Tempel. O ja (ich habe hierüber bereits mein Herz ausgeschüttet) über
eine solche Undankbarkeit verwundere ich mich ein wenig; doch deut
ich es, nach der mir angebohrnen Gutmüthigkeit aufs beste aus; und im
Grunde: warum sollt ich nach solchen Ehrerweisungen lüstern seyn? was
soll mir ein Körnchen Weihrauchs, etwas Gebackenes, ein Bock, ein
Schwein? Alle Sterblichen dienen mir ja allerorten auf eine Weise, von
welcher selbst die Theologen sagen, daß sie weit die vorzüglichste sey.
Nein, nein, ich beneide die Diana nicht, daß man ihr Menschenblut zum
Versöhnopfer darbringt; ich glaube, daß ich aufs andächtigste verehrt
werde; wenn man mich (und allerorten, und von jedermann, geschieht es
ja) ins Herz aufnimmt, und sich in allem Thun und Lassen nach meiner
Anweisung einrichtet.
Auch bey den Christen findet sichs ziemlich selten, daß sie auf eine
solche Weise ihre Heiligen verehren. Wie groß ist nicht die Menge
derer, welche der jungfräulichen Gottgebährerinn eine Wachskerze
anzünden, und das am hellen Mittage, da sie ganz unnütz ist! Hingegen,
wie wenige derer, die ihr durch ein keusches und sittsames Leben, und
durch Liebe zu himmlischen Dingen, nachzueifern trachten! Und doch
wäre dieses der ächteste sich auch den Himmelsbewohnern anpreisende
Gottesdienst.
Ferner, warum sollte mir nach einem Tempel verlangen, da mir (wenn ich
mich nicht irre) die ganze Welt zum schönsten dient? So lange noch
Menschen sind, wirds mir an Verehrern nicht fehlen. Eine solche Närrinn
bin ich nicht, daß ich nach steinernen und mit Farben überschmierten
Bildern lüstern seyn sollte; solche Dinge sind blos Abhaltungen von
einer ächten Verehrung, indem Leute, die nichts als Fleisch und Blut
sind, die Zeichen für die Heiligen selbst nehmen und anbeten; und dann
geht es uns wie denen, die durch ihre eigenen Statthalter vertrieben
werden. Ich halte dafür, mir seyen eben so viele Bildsäulen errichtet,
als es Sterbliche giebt, die, wenn sie es auch selbst nicht meynen,
lebhafte Bilder von mir sind. Ich beneide die übrigen Götter nicht,
wenn die Einen in diesem, und die Andern in jenem Winkel der Welt,
und zwar an gesetzten Tagen angebetet werden: zum Exempel Phöbus in
Rhodus, Venus in Cypern, Juno in Argos, Minerva in Athen, Jupiter auf
dem Olymp, Neptun zu Tarent, Priapus in Lampsokus; die ganze Welt wird
stets fortfahren, mir weit treflichere Opfer darzubringen.
[Illustration]
Es könnte das Ansehen haben, ich sey verwägen genug, die Wahrheit
vorbey zu gehen. Lasset uns aber das Leben der Menschen etwas näher
betrachten, um an den Tag zu bringen, wie vieles die Menschen, vom
höchsten Range bis zum niedersten, mir zu verdanken haben, und wie hoch
sie mich auch wirklich schätzen. Wir wollen nicht das ganze Leben eines
jeden durchgehen, welches viel zu weit führen würde, sondern nur das
Leben der vornehmsten berühren, wo es dann leicht seyn wird, den Schluß
auch auf die übrigen zu machen.
Was den gemeinen Pöbel betrift, so steht er augenscheinlich auf
meinen Seiten: er zeigt sich allerorten in so vielerley Gestalten
der Narrheit, täglich sinnt er diesorts so viele neue Moden aus,
daß tausend Demokritusse nicht zureichend wären, sie gebührend zu
belachen; und noch ein Demokritus wäre nöthig, um über diese tausend
zu lachen. Man würde keinen Glauben finden, wenn man es sagen sollte,
wie lustig sich täglich die Götter über die Menschengeschöpfe machen.
