Diesen kommen, meiner Einsicht nach, jene sehr nahe, die sich

unterfangen, durch neue und geheime Künste, die Natur der Dinge zu

ändern, und zu Wasser und Land ich weiß nicht was für einer fünften

Kraft nachjagen. Diese weiden sich so königlich mit der süssen

Hoffnung: daß sie weder Mühe noch Unkosten bereuen; mit wunderbarem

Scharfsinn ergrübeln sie sich immer etwas neues, um sich zu täuschen

und sanft einzuwiegen, bis sie von allem so entblöst sind, daß sie

ihren Tigel kalt und leer müssen stehen lassen. Doch setzen sie ihre

schmeichelnden Träume fort, und muntern Andere so viel möglich zu einer

gleichen Wonne auf. Wenn sie endlich von aller und jeder Hoffnung

verlassen sind, so schöpfen sie aus dem Sprüchgen »nach grossen Dingen

gestrebt zu haben, ist Ruhms genug« einen unvergleichlichen Trost. Und

dann schmählen sie erbaulich auf die Kürze des Lebens, die so grosse

Unternehmungen neidisch vereitle.

Noch steh ich im Zweifel, ob ich die Spieler für meine Zunftgenossen

erkennen solle. Doch ists närrisch und lächerlich genug, zu sehen, wie

Einigen, so oft sie die Würfel fallen hören, das Herz im Leibe hüpft

und bebt. Wenn sie, durch die Hoffnung auf Sieg stets genarret, an der

Spielklippe (kaum haben ehedem an dem lakonischen Vorgebürge Malea so

viele gestrandet) Schiffbruch gelitten haben, und kümmerlich mit der

Haut entronnen sind, so betrügen sie ehender sonst jedermann, als den

Sieger, um ja Bidermänner zu bleiben. Was ist von jenen halbblinden

Grauschädeln zu sagen, die zum Spielen ihre Augen mit Gläsern bewaffnen

müssen? Von denen, welchen das gerechtigkeitliebende Chiragra die

Finger gelähmt hat, die Andre bestellen, in ihrem Namen die Würfel

zu werfen? Ein feiner Gespaß wär es freilich, wenn nur dieses Spiel

sich nicht oft in Wuth verwandelte, und dann eine Sache für die Furien

würde, nicht für mich.

[Illustration]

Hier aber kommen Leute meines Gelichters: Wunderdinge, teuschende

Lügen, zu hören oder zu erzählen, macht ihre Freude aus. Unersättlich

sind sie bei solchen Fabeleyen, wenn man von Gespenstern,

Poltergeistern und tausenderley dergleichen Teufeleyen redet, die,

je weiter sie sich von der Wahrheit entfernen, desto gieriger geglaubt

werden, und desto nachdrücklicher die Ohren jücken machen. Und diese

herrlichen Dinge dienen nicht nur zum Zeitvertreibe, sondern sind auch

sehr einträglich: man frage gewisse Schwarzröcke.

[Illustration]

In einer nahen Verwandschaft mit diesen stehen jene, die sich eine zwar

närrische aber doch lustige Sparre in den Kopf gesetzt haben, nämlich,

wer auf einen hölzernen oder gemahlten polyphemusmäßigen Christoph die

Augen richte, werde selbiges Tages nicht ersäufen; oder, wer bey einer

geschnitzten Barbara mit vorgeschriebenen Worten seinen Gruß abstatte,

werde unbeschädigt aus der Schlacht kommen; oder, wer an gewissen

Tagen, mit gewissen Wachskerzen, und gewissen kleinen Sprüchen, den

Erasmus besuche, werde in kurzen reich werden. Sie haben ihren Georg,

wie die Heiden ihren Herkules und Hippolytus hatten; mit Spangen und

Bullen ist sein Pferd auf das andächtigste geziert; wenig fehlts,

daß sie es anbeten; von Zeit zu Zeit macht man sich bey dem Ritter

mit einem Geschenkchen beliebt: und, wenn man bey seiner ehernern

Bickelhaube schwört, dünkt man sich was Grosses zu seyn.

