[Illustration: Abb. 113. +Selbstbildnis+, wahrscheinlich aus dem

Jahre 1562. Im Pradomuseum zu Madrid.

(Mit Genehmigung der Photographischen Gesellschaft in Berlin.)]

Ein erwähnenswertes Zeugnis von der Unternehmungslust des greisen

Künstlers ist es, daß er in einem Schreiben vom 22. April 1560

dem Könige den Vorschlag machte die Siege Karls V. in Gemälden zu

verherrlichen. Hauptzweck dieses Schreibens war die Klage Tizians

darüber, daß er eine in Genua für ihn angewiesene Summe ebensowenig

ausgezahlt bekam, wie vordem das mailändische Gehalt. „Es scheint,“

sagt Tizian ganz offen, „daß Eure Majestät, die über die mächtigsten

und stolzen Feinde mit Ihrer unüberwindlichen Macht zu siegen wissen,

den Gehorsam Ihrer Beamten nicht besitzen.“

[Illustration: Abb. 114. +Ein venezianischer Nobile.+ In der

königl. Pinakothek zu München.

(Nach einer Originalphotographie von Franz Hanfstängl in München.)]

Der König scheint die Ordnung dieser Angelegenheit übersehen zu haben.

Ein Jahr später kam Tizian noch einmal auf die Sache zurück und

kündigte dabei ein Magdalenenbild an, das mit seinen thränenvollen

Augen ihm als Fürsprecher dienen solle. Philipp II. befahl darauf die

sofortige Auszahlung des Geldes. Auch jetzt versuchten die Genuesen

noch, den Meister zu benachteiligen, indem sie die Summe anstatt in

Gold, in Silber schickten, was einen Unterschied von 200 Dukaten

machte. Aber Tizian meldete auch das ohne Zaudern dem König, und er

bekam von diesem alsbald in einem freundschaftlichen Antwortschreiben

die Mitteilung von dem erlassenen Befehl zur Regelung der Sache.

Das erwähnte Magdalenenbild wurde Anfang Dezember 1561 abgeschickt.

Sein Verbleib ist nicht nachzuweisen. Man darf annehmen, daß es

übereinstimmend gewesen ist mit der aus dem Nachlaß des Meisters

stammenden ausdrucksvollen Halbfigur in der Ermitage zu Petersburg

(Abb. 107). Von der Beliebtheit dieser Darstellung legt der Umstand

Zeugnis ab, daß Tizian dieselbe häufiger und unveränderter als irgend

ein anderes seiner Bilder mit Beihülfe von Schülern wiederholt hat.

In ganzer Größe zeigt sich uns der alte Tizian noch da, wo er

unmittelbar nach der Natur gemalt hat, im Bildnis. Die Jahreszahl

1561 liest man in der verstümmelten Inschrift eines in der Dresdener

Galerie befindlichen Porträts eines schwarzgekleideten Herrn mit der

befremdlichen Beigabe eines Palmenzweigs in der Hand (Abb. 108).

