Kann der jemanden lieben, der sich selbst haßt? der mit Andern

einträchtig seyn, der sich selbst in den Haaren liegt? der jemanden

Freude machen, der sich selbst zur Last und zum Ueberdrusse lebt?

Niemand wirds behaupten, als der, welcher närrischer als die

Narrheit ist. In Wahrheit, wo man mich auf die Strasse hinaussperrt,

wird jeder dem andern unerträglich, stinkt sich selbst an, faßt Eckel

ab allem dem seinigen, hat keinen verhaßtern Feind als sich selbst.

Stiefmütterlich wühlt oft die Natur in den Köpfen der Sterblichen,

sonderlich den besten, so daß ihnen das Ihrige mißfällt; und das Fremde

bewundern sie; dann wird alles geschändet, geht alles zu Grunde,

dadurch sonst das Leben bereichert, und geschmückt wird. Wozu nützt

die Schönheit, das edelste Geschenck der unsterblichen Götter, wenn

sie garstig befleckt wird? Wozu die Jugend, wenn des Alters gährender

Gram sie angestecket hat? Was wirst du bey dem beglücktesten Leben

zu Hause und draussen mit Anständigkeit thun (und auf diese kömmt

hauptsächlich alles an) wenn dir nicht die sich selbst liebende

Philautia, die ich billig als meine leibliche Schwester verehre, mit

ihrer Geschicklichkeit beysteht? O tapfer vertheidigt sie durchgehends

meine Sache!

Nun, was kannst du närrischers thun, als dir selbst gefallen? dich

selbst bewundern? Was schönes, holdes, einnehmendes, kannst du zu

Stande bringen, wenn du mißvergnügt mit dir selbst bist? Wenn du

dieses Gewürze des Lebens wegschafst, so steht der Redner mit seinem

Gewäsche frostig da; nur höhnisches Mitleiden ertrillert sich der

Tonkünstler; der sich müde erarbeitende Schauspieler wird ausgepfiffen;

zum Gelächter wird der Dichter samt seinen Musen; der Mahler erpinselt

sich Verachtung; bey seinen Lebenspillen hungert der Arzt sich zu Tode;

wenn du dich schön wie Nireus zu seyn dünkst, jugendlich wie Phaon,

weise wie Minerva, so wird man dich für garstig halten wie Thersites

war, veraltet wie Nestor, tumm wie ein Schwein. Ja, unumgänglich nöthig

ists, daß jeder sich schmeichle, und sich selbst mit einem Beyfällchen

anpreise, wenn er sich bey andern in Gunst schwingen will. Endlich,

da die Glückseligkeit hauptsächlich darum besteht, daß du wirklich

nichts anders seyn willst, als was du bist, so hast du dich mit der

Grundregel meiner Philautia bekannt zu machen, die also lautet: Niemand

werde seines Looses überdrüssig, seines Witzes, seiner Abkunft, seines

Vaterlandes, seiner Auferziehung. Der Irrländer wünsche sich nicht ein

Italiäner zu seyn, der Thracier ein Athenienser, der Scythe ein Bürger

des gesegneten Schlarafenlandes. Herrlicher Kunstgriff der Natur,

der so verschiedene Dinge ins gleiche Gleis bringt! Wo sie bey ihrer

Gabenaustheilung etwas kärglich zu Werke gegangen, läßt sie den Abgang

durch die Philautia ersetzen -- nur den Abgang? -- Ich rede wie eine

wirkliche Närrin, sie theilt auf diese Weise ihr herrlichstes Geschenke

mit.

Ich darf wohl sagen: ohne meinen Antrieb geschicht keine edle That; wo

schöne Künste betrieben werden, preisen sie mich als ihre Erfinderinn.

Muß man sich nicht an den Krieg wenden, wenn man belobte Heldenthaten

in ihrem Elemente finden möchte? Nun, was kann wohl närrischer seyn,

als um einer Ursache willen, die man selbst nicht anzugeben weiß, sich

in einen Streit einlassen, bey dem man beiderseits mehr Böses als Gutes

einzuerndten hat? Von dem, der da mit seiner Haut bezahlt, kräht kein

Hahn nicht. Wenn die beyden Heere in Schlachtordnung gegen einander

stehen, und die Hörner im frischern Tone zum Angriffe geblasen haben:

wozu taugen dann jene Söhne der Weisheit, durch Nachgrüblen erschöpft,

beym dünnen und kalten Geblüte kaum den Athem zu ziehen vermögend?

