Die Abschickung des Laurentiusbildes wurde durch die Krankheit und

den Tod des königlichen Geschäftsträgers Garcia Hernandez um mehrere

Monate verzögert. Diese Zeit benutzte Tizian, um eine „nackte Venus“

zu malen, die er der Sendung an den König beifügte; er sagt in dem

Begleitschreiben ausdrücklich, daß er das Bild +nach+ der

Vollendung des Altargemäldes gemacht habe. In dem schon erwähnten

späteren Verzeichnis seiner für Philipp II. gemalten Bilder nennt

er dasselbe: „Die Nackte mit der Landschaft und dem Satyr.“ Daraus

ergibt sich, daß es das unter dem Namen „die Venus von Pardo“ berühmte

Gemälde in lebensgroßen Figuren ist, das sich jetzt im Louvre befindet.

Diesen Namen führt es von seiner Aufbewahrung in dem königlichen

Schloß el Pardo bei Madrid. Es entging dem Brande, der im Jahre 1604

die in diesem Schlosse vereinigten Tizianschen Bildnisse zerstörte,

wurde dem im Jahre 1623 um die Infantin Maria werbenden englischen

Thronfolger, dem nachmaligen König Karl I., zum Geschenk gemacht, fiel

bei der Versteigerung des Nachlasses des enthaupteten Königs dem Kölner

Kunstliebhaber Jabach zu und kam bald darauf durch Vermittelung des

Kardinals Mazarin in den Besitz Ludwigs XIV. -- Die Benennung „Venus“

ist nicht im eigentlichen Sinne zu nehmen; sie bezeichnet hier nur in

allgemeiner Bedeutung eine nackte weibliche Idealfigur. Der Gegenstand

des Gemäldes ist die weniger bekannte mythologische Erzählung von

der thebanischen Königstochter Antiope, die, während sie erhitzt und

ermüdet von der Jagd im Walde ruhte, von dem in der Gestalt eines

Satyrs ihr nahenden Zeus überlistet wurde. Was den heutigen Beschauer

an diesem Bilde zunächst befremdet, sind die Nebenfiguren, die den

Ort, wo die schöne Jägerin entkleidet schlummert, als ebensowenig

zu einer derartigen Ruhe wie zu einem heimlichen Liebesabenteuer

geeignet erscheinen lassen. Aber was in den Nebenfiguren dargestellt

ist, dient zur Erklärung der Lage, in der wir Antiope erblicken, und

das räumliche Zusammenrücken der Vorgänge, die uns das Leben in

einem mythologischen Wald schildern, haben wir als eine damals für

durchaus statthaft geltende künstlerische Freiheit aufzufassen. Wer

den Wald zu durchstreifen gewohnt ist, hat keine Scheu vor den dort

heimischen Satyrn; das sehen wir daran, daß die Dienerin Antiopes sich

in ein freundschaftliches Gespräch mit einem solchen Waldgeist, der

sich zu ihr gesetzt hat, einläßt, und daß auch die Hunde des Jägers

ganz zutraulich bei demselben stehen bleiben. Aber die Hunde dürfen

nicht verweilen, der Hornruf erschallt, der Jäger schickt sich an, in

eilendem Lauf zu seinen Gefährten dort in der Lichtung jenseits des

Baches zu kommen. Da hat die Jagd eben ihren aufregendsten Augenblick

erreicht: die vordersten aus der Meute haben einen starken Hirsch

gestellt, sie sind den Schlägen des Geweihes ausgewichen und halten

ihn fest; gleich wird das stolze Tier der heranstürmenden Überzahl

erliegen. Die Nymphen des Waldes oder des Baches, der in einen

Wasserfall aus dem Gebüsch hervorkommt, sehen im Gesträuch versteckt

dem Schauspiel zu. Von solcher Jagd ermüdet, hat Antiope ihr Jagdgerät

an einen Baum gehängt und aus dem Pantherfell, das ihr als Mantel

