Der gefangene Kurfürst von Sachsen war in der Rüstung abgemalt, die

er bei Mühlberg getragen hatte, und man sah im Gesicht die dort

empfangene Wunde. Ein anderes Bildnis Johann Friedrichs, ohne Rüstung,

das ebenfalls nach Spanien ging, ist nach Deutschland zurückgekommen

und befindet sich jetzt in der kaiserlichen Gemäldegalerie zu Wien.

Aus den zahlreichen Bildnissen, die Lukas Cranach nach diesem seinem

geliebten Herrn gemalt hat, ist die schwerfällige fette Erscheinung

Johann Friedrichs allgemein bekannt. Tizian hat die Unförmlichkeit

der Gestalt, die durch den großen Pelzüberrock -- der auch aus den

Cranachschen Porträts nicht fehlt -- und durch die weiten Ärmel des

Rockes noch vergrößert wird, nicht im geringsten gemildert, die Hände

hat er in ihrer formlosen Gedunsenheit wiedergegeben, und den auf

einem unglaublich feisten Halse sitzenden Kopf mit seinen mächtigen

Fettlagen hat er mit einer solchen Naturtreue gemalt, daß man den

schweren Herrn schnaufen zu hören vermeint. Aber die Größe von Tizians

Auffassungsweise hat in das Bild etwas hineingebracht, wozu dem

biederen Cranach all seine rührende Liebe und Anhänglichkeit an den

Kurfürsten nicht verhelfen konnte: man sieht in diesem Koloß einen Mann

von hoher Gesinnung, einen vornehmen, wahrhaft fürstlichen Herrn (Abb.

85).

Erhalten ist ferner das Bildnis des Kanzlers Nicolas Granvella, des

Vorsitzenden des Reichstags (Abb. 86). Es befindet sich im Museum

zu Besançon, als Überbleibsel einer sehr reichen und auserlesenen

Kunstsammlung, die Granvella in dem Palast, den er sich hier in seiner

Heimat erbaut hatte, zusammenbrachte, und in der er eine stattliche

Reihe von Meisterwerken Tizians vereinigte.

Tizian würde trotz seiner Arbeitskraft wohl nicht imstande gewesen

sein, die Menge der in Augsburg, wo ihm doch auch zweifellos viele

Festlichkeiten Abhaltung brachten, übernommenen Porträts -- außer den

angeführten werden noch andere genannt -- zu bewältigen, wenn er nicht

seinen Verwandten Cesare Vecelli als Gehilfen bei sich gehabt hätte,

dem er die Ausarbeitung von Nebendingen überlassen konnte. Cesare war

der Sohn eines Vetters von Tizians Vater; er hat seinen Namen besonders

durch die Herausgabe der ersten „Kostümkunde“ („~Degli abiti antichi

e moderni~,“ Venedig 1590) bekannt gemacht.

Der unermüdliche Meister erübrigte sogar noch die Zeit, für die

Königinwitwe Maria von Ungarn vier Bilder mit den überlebensgroßen

Gestalten von Höllenqual erduldenden Männern zu malen: Prometheus,

Sisyphus, Ixion und Tantalus. -- Als die Königin Maria ihrem

kaiserlichen Bruder nach dessen Abdankung nach Spanien folgte, nahm

sie auch diese Gemälde mit. Zwei derselben, die schon ein Jahrzehnt

nach ihrer Entstehung in schlechten Zustand geraten waren, sind

untergegangen. Ob in dem Prometheus und dem Sisyphus, die noch im

Pradomuseum bewahrt werden, die Tizianschen Originale erhalten sind,

wird bezweifelt. Aber wenn diese beiden Bilder Kopien von der Hand

eines Spaniers sein sollten, so sind sie so vortrefflich gelungen, daß

sie uns wie in ursprünglicher Kraft die mächtigen, großartig düsteren

Darstellungen des gefesselten Titanen, der in wilder Qual sich unter

dem zerfleischenden Adler windet, und des Sisyphus, der unter seiner

Felsenlast dem unerreichbaren Berggipfel entgegenkeucht, vorführen.