Solcher ist man da benöthigt, derer Adern vom dicken und fetten Geblüte

strotzen; desto kühner, um so viel unverständiger sie sind. Oder will

man sich mit Fleisse einen Demosthenes zum Soldaten wählen? Kaum kam

der Feind ihm ins Gesicht, so warf er, nach dem Rathe des Archilochus,

herzhaft den Schild weg; unter dem Hasenpanier sah man den feigen

Soldaten an dem weisen Redner.

Auf Klugheit, heißts, kömmt im Kriege vieles an. O ja, an einem

Feldherren; aber auf eine kriegerische, nicht eine philosophische!

Mit Schmarotzern, Hurenjägern, Strassenräubern, Meuchelmördern,

Bauernklötzen, Tummköpfen, Bankerottierern, und dergleichen Abschaume

des Menschengeschlechtes, nicht mit bey der Nachtlampe verrauchten

Philosophen, werden solche herrlichen Ding erfochten. Sokrates, der

nach dem eben nicht weisen Ausspruche des Apollo einzige Weise, kann

zum Gewährsmanne dienen. Er unterfieng sich, etwas, ich weiß nicht was,

öffentlich zu betreiben; und unter dem Hohngelächter der ganzen

Versammlung schlich er sich vom Rednerstuhle weg. Und doch war der

Mann nicht Narrs genug, sich mit dem Titel des Weisen zu brüsten; er

gab ihn dem Gotte zurück; er hielt dafür, ein Weiser solle sich in

die Verwaltung des gemeinen Wesens nicht mengen; nur hätte er noch

hinzusetzen sollen: jeder, der seinen Platz in der Zunft der Menschen

behaupten wolle, müsse sich der Weisheit enthalten. Anbey, hatte er

es nicht blos der Weisheit zu verdanken, daß er verklagt worden; und

sich den Schirlingsbecher wählen mußte? Ueber Wolken und Hirngespinste

philosophierend, einen Flohfuß messend, das Mückensumsen bewundernd,

vergaß er, Dinge zu erlernen, die zum gemeinen Leben unentbehrlich sind.

[Illustration]

Zum Schutzredner seines sich in Lebensgefahr befindenden Lehrers

wirft sich der Schüler Plato auf. Ein mannhafter Vertheidiger! weil

ein Geräusch entsteht, verstummt er, ehe er von seinem ersten Satze

die Hälfte herausgemartert hatte. Und was soll ich vom Theophrast

sagen? Kaum hatte er eine Rede angefangen, so blieb er mit offenem

Munde stehen, als ob ein Wolf ihm in die Quer gekommen wäre. Wie

würde der Mann den Soldaten Muth zur Schlacht gemacht haben! Isokrates

war zu furchtsam, als daß er es jemals gewagt hätte, den Mund

aufzuthun. Cicero, der Vater der römischen Beredsamkeit, fieng seine

Reden, gleich einen gluchsenden Schuljungen, mit einem unangenehmen

Stammeln an; Fabius ist so gut, daß er behauptet, daraus erkenne man

einen verständigen die Gefahr einsehenden Redner; er hätte besser

gethan, rund und ehrlich heraus zu sagen: zur schicklichen Betreibung

öffentlicher Geschäfte tauge die Weisheit nicht. Was würden Leute,

die vor Furcht halb todt sind, wenn sie sich blos in ein Wortgefecht

einlassen sollen, da ausrichten, wo man die Sache mit dem Schwerdt

ausfechten muß?