diente, sich ein Lager bereitet; sie hat von den Erfrischungen, welche

die Dienerin mitgebracht hat -- man sieht einen Weinkrug und Früchte

--, genossen und sich dann mit von den Schultern gestreiftem Gewande,

unbefangen wie die kleiderlosen Nymphen, zur Ruhe gelegt. Wenn sie

beim Erwachen den Satyr sieht, der leise herangeschlichen ist und das

lose Gewand, mit dem sie sich halb zugedeckt hat, aufhebt, so wird

sie bei dessen Anblick ebensowenig Furcht empfinden, wie die Dienerin

vor dem wirklichen Satyr, der deren Aufmerksamkeit als ein gefälliger

Gehilfe des Zeus von der Herrin ablenkt, und sie wird denken, daß

die Neckereien des häßlichen Gesellen ihr so wenig gefährlich werden

können, wie den Nymphen. Sie kann nicht ahnen, daß in dieser Gestalt

sich der mächtige Gott verbirgt, dessen Leidenschaft Amor durch einen

Pfeilschuß anstachelt. -- Die so ausgesponnene Darstellung gab dem

Maler Gelegenheit, neben dem Reiz des ruhenden weiblichen Körpers

auch lebendige Bewegung zu schildern und sich in der Gestaltung einer

ausgedehnten Landschaft zu ergehen; und auf all diesen Gebieten

seines Könnens hat der hochbetagte Künstler hier noch einmal seine

Meisterschaft gezeigt (Abb. 119).

Dieses staunenswürdige Gemälde ist nicht das einzige, durch das Tizian

noch im höchsten Alter die Leistungsfähigkeit seiner Künstlerkraft

bekundete. Um dieselbe Zeit mag er das kräftig gestimmte Bild des

heiligen Hieronymus gemalt haben, das aus einer Kirche Venedigs in

die Sammlung der Brera zu Mailand gekommen ist. Auch das kostbare

Meisterwerk „Venus und Cupido“ in der Borghesischen Sammlung zu Rom

gehört zu diesen späten Schöpfungen. In der Komposition erinnert

dasselbe an die „Allegorie des Davalos“ und an die „Einweihung der

Bacchantin“. Aber der Inhalt ist neu; die Ausrüstung des Liebesgottes

wird geschildert. Der kleine Cupido lehnt sich auf die Kniee der

Venus, und diese verbindet ihm die Augen; die Grazien bringen ihm

den wohlgefüllten Köcher und den Bogen. Hinter Venus steht auf ihrem

Sitz ein anderer Liebesgott, der sich an ihre Schulter lehnt und sich

boshaft freut im Gedanken an das Unheil, welches das so ausgerüstete

Brüderchen, blind seine Pfeile versendend, in der Welt anstiften wird;

er scheint eben eine vorlaute Bemerkung gemacht zu haben, die ihm einen

verwarnenden Blick der Mutter zuzieht (Abb. 120).

Ein Zeitraum von zwei Menschenaltern liegt zwischen diesem Bilde

und der in der nämlichen Sammlung befindlichen Liebesallegorie der

zwei Mädchen am Brunnen. Die auffallendsten Unterschiede zeigen sich

in der Art, wie die Gewänder gemalt sind. Hier hat der Jüngling

Tizian noch in der glatten, die Einzelformen sauber zeichnenden

Behandlungsweise des XV. Jahrhunderts gemalt. Dort zeigt der Greis,

der achtzig Jahre hindurch Auge und Hand geübt hat, jeden einzelnen

Pinselstrich, und er läßt die Umrisse in den ineinander gesetzten

Strichen verschwimmen; aber indem er dies thut, bringt er die Formen

nur desto reizvoller zur Geltung für den das Bild aus dem richtigen

Abstand betrachtenden Beschauer; so schreibt er dem XVII. Jahrhundert

seine Malweise vor. Hier wie dort aber lebt das gleiche Farbengefühl;

wenn in dem Alterswerk auch nicht mehr in so heller Pracht wie in der

Jugendschöpfung, so doch noch freudig glühend.

