Baume der Erkenntniß nur das geringste zu kosten; gerade, als ob dieses
für die Glückseligkeit ein Gift wäre. Paulus spricht deutlich, daß das
Wissen etwas aufblähendes und schädliches sey. Bernhardus, wenn ich
mich nicht irre, nahm ihn zum Muster, da er den Berg, den Lucifer nach
einer Meinung zu seinem Wohnsitze gewählt, den Berg der Erkenntniß
nennt. Vielleicht verdient auch dieses zum Beweise angeführt zu werden,
daß die Narrheit bey den Himmelsbewohnern in Gunst stehe: man beruft
sich auf sie, wenn man Verzeihung wegen einen Fehler erhalten will; der
Weise weiß wohl, daß er nicht Vergebung finde, wenn er etwas verfehlt
hat; und was thut er in solchem Falle? er giebt vor, daß er sich gleich
einem Narren betragen habe. Wenn Aaron (wenn ich mich recht erinnere,
im vierten Buche des Moses) die Sünde seines Weibes abbittet, so
spricht er: »ich bitte dich, mein Herr, rechne uns diese Sünde nicht
zu, die wir thöricht begangen haben.« Auch Saul bittet den David also
um Vergebung: »es liegt ja klar am Tage, daß ich thöricht gehandelt
habe.« David selbst trachtet sich also bey Gott einzuschmeicheln: »ich
bitte dich, Herr, nimm das Verbrechen von deinem Knechte weg, denn
wir haben thöricht gethan,« als ob er keine Vergebung hätte erhalten
können, wenn er nicht Narrheit und Unwissenheit vorgeschützt hätte.
[Illustration]
Das überzeugendeste ist dieses: da Christus am Kreuze für seine
Feinde bath, sprach er: »Vater, vergieb ihnen, denn sie wissen nicht
was sie thun.« Ihre Unklugheit hält er für ihre beste Entschuldigung.
Also schrieb Paulus an den Timotheus: »Gott erwieß sich mir barmherzig,
weil ich es im Unglauben unwissend that.« Was heißt das »unwissend«
anders, als er habe es aus Narrheit und nicht aus Bosheit gethan? Und
sieht man hier nicht zugleich, nur unter dem Schutze der Narrheit
sey ihm Barmherzigkeit wiederfahren? Auch dient hieher die Stelle
(ich führe sie aus Vergeßlichkeit etwas spät an) des mystischen
Psalmdichters: »Gedenke nicht der Uebertretungen meiner Jugend und
meiner Unwissenheiten.« Haben Sie es bemerkt, meine Herren, daß er
seine Jugend vorschützt, die mich zur steten Gefehrtinn hat, und seine
Unwissenheiten, wo die gebrauchte mehrere Zahl die Grösse seiner
Thorheit andeutet.
Damit ich mich nicht ins Unendliche vertiefe, will ich nur überhaupt
dieses sagen: Es scheint wirklich, die christliche Religion stehe mit
der Narrheit in einer Art von Verwandtschaft und vertrage sich mit
der Weisheit ganz und gar nicht. Wie! man verlangt Beweise hierüber?
Hier sind sie: Erstlich; Kinder, Greisen, Weiber, Blödsinnige, haben
vorzüglich ein Vergnügen an Kirchlichen Gebräuchen und Ceremonien;
sie drängen sich stets am nächsten zu den Altären; und zwar blos
durch einen Naturtrieb. Anbey waren die ersten Stifter der Religion
wunderbare Freunde der Einfalt und geschworne Feinde der Gelehrtheit.
Endlich giebt es keine tümmere Stocknarren, als die, in denen die
Flamme der christlichen Frömmigkeit lichterloh brennet; sie werfen ihr
Geld reichlich aus, achten keine Beschimpfung, lassen sich betrügen,
machen keinen Unterschied zwischen Freunden und Feinden, verabscheuen
die Wollust, mästen sich mit Fasten, Wachen, Weinen, Arbeiten,
Grümmungen; sind des Lebens überdrüssig, wünschen sich nichts als den
Tod; kurz, es scheint, selbst der gemeine Menschenverstand könne keinen
Eindruck mehr in sie machen; es ist, als ob sich ihr Geist um eine
andere Herberge umgesehen, und seinen Leib verlassen habe. Und was ist
dieses anders als Wahnsinn? Nein, es ist sich eben nicht groß darüber
zu verwundern, daß es schien, die Apostel seyen voll süssen Weins; und
daß es den Richter Festus deuchte, Paulus rase.
Da es mir einmal geglückt ist, mich, gleich jenem Esel, in der
Löwenhaut sehen zu lassen, so will ich es wagen, auch dieses zu
behaupten; die Glückseligkeit der Christen, um die sie sich so mühsam
bearbeiten, ist anders nichts, als eine Art von Wahnsinn und Narrheit.