Die Götter bringen ihre nüchteren vormittägigen Stunden damit zu, daß
sie zanksüchtigen Menschen, die sich bey ihnen Raths erholen, Verhör
ertheilen, und auf die Gelübde horchen, die man an sie richtet; wenn
einmal der Nektar ihnen in den Kopf gestiegen ist, und sie zu nichts
Ernsthaftem mehr aufgelegt sind, so setzen sie sich auf das äusserste
Vorgebürg des Himmels, und begaffen mit ausgestrecktem Halse das Thun
und Lassen der Menschen. Von einem angenehmern Schauspiele wissen sie
nichts. O welch eine Schaubühne, auf welcher sich so vielerley Narren
drängen! Auch ich setze mich zuweilen in den Kreis der poetischen
Götter.
[Illustration]
Dieser ist sterblich in ein Mädchen verliebt; und wie weniger er
geliebt wird, desto rasender liebt er. Jener vermählt sich mit der
Morgengabe, nicht mit der Tochter. Dieser führt gefällig seine
Gemahlinn einem Andern selbst zu. Jener bewacht sie aus Eifersucht wie
ein zweyter Argus. O welche thörichte Dinge sagt und thut nicht dieser
in seiner Trauer! Leute, die besser nicht sind als Possenreisser,
bezahlt er, um das Trauerspiel stattlich auszuführen. Jener weint beym
Grabe seiner Stiefmutter. Dieser jagt alles, was er immer aufbringen
kann, durch die Gurgel, um ja bald verhungern zu müssen. Jenem behagt
nichts besser, als schlafen, und nichts thun. Es giebt Leute, die in
Betreibung der Geschäfte Andere schwitzen und keichen, indem sie
die ihrigen vernachlässigen. Es giebt Andere, die Geld aufnehmen, um
ihre Schulden abtragen zu können; beym fremden Gelde dünken sie sich so
lange reich zu seyn, bis sie ihren ganzen übrigen Bettel den Gläubigern
überlassen müssen. Es fehlt an solchen nicht, die alles vollauf haben,
und arm leben, um ihren Erben Reichthümer zu hinterlassen. Um eines
kleinen und ungewissen Gewinnes willen durchfährt Einer alle Meere,
sein mit keinem Gelde zu ersetzendes Leben den Wellen und Winden
anvertrauend. Ein Anderer will lieber sein Glück im Kriege suchen,
als zu Hause sicher, ruhig, und gemächlich leben. Man glaubt, der
leichteste Weg, reich zu werden, sey, sich bey kinderlosen Alten
einzuschmeicheln; oder bey einem steinreichen Mütterchen, Hahn im Korbe
zu seyn. Beide machen, daß die auf sie achthabenden Götter von Herzen
lachen, wenn sie in eben den Stricken, die sie Andern legen, selbst
gefangen werden.
Es giebt eine recht närrische und schändliche Art von Kaufleuten, die
sich mit schändlichen Dingen, und auf eine schändliche Weise abgeben:
lügen, schwören, stehlen, betrügen, übersetzen, sind bey ihnen etwas
gewöhnliches; und doch strauben sie sich so, als ob ihnen durchgehends
der Vorrang gebühre, weil sich ihre Geldküsten wohl bespickt befinden.
Auch im geistlichen Stande fehlt es ihnen an Schmeichlern nicht, von
denen sie bewundert und als hochachtungswürdige Leute gepriesen werden,
nur damit sie ihnen etwas weniges von dem mit Unrecht erworbenen
Vermögen zufliessen lassen.