[Illustration: Abb. 120. +Venus und Cupido.+ In der Galerie

Borghese zu Rom.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E., Paris und New York.)]

Im zehnten Jahrzehnt seines Lebens malte Tizian ebenso unermüdlich

wie zuvor. Wie unternehmungslustig er noch war, kann man daraus

ersehen, daß er in dem Begleitschreiben zu dem Laurentiusbild (vom

2. Dezember 1567) dem König Philipp den Vorschlag machte, er wolle

eine ganze Reihe von Bildern aus dem Leben des heiligen Laurentius

-- allerdings mit Hilfe seines Sohnes Orazio, den er als seinen

Nachfolger überall einzuführen sich bemühte -- für den Escorial malen.

Bemerkenswert ist, daß Tizian auch jetzt nicht versäumt, sich nach den

Beleuchtungsverhältnissen des Platzes für die zu malenden Bilder zu

erkundigen.

Philipp II. ging auf diesen Vorschlag Tizians nicht ein.

Der Verkehr zwischen dem König und dem Maler kam überhaupt jetzt ins

Stocken. Der Aufstand in den Niederlanden raubte Philipp wohl die

Lust, sich viel um die schöne Kunst zu kümmern. Er schrieb auch nicht

mehr selbst an Tizian. Dieser aber brachte sich von Zeit zu Zeit durch

Übersendung eines Gemäldes in Erinnerung und verfehlte dabei niemals,

den König, dem die selbstgemachten Schulden das Gewissen weniger

gedrückt zu haben scheinen, als die von seinem Vater hinterlassenen

Verbindlichkeiten, an Bezahlungsrückstände zu erinnern. Im Oktober

1568 schickte er ein Bild: „Christus mit dem Pharisäer, der ihm den

Zinsgroschen zeigt.“ Ob eine mit Tizians Namen bezeichnete, aber

sehr wenig ansprechende Darstellung dieses von dem Meister sechzig

Jahre früher so glücklich behandelten Gegenstandes, die sich in

der Nationalgalerie zu London befindet, dieses Bild ist, erscheint

fraglich. In dem Begleitschreiben kündigte Tizian als seine nächste

Arbeit für den König eine Komposition von viel mehr Mühe und Kunst, als

er wohl seit vielen Jahren gemacht habe, an. Das ist möglicherweise

die sonst nirgendwo erwähnte, aus dem Escorial in das Museum zu Madrid

gekommene Allegorie „Spanien als Beschützerin der Religion,“ ein farbig

wirkungsvolles Dekorationsstück von schwerverständlichem Inhalt. Aus

einem Briefe, den Tizian im August 1571 an den König schrieb, erfahren

wir, daß er demselben kurz zuvor ein Bild „Die Überwältigung der

Lucretia durch Tarquinius“ durch den venezianischen Gesandten hatte

überreichen lassen. Dieses scheint in einem in der Sammlung Wallace zu

London befindlichen Gemälde erhalten zu sein.

