Weise die Welt erschaffen und eingerichtet worden; durch welche
Canäle sich jene Sündenseuche in die Nachkommenschaft ergossen habe;
wie, in welchem Maasse, in welchem Zeitpunkte, Christus in dem Leibe
der Jungfrau vollendet worden; wie sich im Abendmahle Accidentien
ohne Behausung beherbergt befinden. Doch dieses sind nur gemeine
und ausgenützte Dinge. Es giebt andere, die verdienen von grossen
und hocherleuchteten Theologen fein behandelt zu werden; wenn diese
vorkommen, dann wacht man erst recht auf; zum Exempel: hat Gott einen
Zeitpunkt nöthig, wenn er etwas hervorbringt? giebts in Christo
verschiedene Sohnschaften? läßt sichs sagen, Gott der Vater haßt den
Sohn? hätte Gott sich mit einem Weibe vereinen können, mit dem Satan,
mit einem Esel, mit einer Pflanze, mit einem Steine? wie hätte in
einem solchen Falle die Pflanze predigen, Wunder thun, ans Kreuz
geheftet werden können? was würde Petrus eingesegnet haben, wenn er
zu eben der Zeit eingesegnet hätte, in welcher Christi Leib am Kreuze
hieng? hätte man alsdann Christum einen Menschen nennen können? wird es
nach der Auferstehung erlaubt seyn, zu essen, und zu trinken? O diesen
Herren liegt vieles daran, sich zum voraus und in Ewigkeit hinein vor
Hunger und Durste zu bewahren! Solcher fein gesponner Possen giebt es
eine unzählbare Menge.
Es fehlt ihnen an noch weit feinern nicht: von Zeitpunkten bey
göttlichen Zeugungen; von Notionen, Relationen, Formalitäten,
Quidditäten, Ecceidäten; Dingen, die selbst der Argonaute Lynceus,
der durch eine Mauer hindurch sehen konnte, nie würde entdeckt haben;
denn hier muß man durch die dickste Finsterniß hindurch das sehen, was
nirgends ist. Hieher gehören auch ihre Moralsätze, die so seltsam sind,
daß die paradoxesten Behauptungen der Stoiker, in Vergleichung mit
denselben, eine gemeine und Alletagswaare scheinen würde; zum Exempel
es sey ein kleineres Verbrechen, tausend Menschen todt schlagen, als
auch nur einmal einem Armen am Sonntage den Schuh flicken; man solle
ehender die ganze Welt mit aller ihrer Zubehörde zu Grunde gehen
lassen, als nur die allerkleinste und nichtsbedeutendste Unwahrheit
sagen.
Diese so feinen Feinigkeiten werden durch eine Menge von scholastischen
Ränken noch mehr befeinert; so daß man sich ehender aus allen
Labyrinthen heraus finden könnte, als aus dem Gewirre der Realisten,
Nominalisten, Thomisten, Albertisten, Occanisten, Scotisten, wer möchte
sie alle nennen? dieses sind nur die vornehmsten: Hier ist alles so
voll von Gelehrtheit, von Schwürigkeit, daß ich wirklich glaube, die
Apostel müßten mit einem ganz andern Geiste versehen seyn als dem,
der sie ehedem belebte, wenn sie gezwungen wären, über diese Dinge
mit diesem neuen Geschlechte von Theologen handgemein zu werden.
Dem Paulus hat es an Glauben nicht gefehlt, wenn er aber sagt: »der
Glaube sey eine Zuversicht dessen, das man hofft, und nicht zweifelt
an dem, das man nicht sieht,« so hat er ihn nicht magistraliter
definiert. Er erwieß sich auf eine vortrefliche Weise liebreich, aber
bey seiner Beschreibung und Eintheilung der Liebe, in dem dreizehnten
Capitel seines ersten Briefs an die Corinther, verräth er wenig
Logik. Die Apostel bezeigten sich bey Einsegnung des Abendmahls
andächtig und fromm; wenn man sie aber gefragt hätte, was sich bey
dem Anfang und Fortgange des Erfolgs der Einsegnung ereigne; wie es
mit der Transsubstantiation beschaffen sey; wie der nämliche Körper
an verschiedenen Orten seyn könne; mit welchem Unterschiede der Leib
Christi im Himmel, am Kreuze, im Abendmahle gewesen sey; in welchem
Zeitpunkte die Transsubstantiation vorgehe, da die Einsegnung durch
Sylben und Worte geschieht, die sich nur nach und nach aussprechen
lassen: o so würden sie wohl nicht so scharfsinnig geantwortet haben,
wie die Scotisten es heut zu Tage thun.
