Es verging mehr als ein Jahr, bis Tizian die beiden Gemälde fertig

hatte; im September 1554 meldete er ihre Vollendung dem Kaiser, und

einige Wochen später sandte sie Vargas nach Brüssel ab. Der Gesandte

berichtete an Karl V., Tizian habe sich an dieser Arbeit lange

aufgehalten; seine Entschuldigung sei der Wille und das Verlangen, den

Kaiser zufrieden zu stellen, und die Güte der Bilder, von denen das

größere sicherlich ein sehr schätzbares Werk sei.

Auch Tizian selbst erwähnt in seinem Schreiben die Mühe, die er sich an

der „Dreieinigkeit“ gegeben, und daß er es sich nicht habe verdrießen

lassen, die Arbeit von mehreren Tagen wiederholt wegzuputzen, um

das Bild so gut werden zu lassen, daß es den Kaiser und ihn selbst

befriedige.

[Illustration: Abb. 105. +Die Weisheit.+ Deckenbild in der

Bibliothek von S. Marco zu Venedig.]

Das sieht man nun freilich dem Bilde an, daß es nicht in frischem,

fröhlichem Guß entstanden, sondern mühsam zusammengequält worden ist.

Offenbar hat der Meister sich für den vorgeschriebenen Gegenstand

nicht erwärmen können. Der Titel „die Dreieinigkeit“ sagt nicht genug,

und die später gebräuchlich gewordene Benennung „die Glorie“ bezeichnet

nur eine Äußerlichkeit des Gemäldes (Abb. 96). Oben sieht man die

heilige Dreieinigkeit in einem Lichtglanz, den unermeßliche Scharen

von Cherubim und Seraphim umringen; weiter unten steht auf der Wolke

die Jungfrau Maria als Vermittlerin zwischen der Gottheit und den

sündigen Menschen. Ihre Fürbitte wird in Anspruch genommen durch eine

Gruppe von Personen, die, in Leichentücher gehüllt -- gleichsam als

Auferstandene am Tage des Gerichts --, auf tieferen Wolkenschichten

knieen; das sind Kaiser Karl V., der die Krone niedergelegt hat, und

die Kaiserin Isabella, die Königin Maria von Ungarn, der Prinz Philipp

und dessen Schwester Maria. Dieser Gruppe reihen sich weiter unten

einige Nebenfiguren an, unter denen der greise Tizian kenntlich ist,

während ein anderer bärtiger Mann den Gesandten Vargas vorstellt, der

den Meister um diese Anbringung seiner Person gebeten hatte. Von den

Betern aus nach vorn und wieder zurück und hinauf bis zur Jungfrau

Maria hin bilden die Patriarchen und Propheten einen weiten Ring

von mächtigen, in lebhafter Bewegung hinaufschauenden Gestalten; in

besonderer Hervorhebung erscheinen in der Mitte eine Sibylle, Noah mit

der Friedenstaube und der Gesetzgeber Moses. Das Ganze ist ein Gewühl

von Figuren, in derben, aus dem Kopfe gemalten Formen; die Gewänder

von Gott Vater, Christus und Maria stehen in scharfem Blau auf der

lichtgoldigen Glorie; ein ähnlicher blauer Fleck wiederholt sich in der

Mitte des Bildes, in einem Luftdurchblick zwischen den Wolken; den

wahren Tizianischen Farbenreiz hat nur die feine dunstige Landschaft

ganz unten.

Das kleine Bild, das gleichzeitig mit diesem großen Gemälde an

den Kaiser gelangte, stellt die schmerzenreiche Mutter Maria in

etwas weniger als halber Figur dar. Sein schon früher vorhandenes

-- wahrscheinlich im Jahre 1547 gemaltes -- Gegenstück zeigt den

dornengekrönten Heiland im roten Mantel, mit gebundenen Händen (Abb.

