Ein sehr schönes Altargemälde, dessen Entstehung in eben diese Zeit

gesetzt wird, befindet sich im Dom zu Verona. Mariä Himmelfahrt ist

darauf dargestellt, nicht in einer so machtvollen Komposition, wie

diejenige des inhaltsgleichen größeren Gemäldes in Venedig ist,

aber mit großer Innigkeit und hoher Farbenpoesie. Die Gruppe der am

leeren Grabe versammelten Apostel steht prächtig und vollfarbig auf

blauwolkiger Luft. Maria, eingehüllt in den dunkelblauen Mantel,

schwebt von Wolken getragen, in halb sitzender, halb kniender Stellung,

auf die Erde zurückblickend und betend, vor einem lichten Goldton, der

von rosigen Cherubim umsäumt und von hellgrauem Gewölk eingeschlossen

ist.

Karl V. hatte zu Busseto ein Bildnis seiner verstorbenen Gemahlin,

Isabella von Portugal, an Tizian übergeben, um danach ein neues zu

malen. Während der Dauer des vierten Krieges zwischen dem Kaiser und

dem König von Frankreich konnte der Meister begreiflicherweise kein

Gemälde an den Kaiser gelangen lassen. Aber gleich nach der Beendigung

des Feldzuges durch den Frieden von Crespy, im Herbst 1544, schickte er

zwei Bildnisse der Kaiserin an Karl V., mit einem Begleitschreiben, in

dem er sich mit seinem Alter und der Weite des Weges entschuldigt, daß

er sie nicht persönlich überbringe. Von diesen Bildern, die der Kaiser

sehr hoch schätzte und die er nach seiner Abdankung mit sich nach S.

Yuste nahm, ist eines vermutlich bei dem Brande des Königsschlosses

zu Madrid untergegangen, das andere befindet sich im Pradomuseum. Bei

seinem Anblick denkt man nicht, daß es nicht nach dem Leben gemalt

ist, und nur eine gewisse Steifheit der Zeichnung erinnert daran, daß

ihm ein Gemälde flandrischen Ursprungs zu Grunde gelegen hat. Tizians

Farbenreiz hat die Erscheinung der Kaiserin neu beseelt. Donna Isabel,

mit sehr ernstem Ausdruck in dem jugendlichen Gesicht, sitzt in einem

juwelengeschmückten Anzug von prächtigen roten Stoffen vor einem

Brokatvorhang, an einem Fenster, durch das man auf Wald und Berge sieht.

[Illustration: Abb. 89. +Tizians Selbstbildnis.+ Im königl. Museum

zu Berlin.

(Nach einer Originalphotographie von Franz Hanfstängl in München.)]

Im Jahre 1545 malte Tizian den Herzog Guidobaldo II. von Urbino und

dessen Gemahlin. Das Fürstenpaar residierte zu Pesaro, und ihr Hof

bildete einen Sammelpunkt bedeutender Männer der Politik und der

Litteratur. In diesem gewählten Kreise spielte Tizian damals eine

große Rolle. Er malte dort eine ganze Menge von Bildnissen, von denen

leider nur die schriftliche Kunde erhalten ist. Vielleicht gehört zu

den Bildern aus Pesaro das in der Gemäldegalerie zu Kassel befindliche

prächtige Bildnis eines fürstlichen Herrn in ganzer Figur, von dem

man nicht weiß, wer es ist. Man sollte an den Herzog Guidobald

selbst denken, wenn nicht etwa beglaubigte Bildnisse dieses Fürsten

vorhanden sind, die der Annahme widersprechen. Der in dem Kasseler

Gemälde Abgebildete ist eine nicht große, aber stolze Erscheinung.