Die Apostel kannten die Mutter Jesu, aber welcher von ihnen hat es so
philosophisch demonstriert, wie sie vor Adams Fehler bewahrt worden,
als unsre Theologen es thun? Petrus empfieng die Schlüssel, und
empfieng sie von dem, der sie keinem Unwürdigen anvertrauen würde:
und doch weiß ich nicht, ob er es verstanden habe (gewiß äussert
er nirgends eine solche Spitzfindigkeit) wie auch der, indem sich
keine Erkenntniß befindet, den Schlüssel der Erkenntniß habe. Sie
tauften allerorten, und lehrten doch nirgends, welches die förmliche,
materielle, wirksame, und endzweckliche Ursache der Taufe sey; auch
thun sie keine Meldung von einem auslöschlichen und unauslöschlichen
Charakter. Sie beteten an, aber im Geiste, und befolgten blos die
evangelische Anweisung. »Gott ist ein Geist, und die, so ihn anbeten,
müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten.« Es zeigt sich aber
nicht, es sey ihnen damals geoffenbaret worden, man müsse das an der
Wand mit einer Kohle gezeichnete Bildchen mit der nämlichen Anbetung
wie Christum selbst anbeten, wenn er nur mit zween emporgestrebten
Fingern gezeichnet sey, mit langem Haare, und mit Strahlen sowohl
auf dem Wirbel, als auch an beiden Schläfen. Nein, niemand kann zu
solchen Einsichten gelangen, der nicht sechs und dreißig Jahre lang die
aristotelische und scotistische Physik und Metaphysik durchgeschwitzt
hat.
Die Apostel schärfen die Lehre von der Gnade ein, nirgends aber zeigen
sie den Unterschied zwischen der aus Gnade gegebenen Gnade, und der
begnadigenden Gnade. Sie vermahnen zu guten Werken; unterscheiden aber
nicht zwischen einem wirkenden Werke, und einem gewirkten. Sie schärfen
oft die Liebe ein, unterscheiden aber nicht zwischen der eingeflößten,
und der erlangten; auch zeigen sie nicht, ob diese Tugend etwas
Zufälliges sey, oder etwas Wesentliches; etwas Erschaffenes, oder etwas
Unerschaffenes. Sie verabscheuen die Sünde; ich will aber sterben,
wenn sie es kunstmäßig hätten bestimmen können, was das sey, was wir
Sünde nennen, insofern sie etwann nicht von dem Geiste der Scotisten
dessen belehrt worden. Man wird mich nie dahin bringen können, daß ich
glaube, Paulus (man mache von der Gelehrtheit desselben einen Schluß
auf die übrigen) würde so oft wider spitzfindige Fragen, Zänkereyen,
Wortkriege, geredet haben, wenn er mit allen jenen feinen Dingen
bekannt gewesen wäre; insonderheit, wenn man das rohe und bäurische
Gezänke seiner Zeiten mit den mehr als chrysippischen Feinheiten unsrer
grossen Meister vergleichen will. Doch muß man auch ihre grosse
Bescheidenheit zu rühmen nicht vergessen: wenn sie in den Schriften
der Apostel etwas nachlässiges finden, das vor Meister und Gesellen
nicht bestehen kann, so fahren sie nicht gleich mit der Verdammung zu,
sondern legen es auf das beste aus; und dieses ist die Ehre, die sie
theils dem Alterthume, theils dem apostolischen Namen erweisen. Und
gewiß würde es nicht billig seyn, so grosse Dinge von ihnen zu fordern,
über welche ihr Lehrer nie auch nur ein Wörtchen mit ihnen verlohren
hat.