Was soll ich von jenen sagen, welche sich bey erdichteten

Ablaßversicherungen ihrer Verbrechen fein gütlich thun, und die

Zeiträume, Jahrhunderte, Jahre, Monate, Tage, Stunden des Fegfeuers,

nach der Sanduhr angeben, oder geometrisch und auf eine ganz

zuverläßige Weise abmessen? Oder von jenen, die sich auf ein magisches

Zedelein oder Gebetlein verlassen, das ein frommer Betrüger in einer

wunderlichen oder eigennützigen Laune ausgesonnen hat, und die sich

daraus ich weiß nicht was für Herrlichkeiten versprechen: Reichthümer,

Ehrenstellen, Wollüste, Niedlichkeiten, stete Gesundheit, langes Leben,

munteres Alter, und endlich in dem Himmel einen recht ausgezeichneten

Platz, den sie doch erst so spät als möglich zu beziehen gedenken; das

ist, wenn die Wollüste dieses Lebens, an die sie sich mit allen Kräften

halten, ihnen doch endlich entwischen: dann wollen sie sichs gefallen

lassen, an den Freuden der Himmelsbewohner Theil zu nehmen.

[Illustration]

Mich deucht, ich sehe, wie ein Krämer, Soldat, Richter hier vermittelst

eines kleinen aus seinem ganzen zusammengeraubten Vermögen genommenen

Stückchen Gelds den Schandpful seines ganzen Lebens ein für allemal

auszureinigen glaubt, so viele Meineide, Schandthaten, Trunkenheiten,

Gezänke, Mördereyen, Teuschereyen, Treulosigkeiten, Verräthereyen:

alles, denkt er, sey jetzt losgekauft, und so gut losgekauft, daß er

nun auf der Lasterbahn getrost fortgehen könne.

Giebt es wohl närrischere, daß ist glücklichere Leute, als die, welche

darum, weil sie täglich sieben Verse aus den Psalmen daher sagen, sich

die höchste Glückseligkeit als etwas unfehlbares versprechen? Man

glaubt, ein gewisser spaßhafter Dämon, der mehr prahlerisch als schlau

gewesen, habe dem ihn teuschenden Bernhard diese Verse gewiesen.

Und solche Dinge, die so närrisch sind, daß ich beynahe selbst mich

ihrer schäme, finden Beyfall, und zwar nicht nur bey dem Pöbel, sondern

auch bey Leuten, die so vieles von Religion schwatzen, daß man bey

ihnen einen ganz andern Witz vermuthen sollte.

Liesse sich hier nicht auch von dem reden, daß jede Gegend ihren

besondern Schutzheiligen hat; und daß jedem Heiligen sein eigenes

Geschäft, und seine eigene Verehrungsart, angewiesen ist: der eine

hülft bey Zahnschmerzen; der andere springt den Gebährenden bey;

ein dritter verschaft dies gestohlene wieder; ein vierter läßt den

Seefahrer eine beglückte Reise machen; ein fünfter bewacht die Heerde,

und so weiter, denn alles daher zu zählen, würde zu weit führen.

Es giebt Heilige, welche für sich allein vieles zu Stande bringen

können; besonders die jungfräuliche Gottesgebährerinn, deren der

gemeine Mann bald mehrers zuschreibt, als dem Sohne.

