Griechen und Römern, einem Demosthenes oder Cicero, würde man sich
vergeblich nach einem solchen Einschmeichlungseingange umsehen.
Eine sich von der Sache entfernende Vorrede hielten sie für einen
Fehlschluß. Wirklich auch lehrt die Natur ganz andere Dinge; sogar ein
Schweinshirt, der bey der Natur zu Schule gegangen ist, macht so wenig
Umschweife, daß er lieber sogleich mit der Thür ins Haus fallen will.
Diese Gelehrten hingegen halten ihr Präambulieren alsdann erst für
feinrhetorisch, wenn es mit dem Gegenstande ihrer Rede nicht in der
geringsten Verwandschaft steht, und die Zuhörer einander zuflüstern:
wo wird der Kerl zuletzt noch hingerathen?
[Illustration]
Drittens berühren sie nur wie beyläufig und obenhin, gleichsam nur
erzehlungsweise, etwas aus dem Evangelium; und doch wär es ihre
Pflicht gewesen, sich einzig bey der Erklärung desselben aufzuhalten.
Viertens fangen sie wieder eine ganz andere Rolle an, und nehmen
eine Theologalfrage vor die Hand, die sich auf das vorhergehende so
schicklich wie eine Faust auf das Auge reimt; denn auch dieses halten
sie für kunstmässig. Nun fängt der Theolog sich erst recht zu brüsten
an; er betäubt die Ohren der Zuhörer mit seinen solennen, subtilen,
subtilsten, seraphischen, heiligen, irrefragablen Lehrern, und was
dergleichen prächtige Töne mehr seyn mögen. Darauf prahlen sie ihre
Syllogismen, Vordersätze, Hindersätze, Folgerungen, Corollarien,
frostige Voraussetzungen, und mehr als scholastische Possen, dem tummen
Pöbel vor.
Nun ists noch um den fünften Aufzug zu thun, in dem man sich als
einen ganzen Meister dargeben muß. Hier ziehen sie ein närrisches
und tummes Märchen, ich weiß nicht aus was für einem Historienspiegel
oder aus Abentheuern der Römer hervor, das sie sodann allegorisch,
tropologisch, und anagogisch behandeln. Und auf diese Weise bringen sie
ein Wundergeschöpfe zu Stande, das weit lustiger anzusehen ist, als
jenes, welches Horaz, gleich anfangs seiner Dichtkunst, vorzuspiegeln
getrachtet hat. Weil sie, ich weiß nicht von wem, gehört haben, man
müsse die Rede sanft und ohne Geschrey anfangen, so sind sie anfangs
so leise, daß sie sich selbst nicht hören; als ob sie Dinge sagen
müßten, die niemand verstehen dörfe. Man hat ihnen etwann gesagt, um
die Leidenschaften rege zu machen, seyen Ausrüfe ein vortrefliches
Mittel; sie daher, alldieweil sie ganz sanft reden, erheben unversehens
die Stimme zu einem ganz rasenden Geschreye, wo sie es doch nicht im
geringsten nöthig hätten. Man würde einen Eid ablegen, daß der Mensch,
der nur schreyt, damit er schreye, der Nüßwurze benöthigt wäre.
[Illustration]
Sie haben gehört, mit dem Fortgange der Rede müsse die Stimme sich
erheben; nun, beym Anfange jedes Theiles der Rede sind sie
ziemlich gelassen; bald aber fängt die Stimme gewaltig zu lermen an,
wenn sie auch die frostigsten Dinge von der Welt sagen; und allemal
beym Ende sinken sie so, daß man meynen sollte, von Athem sey nichts
mehr in ihnen. Endlich haben sie bey den Redekünstlern gelernt, daß
auch das Lachenmachen eine Kunst sey; sie sind daher auch beflissen,
etwas Scherzhaftes einzumischen; aber, o huldreiche Venus! wie
grazienmäßig, wie schicklich! ists nicht gerade so, wie da der Esel
sich als Lautenschlager hervorthun wollte. Ja, beissig sind sie etwann
auch; doch so, daß sie mehr kitzeln, als verwunden; wenn sie sich
recht Mühe geben, frey von der Brust zu reden, so erweisen sie sich
als leibhafte Schmeichler. Kurz, ihr ganzes Betragen ist so, daß man
schwören sollte, sie haben Marktschreyer zum Muster gewählt, können
aber dasselbe bey weitem nicht erreichen; doch sind sie in gewissem
Verstande einander so ähnlich, daß niemand zweifelt, diese haben von
jenen, oder jene von diesen, die Redekunst erlernt.