97). Diese Schmerzensgestalt ist sehr ausdrucksvoll, und ungezählte

spätere Maler haben, mit weniger Glück, dem Meister den Versuch

nachgemacht, das ganze bedeutungsvolle „~Ecce homo!~“ in einer

Halbfigur oder einem Brustbild auszusprechen. Aber zum erstenmal

begegnen wir hier einem Gemälde Tizians, dem der bezaubernde Farbenreiz

fehlt. Vielleicht trägt der ungewohnte Malgrund einen Teil der Schuld;

denn die beiden Gegenstücke sind auf Schiefer gemalt. Die „~Mater

dolorosa~“ wirkt ebenso wenig oder noch weniger als das „~Ecce

homo~“ durch die Farbe. Aber sie erfüllt den Zweck, durch den

Ausdruck seelischer Schmerzen zu rühren (Abb. 98). Der kaiserliche

Empfänger schätzte jedenfalls die beiden Bilder sehr hoch. Er ließ

sie zu einem Klappaltärchen vereinigen, und in dieser Verbindung

gehörten sie zu einer kleinen Sammlung Tizianscher Gemälde, die Karl

V. mit sich in die Stille von S. Yuste nahm. Dieselbe Bevorzugung

wurde einem anderen, jetzt ebenfalls im Pradomuseum befindlichen

Bilde der schmerzenreichen Mutter zu teil. Dieses Gemälde, ebenfalls

eine Halbfigur (Abb. 99), ist in dem hübschen Gesicht und in den

ineinandergeschlagenen Händen noch ausdrucksvoller als jenes. Seine

Farbe ist kräftig, aber auch nicht wohlthuend; der über das rote

Kleid und den weißen Schleier geschlagene gelbgefütterte Mantel ist

furchtbar blau. Merkwürdig, daß der Meister, der sonst gerade mit

der blauen Farbe wahre Wunder wirken konnte, durch eine das Auge

verletzende Anwendung dieser Farbe das erste Anzeichen einer Abnahme

seiner künstlerischen Kraft gibt. -- Das Hauptstück der Sammlung von

S. Yuste, die außer religiösen Bildern auch das Bildnis des Kaisers

in der Rüstung, dasjenige der Kaiserin und ein Doppelporträt des

Kaisers und der Kaiserin enthielt -- war das Dreieinigkeitsbild. Dieses

Gemälde hing dem Sterbebett gegenüber, und auf ihm ließ Karl V. am

21. September 1558, nachdem er eine Zeitlang das auf seinen Wunsch

herbeigebrachte Ehebildnis betrachtet hatte, seine Blicke haften, bis

er die weltmüden Augen schloß.

Von dem Gemälde für die Königin Maria, das Vargas im Jahre 1553 schon

vollendet in des Meisters Werkstatt sah, ist nur ein Bruchstück in

das Madrider Museum gerettet worden: der obere Teil von der Figur des

Auferstandenen mit der Gärtnerhacke in der Hand; der Kopf steht warm

und farbig auf einer sehr blauen, hellwolkigen Luft, über einer weißen

Tunika liegt ein blaues Obergewand.

Tizians Gesundheit war angegriffen, während er an jenen Werken für

den Kaiser arbeitete. Er klagte um diese Zeit einem Arzt, daß es Tage

gebe, an denen er sich gezwungen fühle, müßig zu gehen, in jähem

Wechsel mit Tagen, an denen er mit wahrer Leidenschaft male. Sein

Gemütszustand litt darunter, daß es ihm trotz aller Bemühungen nicht

gelang, die reichlichen Einkünfte, die der Kaiser ihm angewiesen hatte,

auch wirklich zu bekommen. Am meisten aber drückte ihn der Kummer

über seinen ältesten Sohn Pomponio, der dem geistlichen Kleid, das er

trug, wenig Ehre und dem Vater wenig Freude machte. Während Tizian mit

einer rührenden väterlichen Besorgtheit, die manchmal geradezu die

Erscheinungsform der Habgier annahm, sich bemühte, dem Sohne Pfründen

zu verschaffen, vergeudete dieser, was der Vater erwarb. Im Jahre 1554

erreichte der Verdruß über den mißratenen Sohn eine solche Höhe, daß

Tizian bewirkte, daß die Pfründe des mantuanischen Stifts Medole dem

Pomponio entzogen und einem Vetter desselben übertragen wurde. Als

Tizian den nunmehrigen Inhaber, seinen Neffen, in Medole besuchte,

wurde er krank und mußte längere Zeit in dessen Hause liegen. Zum Dank

für die genossene Pflege schenkte er ein Altarbild in die Kirche von

Medole, eine religiöse Allegorie, die sich noch dort befindet.