Das lebhafte und selbstbewußte Gesicht ist von einem dichten braunen

Vollbart umgeben. Seine Kopfbedeckung ist ein reichgestickter roter

Herzogshut mit roter Straußenfeder. Der ganze Anzug ist rot mit

Goldverzierungen; das Wams hat statt der Ärmel nur kurze, in Streifen

geteilte Achselstücke nach dem Muster römischer Imperatorenrüstungen

und läßt an den Armen das graue Eisengeflecht der unter dem Wams

getragenen Panzerjacke frei. So steht der Fürst als Kriegsmann da,

mit Schwert und Dolch umgürtet, den Speer in der feinen, aber fest

zufassenden Hand. Der zu dem Kriegsanzuge gehörige Helm steht neben ihm

auf einer Erderhöhung; er ist mit rotem Leder überzogen, das in seiner

Farbe und seinen Goldverzierungen demjenigen des Wamses ganz gleich

ist, und trägt über einem Helmschmuck in Drachengestalt einen roten,

wiederum mit Gold verzierten Federbusch. Aber daß der hohe Herr nicht

immer an Kriegsthaten denkt, läßt er den Beschauer auch wissen. Auf

dem blumigen Rasenteppich hat sich der Liebesgott herangeschlichen;

der blickt schalkhaft zu ihm auf und schiebt den Helm beiseite. Und

neben dem Kampf und der Liebe erfreut ihn das edle Weidwerk. Ein weißer

Jagdhund mit gelben Abzeichen streicht sich zuthunlich an ihm. Mit dem

mag er gern das buschige grüne Gelände durchstreifen, das sich bis zu

fernen Bergen hinzieht, deren duftige Töne in der leichtbewölkten Luft

verschwimmen (Abb. 75). Die Ausführung dieses Gemäldes ist etwas ganz

Kostbares; sie veranschaulicht vortrefflich die spielende Leichtigkeit,

mit der der Meister sein Handwerkszeug nach fünfzigjähriger Praxis

beherrschte, während er in seiner Jugendzeit sich eines geduldigen

Durcharbeitens befleißigt hatte, das den Strich des Pinsels nirgendwo

sichtbar werden ließ. Wenn man hier die Landschaft, die so wunderbar

reizvoll wirkt, in der Nähe ansieht, so wird man an die Anekdote

erinnert, daß ein kaiserlicher Gesandter einmal mit Staunen zusah,

wie Tizian einen Pinsel von dem Umfange eines Besens handhabte. Die

Figur und alles andere im Vordergrunde ist mit einer entsprechenden

Leichtigkeit behandelt und dabei doch aufs wunderbarste durchgebildet,

bis zu den Blümchen im Grase hin, und mit einer Kennzeichnung der

Eigenart der natürlichen Oberfläche eines jeden Dinges, wie sie so

vollkommen kaum jemand anders erreicht hat; das weiße Fell des Hundes

zum Beispiel ist ein technisches Meisterstück, das die Geschicklichkeit

der größten Tiermaler in Schatten stellt.

Denselben Reiz einer duftigen Landschaft in Grün und Blau, dieselbe

Formvollendung in der Durchbildung eines Kinderkörpers, die nämliche

Feinheit in der Farbigkeit des Ganzen und eine Verbildlichung des

gleichen Gedankens, daß die Liebe den Starken besiegt, zeigte

dem Beschauer der in London im Winter 1894 auf 95 veranstalteten

Ausstellung venezianischer Kunstwerke ein dort in Privatbesitz

befindliches Rundbild, ein schnell gemaltes, aber darum erst recht

entzückend wirkendes Dekorationsstück: Amor, ein allerliebstes

nacktes Kind, mit den Bogen und scharfen Pfeilen bewaffnet, schreitet

über einen Löwen, der stöhnend unter dem Druck der leichten Füßchen

zusammenbricht (Abb. 76). Daß dieses kostbare Bild während des

damaligen Aufenthaltes Tizians in Pesaro entstanden ist, darf man mit

Sicherheit annehmen; denn es ist wohl zweifellos ein und dasselbe

mit einem Werk, über das eine Nachricht vorhanden ist. Das Porträt

des zu jenem Kreise gehörenden Schriftstellers Sperone war mit einem

Deckel versehen, den das Bild eines mit einem Löwen spielenden Kindes

schmückte.

Auch Pietro Aretino wurde im Jahre 1545 von Tizian gemalt. Er hatte

sich das Bild erbeten, um es dem Herzog von Florenz, Cosimo de’

Medici, zum Geschenk zu machen. Das treffliche Porträt, das uns von

der Person des gefürchteten Federhelden ein ungeschminktes, wenn auch

freundschaftlich aufgefaßtes Abbild gibt, wird in der Sammlung des

Pittipalastes zu Florenz aufbewahrt (Abb. 77).