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Bey allem dem müssen sie mir es verdanken, daß sie Zuhörer haben, die
glauben, sie besitzen an ihnen mehr, als sie an einem Demosthenes
oder Cicero würden besessen haben. Hieher gehören insonderheit Krämer
und Weiber, denen die gedachten Redner vorzüglich die Ohren zu kitzlen
trachten; denn die Erstern lassen ihnen etwann, für das besänftigende
Schmeicheln, etwas weniges von ihrem zusammenbetrogenen Vermögen
zukommen; und die Letztern sind, unter vielen andern Ursachen, diesem
Orden besonders darum gewogen, weil sie den Grollen, den sie wider
ihre Ehemänner haben, in den Schooß desselben auszuschütten pflegen.
Man müßte also blind seyn, wenn man nicht sähe, wie tief diese Art von
Menschen bey mir in der Schuld sey, da sie durch kleine Zeremonien,
lächerliche Possen, und kein kleines Geschrey, die Sterblichen
gewissermaßen beherrschen und sich mehr als ein Paulus und Antonius
zu seyn einbilden. Genug aber von diesen Marktschreyern, die meine
Wohlthaten so undankbar verkennen, und sich auf eine ruchlose Weise für
fromm ausprahlen.
Es hat mich schon seit langem gelüstet, etwas von Königen und
Hofleuten, die sich offenherzig für meine Verehrer angeben, nach Recht
und Billigkeit zu berühren. Wenn sie auch nur eine halbe Unze gesunden
Menschenverstandes hätten: was könnte traurigers und fliehenswürdigers
seyn, als ihr Loos? Nein, derjenige wird sich gewiß nicht durch Meineid
und Vatermord auf einen Thron schwingen wollen, der bey sich erwogen
hat, welch eine Last auf den Schultern dessen liege, der die Rolle
eines Fürsten ehrlich zu spielen gedenkt. Wer am Steuerruder sitzt,
hat für das Allgemeine nicht das Eigenthümliche zu sorgen; auf jenes
muß er alle seine Gedanken wenden; von Gesetzen, die er selbst gegeben
hat, und die er handhaben muß, nicht eines Fingers breit abweichen;
auf alles Thun und Lassen der Beamten und Richter ein wachsames Auge
haben; denken, die Augen Aller seyen auf ihn gerichtet, wie auf ein
günstiges Gestirn; durch ein schuldloses Betragen könne er das Wohlseyn
der Menschen ungemein befördern; oder durch eine widrige Aufführung
gleichsam zu einem verderblichen Cometen werden; wenn andere Leute
Fehler begehen, so haben sie nicht so empfindliche und ausgebreitete
Folgen; wenn der Fürst auch nur ein wenig von dem guten Weg abweiche,
so schleiche sich sogleich eine Sittenpest in die Herzen vieler
Menschen ein; die Glücksumstände eines Fürsten führen vieles bey
sich, das geschickt ist, vom Guten wegzulocken; zum Exempel Wollust,
Freyheit, Schmeicheley, Ueppigkeit; er könne nicht genug arbeiten,
nicht zu sorgfältig wachen, um nicht irgendwo von seiner Pflicht
weggeteuscht zu werden; endlich (um von Hinderlist, Haß, Furcht,
Gefahr, nichts zu reden) er habe einen König über sich, der in kurzem
Rechenschaft über jeden seiner Fehltritte von ihm fordern werde; und
dieses um so viel schärfer, je grösser die ihm anvertraute Herrschaft
gewesen.