Nun gehe man, und erhebe den berühmten Ausspruch des Plato bis in

den Himmel: »Beglückt wäre das Land, wo Philosophen herrschten, oder

Beherrscher zu Philosophen würden.« Wenn man die Geschichtsschreiber

zu Rathe zieht, so zeigt sichs, daß es nirgends schlimmer zugegangen,

als wo die Herrschaft einem Philosophosten oder Buchgelehrten zu

Theile geworden. Man kann sich hier kecklich auf die Catonen berufen:

durch wahnsinnige Anklagen störte der Eine die Ruhe der Republik;

und der Andere richtete die Freyheit derselben zu Grunde, indem er

sie allzuweislich vertheidigte. Man denke sich hier auch den Brutus,

Cassius, die Gracchen, und selbst den Cicero, welcher der römischen

Republik zu einer eben so schädlichen Pest ward, als Demosthenes

der atheniensischen. Gesetzt, Marcus Antoninus sey ein guter Kaiser

gewesen; bin ich deßwegen genöthigt, meinen Satz aufzugeben? gewiß

nicht: eben deßwegen, weil er ein Philosoph war, wird er seinen

Unterthanen lästig und verhaßt. Ja, gesetzt er sey für sich gut

gewesen, so fügte er doch durch Hinderlassung seines Sohnes dem Reiche

einen weit grössern Schaden zu, als er ihm durch seine Regierung

nützlich gewesen. Solche weisen Leute sind, wie in allen übrigen

Dingen, also besonders im Kinderzeugen, höchst unglücklich; und dieses,

wie mich deucht, hat die Natur vorsichtig geordnet, damit diese Seuche

der Weisheit unter den Sterblichen nicht zu viel um sich fasse. So

wissen wir von dem Cicero, daß er einen aus der Art geschlagenen Sohn

gehabt hat; und von den Kindern des weisen Sokrates hat man die feine

Anmerkung gemacht, sie seyen der Mutter ähnlicher als dem Vater; das

ist, Narren gewesen.

Es würde noch alles zu ertragen seyn, wenn diese Philosophen gleich zur

Verwaltung der öffentlichen Geschäfte so ungeschickt wären, als der

Esel zum Lautenschlagen; insofern sie nur nicht auch zur Betreibung der

Angelegenheiten des gemeinen Lebens eben so schief befunden würden.

Bitte einen Weisen zu Gaste; er wird durch ein düsteres Schweigen, oder

durch ein lästiges Frägeln, die Freude der Gesellschaft stören. Fordere

ihn zum Tanz auf; er wird so flink als ein Camel umher tramplen.

Nimm ihn zu einem öffentlichen Schauspiele mit; sein Gesicht wird

die Zuschauer ihres Vergnügens berauben; der weise Cato, der seine

feyerliche Mine nicht ablegen will, wird genöthigt werden, die Bühne

zu verlassen. Er kömmt in eine Gesellschaft, und alles verblaßt, als

ob ein Wolf sich hätte sehen lassen. Wo es zu thun ist, um etwas zu

kaufen, um einen Handel zu treffen, kurz, um etwas vorzunehmen, ohne

welches man im gemeinen Leben nicht bestehen kann, da wird man diesen

Weisen ehender für einen Klotz als für einen Menschen ansehen. Also

kann er sich, dem Vaterlande, den Seinigen, zu nichts dienen, weil die

gemeinsten Dinge, Meynungen, Einrichtungen, ihm ganz spanische Dörfer

sind.

Bey den Unternehmungen der Sterblichen ist alles voll Thorheit: Narren

unterhalten sich mit Narren. Dem, der sich allen widersetzen will,

möcht ich den Rath erteilen, in die Fußstapfen Timons zu treten, in

eine Einöde zu wandern, und sich da seiner Weisheit satt zu erfreuen.

Ich lenke wieder ein. Welche Macht hat stein- und eichenharte rohe

Menschen ins gesellschaftliche Leben vereint? Die Schmeicheley. Sie

wird durch die Leyer des Amphion und des Orpheus angedeutet. Was hat

das römische Volk, da es unter sich aufs äusserste zerfallen war,

wieder einträchtig gemacht? Wars eine philosophische Rede? nichts

weniger: es war die lächerliche und kindische Fabel von dem Bauche und

den übrigen Gliedern. Ein gleiches Wunder that Themistokles durch die

Fabel von dem Fuchsen und dem Igel. Welche Rede eines Weisen hätte

so vieles vermocht, als jenes erdichtete Rehe des Sertorius? als die

beiden Hunde jenes lacedämonischen Gesetzgebers? als die lächerliche

Erdichtung von den ausgeraufenen Haaren des Pferdeschweifes? Um nichts

von dem Minus zu reden, und von dem Numa, welche den närrischen Pöbel

durch fabelhafte Erfindungen nach ihrem Willen lenkten: durch solche

Possen läßt sich dieses grosse und mächtige Thier, etwas aufbinden.