[Illustration]
Wenn sie beym Chrysostomus, Basilius, Hieronymus, etwas dergleichen
antreffen, so sprechen sie ohne Umschweif: dieses hat man nicht
angenommen. Jene Alten haben die heidnischen Philosophen und die Juden
widerlegt; Leute, denen es von Natur an Hartnäckigkeit nicht fehlte;
sie thaten es aber mehr durch Leben und Wunder, als durch Syllogismen;
und die Leute, die bekehrt wurden, waren ehrlich-einfältige Leute, die
mit Anspannung alles ihres Witzes nicht im Stande gewesen wären, ein
einziges Quodlibet des Scotus zu verstehen. Nun aber, wo ist ein
Heid, ein Ketzer, welcher vor so feinen Subtilitäten nicht sogleich
die Waffen strecken müßte? Es sey denn, daß er, der Tummkopf, es
nicht fassen konnte; oder unverschämt genug wäre, es auszuzischen;
oder sich mit ähnlichen Waffen und Fallstricken versehen hätte, so
daß man im Treffen keinen Vortheil vor einander haben würde; wie
wenn zween Zauberer einander beym Kopfe kriegen; oder wenn jeder ein
Zauberschwerdt hat: da würde die Sache so wenig zu Ende kommen, als das
Gewebe der klugen Frau Penelope.
Wenn die Christen (ich rede nach meiner Einsicht) weise wären, so
würden sie anstatt jener Scharen von schwerfälligen Soldaten, derer man
sich seit langem aber nicht mit dem besten Erfolge bedient, lärmende
Scotisten, hartnäckige Occanisten, unüberwindliche Albertisten, mit dem
ganzen Geschleppe der Sophisten, wider Türken und Saracenen senden;
man würde (ich zweifle nicht daran) das allerlustigste Gefechte
sehen, und einen noch nie gesehenen Sieg. Wo sollte sich eine so
kalte Seele finden lassen, die nicht bey der Glut solcher Männer in
Flammen gerathen müßte? der allerträgste würde dadurch zur Hurtigkeit
angespannt werden; dem Scharfsichtigsten würde hier Staub in die Augen
geworfen werden.
Mich deucht bald, ich scheine euch dieses alles nur im Scherze gesagt
zu haben. Kein wunder! es giebt ja auch unter den Theologen, den
gelehrtesten, solche, denen vor dergleichen elenden (das ist ihr Wort)
theologischen Spitzfindigkeiten eckelt. Es giebt derer, die es als
eine Gotteslästerung verabscheuen und es für die höchste Ruchlosigkeit
halten, wenn man von so geheimen Dingen, die ehender anzubeten als zu
erklären sind, mit einem so unausgespühlten Munde redet; sich darüber
mit unheiligen von Heiden ausgesonnenen Grübeleyen erzankt; alles stolz
erklärt; und die Majestät der göttlichen Theologie mit einem frostigen
und unsaubern Wörtergemische beschmutzt.
[Illustration]
Indessen sind sie aufs herrlichste mit sich selbst zufrieden, und
klatschen sich Beyfall; mit diesen allerliebsten Kindereyen Tag und
Nacht beschäftigt, finden sie die geringste Zeit nicht, nur einmal das
Evangelium, oder die paulinischen Briefe, aufzuschlagen. Unter diesen
Schulärmlichkeiten bereden sie sich, daß sie die ganze Kirche, die
sonst einsinken müßte, mit ihren Syllogismenstützen gerade so aufrecht
erhalten, wie der Himmel bey den Dichtern sich auf die Schultern des
Atlas steuert. Wie glückselig dünken sie sich nicht auch dann zu seyn,
wenn sie Schriftstellen, wie ein Stück Wachs, nach Willkühr bilden
und ändern! Wenn diesen ihren Entscheidungen die Unterschrift einiger
Scholastiker beygefügt ist, so sehen sie dieselben für ehrwürdiger
an, als Solons Gesetze; sie ziehen sie den päbstlichen Decreten
vor; sie, als Censoren der Welt, wollen jedermann einen Wiederruf
abzwingen, der sich für etwas erkläret hat, das mit ihren mittelbaren
und unmittelbaren Folgerungen nicht haarklein übereinstimmt; mit einer
schnarrenden Orakelstimme sprachen sie: »dieser Satz ist ärgerlich;
dieser vergreift sich an der Ehrbarkeit; dieser riecht nach Ketzerey;
dieser klingt nicht gut.« Also lässet man weder die Tauf noch das
Evangelium, weder Paulus noch Petrus, weder Hieronymus noch Augustinus,
ja den so sehr aristotelesierenden Thomas selbst nicht für christlich
gelten, wenn es den Herren Baccalauren nicht einleuchten will: denn
ohne ihre Feinheiten läßt sich kein gesundes Urtheil fällen. In der
That, wer würde es haben fühlen können, daß der kein Christ sey, der
sagen würde; »die beiden Sätze: du, Nachttopf, stinkst, und, der
Nachttopf stinkt; ferner, in Hafen südets, und, der Hafen südet, lassen
sich beide sagen« wenn er nicht bey diesen Weisen zur Schule gegangen
wäre. Wer würde die Kirche von solchen Irrthumsfinsternissen befreyt
haben, die man nirgends auch nur einmal gelesen hätte, wenn diese
Herren nicht so gut gewesen wären, sie mit angehängten grossen Insiglen
an das Taglicht kommen zu lassen? Aber, sind sie nicht eben hiedurch
für erzglückliche Geschöpfe zu erkennen?
