Mir hat man es zu verdanken, daß man hin und wieder Greisen sieht,

alt wie Nestor, die zwar bald nicht mehr Menschen gleich sehen,

stammeln, aberwitzig sind, grau, zahn-, haarlos, gebücket, runzlicht,

stinkend, lendenlahm, aber sich des Lebens doch so sehr freuen, noch

so kindisch tändeln, daß der Eine sein graues Haarnest schwarz färbt,

und der Andere seine Glatze unter falsches Haar versteckt; dieser

sich solcher Zähne bedient, die er einem seiner Anverwandten aus dem

Schweinstalle abgeborgt hat; jener in ein Mädchen so jämmerlich

verliebt ist, daß kein junger Laffe den Narren so weit treiben könnte.

Daß ein Steinalter, der an der Grube herumkriecht, und zur Todtenbaar

vorbereitet ist, ein junges Töchterchen, das blutarm ist, und Andern zu

Diensten stehen wird, zur Ehe nehme, ist etwas so wenig ungewöhnliches,

daß es zur rühmlichen Mode geworden.

Noch herzbrechender ists, wenn man ein altes Mütterchen sieht, die

schon lange dem Tod entgegengelebt hat, und so geripphaft aussieht,

daß man meynen sollte, sie komme gerad aus dem Reiche der Todten

zurück, aber das Lob des Lebens noch immer herausstreicht, und einen

armen Phaon reichlich bezahlt, um ihr durch seine geheimen Künste die

Lebensliebe fleißig einzupropfen: an Schminke läßt sies nicht fehlen,

ihr Gesicht zu verstecken; vom Spiegel ist sie nicht wegzubringen; sie

erarbeitet sich, was an ihrem Leibe das Alter verräth, bestmöglichst

auszureuten; da steht sie leider im allzutief ausgeschnittenen Wamste;

in ein verliebtes Liedchen brummt ihr kollernde Stimme; da sitzt sie

beym Gesundheittrinken; mischt sich unter die tanzenden Reigen der

Mächden; krazet Liebesbriefe. Freylich rufen die lachenden Spötter,

hier die Wahrheit, daß es alles erznärrisch sey; aber inzwischen

gefällt sie sich selbst, schwimmt in einem Wollustsmeere, und, Dank hat

sie mir, ist beglückt.

Ja freylich, lächerlich machen sich diese Leute. Ihr aber, die ihr

diese weise Anmerkung ausgebrütet habt, überleget es reiflich:

ists nicht besser, bey einer solchen Narrheit wonnevoll leben, als

verzweiflungsvoll sich nach einem Balken, Nagel, und Strick umsehen?

Daß der Pöbel dergleichen Dinge für schändlich halte, das macht meinen

Narren keinen Kummer: sie fühlen dieses Uebel nicht; oder, wenn sie

es fühlen, so achten sie es wenig. Wenn ein Stein ihnen auf den Kopf

fiele, ja, dann würden sie das Uebel fühlen; aber Scham, Schande,

Schimpf, Schmähungen, sind nur da schädlich, wo man sie als schädlich

ansieht; Fühllosigkeit setzt über das Uebel hinaus. Wenn gleich das

ganze Volk dich auszischt, so bleibst du doch unverletzt, so lange

du dir selbst Beyfall zuklatschest; und diese Kunst lernt sich blos

in der Schule der Narrheit. Eben dieses (krächzen mir Philosophen

entgegen) ist ein Elend, wenn man in den Stricken der Narrheit als ein

Tummkopf umherirrt. O nein, eben das heißt, ein Mensch seyn; und anbey,

was plaudert ihr hier vom Elendseyn; seyd ihr nicht selbst gerade so

gebohren, unterrichtet, auferzogen? ists nicht das gemeine Loos allen

Menschen?

Nichts ist elend, das sich in seinem natürlichen Zustande befindet;

sonst müßte man das Loos des Menschen beweinen, der nicht mit den

Vögeln fliegen, nicht mit dem übrigen Viehe auf vier Füssen laufen,

sich nicht mit den Hörnern ochsenmäßig vertheidigen kann. Mit gleichem

Rechte müßte man das schönste Pferd unglücklich nennen, weil es nicht

in der Grammatik unterrichtet worden, und man es nicht mit Pasteten

bewirthet; elend würd es um den Ochsen stehen, weil er nicht auf den

Fechtboden gegangen ist. Wie demnach das ungrammatikalische Pferd

nicht unglücklich ist, so ists auch der närrische Mensch nicht: beide

befinden sich ja in ihrem natürlichen Zustande.