Einigen von der Sorte des Pythagoras scheint alles so sehr theil
und gemein zu seyn, daß sie alles, was von Andern nicht auf das
sorgfältigste verwahrt wird, als ob es ihr rechtmäßiges Erbgut wäre, an
sich ziehen. Es giebt deren, die nur in ihren Wünschen und Hoffnungen
reich sind; sie lassen sich recht angenehme Dinge träumen, und stehen
in dem Wahne, zur Glückseligkeit werde weiter nichts erfordert. Einige
haben das Vergnügen, daß man sie für reiche Leute hält; und zu Hause
können sie sich kümmerlich des Hungers erwehren. Dieser läßt es an
nichts fehlen, das Seinige recht geschwind durchzubringen; jener
vermehrt es mit Recht und Unrecht. Der Eine durchläuft alle Strassen,
um sich Stimmen zu einem Amte zu erbettlen; der Andere lebt zufrieden,
indem er in seinem Ofenwinkel verrostet. Viele verwickelen sich in
Rechtshändel, die kein Ende nehmen, und bemühen sich beyderseits wie um
die Wette, einen zögernden Richter und schelmischen Fürsprecher, reich
zu machen. Dieser sinnt immer auf Neuerungen; jener geht stets mit
grossen Entwürfen schwanger. Dort ist einer, der nach Jerusalem, Rom,
Compostell, wo er keine Geschäfte hat, als Pilger zieht, und inzwischen
Weib und Kinder zu Hause darben läßt.
[Illustration]
Wenn Sie, meine Herren, (gleich dem Menippus beym Lucian) das
unzählbare Gewirre der Sterblichen vom Monde herab sehen könnten, so
würd es Sie dünken, Sie sehen Heere von Mücken oder Schnaken, die
sich unter einander erzanken, bekriegen, belauren, berauben, spielen,
Muthwillen treiben, gebohren werden, fallen, sterben. Es ist nicht zu
ersagen noch zu erglauben, wie viel verwirrtes Gezeug und Unheil ein
so kleines und hinfälliges Thierchen stifte. Etwann reißt ein kleiner
Kriegs- oder Pestssturm auf einmal bey vielen tausenden hin. Ich würde
aber eine Erznärrinn seyn und würdig, daß Demokritus sein ganzes Lachen
über mich ausschütte, wenn ich fortfahren würde, allen Pöbelswahnsinn
in seinen so vielen Gestalten daher zu zählen. Ich werde mich an die
halten, von denen man glaubt, daß sie alle Weisheit verschlungen haben:
An der Spitze treten die Grammatiker auf, ein pedantisches Völkchen;
elender könnt es um sie nicht stehen, und die Götter selbst würden
sie anfeinden, wenn nicht ich ihren Jammer mit einer angenehmen Art
von Wahnsinne gemildert hätte. Griechen haben ein Sprüchwort von fünf
Plagen, hier aber findet man bey tausenden: Hunger und Durst martert
sie; beschmutzt, bestaubt, sitzen sie in ihren Schulen, Jammerlöchern,
rechten Zuchthäusern; bey den Folterbänken, unter einer Heerde von
Buben, werden sie bey der Arbeit eselsgrau, durch Geschrey betäubt,
durch Hitze und Gestank ausgedörrt; und doch (Dank haben sie mir)
dünken sie sich die Ersten unter den Menschen zu seyn. Sie geniessen
einer rechten Herzenslust, wenn sie mit ihrem Tyrannengesichte,
ihrer Donnerstimme, dem bebenden Häuflein einen Schrecken einjagen
können; mit Stöcken und Ruthen dreschen sie auf die armen Jungen zu;
und indem sie nach Willkühr auf vielerley Weise wüten, geht es ihnen
wie dem Esel in der Löwenhaut.
[Illustration]
Ihr schmutziger Unrath deucht sie Reinlichkeit zu seyn; ihre Nase
haben sie zum Wohlgeruche des Gestanks gewöhnt; in ihrer jämmerlichen
Sclaverey dünken sie sich Könige zu seyn; und ihre Tyrannenmonarchie
würden sie nicht mit der Herrschaft eines Phalaris oder Dionisius
vertauschen. Noch beglückter macht sie ihre seltsame Ueberzeugung, daß
sie grundgelehrte Männer seyen. Alldieweil sie den Schuljungen lauter
Wahnsinn einbläuen, denken sie Wunder, wie weit sie sich über einem
Palämon, einen Donat, hinaufgeschwungen haben. Und ich weiß nicht
durch welche Zauberkünste sie es zu Stande gebracht haben, daß sie
närrischen Müttern und tummen Vätern gerade so verkommen, wie sie sich
selbst zu seyn glauben. Wollust ists für einen solchen, wenn er in
einem halbvermoderten Buche etliche veraltete Wörter erstänkert, oder
ein Stück von einem mit verstümmelten Buchstaben bezeichneten Stein
hervorgegraben hat; o Jupiter! wie hüpft er nicht vor Freude! welcher
Triumph! welches Lobgewäsch! als ob er Afrika besiegt, oder Babilon
erobert hätte. Wenn sie ihre frostigen und abgeschmackten Verslein
allerorten spiegeln und Bewunderer finden, so zweifeln sie nicht,
Virgils Seele sey mit Haut und Haar in ihren Leib gefahren. Lustiger
ist nichts, als wenn sie sich unter einander loben, bewundern, krazen.