Wie körperliches und seelisches Leiden Furchen in das Gesicht des

Meisters gruben, sein Aussehen gedrückt und seine Haltung gebeugt

werden ließen, das zeigt uns sein Selbstbildnis in einem im Schloß zu

Windsor befindlichen Doppelporträt, wo er einem jüngeren Manne in

senatorischer Tracht, dessen Persönlichkeit nicht feststeht, über die

Schulter blickt (Abb. 100).

[Illustration: Abb. 106. +Die Grablegung Christi.+ Im Pradomuseum

zu Madrid.

(Nach einer Originalphotographie von J. Laurent & Cie., Madrid.)]

Gegen Ende des Jahres 1554 und in den ersten Monaten des folgenden

finden wir Tizian mit der Ausführung des Bildnisses und des Votivbildes

des neuen Dogen Francesco Venier beschäftigt. Das waren die letzten

amtlichen Dogenbilder, die Tizian malte; denn unter dem Nachfolger

Veniers wurde er von dieser Verpflichtung entbunden.

Auf Veniers Veranlassung wurde Tizian beauftragt, auch zum Gedächtnis

des im Jahre 1523 gestorbenen Dogen Antonio Grimani ein Votivbild zu

malen, da es während dessen kurzer Regierungszeit nicht zur Ausführung

eines solchen gekommen war. Tizian nahm dieses Gemälde alsbald in

Arbeit. Aber es wurde nie an seinen Bestimmungsort gebracht, sondern

blieb in der Werkstatt stehen. Diesem Umstande verdankt es, als das

einzige seiner Art, die Erhaltung. Es wurde nach des Meisters Tod,

von Schülerhand fertig gemacht, in dem „Saal der vier Thüren“ im

Dogenpalast aufgestellt, wo es sich noch befindet. Wahrscheinlich hat

die venezianische Regierung daran Anstoß genommen, daß Tizian hier

den Dogen nicht, wie üblich, vor der Mutter Gottes, sondern vor einer

allegorischen Gestalt, der Verbildlichung des christlichen Glaubens,

im Gebete knieen läßt. Nach dieser Gestalt wird das Bild gewöhnlich

„~la Fede~“ (der Glaube) genannt. Die Fides, durch Kreuz und

Abendmahlskelch nach dem Herkommen gekennzeichnet, erscheint in einem

Lichtschein, den ein von Cherubimköpfen angefüllter Wolkenring umgibt.

Von der Bewegung des Herannahens in der Wolke wehen ihr Schleier, das

offene Haar und der Gürtel rückwärts, die Falten des nach dem Muster

der Antike gebildeten Gewandes wallen. Mit der Rechten hält sie, von

einem kleinen Engel unterstützt, den Kelch hoch in die Höhe, mit der

Linken hat sie das große Kreuz gefaßt, das zwei Engelkinder tragen

helfen. Sie blickt hoheitsvoll und mit milder Freundlichkeit zu dem

Dogen herab. Die irdischen Gestalten, der Doge und sein Gefolge, bilden

vor einer Säulenarchitektur und einem schweren Vorhang eine Gruppe

von prachtvoller Wirkung. Grimani kniet in Harnisch und Pupurmantel

auf einem Kissen, mit vorgestreckten Händen, wie in antiker Weise

betend; sein wunderbar ausdrucksvoller magerer Greisenkopf trägt ein

weißes Käppchen auf dem kahlen Scheitel. Neben ihm kniet ein Page

im Brokatgewand, der die reichgeschmückte Dogenmütze hält. Hinter

ihm stehen zwei Krieger, die stumm und befangen auf die Erscheinung

blicken, zu der der Fürst mit Hingebung und Vertrauen aufschaut. Auf

der anderen Seite des Bildes, dem Dogen gegenüber, steht der heilige

Markus, eine majestätische Gestalt; er wendet, von seinem Buche

aufblickend, den schönen, kräftigen Kopf nach der Erscheinung um; der

kennzeichnende Löwe liegt ihm zu Füßen. Zwischen ihm und dem Dogen

sieht man über dem auf einen schmalen Streifen beschränkten Steinboden,

der die sämtlichen unteren Figuren trägt, ein Stück Venedig mit dem

Dogenpalast und dem Markusturm (Abb. 101).