Was ist alles, das die Menschen sich von dergleichen Heiligen erbeten,

anders als Thorheit? Wohlan! unter so vielen Gedächtnißtafeln, mit

welchen man die Wände und Gewölber der Tempel gelübdsmäßig dick

behangen findet, hat man je eine gesehen, die aus Dankbarkeit von

jemanden dahin verehret worden, der durch ein Wunder der Narrheit

entflohen, oder auch nur um ein Haar weiser geworden ist? Einer

hat sich glücklich durch Schwimmen gerettet; ein Anderer ward durch

den hohlen Leib gestochen, und ist noch bey Leben; ein Anderer ist,

indem die übrigen fochten, glücklich und tapfer durch die Flucht

entronnen; ein Anderer kam an den Galgen, durch Kraft eines die

Diebe begünstigenden Heiligen zerriß der Strick, und nun fährt er im

Liebeswerke fort, diejenigen zu erleichtern, welche durch zu vieles

Geld beschwert sind; ein Anderer durchbrach die Mauer des Kerkers, und

ist in Freyheit; ein Anderer ist, zum grossen Verdrusse des Arztes,

das Fieber bald losgeworden; einem Andern ward ein vergifter Trank

gegeben; er verursachte aber den Tod nicht, sondern half glücklich

einer Verstopfung ab; nur machts seiner guten Ehefrau wenig Freude, und

sie ärgert sich über ihre vergebliche Mühe und Unkosten; ein Anderer

schmiß mit dem Wagen um, ritt aber mit den Pferden gesund nach Hause;

auf einen Andern fiel der Schutt einer einstürzenden Mauer, schlug ihn

aber nicht todt; ein Anderer, der mit einer Frau tändelte, ward von dem

Manne derselben überrascht, log sich aber durch einen listigen Einfall

los. Niemand bezeigt sich dafür dankbar, daß er von der Narrheit

befreit worden.

O meine Herren! wenig Verstand haben, ist etwas so angenehmes, daß

die Sterblichen sich ehender alles verbäten, als die Narrheit. Aber

warum sollt ich mich auf das Meer des Aberglaubens hinauswagen? Wenn

ich gleich hundert Zungen hätte, hundert Mäuler, eine eiserne Stimme,

so würd ich doch nicht alle Gestalten der Thorheit entwickeln, alle

Namen der Narrheit durchlaufen können. In dem Leben der Christen,

ist durchgehends alles von Wahnsinn vollgepfropft; und die Herren

im schwarzen Kleide begnügen sich nicht nur, es so gehen zu lassen,

sondern tragen auch noch das Ihrige wacker dazu bey; wohl wissend, daß

sich dabey allemal ihre Rechnung werde finden lassen.

Ein Weiser, der mir von Herzen mißfällt, wirft sich zum ungebetenen

Prediger auf, und spricht so, wie die Sache an sich selbst ist: »Du

wirst kein böses Ende nehmen, wenn du gut lebst; deine Sünden werden

dir vergeben werden, wenn du, der du die Sache mit einem stückchen

Gelds richtig machen willt, dein gethanes Böse verabscheust, weinest,

wachest, betest, fastest, und dein ganzes Thun und Lassen änderst; der

Heilige wird dir gewogen seyn, wenn du seinem Leben nacheiferst.« O

meine Herren! wenn dieser Weise Ihnen mit dergleichen Geplauder in den

Ohren liegt, bewaffnen sie sich wohl, wenn es Ihnen um Ihre Gemüthsruhe

zu thun ist.

In diese Zunft gehören auch die, welche bey guter Gesundheit pünktlich

verordnen, mit welchem Gepränge ihre Leiche solle bestattet werden;

sie bestimmen die Zahl der Fackeln, der Leidtragenden, der Sänger, der

Lohnheuler; gerad als sie selbst noch Augenzeugen dieses Schauspieles

seyn würden; oder als ob es ein Schandflecke für den Verstorbenen wäre,

wenn man seinen Leichnahm nicht prächtig einscharrte; sie sind damit so

beschäftigt, als ob sie, gleich den Aedilen im alten Rom, das Volk mit

Schauspielen und Mahlzeiten versehen müßten.

Ob ich gleich eile, so viel mir möglich ist, so kann ich doch jene

nicht übergehen, die zwar vor dem niedersten Schuflicker nichts voraus

haben, und sich doch auf den blossen Titel des Adels ich weiß nicht

was Wundergrosses einbilden. Der Eine will von dem Aeneas abstammen;

der Andere von dem Brutus: und ein Dritter von dem König Arthur. Sie

hängen prahlerisch allerorten geschnitzt und gemahlte Bilder ihrer

Ahnen auf; sie berufen sich auf derselben Namen und Beynamen, und sind

selbst stummen Bildsäulen ähnlich; noch weniger werth, als die Thiere,

die ihren Wappen zu Schildhaltern dienen. Doch führen sie, dank sey es

ihrer holden Selbstliebe, ein ganz glückliches Leben; und an ebenso

grossen Narren fehlts nicht, die diese Art von edlen Thieren für halbe

Götter ansehen.