Der Mensch (erwiedern die verdrehten Feinschwätzer) hat das besondere

Vorrecht, sich in Wissenschaften umzusehen, und vermittelst derselben

kann er durch Scharfsinn das erlangen, das die Natur ihm versagt hat.

O wo bleibt die Wahrscheinlichkeit? Die Natur, die bey Mücken, beym

Grase, bey Blumen, so wachsam war, schlummerte gewiß, da die Reihe an

den Menschen kam, nicht so ein, daß sie jene Wissenschaft hätte zu

Hilfe rufen müssen, die Theut, der dem Menschengeschlecht so abholde

Genius, zum Verderben derselben ausgesonnen hat, indem sie nicht nur

zur Glückseligkeit des Menschen nichts beytragen, sondern derselben

sogar sehr hinderlich sind; wie beym Plato der scharfsichtige König

Thamus, in Absicht auf die Erfindung der Buchstaben, sehr richtig

bemerkt hat.

Wissenschaften schlichen sich gleich den übrigen ansteckenden

Seuchen des menschlichen Lebens in der Welt ein; sie hatten eben die

Erfindung, von denen alle Schandthaten herkommen, nämlich die Dämonen,

das ist, Vielwisser. Die Menschen lebten in den ersten goldenen

Zeiten ohne Wissenschaften, und folgten blos dem Naturtrieb. Wozu

hätte die Grammatik dienen sollen, da man nur eine Sprache redte,

und dabey keinen andern Zweck hatte, als einander zu verstehen?

Unnütz waren die Redner, weil niemand den Andern vor Gerichte zog.

Gesetzverständige würden müssige Leute da gewesen seyn, wo man nichts

von Sittenverderbniß wußte, dieser Quelle guter Gesetze. Zu fromm war

man, als daß man, mit ruchloser Neugier, den Geheimnissen der Natur,

dem Maaße, den Bewegungen, und den Wirkungen der Gestirne, und den

verborgenen Ursachen der Dinge, nachgespührt hätte; man würd es für ein

strafwürdiges Verbrechen gehalten haben, wenn ein sterblicher Mensch

über seine Gränze hinaus nach Weisheit gefrefelt hätte; nachzuforschen,

was sich über dem Himmel hinausbefinde -- o ein solcher Wahnsinn wäre

damals niemanden zu Sinne gekommen!

Nach und nach verlohr sich die Reinigkeit des goldenen Zeitalters.

Schadenfrohe Geister (wie gesagt) erfanden Künste, wenige noch,

und von wenigen angenommen. Der Aberglaube der Chaldäer und der

Griechen schwindlichter Leichtsinn erfanden nachwärts eine Menge

ächte Geistesplagen; schon die Grammatik für sich wäre zureichend,

den Menschen sein ganzes Leben hindurch auf der Folterbank zu

martern. Unter diesen Künsten und Wissenschaften hält man die für die

schätzbarsten, die mit dem gemeinen Menschenverstande, das ist, mit

der Narrheit, am besten übereinstimmen. Die Theologen fressen sich vor

Hunger Nägel weg; die halberfrohernen Naturforscher hauchen sich in die

Finger; über Astrologen lacht man; Vernunftlehrer läßt man nach dem

Winde haschen; aber vor dem Arzte sieht man alles die Segel streichen;

je ungelehrter, verwägener, unbedachtsamer er ist, desto höher ist

er bey Fürsten und reichen Leuten angeschrieben. Die Arzeneykunst,

wie sie heut zu Tage von vielen getrieben wird, ist geschwätzige

Fuchsschwänzerey.

Nach diesen kommen die Gesetzkünstler. Vielleicht hätte ich ihnen den

ersten Platz einräumen sollen. Sie betreiben, wenn man doch der ganzen

Zunft der höhnischen Philosophen Glauben zustellen will (denn in den

Handel möcht ich mich nicht mengen) einen Eselsberuf. Und doch richtet

sich alles, grosses und kleines, nach dem Gutdünken dieser Esel; ihnen

fallen grosse Landgüter zu, alldieweil der Theolog, der alle Schränke

der Gottesgelehrtheit durchstänkert hat, an harten Bohnen sich müde

beißt, und sich mit Wanzen und Läusen erfechten muß.