Am 15. Januar 1556 verzichtete Karl V. zu Gunsten seines Sohnes auf die

Krone von Spanien; zugleich übergab er demselben seine italienischen

Besitzungen. Am 4. Mai schrieb der junge König Philipp II. an Tizian in

dem gewohnten freundschaftlichen Ton, ihn mit „~Amado nuestro~“

(Unser Geliebter) anredend, um ihm für einen neulichen Brief zu danken

und seiner Befriedigung darüber, daß er demnächst wieder mehrere

Werke des Meisters erwarten dürfe, Ausdruck zu geben. Es hat etwas

Rührendes, wie der König sich in diesem Schreiben bemüht, den Maler

hinsichtlich der Beschädigung des Adonisbildes, über die er dem

Gesandten Vargas recht heftige Vorwürfe gemacht hatte, zu beruhigen

durch die Versicherung, der Schaden sei durch Unvorsichtigkeit beim

Auspacken in Brüssel entstanden. Doch unterläßt er nicht, die Ermahnung

hinzuzufügen, Tizian möge die neuen Bilder recht sorgfältig verpacken.

Wie aus dem Schreiben des Königs hervorgeht, hatte Tizian die Bilder,

die er damals für ihn fertig hatte, nicht genannt. Die nächste

erhaltene Nachricht über Absendung eines Gemäldes an Philipp II. gibt

die Kunde, daß eine im November 1557 abgeschickte „Grablegung Christi“

durch die Schuld der Thurn und Taxisschen Post verloren ging.

Zu den, wie man doch annehmen muß, im Sommer 1556 beförderten Bildern

gehört vielleicht die im Pradomuseum befindliche Darstellung des

Sündenfalls, von der man nur weiß, daß sie aus der Sammlung Philipps

II. stammt, über deren Anfertigungs- oder Ablieferungszeit aber kein

Beleg vorhanden ist. In dem obenerwähnten Brief von 1554 spricht

Tizian von einem Gemälde, das er schon vor zehn Jahren angefangen habe

und jetzt zu vollenden beabsichtige. In solcher Weise könnte wohl

das Bild des Sündenfalls entstanden sein. Denn in diesem mächtigen

Werk, das leider die Spuren von schweren, wahrscheinlich bei dem

Brande von 1734 erlittenen Beschädigungen trägt, vereinigt sich die

ganz breite und weiche Malweise, die Tizian in seinem Greisenalter

zu einem staunenswürdigen Maße ausbildete, mit einer Vollkommenheit

der Erfindung und Gestaltung nach jeder Richtung hin, die den

Gedanken nahe legt, daß es in einer früheren Zeit entworfen sein

müsse. Die Gestalten von Adam und Eva stehen mit den warmen Tönen des

verschiedenartigen, hier ganz lichten, dort bräunlichen Fleisches

in wunderbar feiner Stimmung zu dem braungrünen Gesamtton des

Landschaftlichen im Vordergrunde, der blauen Ferne und der wolkigen

Luft; und ebenso vollendet ist der Zusammenklang der Linien der

beiden großartigen Gestalten mit den Linien der Baumstämme und der

belaubten Zweige. Dazu die Größe des Ausdrucks! Eva zittert, indem

sie dem Verlangen nachgibt und aus der Hand des Versuchers, der aus

dem Schlangenleibe mit Kopf und Armen eines Kindes, eines teuflischen

Cupido, hervorkommt, die verbotene Frucht entgegennimmt; sie bedarf

eines Haltes und lehnt sich so schwer auf einen Wurzelschößling des

Baumes, daß das armdicke Stämmchen sich unter dem Drucke biegt. Adam

ist sitzen geblieben, hat nicht ja und nicht nein gesagt; jetzt macht

seine Hand eine Bewegung des Zurückhaltens gegen das Weib; aber diese

Bewegung ist keine entschiedene mehr, und sein Blick hängt schon

begehrlich an der glänzenden Frucht (Abb. 102).