[Illustration]

Warum red ich aber nur von einer oder der andern Art von Narren! die

Selbstliebe zaubert ja allerorten auf tausenderley wunderbare Weise

dergleichen recht glückliche Geschöpfe hervor. Etwann sieht man einen,

mit dem die Natur es noch wohl gemeinet hätte, wenn er von ihr blos mit

einem Affengesichte wäre begabet worden, und er deucht sich schöner zu

seyn, als Nireus es beym Homer ist. Ein Anderer, so bald er vermittelst

seines Zirkels zwo oder drey Linien ziehen kann, glaubt, daß er es

mit dem Euklides aufnehmen könnte. Hier ist einer, der sich zur

Musik so gut schickt, wie der Esel zur Harfe; doch glaubt er sich im

Stande zu seyn, mit einem Hermogenes in die Wette zu singen, ob man

gleich das Gekrähe des die Hänne betretenden Hahnes musikalischer

findet, als sein Gekrächze.

[Illustration]

Lustig ists, wenn man auf das Betragen einer andern Art von

Wahnsinnigen acht hat: aller der Gaben und Geschicklichkeiten, die

ihre Bedienten besitzen, rühmen sie sich, als ob es die ihrigen

wären. Hieher gehört jener glückliche Reiche beym Seneca: wenn er

ein Geschichtchen erzählen wollte, hatt er immer Knechte zur Seiten,

die ihm die Namen einflüsterten; er war von einer so schwächlichen

Leibesbeschaffenheit, daß es leicht gewesen wär, ihn zu Boden zu

hauchen; und doch beredet er sich, im Stande zu seyn, sich in den

Streit der Klopffechter zu mischen; denn er hatte ja zu Hause starke

Bengels, denen er Muß und Brod gab.

Es würde sich der Mühe nicht lohnen, wenn ich viele Worte über die

verlieren wollte, die von Künsten und Wissenschaften Profession

machen. Sie besitzen eine besondere Selbstliebe: ehender thun sie

verzicht auf ihr ganzes väterliches Erbgütchen, als auf ein Früchtchen

ihres Genies. Schauspieler, Musicanten, Redner, Poeten, lieben sich

selbst um so viel heftiger, um so viel ungelehrter sie sind. Was auch

noch so abgeschmackt ist, findet immer einen Gaumen, dem es behagt; es

giebt Leute, denen selbst das Häßliche sich anpreist: denn (wie oft

soll man es noch sagen) die meisten Menschen sind Narren. Also darf

man nur recht unwissend seyn, um sich selbst herrlich zu gefallen, und

von vielen bewundert zu werden. Einfältig müßte man seyn, wenn man

der sogenannten wahren Gelehrtheit nachwerben wollte: dieses würde

hoch zu stehen kommen: und was würde die Ausbeute seyn? schüchtern und

menschenscheu würde man werden, und bald aller Welt mißfallen.

[Illustration]

Wie die Natur einzelne Menschen behandelt, so behandelt sie auch ganze

Völkerschaften; jeder hat sie ihre besondere Eigenliebe eingeimpft. Die

Britten machen hauptsächlich Anspruch auf eine schöne Leibesgestalt,

die Musik, und eine niedlich besetzte Tafel. Die Schotten

schmeicheln sich mit Adel, königlicher Abkunft, und scharfsinniger

Disputierkunst. Die Franzosen behaupten, eine gute Lebensart müsse

man bey ihnen erlernen; besonders aber in Paris die Theologie. Die

Italiäner brüsten sich auf ihre Gelehrtheit und Beredsamkeit; und daher

schmeicheln sie sich, daß sie einzig nicht Barbaren seyn; insonderheit

maaßen sich die Römer dieser Glückseligkeit an; sie wiegen sich zum

süssen Traum ein, daß sie noch im alten Rom leben. Die Venetianer

triumphieren wegen ihrem Adel. Die Griechen prahlen, sie seyen die

Erfinder der Künste und Wissenschaften, und behängen sich mit den

Titeln ihrer alten berühmten Helden. Die Türken, samt allen dem übrigen

Barbarengeschmeisse, schreien, die ächte Religion lasse sich nur bey

ihnen finden; und sie lachen höhnisch über Christen, als Abergläubige.

