr als sie« fängt
er ein neues Capitel an; und mit einem dialectischen Meisterzuge fügt
er einen neuen Abschnitt bey; und dieses auf folgende Weise, dabey ich
seine eigenen Worte nicht nur formaliter sondern auch materialiter
anführen will: »Als ein Unweiser sag ich es,« daß ist wenn ich euch als
Narr vorkomme, indem ich mich den falschen Aposteln an die Seite setze,
so werdet ihr mich noch für närrischer halten, daß ich ihnen den Weg
ablaufe. Aber bald darauf fällt der gute Mann, der kein eisenmässiges
Gedächtniß haben muß, auf etwas ganz anders.
Aber, was hab ich nöthig mich ängstlich auf ein einzelnes Beispiel
zu berufen? Die Theologen haben sich ja augenscheinlich das Recht
verschaft, den Himmel, daß ist die heilige Schrift, wie der Schuster
das Leder auszudehnen. Beym Paulus widersprechen sich gewisse Worte
der Schrift, die sich an den Stellen, daraus sie gezogen sind, nicht
widersprechen; wenn man den fünfzüngigen (griechisch, lateinisch,
hebräisch, chaldäisch, und Dalmatisch redenden) Hieronymus Glauben
zustellen kann. Zum Exempel, der Apostel sah in Athen die Aufschrift
eines Altars; er verdreht sie zum Behufe des christlichen Glaubens;
indem er alles das wegläßt, was seiner Sache hätte nachtheilig seyn
können, und nur diese Worte »dem unbekannten Gott« und zwar auch
geändert, anführt; die ganze Aufschrift lautete also: »Den Göttern
von Asia, Europa und Afrika, den unbekannten und fremden Göttern.«
Nach diesem Beyspiele, wie mich deucht, richten sich unsre heutige
Theologen; hier und da klauben sie vier oder fünf Wörtchen zusammen,
und auch diese, wenn es nöthig ist, drehen sie so lang herum, bis
sie dabey ihren Vortheil finden, wenn gleich das Vorhergehende und
Folgende nichts dazu hülft, oder ihm wohl gar gerade widerspricht.
Dieses thun sie mit einer so glücklichen Unverschämtheit, daß oft die
Rechtsgelehrten auf die Theologen eifersüchtig werden.
Worinn sollt es ihnen jetzt nicht gelingen? Jener grosse Theolog (bald
hätt ich ihn wieder genannt, wenn der Esel bey der Leyer mich nicht
nochmals abgeschreckt hätte) hat ja aus einigen Worten des Lucas eine
Meynung herausgeleiert, die mit dem Sinne Christi so verträglich ist,
wie das Feuer mit dem Wasser. Da sich die äusserste Gefahr näherte,
eine Zeit, in welcher getreue Anhänger sich am geflissensten erweisen,
ihren Gönnern beyzustehen, und nach bestem Vermögen auf ihrer Seiten zu
streiten, da fragte Christus seine Jünger, die er lehren wollte, sich
auf keine solche äusserlichen Vertheidigungsmittel zu verlassen, ob sie
je an etwas Mangel gehabt haben, da er sie ohne Reisegeld ausgesandt
hatte; da sie weder mit Schuhen zur Vertheidigung wider Dornen und
Steine, noch mit einem Reisesack und Nahrungsmittel zur Abtreibung des
Hungers versehen gewesen. Nein, sagten sie, nie hatten wir Mangel.
Jetzt aber, sprach er, wer einen Beutel und Sacke hat, nehm ihn; und
wer kein Schwerdt hat, kaufe eines, wenn er gleich deßwegen seinen
Rock verkaufen müßte. Da Christus stets die Sanftmuth, Verträglichkeit
und Verachtung des Lebens einschärfte, so ist hier seine Meynung
nicht schwer zu finden; nämlich, um seine Gesandten jetzt noch mehr
zu entwaffnen, sagt er ihnen, sie sollen sich nicht nur der Schue
und des Sackes entschlagen, sondern auch den Rock wegwerfen, um das
evangelische Geschäft desto hurtiger und ungehinderter betreiben zu
können; sie sollen sich nichts anschaffen, als ein Schwerdt; nicht ein
solches, mit welchem Räuber und Mörder zu würgen pflegen, sondern das
Schwerdt des Geistes, das bis in das Innerste der Seele dringt, und
daraus alle Leidenschaften so ausrottet, daß nichts als Frömmigkeit in
dem Herzen herrscht.