[Illustration: Abb. 107. +Die heilige Magdalena.+ Im Museum der

Ermitage zu St. Petersburg.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E., Paris und New York.)]

Eine in dem nämlichen Briefe von 1554 angekündigte und vermutlich

1556 abgesandte Darstellung von Perseus und Andromeda, die von Vasari

besonders gerühmt wird, und ein gleichzeitiges, für die Königin

bestimmtes Andachtsbild sind verschwunden. -- Über welch mächtige

Schaffenskraft der Meister noch verfügte, bekunden mehrere für Venedig

gemalte und noch dort befindliche Werke, die zweifellos auch der

Erfindung nach der Zeit vom Ende des achten und vom Beginne des neunten

Jahrzehnts seines Lebens angehören.

[Illustration: Abb. 108. +Bildnis eines Unbekannten+, vom Jahre

1561.

In der königl. Gemäldegalerie zu Dresden.

(Nach einer Originalphotographie von Franz Hanfstängl in München.)]

Eine vornehme Venezianerin, Elisabetta Quirini, beauftragte Tizian,

für die Begräbniskapelle ihres im Anfange des Jahres 1556 gestorbenen

Gatten Lorenzo Massolo in der Kirche der Crociferi ein großes

Altargemälde mit der Darstellung von dessen Namensheiligem auszuführen,

und der Meister schuf in Erfüllung dieses Auftrages ein Werk, das als

der „Assunta“ und dem „Petrus Martyr“ ebenbürtig gepriesen wurde.

Leider ist das Gemälde so stark nachgedunkelt, daß seine ursprüngliche

Wirkung sich kaum noch würdigen läßt, zumal da es an seinem jetzigen

Aufenthaltsort, in der Jesuitenkirche, nur sehr wenig Licht bekommt. In

Figuren von überlebensgroßem Maßstab ist die Marter des jugendlichen

Glaubenszeugen mit unbarmherziger Lebenswahrheit geschildert. Auf

dem von stattlichen Gebäuden eingeengten Vorplatz eines Tempels ist

der Eisenrost aufgestellt, auf dem die schöne Gestalt des Jünglings

ausgestreckt ist. Es ist Nacht, und die Beleuchtung geht von dem

flackernden Feuer unter dem Rost und von einer in der Höhe angebrachten

Pechfackel aus; nur der heilige Laurentius selbst wird noch von einem

anderen, überirdischen Licht beleuchtet, das durch Finsternis und

Rauch hindurchdringt und zu dessen am Nachthimmel gleich einem Stern

schimmernden Quell der Gemarterte Antlitz und Hand erhebt, während

die wilden Schergen unter der Aufsicht eines von Soldaten begleiteten

berittenen Befehlshabers sich anschicken, ihn umzuwenden und durch

Anschüren des Feuers und durch Mißhandlungen seine Qual zu vergrößern.

In dem Blick des Heiligen ist der Sieg über alle irdische Qual so

vollständig ausgesprochen, daß der Künstler es für überflüssig halten

konnte, die üblichen versöhnenden Engelserscheinungen anzubringen.

Vor der Vollendung dieses großen Gemäldes, das den Meister sicher

mehrere Jahre hindurch beschäftigte, entstand ein kleineres Altarbild,

das im Jahre 1557 als etwas Neues in Venedig besprochen und bewundert

wurde. Das ist das jetzt in der Akademie befindliche großartig erdachte

Bild des Täufer Johannes, der als der Prediger in der Wüste aus der

Felsenwildnis hervortritt und mit strengen, glühenden Augen zu den

Beschauern redet (Abb. 103).

Als eine Schöpfung von ähnlichem Feuer und ähnlicher Größe der

Auffassung sei hier das Bild eines anderen Predigers, des heiligen

Dominicus, erwähnt, das sich in der Borghesischen Galerie zu Rom

befindet und das zu derselben Zeit entstanden sein könnte (Abb. 104).

Außer den beiden Altarbildern besitzt Venedig noch ein ausgezeichnetes

Dekorationsstück von Tizian aus derselben Zeit. In der von Sansovino,

einem der liebsten Freunde des Meisters, erbauten Bibliothek von S.