Gütlich thun die Jüden sich noch heut zu Tage mit der Erwartung des

Messias, und sind dabey so standhaft, als sie es in Bewahrung der

Schriften ihres Moses sind. Die Spanier wollen die berühmtesten

Kriegsleute seyn. Die Germanier spiegeln ihre großen Körper und ihre

Bekanntschaft mit magischen Künsten.

Wir wollen nicht weiter gehen. Es liegt am Tage, wie viele Wollust

die Eigenliebe allen und jeden Sterblichen verschaffe. Sie hat eine

Gesellschafterinn, die Schmeicheley. Wirklich, wenn man sich der

Eigenliebe ergiebt, was thut man anders, als daß man sich selbst

schmeichelt; daß man sich selbst eben die Gefälligkeit erweist, mit

welcher man sich zuweilen in die Gunst Anderer setzt. Heut zu Tag ist

freylich die Schmeicheley in einen bösen Ruf gekommen; aber bey wem?

bey Leuten, die mehr auf die Wörter sehen, als auf die Dinge selbst.

Sie stehen in dem Wahne, Ehrlichkeit könne mit Schmeicheley nicht

wohl bestehen. Damit sie lernen mögen, wie gröblich sie sich irren,

sollte man sie bey vernunftlosen Thieren zu Schule schicken: Was ist

schmeichelhafter als der Hund? und was ist zugleich getreuer als er?

was ists, das sich mit Possirlichkeiten gefälliger machen kann, als

das Eichhörnchen? und doch ists ein Freund des Menschen. Sind etwann

Löwen, Tiger, Panterthiere, große Menschenfreunde, weil sie sich

nicht einschmeicheln?

[Illustration]

O ja, es giebt eine sehr schädliche Schmeicheley, durch welche zuweilen

ein Treuloser, oder ein Spötter, einen Einfältigen ins Verderben zu

locken trachtet. Die meinige hingegen entspringt aus einer gewissen

Gutmüthigkeit und Aufrichtigkeit; sie kömmt der Tugend weit näher, als

ein gewisses rauhes, mürrisches, unschickliches, und schwerfälliges

Wesen; sie flößt den Niedergeschlagenen einen Muth ein, tröstet

die Traurenden, muntert die Trägen auf, macht die Tummen munter,

erleichtert die Kranken, besänftigt die Wütenden, stellt die Liebe

wieder her, macht die Persönlichkeit dauerhaft, locket die Jugend zum

lernen an, belustigt die Alten, ermahnt und unterrichtet die Fürsten

auf eine glimpfliche Weise, indem sie dieselben blos zu loben scheint;

kurz, sie bringts zu Stande, daß jeder sich seiner mehr freut, und sich

selbst mehr liebt; und dieses macht bey der Glückseligkeit gewiß die

Hauptsache aus.

Was kann dienstfertiger seyn, als wenn zween Esel wechselweise einander

kratzen? Ich habe nicht nöthig, erst zu sagen, daß ein solches

Betragen einen grossen Theil der gelobten Beredsamkeit ausmacht, einen

grössern der Arzeneykunst, und den grösten der Dichtkunst; daß in

derselben auch alles bestehe, was das gesellschaftliche Leben aufs

lieblichste durchwürzen kann. Aber betrogen werden (sagen die Weisen)

ist ja ein grosses Elend. Nicht betrogen werden (sag ich) ist das

allergröste. Man kann nicht ärger ausschweifen, als wenn man sich

in Kopf setzt, die Glückseligkeit des Menschen besteh in den Dingen

selbst. Vom Wahne hängt sie ab; denn in dem menschlichen Wesen ist

alles so dunkel, einander so entgegengesetzt, daß nichts sich deutlich

wissen läßt; wie meine Akademiker es sehr richtig bemerkt haben; und

hierinn erwiesen sie sich gewiß nicht als stolze Philosophen. Wenn

sich auch je etwas wissen läßt, so benimmt es nicht selten dem Leben

seine Freude. Der Mensch ist einmal so: Schminke ist ihm reizender als

Wahrheit.