Wenn der Eine sich an einem Wörtchen verstossen und ein Scharfsichtiger
es von ungefehr entdeckt hat; o Herkules! welch eine Trauerscene öffnet
sich! welches Gekeife, welche Spottnamen, welche Beschimpfungen!
Alle Grammatiker sollen mir über den Nacken kommen; wenn ich nicht die
runde Wahrheit erzehle: Ich kenne einen Tausendkünstler, Griechen,
Lateiner, Mathematiker, Philosophen, Arzt, und das alles im höchsten
Grad; er ist schon sechzig Jahr alt; seit mehr als zwanzig Jahren
ereselt und ermartet er sich, alle übrigen Geschäfte hindansetztend,
mit der Grammatik; er würde sich für ein rechtes Glückskind halten,
wenn es ihm so lange zu leben verstattet würde, bis er es bey sich
festgesetzt hätte, wie man die acht Theile der Rede von einander
unterscheiden müsse; eine Sache, über die sich bisher kein Grieche
und kein Römer zuversichtlich erkläret habe. Er scheut sich nicht,
den grausamsten Krieg anzufangen, wenn jemand das Beywort an die
Stelle setzt, wo sich das Fügwort befinden sollte. Da es so viele
Gramatiken als Grammatiker giebt, ja noch mehr (denn mein Freund Aldus
schrieb ihrer fünf) so läßt unser Held doch keine vorbey, wenn sie
auch noch so barbarisch und kopfbrechend geschrieben ist, ohne sie
aufs genauste zu durchwühlen; neidisch auf einen jeden, der sich auch
auf die widersinnigste Weise an eine solche Arbeit gewaget hat, in
der herzabnagenden Furcht, es möchte jemand ihm dieses Ehrenkränzlein
ablaufen und ihm die Arbeit so vieler Jahre schänden. Bey Ihnen, meine
Herren, steht es, dieses Wahnsinn zu nennen oder aber Narrheit: mir
liegt wenig daran, wenn man mir nur eingesteht, meiner Güte und Gnade
sey es zuzuschreiben, daß dieser, der sonst das elendeste unter allen
Viehe seyn würde, sich auf eine solche Stuffe der Glückseligkeit
schwinge, daß er sein Loos auch mit keinem persischen Könige
vertauschen würde.
So sehr sind die Dichter mir nicht verpflichtet, ob sie gleich
unstreitig von meiner Zunft sind; sie, denen, wie den Mahlern alles
erlaubt ist; deren Bemühung keinen andern Zweck hat, als die Ohren
der Narren durch possenhafte Schwänke und lächerliche Fabeln, zu
kitzlen. Und dennoch ist es zum Erstaunen, was für grosse Dinge sie
auf diesen Wind bauen: weniger nicht, als daß sie sich und Andern die
Unsterblichkeit und ein wonnevolles Götterleben herzhaft versprechen.
Mit der Eigenliebe und der Schmeicheley leben sie vorzüglich vertraut;
unter allen Sterblichen ist niemand, der mich mit mehrerer Einfalt und
Standhaftigkeit verehrt.