Marco wurde im Jahre 1556 mit der Ausschmückung des großen Saales

durch Freskomalereien begonnen. Tizian hatte als Preisrichter dem

jungen Veroneser Paolo Caliari als dem Sieger im Wettbewerb um diese

Aufgabe eine goldene Kette überreicht. Während dieser hier arbeitete,

konnte der alte Meister es sich nicht versagen, in dem vor jenem Saal

gelegenen Eingangsraum, der im übrigen nur mit architektonischer

Dekorationsmalerei geschmückt wurde, das Gerüst zu besteigen und in das

achteckige Mittelfeld der Decke die in den Wolken thronende Gestalt

der Weisheit zu malen. Als ob man sie draußen in der Höhe sähe, ist

die mit wunderbarem Geschick in das Achteck hineinkomponierte Figur in

starker Verkürzung von unten dargestellt. In ein weißes Untergewand

und ein um die Beine geschlungenes gelbgrünes Obergewand gekleidet,

das lorbeerbekränzte Haupt von einem gelben Schleier umwallt, lagert

sie in erhabener Ruhe auf dem Wolkensitz, mit einer entfalteten

großen Schriftrolle in der einen Hand, und mit der anderen eine Tafel

berührend, die ein Flügelknabe ihr entgegenhält. Dieses Deckenbild ist

ein in seiner Art klassisches Werk: so groß und schön im Gedanken und

in den Formen, wie dekorativ wirkungsvoll als Raumfüllung (Abb. 105).

[Illustration: Abb. 109. +Tizians Tochter Lavinia als Frau.+

In der königl. Gemäldegalerie zu Dresden.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E., Paris und New York.)]

[Illustration: Abb. 110. +Bildnis eines jungen Mädchens.+ In der

königl. Gemäldegalerie zu Dresden.

(Nach einer Originalphotographie von Franz Hanfstängl in München.)]

König Philipp II. schickte, nachdem er in Gent die Nachricht vom Tode

seines Vaters empfangen hatte, alsbald den durch eine eigenhändige

Nachschrift geschärften Befehl an seinen Statthalter in Mailand, daß

alle von Karl V. dem Tizian bewilligten, noch rückständigen Jahrgelder

ausgezahlt werden sollten. Nach Empfang dieses Befehls setzte der

Statthalter, der Herzog von Sessa, Tizian davon in Kenntnis, mit

der Aufforderung, das Geld in Mailand abzuholen. Tizian beauftragte

wegen seines Alters, das ihm das Reisen nun doch beschwerlich machte,

seinen Sohn Orazio mit der Empfangnahme der Gelder. Orazio brach

im Frühjahr 1559, mit einer Ladung von Bildern ausgerüstet, nach

Mailand auf. Er verweilte dort längere Zeit, da der Herzog ihn mit der

Ausführung seines Porträts beauftragte. Seine friedliche Thätigkeit

wurde durch ein schreckliches Ereignis abgebrochen. Am 14. Juni machte

der Bildhauer Leone Aretino, bei dem er als Gastfreund wohnte, mit

mehreren Leuten einen Mordanfall auf ihn, um ihn zu berauben. Orazio

lag, von sieben Degen- und Dolchstichen getroffen, am Boden, als

durch das Geschrei eines zufällig herbeikommenden Dieners, der auch

noch drei Stiche erhielt, die Nachbarschaft herbeigerufen wurde,

so daß die Mörder sich zurückziehen mußten. Der schwer, aber nicht

tödlich Verwundete wurde in eine Herberge gebracht und durch den

Chirurgen des Herzogs verbunden. -- Man kann sich denken, in welche

fürchterliche Aufregung der alte Vater durch diese Nachricht versetzt

wurde. Er schrieb sofort an den König und bat um strenge Bestrafung des

Raubmörders. Wenn Orazio das Leben verloren hätte, versichert er in dem

Schreiben, so würde er, der Alte, darüber den Verstand und somit auch

die Fähigkeit, dem Könige mit seiner Kunst zu dienen, verloren haben.

-- Aber Leone muß mächtige Freunde in Mailand gehabt haben; er wurde

nach kurzer Zeit aus der Haft entlassen, das Verfahren gegen ihn wurde

hingeschleppt, und erst nach Jahren wurde die Missethat durch eine

Geldbuße gesühnt.