Im Herbst 1548 trat Tizian die Heimreise an. Unterwegs malte er in

Innsbruck die drei jüngsten Töchter des Königs Ferdinand, Kinder von

einem, fünf und neun Jahren, in einem Gruppenbild. Das Gemälde befindet

sich jetzt in der Sammlung des Lord Cowper. -- Es ist bemerkenswert,

das der geschäftskluge Künstler sich von dem Könige als Lohn für seine

Leistungen Bauholz aus einem Tiroler Walde erbat, das er bei Bauten,

die er vorhatte, verwenden wollte.

Vom Kaiser hatte Tizian eine Anweisung auf Verdoppelung des ihm aus der

mailändischen Staatskasse zugewiesenen Jahrgehaltes bekommen. Aber die

Auszahlung dieser Gelder konnte er nicht erwirken, obgleich er es nicht

an Geschenken von Bildnissen fehlen ließ, um seine dahin gerichteten

Bemühungen zu unterstützen.

Aber auch so brachte er eine ansehnliche Einnahme mit nach Hause. Er

vergrößerte sein Heim, indem er zu dem Hause, worin er seit 1531 zur

Miete wohnte, das ganze zugehörige Grundstück erwarb. Den am Strand der

Lagune, der Insel Murano gegenüber, sich ausbreitenden Garten hatte er

schon vorher zu einer reizvollen Anlage ausgestattet, in der er oftmals

fröhliche Feste veranstaltete. Als ein Freund heiterer Geselligkeit

versammelte er gern einen ausgewählten Kreis von geistig bedeutenden

und von hochstehenden Männern in seinem Heimwesen. Die alleinige Dame

des Hauses wurde durch den Tod von Tizians Schwester Orsa, im März

1549, seine Tochter Lavinia.

[Illustration: Abb. 96. +Die Anbetung der heiligen Dreifaltigkeit+

(„~La Gloria~“). Im Pradomuseum zu Madrid.

(Nach einer Originalphotographie von J. Laurent & Cie., Madrid.)]

Lavinia war des Vaters Liebling, und mehrere Gemälde führen uns die

taufrische, kindlich liebenswürdige Erscheinung der zu straffer Fülle

herangeblühten Jungfrau vor Augen. Ein Bildnis Lavinias, dessen im

Jahre 1549 als eines in Arbeit befindlichen Werkes Erwähnung geschieht,

ist der Vermutung nach das jetzt im Berliner Museum befindliche

Bild einer jungen Dame, die eine blumengeschmückte Fruchtschale in

den erhobenen Händen trägt. In einem vornehmen Kleid von grünem

Seidendamast, mit einem lose um die Schultern geworfenen feinen weißen

Schleier, geschmückt mit einem kostbaren Diadem in den goldblonden

sich kräuselnden Haaren, einem Perlenhalsband und einem Gürtel von

kunstvoller Goldschmiedearbeit, so tritt des Künstlers Tochter aus dem

Hause auf den Altan, an dessen Eingangspfeiler ein dunkelroter Vorhang

zurückgeschlagen ist; ihr Körper biegt sich zurück, um dem Gewicht

der gefüllten Metallschale, die ihre weichen Hände mit biegsamen

Fingern halten, entgegenzuwirken. Auf der Schwelle bleibt sie noch

einmal stehen und wendet den Kopf zurück, so daß wir zugleich die runde

Linie ihres Nackens und das Gesicht mit seinen Kirschenlippen und den

unschuldigen braunen Augen, deren Blick uns begegnet, bewundern können.

So mag Lavinias Erscheinung oftmals das Auge des zärtlichen Vaters

und schönheitsfrohen Malers entzückt haben, wenn sie in den Garten

hinaustrat, um den Gästen aufzuwarten; nur hat der Künstler den Blick

auf die Heimatberge, die man von dort aus in weiter Ferne über dem

Meere schimmern sah, in die Nähe gerückt (Abb. 87). -- Neben diesem

Bild der „Jungfrau mit einer Fruchtschale“ wird ein gleichartiges als

„Mädchen mit einer Schüssel Melonen“ erwähnt, von dem aber nur eine

Kupferstichnachbildung erhalten ist.