Die Redner treten freilich ein wenig aus dem Gleise, und spielen mit
den Philosophen unter dem Hütchen; doch sind sie auch von meiner
Parthey. Wo der Beweis sey? Ich könnte vieles anführen, man merke aber
nur dieses: unter andern Possen haben sie vieles und unanständlich
von der Kunst zu scherzen geschrieben. Der, (er mag seyn wer er will)
welcher die Redekunst geschrieben und dem Herennius zugeeignet hat,
zählt die Narrheit selbst unter die verschiedenen Arten des Scherzes.
Quintilian, den die Redner für ihren Vortänzer erkennen, schrieb vom
Lachen ein ellenlanges Capitel. Diese Schriftsteller schreiben der
Narrheit eine so grosse Kraft zu, daß sie oft das, was sich durch
keine Vernunftgründe wegräumen liesse, durch ein Lachen in die Flucht
treiben. Man wird es mir doch nicht streitig machen wollen, durch
kunstreiche Schwänke ein Gelächter erwecken, gehöre zu den Gaben der
Narrheit.
Dieses Gelichters sind auch die, welche sich durch Bücherschreiben
einen unsterblichen Ruhm erhaschen wollen. Sie sind mir alle sehr stark
in der Dinte; hauptsächlich die, welche das Papier mit nichts als
Lappereyen überschmieren. Was die betrift, welche nach dem Urtheile
einiger weniger Gelehrten gelehrt schreiben, so scheinen sie mir nicht
so fast glücklich zu seyn, als aber erbarmungswürdig, wenn sie es
gleich auf den Entscheid eines Persius oder Cälius wollen ankommen
lassen; denn sie marteren sich selbst beständig; sie flicken hierzu,
ändern, streichen weg, setzen wieder hin, wiederholen, wärmen auf,
erholen sich Raths, haltens neun oder zehen Jahre zurück, sind nie mit
sich selbst zufrieden; eine nichtswerthe Belohnung, das Lob einiger
wenigen, erkaufen sie theuer, viele Nächte hindurch sich des Schlafes
beraubend, des angenehmsten Dinges von der Welt; bey vielem Schweiß
und Grame, ist ihr Verlust groß; ihre Gesundheit wird vergeudet; die
Schönheit geht zu Grunde; sie werden triefäugig, wo nicht gar blind;
ziehen sich Armuth und Neid zu, finden nirgends einen Eingang zum
Vergnügen, altern und sterben vor der Zeit, und so weiter. Ein solcher
Weiser meynt, alles dieses Uebel werde ihm reichlich dadurch ersetzt,
daß hier oder da ein Blinzer ihn seines Beyfalls gewährt.
Weit glücklicher ist ein Schriftsteller, der sich bey seinen
Träumereyen an mich hält; er darf sich den schalen Kopf nicht
zerbrechen; wie es ihm einfällt, in die Feder schießt, träumt, setzt er
es sogleich auf; es geht dabey nichts verlohren, als ein wenig Papier;
er ist des Erfolgs versichert: je possenhaftere Possen er schreibt, von
desto mehrern, das ist allen Narren und Tummköpfen, erhält es Beyfall.
Es kostet ja keine Mühe, drei oder vier Gelehrten (gesetzt daß sie es
lesen) zu verachten. Der Ausspruch so wenig Weiser gilt, bey einem so
unzählbaren Haufen der Widersprecher, so viel als nichts.
Auch die verstehen die Sache besser, die eine fremde Arbeit für die
ihrige ausgeben; den Ruhm, um den Andern mit grosser Mühe gearbeitet
haben, ziehen sie leicht an sich; ja, eines gelehrten Diebstahls wird
man sie anklagen; das aber, darauf sie sich verlassen, ist dieses: sie
werden sich wenigstens bis dahin die Sache zu Nutze machen. Es ist
der Mühe werth, Acht darauf zu haben, wie vieles diese sich darauf
zu Gute thun, wenn man sie auf den Strassen lobt, im Gedränge mit
Fingern auf sie weist, und spricht: sehet, dort geht der grundgelehrte
Mann! Auf den Läden der Buchhändler stehen ihre Werke feil; auf den
Titelblättern liest man ihre auf verschiedene Weise verkünstelten
Namen, die ein ganz fremdes und magisches Ansehen haben. Und diese
Namen, o Himmel, was sind sie anders, als Namen? Anbey sind sie in
dieser grossen weiten Welt nur sehr wenigen bekannt; und noch von weit
wenigern werden sie gelobt: denn auch bey den Ungelehrten hat jeder
seinen eigenen Geschmack. Nicht selten sind diese Namen erdichtet, oder
aus den Schriften der Alten an Kindesstatt angenommen. Der eine nennt
sich Telemachus, ein anderer Stelenus, ein dritter Laentes, ein vierter
Polykratus, ein fünfter Thrasymachus, und so weiter. Mit eben so gutem
Fuge könnten sie ihr Buch Cameleon betitlen, oder Krautskopf, oder A
oder B oder C, und so weiter.