Man sehe aber, wie jener Theolog die Sache zu verdrehen weiß: das
Schwerdt erklärt er für die Vertheidigung gegen die Verfolgung; durch
den Sack versteht er einen zureichenden Vorrath von Lebensmitteln; als
ob Christus seine Meynung ändernd, weil es das Ansehen haben könnte,
er habe seine Gesandten nicht stattlich genug ausgerüstet, über seine
vorige Anordnung einen Widerruf thue. Also hätte er seiner vorigen
Aussprüche vergessen: sie werden selig seyn, wenn man sie schmähe,
schimpfe, peinige; sie sollen den Bösen nicht widerstehen; denn die
sanftmüthigen seyen selig, nicht die trotzigen; sie sollen die Vögel
und die Lilien zum Beyspiele nehmen; jetzt sollen sie sich wohl hüten,
die Reise ohne Schwerdt anzutreten; ehender sollen sie ihre Kleider
verkaufen. Wie er also meynt, daß unter dem Worte Schwerdt alles
verstanden werde, das zur Abtreibung eines feindlichen Angriffes
dienlich seyn kann: also versteht er durch Beutel und Sack alle
Lebensbedürfniß.
Also versteht dieser Dolmetscher des Geistes Gottes die Apostel mit
Ober- und Untergewehr, um soldatenmäßig den Gekreuzigten zu predigen;
auch läßt er es ihnen an Reisegepäcke und Mundproviant nicht fehlen,
damit sie nicht genöthigt seyen, auch das schlechteste Gasthaus
mit hungerndem Magen zu verlassen. Der Mann läßt sichs auch nicht
anfechten, daß auf den Befehl, ein Schwerdt zu kaufen, bald ein anderer
erfolgte, der das Schwerdt einstecken hieß; auch daß es nie erhört
worden, daß die Apostel sich wider Angriffe der Heiligen des Schwerdtes
und Schildes bedient haben; etwas, das sie ohne Zweifel gethan hätten,
wenn ihnen dazu ein Befehl wäre gegeben worden.
Ein Anderer[2], den ich aus Hochachtung nicht nenne, und der ein sehr
berühmter Mann ist, macht aus den bey dem Habakuk vorkommenden Häuten,
das ist Gezelten der Midianiten, die Haut des lebendiggeschundenen
Bartholemäus.
Neulich wohnt ich, wie ich es oft thue, einer theologischen Disputation
bey; jemand kam mit der Frage angestochen, auf welche Schriftstelle
sichs gründe, daß man einen Ketzer ehender durch Feuer und Schwerdt
als durch Vernunftgründe besiegen müsse. Ein saurer Graukopf, an dem
schon die gerümpfte Stirn den Theologen verrieth, schrie auf eine
hämische Weise, dieses Gesetz hat ja Paulus gegeben, da er sprach:
»einen ketzerischen Menschen meide, nachdem du ihn etlichemal ermahnet
hast.« Nachdem er diese Worte mit grossem Nachdrucke verschiedenemal
wiederholet hatte, und jedermann im Zweifel war, was sich doch in des
Mannes Kopfe müsse zugetragen haben, ließ er sichs endlich gefallen,
sich näher zu erklären. Um diese seine Erklärung zu verstehen, müssen
Sie meine Herren wissen, daß der Mann latein geredet habe, und, »meide«
in dieser Sprache heisse _devita_; nun spaltete der verschmitzte Mann
dieses Wort, und schrie: heißt es nicht ausdrücklich _de vita_ »aus dem
Leben weg« und ists nicht klar, daß man die Ketzer verbrennen und die
Asche in die Luft streuen müsse?
Einige lachten; doch fehlt es auch an solchen nicht, denen diese
Erklärung recht theologisch zu seyn schien. Weil sich aber doch noch
Ungläubige finden lassen, ließ sichs unser unbesiegbare Held gefallen,
den Knoten mit einmal zu zerschneiden, indem er sprach: Merket auf;
es steht geschrieben, einen Maleficanten soll man nicht leben lassen;
nun ist jeder Ketzer ein Maleficant; und folglich, und so weiter. Alle
Anwesenden bewunderten des Mannes Scharfsinn, und fielen seiner Meynung
mit Haut und Haaren bey; keinem träumte auch nur, daß das Gesetz von
Zauberern rede, die hier durch Maleficanten verstanden werden; sonst
müßte man auch jeden Hurer und Trunkenbold, die ja auch Maleficanten
oder Uebelthäter sind, mit dem Tode bestrafen.
Bin ich aber nicht närrisch, daß ich mich bey Dingen verweile, deren
es so unzählbar giebt, daß sie in den tausend von dem Chrysippus und
dem Didymus geschriebenen Bänden nicht Raum finden könnten. Nur dieses
möcht ich mir ausgebeten haben: da man es jenen Meistergelehrten
nicht übel nimmt, wenn sie zuweilen einen Fehlschluß thun, so hoff
ich, man werde für mich auch, deren theologische Einsichten noch auf
sehr schwachen Füssen stehen, Nachsicht haben, wenn ich nicht alles
haarklein abgezirkelt habe.
Endlich komm ich wieder auf den Paulus. Indem er von sich selbst redet,
spricht er: »Ihr pfleget die Thoren mit Geduld zu ertragen -- nehmet
auch mich als einen Thoren an -- ich rede nicht nach Gott, sondern wie
in Thorheit -- wir sind Narren um Christi Willen.« Man hat gehört,
wie der grosse Mann zum Lobredner der Narrheit wird. Ja, öffentlich
fordert er zur Narrheit auf, als zu der nothwendigsten und heilsamsten
Sache:»Wer unter euch weise zu seyn scheint, der werde ein Narr, damit
er weise werde.« Beym Lucas werden zween Jünger, zu denen Jesus sich
auf dem Wege gesellt, von ihm Narren genennt. Noch mehr verwundere ich
mich darüber, daß Paulus das Herz hat, Gott selbst etwas von Narrheit
zuzuschreiben: Gottes Narrheit ist besser als der Menschen Weisheit.