Das vollendetste Meisterwerk der Bildniskunst seines hohen Alters

ist wohl das um dieselbe Zeit gemalte Porträt seiner Tochter in

der nämlichen Galerie. Lavinia, die im Sommer 1555 von Cornelio

Sarcinelli heimgeführt worden war, erscheint hier als eine zu kräftiger

Fülle ausgereifte Frau mit einem würdigen Ausdruck in dem stärker

gewordenen Gesicht, der in seiner Art ebenso ansprechend ist wie der

Unschuldsblick in ihrem Mädchenbilde. Auf das in Venedig von der

Mode verlangte Bleichen des Haares hat sie in dem Bergstädchen, wo

sie jetzt lebte, verzichtet: das Haar zeigt statt des goldigen Blond

seine natürliche kastanienbraune Farbe. Sie trägt ein mit weißen

Seidenpuffen und mit Goldlitzen verziertes Kleid von grünem Sammet und

hält einen großen Fächer aus Straußenfedern in der Hand; im Haar, an

Hals und Brust und am Gürtel glänzen Perlen und anderes Geschmeide,

ein Teil ihres Juwelenbesitzes, über den ihr Gatte dem Vater eine

besondere Quittung zu der Empfangsbescheinigung über die ansehnliche

Mitgift ausgestellt hatte. Kleidung und Schmuck, Fleisch und Haar

sind mit einem braunem Hintergrund zu vollendeter Farbenschönheit

zusammengestimmt (Abb. 109). -- Es mag gestattet sein, an dieser Stelle

auch die drei anderen weiblichen Bildnisse zu erwähnen, welche die

Dresdener Galerie als Werke Tizians besitzt: das Mädchen mit der Vase

(Abb. 110), die Dame im roten Kleid (Abb. 111) und die Dame in Schwarz

mit dem Trauerschleier (Abb. 112). Bei diesen drei Bildern, von denen

das erstgenannte leider durch starke Übermalung seinen besten Reiz

verloren hat, ist Tizians Urheberschaft nicht ganz unzweifelhaft. Aber

selbst als Werke von Schülern oder Nachahmern würden sie von dem Geist

des Meisters Zeugnis ablegen, der es in unerreichter Weise verstanden

hat, jedem Porträt seine besondere Auffassung zu geben und aus jedem

ein vollendetes Kunstwerk von besonderer malerischer Eigenart zu

machen. -- In demselben Sinne darf auch das prächtige Bildnis eines

venezianischen Edelmannes in der Münchener Pinakothek (Abb. 114)

angeführt werden.

Im Jahre 1562 malte Tizian, wie Vasari berichtet, ein Selbstporträt.

Dieses dürfen wir wohl in dem im Pradomuseum befindlichen Bilde

erkennen, das den Meister in der Seitenansicht mit ganz weiß gewordenem

Barte zeigt (Abb. 113).

[Illustration: Abb. 115. +Die heilige Jungfrau mit dem

Jesusknaben.+

In der königl. Pinakothek zu München.

(Nach einer Originalphotographie von Franz Hanfstängl in München.)]

Im April 1562 hatte Tizian, nach längerer Arbeit als er gedacht hatte,

zwei vor Jahr und Tag angekündigte neue Gemälde für König Philipp II.

fertig. Das eine stellte das Gebet Christi am Ölberg dar, das andere

den Raub der Europa. Ein kleines Bild, dessen Gegenstand nicht genannt

wird, war kurz vorher nach Spanien abgegangen. Die „Europa auf dem

Stier“ wird als ein hervorragendes Werk geschildert; sie ist, wie

die Bilder von Aktäon und von Kalisto, im vorigen Jahrhundert nach

Frankreich gekommen, und befindet sich jetzt in England in der Sammlung

des Lord Darnley. Von „Christus am Ölberg“ sind zwei von einander

verschiedene Bilder im königlichen Besitz in Spanien vorhanden.

Das eine befindet sich noch im Escorial und ist, wie die meisten

Gemälde, die bei der Einrichtung des Pradomuseums dort zurückgelassen

wurden, in sehr verdorbenem Zustande. Das andere, im Pradomuseum,

ist ein merkwürdiges Nachtstück: zwei Kriegsleute, von denen einer

eine Laterne trägt, suchen den Heiland, der, von einem sanften

Himmelslicht bestrahlt, in der Ferne auf dem Berge kniet und betet; die

Christusfigur ist das einzige Farbige und Beleuchtete auf dem Bilde.

In dem Begleitschreiben zu jenen Gemälden berichtete Tizian dem König,

daß er an einem Marienbild arbeite, und er gibt die Versicherung, daß

er trotz seines Entschlusses für den Rest seiner hohen Jahre sich etwas

Ruhe zu gönnen, fortfahren werde, dem Könige mit seiner Kunst zu dienen.