Der große Sieg über die Türken in der Seeschlacht bei Lepanto brachte

Philipp II. auf den Gedanken eines Gemäldes, das, als Gegenstück zu

dem Bilde Karls V. auf dem Felde von Mühlberg, ihn mit Bezugnahme auf

die Schlacht von Lepanto darstellen sollte. Wie das Bild zu fassen

wäre, gab der König dem spanischen Maler Sanchez Coello genau an, den

er unter seinen Augen eine kleine Skizze zeichnen ließ. Dann ließ er

durch denselben Künstler sein Porträt in Lebensgröße malen und sandte

Bildnis und Skizze als Vorlagen für Tizian nach Venedig. Tizian, dem es

begreiflicherweise keine besondere Freude machte, eine vorgezeichnete

Komposition auszuführen, gab die gewandte Antwort, der Verfertiger

der Vorlagen sei ein so tüchtiger Künstler, daß der König nicht nötig

habe, fernerhin noch Bilder im Auslande zu bestellen. Aber Philipp

II. blieb dabei, daß Tizian das Bild malen solle. Gegen Ende des

Jahres 1574 war der Meister mit diesem Werk beschäftigt. Daß er es

nicht mit Herzensfreude gemalt hat, sieht man dem jetzt im Pradomuseum

befindlichen Gemälde wohl an. Es ist stumpf in den Formen und wirkt als

Bild fast ebenso schwerfällig, wie sein allegorischer Inhalt. König

Philipp II. steht in halber Rüstung an einer Art von Altar, an dessen

Fuß ein gefangener Türke kniet; türkische Waffen und Abzeichen liegen

am Boden. In der Ferne sieht man das Meer mit der brennenden türkischen

Flotte. Der König hält ein nacktes Knäblein, den wenige Wochen nach

der Schlacht von Lepanto geborenen Thronfolger Don Fernando, in die

Höhe, der Siegesgöttin entgegen, die mit Lorbeerkranz und Palmenzweig

in den Händen vom Himmel herabfliegt. Die Göttin gibt die Siegespalme

dem Kind in das Händchen mit der Verheißung, die auf einem um den

Zweig geschlungenen Bande zu lesen ist: „~Majora tibi~ (möge

dir noch größeres beschert sein)!“ -- Trotz allem schwebt auch über

diesem Bilde, wenn auch noch so abgeschwächt, ein Rest des alten

Farbenzaubers; von dem alten Lichtzauber ist freilich nichts mehr

hineingekommen.

Im Sommer 1574 empfing Tizian den Besuch des jungen Königs von

Frankreich Heinrich III., der auf seiner Reise von Krakau nach Paris

sich kurze Zeit in Venedig aufhielt. Als der König nach dem Preise

einiger Bilder fragte, machte Tizian ihm dieselben zum Geschenk.

In des Meisters Werkstatt stand immer von neuem ein Vorrat an

fertigen Bildern. Wenn er in seinem höchsten Alter vielleicht nicht

mehr so ununterbrochen arbeitete wie früher, so malte er dafür desto

schneller. Er erübrigte zwischen der Ausführung der bestellten und der

zu nutzbringenden Geschenken bestimmten Bilder auch noch die Zeit,

dieses oder jenes lediglich zu seinem Vergnügen, mit der Absicht, es zu

behalten, zu malen. So hat er einmal ein Bild der Lucretia, die sich

selbst den Tod gibt, ausdrücklich mit der Inschrift versehen: „~Sibi

Titianus pinxit~“ (von Tizian für sich selbst gemalt).

Eines Tages sah der hochbegabte Tintoretto, selbst damals kein junger

Mann mehr -- er war 1519 geboren --, ein bestimmungsloses und beiseite

gestelltes Bild bei Tizian, das ihm als ein unvergleichliches Vorbild

für die Art, wie man malen müsse, erschien; er erbat und bekam dasselbe

von dem Meister zum Geschenk. Dieses Gemälde stellte die Dornenkrönung

Christi dar, und es ist wohl zweifellos in dem jetzt in der Münchener

Pinakothek befindlichen Bilde dieses Gegenstandes erhalten (Abb.

121). Die Malweise ist hier in der That etwas ganz Wunderbares. In

der Nähe sieht man nur ein Durcheinander von schwarzen, weißen, roten

und gelben Flecken, die mit breiten Pinseln hingehauen sind; und wenn

man den richtigen Abstand nimmt, verschmilzt alles zu durchgebildeter

körperhafter Erscheinung und zu tiefer, reicher Farbenwirkung. Und was

für eine großartige Gestaltungskraft spricht noch aus dem Linienzug

und der Massenverteilung der Komposition, aus der wilden Lebendigkeit

der Schergen und aus dem erschütternden Dulderausdruck des gemarterten

Christus! Und welches Stimmungsgefühl liegt noch in der düsteren, von

den qualmenden Flammen eines Hängeleuchters ausgehenden Beleuchtung!