Nein, meine Herren, bey den Worten müssen sie sich nicht aufhalten,
sondern die Sache selbst erwägen.
Die Christen, die in vielen Stücken mit den Platonikern übereinstimmen,
behaupten, die Seele sey mit Banden des Körpers gefesselt, und werde
durch die Schwere desselben gehindert, sich zur Betrachtung und zum
Genusse des Wahren hinaufzuschwingen. Daher beschreibt Plato die
Philosophie als eine Betrachtung des Todes, weil sie die Seele von
sichtbaren und körperlichen Dingen entfernt; etwas, das sie mit dem
Tode gemein hat. So lange die Seele sich der Werkzeuge des Leibes
richtig bedient, ist sie gesund zu nennen; wenn sie aber, die Bande
zerreissend, sich nach Freyheit bestrebt, und auf Flucht aus dem
Kerker denkt, nennt man es Wahnsinn. Und doch sehen wir zuweilen,
daß diese Art von Menschen künftige Dinge vorhersagt, Sprachen und
Wissenschaften besitzt, die sie vorhin nicht erlernet hatte, und
durchgehends etwas Göttliches äussert. Ohne Zweifel kömmt dieses daher,
daß die von der Knechtschaft des Leibes etwas freyere Seele anfängt,
sich ihrer angebohrnen Stärke zu bedienen. Und eben dieses halte ich
auch für die Ursache, daß Sterbende zuweilen wie Begeisterte reden.
Wenn eine übertriebene Frömmigkeit hieran schuld hat, so ists
vielleicht eine andere Art von Wahnsinne, doch jenem so nahe verwandt,
daß die wenigsten Menschen den Unterschied einsehen; insonderheit da
die Zahl derer sehr klein ist, die sich in allen Theilen ihres Lebens
von den übrigen Menschen unterscheiden. Plato soll uns helfen, sie zu
beschreiben: Menschen befinden sich in einer Höle eingeschlossen, da
sie nichts als den Schatten der Dinge sehen; einer von ihnen hat sich
daraus durch die Flucht gerettet; er kömmt wieder zu ihnen und spricht,
er habe wirkliche Dinge gesehen; sie befinden sich in einem gewaltigen
Irrthume, da sie glauben, es gebe nichts ausser den elenden Schatten;
dieser Weise hat Mitleiden mit dem Wahnsinne der sich so sehr Irrenden;
sie aber lachen über ihn, als über einen Blödsinnigen, und stossen ihn
von sich.
Also bewundert der Pöbel die körperlichen Dinge am meisten, und glaubt,
daß es keine andern gebe. Fromme hingegen verachten das, welches dem
Körper am nächsten kömmt, am meisten, und werden ganz zur Betrachtung
unsichtbarer Dinge hingerissen. Jene ziehen die Reichthümer allem
vor; dann denken sie auf die Gemächlichkeit des Leibes; und die Seele
muß sich mit der letzten Sorge behelfen; ja die meisten glauben nicht
einmal eine Seele: denn sie läßt sich ja nicht sehen! Diese hingegen
steuern sich zuerst ganz auf Gott selbst, das einfältigste unter
allen Wesen; nach diesem sehen sie auf das, was demselben am nächsten
kömmt, auf ihre Seele; auf den Leib wenden sie keine Sorge; und das
Geld verachten und fliehen sie, als ob es Koth wäre. Wenn sie sich je
mit etwas dergleichen abgeben müssen, so thun sie es als eine schwere
Arbeit mit Widerwillen; sie habens, als hätten sies nicht; besitzens,
als besässen sies nicht. Durchgehends sind sie auch noch auf vielerley
Weise von einander verschieden.
Ja, alle Sinnen sind dem Leibe anverwandt; doch sind einige derselben
gröber, als das Gefühl, das Gehör, das Gesicht, der Geruch, der
Geschmack; andere sind von dem Körper entfernter, als das Gedächtniß,
der Verstand, der Wille. Da, wo die Seele sich am meisten an etwas
tastet, ist sie am stärksten. Weil die Frommen alle ihre Seelenkräfte
dem widmen, das sich von den gröbern Sinnen am weitesten entfernt, so
sind sie hier wie tumm und betäubt. Mit dem Pöbel verhält sich die
Sache gerade verkehrt. Haben wir nicht von einigen Gottesgelehrten
gehört, daß sie in ihrer Zerstreuung Oel anstatt Wein getrunken haben?
Unter den Leidenschaften der Seele haben einige mit dem groben Körper
mehrere Gemeinschaft; zum Exempel die Lüsternheit der Wollust, die
Begierde zum Essen und Schlafen, der Zorn, der Stolz, der Neid;
mit diesen sind die Frommen in steten Kriege verflochten; die
Irdischgesinnten hingegen meynen, daß sichs ohne dieselbe nicht leben
lasse.