Mit dem Schreiben Tizians kreuzte sich ein Schreiben Philipps II.,

worin dieser dem Meister die Weisung gab, zwei als fertig angemeldete

„Poesien“ über Genua abzusenden und ein neues Bild der Grablegung

Christi als Ersatz für das verloren gegangene anzufertigen.

[Illustration: Abb. 111. +Bildnis einer Dame in rotem Kleid.+

In der königl. Gemäldegalerie zu Dresden.

(Nach einer Originalphotographie von Franz Hanfstängl in München.)]

Den letzteren Auftrag führte Tizian in der kurzen Zeit von sechs Wochen

aus. An den mythologischen Bildern hatte er seit Jahren mit Fleiß

gearbeitet. Am 27. September 1559 wurden die drei Gemälde nach Madrid

abgeschickt. Tizian hatte noch ein viertes, kleineres hinzugefügt, das

Bild einer Dame in gelber Kleidung und morgenländischem Aufputz; in

seinem Begleitschreiben bezeichnete er es als das Abbild derjenigen,

die die unbedingte Herrin seiner Seele sei, so daß er dem Könige

nichts Lieberes und Kostbareres senden könne. Über den Verbleib dieses

letztgenannten Bildes, in dem man wohl mit Recht ein Phantasieporträt

Lavinias vermutet, ist nichts bekannt. Die beiden „Poesien,“ in

denen die Mythen von Diana und Aktäon und von Diana und Kalisto in

figurenreichen Darstellungen geschildert werden, sind im Anfang des

XVIII. Jahrhunderts von König Philipp V. an den Marquis von Gramont

verschenkt worden und befinden sich jetzt in der Sammlung des Lord

Ellesmere zu London. Das Museum zu Madrid bewahrt von ihnen sehr

geschickt gemalte Kopien in verkleinertem Maßstab, die neben den

älteren Werken verwandten Inhalts bekunden, daß der Reiz, den Tizian

in derartige Darstellungen zu legen wußte, im Erlöschen war. -- Ein

fesselndes Werk ist die schnell gemalte Grablegung, die, nachdem

sie zuerst in Aranjuez, dann im Escorial einen Altar geziert hatte,

sich jetzt ebenfalls im Pradomuseum befindet. In der Komposition

unterscheidet sich dieses Gemälde von dem um mehr als ein Menschenalter

früher entstandenen inhaltsgleichen Pariser Bilde hauptsächlich

dadurch, daß der heilige Leichnam nicht zu Grabe getragen, sondern in

einen Marmorsarkophag hinabgesenkt wird. Von der Herzenswärme und dem

Farbenzauber, die in dem früheren Bilde leben, ist keine Rede mehr.

Aber das Machwerk ist staunenswürdig. In ein einigermaßen eintönig

zusammenklingendes Ganze sind ein paar starke Farben -- Krapprot

in der Kleidung des Nikodemus, der in gebückter Stellung die Beine

des Heilandes hält, und Blau im Mantel der Mutter Maria -- keck

hineingesetzt. Das ganze Gemälde offenbart sich als das Werk eines

Künstlers, der ein ungeheures Maß von Wissen und Können spielend

beherrscht und dem es dadurch gelungen ist, auch ohne viel Aufwendung

von Herzensarbeit in glücklichem Wurf noch ein schönes Bild zu schaffen

(Abb. 106).

[Illustration: Abb. 112. +Bildnis einer Dame in Trauer.+ In der

königl. Gemäldegalerie zu Dresden.

(Nach einer Originalphotographie von Franz Hanfstängl in München.)]

Im Jahre 1560 ließ Tizian ein Bild der heiligen drei Könige an Philipp

II. abgehen. Auch dieses Gemälde befindet sich im Pradomuseum. Es wirkt

trotz des malerischen Prunkes in der Schilderung des Aufzuges der drei

Weisen, die mit großem Gefolge zu der Hütte in Bethlehem gekommen

sind, nicht besonders anziehend, und man muß ohne Frage eine starke

Beteiligung von Schülerhänden annehmen.

Tizian · 第 10 / 12 段