Ja, je näher eine Kunst mit der Narrheit in Verwandtschaft steht, desto

mehr hat man sich von ihr zu versprechen. Die Beglücktesten sind also

die, denen es vergönnet ist, mit keiner der Wissenschaften Verkehr zu

haben, und blos der Natur zu folgen, die nie auf Abwege verleitet,

so lange man nicht die Schranken, die den Sterblichen gesetzt sind,

überspringen will. Die Natur verabscheut jede Schminke; lustig wächst

das hervor, das durch keine Kunst verdorben worden.

Sehen Sie nicht, meine Herren, daß es um alle übrigen Thiere herrlich

steht, die von Wissenschaften keinen Begriff, und blos die Natur zur

Hofmeisterinn haben? Was ist glücklicher, wunderbarer, als die Bienen?

Bey wenigen körperlichen Sinnen erweisen sie sich als unvergleichliche

Baumeister; noch kein Philosoph hat gleich ihnen eine Republik

errichtet. Das Pferd, dessen Sinne etwas Gemeines mit den menschlichen

haben, und das sich verleiten ließ, zum Hausgenossen des Menschen zu

werden, mußte Antheil an den menschlichen Jammer nehmen: denn nicht

selten, wenn es sich in dem Weltlaufe schämt, überwunden zu werden,

läuft es sich bauchschlägig aus dem Athem; und wenn es sich in der

Schlacht um den Triumph erkämpft, wird es durchbohrt, und muß mit samt

dem Reuter in den Staub beissen. Und noch hab ich nichts von rauchen

Gebißen und Zähnen gesagt, scharfen Sporen, Stallkerker, Peitschen,

Banden, Halftern, schwerem Reuter, kurz, allen den jämmerlichen Folgen

der Knechtschaft, denen es sich von freyen Stücken überließ, weil

es heldensüchtig (grossen Kriegern nachahmend) dieses für das beste

(aber freylich hoch zu stehen gekommene) Mittel hielt, den Hirschen,

welchen es nicht leiden konnte, von der Weide zu treiben. O wie

weit glücklicher ist das Leben der Mücken und Vögel, die dem blosen

Naturtriebe folgen, und nichts als die menschliche Arglist zu fürchten

haben! Wenn die Vögel eingebauret, sich von Menschen im Pfeifen und

Schwatzen unterrichten lassen, o wie bald ist nicht ihre natürliche

Munterkeit entartet! In allwege wird das Werk der Natur durch die

Schminke der Kunst geschändet.

Alles mein Lob übersteigt jener pythagorische Hahn. Er war alles:

Philosoph, Mann, Weib, König, Unterthan, Fisch, Pferd, Frosch, und

wie ich glaube, sogar auch Pfifferling; nach seinem Ausspruche ist

der Mensch das elendeste unter allen Thieren, weil er allein (da alle

übrigen mit den Schranken, darein die Natur sie gesetzt hat, herrlich

zufrieden sind) sich inner seinen Gränzen nicht halten will; auch

zieht er unter den Menschen einen Tummkopf dem Gelehrten und Mächtigen

weit vor. Auch Gryllus war ungemein viel weiser, als der verschmitzte

Ulysses, weil er lieber im Stalle grunzen, als mit diesem, ich weiß

nicht, wie manches gefährliche Abentheuer aufsuchen wollte. In dieser

Meynung scheint mir auch Homer gewesen zu seyn, der Vater schnakichter

Fabeln: oft nennt er die Menschen überhaupt arbeitselige Tropfen; und

besonders betitelt er den Ulisses, den er als ein Muster eines weisen

Mannes aufstellt, den Elenden und Unglücklichen; Titel, mit welchen er

nie einen Paris, Ajax, Achilles, beehrt. Und warum? weil jener Krübler

sich in allem nach dem Rathe der Pallas richtete, und zu weise war,

sich vom Naturweg zu weit entfernend.