[Illustration: Abb. 97. +~Ecce homo.~+ Im Pradomuseum zu

Madrid.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E., Paris und New York.)]

Das anmutige Bewegungsmotiv war hier so glücklich gefunden, daß Tizian

dasselbe in einem Bilde wiederholte, dem er durch eine Umänderung einen

historischen Titel und damit den Charakter eines leichtverkäuflichen

Werkes gab. Er verwandelte die Fruchtschale in eine Schüssel mit dem

Haupte Johannes des Täufers und machte so aus Lavinia eine Salome. In

solcher Gestalt sehen wir das liebliche Mädchen, das uns hier auch

seine vollen Arme durch eine durchsichtige Hülle hindurch zeigt, in

einem Gemälde von köstlichem Farbenreiz, das sich im Pradomuseum

befindet. Freilich paßt das unschuldsvolle Gesicht wenig für die

Tochter der Herodias. Dieser Empfindung gibt eine Sage Ausdruck, die

sich an ein im Besitze des Lord Cowper befindliches Gemälde mit der

nämlichen Figur knüpft: auch hier soll das junge Mädchen zuerst die

Salome vorgestellt haben; nachträglich aber habe der Meister das

abgeschlagene Haupt zugestrichen und das prächtige Schmuckkästchen, das

man jetzt dort sieht, darüber gemalt; die abgespreizten Finger erinnern

noch an den in die Hände Salomes gelegten Ausdruck des Widerwillens

gegen die blutige Last.

[Illustration: Abb. 98. +Die schmerzenreiche Mutter.+ Im Museum zu

Madrid.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E., Paris und New York.)]

Im Dezember 1549 machte Tizian an Ferrante Gonzaga, den Bruder des

verstorbenen Herzogs Federigo, in einem auf die Erwirkung des Mailänder

Jahrgehaltes bezüglichen und von einem Kaiserporträt begleiteten Briefe

die Mitteilung, daß er seine Tochter verlobt habe. Der Erwählte war

ein junger Mann aus dem Alpenstädtchen Serravalle, mit Namen Cornelio

Sarcinelli. Als glückliche junge Braut mögen wir Lavinia Vecelli

erkennen in dem so überaus liebenswürdigen, mit wahrer Zärtlichkeit in

jedem Strich gemalten Bildnis in der Dresdener Galerie, in dem sie als

eine ganz in Licht gehüllte Gestalt in weißem, fein mit Gold verziertem

Seidenkleid vor uns steht, mit einem fähnchenförmigen Fächer -- wie

solche in Spanien heute noch gebraucht werden -- in der Hand (Abb. 88).

Um dieselbe Zeit, wo er das Bildnis seiner Tochter malte, fand der

Meister wohl auch die Muße, sich selbst zu porträtieren. Vasari erwähnt

ein Selbstbildnis, das Tizian für seine Kinder malte, und setzt die

Entstehung desselben in die Zeit um 1543. Das schönste der erhaltenen

Selbstbildnisse Tizians, im Berliner Museum, scheint ihn indessen

in etwas vorgerückterem Alter zu zeigen, sodaß es eher gegen 1559

entstanden sein dürfte. In diesem Bilde ist nur der Kopf -- ein sehr

schön geformter Kopf -- ausgeführt; alles übrige, die Jacke von heller

Seide, der Pelzüberrock, die goldenen Ritterketten und die Hände, von

denen die eine auf dem Schenkel ruht, während die andere auf dem Tische

trommelt, ist nur skizziert mit Anwendung weniger Farben -- Tizian soll

einmal gesagt haben, mit Schwarz, Weiß und Rot könne man, wenn man die

drei Farben nur richtig anwende, alles malen --. Skizziertes aber und

Ausgeführtes sind von gleichem Leben erfüllt, die ganze Erscheinung

spricht von Thatkraft und rastloser Arbeit, aus den Augen leuchtet

Feuer und Geist (Abb. 89). -- Das Selbstbildnis in der Sammlung von

Malerbildnissen in der Uffiziengalerie (s. d. Titelbild) zeigt den

Kopf in genau derselben Ansicht und in ähnlicher Auffassung, ist aber

stärker beschädigt und dabei weniger lebendig in der Wirkung, als das

Berliner Bild.