Zwischen diesem und dem nächsten erhaltenen Briefe des Meisters an

Philipp II. liegen fünfzehn Monate. Daß die Zwischenzeit durch Werke

ausgefüllt wurde, über die nur die Nachrichten fehlen, ist um so

eher anzunehmen, als in dem Brief, worin der König schreibt, daß er

die Bilder „Christus am Ölberg“ und „Europa“ erwarte, der Nennung

dieser beiden die Worte „und die übrigen“ (~y los demas~)

hinzugefügt sind, und als auch über die Vollendung und Versendung jenes

Marienbildes keine Kunde erhalten ist. Ein Marienbild, das dieser

Zeit anzugehören scheint und das angeblich aus Spanien gekommen ist,

besitzt die Münchener Pinakothek: eine lebensgroße, lebendig bewegte

Gruppe von Mutter und Kind mit Abendstimmung in der Landschaft (Abb.

115). -- Vielleicht darf man hierhin die Entstehung und Übersendung

eines Gemäldes setzen, über das weiter nichts Schriftliches vorliegt,

als seine Nennung in einem von Tizian später aufgestellten Verzeichnis

der Bilder, welche der König von ihm empfangen hatte: „Venus mit

Amor, der ihr den Spiegel hält“. Zwar ist das nach Spanien geschickte

Bild dieses Gegenstandes verschollen; aber die Sammlung der Ermitage

zu Petersburg besitzt ein aus dem Nachlasse des Meisters stammendes

anderes Exemplar desselben. Auch gibt es davon mehrere von Schülern

ausgeführte Wiederholungen. Venus sitzt in einem pelzbesetzten

Morgenrocke von tiefrotem Sammet, aus dem sie den linken Arm

herausgezogen hat, so daß durch das Niedergleiten des Kleidungsstückes

der Oberkörper entblößt worden ist, auf einem mit gestreiftem Polster

bedeckten Ruhebett und betrachtet ihr Gesicht in dem Spiegel, den ein

stämmiger kleiner Liebesgott mit Kraftaufwand vor ihr hochhält. Das

helle Fleisch wird außer durch das Rot und Braun des Gewandes durch

einen dunkelolivengrünen Vorhang und eine bräunliche Wand prächtig

hervorgehoben. Das blonde Haar, goldene Armbänder, das gelbe Köcherband

Amors -- der Köcher selbst liegt abgebunden zu dessen Füßen -- und

die gestickte Borte des Gewandes spielen mit ihren verschiedenen

Goldtönen reizvoll in das kühle Fleisch und das warme Purpurrot hinein.

Ein vereinzelter blauer Fleck -- das Tüchlein, das Amor in die Hand

genommen hat, um den Ebenholzrahmen des Spiegels damit anzufassen --

steht in feiner Zusammenstimmung zwischen dem gelben Köcherband und

dem roten Gewande. Auf dem Petersburger Exemplare ist ein zweiter

Liebesgott hinzugefügt, der hinter dem Spiegel stehend und von diesem

beschattet, sich aufreckt, um der Venus einen Kranz ins Haar zu setzen

(Abb. 116).

[Illustration: Abb. 116. +Venus mit dem Spiegel.+ In der Ermitage

zu St. Petersburg.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E., Paris und New York.)]