Alles, was sich in den unterirdischen Gegenden zuträgt, beschreiben
sie so mit den kleinsten Umständen, als ob sie in selbiger Republik
viele Jahre zugebracht hätten. Nach Willkühr bauen sie einen neuen
Himmel über den andern; und lassen es zuletzt an dem weiten und schönen
Empyreum nicht fehlen, damit es den beglückten Seelen an Raume nicht
gebreche, sich zu ergehen, ihre festlichen Mahlzeiten zu halten, oder
den Ball zu schlagen.
[Illustration]
Mit diesen und tausend dergleichen Schnakereyen haben sie den Kopf so
vollgestopft, daß ich glaube, Jupiters mit der Pallas beschwängertes
Gehirne sey nicht ausgespannter gewesen, da er die Art des Vulkans
um Hülfe anrief. Kein Wunder also, daß sie in ihren öffentlichen
Disputationen den Kopf mit so vielen Binden auf das sorgfältigste
umschlungen haben; denn ohne dieses würde er augenblicklich zerplatzen.
Auch dieses macht zuweilen selbst mich zu lachen. Erst alsdann dünken
sie sich recht grosse Theologen zu seyn, wenn sie eine garstige
rothwelsche Sprache plaudern, und alles so durch einander hudeln
können, daß nur ein ganz zerrütteter Kopf darinnen Verstand finden
kann; denn, für einen Scharfsinnigen wär es ja ein ewiger Schimpf, wenn
der Pöbel ihn verstehen könnte! Die Würde des Theologen müßte sich
zu tief erniedrigen, wenn er sich unter die Gesetze der Grammatiker
zwingen liesse. Wunderbare Majestät dieser Männer! sie machen einen
Anspruch auf das Vorrecht, fehlerhaft zu reden. Und doch findet sich
auch mancher Schuflicker im Besitze desselben. Endlich dünken sie sich
erhaben wie Götter zu seyn, wenn man sie mit einer ehrfurchtsvollen
Mine, als Magister grüßt; ein Titel, in welchem sie etwas so Grosses
zu stecken glauben, als in dem bey den Juden für unaussprechlich
gehaltenen Namen von vier Buchstaben. Ein Todesverbrechen, sagen sie,
würde man begehen, wenn man _MAGISTER NOSTER_ anderst als mit
grossen Buchstaben schriebe; und auch dann, wenn man das letztere Wort
dem erstern vorhersetzte, würd es um die ganze theologische Majestät
erbärmlich stehen.
Bald eben so glücklich als diese sind jene, die sich Religiosen und
Mönche zu nennen pflegen, und beydes falsch; ein grosser Theil von
ihnen weiß von der Religion so viel als nichts; und Mönche, daß ist
in der Einsamkeit Lebende, sind sie eben so wenig, weil wir uns in
allen Strassen an sie stossen. O ja, die elendesten Tropfe würden
sie seyn, wenn ich ihnen nicht auf vielerley Weise zu Hülfe käme.