Das Jahr 1549 ist noch bemerkenswert durch das Erscheinen eines

Kupferstiches nach einer von Tizian eigens zu diesem Zwecke

ausgeführten Zeichnung. Das seltene Blatt stellt den Untergang des

Pharao im Roten Meer vor und ist von Domenico delle Greche, einem

Schüler Tizians von griechischer Herkunft, gestochen (Abb. 90).

Hauptsächlich wird sich der Meister während der Jahre 1549 und 1559

wohl damit beschäftigt haben, diejenigen Bilder, die er in Augsburg

nur angelegt hatte -- denn daß er die ganze Menge seiner dortigen

Arbeiten in der Zeit von kaum drei Vierteljahren gleich vollständig

fertig gemacht hätte, ist nicht denkbar --, mit Ruhe zu vollenden.

Im Herbst 1559 wurde Tizian zum zweitenmal nach Augsburg berufen,

wo der Kaiser inzwischen wieder einen Reichstag eröffnet hatte. Am

11. November berichtete er an Aretin, daß der Kaiser ihn mit der

gewohnten Höflichkeit empfangen und sich nach den mitgebrachten Bildern

erkundigt habe. Karl V. gestattete ihm jederzeit Zutritt, und der

freundschaftliche Verkehr des sonst so abgeschlossenen Herrschers

mit dem Maler erregte weithin Aufsehen. Tizian traf jetzt einen

deutschen Kunstgenossen hier an, der noch einige Jahre älter war als

er und sich eine ebenso unermüdliche Arbeitskraft bewahrt hatte, in

seiner künstlerischen Auffassungsweise aber so ziemlich das gerade

Gegenteil von ihm war: Lukas Cranach. Unter den dreißig Bildern, die

der Wittenberger Meister zur Unterhaltung seines gefangenen Herrn in

Augsburg malte, befand sich auch das Konterfei Tizians.

An die Arbeitskraft Tizians scheinen während seines diesmaligen

Aufenthalts in Augsburg keine so ungeheuren Anforderungen gestellt

worden zu sein, wie das vorige Mal. Seine wichtigste Aufgabe war es,

das Bild des Kaisersohnes Philipp zu malen, der aus Spanien über Genua

und Mailand nach Deutschland gekommen war, um diesen Teil von seines

Vaters Reich kennen zu lernen. Die Aufnahme, welche Tizian von dem

dreiundzwanzigjährigen Prinzen machte, diente zunächst einem Paradebild

als Unterlage, das sich jetzt im Pradomuseum befindet. Es ist ein

stolz und vornehm wirkendes Gemälde. Philipp steht in weißem Anzug und

halber Rüstung vor einer dunklen Wand auf einem dunkelroten Teppich;

seine Linke ruht auf dem Degenkorb und die Rechte auf dem Helme, der

auf einer mit karminrotem Sammet bedeckten Konsole steht. Die Ärmel

und die Beinkleider sind mit Stickereien verziert, die Rüstung mit

Ciselierungen und Vergoldungen reich geschmückt. Das an sich wenig

anziehende, von rotem Haar und Bart umgebene bleiche Gesicht, in dem

das blutfarbige Rot der hängenden Unterlippe als vereinzelter starker

Farbenfleck steht, hat durch die Größe von Tizians Auffassung eine

solche Vornehmheit bekommen, daß die natürliche Unschönheit hinter

der Hoheit verschwindet. Es ist vollkommen zu begreifen, daß die

Königin Maria von England, der das Gemälde zugeschickt wurde, als

Philipp sich um sie bewarb, „ganz verliebt“ in das Bild sein konnte.

Bezeichnend für den Wert, den die Besitzerin des Bildes, Maria von

Ungarn, demselben beilegte, ist der Umstand, daß sie es der englischen

Königin nicht schenkte, sondern nur bis zur erfolgten Vermählung lieh.