[Illustration]

[Illustration]

Welche Stadt hat jemals die Gesetze und Aussprüche eines Plato,

Aristoteles, Sokrates, angenommen? was hat die Decier beredet, sich

von freyen Stücken den unterirdischen Göttern aufzuopfern? was hat

den Quintus Curtius in die Grube gezogen? was anders, als die eitele

Ruhmsucht, eine sanft-lockende Sirene, die von jenen Weisen so sehr

verabscheuet wird? was kann närrischer seyn, sprechen sie, als daß der,

welcher sich um ein Amt bewirbt, im weissen Röckchen demüthig dem Pöbel

schmeichelt? daß man sich die Gunst desselben durch ein Korngeschenk

erkauft? dem Händeklatschen so vieler Narren nachjagt? im

Zujauchzen desselben seine Wonne findet? im Triumphe sich von ihm

gleich einer Bildsäule angaffen läßt? in Erzt gegossen auf dem Markte

steht? andre Namen und Beynamen annimmt? einem menschlichen Taugenichts

göttliche Ehre erweißt? mit öffentlichem Gepränge tyrannische

Schandbuben in die Classe der Götter erhebt? O gewiß, Narrheit ist

dieses, zu deren verdienten Belachung ein einziger Demokritus nicht

zureichend wäre! Wer leugnet es? Und doch ists die Quelle großer

Heldenthaten, die von Rednern bis in den Himmel erhoben werden.

[Illustration]

Narrheit zeugt Städte, Reiche, Obrigkeiten, Religionen, Raths-

und Gerichtsversammlungen; und das menschliche Leben ist blos ein

Narrenspiel. Wenn die Rede von Künsten und Wissenschaften ist: was

hat die Menschen aufgemuntert, so herrliche Dinge (wie man sie dafür

auszuposaunen pflegt) zu ersinnen, und auf die Nachwelt zu bringen?

war es nicht die Ruhmsucht? In so vielen durchwachten Nächten, unter

so vielem Schweisse, haben sie, die Erznarren, sich, ich weiß nicht,

was für einen durch und durch unnützen Ruhm ausgehecket. Indessen

haben Sie, meine Herren, der Narrheit bereits so viele herrliche

Bequemlichkeiten des Lebens zu verdanken; und, was dabey noch weit das

angenehmste ist, Sie machen sich der Narrheit Anderer zu Nutzen.

Nachdem ich also das Lob meiner Stärke und meines Fleisses befestigt

habe, wird es schicklich seyn, daß ich auch meiner Klugheit das

gleiche Recht widerfahren lasse. So willt du dann (ruft mir, wie mich

deucht, jemand entgegen) Feuer und Wasser zusammen paaren? Auch dieses

hoff ich zu Stande zu bringen, wenn man nur fortfahren wird, achtsam

aufzuhorchen.

Ists nicht Klugheit, wenn man sich die Dinge zu Nutzen macht? Nun,

welches wird wohl der kluge Mann seyn? der Weise? der zu schamhaft

oder zu furchtsam ist, sich an eine Sache zu wagen; oder der Narr,

den weder Scham, die er nicht hat, noch Gefahr, die er nicht erwägt,

von irgend einer Unternehmung abschreckt? Der Weise nimmt seine

Zuflucht zu verschimmelten Büchern, und füllt sich daraus den Kopf mit

schalen Spitzfindigkeiten; der Narr, der sich hurtig an die Sache

selbst macht, sammelt sich daraus, wenn ich mich nicht gröblich irre,

ächte Klugheit. Es scheint auch Homer, so blind er war, habe dieses

eingesehen, da er sagt: »Bey der That gelangt der Narr zur Einsicht.«

Wo es um Einsicht der Dinge zu thun ist, muß man zween Steinen des

Anstossens ausweichen: die Schamhaftigkeit, die den Geist benebelt;

und die Furcht, welche durch Vorspieglung der Gefahr, Unthätigkeit

einpfropft. Großmüthig scheucht die Narrheit diese Popanzen weg. Wenige

Sterbliche sehen es ein, wie bald der unverschämte Waghals sein Glück

machen könne.