Diese Art von Menschen wird gemeiniglich so verabscheut, daß man
es für ein böses Zeichen hält, wenn man von ungefehr einem dieser
Unglücksvögel begegnet; ich aber mache, daß sie grosse Dinge von
sich selbst denken. Sie halten es für den Gipfel der Frömmigkeit,
wenn sie so ungelehrt sind, daß sie auch nicht einmal lesen können.
Wenn sie ihre vorgezählten und nicht verstandenen Psalmen mit ihrer
Eselsstimm in den Tempeln herauskrächzen, so glauben sie dem Häuflein
der Frommen die Ohren mit einem Wollustsgefühle zu kitzeln. Einige von
ihnen spiegeln aus Habsucht ihre schmutzige Betteley; vor den Thüren
brüllen sie um Brod; Gasthäuser, Reisewagen, Schiffe, alles wird von
ihnen angeranzt, wenn auch gleich den übrigen Bettlern noch so vieles
dadurch abgestohlen wird. Also pflegen diese holden Geschöpfe durch ihr
garstiges, tummes, bäurisches, unverschämtes Wesen, uns das Muster der
Apostel vorzulügen.
Recht zum lachen ists, wie sie alles auf die vorgeschriebene Weise
einrichten; kein Mathematiker könnt es genauer auszirkeln; das
geringste Versehen würde Todsünde seyn: wie viele Knoten am Schue seyn
müssen; von welcher Farbe der Gurt, von welchem Schnitte das Kleid, von
welchem Stoffe, wie viele Strohhalme breit, der Gürtel; wie gestaltet,
wie viele Scheffel haltend, die Kappe; wie viel Finger breit die
Blasse; und wie viele Stunden der Schlaf dauern müsse. Wer sieht nicht,
wie unschicklich bey einer so grossen Verschiedenheit des Leibes und
auch des Gemüths, eine solche Gleichheit sey? Und doch sind es solche
ärmliche Possen, um derentwillen sie nicht nur Andere weit unter sich
herabsetzen, sondern auch einander selbst verachten; sie die auf den
Besitz einer apostolischen Liebe prahlen, machen sich kein Bedenken,
wegen einem anderst gegürteten Kleide, einer etwas bräunern Farbe, den
blutigsten Unfug zu stiften.
Einige derselben sind so streng religios, daß sie das feine Hemd unter
dem härenen Rocke ja nicht sehen lassen; andere hingegen tragen den
Leinwand über der Wolle. Einige wollten viel lieber das giftigste Kraut
in die Hände nehmen, als ein Stück Gelds berühren; und doch haben sie
keinen Abscheu vor dem Weine, noch von dem Betasten eines Weibes. Es
läßt sich nicht genug sagen, wie vielen Fleiß sie alle anwenden, sich
in allem von einander zu unterscheiden. Es liegt ihnen nichts daran,
Christo ungleich zu seyn, wenn sie nur auch unter einander ungleich
sind. Strickträger nennen sie sich, Coleten, Minoriten, Minimen,
Bullisten, Benedictiner, Bernhardiner, Brigittenser, Augustiner,
Wilhelminer, Jacobiten; als ob es zu gering wäre, sich Christen zu
nennen.
[Illustration]
Viele von ihnen zählen so sehr auf Ceremonien und armselige Legenden,
daß sie glauben, der Himmel für sich sey nicht im Stande, so
verdienstvolle Leute zureichend zu belohnen; sie denken nicht daran,
daß Christus auf alles dieses nicht achte, und von den Menschen nur
die Beobachtung seines grossen Gebotes fordere, das sich auf die Liebe
bezieht. Am Gerichtstage wird der Eine mit seinem aufgedunsenen Bauche
prahlen, den man einen vollgestopften Fischkasten nennen könnte; ein
Anderer wird von hundert Scheffeln herausgeschriener Psalmen schwatzen;
ein Anderer wird Myriaden von Festtägen daher zählen, und wie oft er,
des Tags nur einmal essend, den Magen bald bis zum zerplatzen angefüllt
habe; ein Anderer wird einen solchen Haufen von Ceremonien daher
schleppen, daß man sie auch in sieben Lastschiffe nicht zusammendrängen
könnte; ein Anderer wird sich rühmen, er habe sechzig Jahre lang nie
ein Stück Gelds anderst als mit Büffelhandschuen berührt; ein Anderer
wird in einer so garstig beschmutzten Mütze einherstrotzen, daß auch
ein Bootsknecht lieber die Ohren abfrieren als sie mit derselben wider
den Frost schützen würde; ein Anderer wird erzehlen, daß er seit
mehr als fünfzig Jahren sein Leben, gleich einem Pfifferlinge, stets
am gleichen Orte zugebracht habe; ein Anderer wird sich auf seiner
durch stetes Singen heischer gewordene Stimme berufen; ein Anderer
wird erweisen, daß er sich durch sein einsames Leben die Schlafsucht
zugezogen habe; ein Anderer wird seine durch stetes Schweigen
starrgewordene Zunge hervorstrecken.