Ja, wenn der Fürst dieses, und vieles dergleichen bey sich erwägen
wollte (und erwägen würd er es, wenn er weise wäre) so würden ihm
wohl weder Schlaf noch Speise schmecken. Nun aber, Dank sey mir,
überlassen die Fürsten alle diese Sorgen den Göttern, thun sich gütlich
und gönnen nur denen das Ohr, die es verstehen, ihnen angenehme
Dinge vorzuplaudern, damit sich ja nichts von Bekümmerniß in ihr
Gemüth einschleichen möge. Sie bereden sich, alle Obliegenheiten
eines Fürsten redlich erfüllt zu haben, wenn sie fleißig auf die
Jagd reiten; stattliche Pferde halten; obrigkeitliche Stellen und
Statthalterschaften theuer verkaufen; täglich neue Handgriffe
aussinnen, das Vermögen der Unterthanen zu schmälern, und in ihren
Schatz zusammenzuscharren; dabey aber schützen sie verschiedene Dinge
vor, um dadurch der ungerechtesten Sache einen Schein von Billigkeit zu
geben; mit vielem Fleisse mengen sie etwas schmeichlendes ein, um ja
das Herz des Volkes nicht ganz zu verlieren.
Stellen Sie sich, meine Herren, einen Menschen vor (denn zuweilen wird
es so ungefehr eintreffen) der von den Gesetzen so viel als nichts
versteht, beynahe ein geschworner Feind des gemeinen Besten ist, blos
auf seine Gemächlichkeiten sieht, Wollüsten ergeben ist, Gelehrtheit,
Freyheit und Wahrheit haßt, an nichts weniger als an die Wohlfahrt
des gemeinen Wesens denkt, alles nach seiner Lüsternheit und seinem
Eigennutzen abmißt; hängen Sie ihm dann eine goldene Kette um, das
Zeichen der Übereinstimmung zusammenhängender Tugenden; setzen Sie ihm
eine mit Edelsteinen bereicherte Kron auf, die ihn erinnern soll,
er müsse an allen Heldentugenden jedermann übertreffen; versehen
Sie ihn mit einem Zepter, dem Merkmahle der Gerechtigkeit und einer
wider alle Bestechungen bewaffneten Seele; kleiden sie ihn endlich
in Purpur, um anzudeuten, daß er für das Wohlseyn des Volkes eine
inbrünstige Liebe habe. Wenn der Fürst solche Verzierungen mit seinem
Leben zusammenhalten wollte, so deucht mich, er würde sich seines
Putzes schämen, und fürchten, ein naseweiser Dollmetsch möchte dieses
Theatergepränge spöttisch ins Gelächter ziehen.
Was soll ich von den vornehmen Hofschranzen sagen? gemeiniglich
ist nichts abhänglichers, knechtischers, abgeschmackteres,
niederträchtigeres zu finden, und doch bereden sie sich, daß ihnen
nichts beykomme. Ja, in einer einzigen Sache sind sie überaus
bescheiden: zufrieden, daß sie Geld, Edelgesteine, Purpur, und
die übrigen Zeichen der Tugenden und der Weisheit an ihrem Leib
umherschleppen können, lassen sie sichs großmüthig gefallen, daß Andere
die bezeichneten Dinge sich anschaffen. Sie glauben sich überglücklich
zu seyn, daß sie den König ihren Herren nennen dürfen; daß sie
gelernet haben, ihn mit ein paar Worten sinnreich anzureden; daß sie es
verstehen, wo die Titel, Eure Königliche Hoheit, Eure Majestät, und so
weiter schicklich anzubringen seyn; daß sie das Gesicht in verschiedene
Falten legen, und eine Schmeicheley artig anbringen können. Dieses,
dieses sind die Künste eines Edelmannes, eines Hofmannes. Wenn man ihr
übriges Leben genauer beym Lichte betrachtet, so findet man sie noch
schöpsenmässiger, als es ehedem die Phäacier waren, oder die Freywerber
der Penelope, oder -- wenn Sie, meine Herren, noch mehrere wissen
wollen, so schlagen Sie den Horaz nach, denn eben gefällts mir nicht,
sein Echo zu spielen.