Das Artigste ist, wenn sie sich unter einander, die Narren und
Dummköpfe, in ihren Briefen und Versen panegyrisieren. Dieser nennt
jenen seinen Alcäus, und bekömmt zur Dankbarkeit den Titel Callimachus.
Sie, mein Herr, spricht Einer, sind beredter als Cicero; und Sie,
erwiedert der Andere, sind gelehrter als Plato. Etwann fordert man
einen Gegner zum Kampf heraus, um sich durch einen Klopffechterstreich
einen noch grössern Ruhm zu erwerben: dann wankt der gaffende Pöbel,
unentschlüssig, welcher Seiten er Beyfall zujauchzen wolle; bis daß es
heißt, jeder der beiden Streiter habe den Sieg erfochten, und beiden
wird die Ehre des Triumphes zuerkannt. Hier lachen die Weisen als über
eine Erznarrheit. So mag es seyn; niemand leugnet es: inzwischen aber
verdanken es die Streiter mir, daß sie ein vergnügtes Leben haben,
und ihre Triumphe mit keinem der Scipionen vertauschen wollen. Auch
die Gelehrten, die hierüber recht von Herzen lachen und sich an dem
Wahnsinne Anderer belustigen, sind mir vieles schuldig und werden es
nicht leugnen, wenn sie ja nicht die Undankbarkeit bis ins Unverschämte
treiben wollen.
Die Rechtsgelehrten wollen allen Andern den Rang ablaufen. Das ist ein
Völkchen, das vor allem austreflich mit sich selbst zufrieden ist. Wenn
man sich einen Begriff von ihrer Arbeit machen will, so mache man sich
mit den Bemühungen des Sistyphus, und dem Erfolge derselben bekannt. In
einem Athemzuge stoppeln sie viele hundert Gesetze zusammen. Gehören
sie auch zur Sache? Davon ist die Frage nicht. Wenn nur Kunstwörter
auf Kunstwörter, Meynungen auf Meynungen, gehäuft stehen; und die Leute
wunder denken, welch eine riesenmässige Arbeit diese Herren zu Stande
gebracht haben: denn das, dabey man wie ein Pferd arbeiten muß, das muß
ja nothwendig etwas vortrefliches seyn!
Bemerken wir jetzt die Logiker und Sophisten, Leute, die geschwätziger
sind, als die Dodonäischen Kessel. Man wähle unter den plauderhaftesten
Weibern zwanzig aus; jeder unsrer Helden wird es mit ihnen allen
aufnehmen. Doch würden sie noch glücklicher seyn, wenn sie weiter
nichts als eine geläufige Zunge hätten; leider haben sie zu viel Galle,
und sie erkämpfen sich um den Schatten mit einer solchen Heftigkeit,
daß mehrentheils über dem Gekeife die Wahrheit verlohren geht. Doch
macht die Eigenliebe auch sie glücklich; mit ein paar Syllogismen
versehen, finden sie keinen Anstand, über jede Sache mit jedermann
handgemein zu werden. Eigensinn macht sie unüberwindlich, wenn sie auch
gleich einen Stentor zum Gegner haben.