Christus, um diesem sonst nie zu Ende kommenden Geprahle abzuhelfen,
wird fragen, woher dieses neue Judengeschmeiß entstanden sey? »Nur
ein einziges Gesetze, wird er sagen, erkenne ich für das meinige; und
nur von diesem hör ich nichts; ehedem versprach ich deutlich, ohne
es in Parabeln zu hüllen, mein väterliches Erbe, nicht dieser oder
jener Kappe, diesem oder jenem Gebetlein, noch dem Fasten, sondern
der Liebthätigkeit; ich kenne die nicht, die von ihren Thaten zu
groß denken; diese, die das Ansehen haben wollen, als ob sie mich an
Heiligkeit überträfen, mögen, wenn es ihnen beliebt, den Himmel der
Abraxasianer beziehen; oder sich von denen, deren Legenden sie meinen
Geboten vorgezogen haben, einen neuen Himmel erbauen lassen.« Wenn sie
dieses hören und sehen werden, daß man Matrosen und Fuhrknechte ihnen
vorziehe, o stellen Sie meine Herren, sichs einmal vor, mit welchen
langen Gesichtern werden die Tropfen einander anstarren! Inzwischen
sind sie bey ihrer Hoffnung glücklich, mit welcher sie von meiner
Gutmüthigkeit ausgerüstet worden.
Wenn diese Geschöpfe gleich von der Republik ausgeschlossen sind, so
hat man sie doch nicht zu verachten; sonderlich die Bettelmönche: denn
die Beicht hat sie mit den Geheimnissen eines jeden bekannt gemacht.
Freylich halten sie es nicht für erlaubt, aus der Schule zu schwatzen;
aber, was geschieht nicht, wenn man ein Glas Wein zu viel im Kopfe
hat, und zur Ergötzung etwas Lustiges auf die Bahn bringen will? dann
aber tragen sie die Sache nur räthselhaft vor und verschweigen die
eigentlichen Namen. Wenn jemand hier in das Hornissennest sticht, so
wissen sie sich in der ersten besten Predigt redlich zu rächen; durch
gewisse Umstände wissen sie ihren Feind auf eine so versteckte Weise
zu schildern, daß nur die ihn nicht erkennen, die ganz und gar nichts
begreifen können. Ihr Gebelle nimmt kein Ende, bis man zu dem Mittel
des Eneas greift, der dem Cerberus etwas zum Fressen in den Rachen warf.
Nein, meine Herren, bey keinem Schauspieler, keinem Marktschreyer
würden Sie stehen bleiben, wenn Sie einen solchen Prediger auftreten
sehen. Freilich giebts da possierliche Rednersprünge; sie sind alle
den Regeln der Muster in dieser Kunst auf das lieblichste nachgeahmt.
O meine Herren! merken Sie dann wohl auf jede Geberde; wie schicklich
ändern die Leute nicht ihre Stimme! ihre Rede ist Gesang; alles
an ihnen regt und bewegt sich; niemand versteht besser die Kunst,
Gesichter zu schneiden und mit dem durchdringendsten Geschreye die
Gewölker erschallen zu machen. Und diese Rednerkunst pflanzt sich als
ein Geheimniß durch die Ueberlieferung von einem Klosterbruder auf
den andern fort. Mir freylich, einem Weibe ist die Einsicht in solche
Dinge nicht verstattet; ich kann also davon nur so viel sagen, als ich
durch Muthmaassung erhaschen könnte.