Im Juli 1563 teilte Tizian dem König Philipp II. mit, daß er

beabsichtige, nach so vielen Fabeldarstellungen ihm ein großes

religiöses Geschichtsbild zu übersenden; und zwar sollte dies ein

vor sechs Jahren angefangenes Bild des letzten Abendmahles des Herrn

in lebensgroßen Figuren sein. Nach dem Wortlaut des Briefes fehlte

nicht mehr viel an der Vollendung des Gemäldes. Aber erst im Herbst

1564 wurde das umfangreiche Werk fertig. Garcia Hernandez, der

spanische Geschäftsträger in Venedig, war überzeugt, daß Tizian die

Ablieferung des Bildes absichtlich verzögere „nach seiner Schlauheit

und Habsucht“, bis zum Eintreffen eines Befehls von seiten des Königs

zur Berichtigung der wieder vorhandenen Rückstände. Tizian hatte wohl

gelernt, mißtrauisch in dieser Beziehung zu sein. Philipp II. aber

gab sich ehrlich Mühe, ihm zu allem was ihm zugesichert worden war,

zu verhelfen; er erließ im Jahre 1564 dahingehende Befehle nicht nur

an den Statthalter von Mailand, sondern auch an den Vizekönig von

Neapel, der die Verwirklichung gewisser Einkünfte von dort, die Karl

V. vor vielen Jahren dem Meister angewiesen hatte, ohne daß dieser

jemals zu deren Genuß gekommen wäre, besorgen sollte. -- Das Mittel

des Bilderverschenkens an maßgebende Persönlichkeiten wendete der

alte Tizian noch immer an. Hernandez flicht in seinen Bericht an den

Minister Perez in Madrid, der jene Äußerung über Tizian enthält, die

Bemerkung ein, wenn der Minister „einige Sächelchen von dessen Hand“

haben wolle, so sei die Gelegenheit günstig. Der Alte, der immer

arbeiten könne, sagt er, würde, wenn er Geld sähe, mehr thun, als mit

seinem Alter vereinbar sei. Das Bild des Abendmahls bezeichnet er als

eine wunderbare Sache, die von Kunstverständigen und von allen die

es sehen, zu den besten Werken des Meisters gezählt würde. -- Jetzt

ist dieses Gemälde, das im Refektorium des Escorial hängt, nur noch

eine Ruine. Die Luft im Escorial scheint der Erhaltung von Gemälden

nicht günstig zu sein; so ist das Bild im Lauf der Zeit so oft durch

Übermalungen „aufgefrischt“ worden, daß kaum noch etwas Ursprüngliches

von seiner Farbe zu sehen ist; außerdem aber ist ihm oben, um es der

Wand anzupassen, der ganzen Länge nach ein breites Stück abgeschnitten

worden, so daß auch die durch den Linienzusammenklang der Figuren mit

der Architektur bedingte Wirkung der Komposition zerstört ist.

Einige Monate vor der Absendung des Abendmahlsbildes hatte Tizian dem

König, wohl um ihm eine kleine Entschädigung für das lange Warten

auf jenes Gemälde zu geben, ein Bildnis der römischen Königin Maria,

der mit ihrem deutschen Vetter Maximilian, dem nachmaligen Kaiser,

vermählten Schwester Philipps II., geschickt. Das Porträt ist, wie so

vieles andere von Tizians Werken, nicht mehr vorhanden.

[Illustration: Abb. 117. +Der Arzt Parma.+ In der kaiserl.

Gemäldegalerie zu Wien.

(Nach einer Originalphotographie von J. Löwy in Wien.)]

Gleich nach der Vollendung des „letzten Abendmahls“ sollte Tizian auf

Wunsch des Königs den heiligen Laurentius in einem großem Altarbild für

die auf den Namen dieses Heiligen geweihte Kirche des Escorial malen.

Als einen Beweis von dem Eifer des Meisters für diese Arbeit meldete

Hernandez dem Könige gleichzeitig mit der Anzeige von der Verpackung

jenes großen Gemäldes, daß Tizian sofort den nämlichen Blendrahmen,

auf dem jenes aufgespannt gewesen, für das Laurentiusbild benutzen

werde. „Er ist kräftig und gut im Stande zu arbeiten“, fügt Hernandez

hinzu, „und wenn es Eurer Majestät Wunsch ist, daß er einige andere

eigenhändige Sachen mache, so wird es nötig sein, ihn zeitig davon

zu benachrichtigen; denn nach der Aussage von Leuten, die ihn seit

vielen Jahren kennen, geht er gegen die Neunzig, obgleich er sich

das nicht merken läßt“. -- Das Laurentiusbild, eine Wiederholung des

Altargemäldes in der Kirche der Crociferi, wurde im Frühjahr 1566 als

nahezu vollendet gemeldet. Aber seine Absendung nach Spanien erfolgte

erst im Dezember 1567.

Inzwischen arbeitete der Meister, der gerade jetzt wieder eine

außerordentliche Schaffenskraft besessen zu haben scheint, keineswegs

ausschließlich für den König. Er hatte im Herbst 1564 die Anfertigung

von drei großen Gemälden mythologisch-allegorischen Inhalts -- das

Gegenständliche wurde genau vorgeschrieben -- zum Schmuck der Decke

des Rathauses in Brescia übernommen. Er hatte um dieses Auftrags

willen eine Reise nach Brescia nicht gescheut. Von seiner körperlichen

Rüstigkeit gab er auch im folgenden Jahre durch einen Besuch in seiner

Vaterstadt einen Beweis, wo er den Plan zur Ausschmückung der dortigen

Kirche entwarf.