Der vornehme Mann schläft bis gegen Mittag. Beym Aufstehen kömmt
der wohlbezahlte Caplan, und thut geschwind das, dazu er amtsmässig
gedungen ist. Dann zum Frühstücke. Bald darauf zum Mittagsmahle.
Hierauf Karten, Würfel, Possenspiele, Stocknarren, Spöttereyen, liebes
Frauenzimmer. Etwas zum Abendbrode. Darauf zur Nachtmalzeit. Auch beym
Nachtische giebts Abwechslungen. Also, ohne sich das Leben abzugrämen,
verstreichen Stunden, Tage, Monate, Jahre, Jahrhunderte. Mir selbst
ist es zuweilen so, als ob ich mich mit Vergnügen vollgepropft hätte,
wenn ich diesem Hochleben zugeschaut habe. Jede der Nymphen meynt, den
Göttern um so viel näher zu seyn, je länger die Schleppe ihres Rockes
ist; die Hofleute zerstossen sich die Ellbögen gewaltig, um dem Fürsten
näher zu kommen, und für den grössern Günstling angesehen zu seyn.
Jeder schmeichelt sich um so viel mehr, je gewichtiger seine Halskette
ist; als ob er nicht nur seinen Reichthum sondern auch seine Stärke
zugleich aufzuweisen hätte.
Das Betragen der Fürsten hat schon seit langem, Päbste, Cardinäle
und Bischöffe, zu unermüdeten Nacheiferern; und bald haben diese
jenen den Vorzug abgelaufen. Was bedeutet das schneeweise Gewand?
Ein durchgehends schuldloses Leben. Was die zweyhörnichte Inful? ein
Band vereint die beyden Spitzen, und bezeichnet die Einsicht in das
Alte und Neue Testament. Was die Handschue? die reine und vor aller
irdischen Verunreinigung gesicherte Ausspendung der Sacramente. Was
der Hirtenstab? rathsame Besorgung der anvertrauten Heerde. Was das
vorhergetragene Kreuz? den Sieg über alle menschlichen Leidenschaften.
Wer dieses, und vieles dergleichen bey sich erwägen wollte, der würde
ein betrübtes und grämliches Leben führen? Aber herrlich haben sie die
Sache eingerichtet: sie weiden sich selbst. Die Sorge für die Schafe
empfehlen sie Christo, oder überlassen sie ihren Stellvertretern. Nicht
einmal an ihren Titel denken sie; er würde sie an die Arbeit, Sorge,
Bekümmerniß eines Bischoffs erinnern. Ja, wenn es um Geldsammlen zu
thun ist, dann erinnern sie sich, Bischoff bedeute einen Aufseher, und
sie haben die Augen ganz offen.
Die Cardinäle sollten freylich denken: wir sind an die Stelle der
Apostel gekommen; was sie thaten, wird auch von uns gefordert; wir
sind nicht die Herren der geistlichen Gaben, sondern nur die Verwalter
derselben; in kurzem werden wir darüber die genauste Rechenschaft
abzulegen haben; was bedeutet unser weisses Gewand? die höchste
und erhabenste Unschuld des Lebens. Was der Purpur darunter? die
inbrünstige Liebe gegen Gott. Was der so weite Obermantel, daß er
das ganze Maulthier Seiner Eminenz bedecket, ja ein Kameel, bedecken
könnte? eine weit ausgedehnte Liebe, die sich jedermanns annimmt;
lehrt, ermahnt, bestraft, erinnert, Streitigkeiten schlichtet,
ruchlosen Fürsten widersteht, und willig nicht nur Reichthümer, sondern
das Blut selbst zum Besten des Christenvolkes aufopfert. Aber wozu
solche Reichthümer für Statthalter der armen Apostel? Ja, wenn sie
diese Dinge bedenken wollten, so würden sie sich keine Mühe geben,
diese Würde zu erhalten; oder sie würden sich ihrer mit Freuden
entschlagen; oder sie würden nach der Weise der alten Apostel ein ganz
arbeitsames und sorgenvolles Leben führen.