[Illustration]
Sie vergessen nie, eine Anrufung vorher zu schicken; ein Kunstgriff,
den sie den Dichtern abgeborgt haben. Hierauf, wenn sie zum Exempel
von der Liebe reden wollen, bringen sie den egyptischen Nilfluß
in den Eingang. Wenn sie von dem Geheimnisse des Kreuzes zu reden
haben, so lassen sie den Drachen von Babel feyerlich auftreten. Eine
Fastenpredigt läßt zuerst die zwölf himmlische Zeichen in ihrer Ordnung
vor dem Gesichte der Zuhörer vorbey ziehen. Bey einer Glaubenspredigt
muß ihnen die Quadratur des Zirkels den Eingang eröffnen. Ich habe
einen Erznarren (ich irre mich; einen Erzgelehrten wollte ich
sagen) gehört, der in einer weltberühmten Predigt an Erklärung
des Geheimnisses der göttlichen Dreyeinigkeit arbeitete; um seine
ungemeine Gelehrtheit auszukramen und theologischen Ohren ein Vergnügen
zu verschaffen, schlug er einen nagelneuen Weg ein: er sprach von
Buchstaben, Sylben, Redetheilen, der Uebereinstimmung des Nennworts
mit dem Zeitworte, des Hauptworts mit dem Beyworte. Alles war erstaunt
und bewunderungsvoll; und Einige murmelten zwischen den Zähnen: was
wird zuletzt aus dem verzweifelten Zeuge werden? Endlich leitete er
es so ein, daß er in den ersten Grundsätzen der Grammatik das Bild
der Dreyeinigkeit den Zuhörern so natürlich vor Augen legte, daß man
jeden Mathematiker Trotz bieten könnte, es lebhafter in den Staub zu
kritzlen. In Verfertigung dieser Rede durchschwitzte der superlative
Theolog ganze acht Monate, und so, daß keine Schärmaus stockblinder
seyn kann, als er es heutiges Tages ist: die Geistesspitze zerkratzt
ihm die Augenschärfe so ganz erbärmlich. Doch hält der Mann seine
Blindheit für keinen Verlust und findet, daß er einen so grossen Ruhm
um einen Spottpreis eingewuchert habe.
Ich hörte auch einen andern achtzigjährigen Graubart, der so ganz
Theolog war, daß man darauf geschworen hätte, der leibhafte Scotus sey
in ihm auferstanden. Um das Geheimniß des Namens Jesu zu erklären,
bewieß er mit bewunderungswürdiger Scharfsinnigkeit, daß alles, was
sich von ihm sagen lasse, bereits schon in den Buchstaben verborgen
liege. Weil das Wort nur drey Endungen habe, so sey dieses eine
augenscheinliche Darlegung der göttlichen Dreyeinigkeit. Ferner, in den
drey Endungen dieses Namens (nämlich Jesus, Jesum, und Jesu) seyen die
drey letzten Buchstaben: S, M, und U; hierin liege das unaussprechliche
Geheimniß; er sey Summus, Medius, und Ultimus; der Anfang, die Mitte,
und das Ende. Noch war ein viel verworreneres Geheimniß, als es irgend
ein mathematisches Problem seyn könnte, zu entwicklen: Er zeigte, wie
das aus fünf Buchstaben bestehende Wort Jesus durch den mittlern, ein
S, in zween gleiche Theile getrennt werde; nun werde bey den Hebräern
dieser Buchstabe Syu genannt; und Syu bedeute (wenn ich nicht unrecht
habe) in der schottländischen Sprache so viel als Sünde; folglich sey
es sonnenklar, Jesus sey der, welcher die Sünden der Welt wegnehme.
Ein so nagelneuer Eingang zeugte bey jedermann, insonderheit den
Theologen, eine so staunende Bewunderung, daß man bald hätte denken
sollen, sie seyen gleich der Niobe zu Steine geworden; mir aber war es
beynahe wie dem Priapus gegangen, als er den nächtlichen Gebräuchen
der Canidia und Sagana zusah; da war es ihm nicht mehr wie ehedem, als
er noch ein feigenbäumener Klotz gewesen; nun konnt er erschrecken;
die Wirkung des Schreckens aber schall und roch, zu seinem Glücke, den
bösen Weibern so wirksam in Ohren und Nasen, daß sie über Hals und Kopf
die Flucht ergriffen.