Ja, unter den Sterblichen weichen keine von der Glückseligkeit weiter

ab, als die, welche sich mit der Weisheit abgeben: zu Menschen sind

sie gebohren, die Tollköpfe vergessen aber ihres Standes; wollen

gleich den unsterblichen Göttern leben; kündigen, nach dem Beyspiele

der Himmelsstürmer, mit Wissenschaftswaffen versehen, der Natur den

Krieg an. Hingegen wird wohl das Elend derer das kleinste seyn, die

an Gesinnung und Narrheit den Thieren am nächsten kommen und sich

an nichts wagen, das dem Menschen zu schwer seyn muß. Wir wollen

doch sehen, ob wir dieses nicht, ohne stoische Künsteley, in einem

handgreiflichen Beispiele, an den Tag legen können. Nun (ich nehme

hierüber die unsterblichen Götter zu Schiedsrichtern): kann was

glücklichers seyn, als der Zustand jener, die man Schalksnarren nennet,

Stocknarren, hirnlose Krautsköpfe, oder was dergleichen Beynahmen sonst

seyn mögen, die ich für die schönsten Ehrentitel erkenne? Ich will

etwas sagen, das dem ersten Anschein nach närrisch und abgeschmackt

ist, sich aber als die Wahrheit selbst anpreist.

Meine gepriesenen Helden wissen erstlich nichts von Todesfurcht, einer

Sache, die (beym Jupiter will ichs beschwören) kein kleines Uebel ist.

Sie wissen nichts von der Folterbande des Gewissens. Die Fabeln von

Erscheinung unterirdischer Geister jagen ihnen keinen Schrecken ein.

Sie fürchten sich nicht vor Gespenstern und Poldergeistern. Weder

kommendes Unglück, noch zauderndes Glück, macht ihnen den Kopf toll.

Kurz, tausenderley Sorgen, denen dieses Leben blosgesetzt ist, nagen

nicht an ihrem Herzen. Scham, Scheu, Ehrfurcht, Neid, Liebe, machen

keinen Eindruck auf sie. Selbst die Theologen werden sagen, je näher

man dem Unverstande vernunftloser Thiere komme, desto weniger sündige

man.

Nun erwäg es einmal bey dir selbst, närrischer Weiser! mit tausenderley

Geistesgrame marterst du dich Tag und Nacht; trag alle Beschwerden

deines Lebens wie in einen Haufen zusammen; sieh dann, wie von

manchem Uebel ich meine Tummköpfe sicher gestellt habe. Immer sind

sie fröhlich; spielen, singen, lachen; wo sie hinkommen, theilen sie

jedermann Wonne mit; alles scherzt, spielt, lacht mit ihnen. Ists nicht

gerade so, als ob die huldreichen Götter sie aus keiner andern Ursache

in die Welt gesetzt hätten, als um das Düstere des menschlichen Lebens

aufzuhellen? der Schwermuth zum Gegengifte zu dienen? Sie (da sonst

jeder nur gewisse Leute begünstigt) erwerben sich jedermanns Zuneigung;

allerorten werden sie gesucht, gespeiset; man schmeichelt ihnen; eilt

ihnen, wenn sie sich in Gefahr befinden, zu Hülfe; ungestraft läßt man

sie alles sagen und thun; niemand trachtet ihnen zu schaden; selbst

die Thiere, wie ihre Unschuld fühlend, gehen ihnen aus dem Wege. Sie

sind wie den Göttern geheiligt, und besonders mir; mit Recht allso hält

jedermann sie in Ehren.

[Illustration]

Fürsten und Königen sind sie vorzüglich lieb und werth; so, daß einige

derselben ohne sie nicht essen, nirgends hingehen, nicht eine Stunde

ausdauern können; ja sie ziehen sie ihren Weisen und sauern Räthen,

derer sie doch auch einige Ehrenthalben mit Speise und Lohn versehen,

weit vor. Und warum thun sie es? Die Ursache ist leicht gefunden,

und eben so wunderbar nicht: diese Weisen tischen den Fürsten nur

traurige Dinge auf; sich auf ihre Gelehrtheit verlassend, scheuen sie

sich etwann nicht, zarte Ohren mit der beissenden Wahrheit zu martern;

die Narren hingegen bringen anders nichts zu Markte, als Dinge, dadurch

die Fürsten sich weit sicherer als durch irgend was anders das Herz

abstehlen lassen: Scherz, Schwänke, die das wonnevollste Lachen zeugen.