Wenn die Päpste, Christi Statthalter, seinem Leben nachzueifern
trachteten, nämlich seiner Armuth, seinen Arbeiten, seiner Lehre,
seinem Kreuze, seiner Verachtung des Lebens; wenn sie auch nur an den
Namen Pabst, daß ist, Vater, oder an den Beynamen Allerheilichster,
dächten: was würde dann auf Erden traurigers seyn? wer würde sein
Vermögen zur Erkaufung dieser Stelle anwenden? wer würde Schwerdt,
Gift, und jede Gewaltthat hervorsuchen, um sich auf der erkauften
Stelle zu behaupten? wie viele Bequemlichkeiten würden wegfallen,
wenn sie einmal der Weisheit Gehör geben! Der Weisheit, sage ich? Ja,
wenn sie auch nur ein Körnlein des von Jesu gelobten Salzes in sich
hätten! So viele Reichthümer, Ehren, Herrschaft, Siege, Pflichten,
Verwaltungen, Zölle, Ablässe, Pferde, Maulthiere, Trabanten, Wollüste,
Ergötzlichkeiten. O welch einen Reichthum von Herrlichkeiten hab ich in
wenige Worte zusammengefaßt! einen ganzen Jahrmarkt, eine ganze Erndte!
An die Stelle dieser Dinge würden schlaflose Nächte kommen, Fasten,
Thränen, Gebete, Predigten, Tiefsinnigkeiten, Seufzen, und tausenderley
dergleichen jämmerliche Arbeiten. Hiezu kommen so viele Schreiber,
Copisten, Notäre, Advocaten, Promotoren, Secretäre, Eseltreiber,
Roßkamme, Schmarotzer, Unterhändler, Gelegenheitmacher; und ich hätte
bald noch etwas schändlichers hinzugesetzt, wenn ich nicht die Ohren
schonen wollte. Kurz, eine so grosse Menge von Menschen, die dem Sitze
zu Rom zur Last fällt (nein, ich irre mich, Ehre macht) würde sich des
Hungers nicht verwehren können. Ja, unmenschlich, abscheulich wäre
dieses; aber noch weit verruchter, wenn man sogar die öbersten Fürsten
der Kirche, diese wahren Lichter der Welt, an den Bettelstab bringen
wollte. Jetzt aber wird alles, was nur ein wenig mühsam ist, einem
Petrus und Paulus überlassen, die dazu Zeit und Musse genug haben. Was
prächtig und angenehm ist, behält man weislich für sich selbst.
Also geschieht es durch meine Vermittlung, daß bald keine Art
von Menschen weichlicher lebt, unbekümmerter. Sie glauben, ihrer
Christenpflicht vollkommen zu entsprechen, wenn sie in einem mystischen
und beynahe theatralischen Aufputze, mit Ceremonien, mit Titeln,
die alles was heilig ist, in sich schliessen, und mit Segnen und
Verwünschen, Bischoffe spielen. Wunder thun ist etwas veraltetes, und
den heutigen Zeiten ganz und gar nicht angemessen; das Volk lehren,
ist knechtische Arbeit; die Schrift erklären, schulfüchsisch; beten,
Zeitverschwendung; weinen, elend und weibisch; arm seyn, schändlich;
sich besiegen lassen, schimpflich, und dem unanständig, der kaum die
grösten Könige zum heiligen Fußkusse läßt; sterben, unangenehm; sich
ans Kreuz schlagen lassen, ein Schandfleck. Es bleiben ihnen keine
andern Waffen und sanfte Segnungen übrig, als die, deren Paulus (Röm.