Erwähnenswert ist noch, daß Maria von Ungarn in dem Schreiben, mit dem

sie die Absendung des Gemäldes nach London begleitete, hervorhob, daß

man es nicht aus zu großer Nähe betrachten solle. Die kühne und freie

Malweise, zu der Tizian allmählich gekommen war, rechnete genau mit dem

richtigen Abstand, den der Beschauer einnehmen muß, um ein Bild als

Ganzes auf sich einwirken zu lassen.

[Illustration: Abb. 99. +Die schmerzenreiche Mutter.+ Im

Pradomuseum zu Madrid.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E., Paris und New York.)]

Vielleicht wurden schon gleich in Augsburg Wiederholungen dieses

Bildnisses mit Hülfe von Schülern angefertigt. Von anderen Werken, die

Tizian damals dort malte, erfährt man nur wenig. Er verweilte auch nur

während der Zeit der kurzen, zum Malen so ungünstigen Wintertage in

Augsburg. Bei der Abreise nach Schluß des Reichstages, im Februar 1551,

empfing er vom Kaiser den Auftrag zu einem sinnbildlichen Gemälde, in

dessen Thema schon die Gemütsstimmung Karls V. Ausdruck fand, die ihn

zu seiner Abdankung bewegte. Der Maler durfte ahnen, was kein anderer

voraussehen konnte. -- Tizian begleitete den Kaiser nach Innsbruck;

dort soll er eine große Allegorie mit den Figuren der ganzen Familie

des Herrschers gemalt haben; aber man weiß nichts weiteres über

dieses Bild, und die ganze Nachricht beruht wahrscheinlich auf einer

mißverstandenen Kunde von jenem Auftrag, den er mit sich nahm. Tizian

sah den Kaiser nicht wieder.

[Illustration: Abb. 100. +Tizian und ein venezianischer Senator.+

In der Sammlung der Königin von England im Schlosse Windsor.

(Nach einer Originalphotographie von Franz Hanfstängl in München.)]

Im Sommer 1551 war Tizian wieder daheim. Mehrere Jahre lang arbeitete

er jetzt fast ausschließlich für den Kaiser, für den Prinzen Philipp

und für Maria von Ungarn. Die einzigen anderweitigen Arbeiten aus

der Zeit bis 1554, von denen man weiß, sind einige Bildnisse: das in

den Uffizien befindliche Porträt des päpstlichen Nuntius in Venedig

Lodocico Beccadelli, das die Datumbezeichnung „1552 im Monat Juli“

trägt; das bei dem Brande von 1577 untergegangene pflichtschuldige

Porträt des im Sommer 1553 erwählten Dogen Marcantonio Trevisani;

ferner die nur durch ihre Erwähnung in Briefen Aretins bekundeten

Bildnisse des kaiserlichen Gesandten Vargas und des Thomas Granvella.

Im Jahre 1552 schickte Tizian drei Gemälde an den Prinzen Philipp nach

Spanien: eine Landschaft, eine heilige Margarete und eine „Königin

von Persien“; der Gegenstand des letzteren Bildes war, wie aus dem

Begleitschreiben des Meisters hervorgeht, frei von ihm gewählt;

vermutlich war bei den zwei anderen dasselbe der Fall. Erhalten ist

von diesen Gemälden nur das Bild der heiligen Margarete. Es befindet

sich im Pradomuseum. Die Heilige ist nach der von den Künstlern der

Renaissancezeit öfters verbildlichten Legende als die Überwinderin

eines Drachens dargestellt. Sie schreitet in lebhafter Bewegung über

den in langen Windungen am Boden liegenden und auch im Tode noch Grauen

einflößenden Leichnam des Ungeheuers hinweg, das durch den Anblick des

Kreuzes in ihrer erhobenen Hand getötet worden ist; in ihrem grünen

Gewande, das Hals und Arme und das vorgesetzte Bein unbedeckt läßt,

hebt sie sich hell von der düsteren Felsenlandschaft ab (Abb. 92).

[Illustration: Abb. 101. +Der Doge Antonio Grimani in Verehrung vor

der Erscheinung des Glaubens.+ Im Dogenpalast zu Venedig.

(Nach einer Originalphotographie von Gebr. Alinari, Florenz).]