[Illustration: Abb. 90. +Der Untergang des Pharao im Roten Meer.+

Kupferstich, gestochen von Domenico delle Greche i. J. 1549.]

Im Herbst 1545 folgte Tizian den wiederholt vom päpstlichen Hofe

ergangenen Einladungen und brach in Begleitung seines jüngeren

Sohnes Orazio, den er sich zum Gehilfen erzog, nach Rom auf. Der

Herzog Guidobaldo übernahm die Kosten der Reise und stellte sieben

Reiter als Begleitungsmannschaft. In Rom wurde dem Meister eine

Wohnung im Vatikanischen Palast angewiesen. Der Empfang, den er

fand, begeisterte ihn, und der Anblick der Antiken versetzte ihn in

Entzücken. Er bedauerte, wie er an Aretin schrieb, daß er nicht zwanzig

Jahre früher nach Rom gekommen wäre; aber auch jetzt noch, als ein

Achtundsechzigjähriger, hatte er die Überzeugung, daß der Aufenthalt

in dieser großartigen Kunstwelt für sein Kunstvermögen von Nutzen sei.

Allerdings war die römische Kunstweise des Tages von der venezianischen

von Grund aus verschieden. In Michelangelo und Tizian begegneten sich

die Häupter zweier Richtungen, die auf entgegengesetzten Wegen der

höchsten Schönheit zustrebten. Hier strömte eine sonnig heitere Freude

an dem Wirklichen ihre Herzenswärme in Farben aus, um das Natürliche

künstlerisch zu verklären; dort rang die formengewaltige Schaffenskraft

eines Titanengeistes mit der Natur, um sie zu übermeistern. So

wenig wie die jüngere Künstlerschar hier wie dort den beiden Großen

gleichkommen konnte, ebensowenig konnten die beiden Greise einer von

dem anderen etwas lernen wollen. Vasari begleitete eines Tages

Michelangelo in die Werkstatt Tizians im Vatikan, und er hat das Urteil

für die Nachwelt aufgezeichnet, das der alte Florentiner auf dem

Nachhausewege über den venezianischen Maler aussprach: „Dessen Farbe

und Behandlungsweise gefalle ihm sehr; aber es sei schade, daß man in

Venedig nicht zuerst ordentlich zeichnen lernte, und daß die dortigen

Maler nicht gründlicher im Studium wären; ja, wenn dieser Mann über so

viel künstlerisches Wissen und so viel Formsicherheit verfügte, wie er

natürliche Begabung besitze, besonders im Nachbilden des Lebens, so

würde niemand mehr und besseres erreichen; denn er habe eine schöne

Auffassungsgabe und eine sehr reizvolle und lebendige Malweise.“ Ebenso

wird auch umgekehrt dem Tizian Michelangelo einseitig vorgekommen sein.

Die erste Aufgabe, die ihm in Rom gestellt wurde, war ein

Gruppenbildnis von Papst Paul III. mit dem Kardinal Alessandro Farnese

und dessen jüngerem Bruder Ottavio, dem Schwiegersohn des Kaisers.

Dieses Werk blieb -- unbekannt, aus welchen Gründen -- unvollendet.

Das unfertige Gemälde befindet sich im Museum zu Neapel, als ein

Bestandteil der im Jahre 1786 dem Königshaus von Neapel zugefallenen

Farnesischen Erbschaft (Abb. 78).