Bei der Ausführung der großen Deckenbilder für Brescia scheint er das

meiste seinen Gehülfen, unter denen sein Sohn Orazio immer noch an

erster Stelle stand, überlassen zu haben. Wenigstens ließ er sich

einen Abzug an der Bezahlung, den die Brescianer wegen Mangels der

Eigenhändigkeit machten, nach einigem Sträuben gefallen. Die Bilder

sind schon im Jahre 1575 durch Feuer zu grunde gegangen. -- Auch

die Altargemälde, die Tizian in seinem hohen Alter noch aus seiner

Werkstatt hervorgehen ließ, werden hinsichtlich der Ausführung wohl

zum größten Teil auf Rechnung der Gehülfen kommen. Bei dem Bilde der

Verkündigung Marias, das sich in der Kirche San Salvadore zu Venedig

befindet, hat der Meister allerdings seine Urheberschaft durch ein

energisches „~Titianus fecit fecit~“ beglaubigt.

In ganz ungeschwächter Meisterschaft tritt uns Tizian in einem Porträt

von 1566 entgegen, das sich in der kaiserlichen Gemäldegalerie zu

Wien befindet. Es ist das Bild des Altertumshändlers Jacopo Strada,

das völlig ebenbürtig neben den ebendort befindlichen Meisterwerken

der Bildniskunst aus Tizians früherer Zeit, den Porträts des Arztes

Parma (Abb. 117) und des Geschichtschreibers Varchi steht. Der Handel

mit Kunstaltertümern war ein schwunghaftes Geschäft in Venedig;

Tizian selbst beschäftigte sich gelegentlich mit dergleichen Dingen,

und sein Urteil darin galt als das des höchsten Sachverständigen.

Strada hatte von Kaiser Ferdinand die Titel eines kaiserlichen

Antiquarius und Hofrates verliehen bekommen. In dem ebenso lebendigen

wie farbenprächtigen Bilde steht er in schwarzer und hellroter

Kleidung, mit einem langhaarigen weißlichen Pelz über den Schultern,

an einem grünbedeckten Tische, auf dem man neben goldenen und

silbernen Denkmünzen und einem Brief mit Tizians Adresse einen kleinen

Marmortorso und ein altertümliches Bronzefigürchen sieht. Er hebt mit

beiden Händen eine Venusstatuette auf, um sie mit lebhafter Wendung

einem außerhalb des Bildes gedachten Kunstkenner zu zeigen. Die ganze

Erscheinung ist die eines gewandten Mannes, der viel auf sich hält.

Er trägt den Degen und die Ritterkette, zu deren Anlegung ihn die

kaiserlichen Titel berechtigen, und diese Titel selbst sind neben

dem eines römischen Bürgers auf einer schmuckvollen Inschrifttafel

angebracht (Abb. 118). Das Bild ist sichtlich schnell gemalt; in dem

Pelz erkennt man deutlich die Spuren des Daumens, den Tizian nach der

Aussage eines seiner Schüler in seinen späteren Jahren viel beim Malen

gebrauchte.

[Illustration: Abb. 118. +Der Antiquar Strada+, gemalt 1566.

In der königl. Gemäldegalerie zu Wien.

(Nach einer Originalphotographie von J. Löwy in Wien.)]

Im Anfange des Jahres 1566 erwirkte Tizian von der venezianischen

Regierung den gesetzlichen Schutz für die Vervielfältigungen von

mehreren seiner Gemälde, die er durch den holländischen Kupferstecher

Cornelis Cort und den italienischen Formschneider Niccolò Boldrini

ausführen ließ.