Man bemerke auch diese grosse Gabe der Narren: nur durch sie hört

man die pur lautere Wahrheit. Nun, was ist lobenswürdiger, als die

Wahrheit? Wenn man dem Alcibiades beym Plato glauben will, so reden

Wein und Kinder die Wahrheit; wirklich aber gehört dieses Lob mir ganz

zu. Euripides sah es wohl ein, da er sagte, Narren reden närrisch.

Was der Narr im Herzen hat, kann man auf seinem Gesichte lesen, und

in seinen Reden hören. Die Weisen hingegen haben zwo Zungen (wie eben

dieser Euripides bemerkt) mit der einen reden sie die Wahrheit, und mit

der andern so, wie es Zeit und Umstände erheischen; das schwarze machen

sie weiß; aus demselben Munde kömmt kalt und warm; und sie reden nicht

frey von der Brust weg.

Fürsten mögen auch so glücklich seyn, so halt ich sie doch darinn für

höchst unglücklich, daß sie niemanden haben, von dem sie die Wahrheit

hören könnten, und gezwungen sind, sich Schmeichler statt Freunden

zu wählen. Aber (heißt es etwann) den Ohren der Fürsten eckelt von

der Wahrheit; deßwegen scheuchen sie jene Weisen von sich weg; sie

fürchten, ein Freymaul möcht auftreten, um ihnen ihre Freuden durch die

bittere Wahrheit zu verderben. O ja, so verhält sich die Sache; Könige

mögen die Wahrheit nicht wohl leiden. Aber, hierüber thun meine Narren

sich hervor: aus ihrem Munde hört man nicht nur die Wahrheit, sondern

sogar auch die offenbarsten Schmähungen, mit Vergnügen an; Dinge, die

dem Weisen, wenn er sie hervorgebracht hätte, den Hals würden gebrochen

haben. O um die Wahrheit ist es etwas vortrefliches! sie belustigt,

wenn nichts Beleidigendes eingemischt ist: aber das ist auch eine Gabe,

die von den Göttern nur den Narren zugetheilt worden.

Weiber, die von der Natur einen Hang zum Vergnügen und zu lustigen

Zeitvertreiben haben, pflegen sich, bald aus den nämlichen Ursachen, an

diese Art von Menschen zu halten. O wer kann alles wissen, was sie mit

denselben für Possen treiben; oder wie allzuernsthaft es zuweilen dabey

zugeht! Nein, nein, alles ist nur Scherz, nur Spiel gewesen. Ja, das

schöne Geschlecht versteht die Kunst aus dem Grunde, jeden Schritt und

Tritt auf das sinnreichste zu beschönen.

Wir kommen wieder auf die Glückseligkeit der Narren. Nachdem sie ihr

Leben fröhlich durchgebracht haben, ohne Furcht und Gefühl des Todes,

wandern sie gerades Wegs nach den elysischen Feldern, um ihre frommen

und sorgenlosen Seelen an den Zeitvertreiben derselben Theil nehmen zu

lassen.

Kommen Sie nun, meine Herren, um das Loos eines Weisen, welchen Sie

immer wollen, mit dem Loose dieses Narren zu vergleichen. Stellen

sie sich ein rechtes Muster der Weisheit vor, einen Menschen, der

seine Knaben- und Jünglingsjahre bey Erlernung der Wissenschaften

durchgebracht, und den holdesten Theil des Lebens an schlaflose

Nächte, Sorgen und Schweiß verschwendet hat; auch sein ganzes übriges

Leben hindurch erlaubt er sich nicht, einen Bissen von Wollust zu

kosten; immer ist er filzig, arm, traurig, störrisch, feindselig

und hart gegen sich, andern verhaßt und unerträglich, blaß, mager,

kränkelnd, triefäugig, abgemärkelt, vor der Zeit grau, und aus diesem

Leben wegeilend. Doch was liegt daran, wann ein solcher sterbe, der

eigentlich nie gelebt hat? Wie gefällt Ihnen, meine Herren, dieses Bild

des Weisen? verdient er nicht, daß man sich sterblich in ihn verliebe?