Mehrere andere Porträts sowie einige religiöse Bilder, von denen

berichtet wird, sind wieder spurlos verschwunden. Erhalten aber ist ein

Meisterwerk mythologischen Inhalts, das Tizian für den Prinzen Ottavio

Farnese malte. Es befindet sich ebenfalls im Museum zu Neapel und

stellt Danae vor in dem Augenblick, wo Zeus, in einen goldenen Regen

verwandelt, sich ihr naht. Auf weißen Kissen, vor einem Hintergrund,

der sich aus dem rotseidenen Bettvorhang, einer beschatteten Wand mit

einer Säule auf dunkelgrünem Sockel, und einer duftigen Landschaft

unter wolkenlosem Himmel zusammensetzt, liegt ein junges Weib von

vollen, üppigen Formen und bebt in der Ahnung unermeßlicher Wonne dem

Gotte entgegen, der sich in verborgener Gestalt zu ihr herabsenkt;

Amor, der seine Schuldigkeit gethan hat, schleicht mit einem scheuen

Blick auf die Wolke, der der goldene Regen entströmen will, still

beiseite (Abb. 79). Es gehörte die Freiheit der Anschauungen jenes

Zeitalters dazu, einem Maler derartige Darstellungen aufzugeben.

Tizian aber hat sich der gewagten Aufgabe mit einer Unbefangenheit und

einer reinen Schönheitsfreude entledigt, als ob der Geist des alten

Griechentums in ihm wieder lebendig geworden wäre.

Ottavio Farnese bestellte auch eine „Venus“ bei Tizian, und es

unterliegt wohl kaum einem Zweifel, daß dieses Gemälde in einem durch

König Philipp IV. von Spanien aus dem Nachlaß des Königs Karl I. von

England erworbenen und jetzt im Pradomuseum befindlichen Venusbilde

wiederzuerkennen ist. Von einer Verbildlichung der Liebesgöttin ist

hier allerdings gar nicht die Rede. Es ist vielmehr das Porträt eines

jungen Weibes, das sich einem vornehmen Herren zu eigen gegeben

hat, und dieser Herr zeigt sich im Bilde, wie er die Geliebte mit

Musik unterhält, während er ihre Reize bewundert. Nur ein Tizian war

imstande, auch eine solche Aufgabe so zu erfassen, daß er daraus ein

poetisch verklärtes, durch die Zaubermacht seiner einzigen Farbenkunst

zu echtem Schönheitsadel erhobenes Werk schuf (Abb. 80). Das Venusbild

des Ottavio Farnese -- das beglaubigte Porträt Ottavios auf dem

Gruppenbild zu Neapel unterstützt die Annahme, daß dieser der hier

abgebildete Kavalier sei -- ist ein wunderbares Gemälde von höchster

Vollendung. Der helle Körper des goldblonden jungen Weibes -- ein

ziemlich derb gebauter Körper -- ruht auf einer bräunlich-purpurnen

Sammetdecke, die über weiße Kissen gebreitet ist. Ein rotpurpurner

Seidenvorhang bauscht sich in schweren Falten über dem Kopfende des

Lagers, und gleich hinter dem Lager sieht man auf die Wiesen und

die geraden Baumreihen eines regelmäßig angelegten Parks; das Grün

nimmt einen dämmerigen warmen Ton an in dem Abendlicht, das gelb

unter einem grauen Wolkenschleier hervorscheint. Auf dem Fußende des

Ruhebettes sitzt der Kavalier, in Schwarz und Dunkelgelb mit hellblauem

Unterzeug gekleidet, mit dem Ritterdegen an der Seite. Seine Finger

gleiten über die Tasten einer Orgel, und eben wendet er sich, das

Spiel unterbrechend, nach seiner Schönen um; vielleicht stört ihn das

dunkelgoldfarbige Hündchen, das zu seiner Herrin hinaufspringt. Diese

legt die Hand auf den kleinen Störer, und ihr halbes Lächeln und der

verlorene Blick scheinen zu sagen:

„Wenn die Musik der Liebe Nahrung ist,

Spielt weiter.“

[Illustration: Abb. 91. +Prinz Philipp von Österreich, nachmals König

Philipp II. von Spanien.+

Im Pradomuseum zu Madrid.]

Das Bild, das hier die Einkleidung für eine Porträtgruppe gab, war auch

geeignet, in allgemeiner Fassung an die Öffentlichkeit gebracht zu

werden. Gleich daneben hängt im Pradomuseum ein ebenfalls sehr schönes,

aber doch nicht ganz so fein durchgearbeitetes Gemälde, das jenem

ganz ähnlich ist, nur daß das junge Weib durch die Hinzufügung eines

Liebesgottes, der sich an ihre Schulter schmiegt, hier wirklich als

Venus gekennzeichnet ist, und daß der Orgelspieler zu ihren Füßen den

Eindruck eines recht unbedeutenden Jünglings macht.