Wenn sich jemand hievon durch eine deutliche und handgreifliche

Erfahrung überzeugen will, so stell er sich nur unter einen

Predigtstuhl, und sehe, wie alles (sobald darauf etwas Ernsthaftes

verhandelt wird) schläft, gähnt, hustet, sich schneizt, vor Eckel

erblaßt; wenn hingegen der Kanzelschreier (ich irre mich, Redner wollte

ich sagen) nach Gewohnheit ein altes Weibermärlein anfängt, erwacht

alles, richtet sich auf, spitzt gierig die Ohren. Und wenn die Rede

auf einen Heiligen kömmt, von dem mehr dichterisches und heldenmäßiges

zu erwarten steht, zum Exempel, einen Georg, einen Christoph, eine

Barbara, o dann ist man mit einer grössern Andacht bereit, als wenn man

nur mit einem Petrus und Paulus, oder auch Christus, unterhalten wird!

Aber hier ist davon die Rede nicht.

Vermittelst des Wahnes läßt sichs, ohne so grossen Aufwand zur

Glückseligkeit kommen. Was die Dinge selbst betrift, so hat man oft

grosse Mühe, sich auch nur die geringsten derselben anzuschaffen: man

denke nur, was für Schweiß schon die Grammatik ausgetrieben hat. Zum

Wahne, die zur Glückseligkeit noch weit mehr beyträgt, gelangt man

sehr leicht. Dort ist einer, dem seine faulen Fische, von welchen

ein Anderer die Nase zuhält, recht königlich schmecken; gewiß ist

er dabey glücklich; und dieses wäre da nicht, wenn man ihm den

köstlich-bereiteten und frischen Störfisch, vor dem ihm aber eckelt,

aufgetischt hätte. Jemand hat eine von Herzen häßliche Frau, findet sie

aber schön wie Venus; ists ihm nicht einerley, ob sie ist, wie sie ist,

oder ein Muster der Schönheit wäre. Jener hat eine Tafel, darauf ein

elendes Geschmire ist, hält sie aber für die Arbeit eines Apelles oder

Zeuxis, und kann sie nicht genug bewundern; ist er nicht glücklicher,

als ein Anderer, der wirklich ein Stück von der Hand dieser Künstler

mit schwerem Geld erkauft hat, aber dabey kein so grosses Vergnügen in

sich fühlt.

Ich kenne einen Menschen, der die Ehre hat, mein Namensverwandter zu

seyn; er verehrte seiner Braut etliche falsche Demante, und beredete

sie (das Bereden verstand er meisterhaft) sie seyen nicht nur ächt,

sondern auch von einem unschätzbaren Werthe. Man sage mir einmal, was

gieng dem Mädchen ab? sie weidete an den Gläschen Augen und Herz, als

ob sie einen grossen Schatz in ihrem Besitze hätte. Inzwischen hatte

der Mann sich einen grossen Aufwand erspahrt, und machte sich des

Irrthums seines Weibchens zu Nutze; sie war ihm um kein Haar weniger

verbunden, als ob er ihr das allerkostbarste geschenkt hätte.