Schon betäubt mich wieder das Widerbefzen des stoischen

Froschengequäkes. »Wahnsinnig seyn (schreien sie) ist ja das elendeste

Ding von der Welt; nun kömmt die wirkliche Narrheit dem Wahnsinn

sehr nahe, wenn sie je nicht der Wahnsinn selbst ist; denn was heißt

wahnsinnig seyn anders, als, nicht bey Verstande seyn?« Aber, dieses

heißt wohl recht fehlgeschossen. Dieses Schlußgeplauder wollen wir,

unter dem Beystande der Musen, bald verdunstet sehen. Haben die

Mückenfänger nie gelesen, wie Sokrates beym Plato zwischen Venus und

Venus und zwischen Cupido und Cupido, einen Unterschied macht? also

hätten auch sie Wahnsinn von Wahnsinn unterschieden, wenn es ihnen

darum zu thun wäre, nicht selbst für wahnsinnig gehalten zu werden.

Nicht jeder Wahnsinn ist etwas schädliches und schimpfliches; sonst

würde Horaz nicht von einem liebenswürdigen reden; Plato hätte nicht

die Wuth der Dichter, der Wahrsager, und Verliebten, zu dem gerechnet,

das zum Wohlseyn des menschlichen Lebens das meiste beyträgt; und jene

Wahrsagerinn beym Virgil scheut sich nicht, dem arbeitsamen Aeneas

einen gewissen wahnsinnigen Fleiß zuzuschreiben.

Es giebt also zwo Arten des Wahnsinnes: die Eine kömmt aus der Hölle

von den grausamstrafenden Furien; sie senden etwann ihre Schlangenbrut,

den wütenden Kriegsdurst, die unersättliche Goldbegierde, die

verruchteste und abscheulichste Lüsternheit, Vatermord, Blutschande,

oder irgend eine Pest von dieser Art, in die Brust der Sterblichen,

wenn sie das sich einer Verschuldung bewußte Gemüth mit ihren

Schrecknissen martern wollen. Die andere Art des Wahnsinns ist von

einer ganz verschiedenen Natur; sie kömmt von mir, und für die

Menschen könnte nichts wünschenswürdiger seyn. Dieses ereignet sich,

wenn ein gewisser glücklicher Irrthum des Verstandes das Gemüth von

ängstlichen Sorgen befreyt und es mit vielerlei Wollust segnet. Cicero

schrieb an den Atticus, er wünsche sich von den Göttern eine solche

Verstandslosigkeit und würde sie als ein grosses Geschenke ansehen,

weil er dann bey allen seinen Verdrüßlichkeiten fühllos seyn würde.

Jener Argiver befand sich dabey sehr wohl. In seinem Wahnsinne saß

er ganze Tage hindurch einzig auf dem Schauplatze, lachte, klatschte

Beyfall, war ganz Freude, in dem Wahne, er sehe die Vorstellung eines

herrlichen Schauspiels; und es war doch alles nichts an der Sache;

alle übrigen Lebenspflichten befolgt er auf das beste; »fröhlich war

er bey seinen Freunden, die ihn liebten; artig betrug er sich gegen

seine Frau: seinen Knechten konnt er durch die Finger sehen, und er

überließ sich dem Zorne nicht, wenn gleich einer derselben sich an

einer Flasche vergriffen hatte.« Seine Anverwandten veranstalteten es,

daß seine Krankheit durch dienliche Arzeneymittel gehoben ward. Da

er wieder ganz zu sich selbst gekommen war, hudelte er seine Freunde

also aus: »Beym Henker! ihr, meine Freunde, habt mich umgebracht;

habt mir nicht geholfen; mich meines Vergnügens beraubt; mich mit

Gewalt dem mich beglückenden Irrthum entzogen.« Er hatte recht; sie

schossen fehl, und waren der Nießwurze mehr als er benöthigt; sie,

die auf den unglücklichen Einfall gerathen, einen so glücklichen und

erfreulichen Wahnsinn, als ob er eine Krankheit gewesen wäre, durch

Ausführungsmittel abzutreiben.