»Der Ausleger Origines will nicht, daß man diese Narrheit der Meynung
der Menschen beylege; wie auch nicht die Stelle das Wort des Kreuzes
ist Narrheit bey denen, die verlohren gehen.«
Warum bemühe ich mich aber, die Sache ängstlich durch so viele
Zeugnisse zu unterstützen? In den mystischen Psalmen sagt Christus
gerade heraus zum Vater: »Dir ist meine Thorheit bekannt.« Es
geschicht nicht von ungefehr, daß Gott an den Narren ein so herzliches
Wohlgefallen hat; die Ursache wird wohl diese seyn: Bey den grösten
Fürsten sind die, welche allzuklug und scharfsichtig sind, verdächtig
und verhaßt; also traute Cäsar dem Brutus und Cassius nicht, setzte
aber kein Mißtrauen in den nassen Bruder Antonius; Nero konnte den
Seneca nicht leiden; Dionysius den Plato nicht. Hingegen machen ihnen
die Dickköpfichten und Unweisen ein grosses Vergnügen. Gleicherweise
verabscheut und verdammt Christus durchgehends jene Weisen, die sich
auf ihre Klugheit was grosses einbilden. Paulus giebt es deutlich zu
verstehen, wenn er sagt: »was närrisch vor der Welt ist, das hat Gott
gewählt -- es hat Gott gefallen, durch Narrheit die Welt zu erhalten;«
die Welt, die durch Weisheit nicht zu verbessern war. Ja, Gott selbst
spricht durch den Mund des Propheten: »ich will die Weisheit der Weisen
verderben, und die Klugheit der Klugen zernichten.« Auch hat Christus
Gott gedankt, daß er das Geheimniß des Heils den Weisen verborgen,
und den Unmündigen (nach der Kraft der Grundsprache, den Narren)
geoffenbaret habe, die er den Weisen entgegensetzt.
Hieher gehört auch, daß Christus in dem Evangelium durchgehends, den
Pharisäern, Schriftgelehrten und Gesetzerklären, den Krieg ankündigt,
und hingegen den ungelehrten Pöbel in seinen Schutz nimmt; denn das
»wehe euch Schriftgelehrten Pharisäern« wird zuletzt anders nichts
sagen wollen, als »wehe euch Weisen.« Kindern, Weibern, Fischern, war
er vorzüglich gewogen.
Unter den Thieren gefielen ihm die vorzüglich, welche von der Klugheit
des Fuchses am weitesten entfernt sind. Er wählte sich einen Esel bey
seinem Einzuge, und hätte sich, wenn es ihm beliebt hätte, eben so
sicher dazu eines Löwen bedienen können. Der heilige Geist kam in der
Gestalt einer Taube herab, nicht eines Adlers oder Geiers.
Ferner nimmt die heilige Schrift oft Gleichnisse von Hirschen, Rehen
und Lämmern her. Die zur Unsterblichkeit Auserwählten werden Schafe
genannt; nun giebts nichts dümmers als dieses Thier; und schon beym
Aristoteles steht ein Schafskopf in keinem grossen Ruhme. Christus
schämt sich nicht, für den Hirten einer solchen Heerde gehalten zu
werden; und Johannes bezeugt, daß es ihm gefallen habe, wenn man ihn
ein Lamm nennte »siehe das Lamm Gottes.« Und so wird er im Buche der
Offenbarung oft betitelt.
Was heißt alles dieses anders, als die Menschen, auch die Frommen,
seyen Narren? Christus, um der Narrheit der Sterblichen zu Hülfe zu
kommen, da er die Weisheit des Vaters war, habe selbst etwas von dieser
Art mit des Menschen Natur angenommen, da er in seinen Geberden als
ein Mensch erfunden worden? so wie er auch um der Sünde abzuhelfen,
zur Sünde geworden; und abhelfen wollte er ihr blos durch die Thorheit
des Kreuzes; sich auch nur tummer und ungelehrter Apostel bedienend,
denen er fleisig Narrheit empfiehlt, sie von der Weisheit abschreckend,
indem er ihnen Kinder, Lilien, Senfkörner, Sperlinge, zum Muster der
Nachahmung anpreist; tumme und verstandlose Geschöpfe, die blos durch
den natürlichen Instinkt, ohne Kunst und Sorge fortdauern. Er will, daß
sie sich nicht darum bekümmern sollen, was sie von den Grossen der Welt
reden wollen; er verbietet ihnen, den Zeiten und ihren Veränderungen
nachzuforschen, damit sie sich in nichts auf eigene Klugheit sondern
ganz auf ihn verlassen mögen.