Gefällt Ihnen, meine Herren, jene Klugheit besser, die in Beurtheilung

der Dinge besteht? Hören Sie doch einmal, welch eine seltsame Sache es

um diese Klugheit derer sey, die sie in ihrer Weisheitsbude feil bieten!

Erstlich ist bekannt, daß alle menschliche Dinge, gleich den Silenen

des Alcibiades, von innen ein anderes Gesicht haben, als von aussen:

man sieht den Tod, und findet das Leben; man sieht das Leben,

und findet den Tod; das schöne ist häßlich, das reiche arm, das

schändliche herrlich, das gelehrte ungelehrt, das starke schwach, das

edle unedel, das fröliche traurig, das glückliche unglücklich, das

freundliche unfreundlich, das heilsame schädlich; kurz, öffne den

Silen, so wirst alles verkehrt finden. Rede ich aber nicht einigen zu

philosophisch? Gut! ich wills ganz plump heraus sagen.

Einen König stellt man sich als einen reichen und mächtigen Herrn vor;

wenn aber nichts Gutes in seiner Seele ist, und er sich an nichts

sättigen kann, so ist er gewiß blutarm; und wenn er sich vielen Lastern

ergeben hat, so ist er ein schnöder Sclave. Also ließ es sich über

alles und jedes philosophiren; wir haben aber mehrere Beyspiele nicht

nöthig.

Wozu soll alles dieses dienen? -- Man hör es! Wenn jemand sich

unterstünde, den Schauspielern ihre Larven wegzunehmen, und den

Zuschauern die wahren und natürlichen Gesichter zu zeigen: würde

dieser Unbesonnene nicht das ganze Spiel verderben? würde er nicht

verdienen, daß man ihn als einen Rasenden mit Steinen von der Bühne

wegtreibe? Indessen würde sich alles in einer neuen Gestalt gezeigt

haben: das Weib als einen Mann, der Jüngling als einen Greisen, der

König als einen Bettler, Jupiter als ein Menschengesicht. Wenn man den

Irrthum wegnimmt, so setzt man alles in Verwirrung; die Verstellung muß

die Augen der Zuschauer bezaubern. Nun, was ist das ganze Leben der

Sterblichen anders als eine Comödie? Jeder spielt seine Rolle, eine

ganz andere Person vorstellend, als er eigendlich ist, bis er von der

Bühne abtreten muß; und etwann zeigt sich der nämliche Schauspieler in

verschiedener Tracht: als König saß er auf dem Thron; und nachwerts

tritt er im zerlumpten Sclavenkittel auf. Ja, dieses ist alles nur

Schattenwerk: aber, spielt sich dann die grosse Comödie des Lebens auf

eine andere Weise?

Ich stelle mir vor: ein wie vom Himmel gefallener Weiser trete

plötzlich auf, und schreie: der, den man als einen grossen Herrn

halbgöttlich verehre, sey nicht einmal ein Mensch, weil er sich

viehisch durch seine Lüste leiten lasse; er sey nichts als ein

verachtungswürdiger Sclave, weil er sich freywillig so vielen und so

schändlichen Herren als einen Knecht dargebe. Er sieht jemanden, der

über das Absterben seines Vaters weinet, und heißt ihn lachen, weil

sein Vater endlich zu leben angefangen habe, da dieses gegenwärtige

Leben nichts als ein Tod sey. Er begegnet einem Junker, der sich seiner

edlen Abkunft rühmt, und betitelt ihn einen ehrlosen Bankert, weil er

weit von dem Pfade der Tugend gewichen, der einigen Quelle des Adels.

Auf gleichen Schlag behandelt mein Weiser jeden, der ihm aufstößt. Aber

was erbeutet er anders, als daß man ihn gleich einem zum Tollhause

reifen Rasenden ansieht?