Ein anderes Mal hat Tizian fast die nämliche Figur mit Weglassung des

Musikers als Venus gemalt, die auf Amors Geflüster lauscht (Abb. 81).

Dieses Bild, dessen Empfänger vermutlich der Herzog Guidobaldo war,

ist aus der urbinatischen Sammlung in die Uffiziengalerie gekommen.

Es reicht an poetischem Farbenreiz weder an das in derselben Galerie

befindliche ältere Venusbild, noch an die beiden Madrider Bilder

hinan; doch bleibt es den Nachahmungen späterer Maler, unter denen das

Dresdener Venusbild mit dem Lautenspieler die bekannteste ist, immer

noch weit überlegen, nicht allein durch die Farbe, sondern auch durch

die liebenswürdige Natürlichkeit, die alles so ungesucht erscheinen

läßt.

Tizian blieb bis zum Anfang des Sommers 1546 in Rom, wo er nach Vasaris

Zeugnis auch für den Herzog von Urbino mehrere Bildnisse malte. Den

Rückweg nach Venedig nahm er über Florenz; der Herzog Cosimo empfing

ihn, saß ihm aber nicht zum Porträt.

Von den Werken, die er nach seiner Rückkehr in diesem Jahre noch malte,

ist das Bildnis des Bandenführers Giovanni de’ Medici, des Vaters des

Herzogs Cosimo, erhalten; es befindet sich jetzt in der Uffiziengalerie

zu Florenz. Aretin, der feine politische Laufbahn als Sekretär des

Condottiere begonnen hatte, ließ das Bild als Geschenk für den Herzog

Cosimo malen; als Unterlage gab er dem Maler eine Totenmaske, die er

hatte anfertigen lassen, als Giovanni de’ Medici den Folgen einer

schweren Verwundung erlegen war.

Im Jahre 1547 vollendete Tizian ein vor fünf Jahren bestelltes

Altarbild für die Hauptkirche des Alpenstädtchens Serravalle (an der

Straße von Conigliano nach Capo di Ponte bei Belluno), das sich dort

noch befindet. Darauf ist die Mutter Gottes in den Wolken thronend, von

Engelkindern umringt, dargestellt und zu ihren Füßen die Apostel Petrus

und Andreas; zwischen diesen beiden sieht man in der Entfernung ihre

Berufung am See von Genezareth, und in dieser Nebendarstellung hat der

Meister eine römische Erinnerung verwertet, indem er Raffaels berühmte

Komposition desselben Gegenstandes frei benutzte.

Es erscheint unbegreiflich, daß Tizian zwischen der Erledigung aller

an ihn herantretenden Aufträge noch Zeit fand, Bilder zu malen, mit

denen er seine Wohnung und seine Werkstatt schmückte. Von Zeit zu

Zeit erhalten wir Nachricht, daß ein Kunstliebhaber gelegentlich ein

Gemälde von dem Meister erwarb, das er vorher nicht bestellt hatte.

So wird über ein Bild, in dem das Mahl zu Emmaus dargestellt war,

berichtet, daß ein venezianischer Patrizier es von Tizian kaufte, um

es dann dem Staate zu schenken. Dieses Gemälde ist bis gegen Ende des

vorigen Jahrhunderts im Dogenpalast aufbewahrt worden, und es wird in

einem jetzt in der Sammlung eines englischen Lords befindlichen Bilde

wiedererkannt. -- Eine in Einzelheiten abweichende, im ganzen aber sehr

ähnliche Darstellung desselben Gegenstandes befindet sich im Louvre.

Wir blicken in den säulengetragenen Vorbau des Gasthauses, der eine

weite Aussicht auf die im Abendlicht glühende Berglandschaft gewährt.

An dem mit einem feinen Tafeltuch gedeckten Tische segnet Christus das

Brot, der eine der Jünger fährt beim Erkennen des Heilandes erstaunt

zurück, der andere faltet stumm die Hände zum Gebet. Der Wirt, der in

seiner häuslichen Arbeitstracht erscheint, und ein wohlgekleideter

Diener warten auf (Abb. 82).