Im März des folgenden Jahres ließ Tizian ein Porträt Philipps folgen.

Es ist dies vermutlich das jetzt im Museum zu Neapel befindliche

schöne Bild, in dem der Prinz, wieder in ganzer Figur, in weißseidenem,

goldgesticktem Anzug dargestellt ist, und von dem sich eine etwas

veränderte, wohl teilweise eigenhändige Wiederholung im Pittipalast

befindet (Abb. 93). -- In seinem Begleitschreiben sagt Tizian, daß die

liebenswürdige und gnädige Antwort Philipps auf seine vorige Sendung

an ihm das Wunder gewirkt habe, daß er wieder jung geworden sei; und

er erwähnt, daß er mit dem Fertigmachen der „Poesien“ beschäftigt sei.

-- Philipps dankende Erwiderung hierauf enthält die feinste Artigkeit,

die dem Künstler gesagt werden konnte, indem die ganze Bewunderung des

Bildnisses in die Worte zusammengefaßt wird: „es ist eben von Eurer

Hand“.

[Illustration: Abb. 102. +Der Sündenfall.+ Im Pradomuseum zu

Madrid.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E., Paris und New York.)]

Wenn man die „Poesie“, welche Tizian bald darauf nach Madrid

abschickte, und die sich jetzt im Pradomuseum befindet, ansieht, so

muß man in der That sagen, daß der Sechsundsiebzigjährige wieder jung

geworden ist. Die Komposition dieses Gemäldes war freilich keine

neue Schöpfung; es ist nur eine Umarbeitung der acht Jahre früher

in Rom gemalten Danae. Aber wie das von neuem empfunden, und wie es

gemalt ist, das ist allerdings eine Äußerung von Jünglingsfrische.

Gegenständlich unterscheidet sich das Bild von jenem älteren dadurch,

daß Amor weggelassen und dafür eine häßliche alte Dienerin, die

eine starke Gegensatzwirkung hervorbringt, hinzugefügt ist. Es ist

vielleicht weniger duftig, als jenes, aber dafür glühender; und die

Malweise hat etwas, man möchte sagen Bebendes von einzigartigem Reiz.

Der ganze Farbeneindruck wirkt wie ein bestrickender Zauber. Die zarte

Haut des blonden Weibes ist heller als das feine Weißzeug des Bettes;

vor den dunkelpurpurnen Vorhang schiebt sich die graue Wolke, die

unter dem Zucken rötlicher Blitze den Goldregen entsendet; unter der

Jupiterwolke sieht man auf blaues, weißgemischtes Gewölk, gegen das die

braune Alte sich dunkel absetzt, die sich bemüht, in ihrer Schürze auch

einige der Goldtropfen aufzufangen.

Es gibt zwei Wiederholungen dieses Gemäldes, mit Abweichungen, die sich

hauptsächlich auf die Figur der Alten erstrecken. Die eine befindet

sich in der Ermitage zu Petersburg, die andere (Abb. 94) in der

kaiserlichen Gemäldegalerie zu Wien. Beide müssen, wenn sie auch den

Reiz des Madrider Bildes nicht erreichen, als eigene Arbeiten Tizians

angesehen werden. Der Gegenstand fand eben großen Beifall in jener Zeit.

[Illustration: Abb. 103. +Johannes der Täufer in der Wüste.+

In der Kunstakademie zu Venedig.

(Nach einer Originalphotographie von Gebr. Alinari, Florenz.)]

Eine zweite „Poesie“, Venus und Adonis darstellend, ließ Tizian

der Danae einige Monate später, im Herbst 1554, folgen, mit einem

Begleitschreiben, in dem er dem Prinzen seine Glückwünsche zu der

inzwischen (am 25. Juli) vollzogenen Vermählung mit der Königin von

England darbrachte und mehrere andere Gemälde gleicher Art, daneben

aber auch ein Bild religiösen Inhalts in Aussicht stellte. Das Gemälde

kam zu Philipps großem Verdruß in beschädigtem Zustande in London

an; es war durch eine mitten quer durchlaufende Falte entstellt. Die

Spur dieser Knickung hat niemals ganz beseitigt werden können; man

sieht sie heute noch an dem jetzt im Pradomuseum befindlichen Bilde.