Nichts ist närrischer, als eine zur Unzeit angebrachte Weisheit; nichts

unkluger, als eine verkehrte Klugheit. Der beträgt sich schief, der

sich nicht nach der gegenwärtigen Lage der Dinge einrichtet; nicht auf

den Marktpreis achtet; sich nicht des Tischgesetzes erinnert: »Thue

Bescheid, oder packe dich;« nicht will, daß das Spiel ein Spiel sey.

Der Kluge hingegen denket: da ich ein sterblicher Mensch bin, so will

ich mich nicht bestreben, übermenschlich weise zu seyn; ich will mich

gern nach andern Leuten einrichten, und auch etwann aus Höflichkeit

einen Weg mit ihnen gehen, den ich sonst für mich nicht gehen würde.

Ist eben dieses nicht Narrheit? O ja, ihr weisen Männer! doch solltet

ihr mir dagegen eingestehen, dieses heisse: seine Rolle in der Welt

spielen.

Uebrigens -- o ihr unsterbliche Götter, soll ich reden? soll ich

schweigen? Warum sollt ich es nicht frey heraus sagen, da es die

pur-lautere Wahrheit ist? Vielleicht aber ists das beste, daß ich bey

einer so wichtigen Sache die Musen von ihrem Helikon hinunterrufe,

sie, die von den Dichtern oft um einer Schnakerey willen herabgeranzt

werden. So stehet mir denn für eine Weile bey, ihr Töchter Jupiters,

bis ichs bewiesen habe, jene glänzende Weisheit, die hochberühmte Burg

der Glückseligkeit, werde nur denen aufgeschlossen, die sich ihr unter

dem Schutze der Narrheit näheren.

Erstlich ist es eine ausgemachte Sache, daß alle Leidenschaften sich

unter der Botmäßigkeit der Narrheit befinden; denn der Unterschied

zwischen einem Narren und einem Weisen ist dieser: jener richtet sich

nach den Leidenschaften, dieser nach der Vernunft. Daher schaffen die

Stoiker alle Beunruhigungen, als so viele Seuchen, aus ihrem Weisen

weg; und doch (sagen die Peripatetiker) vertreten diese Leidenschaften

die Stelle der Pädadogen bey denen, die sich Mühe geben, in den Port

der Weisheit einzulaufen; ja sie dienen bey allen Tugendpflichten

zu Sporen und Peitschen, dadurch wir zum rechtschaffenen Betragen

angetrieben werden. Doch wendet hier Seneca, der Erzstoiker, so vieles

ein, als er immer auftreiben kann, um den Weisen von jeder Leidenschaft

loszuhalftern. Indem er aber dieses thut, rottet er den ganzen Menschen

aus, den er zu einer Art einer Gottheit umschaft, die nie gewesen ist,

und nie seyn wird; oder damit ichs noch deutlicher sage, er meisselt

ihn zu einem marmornen Menschenbilde, tumm, ohne Menschenverstand. O

immer, ich mag es von Herzen wohl leiden; mögen sich solche Künstler

ihres Weisen unbeneidet erfreuen, und mit ihm Platons Stadt oder das

Gebiet der Ideen oder des Tantalus Gärten bewohnen!

Wer eilt nicht schauernd von einem solchen Menschen weg, wie von einem

Ungeheuer, einem Gespenste! Alle Sinne der Natur sind nicht im Stande,

einen Eindruck in ihn zu machen; er ist ohne Leidenschaften; für die

Liebe, das Mitleiden, ist er so unempfindlich als ein Kieselstein,

als ein Felsenstück; nichts entgeht ihm; nirgends schießt er fehl;

mit Luchsenaugen durchschaut er alles; nach Richtschnur und Bleywaag

beurtheilt er alles auf das pünktlichste; für nichts hat er Nachsicht;

mit nichts ist er zufrieden, als mit sich; er allein ist reich, gesund,

ein König, frey; er allein ist alles, aber auch blos nach seinem

allerliebsten Urtheile; er, der keinen Freund begehrt, hat auch keinen;

er, macht sich kein Bedenken, die Götter selbst zum Henker zu schicken;

er, der alles, was in der Welt vorgeht, als Wahnsinn verdammt, und

verlacht.