Es giebt Leidenschaften von einer mittlern Natur; sie sind gleichsam
etwas natürliches; zum Exempel Liebe gegen das Vaterland, gegen die
Kinder, die Aeltern, die Freunde. Der gemeine Mann räumt denselben
etwas ein; jene aber trachten auch diese Leidenschaften aus der Seele
zu verbannen; wenigstens sich ihrer nur dann zu bedienen, wenn sie
sich in den höchsten Grad der geistigen Tugend verfeinert haben; so
daß sie jetzt zwar den Vater lieben, aber nicht als Vater, denn dieser
hat ja nichts als den Leib gezeigt (ja ihn hat man eigentlich Gott zu
verdanken) sondern als einen rechtschaffenen Mann, aus welchem das Bild
jenes obersten Geistes hervorleuchtet, der allein das Höchste Gut zu
nennen ist, und ausser welchem nichts liebens- und wünschenswürdig seyn
kann.
Eben dieser Richtschnur bedienen sie sich auch bey allen übrigen
Lebenspflichten; so daß sie allerorten das Sichtbare, wo nicht ganz
verachten, doch weit geringer als das Unsichtbare schätzen. Sie sagen,
daß sich auch in den Sacramenten und in den übrigen gottesdienstlichen
Handlungen Körper und Geist finden lassen. Beym Fasten zum Exempel
halten sie nicht vieles darauf, wenn man sich nur von dem Fleischessen
und der Nachtmahlzeit enthält, (etwas, das der gemeine Mann für ein
vollkommenes Fasten hält) wenn man nicht zugleich auch den Neigungen
etwas entzieht; wenn man nicht dem Zorne oder dem Stolze, weniger als
sonst erlaubt; wenn nicht die sich jetzt durch das Körperliche weniger
beschwerte Seele Mühe anwendet, zum Geschmack und Genusse himmlischer
Güter zu gelangen. Beym heiligen Abendmahle (sprechen sie) ist das
ceremonialische nicht zu verachten, doch ist es an sich selbst wenig
nützlich, etwann schädlich, wenn nicht das geistliche hinzukömmt,
nämlich, was durch die sichtbaren Zeichen vorgebildet wird; und
vorgebildet wird der Tod Christi, dem die Menschen durch Bezwingung,
Tödtung und gleichsam Begrabung der Neigungen des Leibes nachahmen
müssen, um zu einem erneuerten Leben zu auferstehen, und sich mit ihm
und untereinander zu vereinigen.
Also beträgt sich und also denkt jener Fromme. Hingegen glaubt der
Gemeine Mann, daß die Religion anders nichts fordere, als sich bey
den Altären einzufinden, sich zu denselben zu drängen, den Schall der
Stimmen zu hören, und andere dergleichen kleine Ceremonien zu sehen.
Und nicht nur in denen Dingen, die ich Beyspielsweise angeführt habe,
sondern durchsgehends in allem Thun und Lassen, flieht der Fromme von
dem Körperlichen zum Ewigen, unsichtbaren und geistlichen.
Weil sich zwischen diesen Leuten durchgehends ein so grosser
Unterschied befindet, so kömmt jeder dem andern als wahnsinnig vor.
Doch läßt sich (wenigstens nach meiner Meynung) dieses Wort richtiger
den Frommen beylegen, als den andern. Und dieses wird sich deutlicher
einsehen lassen, wenn ich meinem Versprechen nach, kürzlich werde
dargethan haben, jene unendliche Belohnung sey anders nichts, als eine
Art von Wahnsinne.
Sie, meine Herren, müssen wissen, daß es dem Plato schon damals etwas
dergleichen geträumet habe, da er schrieb, die Wuth der Liebenden sey
unter allen andern die glücklichste. Wer durch und durch verliebt ist,
lebt nicht mehr in sich, sondern in dem Geliebten; und je mehr er sich
von sich selbst entfernt und sich dorthin wendet, desto mehr wächst
seine Freude. Wenn die Seele darauf umgeht, aus ihrem Leibe zu ziehen,
und sich ihrer körperlichen Werkzeuge nicht richtig bedient, so legte
man diesem ohne Zweifel mit Grunde den Namen der Wuth bey. Was würden
sonst die gewöhnlichen Redensarten sagen wollen, »er ist nicht bey
sich; kehre in dich selbst zurück; er ist wieder zu sich gekommen?«
Ferner, je unumschränkter die Liebe ist, desto grösser und glücklicher
ist die Wuth. Wie wird es demnach mit jenem Leben der Himmelsbewohner
beschaffen seyn, nach welchem fromme Seelen so inbrünstig seufzen? Mit
siegreicher Stärke ausgerüstet, wird der Geist den Körper verschlingen;
und schwer wird ihm solches nicht fallen: er ist bereits schon wie in
seinem Reiche; und schon in vorigen Leben hat er den Körper zu einer
solchen Verwandlung gereinigt und verfeinert.