Aus dem an den spanischen Staatssekretär Antonio Perez gerichteten

Brief Tizians vom 22. Dezember 1574, der die Mitteilung enthält, daß

das von Philipp II. zum Andenken an die Schlacht bei Lepanto bestellte

Bild in Arbeit sei, erfahren wir, daß Tizian zugleich noch mehrere

andere für den König bestimmte Gemälde angefangen hatte, von denen

aber nur eines, eine „Krippe“, d. h. die Geburt Christi, genannt wird;

und daß auch Perez kürzlich Bilder von ihm bekommen hatte und noch

weitere erwartete, deren Vollendung nur die ungünstige Jahreszeit

verzögerte.

[Illustration: Abb. 121. +Die Dornenkrönung.+ In der königl.

Pinakothek zu München.

(Nach einer Originalphotographie von Franz Hanfstängl in München.)]

Nachzuweisen ist von diesen Sachen nichts. Auch über das Bild der

Geburt Christi, zu dessen Anfertigung der Meister durch die von einem

kürzlich aus Spanien zu ihm gekommenen Maler -- vermutlich Sanchez

Coello -- gemachte Mitteilung bewogen wurde, daß diese Darstellung

in der Sammlung des Königs noch nicht vorhanden sei, fehlen die

weiteren Nachrichten. Eine Komposition dieses Gegenstandes aus Tizians

Alterszeit zeigt ein Bildchen von kleinem Maßstab in der Sammlung des

Pittipalastes zu Florenz.

Die letzten erhaltenen Briefe Tizians, vom Weihnachtstage 1575 und vom

27. Februar 1576, sind an König Philipp II. gerichtet und enthalten

beide die Mitteilung, daß Tizian noch immer mit Gemälden für den König

beschäftigt war.

[Illustration: Abb. 122. +Der Erlöser der Welt.+ In der kaiserl.

Gemäldegalerie der Ermitage zu St. Petersburg.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E., Paris und New York.)]

Einige von den allerletzten Werken des Meisters befinden sich in der

Sammlung der Ermitage zu Petersburg, in die der größte Teil der Bilder

gekommen ist, welche bei Tizians Tode in dessen Werkstatt standen. Dazu

gehört ein Bild des segnenden Erlösers mit der gläsernen Weltkugel

in der Hand, das ein höchst bezeichnendes Beispiel seiner spätesten

Malweise ist. Wenn auch die Hand des Künstlers nicht mehr fest und

sein Farbengefühl getrübt war und wenn er sich bei den Nebendingen mit

Andeutungen in breiten Pinselstrichen begnügte, so war er doch noch

imstande, in Hand und Antlitz des Erlösers eine heilige Erhabenheit zum

Ausdruck zu bringen (Abb. 122).