Aus dem Sommer dieses Jahres liegt ein interessantes Dokument vor

in der Steuererklärung Tizians, die er jetzt zum erstenmale abgeben

mußte, nachdem er ein halbes Jahrhundert hindurch die Vergünstigung

der Steuerfreiheit genossen hatte. Man erfährt daraus, daß er ganz

ansehnliche Landbesitzungen in Conigliano, in der Umgegend von

Serravalle und in seiner Heimat hatte.

Im Mai 1566 besuchte Vasari, der Italien durchreiste, um für eine

neue Ausgabe seiner Künstlerlebensbeschreibungen Stoff zu sammeln,

den Tizian in seiner Werkstatt. Er fand den Alten in fleißiger

Arbeit an der Staffelei und unterhielt sich mit ihm, während er die

vorhandenen Bilder besah. In seinem Buche schrieb er dann über ihn:

„Tizian hat eine Gesundheit und ein Glück genossen wie noch nie einer

seinesgleichen; und nie hat ihm der Himmel etwas anderes als Gunst

und Segen beschert. In seinem Hause zu Venedig sind alle Fürsten,

alle Gelehrten und alle Leute von weltmännischer Bildung gewesen,

die zu seiner Zeit Venedig besucht oder bewohnt haben; denn er war,

abgesehen von seiner hervorragenden Bedeutung als Künstler, ein sehr

liebenswürdiger Mensch, von schöner Erscheinung und von sehr angenehmem

Wesen und Benehmen. Er hat in Venedig einige Nebenbuhler gehabt, aber

keine von großer Bedeutung; daher hat er sie alle mit Leichtigkeit

aus dem Felde geschlagen durch die Vortrefflichkeit seiner Kunst und

durch seine Begabung, sich zu unterhalten und sich bei den Vornehmen

beliebt zu machen. Er hat recht viel verdient; denn seine Arbeiten sind

ihm sehr gut bezahlt worden. Aber es wäre wohlgethan gewesen, wenn er

in diesen seinen letzten Jahren nur noch zum Zeitvertreib gearbeitet

hätte, um nicht durch minder gute Werke den Ruhm zu beeinträchtigen,

den er sich in seinen besseren Jahren, und als die Natur ihn durch

ihren Verfall noch nicht in Gefahr brachte, Unvollkommenes zu schaffen,

erworben hat.“

So unangemessen dieser gute Rat auch war, von einem so unbedeutenden

Maler wie Vasari einem so großen Künstler wie Tizian gegeben -- das

Buch erschien noch bei Lebzeiten des Alten --: sachlich können wir

Vasari so ganz Unrecht nicht geben. Im Museum zu Madrid, dessen

Meisterwerke durch mustergültige Vervielfältigungen zur Kenntnis

weiterer Kreise zu bringen, ein hochanerkennenswertes Verdienst der

Berliner Photographischen Gesellschaft ist, sind Gemälde Tizians aus

fast einem halben Jahrhundert vereinigt. Die Summe des Eindrucks, den

man hier von den Werken seines hohen Alters gegenüber denen seiner

prächtigsten und heitersten Schaffenskraft empfängt, erweckt -- eben

weil der Vergleich sich so unmittelbar aufdrängt -- ein Gefühl des

Bedauerns. Eine bestimmte zeitliche Grenze läßt sich freilich nicht

ziehen; während eines ausgedehnten Zeitraums stehen ja Meisterwerke

allerersten Ranges unmittelbar neben solchen, in denen sich eine

greisenhafte Abstumpfung des Gefühls ankündigt. -- Was im Escorial von

Werken Tizians verblieben ist, macht vollends einen unerfreulichen

Eindruck. Das große Laurentiusbild über dem Altar der Alten Kirche,

das sich von dem älteren Bilde in Venedig hauptsächlich durch die

Hinzufügung zweier mit der Siegeskrone herabschwebenden Engel

unterscheidet, macht keine Ausnahme. Aber unmittelbar nach diesem

Gemälde schuf der neunzigjährige Künstler ein Meisterwerk, in dem

Jugendlust und Jugendkraft noch einmal aufflammten.

[Illustration: Abb. 119. +Jupiter und Antiope+ („~Venus del

Pardo~“). Im Museum des Louvre zu Paris.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E., Paris und New York.)]

Tizian · 第 11 / 12 段