Auf diese kommen die durch Bart und Mantel ehrwürdig-gemachte
Philosophen, die sich für die einzigen Weisen ausgeben, da alle übrigen
Sterblichen blos ein Schatten der Menschheit sind, ein Auskericht
der Schöpfung. Allerliebst schwärmen sie, wenn sie unzählbare Welten
bauen: das Maaß der Sonne, des Mondes, der Sternen, der Weltkreise, bis
auf die Breite eines Haares angeben; die Ursachen der Blitze, Winde,
Finsternisse, und aller unerklärbarer Dinge, bestimmen; nirgends so
wenig einen Anstand findend, als ob sie die Geheimräthe der Natur,
der Baumeisterinn der Dinge, gewesen, und gerad aus dem Rathe der
Götter zu uns herabgekommen wären. Inzwischen helfen sie der Natur,
mit ihren Muthmassungen, zu einem recht herzlichen Lachen. Daß sie
nichts verstehen, ist schon dieses ein zureichender Beweis: über jedes
Ding gerathen sie sich so in die Haare, daß sie nicht aus einander zu
reissen sind.
Ob sie gleich nichts wissen, geben sie sich doch für allwissend aus.
Ihnen selbst sind sie fremd. Sie sehen die Grube nicht, den Stein
nicht, darauf sie gerade zugehen; entweder weil sie blödsichtig sind,
oder weil sie ihren Geist an das Umherschweifen gewöhnt haben; und
doch prahlen sie, daß sie Ideen, Universalien, getrennte Formen, die
ersten Stoffe, Quidditäten, Ecceitäten, sehen, das alles so überfeine
Dinge sind, daß ich wohl sagen darf: auch Luchsenaugen seyen zu stumpf
dazu. Nie aber verachten sie den unheiligen Pöbel mehr, als wenn sie
mit Dreyangeln, Vierecken, Zirkeln, und dergleichen mathematischen
Figuren, die in einander verschlungen, verlabyrinthisiert, und mit wie
in verschiedene Schlachtordnungen gestellten Buchstaben durchspickt
sind, den Ungelehrten einen blauen Dunst vor die Augen machen. Und
in diese Classe gehören auch die, welche, um künftige Dinge vorher
zu sagen, die Gestirne zu Rathe ziehen, und mehr als magische Wunder
versprechen; auch so glücklich sind, Menschen zu finden, die ihnen
tummen Glauben zustellen.
Vielleicht würd ich am besten thun, wenn ich bey den Theologen
stillschweigend vorüber gienge, und diese Seite ganz und gar nicht
berührte. Diese Art von Menschen trägt den Kopf gewaltig hoch, und
ist ungemein reizbar; ich laufe Gefahr, daß sie mit tausenderley
Folgerungen auf mich losstürmen; und mir bleibt dann anders nichts
übrig, als zu palinodisieren, wenn ich nicht für eine Erzketzerinn will
ausgeschrien werden. Wenn sie jemanden auch nur ein wenig ungünstig
sind, so sind sie gleich bereit, ihm mit einem Bannstrahle einen
Schrecken einzujagen. Freylich sind sie unter allen Menschen die,
welchen es am widerlichsten vorkömmt, mich für ihre Wohlthäterinn zu
erkennen; und doch sind sie auch aus verschiedenen nicht unwichtigen
Ursachen in meiner Schuld: die Eigenliebe, die sich in meinen Diensten
befindet, versetzt sie wie in den dritten Himmel, wo sie alle übrigen
Sterblichen, als so viele auf der Erden kriechende Thiere, von ihrer
Höhe herab verachten, und beynahe bemitleiden. Mit einem ungeheuern
Heer von magisterialischen Definitionen, Conclusionen, Corollarien,
expliciten und impliciten Propositionen, sind sie rund umschanzt; so
vielerley Ausflüchte stehen ihnen bereit, daß es auch einem Vulkan
unmöglich seyn würde, sie zu verstricken; immer bahnt eine Distinction
ihnen den Ausweg; auch ist dieses das beste Mittel jeden Knoten zu
durchschneiden; schärfer und hurtiger, als jene Art, mit welcher
der Richter in Teredos dem, der den Proceß verlohren hatte, den
Kopf zu zerspalten pflegte; und zu diesem Ende haben sie sich mit
neuausgedachten Wörtern reichlich versehen; Redensarten, die Schauer
einjagen.