Gegen Ende des Jahres 1547 gab es einen großen Andrang zu Tizians Haus;

Scharen von Menschen kamen, um Bilder von ihm zu kaufen oder wenigstens

irgend ein kleines Andenken seiner Kunst zu erwerben. Denn Tizian hatte

vom Kaiser die Aufforderung erhalten, zu ihm nach Augsburg zu kommen,

wo am 1. September der Reichstag eröffnet worden war. Die Venezianer

fürchteten, ihren großen Meister zu verlieren, sei es daß der Kaiser

ihn bei sich behielte, sei es daß er den Anstrengungen der für einen

Mann seines Alters unter den damaligen Verkehrsverhältnissen doch sehr

mühevollen Reise unterliegen würde.

[Illustration: Abb. 92. +Die heilige Margareta.+ Im Pradomuseum zu

Madrid.

(Mit Genehmigung der Photographischen Gesellschaft in Berlin.)]

Für möglichste Bequemlichkeit der Reise hatte der Kaiser selbst

gesorgt, der alle Kosten derselben zahlte. So trat Tizian mitten im

Winter, Anfang Januar 1548, den Ritt über die Alpen an und gelangte

wohlbehalten nach Augsburg. In der fremdartigen Umgebung und in dem

geräuschvollen Leben, das der Reichstag in den kaiserlichen Hofhalt

brachte, arbeitete der siebzigjährige Meister alsbald mit demselben

Fleiß, als ob er sich in seiner gewohnten Werkstatt befände. Im Mai

mußte er schon an Aretin schreiben, er möge ihm durch den nächsten

kaiserlichen Boten eine in Augsburg nicht zu beschaffende Ergänzung

seines Farbenvorrats schicken.

Die erste Aufgabe, um deren willen der Kaiser den Maler hatte kommen

lassen, war, daß er ihn in der Rüstung und auf dem Streitroß male,

mit dem er im April des vorigen Jahres in die Schlacht bei Mühlberg

geritten war. Dieses große Reiterbildnis Karls V., das sich jetzt

im Pradomuseum befindet, ist eins der allerschönsten Gemälde, die

es überhaupt gibt. Es hält die Nachbarschaft der Meisterwerke des

Velazquez, die dort für den heutigen Beschauer die Werke aller

anderen großen alten Meister niederdrückt, ganz unbeschadet aus und

steht als etwas völlig Ebenbürtiges neben ihnen. Die Gemälde des

Spaniers sind von malerischer Poesie erfüllt, weil die in ihnen so

wahr wiedergegebene Natur, mit solchen Künstleraugen gesehen, selbst

poetisch ist; Tizian erreichte den Schein von Naturwahrheit mit

selbstgeschaffenen Farbenharmonien.

Die Größe der Auffassung in diesem Kaiserbilde ist einzig in ihrer Art.

Wir werden in das Morgengraun des Schlachttages versetzt. Das Grün

der Landschaft liegt in bräunlicher Dämmerung, in der Ferne zeigen

sich blaue Hügel des Elbufers. Der von Wolkenstreifen durchzogene

und von rauchartigem Dunst überflorte Himmel ist gerötet; diese

Röte hat etwas Unheimliches, man denkt unwillkürlich, daß sie den

Wiederschein von Blut bedeute. Und etwas Unheimliches, Drohendes liegt

auch in der Erscheinung des Reiters, der, von den grellen Lichtern

seiner goldverzierten Eisenrüstung umblitzt, auf seinem schwarzen,

rotgeschirrten Schlachtroß in kurzem Galopp aus dem dunklen, von der

Morgenröte durchglühten Gehölz heraussprengt und seinen Blick über

die vor ihn liegende Ebene sendet. Der Kaiser ist in voller Rüstung,

nur die gichtgequälten Beine stecken in Lederstiefeln; der von einem

schmalen roten Tuch umwundene visierlose Helm trägt einen Busch von

roten Straußenfedern; über dem Brustharnisch liegt die Kette des

Goldenen Vließes und die rote Feldbinde. Rot sind auch die sammetne

Satteldecke und die Panzerdecke, sowie der Federbusch des Rappens.