Nun, ein solches Thier ist der, den man uns als das Meisterstück der

Weisheit anpreist. Wenn es auf die Wahrheit der Stimmen ankäme, welche

Stadt würd ihn zu ihrem Bürgermeister wählen? welches Kriegsheer würde

sich ihn zum Feldherrn wünschen? welcher Frau würd ein solcher Mann,

welchem Wirth ein solcher Gast, welchem Bedienten ein solcher Herr,

erträglich seyn? Man würde lieber mitten aus dem närrischsten Pöbel

einen Narren wählen, um Narren zu befehlen, das ist den meisten;

sein Weib würd' an ihm einen gefälligen Mann finden; seine Freunde

würden sich seiner erfreuen; er würd einem Tische Ehre machen; die

Gesellschaft würd ihm das Lob beylegen: er führe sich durchgehends als

Mensch auf. Aber schon lange fühl ich einen Ekel, so viele Worte an

Weisen Leuten zu verlieren. Ich sehe mich nach andern Gegenständen um.

Bilden Sie sich ein, meine Herren, daß Sie auf jener Hochwarte stehen,

auf welche die Dichter den Jupiter hingepflanzt haben. Sehen Sie

allen den Jammer, mit dem sich des Menschenleben zu erkämpfen hat.

Elend, garstig, steht es um seine Geburt; um die Auferziehung ists

Holzhackersarbeit; tausenderley Gefahren belagern seine Kindheit;

durch die jugendlichen Jahre muß er sich hindurchschwitzen; ihn beugt

die Last des Alters; und der Tod ist ihm ein verdrüßlicher Bothe. Mit

ganzen Heeren von Krankheiten ist er umgeben; unzählbaren Zufällen

ist er blosgesetzt; Widrigkeiten von allen Arten; bald alles, das er

genießt, ist mit Galle verdorben. Ich möchte nicht einmal von dem

vielen Uebel reden, das die Menschen sich einander selbst zuziehen:

Armuth, Gefängniß, Schande, Schmach, Streithändel, Betrügereyen. O

lieber wollt ich die Sandkörner am Meere zählen!

Durch welche Verbrechen haben die Menschen sich solche Strafen

zugezogen? welcher Gott hat sie in seinem Zorne verdammt, unter solchen

Jammer gebohren zu werden? Nein, meine Herren, noch ist es mir nicht

verstattet, Ihnen hierüber Nachricht zu ertheilen. Wer aber diese Dinge

genau durchdenkt, wird er nicht dem erbarmungswürdigen Entschlusse

der Milesischen Töchter seinen Beyfall gewähren? Welches aber sind

die berühmtesten von denen, die, ihres Lebens überdrüssig, dem Tod

entgegengeeilt sind? Waren es nicht die Benachbarten der Weisheit?

Unter diesen (um jetzt eines Diogenes, Xenokrates, Cato, Cassius,

Brutus, nicht zu gedenken) war jener Chiron, dem die Wahl gegeben

worden, unsterblich zu seyn, und der den Tod wählte.

Man sieht leicht, was daraus entstehen würde, wenn alle Menschen

Weise wären: man würde sich um neuen Leimen, und um einen andern

schöpferischen Prometheus, umsehen müssen. Ich aber, die ich mich

schicklich der Unwissenheit oder Unbedachtsamkeit der Menschen zu

bedienen weiß, etwann sie das Uebel vergessen mache, Hoffnung auf Gutes

einstreue, oder auch etwas von süsser Wollust einmische, komme diesem

grossen Unfuge zu Hülfe; so daß die Leute auch dennoch nicht das Leben

müde sind, wenn die Parzen bereits abgesponnen haben, und das Leben

seit langem mit dem Abschiednehmen den Anfang gemacht hat; je weniger

Ursache sie haben, im Leben zu bleiben, desto tiefer sind sie in das

Leben verliebt; desto weiter entfernt, seiner überdrüssig zu werden.

Das Lob der Narrheit · 第 2 / 9 段