Hernach wird die Seele von jenem höchsten unendlichstärkern Geiste
auf eine wunderbare Weise verschlungen werden. Der ganze Mensch wird
dann ausser sich selbst seyn, nur dadurch beglückt, daß er ausser
sich selbst gesetzt ist, und sich durch jenes höchste alles an sich
ziehende Gut unaussprechlich beseligt befindet. Diese Seligkeit gelangt
mithin erst dann zur Vollkommenheit, wenn die Seelen mit ihren vorigen
Leibern wieder werden bekleidet, und beide unsterblich seyn; doch,
weil das Leben der Frommen anders nichts ist, als eine Betrachtung
jenes Lebens, und gleichsam ein Schattenriß desselben, so geschieht es,
daß sie sich hier schon zuweilen bey einem entzückenden Vorschmacke
desselben erquicken können. Freylich ist dieses nur ein überaus kleines
Tröpflein, in Vergleichung mit jener Quelle der ewigen Glückseligkeit;
doch übertrift es weit alle Wollüste des Körpers, gesetzt, daß man
auch alle Vergnügungen aller und jeder Sterblichen in sich vereinigen
könnte. So weit besser ist das Geistige als das Körperliche, das
Unsichtbare als das Sichtbare. Dieses ists, was ein prophetischer
Apostel hierüber zu sagen gehabt hat: »kein Auge hats gesehen, kein
Ohr gehört, in keines Menschen Herz ists gekommen, was Gott denen
bereitet hat, die ihn lieben.« Und dieses war Maria Theil, der bey der
Veränderung nicht wegfällt, sondern zur Vollkommenheit gelangt.
Wer mit einem solchen Gefühle begnadigt worden (nur wenige haben
sich dessen zu rühmen) der fühlt in sich etwas, das dem Wahnsinne
sehr ähnlich ist; er redet Dinge, die nicht zusammenhängen; er redet
nicht wie die übrigen Menschen; Töne sind es, bey denen sich kein
Verstand äussert; in seinem Gesichte zeigen sich etwann die seltsamsten
Geberden; bald fröhlich, bald niedergeschlagen; weinend, lachend,
seufzend; kurz, er ist nicht bey sich selbst; und wenn er wieder nach
Hause kömmt, so will er nichts davon wissen, wo er gewesen sey; im
Körper oder ausser demselben; ob er gewacht oder geschlafen habe;
was er gehört, gesehen, gesagt, gethan, sind alles Dinge, deren er
sich nicht erinnern kann, als nur durch einen Nebel, einen Traum; nur
dieses weiß er, er sey am glücklichsten gewesen, alldieweil ein solcher
Wahnsinn ihn beseligt habe. Seine Genesung beweint er; sein eifrigster
Wunsch ist, daß ein solcher Wahnsinn ihm ewig möchte zu Theil werden.
Und dieses ist ein sehr kleiner Vorschmack der künftigen Glückseligkeit.
Doch schon lange hab ich meiner vergessen, und bin aus meinen Schranken
gewichen. Wem es scheinen möchte, ich sey in meinen Reden zu frey und
zu schwatzhaft gewesen, der erinnere sich, daß die Narrheit und ein
Weib bisher geplaudert hat. Dennoch bitte ich Sie, meine Herren recht
schön, zu bedenken, daß man schon bey den alten Griechen gesagt habe,
ein Narr rede oft sehr schicklich. Und den unhöflichen Einwurf will
ich von Ihnen nicht erwarten, die Griechen haben dieses Lob nur einem
Narren, nicht aber einer Närrinn, beygelegt.
Ohne Zweifel erwarten Sie, meine Herren, zum Beschluß eine feyerliche
Zueignung; in ihren Minen sehe ich es; aber, seyen Sie nicht
Erznarren, daß Sie sich bereden, ich werde mich alles des von mir
herausgeschwatzten Wörterplunders noch erinnern können? Die Alten
sagten: weg vom Trinkgelage mit dem der nichts vergessen kann! Ich
sage: weg aus meinem Hörsaale mit dem, der ein gutes Gedächtniß hat!
Nun, meine Herren, weltberühmte Anhänger der Narrheit, leben Sie wohl,
und wenn Sie mir Ihren Beyfall zugeklatscht haben, so vergessen Sie
nicht, auf meine Gesundheit zu trinken.
Druck von Mänicke und Jahn in Rudolstadt.
Fußnoten:
[Fußnote 1: _Nicolaus de Lyra._]
[Fußnote 2: _Jordanus._]
End of Project Gutenberg's Das Lob der Narrheit, by Desiderius Erasmus