Die verschiedenen Karmintöne der verschiedenen roten Stoffe sind

durch goldene Einfassungen und goldene Besatzstreifen belebt. Das ist

alles sehr prächtig und vornehm und doch auch düster gestimmt. Das

marmorkalte Gesicht des Kaisers ist so bleich, daß es fast grünlich

auf dem roten Himmel steht. Die Blicke sind vorwärts gerichtet, wie

der Speer in der Faust. Die ganze Erscheinung des regungslos im Sattel

sitzenden Reiters macht den Eindruck eines sicheren und unaufhaltsamen,

jedem Widerstand gewachsenen Vorgehens. Das Bild ist gleichsam eine

Verbildlichung des Wahlspruches Karls V.: „~Plus ultra~ --

weiter!“ (Abb. 83).[1]

Nicht als der erfolggekrönte Sieger, sondern als der verdüsterte,

am Gelingen seiner großen Pläne zweifelnde und zur Schwermut sich

neigende Mann, der sich nach Tisch in eine Fensterecke zurückzuziehen

pflegte, um stumm den Gesprächen der anderen zuzuhören: so erscheint

Karl V. in einem andern Gemälde, das Tizian ebenfalls im Jahre 1548

zu Augsburg ausführte, und das sich jetzt in der Münchener Pinakothek

befindet. Ganz in Schwarz gekleidet, ohne irgend einen Schmuck

außer dem Abzeichen des Goldenen Vließes, sitzt der Kaiser in einem

mit karminrotem Sammet gepolsterten und mit Goldfransen verzierten

Eichenholzstuhl. Hinter seinem Rücken ist ein goldbrokatener Vorhang

ausgespannt, und den Fußboden bedeckt ein Teppich von Scharlachtuch.

Das hellgraue Steinwerk der Architektur umrahmt einen weiten Blick

in die sommerliche Landschaft, die sich unter grauem Wolkenhimmel

ausdehnt. Wenn man auch mehrfache ausgedehnte Übermalungen von späterer

Hand an dem Gemälde bemerkt, so bleibt dessen großartige Wirkung doch

ungestört (Abb. 84).

[Illustration: Abb. 93. +Prinz Philipp von Österreich, nachmals König

Philipp II. von Spanien.+

In der Pittigalerie zu Florenz.

(Nach einer Originalphotographie von Giacomo Brogi, Florenz.)]

[Illustration: Abb. 94. +Danae und der goldene Regen.+ In der

kaiserl. Gemäldegalerie zu Wien.

(Nach einer Originalphotographie von Franz Hanfstängl in München.)]

Tizian malte außer dem Kaiser noch eine ganze Menge hoher Personen in

Augsburg. Des Kaisers Bruder, der deutsche König Ferdinand, und seine

Schwester Maria, Königinwitwe von Ungarn; die zwei Söhne und fünf

Töchter des Königs Ferdinand, von denen eine mit dem Herzog Albrecht

III. von Bayern vermählt war; die beiden Töchter der verstorbenen

Schwester des Kaisers, Isabella von Dänemark, nämlich die verwitwete

Herzogin Christine und die Gemahlin des Pfalzgrafen Friedrich II.,

Dorothea; dann die Witwe des Bayernherzogs Wilhelm I., Maria Jakobine

von Baden; ferner Moritz von Sachsen, Philibert Emanuel von Savoyen

und der Herzog Alba, sowie die überwundenen Gegner des Kaisers, Johann

Friedrich von Sachsen und Philipp von Hessen: alle diese saßen ihm auf

Verlangen des Kaisers, der ihre Bilder zu besitzen wünschte. Es ist ein

Verlust nicht allein für die Kunst, sondern für die Weltgeschichte,

daß diese Bildnisse, die zuerst nach den Niederlanden und später, nach

der Abdankung Karls V., nach Spanien gebracht wurden, samt und sonders

einer Feuersbrunst zum Opfer gefallen sind.

[Illustration: Abb. 95. +Venus und Adonis.+ Im Pradomuseum zu

Madrid.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E., Paris und New York.)]

Tizian · 第 8 / 12 段