Ich habe es noch nicht entschieden, ob man durch den Irrthum der Sinne,

oder den Irrthum des Verstandes, zum Wahnsinnigen werde. Wenn ein

Blödsichtiger ein Maulthier für einen Esel ansieht, oder jemand ein

armseliges Gereime als ein gelehrtes Gedicht bewundert, so muß man ihn

nicht sogleich für wahnsinnig halten. Wenn aber jemand sich nicht nur

durch die Sinne, sondern auch die Einbildungskraft, täuschen läßt, und

zwar auf eine ganz ungewöhnliche Weise und immer, so muß man ihn für

einen Nachbar des Wahnsinns erkennen; wie wenn er so oft er einen Esel

schreien hört, sich einbildet, er höre vortreffliche Sänger; oder wenn

er, ein blutarmer Schlucker, sich in den Kopf gesetzt hat, er sey der

lydische König Crösus. Wenn diese Art von Narrheit (und bald allemal

thut sie es) einen Hang zur Wollust hat, so zeugt sie kein geringes

Vergnügen; so wohl bey denen, die damit behaftet sind, als auch bey

denen, die ihn bemerken und doch davon nicht angesteckt sind. Und diese

Art von Wahnsinne erstreckt sich weiter, als man gemeiniglich dafür

hält. Auch lacht ein Wahnsinniger über den Andern, und jeder teilt dem

Andern etwas von seiner Wonne mit. Nicht selten lacht der grössere Narr

weit heftiger über den kleinen, als dieser über jenen.

Hören Sie, meine Herren, hierüber den Ausspruch der Narrheit: Auf wie

mehrere Arten des Wahnsinns der Mensch verfällt, um so viel glücklicher

ist er; wenn er dabey nur in dem von mir bezeichneten Gleise bleibt.

Doch hat man sich hierüber um so viel weniger zu beklagen, da dasselbe

so ausgedehnt ist, daß ich wirklich nicht weiß, ob sich unter allen

Sterblichen ein einziger finden lasse, der immer weise ist, und sich

von aller und jeder Art des Wahnsinns frey befindet.

Nur ist hiebey dieses zu bemerken: Wer einen Kürbiß sieht, und ihn für

ein Frauenzimmer hält, wird wahnsinnig genennt; und zwar darum, weil

nur wenige in diesen Zustand gerathen. Wenn aber jemand schwört, seine

Frau, die er mit vielen gemein hat, sey keuscher als Penelope, und sich

hierüber, in seinem glücklichen Irrthume, was rechtes zu gute thut, so

muß niemand ihn wahnsinnig nennen. Warum? weil man ja sieht, daß dieses

das gemeine Schicksal der guten Männer ist.

In die gleiche Classe gehören die, welche alles verachten, das nicht

Jagd ist; und behaupten, sie empfinden in sich eine unbeschreibliche

Wollust, so oft sie das heulende Gebrülle der Hörner und Hunde hören.

Haben sie nicht etwann auch ihre Geruchskräfte so verfeinert, daß

es ihnen deucht, der Hundsstall sey mit Zibeth durchduftet. Welches

süsse Vergnügen, wenn es um die Zerreissung des Wildes zu thun ist!

Bey Ochsen, Hämmeln, überläßt man diese Arbeit dem niedern Pöbel; hier

darf nur der Junker Hand anlegen; mit entblößtem Haupte, gebogenen

Knien, dem dazu gewiedmeten Waidemesser (sich hier eines gemeinen

bedienen, würde strafwürdiges Verbrechen seyn) mit gewissen Geberden,

trennt er gewisse Glieder, in einer gewissen Ordnung, religionsmäßig

ab. Die umherstehende Gesellschaft, tief stillschweigend, verwundert

sich inzwischen darüber, wie über etwas ganz neues, ob sie gleich

solchem Schauspiele mehr als tausendmal beywohnte. Wer das Glück hat,

etwas von dem Thiere zu kosten, der glaubt, daß er dadurch im Adel eine

Stuffe höher gestiegen sey. Und doch gewinnen sie durch das geflissene

Verfolgen des Wildes, und das Essen von demselben, anders nichts, als

daß sie, ein königliches Leben zu führen vermögend, bald selbst in

wilde Thiere ausarten.

Mit diesen haben jene viel ähnliches, die, durch unersättliche Bausucht

hingerissen, das Runde viereckig, und das Viereckige rund machen. Sie

wissen weder von Ziel noch Maaß, bis sie in die tiefe Armuth versunken,

weder ein Haus noch etwas zu beissen, und brechen haben. Und bleibt

ihnen denn gar nichts übrig? O ja; das Angedenken, daß sie einige

Jahre in grosser Wollust verträumt haben.

[Illustration]

Das Lob der Narrheit · 第 3 / 9 段