Als Tizian in sein neunundneunzigstes Jahr ging, dachte er ernstlich

an den Tod und bestellte sich in der Franziskanerkirche, auf deren

Altären zwei seiner größten und großartigsten Schöpfungen, die

Himmelfahrt Marias und das Weihebild des Hauses Pesaro, prangten, die

letzte Ruhestätte. Er einigte sich mit den Mönchen dahin, daß er das

Grab bekommen sollte gegen Lieferung eines Gemäldes der „Pietà,“ der

Klage um den vom Kreuze abgenommenen Leichnam des Herrn. Mit einer

unbegreiflichen Schaffenskraft entwarf Tizian das Bild: die Mutter

Maria sitzend in der Mitte, mit dem Leichnam Christi, dessen Kopf

und Schultern sie hochhält, auf dem Schoße; Joseph von Arimathia

daneben knieend und die herabhängende Hand des Toten haltend; Maria

Magdalena in heftiger Bewegung herbeieilend; ein Englein am Boden

und ein anderes, das eine Fackel trägt, in der Höhe; als Hintergrund

eine Nische mit einer Darstellung des alten Sinnbildes der göttlichen

Liebe, des Pelikans, zwischen Pfeilern und den Standbildern des Moses

und einer Sibylle. -- Als das Gemälde beinahe vollendet war, entzweite

der Alte sich mit den Brüdern von S. Maria de’ Frari, und bestimmte,

daß er nicht dort, sondern in der Familiengruft zu Pieve di Cadore

begraben werden solle. Das Bild wurde beiseite gestellt; nach dem Tode

des Meisters machte Palma der Jüngere dasselbe fertig und ließ es in

eine andere Kirche bringen. Jetzt befindet es sich in der Akademie zu

Venedig. Das Gemälde, das der neunundneunzigjährige Tizian zum Schmuck

seines eigenen Grabes anfertigte, würde ein Anrecht darauf haben, mit

Ehrfurcht betrachtet zu werden, auch wenn es gar keine künstlerischen

Eigenschaften besäße. Aber es ist thatsächlich ein großgedachtes Werk

und als solches bewunderungswürdig trotz der im Aufbau und in den

einzelnen Figuren sich kundgebenden Abstumpfung des Formengefühls;

wieviel der Meister noch an Farbenpoesie hineinzulegen vermocht hat,

das läßt sich nach den vielen Übermalungen, denen es preisgegeben

worden ist, nicht mehr beurteilen.

Im Jahre 1575 war wieder einmal die Pest aus dem Orient in Venedig

eingeschleppt worden. Obgleich die venezianische Regierung alle Mittel,

die nur möglich waren, anwendete, um das Umsichgreifen der Seuche zu

verhindern, erreichte die fürchterliche Krankheit im nächsten Jahre

eine noch nie dagewesene Höhe. Fünfzigtausend Menschen, mehr als ein

Viertel der Einwohnerschaft von Venedig, wurden von ihr dahingerafft.

Am 27. August 1576 fiel auch Tizian der Seuche zum Opfer. -- Er hatte

bis zuletzt gearbeitet. Ein Bild von Adam und Eva stand eben erst

angefangen in der Werkstatt.

Die zur Bekämpfung der verheerenden Krankheit erlassenen Gesetze

enthielten die Bestimmung, daß keiner, der an der Pest gestorben war,

in einer Kirche begraben werden durfte. Aber bei dem großen Tizian

wurde eine Ausnahme gemacht. Auf Befehl der Regierung wurde der

Leichnam am 28. August, unter dem Geleit der Domherren von S. Marco, in

die Frarikirche gebracht und unter fürstlichen Ehrenbezeugungen an der

Stelle, an der er begraben zu werden gewünscht hatte, eingebettet.

Eine von der venezianischen Künstlerschaft geplante prunkvolle

Leichenfeier nach dem Vorbilde derjenigen, welche die Florentiner dem

Michelangelo veranstaltet hatten, mußte wegen der Pest unterbleiben.

Über der Gruft Tizians erhebt sich jetzt ein stattliches Grabmal,

das Kaiser Ferdinand I. von Österreich im Jahre 1839 stiftete und

das im Jahre 1852 vollendet wurde: ein mit vielen Figuren und mit

Reliefnachbildungen von Gemälden des Meisters geschmückter Marmorbau.

Orazio Vecellio, den Tizian zu seinem Erben eingesetzt hatte, erlag

wenige Wochen nach dem Vater der Pest. Während er im Lazarett lag,

wurde aus dem leerstehenden Hause ein großer Teil der beweglichen Habe

von Dieben fortgetragen. Der nunmehrige Erbe Pomponio beeilte sich, das

Vermögen durchzubringen, das Tizian in achtzig Jahren fleißiger Arbeit

erworben hatte.

[Illustration]

Fußnote:

[1] Das herrliche Gemälde bereitet der photographischen Aufnahme

ungewöhnliche Schwierigkeiten. Die beste Wiedergabe desselben

befindet sich in der vortrefflichen Veröffentlichung

„Die Meisterwerke des Museo del Prado in Madrid“, welche

die Photographische Gesellschaft in Berlin ihrer ebenso

dankenswerten vorzüglichen Veröffentlichung der Meisterwerke

der Ermitage zu Petersburg vor kurzem hat folgen lassen.

Tizian · 第 12 / 12 段