16. 18.) Meldung thut; und mit denselben sind sie gewiß sehr freygebig:
Interdictionen, Suspensionen, Aggravationen, Anathematisationen,
Verdammungsgemählde, und der entsetzliche Bannstrahl, der schon einig
ein Stand ist, die Seelen der Sterblichen mit einem Winke bis in die
unterste Hölle zu stürzen.
[Illustration]
Die in Christo allerheiligsten Väter, und Statthalter Christi,
schiessen solche Pfeile wider niemanden schärfer los, als wider
die, welche sich durch den Teufel verleiten lassen, das Patrimonium
des Petrus zu schmälern. Dieser Apostel sagt im Evangelium: »Wir
haben alles verlassen, und sind dir nachgefolgt« und doch nennt man
Landgüter, Städte, Zölle, Schätze, Herrschaften, das Patrimonium
desselben. Um solcher Dinge willen ergreift sie der Eifer Christi; mit
Feuer und Schwerdt vertheidigen sie den Besitz derselben, wenn gleich
noch so viel Christenblut darüber vergossen wird; dann erst glauben
sie, daß sie die Kirche, die Braut Christi, apostolisch vertheidigt
haben, wenn die sogenannten Feinde tapfer abgetrieben worden. Als
ob es schädlichere Feinde der Kirche gebe, als gottlose Päbste, die
durch ihr Stillschweigen Christum lassen zernichtet werden, ihn durch
eigennützige Gesetze binden, durch erzwungene Auslegungen schänden,
durch ein vergiftendes Leben tödten.
Durch Blut wird die christliche Kirche gezeugt, befestigt,
ausgebreitet; jetzt; als ob kein Christus mehr wäre, der die Seinen
auf seine Weise beschützen könnte, wird seine Sache durch das Schwerdt
betrieben. Um den Krieg ist es etwas so unmenschliches, daß man ihn
den wilden Thieren überlassen sollte; nach der Meynung der Dichter
ist er ein Geschenk der Furien; er ist eine solche Pest, daß die
Sitten dadurch ganz und gar verdorben werden; etwas so ungerechtes,
daß er durch die schlimmsten Straßenräuber am besten betrieben wird;
so ruchloses, daß er mit Christo nicht in der geringsten Gemeinschaft
steht: doch setzt man alles übrige hindan, und betreibt nur diesen.
Man sieht Grauköpfe, die sich hier jugendlich-munter erweisen, keinen
Aufwand sich dauern lassen, durch kein Arbeiten ermüdet, durch nichts
abgeschreckt werden, wenn es zu thun ist, die Religion, den Frieden,
alle Menschlichkeit, in die äusserste Zerrüttung zu setzen. Es fehlt
auch an gelehrten Fuchsschwänzern nicht, die diese handgreifliche
Tobsucht, Eifer, Frömmigkeit, Tapferkeit nennen. Sie haben einen
Weg ausgedacht, auf dem man dem Bruder den Dolchen durch das Herz
jagen kann, ohne sich an dem Gebote Christi von der Nächstenliebe zu
vergreifen.
Ich bin noch nicht mit mir einig, ob einige deutsche Bischöffe hier
gelernt oder gelehrt haben, ganz geradezu Gottesdienst, Segen, und
andere dergleichen Ceremonien, an einen Nagel hängend, völlige Satrapen
zu spielen; so, daß sie es bald an einem Bischoffe für Feigheit und
Unanständigkeit halten, irgendwo sonst, als in einer Schlacht, Gott
die tapfere Seele zu übergeben. Gemeine Priester würden sichs zur
Sünde rechnen, von der Heiligkeit ihrer Prälaten abzuarten. O man
sehe, wie kriegerisch sie die Rechte der Zehnten mit Schwerd, und
Spieß, und Steinen, und allen Arten von Kriegsgeräthe vertheidigen!