Auch hier war der Gegenstand, das Losreißen des seinem Todesgeschick

entgegengehenden Jünglings aus den Armen der liebenden Göttin, nicht

neu. Tizian hatte die Komposition schon vor Jahren geschaffen, und

seine Schüler haben sie oft wiederholt. Aber wiederum malte der

greise Meister in der Neugestaltung ein von jugendlicher Kraft der

Empfindung erfülltes bezauberndes Bild. Venus, deren weiche Haut

in einem leuchtenden Goldton schimmert, sitzt auf einer mit ihren

abgelegten Gewändern bedeckten Erhöhung und umschlingt mit einem

wunderbaren Ausdruck von Angst und Liebe im Gesicht den von ihrer

Seite aufgesprungenen Adonis. „Mit zähen Armen angeschmiegt,“ wird die

biegsame Gestalt von dem wegeilenden Jüngling mit herumgezogen, der

es eilig hat, mit seinen beutelustig schnuppernden Doggen, denen ein

gefleckter Spürhund zugesellt ist, in den nahen Bergwald zu kommen.

Denn schon zu lange hat der Jäger in den Armen der Liebe verweilt; die

Strahlen des Sonnengottes blitzen durch das sommerliche Gewölk des

dunkelblauen Himmels, der schwül über der braungrünen Landschaft liegt;

und Amor ist im Schatten einer dichten Baumgruppe eingeschlafen. Nur

einen Augenblick hemmt Adonis, dessen bräunlichen Körper ein kurzer

hellroter Chiton bedeckt, noch seinen Schritt; seine linke Faust

greift in die um seinen Oberarm geschlungene Koppelleine der starken

gelben Hatzhunde, die ungeduldig vorwärts drängen; mit der Rechten den

gefiederten Wurfspeer fest umfassend, hat er für die Geliebte nichts

mehr, als einen lächelnden, übermütigen, sorglosen Blick, den er in

ihre Augen wirft (Abb. 95).

Gegen diese wundervollen Gemälde, die dem „Bacchusfest“ und dem

„Venusopfer“ kaum nachstehen, fallen die in dem nämlichen Museum

befindlichen Bilder, welche Tizian zu derselben Zeit für Karl V. gemalt

hat, merkwürdig ab.

Am 31. Mai 1553 hatte der Kaiser von Brüssel aus an seinen Gesandten in

Venedig folgenden Brief geschrieben:

„Hier hat man gesagt, Tizian wäre gestorben, und obgleich das später

nicht bestätigt worden ist und daher wohl nicht so sein wird, so

gebt Uns doch Nachricht über die Wahrheit, und ob er gewisse Bilder

vollendet hat, die er zu machen übernahm, als er von Augsburg abreiste,

oder wie weit er damit ist.“

[Illustration: Abb. 104. +Der heilige Dominikus.+ In der Galerie

Borghese zu Rom.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E., Paris und New York.)]

Darauf lautete die Antwort des Gesandten Vargas vom 30. Juni:

„Tizian lebt und befindet sich wohl und ist nicht wenig erfreut, zu

wissen, daß Eure Majestät sich um ihn Sorge machen; er hatte mir früher

von dem Bilde der Dreieinigkeit gesprochen, ich habe ihn gemahnt, und

so arbeitet er eifrig daran und sagt, daß er es im Laufe des September

fertig bringen wird. Ich habe es gesehen, und es scheint mir, daß es

ein seiner würdiges Werk sein wird, wie ein Bild es ist, das er schon

fertig hat für die Durchlauchtigste Königin Maria, mit der Erscheinung

im Garten vor Magdelena. Von dem anderen Gemälde sagt er, es sei ein

Bild Unserer Lieben Frau, als Gegenstück zu dem ~Ecce Homo~, das

Eure Majestät besitzen, und er könne, da ihm das Größenmaß nicht, wie

versprochen, geschickt worden sei, es nicht machen, bis er diese für

die Ausführung nötige Angabe bekäme.“

Tizian · 第 9 / 12 段