Plato dichtet: in einer Höhle sitzen Leute, welche nur die

Schattenbilder verschiedener Dinge sehen, und bewundern; sie verlangen

weiter nichts, und sind treflich mit ihrem Zustande zufrieden. Nun,

was hat der Weise, der sich aus der Höhle heraus schleicht, und

das Wesentliche jener Bilder angafft, vor jenen voraus? Wenn der

Schuflicker Mycillus, von dem uns Lucian eine Erzehlung macht, und der

sich im Traume ein reicher Mann zu seyn einbildete, stets so geträumt

hätte, so wird er keine Ursache gehabt haben, sich ein anderes Glück

zu wünschen. Zwischen Narren und Weisen ist also höhstens dieses der

Unterschied, daß jene die glücklichern sind; denn, ihre Glückseligkeit

kömmt sie höher nicht zu stehen, als daß sie dieselbe mit einem kleinen

Gedanken erkaufen; und anbey leben sie in einer grossen Gesellschaft;

ein herrlicher Vortheil! denn nichts ist so gut, daß es Vergnügen

macht, wenn man es einzig für sich haben muß. Der Weisen giebt es sehr

wenig; und noch nicht ausgemacht ists, ob sich wirklich einer finden

lasse. Griechenland zählt, inner vielen Jahrhunderten, ihrer sieben;

aber, beym Herkules sey es geschworen! wenn man die Sache genauer

erforschen will, so will ich des Todes seyn, wenn man nur die Hälfte,

nur den Drittel eines Weisen findet.

Unter den vielen Dingen, durch die Bachus sich sein Lob verdient, ist

hauptsächlich dieses, daß er aus dem Gemüthe die Sorgen wegschwemme;

es dauert aber nur eine kleine Weile; denn kaum ich das Räuschlein

ausgeschlafen, so stellt sich der Gram über Hals und Kopf wieder

ein. Mit der Wohlthat, durch die ich segne, hat es eine ganz andere

Beschaffenheit: durch eine gewisse stete Berauschung, die man sich ohne

Entgeld anschaft, setz ich das Gemüth in immerwährende Wonne.

Man wird mir keinen der Sterblichen aufweisen können, der nicht

dieses oder jenes meiner Freygebigkeit zu verdanken hätte; da andere

Gottheiten ihre Gaben nur diesen oder jenen auf eine parteyische Weise

zutheilen. Bachus läßt nicht allerorten den edlen und angenehmen Wein

wachsen, der die Sorgen verjagt, und dabey man sich in süsser Hoffnung

zum reichen Manne trinkt. Nur selten macht Venus schön, und Merkur

noch seltener zum beredten Manne. Herkules ist sehr sparsam, wenn es

aufs Reichmachen ankömmt. Der homerische Jupiter setzt nicht jedermann

auf den Thron. Oft gewährt Mars keinem der streitenden Heere den Sieg.

Schon ein mancher ist mit einem langen Gesichte von dem Dreyfusse des

Apollo weggeschlichen. Der saturnische Jupiter donnert oft. Phöbus

schießt zuweilen pestilenzialische Pfeile. Neptun verschlingt mehr

Menschen, als er rettet. Wenn ich hier von einem Afterjupiter, einem

Pluto, einer schadenfrohen Ate, und andern dergleichen Rache- und

Krankheitsstiftern, reden wollte, so würde man nicht Götter an ihnen

erkennen, sondern Henker.

Ich einzig, die Narrheit, bin eine so gute Närrinn, daß ich

bereitwillig mit meinen Wohlthaten jedermann zu Diensten stehe. Man

hat nicht nöthig, mich durch Gelübde zu bestechen; ich erzörne mich

nicht; begehre kein Aussöhnungsopfer, wenn man sich bey meiner

Verehrung in dieser oder jener Ceremonie verfehlt hat; bringe nicht

Himmel und Erden in Verwirrung, wenn man die übrigen Götter zu Gaste

bittet, mich aber zu Hause sitzen läßt, wo mir kein Opferdunst mit

seinen Wolgerüchen in die Nase steigen kann. Um die übrigen Götter

ist es etwas so mürrisches, daß es bald besser und sicherer ist, man

lasse sie in Ruhe das seyn, was sie sind, als daß man trachte, sich

bey ihnen einzuschmeicheln. Es steht um sie beynahe, wie um Leute, die

so wunderlich und über jede Kleinigkeit so empfindlich sind, daß es

behaglicher ist, keinen Umgang mit ihnen zu haben, als sich mit ihnen

bekannt zu machen.

[Illustration]

Das Lob der Narrheit · 第 4 / 9 段