Vortreflich scharf sind ihre Augen, wenn es zu thun ist, aus alten
Schriften etwas heraus zu grüblen, dadurch sie dem armen Pöbel einen
Schrecken einjagen, und darthun können, daß ihnen noch mehr als nur der
Zehnden gebühre; inzwischen haben sie es ganz vergessen, wie vieles
man hin und wieder von ihren Pflichten gegen die Lügen lese; und doch
sollte wenigstens ihr beschorner Scheitel sie erinnern, ein Priester
müsse von allen Lüsten dieser Welt frey seyn, und blos himmlischen
Dingen nachsinnen. Die allerliebsten Männerchen sprachen, sie haben
sich ihrer Amtspflicht redlich entladen, wenn sie ihre Gebeterchen so
herausgemurmelt haben, das ich mich ich weiß nicht zu was verwundern
sollte, wenn irgend ein Gott es hört, oder versteht; denn sie selbst
hören und verstehen es kaum, wenn sie es aus dem Maule herausdrängen.
Doch stimmen Priester und Layen diesorts überein: wenn es um Einerndten
zu thun ist, so ist alles ungemein wachsam, und die dahin gehörenden
Gesetze sind jedermann bekannt; wenn sich aber etwas Lästiges zeigt, o
da wirft Einer es weislich auf die Schultern des Andern; man sollte
meynen, beym Ballspiele zu seyn. Wie Fürsten die Regierungssachen ihren
Räthen, und diese wieder den Unterbeamten, übertragen: so überlassen
die grossen Cleriker, aus Bescheidenheit, den Fleiß der Gottseligkeit
ganz dem gemeinen Manne; dieser sendet ihn an die sogenannten
Geistlichen, als ob er mit den geistlichen Geschäften nichts zu thun
und durch das Taufgelübd zu nichts dergleichen verpflichtet wäre; die
sogenannten Secularpriester wählen (als ob sie sich nicht Christo
sondern der Welt gewidmet hätten) diese Last auf die Regularen; die
Regularen auf die Mönche; die strengern müssen sie von den weniger
strengen annehmen; alles fällt zuletzt auf die Bettelmönche; doch
wissen auch diese es auf die Cartheuser zu schieben, bey welchen
einzig die Frömmigkeit begraben liegt; denn wirklich liegt sie da so
verborgen, daß schwerlich jemand sich wird rühmen können, etwas davon
gesehen zu haben. Also weihen Päbste, die in der Gelderndte unermüdet
sind, jene allzu apostolischen Arbeiten an die Bettelbrüder, diese
wieder an solche, welche den Schafen alle Wolle abscheren.
Doch, hieher gehörts nicht, das Leben der Päbste und Priester durch
die Musterung gehen zu lassen; man würde sonst denken, es sey mir um
eine Satire, und nicht um eine Lobrede zu thun; und man würde auf den
Argwohn gerathen, ich wolle gute Fürsten durch die Hechel ziehen,
indem ich böse lobe. Ich habe aus keiner andern Ursache auf diese
Dinge gedeutet, als daß man es desto deutlicher einsehen möge, kein
Sterblicher könne ein wonnevolles Leben führen, so lang er nicht
zu meinem Dienst eingeweiht ist, und in meiner Gunst steht. Denn,
wie solle dieses möglich seyn, da selbst die rhamnusische Göttinn,
die Beglückerinn aller menschlichen Dinge, mit mir so sehr unter
dergleichen Decke liegt, daß sie sich jenen Weisen stets im höchsten
Grade feindselig erwiesen, und hingegen den Narren auch im Schlaf
alles Gute zugeschanzet hat. Ihnen, meine Herren, wird jener Timotheus
bekannt seyn, der atheniensische Feldherr, den man das Glückkind zu
nennen pflegte; von ihm kömmt das Sprüchwort her: »dem schlafenden
Fischer hüpfen die Fische ins Garn« und: »ihn begünstigt die Eule der
Minerva« von dem Weisen hingegen heißts »erst unter einem bösen
Planeten gebohren; immer reutet er ein stolperndes Pferd; sein Gold ist
Flitterwaare.« Doch, genug gesprüchwörtelt; man möchte sonst glauben,
ich habe den Adagienkasten meines Erasmus geplündert.
[Illustration]